Standort Deutschland, Spiegel – Focus

Dieser Artikel ist in der Zeitschrift GegenStandpunkt 2-93 erschienen. Sie kann über den Buchhandel oder direkt beim Verlag als Druckausgabe oder E-Book erworben werden.

Standort Deutschland
Zwei Blätter für die Nation

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Sowohl dem Spiegel als auch Focus geht es bei ihrer Berichterstattung weniger darum, welche Sachen Politiker und Unternehmer machen, sondern ob diese ihre Sache gut machen. Der Durchblick, der beim Leser bereits vorhanden ist, dass vor allem Inkompetenz, Betrug, Skandale etc. zu geißeln sind, kommt auf seine Kosten – ebenso wie die beliebte Unterscheidung in gut und böse.

Standort Deutschland
Spiegel – Focus: Ein Vergleich
Zwei Blätter für die Nation

Nachrichten in ein Magazin verpacken: Das ist in einer demokratischen Öffentlichkeit keine Kleinigkeit. Wer das 40 bis 50 Jahre lang macht und erfolgreich verkauft, der wird darüber nicht bloß Nachrichtenhändler, sondern eine Instanz. Dafür nämlich, in welchem Geist Nachrichten mitgeteilt und aufgenommen gehören; was deswegen überhaupt und wie sehr eine Nachricht ist; wofür sich also jene bessere Minderheit, der das alltägliche Nachrichtenangebot nicht reicht für den allwöchentlichen Durchblick, interessieren soll. Der Spiegel hat es so zur kritischen Instanz der Bundesrepublik gebracht, zuständig für sämtliche Skandale von der „bedingt ab-wehrbereiten“ Bundeswehr des Ministers Strauß bis zur „Vetternwirtschaft“ des Ministers Möllemann. Er steht mit seiner wöchentlichen Nachrichtensammlung für einen nationalen Geisteszustand.

Seit Jahresanfang gibt es einen zweiten Wochenmarkt für Nachrichten; hauptsächlich für dieselben wie die des Spiegel. Focus will keine Informationslücken schließen, wenn es verspricht, seine Leser mit „Fakten statt Meinungen“ zu beliefern. Im Namen der Nachricht gegen Meinungsmache zu polemisieren, ist in der demokratischen Öffentlichkeit allemal gleichbedeutend mit Antikritik: Den alternativen Meinungsmachern vom Burda-Verlag paßt die Geisteshaltung nicht, die der Spiegel prägt, indem er sie bedient; ihnen stinkt das Monopol des Spiegel auf Skandalmacherei, das immer so eine regierungskritische Note hat. Bei Burda kennt man ein Publikum – „überdurchschnittlich qualifiziert ausgebildete, gut verdienende, nach eigener Einschätzung besonders an Kunst, Kultur und moderner Technik interessierte“ Zeitgenossen –, das mit einem Durchblick ohne die notorische (regierungs-)kritische Attitüde bedient werden möchte. Also wickelt Focus sein Nachrichtenangebot außer in mehr Farbe auch noch in mehr positives Denken ein und hat damit – Nachricht oder positives Denken? – mittlerweile den gewünschten Erfolg.

Spiegel und Focus zusammengenommen: Das ist sie dann ja wohl, die gehobene politische Geisteshaltung der Nation, widergespiegelt und auf den Punkt gebracht an ein und derselben Nachrichtenlage. Und widerwärtig wie die Welt, die die beiden Blätter so begeistert zu „etwas Interessantem“ verarbeiten.

Die Welt im Spiegel und im Focus: Worauf es in Deutschland ankam zwischen Mitte Februar und Ende März 1993

15. Februar 93

Das Spiegel-Titel-Thema der Woche: „Kassenfüller Autobahn“. Mit dem schlichten Hinweis: Der deutsche Staat verschafft sich Geld bei seinem Volk und behandelt seine autofahrenden Bürger als bequeme, unermüdliche Finanzquelle – damit gibt der Spiegel sich selbstverständlich nicht zufrieden. Solche Banalität wird bestenfalls kurz erwähnt, um sich dann den eigentlich spannenden Fragen zuzuwenden: Was spricht für, was gegen die aktuelle deutsche Verkehrspolitik – und vor allem, wer hat sie wann gegen wen mit welchem Grad der Inkompetenz ausgemauschelt?

Für die neuesten Bonner Vorschläge spricht: „Richtig ist: Autofahren muß teurer werden“. Denn „Autofahren ist zu billig, das ist vernünftigen Leuten längst klar.“ Ja, wenn man auf die „vernünftigen Leute“ hören würde… Aber was muß man in Bonn registrieren? Die geballte Unvernunft! In diesem Falle personifiziert im Verkehrsminister Krause: Sein Autobahn-Vignetten-Plan ist ein schlechter Witz. Er begünstigt erstens „Vielfahrer“, getreu dem Motto: Wenn einer schon bezahlt hat in der Marktwirtschaft, dann will er was fürs Geld und fährt wie ein Bekloppter die deutschen Autobahnen rauf und runter, ob er irgendwo hin will oder nicht. Zweitens kann man Krauses Schreckensvision von den „Ost-Autos, die für fünf Pfennig in Polen tanken und dann in hellen Scharen auf die deutschen Autobahnen drängen“, gar nicht ernst genug nehmen. Dann muß dieser Knallkopf von Verkehrsminister aber auch zur Kenntnis nehmen, daß sich Spiegel-Redakteure auch noch ganz andere Szenarios des Schreckens aus dem Osten ausdenken können:

„Vielleicht aber sehen die (die Ostler) wirklich so auf den Pfennig, wie Ost-Experte Krause zu wissen glaubt. Dann meiden sie die Autobahnen und zuckeln mit ihren Ladas billig über Bundesstraßen der Traumstadt Paris entgegen.“

Zeit haben sie ja genug, arbeitslos und -scheu wie sie sind, um mit billigem Polacken-Sprit auf deutschen Straßen herumzupesten und dann in Pariser Boutiquen die französische Wirtschaft anzukurbeln! Kein Wunder, daß

„Krauses dogmatische Vorstellungen zur Verkehrspolitik … selbst im Verkehrsministerium mit Skepsis bewertet werden.“

Vor allem, wenn man bedenkt, daß das, was der Mann plant, höchstwahrscheinlich technisch sowieso nicht funktioniert:

„Seine Beamten erörtern mit Privatfirmen, wie die Vignette aussehen soll, wo sie gekauft werden kann, wie die Kontrolle erfolgen kann. Ob das überhaupt funktioniert… – auf diese Fragen gibt Krause keine Antworten.“

Außer daß im Bonner Verkehrsministerium also ein inkompetenter Dogmatiker lauter falsche bis überhaupt keine Antworten auf die wichtigen Fragen der Gegenwart produziert, steht es auch sonst in diesen Februartagen in der Bundeshauptstadt nicht zum Besten:

– Der Kanzler ist muffig und gar nicht nett zu seinem Verteidigungsminister. Nach Informationen aus gut unterrichteten Kreisen soll der Rühe „handzahm und gefügig“ durch Bonn geschlichen sein.

– Die FDP ist mindestens in einer existentiellen Krise. Da treffen sich nämlich die führenden Liberalen „alljährlich zum fröhlichen Besäufnis in der Coprayer-Hof-Runde“. Und was passiert in diesem Jahr? „Nicht alle Parteifreunde fanden Genschers Scherze so gelungen wie er selber.“ Nach dieser brandaktuellen Information direkt vom Schlüsselloch der besoffenen FDP darf man als aufgeklärter Demokrat das Schlimmste über diese Partei annehmen: Die Genschmänner haben ihren guten alten Machtinstinkt verloren: „Führungslos, zerstritten und profillos, haben sie Richtung und Witterung verloren.“ Wohin soll das noch führen mit dem Sauhaufen in Bonn? Noch nicht mal mehr unsere Umfallerpartei weiß, ob und – wenn ja – wohin sie umfallen soll!

Als Blatt mit Niveau bietet der Spiegel selbstverständlich auch Erkenntnisse, die weit über das öde politische Tagesgeschehen hinausweisen. Die Spiegel-Serie „Trends 2000“ ist Mitte Februar bei Folge fünf: Der Historiker Karl Schlögel verbreitet sich auf acht Seiten über „Die stille Revolution“. Thema ist „der Umbruch im Osten Europas“, und erfreulicherweise muß man die acht Seiten nicht lesen. Denn für den gestreßten Leser gibt es eine handliche Kompakt-Zusammenfassung der erstaunlichen Erkenntnisse von

„Schlögel, 44, der sich als präziser Beobachter der Umwälzung im Osten erwies und den vertrauten Deutungen mißtraut. Er beschreibt Menschen und Gefühle, Lebensweisen und Politik im neuen Osteuropa mit tastender Vorsicht. Mit der Auflösung des Ostblocks verschwinden Grenzen, die erst in diesem Jahrhundert entstanden sind. Statt dessen bilden sich wieder Regionen, die lange vor dem Kommunismus bestanden… In den Städten herrscht die Fiebrigkeit von Basaren, wobei unklar ist, ob Verzweiflung oder Vitalität den Betrieb anheizt. Hellwach nutzen die Menschen jede Chance. Statt um ideologische Wahrheit, die früher Status und Einkommen sicherte, geht es jetzt ums Geld. Vom Gerede über das Neue Denken, mit dem Gorbatschow den Westen bezauberte, wird niemand satt. Statt der großen Politik dominieren die Erfordernisse des Lebens. Zugleich zeichnet sich eine Raub- und Bandenkultur ab, in der sich die Verlierer des Umbruchs hervortun. Die Landsknechte im ehemaligen Jugoslawien oder die Schwarzhändler in St. Petersburg: Meist halten entwurzelte Größen der ehemaligen Nomenklatura die Fäden in der Hand. Seine vorsichtige Zuversicht bezieht der Skeptiker Schlögel am Ende doch aus der Vergangenheit: Schließlich gibt es Kräfte, die das Undenkbare zuwege gebracht haben – den Zusammenbruch des Ostblocks.“

Wie alles auf der Welt scheint also auch der Umbruch im Osten positive und negative Seiten zu haben: Gut ist auf jeden Fall, wenn Grenzen neueren Datums fallen und irgendwie „ältere“ Staatsgebilde und „Regionen“ wieder entstehen. Damit die Suche nach „älteren Regionen“, deren „Wiedererstehen“ wir begrüßen, nicht uferlos wird – die Geschichte ist schließlich lang, und die Staatsgrenzen in ihr sind vielfältig und wechselnd –, gibt es dankenswerterweise einen kleinen sachdienlichen Hinweis: Das Datum „vor dem Kommunismus“ ist jedenfalls mal ein Anhaltspunkt. Schlecht ist dagegen, wenn sich in diesen neu befreiten „alten Regionen“ die neuen Regionalherren so aufführen, daß zivilisierten Mitteleuropäern nur der messerscharfe Schluß bleibt: Hier halten immer noch die Alten, die eigentlich längst verloren haben, die Fäden in der Hand. Auf der Positivliste kann vermerkt werden, daß im Osten jetzt „hellwache Menschen sich um die Erfordernisse des Lebens“ kümmern, statt sich wie früher an „ideologischer Wahrheit“ sattzufressen. Damals hat Ideologie als Ernährungsmittel offensichtlich ganz gut getaugt, obwohl man mittlerweile gemerkt hat, daß dummes Gerede keinen übermäßigen Kaloriengehalt hat. Jetzt regiert endlich wieder „das Leben“ in Gestalt des gattungsspezifischen Normal-Nahrungsmittels Geld. Schlecht ist dabei freilich, wenn die Verzweiflung des Geldverdienen-Müssens zu einer vitalen Raub- und Bandenkultur führt. Aber es gibt Hoffnung: Dieselben „Kräfte“, die haargenau diese Zustände herbeiregiert haben, sind weiter am Ruder. Und damit ist klar, der Zusammenbruch des Ostblocks ist und bleibt perfekt. Womit wir wieder am Anfang der „präzisen historischen Beobachtung“ wären: Es gibt gewisse Staatsgrenzen, deren Auflösung ein Wert an sich ist.

Verdaubar ist dieses Zeug nur für Leute, die es gewohnt sind, die Welt, genauso wie der angeblich ach so originelle Schlögel, mit der unerschütterlichen Meßlatte im Hirn: Kommunismus böse, Marktwirtschaft und Demokratie gut! zu sortieren. Dann schafft man es lässig, ein und dasselbe Phänomen einmal als positiven Beweis für die Abdankung des Kommunismus zu feiern und gleich anschließend als negatives Zeichen von Wirren zu durchschauen, die aber dank der Abdankung des Kommunismus als nur vorübergehend zu bezeichnen sind. Etwas Neues über den Zerfall des Ostblocks können Spiegel-Leser wirklich nicht erfahren. Aber dafür ist der Artikel offensichtlich auch nicht gemacht: Er ist ein aufgeblasenes Angebot an weltanschaulich Gleichgesinnte.

Was gab es sonst noch Mitte Februar? Augstein hat einen Leitartikel geschrieben. Der Mann mußte zwei Botschaften loswerden. Erstens: Genscher ist mit ihm per Du!

„Zu mir sagte er (Genscher) wörtlich: Du weißt, daß ich nicht Bundespräsident werden will…“

Zweitens: Er, Augstein, hielte Genscher zwar für einen passablen Bundespräsidenten, aber nicht, wenn der Mann sich selber vorschlägt, selbst dann nicht, wenn Genscher sich gar nicht in dem Sinne vorschlägt. Jedenfalls hat Genscher mit seiner Tour bei Augstein verschissen, und die Frage muß erlaubt sein:

„Warum keine neue Diskussion darüber, ob nicht Hans-Jochen Vogel der richtige Kandidat für das Amt des Bundespräsidenten wäre?“

Mit der Antwort auf diese bewegende Frage läßt Augstein den Leser allerdings allein, erklärt ihm aber immerhin noch, wie der Wahlspruch der freien Hamburger Arbitrage heißt: „Honesty is best policy, I try both ways.“ Und das ist erstens Englisch, zweitens ein ziemliches Bildungselement und setzt drittens Maßstäbe für einen deutschen Bundespräsidenten, der eines deutschen Untertanen wie Augstein würdig wäre.

*

Auch für Focus ist am 15. Februar die „Geldfalle Autobahn“ das herausragende Thema der Woche. Die Macher des Focus sind mit dem Versprechen angetreten, garantiert kürzere Artikel zu schreiben als der Spiegel. Und das schaffen sie auch. Höchstens halb soviel Platz wie der Spiegel brauchen sie für ihre Botschaften zur geplanten Autobahngebühr. Wir erfahren, daß der Deutsche durchschnittlich freiwillig 53 DM jährlich für die Benützung der Autobahnen bezahlen würde, Minister Krause jedoch an eine Gebühr von mehr als 300 Mark denkt. Korrekt wäre allerdings sowieso,

„daß die ökologisch unsinnige Vignette (Krause: „Nur die zweitbeste Lösung.“) abgelöst wird durch eine nutzungsabhängige Gebühr. Wer viel fährt, soll viel zahlen… Die Technik ist schon einsatzfähig.“

Und was das Schönste ist:

„Es funktioniert problemlos. Jeder Autofahrer muß eine Magnetkarte installieren, von der die Maut ferngesteuert abgebucht wird.“

Das Allerschönste kommt aber erst:

„Der Vorteil der neuen Technik: Sie eröffnet Möglichkeiten, den Verkehrsfluß über den Preis tatsächlich zu steuern: In der Rush-Hour wird es teurer, in der Nacht billiger… Konsequent wäre es nur, die Gebührenerfassung auf alle Straßen auszudehen, meint ein Krause-Mitarbeiter.“

Ist doch wunderbar: Focus gibt die positive Antwort auf alle Probleme, die der Spiegel seitenweise wälzt. Alles, was die Spiegel-Redaktion sich in Sachen Verkehrspolitik wünscht, aber wegen Unfähigkeit in Bonn für hochgradig problematisch und nicht realisierbar hält, ist längst auf dem besten Wege.

Auch was sonst noch so in Bonn los war, ist Focus zu Ohren gekommen: Zum Beispiel, daß der Kanzler muffig und gar nicht nett zu seinem Verteidigungsminister war. Nach zuverlässigen Insider-Informationen soll sich etwas Unglaubliches abgespielt haben: „Rühe läßt sich vom Kanzler nichts mehr gefallen.“ Der Mann hat sich nämlich „von seinem Vorgesetzten emanzipiert. Rühe bleibt sich treu.“ Na bravo – solche Männer braucht das Land und keine „handzahm gefügigen“ Minister.

Anlaß zur Sorge gibt es in dieser Februarwoche allerdings auch: „Bambule in Bonn“ ist geplant.

„Autonome wollen den Bundestag an der Verabschiedung des Asyl-Kompromisses hindern… Die große Asyl-Koalition sei Handlanger der ausländerfeindlichen Rechtsextremen… Der Verfassungsschutz erkennt darin ein neues Solidarisierungsthema zur Festigung des antifaschistisch verbrämten Linksextremismus.“

Und was meint Focus dazu? Selbstverständlich nichts weiter. Focus berichtet nämlich, laut Focus, „nur die Fakten“ und nichts als die Fakten, „die Meinungen hat nämlich der Leser selber“.

Auch Focus bietet seiner Leserschaft Informationen von bleibendem Wert, die aus dem Tagesgeschäft der Politik herausragen. Am 15. Februar gibt es Teil 2 der Ärztehitparade „Die 500 besten Ärzte Deutschlands“. Die Focus-Macher verstehen eben ihr Handwerk: Medizin-Themen sind immer fetzig. Da mischt sich nämlich so schön der Standpunkt der verantwortungsbewußt geteilten öffentlichen Sorge um die Qualität des hiesigen Gesundheitswesens mit dem ganz privaten Interesse an der eigenen Gesundheit und dem Unterhaltungswert der eigenen Gesundheit; ganz zu schweigen vom Bildungswert der bunten Fotos aus dem OP oder sonstiger Informationen über schwere Krankheiten und ihre Verlaufsformen oder – noch besser – über schwerkranke Berühmtheiten des öffentlichen Lebens. Warum also nicht – kurz nach Erscheinungsbeginn des Magazins als Serie – eine Art Stiftung Warentest für die deutsche Ärzteschaft? Da kann Focus beweisen, wie es für die Aufklärung des mündigen Lesers (bzw. Patienten) mit knallharten Fakten einsteht. Zum Beispiel mit der Information, daß sich Ministerpräsident Rau „in Hamburg bei seinem Freund Christian Broelsch“ an der Niere operieren ließ, oder „Geiger Helmut Zacharias, mit Wohnsitz Ancona,“ zwecks Herzklappenersatz „die Kapazität Bruno Reichart vom Klinikum Großhadern in München konsultierte“. Auch „die Gattin des österreichischen Kanzlers“ hat’s übrigens mit der Niere: „Sie reiste zur Nierentransplantation von Wien nach Hannover zu dem Spezialisten Rudolf Pichlmayr.“ Die Information, daß Boris Becker regelmäßig „aus Monaco zum Münchner Orthopäden Hans-Wilhelm Müller-Wohlfart fliegt“, ist dagegen eher matt. Das weiß eh schon jeder Bild- und Spiegelleser. Aber wenn man dann immerhin noch erfährt, daß ein gewisser Prof. Hutschenreiter in Oberhausen exakt 1350 Nierensteinzertrümmerungen durchgeführt hat und ein Privatdozent Müller aus Mainz zwar nur über eine „unterdurchschnittliche wissenschaftliche Reputation“ verfügt, sich dafür aber überdurchschnittlich oft auf Kongressen blicken läßt, dann fehlt dem „überdurchschnittlich gebildeten durchschnittlichen Focus-Leser“ für seinen geschärften Durchblick in Sachen Medizinerhandwerk eigentlich nur noch der aktuelle Buchtip: „Hartmut Porst: Was jedermann über Sexualität und Potenz wissen sollte…, 28,80 Mark“.

Und auf jeden Fall ist klargestellt: Erstens hat Deutschland jede Menge „Top-Spezialisten“, die sich topmäßig um alle erdenklichen Organe kümmern und auch vor dem Äußersten nicht zurückschrecken: Manche dieser Burschen „operieren am empfindlichsten Organ des Mannes“! Zweitens hat Focus eine Top-Serie gelandet, was man nach Chefredakteur Markwort mindestens an den „unterschiedlichen Reaktionen“ der Ärzteschaft auf die Serie sehen kann: Die einkalkulierten Klagen sind angeblich eingegangen. Womit für einen Top-Journalisten dann folgende Drohung klar ist: „Über die Erweiterung der Serie denken wir nach.

Einen Leitartikel gab es auch noch, der heißt bei Focus „Standpunkt“ und wird nicht von Augstein, sondern meist von bekannten radikalen Demokraten des öffentlichen Dienstes geschrieben. Gertrud Höhler durfte schon darlegen, daß Deutschland zwecks Bewältigung von unseliger Vergangenheit unbedingt wieder kriegsbereit sein muß. Peter Gauweiler durfte ganz unkonventionelle Theorien über den Unterschied von Links und Rechts erläutern: Links ist out und böse, „Rechts-sein bedeutet unkonventionell denken und handeln“ und „…zu wissen, daß die letzten Dinge ausgemacht sind und unbeeinflußbar.“ Also hält man am besten gleich die Schnauze und liest den Standpunkt von Rainer Eppelmann, der am 15. Februar zur Gründung der gesamtdeutschen Bürgerinitiative „Trotzt Motzki! Schalten Sie ab!“ aufruft. Strenggenommen handelt es sich bei dieser Serie mit ihren faden konstruktiven Ossi-Wessi-Witzen nämlich um einen typischen Fall von entarteter Kunst:

„Nur einige weise, hochintellektuelle Köpfe vermögen es, den schwarzen Humor der Sendung als pädagogisch wertvoll zu erkennen.“

Und damit fehlt diesem Machwerk das Wesentliche, das die wahre Kunst der Volksunterhaltung ausmacht: die Garantie, daß das blöde Volk nur an den richtigen Stellen und – vor allem – nur im richtigen Geiste lacht:

„Bei Motzki lacht Deutschland nicht miteinander, sondern übereinander und gegeneinander – und das spaltet.“

Da loben wir uns doch die volksverbindenden Ausländerwitze…

Aber, Gott sei Dank, gibt es auch immer wieder Positives über das gesamtdeutsche Volk zu berichten. Am

1. März 93

macht der Spiegel mit seiner Titelgeschichte über Kindergewalt zwar einen auf Kulturpessimismus. Focus dagegen kommt mit einem echten positiven Überraschungsknüller:

„Der sympathische Deutsche… Eine Image-Studie in 17 Ländern beweist … und die Welt mag uns doch! Das Klischee vom häßlichen Deutschen hat ausgedient. Wir wissen es nur noch nicht.“

Jetzt wissen wir es. Danke, Focus!

Doch so schön kann es nicht bleiben – Deutschland hat nun mal Probleme. Am

8. März 93

lautet das zentrale Problem der Nation: „Was wußte Engholm?“ (Spiegel-Titel) bzw. „Engholm in der Ecke“ (Focus-Titel).

Bleiben wir zuerst beim Spiegel. Eine sehr empfehlenswerte Lektüre für alle, die schon immer einmal haarklein wissen wollten: Welcher Sozi und Engholm-Spezi sich, auf welcher Autobahnraststätte, zu welchen genauen Daten mit dem „Barschel-Affären-Auslöser“ Pfeiffer oder dessen Geliebter bzw. Ex-Geliebter getroffen hat, wer (wann genau?) besagtem Pfeiffer, in wessen Auftrag (mit oder ohne Engholms Wissen?), 50.000 Mark (in einer oder in zwei Raten?) rübergeschoben hat. Kurz, eine überaus erhellende Lektüre für aufgeklärte Demokraten, denen die Frage, wieso dieser Unsinn eigentlich so eminent wichtig ist, sowieso nie in den Sinn kommt. Fragen solchen Kalibers sind eminent wichtig, weil die ganze demokratische Streit- und Skandalkultur in nichts anderem besteht. Was Politiker in ihrem Amt so alles beschließen, ist relativ uninteressant. Wahnsinnig interessant ist dagegen, ob sie als Personen würdig für ihr hohes Amt sind, also den Eindruck von persönlicher Glaubwürdigkeit und Integrität rüberbringen können. Das ist die alles entscheidende Frage. Die am wirkungsvollsten natürlich von haargenau den hartgesottenen Spiegel-Journalisten aufgeworfen wird, die selber zehnmal besser noch als jeder Normalbürger wissen und dauernd Material für die tiefe Erkenntnis liefern, daß „Politik nun mal ein schmutziges Geschäft“ ist. Aber ganz unabhängig davon, wieviel Dreck ein Politiker am Stecken hat: Wahre politische Glaubwürdigkeit zeigen Führerpersönlichkeiten mit ihrer Fähigkeit, Skandale entschlossen zu beenden:

„Warum hat Engholm den Minister nicht sofort … beurlaubt? Warum Nilius nicht sofort gefeuert… Die SPD bietet unter für sie günstigsten Umständen das früher doch nicht gewohnte Bild einer Laienspielschar…“ (Augstein)

Und wie sieht es bei der CDU/CSU-Fraktion aus? Da muß der Spiegel einen „Siegeszug der Zweitklassigkeit“ registrieren:

„Keinen Tag war Kohl von einem Zwei-Wochen-Trip aus dem fernen Osten zurück, da regierte in Bonn wieder – Kennzeichen seiner Kanzlerschaft – das Durcheinander.“

Der Spiegel-Leser kann sich also mal wieder sicher sein, daß keines der führenden Häupter der Nation soviel Durchblick hat wie er – dank seinem hervorragenden Nachrichtenmagazin.

Der mehr naturwissenschaftlich interessierte Leser kommt auch auf seine Kosten. Anläßlich der – in den letzten Wochen überdurchschnittlich offensichtlichen – Dauervergiftung von Land und Leuten durch den Hoechst-Konzern hat die Spiegel-Redaktion ihr berühmtes Archiv in Sachen Chlorchemie zu Rate gezogen. Wir erfahren, die Geschichte der Chlorchemie ist lang und ziemlich fluch- und segenmäßig. In Anbetracht des Artikel-Anlasses steht jedoch fest, mit welcher Botschaft die Trümmer aus dem Spiegel-Archiv montiert werden: Bei Chlorverbindungen – so wunderbar praktische Sachen man auch damit herstellen kann, Legosteine zum Beispiel – überwiegt eindeutig die Fluchseite. Ja schlimmer noch, die ganze Menschheit ist strenggenommen schon längst mit Chlorverbindungen verseucht und kann nur darauf hoffen, daß die Verantwortlichen aus Politik und Industrie ihre „emsige Arbeit“ an Ersatzstoffen für dieses „Teufelszeug“ fortsetzen. Das Spiegelarchiv sammelt derweil Daten über die teuflischen Eigenschaften der Chlorersatzstoffe.

Aber Chlorchemie hin, chlorverseuchte Menschheit her – die Schuldfrage der Hoechst-Vergiftungen ist durch Spiegel-Recherchen geklärt:

„Im Sicherheitsbereich des Chemiekonzerns Hoechst arbeiten offenbar auch alkoholabhängige Obdachlose.“

Spricht das jetzt doch wieder mehr für die Chlorchemie insgesamt und nur gegen die üblen Methoden der Lohndrückerei bei Hoechst? Schwer zu sagen. Aber der Spiegel bleibt dran und bringt bereits am 22. März neue erschütternde Enthüllungen über die Hoechst AG, die beweisen: Weder noch!

„Die Forschung ist zu breit gestreut und nicht effektiv genug… die wichtige Pharmasparte kommt nicht in Schwung… Anfang der achtziger Jahre rangierte Hoechst auf dem Pharmamarkt noch auf Platz eins in der Welt. Inzwischen haben ihn englische und amerikanische Konzerne überrundet… Mehr als die Hälfte aller Hoechst-Präparate ist älter als 20 Jahre… Einer der letzten Marktrenner, das Antibiotikum Claforan, kam 1980 auf den Markt. Es entstammt nicht einmal den Forschungslabors von Hoechst, sondern war von der französischen Tochterfirma Uclaf entwickelt worden… Das Antibiotikum Tarivid, eines der erfolgreichsten Präparate der Hoechster, ist ein Lizenzprodukt aus Japan.“

Was hat dieses Elendsgemälde eines angeblich aus dem letzten Loch pfeifenden Chemiegiganten mit der aktuellen Störfall-Serie bei Hoechst zu tun? Für Spiegel-Redakteure kein Problem, sie denken nämlich prinzipiell andersrum: Wenn bei Hoechst eine Unfall-Serie war, dann ist ein Rundumschlag über einen maroden „Chemie-Giganten“ fällig. Das Material findet sich dann schon: Man muß nur die gängigen Geschäftsmethoden eines Multis – ausländische Tochter-Unternehmen übernehmen Teile der Forschung und Entwicklung – entsprechend betonen, und schon ist alles klar: Die Inkompetenz herrscht leider nicht nur in Bonn, sondern auch in Hoechster Chefetagen. Kein Wunder, daß es am Main so stinkt.

Bedient, also bekräftigt und, wo sie noch nicht recht herrschen sollte, erzeugt wird so die im übrigen völlig praxisferne Geisteshaltung der umfassenden Einmischung; die Vorstellung, man könnte alles – von der Chemie bis zur Kabinettsumbildung, und zwischendurch auch noch den Wahlkampf in Frankreich und den deutschen Fußball – viel besser und erfolgreicher haben, wenn nur mehr auf die im Spiegel und bei seinen Lesern abgespeicherte nationale Erfahrung gehört würde. Nicht, daß wirkliche Einmischung daraus folgen sollte: Ideelles Mitregieren ist geboten – bis in die Hoechster Vorstandsetagen hinein.

Und gleich anschließend im Weltmaßstab: Die Serie „Trends 2000“ ist am 8. März bei Folge 8. Thema: „In jeder Sekunde drei Menschen mehr“. Die Botschaft ist damit auch schon klar: „Ein dramatischer Prozeß, der den Globus zu zerstören droht.Wo sich die bedrohliche Überbevölkerung zusammenballt, ist ebenfalls klar: auf keinen Fall in der Hamburger Spiegel-Redaktion, sondern „in Afrika und anderwärts in der Dritten Welt“. Beweis: Dort läßt die Welt, wie sie eingerichtet ist, ihren Bewohnern keine Chance; ganz anders als in unseren Breiten; also sind die Leute dort selbst schuld. Die Maßstäbe und Kriterien, nach denen absehbarerweise etliche Milliarden Hungerleider einfach „zuviel“ sind, die Maßstäbe des weltweiten kapitalistischen Geschäfts und seine Bedürfnisse und Kalkulationen nämlich, sind als so selbstverständlich unterstellt, daß man sie quasi als Naturkonstante behandeln kann und sonst gar kein weiteres Wort darüber verlieren muß. Es sei denn in unfreiwilligen Witzen folgenden Kalibers:

„Platz ist genug da in Afrika und anderwärts in der Dritten Welt. Es mangelt, wie der Bamberger Demographieprofessor Josef Schmid es formuliert, an verfügbarem und finanzierbarem Raum…“

Wenn das stimmt mit dem „genügenden Platz“, dann könnte man ja die immer wieder beliebte Fotomontage „von Menschen überquellende Weltkugel“ und die Fotos von vollgestopften südamerikanischen Innenstädten auch mal aus dem Spiegel-Archiv entfernen und sich statt dessen der Frage zuwenden: was eigentlich die Qualität eines „verfügbaren“ oder – was dasselbe zu sein scheint – „finanzierbaren“ Raumes im Unterscheid zum „genügenden Platz“ ausmacht? Und ob da eigentlich von etwas anderem die Rede ist als von der brutalen Banalität des Weltmarkts, der „Raum“ und Leute dem Kriterium des Geld-Machens unterwirft und dabei vielen Gegenden samt menschlichem Inventar nicht die geringste Chance läßt? Doch für den Spiegel samt seinem Bamberger Professor kommt es gerade darauf an, mit Metaphern wie der vom „finanzierbaren Raum“ den Hunger und dessen banalen politökonomischen Grund zum tiefsinnigen Weltproblem zu mystifizieren und dieses mit allen möglichen, frei assoziierten „Aspekten“ anzureichern – Wasserressourcen, kulturelle und religiöse Eigenarten der Asiaten, Südamerikaner und Moslems, Penicillin und Pockenschutz –, die alle das Ihre zur eigentlichen und letztgültigen Problemlage beitragen: zur Brisanz der „B-Bombe“ (auch eine schöne Wortschöpfung!). „Ein globaler Ausweg“ ist übrigens „nicht in Sicht“. Und die Studenten der Uni Bielefeld sind über diese Auskunft „immer ganz traurig“.

Aus Sport und Kultur gab es in dieser Woche auch nur eher deprimierende Nachrichten:

„Formel I: Rezession treibt Rennställe in die Pleite.“
„Eiskunstlauf: Panische Angst vor Aids“

Und dann haben sie auch noch Hella von Sinnen bei RTL ausgebootet. Alles in allem also ein ziemlicher Katastrophen-Spiegel.

*

Focus hat sich am 1. März mit „Engholm in der Ecke“ redlich Mühe gegeben, sich vom Spiegel zu unterscheiden, und zwar nicht nur im Titelbild – Engholm links, Barschel im Hintergrund rechts, beim Spiegel das Ganze umgekehrt –; auch bei diesem Thema hält die Redaktion ihr Versprechen: Focus-Leser müssen sich nicht durch lange, ermüdende Artikel quälen. Wer fünf Focus-Seiten durchgeblättert hat, ist auf dem Stand der Affäre: Die SPD hat „Genossen fürs Dubiose“ (Hauptüberschrift); „Jetzt konzentriert sich alles auf die Frage: Was wußte Björn Engholm?“ (Unterüberschrift); der ist ein „Nobel-Sozi“ (Bildunterschrift), tut „ahnungslos“ (Bildunterschrift); womit er auf jeden Fall „blauäugig uninformiert“ ist (zweite Hauptüberschrift); er ist für einen Kanzlerkandidaten also „zu weich“, das sagt auch seine interne SPD-Konkurrenz (zweite Unterüberschrift).

Einerseits eine erfrischende Kurzfassung der zentralen Botschaften, die auch dem Spiegel zu diesem Thema eingefallen waren. Andererseits fehlen einfach die vielen liebevollen Detail-Informationen, die die Lektüre des Spiegels für seine Fans so interessant machen: Welche Rolle die Eifersucht der Ex-Geliebten von Pfeiffer bei der Affäre gespielt hat; inwiefern man Strauß und Engholm vergleichen kann und dann doch wieder nicht; wie sich die Spiegel-Überschriften „Kennwort Buch und Siegel“ oder – noch spannender – „Sie sind zu postmodern“ zu der ganzen Angelegenheit verhalten? – Bei Fragen solchen Kalibers muß der Focus-Leser passen.

Was der Spiegel-Leser schon vor drei Wochen erfahren hat, ist am 8. März auch im Focus nachzulesen: Es kriselt in der FPD. „Alte und neue Rivalen lassen schon beim Aufwärmen den künftigen Parteivorsitzenden nicht aus dem Auge.“ Zwar muß man feststellen: „Kinkel führt nicht“; im Gegenteil, „er versucht, möglichst viel zu delegieren“. Aber eines muß festgehalten werden: „Doch er will sich durchboxen.“ Insofern ist also doch alles nur halb so schlimm mit der Führungskrise bei den Genschmännern!

Auch die Naturwissenschaft kommt im Focus nicht zu kurz. Das Neueste in der Rubrik „Forschung und Technik“, Abteilung Atomkraft, am 8. März: Die Franzosen haben sich im Rahmen einer – höchstwahrscheinlich höchst unprofessionellen – ukrainischen Ausschreibung mit unlauteren Mitteln den Zuschlag für die „Sanierung“ des „Katastrophenreaktors von Tschernobyl“ erschlichen. Und das, obwohl

„auch der für Reaktorsicherheit zuständige Minister Klaus Töpfer, der kürzlich in der Ukraine war, nicht glaubt, daß diese Ausschreibung der richtige Weg ist.“

Es scheint aber noch Hoffnung zu geben, daß die unbestechliche naturwissenschaftliche Vernunft siegt:

„Um allen Korruptionsvorwürfen entgegenzutreten, hat Paris inzwischen die vorschnelle Finanzzusage zurückgestellt… Beim Ideenwettbewerb konkurrieren die deutschen und französischen Firmen. Hinter den Kulissen aber hat sich das deutsche Konsortium mit französischen Firmen … darauf geeinigt, die große Gesamtsanierung aller Tschernobyl-Blöcke gemeinsam anzugehen.“

Es ist doch immer wieder schön, wenn Zeitschriften wie Focus die Geheimnisse der Atomkraft auch für naturwissenschaftliche Laien verständlich machen.

Weniger erfreulich sind dagegen auch im Focus vom 8. März die Nachrichten aus der Welt des Sports:

„Ein Frankfurter Baulöwe benutzt den einzigen Bundesligaklub im Osten für seine Geschäfte.“

Was sagt Rainer Eppelmann dazu? Man erfährt es nicht!

15. März 93

Der Spiegel packt ein heißes Eisen an: Impotenz! Die spiegelmäßige Alternative zur vergleichsweise eher faden Focus Mediziner-Serie. Klar doch, Focus bringt eine Liste mit Deutschlands besten „Spezialisten für Impotenz“ (gemeint war wohl eher „gegen“), nicht zu vergessen den schon erwähnten Buchtip „Was Sie schon immer über Sex und Potenz wissen wollten“. Aber was ist das alles im Vergleich zu einem Blatt, das solche lächerlichen Buchtips gar nicht nötig hat, weil es selber wie eine Hochglanz-Aufklärungsbroschüre daherkommt? Jede Menge Information und jede Menge Bilder: Pimmel, schlapp und steif, mit und ohne „Erectiometer“, aber immer mit Niveau und Kultur – etruskische Vasenmalerei und so. Es fehlt weder der geschichtliche Aspekt – die berühmtesten Impotenten der Weltgeschichte – noch der medizinische – die derzeit gängigsten Penisprothesen im Querschnitt –, und sozialkritisch ist das Ganze auch noch:

„Der erigierte Penis ist im Zeitalter von Leistungsdruck und Pornovideos bedroht wie nie zuvor“.

Da hilft es doch enorm, wenn der Spiegel ihm mit seiner unverwechselbaren Mischung aus banaler Geilheit und besserwisserischem Durchblick beispringt: die intimste Herzenssache und ihre Technologie.

*

Solcher schonungslosen Aufklärung setzt Focus das andere Haupt- und Generalthema der Elite entgegen: Unter der Kopfzeile, die „sechs gute Gründe, weshalb Sie jetzt Aktien kaufen sollten“, verspricht, locken auf dem Titelblatt ein paar „Rechenexempel für Normal- und Besserverdiener“ über die Frage, „Wieviel der Staat uns wirklich nimmt.“ Enorm viel, erfährt man, wer hätte das gedacht. Aber für politisch mitdenkende Menschen ist nicht das von Übel, sondern der „Wald“ von Vorschriften, den niemand „ausholzt“:

„‚Stattdessen schlittert der Staat beim Versuch, das Durcheinander zu begrenzen, von einer neuen Gesetzgebung in die nächste,‘ analysiert Courth.“

Das hätte der Spiegel kaum schärfer und treffsicherer formulieren können – er hätte nur statt dem „Staat“ die Schuldigen beim Namen genannt, die sich nicht trauen „auszuholzen“…

29. März 93

Spiegel und Focus sind sich wieder einmal einig: Das Thema der Woche in beiden Blättern heißt „Jelzin“.

Der Spiegel berichtet von „Jelzins Kampf“. In Rußland steht es nicht zum Besten:

„Armut in Moskau… Voriges Jahr erreichte die Geldentwertung 2000 Prozent, die Industrieproduktion sank um ein Drittel.“

Warum die allseits begrüßte Kapitulation der Sowjetmacht zu solchen Verhältnissen geführt hat, ist keine Frage, sondern für den Spiegel längst völlig klar: Hier herrschen immer noch – oder schon wieder – die alten Mächte des Bösen. Womit klar ist, daß die Lage in Rußland keiner weiteren Klärung bedarf, sondern es immer nur um die Frage gehen kann: Wo sitzen in Rußland die Guten (unsere Hoffnungsträger!), wo die Bösen (Kommunisten/Nationalisten!). Nachdem das alles sowieso zu den unumstößlichen Grundwahrheiten eines aufgeklärten Journalisten gehört, kann der Spiegel-Artikel losgehen und sich der spannenden Frage zuwenden: Schaffen es die Guten? Wer der Haupt-Gute ist, das ist im März 93 so klar, daß schon im Vorspann kein Zweifel bleibt:

„Präsident Boris Jelzin, Bollwerk wider die Rückkehr des Kommunismus, suchte den Befreiungsschlag.“

Wird er es also schaffen, der gute Boris, oder nicht? Die sorgfältigen Recherchen des Spiegel lassen Hoffnung aufkommen:

„Mitten auf dem Bahndamm versagte sein Lastwagen. Statt rauszuspringen und wegzulaufen, entkam er allein mit Hilfe der Zündung um Haaresbreite dem heranbrausenden Zug – so einer war der junge Bauingenieur Boris Jelzin, und er blieb bei der Hauruck-Methode in Momenten der Gefahr: ein Sohn Rußlands, das sich allemal seiner wahren Kraft erst in der Niederlage besinnt.“

Einmal abgesehen von dem rassistischen Quatsch über Rußland und den Russen im allgemeinen, den der Spiegel hier verbreitet: Wie würde die spiegelmäßige Verarbeitung dieser niedlichen Anekdote – die der Spiegel-Korrespondent höchstwahrscheinlich nur mit größter Mühe Jelzins Pressesprecher entlocken konnte – wohl aussehen, wenn der Spiegel sich dazu entschlossen hätte, Jelzin als dubiose Gestalt zu charakterisieren? Wahrscheinlich ungefähr so: „Einer, der schon immer meinte, im Hauruck-Verfahren alle Probleme lösen zu können. Ein Verfahren, das vielleicht für liegengebliebene LKWs taugt, nicht aber für die komplizierten Prozesse einer jungen Marktwirtschaft und Demokratie. Dieser Mann mit seiner typisch russischen Mentalität wird für den rational denkenden und handelnden Mitteleuropäer immer ein kaum berechenbarer Unsicherheitsfaktor bleiben. Ja es muß sogar damit gerechnet werden, daß Jelzin selber den kaum begonnenen Demokratisierungsprozeß in Rußland brutal stoppt und sich zum neuen Kreml-Zaren ausruft. Eine Regierungsform, die durch die 70jährige Diktatur der Kommunisten in diesem Lande nie abgelöst, sondern unter dem Zeichen von Hammer und Sichel fortgesetzt wurde.“

Ja, so ungefähr könnte der Spiegel schreiben, wenn er sich nicht dazu entschlossen hätte, Jelzin als „unseren Mann“ und eben nicht als Gefahr darzustellen. Mit dem Material, aus dem Spiegel-Redakteure ihre Artikel zusammenmontieren, haben solche Entscheidungen sowieso nichts zu tun. Welche Botschaft rübergebracht werden soll, steht vor der Sichtung des Materials fest. Im Falle Jelzin weiß der Spiegel (wieder Stand Ende März 93) das Entscheidende: „Jelzin … hat die Sympathie des Westens.“ Und das genügt allemal für folgende hoffnungsfrohe Botschaft, mit der der Spiegel seinen Artikel enden läßt, nachdem er ihn auf den Gleisen eines „jungen Bauingenieurs“ hatte beginnen lassen:

„Er (Jelzin) zeigt jene Entschlossenheit mit einer Prise Brutalität, die Russen bei Regierenden schätzen und die sie so lange hatten vermissen müssen. Dieser Zar weiß eben, was auf den Gleisen not tut, wenn der Zug und mit ihm die Katastrophe naht.“

Und jetzt soll bloß keiner fragen, seit wann der Spiegel plötzlich der Auffassung ist, daß die Russen während des verflossenen Sozialismus unter einem Mangel an Regierungs-Brutalität gelitten haben.

Zwischen der Episode vom „jungen Bauingenieur“ und den hoffnungsvollen Schlußbemerkungen enthält der Artikel selbstverständlich noch jede Menge aufschlußreicher Informationen: Jelzin hat, bevor er seine Fernsehrede gehalten hat, nicht nur „einen Abstecher zum Frisör“ gemacht;

„vor der Aufnahme wurde dreimal die russische Fahne zurechtgerückt… Fast 20mal mußte die Aufnahme geschnitten werden, das Material aus verschiedenen Probeläufen geriet durcheinander: In der Endfassung war Jelzins Tisch mal leer, mal mit Notizzetteln bedeckt.“

Das macht eben den Reiz der Spiegel-Lektüre aus: Worüber auch immer dieses Blatt berichtet, der Leser wird hinter sämtliche Kulissen geführt, darf sich also einbilden, in die eigentlich wesentlichen Hintergründe des Geschehens eingeweiht zu werden. Nach dem Motto: Was Jelzin gesagt hat, spielt kaum eine Rolle, aber daß er vorher beim Frisör war, das spricht doch wohl Bände! Und daß der Fernsehfilm nicht ganz in Ordnung war, gibt Anlaß zu dem Bedenken, ob unser Mann in Moskau nicht eine professionelle Niete ist. So hinterläßt der Artikel dann doch den wohltuenden Eindruck, daß Rußland besser fahren würde, wenn es von Hamburg aus regiert würde, wo nicht der Wodka die Urteilskraft trübt, sondern geringe Dosen Kokain den Verstand schärfen.

Zurück ins Inland: Die Lage ist nicht gut. Erstens droht der Metallindustrie ein Streik. Zweitens ist die Spitzen-Gastronomie in der Krise. Drittens sind die „fetten Jahre“ für die deutsche Oper vorbei.

Und was ist in Bonn los? Spiegelmäßig gesehen immer das Übliche: Inkompetenz und Wahnsinn hoch drei:

„Szenen aus dem Tollhaus: Die Regierung kann sich im Streit um Auslandseinsätze der Bundeswehr nur einigen, indem die FDP zum Schein vor dem Verfassungsgericht gegen die Union klagt. Kohls Minister taumeln in Moksel- und Putzfrauen-Affären, und die SPD-Opposition versinkt in Apathie. Kanzlerkandidat Björn Engholm ist selbst in Erklärungsnot, im Hintergrund lauert Gerhard Schröder auf seine Chance – Szenen aus dem Tollhaus.“

Zugegeben, es handelt sich hier um eine Zusammenfassung, die der Spiegel in seinem Inhaltsverzeichnis abgedruckt hat. Er leistet sich schon zu jeder dieser „Tollhaus-Szenen“ noch einen eigenen Artikel. Es ist bloß so, daß diese Artikel – mit all ihren liebevoll ausgebreiteten Hintergrundinformationen – dem Leser eben überhaupt nichts anderes mitteilen wollen als das, was in der Zusammenfassung schon steht: Wahnsinn in Bonn! Eine Botschaft, die langjährigen Spiegel-Lesern übrigens bestens bekannt ist – sie können sie sich nämlich seit Jahren jeden Montag in ihrem Nachrichtenmagazin abholen. Ob nun die Bundesregierung beschließt, ihre Bundeswehr endlich unbeschränkt in den Krieg ziehen zu lassen, die Steuern erhöht werden, demokratische Politiker um die Macht konkurrieren oder sich billige Putzfrauen besorgen – der Spiegel schafft es lässig, aus den disparatesten Ereignissen immer ein und dieselbe Botschaft zu zimmern: Es sieht schlecht bis katastrophal aus im Lande, weil diejenigen, die sich eigentlich geradlinig und entschlossen um den Erfolg der Nation zu kümmern hätten, bei Lichte besehen diesen Erfolg tollhausmäßig vergeigen. Man könnte Spiegel-Redakteuren natürlich leicht anhand der Nummern ihres Blattes, sagen wir mal aus den letzten 10 bis 15 Jahren, nachweisen, daß die Bonner Szene aus der Sicht des Spiegel noch nie anders aussah. Man könnte sie auch darauf aufmerksam machen, daß das nie und nimmer die Wahrheit über eine Nation sein kann, die jetzt schon zu den führenden imperialistischen Mächten gehört und auf diesem Sektor noch einiges vorhat. Auch der Nachweis fiele nicht schwer, daß der Spiegel, seit Kohl an der Macht ist, schon mindestens 20mal das Ende dieser „Regierung der Inkompetenz“ hat kommen sehen – und nie ist dieses Ende eingetreten. Als Einwand gegen ihr Gewerbe würden die Spiegel-Macher solche Hinweise garantiert nicht verstehen; dafür liegt ihnen der Fortschritt dieser Nation viel zu sehr am Herzen, als daß sie je mit dessen Machern zufrieden wären. Die Kunst, vom Standpunkt einer von deutschem Boden ausgehenden weltumfassenden Verantwortung Katastrophen-Szenarios zu entwerfen – vor 6 Jahren beispielsweise mußte sich die zunehmend aidsverseuchte westliche Welt, laut Spiegel, darauf gefaßt machen, vom aidsfreien Ostblock überrollt zu werden –, haben sie so perfektioniert, daß sie sich durch Kleinigkeiten wie das Ausbleiben des großen Unglücks nicht irre machen lassen. Die Spiegel-Macher betrachten es einfach gar nicht als ihre Aufgabe, halbwegs korrekt die Welt darzustellen. Sie begreifen sich als verantwortungsbewußte „4.Gewalt“ in einer lebendigen Demokratie, der nichts so sehr am Herzen liegt wie das Gelingen und der Erfolg aller Projekte, die dieses Gemeinwesen sich vornimmt. Sie sind so sehr Fans einer wirklich fraglos gelungenen Herrschaft, daß sie gar nicht schwarz genug sehen können hinsichtlich der Erfolgsbedingungen des nationalen Regierens – und das heißt vor allem: hinsichtlich seiner personellen Ausstattung. Denn die ist zwar keine übermäßige Erfolgsbedingung, dafür aber die einzige, die das demokratische System dem Urteil der Regierten anheimstellt. Am Personal schärft sich daher der demokratische Geist; an ihm kühlt er sein Mütchen zur Kritik; und dafür hat er im Spiegel sein potentes Organ.

Verständlich übrigens, daß diese Tour immer gerade denen nicht gefällt, an denen der Spiegel mit seiner extremistischen nationalen Anspruchshaltung gerade herumnörgelt und an deren Taten er stets den prompten Erfolg vermißt, auf den die Nation doch das Recht hat, als dessen Anwalt der Spiegel antritt; also grundsätzlich der Regierung und allen, die aus ganzem Herzen zu ihr halten. Für die stellt sich die konstruktiv-vorwärtsdrängende Unzufriedenheit des Spiegel mit der jeweils erreichten Erfolgslage als destruktiver Pessimismus dar, und sie fordern mehr geradliniges Dafürsein. Dieser Wille zum Positiven kriegt, ganz logisch in der Demokratie, in schlechten Zeiten Oberwasser; denn je mehr die Nation wirklich zu wünschen übrigläßt – für ihre wirklichen Macher wie ihre ideellen Mit-Regenten –, um so höher im Kurs steht das Recht der Herrschaft auf gute Laune beim Volk, auch und gerade beim gebildeten. „Aufbruchstimmung!“ heißt der vom Kanzler ausgegebene Tagesbefehl – und die wird sich doch wohl noch machen lassen. Der Anti-Spiegel aus München zeigt, wie.

*

Auch Focus ist Ende März der Ansicht, daß die Kontrolle über Rußland zu wünschen übrig läßt. Es gibt keine Anekdoten über junge Bauingenieure oder Meldungen über Frisörbesuche, dafür die nachdrückliche Warnung, daß man sich bei den Russen eigentlich auf niemanden verlassen kann. Daß Jelzin säuft, hatte das Blatt schon am 8. März gemeldet. Jetzt erfährt man zusätzlich, daß der Mann permanent „Wendekommunisten“ und „Regionalfürsten“ – denen auch nicht zu trauen ist – Zugeständnisse macht. Kurz: Dieses ganze Rußland ist ein „Pulverfaß“, auf das wir aufmerken müssen. Für den Fall, daß das „Reich zerfällt“, womit zu rechnen ist, hat Focus schon mal eine bunte Landkarte mit 32 Republiken und autonomen Provinzen abgedruckt. Eine kurze Auflistung, wo die wichtigsten Bodenschätze liegen, wird gleich mitgeliefert:

„Baschkirien … verfügt über Zink, Kupfer, Eisenerz“, und in „Jakutien (heute R. Sacha)… liegen 99,8% aller russischen Diamanten“.

Und wer hat bisher am meisten für Rußland gezahlt, also das größte Recht darauf, ein paar Schätze abzuholen?

„80,08 Milliarden Mark brachte Deutschland von Ende 1989 bis Oktober 1992 für GUS-Hilfsprogramme auf. Daneben nimmt sich die EG-Hilfe bescheiden aus.“

Die der übrigen Welt übrigens auch. Diese Botschaft ist unschwer einem bunten Schaubild (Marke: aufgeteilter Kuchen) zu entnehmen. Wenn also einer Grund hat, das „Pulverfaß“ im Osten – mit seinen Bodenschätzen und so weiter – verschärft im Auge zu behalten, dann doch wohl Deutschland. So explizit schreibt Focus das natürlich nicht hin – aber Focus ist ja auch bekanntlich „nur für die Fakten“ zuständig; die Meinungen verstehen sich von selbst.

Was gibt es inzwischen Neues aus Bonn?

Die von Blüm geplante Pflegeversicherung ist einfach zu teuer – für Deutschlands Unternehmer. „Einfach unsozial“ ist das Ding – das sagt auch der bekannte Sozialexperte Tyll Necker. Obwohl eine Einführung von Karenztagen im Krankheitsfall nicht zu verachten wäre. Denn „die meisten Deutschen werden montags oder freitags krank“. Wogegen die Abschaffung eines Feiertags nicht viel bringt:

„Wenn die Redakteure am Pfingstmontag eifrig schreiben, erscheint deshalb keine zusätzliche Focus-Ausgabe (Gott bewahre!). Der Verlag kassiert nicht mehr, muß aber trotzdem die Pflegebeiträge zahlen.“

Und das ist mindestens unsozial!

Außerdem soll Engholm endlich zurücktreten. In der sogenannten Schubladen-Affäre macht der nämlich „als Krisenmanager eine jämmerliche Figur“. Das hatte ja auch schon Augstein rausgekriegt. Der würde bloß nie seine Artikel plump und fett mit „Wann fällt Engholm?“ überschreiben. Nein, der Herausgeber des Spiegel hat in der gleichen Woche einen Kommentar von hohem Niveau fabriziert. Darin kommt zwar auch folgender Satz vor:

„Björn Engholm hat jedwede Führungskraft vermissen lassen, ist von Barscheleien eingeholt worden“.

Aber wie ist das Ding überschrieben? „Peanuts, nicht verdaut“ – das hat was, das sitzt!

Aus „Forschung und Technik“ hat Focus Ende März eine erfreuliche Neuigkeit:

„Die Entschärfung der Bombe“

Es handelt sich um die bereits aus dem Spiegel bekannte „B-Bombe – Bevölkerungsexplosion“. Die Focus-Experten haben nämlich nachgerechnet:

„Aus 100 Millionen Liebesakten pro Tag entstehen heute nur noch 259.000 Kinder. Vor 25 Jahren waren dabei 20 bis 30 Prozent mehr auf die Welt gekommen.“

Und was das Schönste ist: Es stimmt gar nicht, daß man den Negern mehr zu essen geben muß, damit sie ihre unverantwortliche Geburtenrate senken – es geht auch so. Was die brauchen, um sich gesundzuschrumpfen, das sind nur „Kondome, Pille und Spirale“.

„Entwicklung ist die beste Empfängnisverhütung, lautete noch in den 70er Jahren die Parole der Entwicklungspolitiker. Heute stellt sich das Bild anders dar. Auch Länder mit extremer Armut, wie etwa Bangladesch, konnten ihre durchschnittliche Kinderzahl senken… Wichtiger als ökonomischer Fortschritt ist die Verfügbarkeit von Verhütungsmitteln und Aufklärung…“

Auf die richtigen Ideen kommt es an – das spart jede Menge nutzlos verpulverte Entwicklungshilfegelder:

„Indonesien … Glocken zum Sonnenuntergang erinnern Frauen an die Einnahme der Antibabypille.“

Jedenfalls ist alles nur halb so dramatisch mit dieser „B-Bombe“, wie der Spiegel mit seinem notorischen Kulturpessimismus behauptet hat.

Man muß die Sachen nur etwas positiver sehen – und schon sind sie weniger negativ. Und genau das hatte der Burda-Verlag mit seinem Focus ja versprochen: ein Nachrichtenmagazin, das mehr die positiven Seiten des Lebens in der Vordergrund stellt.

Ob das Deutschland gerade noch gefehlt hat? Oder ob sich bloß der Kanzler, der nach Auskunft seines Pressesprechers „den Spiegel grundsätzlich nicht liest“, mal ein anständiges Nachrichtenmagazin gewünscht hat? Wahrscheinlich ist beides dasselbe. Deutschland wird seinem Kanzler eben immer ähnlicher.


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