Krise in Europa

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Die Krise in Europa und ihre Schadensfälle

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Maastricht-Prozess und Krise führen zu einer durchgreifenden Bereinigung des überakkumulierten europäischen Kredits, die Spekulation an den Finanzmärkten setzt eine massive Abwertung von Pfund (s. Teil 1 England) und Peseta (s. Teil 2 Spanien) durch. Während dessen triumphiert die starke DM (s. Teil 3 Deutschland). Um in der Konkurrenz der Nationen Erfolg zu haben, ist die Masse des Reichtums, den Nationen aufzubieten haben, die entscheidende Voraussetzung. Wie sich an diesem Zirkel des Erfolgs drei europäische Nationen in der Krise abarbeiten, findet sich in den nachfolgenden Artikeln.

Die Krise in Europa und ihre Schadensfälle

Deutschland nimmt den gegenwärtigen „Konjunktureinbruch“ wie das Signal für einen wirtschaftlichen Aufbruch, der alles Bisherige in den Schatten stellt. Gewisse EG-Partner tun sich da entschieden schwerer. Für sie ist die Wirtschaftskrise, die alle kapitalistischen Nationen durchzustehen haben, bereits zur offenkundigen nationalen Niederlage geworden. Daß die Kapitalisten der ganzen Welt wieder einmal überzogen haben – mehr Ware produziert, als sich lohnend verkaufen läßt; massenhaft Geschäfte in Gang gesetzt, die nicht mehr erfolgreich zuende zu führen sind; Kredite vergeben, die nicht mehr bedient werden; Geld angehäuft, das nirgends in Kapital zu verwandeln geht; also: überakkumuliert, so daß jetzt Kapital in jeder Form entwertet wird –, das wirkt sich nämlich auf die nach wie vor national geführten Bilanzen der EG-Nachbarn unterschiedlich aus. Pleiten, Geschäftsreduzierungen, Zusammenbrüche von Krediten häufen sich in den einen Ländern mehr, in den andern weniger. Von den Geschäften, die in D-Mark laufen, platzen und stagnieren vergleichsweise weniger als von denen, die etwa mit Peseten oder Pfund Sterling angefangen haben und den Reichtum in diesen Währungen mehren wollten. Das macht den Staaten, die sich in diesen Währungen ihren Kredit nehmen, entsprechend zu schaffen.

Daß der Geschäftsgang in Europa national so unterschiedlich kriselt, liegt nicht an irgendwelchen geheimnisvollen Kräften, die der D-Mark innewohnen würden, oder einer inneren Schwäche der anderen Währungen, die sich automatisch den darin getätigten Geschäften mitteilen würde, sondern an der unterschiedlichen Masse und Durchschlagskraft der Kapitalien, die in EG-Europa grenzenlos konkurrieren, aber nach Ländergrenzen und benutzter Währung ganz ungleich verteilt sind. Die Gründe dafür wiederum liegen, allgemein gesprochen, im Ergebnis vorangegangener Konkurrenzkämpfe: Pleiten häufen sich bei den Kapitalisten, deren Kampf um Marktanteile, d.h. um die im Verkauf realisierte Rate und Masse des Gewinns schon zu Wachstumszeiten weniger erfolgreich verlief; umgekehrt umgekehrt. Weltweite Erfolge haben viele D-Mark-Kapitalisten schlagkräftig gemacht und andere Kapitalisten weniger – in deren Konkurrenz gilt ganz im Ernst das idiotische Prinzip, daß die entscheidende Erfolgsbedingung der Erfolg ist. Am Erfolg der Kapitalisten wiederum partizipiert die Währung, in der ihr Reichtum akkumuliert; sie wird darüber zum soliden Wertausdruck und stabilen Wertmaß. Dem Staat, der sie ausgibt, verschafft das einige Freiheiten, sich für die Unkosten, die er mit seiner Tätigkeit darstellt, in der eigenen Währung Kredit zu nehmen – umgekehrt umgekehrt.

Nicht zuletzt deswegen sucht jeder Staat nach Mitteln und Wegen, Kapitalisten, die bei ihm und in seiner Währung zu Hause sind, erfolgreich zu machen; was er um so besser vermag, je mehr Mittel er dafür verfügbar machen und je mehr Unkosten er seiner Wirtschaft gleichzeitig ersparen kann. Das einzige „Rezept“, das hierbei Erfolg verspricht, ist schon wieder nichts als die Masse des vom Staat zu verwendenden Reichtums – auch da regiert der Zirkel des Erfolgs, der die einzig notwendige und hinreichende Erfolgsbedingung ist. Diese Trivialität widerspricht ein wenig dem Selbstbewußtsein regierender wie regierter Nationalisten, wonach eine erfolgreiche Wirtschaftspolitik vor allem eine Frage von Sachverstand und Geschick sein soll. Wie haltlos diese Auffassung ist, zeigt jede unvoreingenommene Bestandsaufnahme: Erfolglose Politiker, ebenso wie in der Konkurrenz unterlegene Kapitalisten, haben sich nie anderer Methoden bedient als ihre erfolgreichen Kontrahenten; ihnen sind bloß früher die Mittel ausgegangen oder, was dasselbe ist, die Erfolge zu lange ausgeblieben. Im Kapitalismus müssen Geldausgaben sich lohnen – die des Kapitalisten direkt, die des Staates mittelbar über den Erfolg seiner Wirtschaft –; und ob sie das tun, stellt sich immer erst hinterher heraus – bei den Kapitalisten am Markt, deswegen heißt ihre Wirtschaft ja auch gerne so, beim Staat an seiner Verschuldungsfähigkeit, d.h. seiner Freiheit, mit Selbstgedrucktem wirklichen Reichtum zu kommandieren und sich mehren zu lassen. Ob ein Wirtschaftspolitiker vorab genügend darauf geachtet hat, daß das vom Staat verpulverte Geld sich auch lohnt, ist nie objektiv zu ermitteln: Im Erfolgsfall wird das gar nicht gefragt, im Mißerfolgsfall auch nicht, sondern angeklagt.

Der besondere deutsche Erfolgsweg besteht in dem Radikalismus, mit dem diese Nation sich dem Zirkel des Erfolgs, der Erfolg bringt, verschrieben hat. Gemeinsam mit ihren nächsten Nachbarn hat die BRD denkbar einseitig auf Größe gesetzt: auf Masse des fungierenden Reichtums als ausschlaggebendes Mittel seiner Konkurrenztüchtigkeit. So einseitig nämlich und so total, daß diese Nationen sogar sich selbst, nämlich ihre begrenzte Ausdehnung, als Schranke und ewigen Konkurrenznachteil begriffen und diese mit der Gründung und konsequenten Fortentwicklung der E(W)G bis zum Binnenmarkt außer Kraft gesetzt haben. Mit Freizügigkeit im Innern und geballter Protektion nach außen hat die EG ihren Kapitalisten – und den größten am meisten, da war wiederum Deutschland vorn! – zu durchschlagender Größenordnung und Konkurrenzmacht verholfen.

Diesem Erfolgsweg mochten die außenstehenden Nachbarn sich irgendwann nicht mehr versagen; auf sich gestellt, konnten sie sich dem Konkurrenzdruck aus dem dank seiner Größe machtvoll wachsenden zentraleuropäischen Wirtschaftsblock ohnehin nicht entziehen. Großbritannien und Spanien sind den „Weg nach Europa“ gegangen – mit extrem unterschiedlichen Voraussetzungen, Mitteln und Ambitionen. Seltsamerweise allerdings mit gar nicht so unterschiedlichem Ergebnis: Zum Erfolgsweg ist ihnen ihr Gang nicht gerade geraten; zumindest nicht im Vergleich mit Europas Zentralmacht, für die der Zirkel des Erfolge bedingenden Erfolgs bis jetzt noch nicht gestoppt ist. So tragen sie auch bis jetzt die größeren Krisenlasten; und im Sommer haben beide eine Entwertung des in ihren Währungen notierten Reichtums in bedeutender Größenordnung hinnehmen müssen. Der Grund ist in beiden Fällen der gleiche, so unterschiedlich er sich auch geltend gemacht hat und national verarbeitet worden ist; nämlich jener denkbar blöde Grundsatz, der ein wirkliches Gesetz der kapitalistischen Konkurrenz darstellt und wahrscheinlich deswegen vom prominentesten Blödmann des realen Sozialismus als tiefsinnige Lebensweisheit formuliert worden ist: Sie kamen zu spät. Die EG, zu der sie hinzustießen, hatte bereits für Kapitalgrößen und deren nationale Massierung und die Akkumulation staatlicher Freiheiten in der Kreditfrage gesorgt, denen die als Partner hinzugekommenen Konkurrenten aus Westeuropa zwar viel Interessantes hinzuzufügen, aber wenig Überlegenes entgegenzusetzen hatten. Sie waren dazu verurteilt, sich an Konkurrenzbedingungen abzuarbeiten, die sich für Kapitalisten mit deutscher Währung und für deren real existierende ideelle Gesamtheit, den zuständigen Staat, bereits seit geraumer Zeit prächtig lohnten.

Das haben sie auch wacker getan; sie haben sich daran abgearbeitet und sich daran angepaßt – statt die Gemeinschaft sich anzupassen –; jeder auf seine Weise. Auf welche Weise – das wird in den nachfolgenden Artikeln ein wenig beleuchtet. Mit welchem Erfolg – das lehrt die gegenwärtige Krise. Nach welchen kapitalistischen Gesetzmäßigkeiten und politischen Vorgaben – das ist unbedingt in dem Artikel „Gründe und Besonderheiten der gegenwärtigen Weltwirtschaftskrise“ in GegenStandpunkt 4-92, S.83 nachzulesen, weil das alles hier vorausgesetzt wird.


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