Abweichende Meinungen zum „Neuen Nahen Osten“
Dass im Nahen Osten Kriege toben, ist der moderne Zeitgenosse seit langem gewöhnt. Dass der seit Oktober 2023 dort stattfindende Krieg – irgendwie – anderer, neuer Art ist, ist ebenfalls niemandem ein Geheimnis. Und dass mit dem Beschluss der US-Weltmacht von Februar 2026, sich und den Rest der Menschheit vom nahöstlichen Hauptübel Iran zu befreien, endgültig nichts mehr ist, wie es einmal war – auch das ist Gemeingut unter aufgeweckten Menschen, spätestens beim Tanken.
Unerfreulich an derartigen Gewissheiten ist, dass die nahöstlichen Gewaltkonflikte mitsamt ihren „Auswirkungen auf uns“ dann allenfalls noch die zwei immergleichen Fragen aufwerfen:
- Wie hat „das alles“ angefangen? Mit dem Überfall der Hamas auf Israel am 7. Oktober 2023? Bei der Besetzung und Besiedlung Palästinas durch zionistische Kolonisten im letzten Jahrhundert? Beim Jahrhunderte alten Kulturbruch namens Islam?
- Und: Wo könnte die Lösung für „das alles“ liegen? In einem großen Frieden – aber zwischen wem? In einer Beseitigung aller Friedensfeinde – aber wer sind die? In der Übernahme von mehr Verantwortung durch ehrliche und potente Vermittler – aber wer könnten die sein?
Unübersehbar an diesen Fragen ist das Desinteresse daran, was „das alles“ eigentlich ist. Ebenso unübersehbar wie das Verständnis dafür, was und wer da gegeneinander steht: Dass jüdische und arabische Aktivisten von sich ausschließenden Staatsgründungsprogrammen den Menschenschlag, den sie sich jeweils als mitunter sogar göttlich beglaubigte Staatsbasis zurechnen, für ihre gewaltsame Durchsetzung benutzen und opfern – abgehakt, wenn man nur noch fragt, welche Seite dabei im Recht ist. Dass äußere Mächte darum konkurrieren, die Gewaltaffäre zu ihrer Sache zu machen, – abgehakt, wenn man nur noch wissen will, ob sie damit eine „Lösung für den Konflikt“ herbeiführen. Dass Israel unter der Losung eines von seinen Feinden bereinigten „Neuen Nahen Ostens“ die ganze Region in einen geografisch und zeitlich auf unbegrenzten Kriegszustand versetzt – abgehakt bei allen, die die Frage wälzen, ob „das“ gutgehen kann, ob sich Israel daran womöglich überhebt. Und schließlich: Dass die USA jedwede nahöstliche Gewaltaffäre auf sich beziehen und davon alle anderen betroffen machen – selbstverständlich für alle, die ungerührt danach fragen, ob Trumps Amerika damit Erfolg haben wird oder – vielleicht oder hoffentlich – daran scheitert.
Um solche Fragen geht es in unseren Artikeln nicht. Sie beantworten stattdessen die Frage, was „das alles“ ist, analysieren also
- den Charakter der nahöstlichen Hauptkriegsmacht Israel und ihren programmatischen Bedarf nach Krieg um Land und Volk;
- die Symbiose zwischen US-Imperialismus und Israels Regionalimperialismus, die es dem israelischen Staat ermöglicht, sein offensives Dauerstaatsgründungs- und regionales Vormachtprogramm erfolgreich gegen alle Mächte und Widerstände in der Region voranzutreiben;
- die amerikanisch-israelisch-iranische Erzfeindschaft mitsamt ihrer „Kern“-Frage: den antagonistischen Ansprüchen auf Verfügung bzw. Verweigerung nuklearer Autonomie;
- die Gegenprogramme arabischer Staatsgründung, die es teils zu inferioren Staatsexistenzen in der Nachbarschaft Israels, teils zu einem inzwischen perspektivlosen palästinensischen Staatsgründungsehrgeiz gebracht haben – und dabei zumindest in ihrem Rechtsbewusstsein dem israelischen Staatsgründungswahn in nichts nachstehen und auch die unter „ihren Leuten“ anfallenden Opfer entsprechend heiligen;
- den Zynismus der Einflussnahme anderer Staatsmächte, die im Namen des bedrohten jüdischen Volks oder im Namen seiner palästinensischen Opfer sehr viel anzufangen wissen mit der Gewalt, die in der Region das Leben für ihre Bewohner so unaushaltbar macht;
- schließlich den Übergang der neuen US-Administration, jedes von ihr ausgemachte Hindernis amerikanischer Machtentfaltung in der Region zur Folge ausgerechnet mangelnder Gewaltdurchsetzung der USA zu erklären und entsprechend zu handeln.
Unsere Artikel bieten also anderes als das parteiliche Herumproblematisieren an den Hässlichkeiten des Imperialismus, Abteilung Nahost, die ganz ersichtlich für die Protagonisten des Imperialismus nicht das Problem sind, sondern in der Regel als Kollateralschäden in Ordnung gehen.
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Die vier älteren Ausgaben unserer Zeitschrift, die die genannten Artikel zu den Ereignissen zwischen 2014 und dem Beginn des Krieges 2023 enthalten, sind in der Druckausgabe als Paket zum Sonderpreis von 12 Euro beim Verlag erhältlich. |