Standort Deutschland

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Standort Deutschland
Erfolge und Drangsale der deutschen Nation

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Der Standort Deutschland ist in Gefahr und muss gesichert werden. Das ist ein Konkurrenz- und Kampfprogramm erster Güte, nach innen wie außen. Alles was sich unter dem hoheitlichen Kommando befindet, wird einer Grundsatzkritik unterzogen, ob es dem nationalen Erfolg dient oder abträglich ist.

Standort Deutschland
Erfolge und Drangsale der deutschen Nation

Ob in Frankfurt eine Chemieanlage explodiert, in Duisburg ein Stahlbetrieb dichtmacht, in Hamburg ein AKW Risse zeigt, wenn die Entlassung von 40 000 Chemiearbeitern angekündigt wird oder die Gewerkschaft in Sachsen einen Streik anzettelt – immer gibt es einen hervorragend Betroffenen: Der heißt „Standort Deutschland“. Und immer folgt daraus eines: Die „Sicherung“ dieses Standorts ist oberstes Gebot und Leitlinie aller fälligen Konsequenzen.

Wenn eine Nation sich solchermaßen als Standort betrachtet, als ein Gelände, auf dem lauter Potenzen versammelt, gleichzeitig aber gefährdet und zu schützen sind, dann ist nicht Zufriedenheit und Stolz auf die eigenen Leistungen angesagt. Vielmehr ein Konkurrenz- und Kampfprogramm erster Güte. Es geht um die Erfolge der Nation – freilich nicht im Sinne einer Erfolgsbeteiligung für die Insassen des Standorts –, ganz im Gegenteil: Das lebende Inventar erhält zusätzlich zu seiner bisherigen Zweckbestimmung den Auftrag, diese Erfolge zu „sichern“, gegen Risiken und Konkurrenten unschlagbar zu machen. Eine solche Nation kennt eine Rolle in der Welt, innerhalb von Konkurrenten und Abhängigkeiten, die sie in Anspruch nehmen will. Sie hat sich einen Aufgabenkatalog zugelegt, und für dessen Erfüllung verspricht sie, ihre Kräfte anzuspannen. D.h., alles, was sich unter ihrem hoheitlichen Kommando befindet, demgemäß zuzurichten und zum Einsatz zu bringen.

Eine solche Nation wird wegen ihrer Aufgaben selbstkritisch, bzw., was dasselbe ist, die Führung unterzieht ihre Gefolgschaft einer Grundsatzkritik. Das ehemalige „Modell Deutschland“ ist reparatur- und überholungsbedürftig, vom Kassen- bis zum Tarifvertragswesen, von der Laune des Volkskörpers bis zur Moral, die nicht nur der Jugend, sondern Leistungsträgern von der Politik bis zum Fußball abgeht.

  • Innerhalb kürzester Zeit stellen sich Kanzlerreden vom Selbstlob, wie gut es uns Deutschen doch geht, darauf um, daß die es sich zu gut haben gehen lassen. „In einem reichen Land wie diesem“ ist der Lohn als das Hemmnis der Erfolgslinie der Nation identifiziert worden, und ab sofort ist Leistung nicht mehr ihren alten Lohn wert. So eine Nation senkt in einer Frühjahrsoffensive das nationale Lohnniveau, flächendeckend und in jeder gewünschten Spezifik.
  • Eine solche Nation kann sich eines überhaupt nicht leisten: Arbeitsplätze, die nicht ihrerseits Maßstäbe setzen im internationalen Vergleich von Standorten. Diese Nation kritisiert sogar ihre Unternehmen: Die haben „Fett angesetzt“, die konjunkturelle Schönwetterlage einfach nur mitgenommen, anstatt gestern rechtzeitig die Behauptung auf dem Markt von morgen zu planen. Kapazitätsabbau, Gesundschrumpfen, Rationalisierungen sind auf einem solchen Standort nicht Geschäftspolitik, sondern nationale Pflicht. Das hat auch die Gewerkschaft längst eingesehen: „Kampf um Arbeitsplätze“ paßt nicht in die Landschaft.
  • Eine solche Nation entdeckt Schmarotzer. Die betreiben „Mißbrauch“, weil sie überflüssig gemacht worden sind und sozialstaatliche Almosen beziehen, die sich nicht drastisch genug von den nationalen Billiglöhnen unterscheiden. Sie arbeiten nicht einmal dafür. Und wenn das Kapital ihre Beschäftigung einfach nicht vorsieht, muß die Politik sich Gedanken über einen „gespaltenen Arbeitsmarkt“ machen; dann muß sie gegen den hochgelobten freien Arbeitsmarkt die Organisation eines Arbeitskräfte-Sonderangebots samt Einsatzbereichen planen. Der heutige Autobahnbau steht selbstverständlich unter „sozialen und ökologischen“ Vorzeichen.
  • Die Nation bezichtigt sich, in den letzten 40 Jahren feige gewesen zu sein. Sie will sich vor den „Gewittern der Geschichte“ herumgedrückt haben; sie hat es sich in ihrer Weltkriegsverlierernische gemütlich gemacht, den anderen Nationen die Last und Verantwortung in Sachen Ordnung aufgebürdet und in deren Schutz gewissenlos Reichtum angehäuft. Und obwohl sie die meisten Nachbarn in ganz Europa hat, will sie immer noch nicht recht einsehen, wieviel Führungsaufgaben das einem dermaßen umkreisten Deutschland aufbürdet. Dieses Deutschland hat sich 40 Jahre lange geweigert, „normal“ zu werden, wie es alle anderen Nationen von ihm – zu Recht – erwarten.
  • „Normal“, das soll heißen, zu weltweiten militärischen Unternehmungen imstande, und auf diesem Gebiet muß sich die Nation ein weiteres Versäumnis vorrechnen: Sie hat die Verantwortung gegenüber ihren Soldaten ernsthaft vernachlässigt. Die wissen nicht einmal mehr, wozu sie eigentlich ausgebildet werden, sind in Wahrheit gar nicht einsatzfähig und schließlich deswegen völlig desorientiert, weil klare Einsatzbefehle aus Bonn ausbleiben.
  • Kein Wunder, daß die Selbstkritik einer solchen verrotteten Nation schließlich auch ganz oben ankommt: Es mangelt an Führung und das heißt an Führern. Die Kriterien zu deren Prüfung werden ganz jenseits ihres Amts, dafür aber so hochnotpeinlich angelegt, daß immer neue Persönlichkeiten vor der öffentlich-rechtlichen Kontrollkommission glatt versagen. Sie vergeigen systematisch die Glaubwürdigkeit, auf die Regierende in einer Nation Anspruch haben, die sie entscheidend voranbringen wollen. Der eine hält es nicht aus, wenn herauskommt, daß er seine Rolle als unschuldiges Opfer in einem längst ersoffenen Skandal ein bißchen gespielt hat. Als ob es eine Schande wäre, zum Zwecke des Machterwerbs sich in von anderen angezettelten Intrigen einfach einzufädeln, dankt der Mann einfach ab: Engholm, kein gestandener Mann fürs Kanzleramt. Der andere läßt beim standesgemäßen Alimentiert-Werden „Stil“ vermissen. Was die Presse aufdeckt und der Regierung schadet: Krause. Die Nation hat guten Grund, sich auf die Suche nach den wenigen zu begeben, die noch Charakter haben, den „Willen zur Macht“: Schröder.
  • Neben und nach der Erledigung solcher Fälle wird die Öffentlichkeit kritisch – gegenüber ihrer Kritik: Spaltet sie selber nicht die Nation, nicht nur mit Motzki, sondern auch, indem sie Mißtrauen in die politische Klasse sät? Braucht es nicht statt der Herstellung immer neuer Skandale ein öffentliches Klima, das Optimismus produziert? Nämlich den Glauben an die Nation und ihren Auftrag statt organisierter Schwarzseherei und einer Problematisierungskunst, die jedes Stück dieser Nation, von der Hauptstadtarchitektur bis zum Familienleben miesmacht? Braucht es nicht Focus statt Spiegel, knapp, bunt, stolz auf die Nation?
  • Und überhaupt. Braucht es nicht freudige Pflichterfüllung anstelle des „Jammerns auf hohem Niveau“, wie es sich die verwöhnten, verweichlichten Deutschen angewöhnt haben? Der Kanzler kann das Gejammer der Zonis nicht mehr hören. Immer noch geben sie nicht genügend ihrem alten Staat die Schuld an der Verödung ihrer Landschaften, anstatt selber einmal mit anzufassen wie die Trümmerfrauen, als die sie gar nicht gefragt sind. Er kann erst recht nicht mehr das Gejammer in Rheinhausen hören, wo doch die Zone ein einziges groß angelegtes Rheinhausen darstellt.
  • Und wenn der Kanzler den Mißstand ausgemacht hat, daß niemand mehr mit Freude Ehrenämter in Sportvereinen übernimmt, während sein Kollege Sittenwächter von der FAZ Fahrradfahrer ohne Licht, Beamte mit Rechtschreibfehlern und Akademiker, die nicht grüßen, zum nationalen Notstand auftürmt, gibt das der nationalen Wissenschaft sehr zu denken. Auch die Soziologie wird selbst- und volk-kritisch: Hat sie nicht auf unverantwortliche Weise mit ihrem umständlichen Lob der Demokratie die „Bindungskräfte“ zerredet, die „der Staat braucht“? Wenn es doch letztlich immer schon auf das Kollektiv, pardon: die Gemeinschaft hinauslaufen sollte und das Individuum die beste Orientierung erfährt, indem es in Notlagen zusammengeschweißt und mit dem traktiert wird, was man sonst noch so an geschichtsnotorischen Leistungen von nationalen Großgruppen kennt.

So anspruchsvoll, wie die Aufgabe ausfällt, den Standort Deutschland zu sichern, so zweifelhaft erscheinen den Zuständigen mittlerweile die Qualitäten ihres Volks, und so maß- und ziellos geraten ihre Beschwerden. Derweil stellen sie es um.


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