Presse im Wahlkampf

Dieser Artikel ist in der Reihe Chronik – kein Kommentar! der Zeitschrift GegenStandpunkt 3-05 erschienen. Sie kann über den Buchhandel oder direkt beim Verlag als Druckausgabe oder E-Book erworben werden.

Bundestagswahl 2005
Was für das Zentralorgan der deutschen Arbeiterschaft im Wahlkampf ganz vorne steht. Und was das politische Revolverblatt der Besserverdienenden von all dem hält.

Bild kämpft für Sie! Der Spiegel hetzt für Sie!

Siehe auch: 
Überblick

Die Bildzeitung gibt dem Wähler eine Stimme, ihre Bild-Stimme eben. Mit seinen Worten und deshalb in der ersten Person Plural werden die Politiker angesprochen; zum Wähler, so wie ihn das Blatt sich zurecht und seiner Leserschaft vorstellig macht, als Leitbild des idealtypischen, proletarischen Wunsch- und Durchschnittswählers, hat Bild demonstratives Vertrauen. Der Spiegel geht die Sache ganz anders an: Die dortige Redaktion ist sowieso nicht gewohnt, im Namen der Wahlberechtigten im Lande oder fiktiv mit deren Stimme zu sprechen, sondern, von einem eigenen überlegenen Beobachterstandpunkt, über sie.

Bundestagswahl 2005
Was für das Zentralorgan der deutschen Arbeiterschaft im Wahlkampf ganz vorne steht. Und was das politische Revolverblatt der Besserverdienenden von all dem hält.

Bild kämpft für Sie! Der Spiegel hetzt für Sie!

Im späten Sommer tun die Parteien wieder, was sie immer tun, kurz bevor sie die wägend wartenden Bürger an die Urnen schicken: Sie läuten die heiße Phase des Wahlkampfes ein.

Ausgerechnet bei der Zeitung mit den größten Schlagzeilen ist von dieser Hitze wenig zu spüren. Sie bleibt ruhig, behält den Überblick über die größeren Zusammenhänge. Bleibt der Leuchtturm freien proletarischen Meinens, die große Arbeiterzeitung Deutschlands. Bild berichtet für sie, die arbeitenden Stände. Verliert dabei nie deren Interesse aus dem Auge. Ihr nationales natürlich, das natürlich auch viel mit ihrem sozialen „zu tun hat“. Und präsentiert von diesem festen Interessenstandpunkt auf der Titelseite, mit viel Gespür für das Bedeutsame über den Tag hinaus, was heute wichtig ist.

Montag, 15. August:

Das ist heute Die Papstbotschaft an die Jugend der Welt (exklusiv in Bild), die nach Deutschland zu einem katholischen Weltjugendtag kommen soll. Da damit ja wohl auch die Jungwähler angesprochen sein dürften, führt der Aufmacher – egal ob absichtsvoll oder nur von der Vorsehung arrangiert – sehr glücklich Aktuelles und das, was auch übermorgen noch Geltung hat, zusammen und taucht den Wochenanfang der Bild-Leser in ein – gewissermaßen – überirdisches Licht.

Der neue Benedikt

„sieht es als eine liebevolle Geste der Vorsehung an, dass in diesem Moment ein deutscher Papst in der Nachfolge des Heiligen Petrus steht.“

Das tut gut. Da will der supranationale Kirchenchef den nationalen Gemütern seiner Herkunftsnation schmeicheln. Aber ist es nicht ein bisschen viel Aufwand von der Vorsehung, nur für die zufällig hier stattfindenden Selbstfeiertage von ein paar Hunderttausend intellektuell verwahrloster, aber stark fühlender Youngsters extra einen deutschen Papst hinzumanipulieren? Ist aber Sache der Vorsehung und geht einen nichts weiter an. Aber dass die auch nationalistisch ist und die Sache nur zum Gefallen der Deutschen so gedeichselt haben soll!? Andererseits: Angesichts dessen, was die Vorsehung an Deutschland gut zu machen hat, dessen Volk und Führer sich erst vor ein paar Jahrzehnten in wichtigen Angelegenheiten so fest und vergeblich auf sie verlassen haben, ist der Trick mit dem zeitlichen Zusammentreffen von Köln und Benedikt tatsächlich nicht mehr als eine Geste.

Aber dass die deutschen Belange im Himmel weit oben auf der Agenda stehen, ist nicht die einzige Botschaft von Bild & Benedikt: Letzterer legt Wert darauf, dass die große Seelenparty nicht einfach im selbstgenügsamen, gemeinschaftlichen Irrationalismus versumpft, sondern die Zusammenkunft schon für die Pracht, Macht und Herrlichkeit seines alleinseligmachenden Vereins steht. Bei aller Freude und Geschwisterlichkeit (prima, dann braucht man auch keine Kondome zu verteilen bei der Veranstaltung!) des Treffens bleibt natürlich im Zentrum das Beten und die Feier der Sakramente. Und beide zusammen haben extrem viel übrig für die Hauptbotschaft der päpstlichen Begrüßungsadresse, die man Jung- wie Alt-, aber auch den Ungläubigen nicht oft genug sagen kann. Dass es etwas Größeres gibt als unser kleines Leben. Dass das für sich genommen der richtigen Größe entbehrt und Sinn und Orientierung erst im Jenseitigen bekommt:

„Die Freundschaft mit Christus … gibt dem Leben erst seine richtige Größe. … Wenn wir nicht auf uns zurückschauen, sondern bereit sind, für die anderen da zu sein, … dann wird das Leben größer und schöner. … Die Engel können fliegen, weil sie sich leicht nehmen. Und das können wir im Glauben auch lernen: Dass wir uns selber leichter leben, dadurch freier werden“

Also: Teil von etwas Größerem und Schönerem, als es unsere kleinlichen Erdensorgen sind, werden wir, wenn wir diese Sorgen und uns nicht mehr so schwer nehmen. Wie die Engel eben. Und die ‚Probleme‘ in Gottes Hand legen. Oder in die der Obrigkeit, was bekanntlich ohnehin von selber passiert mit den meisten von ihnen, egal, ob man sie schwer oder leicht nimmt. Aber: Die ist ja bekanntlich auch schon wieder von Gott (Römer, 13,1). Der hat es uns unter den gerade obwaltenden historischen Konstellationen auferlegt, sie, die Obrigkeit, genauer gesagt: ihre Sachwalter, zu wählen, die in ihrem Dienst, also dem des Höheren unterwegs sind. Wie sonst sollten die vielen, die „es“ können, sonst wissen, wer von ihnen uns unsere Sorgen abnehmen und uns freier machen soll. Das spielt aber gerade, man handelt da soeben vom Höheren, im Hauptartikel keine Rolle.

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Aber, so wie im Hauptartikel der Titelseite von Bild das Transzendente ins Immanente greift, so fügt sich an dessen Ende ein kurzer Bericht an, den man als Operationalisierung der benediktischen Botschaft lesen könnte und der mitten hinein führt ins streitige Wahlkämpfen: Einer der seit vielen Jahren dem Höheren verpflichtet ist, Edmund Stoiber von der Christlichen Union, begibt sich in ein Wahlduell mit dem gefallenen Erzengel Lafontaine! Will ohne Geschwisterlichkeit die Linke entlarven, die den Herrn nicht liebt, (nur alle, die den Herrn lieben, gehören zueinander!), Sozialdemagogie bekämpfen und das falsche Zeugnis wider den Reformbedarf. Will ihn mit dem Flammenschwert seiner scharfen Rede dahin hinabstoßen, wo er hingehört, und entscheidet sich dann doch, ach Gott, bloß für ein Print-Duell, weil er die teuflischen Künste von Luzifer-Lafontaine fürchtet, und die Wirrnis, die ausbrechen könnte, wenn es nichts Gedrucktes gäbe… Auch aus Nächstenliebe, nicht nur aus Feigheit, wie ihm vorgeworfen wird, will er’s so haben, um Angela, der Engelin (haben also doch ein Geschlecht!), nicht Konkurrenz zu machen.

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Daneben gibt es noch einen Kasten mit gut einem Dutzend kurzer Nachrichten, die sich im Lichte der geistlichen Handreichungen des Hauptartikels wie von selbst ordnen:

150.000 neue 1-Euro-Jobs wollen die Kommunen schaffen Ob die säumigen Mieter durch Hartz IV, die nach NDR-Informationen ihre Miete gar nicht oder verspätet zahlen, wie die Grundeigentümerverbände beklagen, davon ihre Miete bezahlen können? Oder werden sie fliegen? Wird es ihnen helfen, wenn sie sich leicht nehmen? Vier Flüchtlinge aus Marokko sind auf ihrem Weg nach Europa in einem heißen Container auf grauenhafte Weise ums Leben gekommen. Die hätten sich bestimmt über einen der 150.000 1-Euro-Jobs gefreut im sozialen Deutschland, wo es so schlecht nicht sein kann, wenn Marokkaner unter Lebensgefahr dahin wollen, auch wenn der Autozulieferer Edscha mehrere Werke schließen und 1000 der 6900 Stellen abbauen will. Damit das nicht noch mehr Arbeitgeber machen müssen – die Arbeitskosten sind bekanntlich zu hoch, weshalb ein paar mehr lebende, billige Marokkaner vielleicht so übel nicht wären –, hat der Chef der Wirtschaftsweisen, Bert Rürup, die für dieses Jahr optimale Lohnerhöhung ausgerechnet: 1,4 Prozent. Da wären die 1-Eurojobber wohl froh um so eine Erhöhung. Für die säumigen Mieter würde es wohl immer noch nicht reichen. Aber sparen müssen auch andere: BMW plant einen Mini-Rolls-Royce, ein rund 250.000 Euro teures ‚Einstiegsmodell‘ unterhalb des Rolls-Royce Phantom , der wegen seines höheren Preises z.Z. angeblich nicht so gut geht.

Als Christen, so schreibt Benedikt für Bild, gehen wir in eine große Gemeinschaft der Verantwortung, der Liebe und so auch der Freude und der Freundschaft hinein. Da wirft eine Meldung von weit her Fragen auf: Verteidigungsminister Struck rechnet damit, dass der Bundeswehreinsatz in Afghanistan gefährlicher wird. Grund: Die Bundeswehr werde in dem Land mehr Verantwortung übernehmen Sagt Benedikt nicht, dass Verantwortung zu gemeinschaftlicher Liebe, Freude und Freundschaft führt? Wieso wird es dann für die uniformierten Botschafter der deutscher Verantwortung gefährlicher in Afghanistan? Weil die dortigen moslemischen Heiden den benediktischen Zusammenhang von (deutscher) Verantwortung, Liebe und Freundschaft nicht kennen? Hoffentlich kann man die Missverständnisse ausräumen, bevor etwas Ernsthaftes passiert. Nur gut, dass die Deutschen dort sich für ihren verantwortungs- und liebevollen Freundschaftseinsatz gut bewaffnet haben!

*

So orientiert kann man sich getrost in die folgenden Seiten hineinwagen, wo Papst und Stoiber noch nachwirken und auch der Sportteil am Montag nicht mehr verwirren kann. Hat Ballack wieder nur auf sich zurückgeschaut, oder war er bereit für die anderen da zu sein, also mannschaftsdienlich zu spielen? Mit Benedikt könnte man es bewerten. Der Bild-Wahlkampf kann kommen.

Dienstag, 16. August

Auf der Titelseite kein Wahlkampf, nirgends. Nur eine gewaltige Schlagzeile mit dem Bild einer grellen Schickse, die – die Schlagzeile natürlich – auf die Wichtigkeit von Liebe, Freundschaft und wirklicher Geschwisterlichkeit verweist: „ Giulia Siegel schlug ihren Mann ins Krankenhaus!“ Die Untersuchung auf Wahlkampfbezüge im Subtext bleibt ergebnislos: Kann man sagen, dass Schröder die family values wegreformiert hat? Unklar. Einerseits macht Armut mehr Zusammenhalt nötig. Andererseits gibt’s mehr Ärger um das knappe Geld. Die Schlägerin gehört allerdings offensichtlich Kreisen an, die von Hartz IV eher nicht betroffen sind. Schwappt die Kombination aus Sozialismus und Verwahrlosung (FAS, 14.8.05, Schönbohm) aus der DDR herüber und hinein in Party-Luder-Kreise? Einerseits hält Bild das wohl einfach für unterhaltsam, wenn es den Gaffer im bürgerlichen Menschen bedient, der sich etwas drauf zugute hält, wenn er irgendwo – und sei’s nur per Schlagzeile in Bild – dabei war und Bescheid weiß, vorzüglich über die Oberklasse. Andererseits werden allgemeine Erziehungsziele verfolgt: Bei Siegels geht’s genauso zu wie bei uns Hempels. Klassenübergreifende Zwischenmenschlichkeit im Guten wie im Bösen. Kohle schützt vor Kummer nicht! Darunter weitere Unterhaltung für ältere Leser, diesmal eher positiv: Großes busenfreies Foto von Sophia Loren aus dem Jahr 1957 aus einem damaligen Playboy-Heft. Damals war noch echt, was heute ein kleines Vermögen kosten würde! Das waren Zeiten.

Der Nachrichtenkasten eher dünn. Ein stärker angefetteter Aufschrei springt ins Auge: EU-Beamte schon mit 50 in Pension. Und wir sollen bis 70 schuften! Wie zu erwarten besteht der das Ausrufezeichen stiftende Skandal nicht darin, dass wir bis 70 schuften müssen, sondern die EU-Beamten, unter bestimmten Bedingungen nur bis 50. Ließe man die bis 90 schuften, vielleicht könnten wir dann mit 47 aufhören? Das wäre doch mal eine Forderung, hinter der man sich versammeln könnte, ohne bloß neidisch zu sein. Ferner: Eichel soll härter sparen, meint die Bundesbank. Vielleicht geht es Eichel wie den vielen Arbeitnehmern in der nebenstehenden Meldung: 69 Prozent von ihnen haben laut einer Gallup-Studie innerlich gekündigt und machen Dienst nach Vorschrift.

Spart Eichel nur mehr nach Vorschrift? Weil ihn – auf Seite 2 bricht voll die Politik herein nach dem menschelnden Beginn auf der Titelseite – bald Angies Kompetenz-Team-Professor Kirchhof ablöst, der Deutschland aus dem Schuldenloch holen soll? Der soll ein Topjurist, Finanzexperte und trotzdem einer der klügsten Köpfe Deutschlands sein. Für Bild ein echter Hoffnungsträger:

Erstens hat er 1999 als Verfassungsrichter die Bundesregierung dazu verdonnert, Familien einen deutlich höheren Kinderbetreuungsfreibetrag einzuräumen. Rund 20 Milliarden Mark! Zwar sind Kinder, laut Armutsbericht der Bundesregierung für das Jahr 2004, noch immer das Armutsrisiko Nummer eins. Aber dank Kirchhof werden Kinderlose und Alleinerziehende jetzt nicht mehr bevorteilt gegenüber Familien mit Kindern. Alle werden jetzt gleich beschissen behandelt. Da bleibt also noch Raum für die Familien mit Kindern, sich an Kirchhofs Lebensmotto zu erproben: Jede Freiheit will errungen sein.

Zweitens gilt Kirchhof als Vordenker des ‚Bierdeckel-Steuerkonzepts‘ von CDU-Finanzexperte Merz. Er will die Steuer radikal vereinfachen, so dass auch Angela Brutto und Netto auseinanderhalten kann. Sie findet Kirchhofs Ideen genauso brillant wie Bild. Wird jetzt endlich die einfache Steuererklärung – eine uralte Sehnsucht der deutschen Arbeiterbewegung – Wirklichkeit? Und werden jetzt aus einer einfachen Steuer ganz viel mehr Steuern? Und die Krise? Wird die durch gerechte Steuern wegregiert? Kann man tatsächlich durch Herumfingern an Prozentsätzen und Schließen von Schlupflöchern die Erfolge des Kapitals beim Aufhäufen von anlagesuchendem Reichtum ungeschehen machen, die seit geraumer Zeit seine weitere Rentierlichkeit erschweren? Fragen über Fragen. Aber: Egal wie die von der Merkel-Mannschaft zu beantworten wären. Erst einmal will sie kompetent sein, gewählt werden und durchregieren. Dann sieht man weiter. Was soll man auch sonst machen. Bild sieht das auch so: Mehr Kompetenz kann man in ein Kompetenz-Team nicht packen. … 1:0 für die Union! (Bild-Kommentar auf S.2) Das schafft Vertrauen bei der Leser- und Wählerschaft. Und darauf kommt’s zunächst einmal an.

Mittwoch, 17. August

Mit den ganz großen Buchstaben wird der lesende Arbeiter zunächst über das menschlich Naheliegendste informiert, was für die Kaufentscheidung zugunsten des Blattes offenbar wichtig ist: Die Schickse von gestern will sich jetzt scheiden lassen. Mein Mann prügelt mich seit 5 Jahren. Darüber, auch sehr fett, Prozessbericht über die – angebliche?? – Vergewaltigungstat eines TV-Moderators, der auch schon mehrere Tage geht. Heute vielversprechend: „So (!) hat Türk mich vergewaltigt.“ Wie hat er’s ganz genau gemacht? So!! Kann man genau nachlesen – auf Seite 15! Alles nicht so lustig heute. Vielleicht hilft eine sehr magere, nackte, angebliche Rennfahrerin, gerahmt mit launigem Text, so von der Art: So schnell bumst dieser Frau keiner in die Karosse. Da kommt er dann schon ins Schmunzeln, der Bild-Leser; kniet ziemlich aufreizend links auf der Seite rum; da könnte man sich auch vorstellen, dass man auch mal bisschen nachhelfen würde bei der; wie der Moderator von oben, bei der Karosse…

Apropos Karosse: Mitten in der Titelseite ein Kurzbericht mit Foto über ein neues, riesiges Geländeauto von Audi für mindestens 48 900 Euro. Auch wenn das ca. der zwei- bis dreifache Jahreslohn eines durchschnittlichen Bild-Lesers sein könnte: Die Redaktion weiß, dass die Leserschaft vielseitig interessiert ist und zu den Autos der oberen Zehntausend, zu denen sie nie gehören wird, ein ähnlich theoretisches Verhältnis pflegt wie zu den nackten Models in Bild. Die sind nun mal beide nicht für die Massen gemacht, da hilft kein Sozialneid. So kann sich Bild-Leser technisch begeistern – 350 PS – und über die Konkurrenz in der Autoindustrie informieren: Audi greift BMW und Mercedes an. Man muss ja mitreden können.

Der Nachrichtenkasten der Vorderseite gibt dafür nicht so viel her heute: Immerhin senkt Ikea die Preise… Umsatz in Deutschland erneut zweistellig gesteigert und will die Preise weiter senken. Die haben’s drauf die Skandinavier! Während bei uns … Wird dann aber wegen der Preissenkungen trotz Umsatzsteigerung nichts für Lohnerhöhungen übrig bleiben. Aber die meisten Bild-Leser arbeiten ja glücklicherweise nicht bei Ikea, haben aber einen Vorteil, wenn sie das nächste Klippan-Sofa vier Prozent billiger kriegen. So gleicht sich alles irgendwie aus.

Bemerkenswert noch zwei Nachrichten darüber, dass von gestern auf heute der, wie man immer wieder hört, ohnehin dünne Bestand christlicher Priester weltweit weiter gelichtet wurde: Linke Farc-Rebellen haben im Nordosten Kolumbiens zwei katholische Priester … erschossen. Und eine psychisch gestörte Frau hat den Gründer der Taizé-Gemeinschaft erstochen, einer frommen Bruderschaft, die sich seit Jahrzehnten vor allem und nicht ohne Erfolg der Bekämpfung des Verstandes in jugendlichen Gehirnen widmet. Man kann ihnen nur wünschen, dass ihr Glaube sich nicht bewahrheitet. Vielleicht kämen sie sonst in die Hölle.

In Sachen Wahlkampf wieder Fehlanzeige. Fast jedenfalls. Bild hat nur einen mittelkleinen Köder ausgelegt auf der Titelseite, gleich über der nackten Rennfahrerin: Merkel holt Beckstein. Seine Aufgabe – S.2. So geht das also! Wer denkt, Bild vernachlässige seine staatsbürgerlichen Bildungsaufgaben, hat sich geschnitten. Mit Giulia Siegel als Gleitmittel geht’s weiter zu Angie auf S. 2, mitten hinein ins Kompetenz-Team! Mit diesen Neun will Merkel den Kanzler schlagen. Da steigt Bild dann voll ein: Bild dir deine Meinung heißt es da und man kann nicht sagen, dass es der Redaktion ganz egal wäre, welche man sich bildet: Da werden die Team-Mitglieder mit warmen Worten volksnah vorgestellt. Der famose Prof. Kirchhof vorneweg, heute mit dem Kampfruf „mehr netto für alle!“. Warum nicht einfach mehr für alle? Das wäre undifferenziert, wahrscheinlich, und unter seinem Niveau. Es ist zu anzunehmen, dass er gegen mehr Brutto ist. Vom Staat sollen die Arbeitenden per niedrigerer Steuer was auf ihr netto drauf bekommen, dann brauchen sie nicht ihre Arbeitgeber belästigen mit Forderungen nach (Brutto-)Lohnerhöhungen. Angela findet das auch und möchte für die Ideen ihres Professors gerne gewählt werden.

Peter Müller von der Saar wird vorgestellt als einer – zuständig für Wirtschaft, Arbeit und Infrastruktur –, der tausende neuer Jobs schaffte und die Bürokratie entrümpelte und Kohlesubventionen kürzte. Wo, wie und wie viele Jobs er geschaffen haben soll – machen das sonst nicht die Arbeit-Geber? –, will Bild jetzt hier nicht so genau sagen, klingt jedenfalls nicht schlecht, wo das genau doch unser Problem ist. Haben zu dem Gerümpel, das Müller aus Bürokratenstuben geworfen hat, auch Bürokraten gehört, mit Lebenshaltungskosten und echt unschuldigen Kindlein? Und haben von den Kohlesubventionen auch ein paar Kohlearbeiter gelebt, soweit ihnen ihre Kohlekapitalisten was als Lohn davon abgegeben haben? Wie viele Tausend waren das? Wie soll man dem Kerl jetzt trauen? Dadurch, dass man hofft, von ihm nicht zum Gerümpel gezählt oder als Subventionsempfänger betrachtet zu werden? Demokratische Wähler brauchen offenbar doch auch immer wieder viel Glück, damit ihnen nicht ihr eigenes Wahlkreuz auf die Füße fällt. Seltsam: Mit ihrem Leben gehen Wahlberechtigte um wie Hasardeure. Wird schon gut gehen, wenn wir jetzt Merkels Müller wählen, hoffentlich.

Eine niedersächsische Karrieremutter soll für Familie, Soziales, Gesundheit, Rente und Pflege zuständig sein. Sie „wird um mehr Geld für die Familien kämpfen.“ Wird sie sich mit Kirchhof verbünden, der ja die Leute auch mit – s. oben – mehr netto zuschütten will? Und gegen wen wird sie eigentlich kämpfen? Wenn sie Ministerin wird, denkt man, dann bestimmt sie doch, wer Geld bekommt und wer nicht. Sagt Bild das nur, damit die künftige Herrin der Sozialknete so aussieht, als stünde sie auf derselben Seite wie die, denen sie in Zukunft Staatsgeld nach ihren Maßstäben zumessen wird? Sieht fast so aus. Und so geht das weiter über alle Team-Mitglieder, neunmal.

Drunter eines jener neuen Angie-Bilder, die die freie Presse massenhaft verbreitet, seit sie weiß, wer ihre künftige Chefin wird: Strahlend, schweinchenrosa Teint, die berühmten hängenden Mundwinkelfalten: einfach weg.

Der kurze Bericht zu den Bildern mit den kurzen Vorstellungstexten lässt kommentierende Stimmen aus dem Pro-Merkel-Lager zu Wort kommen, die sehr positiv ausfallen. Das ist zwar keine Überraschung, macht aber gute Stimmung: Der BDI-Präsident hält die Mannschaft für einen großen Wurf, ein führender CSUler: Erste Sahne.

Daneben zur Abrundung noch ein Kurzkommentar, der dem Grünen Trittin so richtig eine mitgibt: Dessen Ökosteuer ist ungefähr schuld an der Unsicherheit der Renten, daran, dass uns das Autofahren keinen Spaß mehr macht, an den unermesslichen Benzinpreisen und an der Arbeitslosigkeit: Für manche Pendler, die wenig verdienen, lohnt sich der Weg zur Arbeit nicht mehr – sie haben mehr, wenn sie arbeitslos zu Hause bleiben. Wenn sie mehr verdienten, würde es sich vielleicht lohnen, wenn sie hinführen, und ihr Benzin könnten sie auch noch bezahlen. Aber: Das geht wahrscheinlich nicht. Vielleicht, wenn ihnen Kirchhof mehr netto auszahlt …

Donnerstag, 18. August

Giulia Siegel hält die Top-Position auf der Titelseite. Ihr Mann, der einen Doktortitel führt und ein Unternehmensberater ist, legt jetzt eine intime Beichte über seine bizarre Ehe mit der Schickse von den Vortagen ab. Die Beichte ist natürlich ab sofort nicht mehr so ganz intim, aber das ist wohl der Sinn der Sache. Der Leser soll wahrscheinlich auf so Sachen wie intim und bizarr abfahren und leicht angemacht die dritte Folge nicht verpassen wollen.

Die Bild-Redaktion war offenbar wie wir alle mit Klinsis Duseltruppe gegen Holland mit auf dem Platz gestanden und berichtet konsequent in der nationalen ersten Person Plural darüber, dass wir uns über eine Packung in Holland nicht hätten beschweren dürfen – …Klinsi, du Glückspilz! Das ging ja noch mal gut für Deutschland.

Ein auffälliger Kasten am rechten Rand kündigt in Alarm-Orange an: Asteroid rast auf die Erde zu! Steht der Tag des Untergangs bevor?, und beruft sich auf US-Forscher. Er scheint noch nicht allzu nahe zu sein, was man daraus schließen kann, dass Bild sich mit dem Bericht bis Seite 14 Zeit lassen kann. So kann man vermutlich bis zum Weltuntergang Frau Siegels Affäre in Ruhe abwickeln. So leicht lässt sich Bild seine Agenda nicht durcheinander bringen. First things first, wie der Ami sagt.

Die Nachrichtenlage scheint eher konsolidiert. Die Nachricht, dass im Irak an einem Tag 63 Menschen bei Anschlägen gestorben sind – eine Erfolgsnachricht eigentlich, weil sie zeigt, dass der Irak nach seiner Züchtigung durch die Herren der Freiheit nur mehr für die Iraker gefährlich ist, von ein paar US-Soldaten wöchentlich einmal abgesehen, und nicht mehr für die amerikanische Lebensart –; diese Nachricht also bekommt inzwischen weniger Kleindruck-Zeilen – sechs, einspaltig – als die, dass Arnie in Kalifornien Sextäter lebenslang per Satellit orten lassen will – siebeneinhalb, einspaltig. Wenn die Amis sich wieder ihren wirklichen Problemen zuwenden, braucht sich auch Bild nicht unnötig über tote Iraker aufzuregen. Man ist es ja auch einfach gewöhnt inzwischen. Wer will das dauernd sehen, und zuviel davon herzumachen ist auch für die deutsch-amerikanische Freundschaft nicht so gut.

Seite zwei ist die wahre Wahlkampfseite und überrascht heute, ohne Ankündigung auf dem Titel, mit einer Gegenüberstellung der amtierenden Minister im Schröder-Kabinett mit Merkels Schatten-Ministern. Vom Standpunkt der Nation werden vergangene Erfolge und Drangsale der Regierungsleute und persönliche Kurzcharakteristiken mit Versprechungen und Vorhaben der Merkel-Mannschaft verglichen. Schön bunt mit Bildern, ohne große Hetze. Richtig was für den ordentlichen Staatsbürger im Bildleser, der sich kurz anschauen darf, zwischen wem er sich zu entscheiden hat; wem er den Job geben will, als Wähler. Dabei kann er ihnen ins Gesicht sehen, wie sie ihn anlächeln, und versuchen, herauszulesen, was das wohl für ihn heißen mag, wenn die Lächler ihre Aufgaben gut oder schlecht erledigen. Ob da was für ihn dabei herauskommt, wenn sie wie ihre künftige Chefin Merkel dem Land dienen werden. Bild und die Kandidaten sowieso tun so, als wäre das allemal dasselbe. Der Dienst an Deutschland und der an seinen Bewohnern, die als Deutsche an ihrem Standort eben als einheitliche Mannschaft auflaufen sollen. Ungefähr so wie beim Fußball, wo angeblich auch immer wir gewinnen oder verlieren, auch wenn manchen von uns die ungefragte Eingemeindung in eine Mischpoke mit Leuten wie Angela Schröder, Hundt und Schmoldt, Giulia Siegel, Benedikt und Beckenbauer ziemlich ankotzt. Zumal nach dem Spiel seltsamerweise immer nur ein Mannschaftsteil gewonnen hat und die Loser, wenn sie Glück haben, nur ein Lob für ihre deutschen Tugenden bekommen und auf ihre Chancen im nächsten Match verwiesen werden. So geht solide Basisagitation mit der nationalistischen Elementarlüge.

Freitag, 19. August

Heute ist auf der Titelseite, druckgraphisch gesprochen, der Teufel los: Sieben Zentimeter hohe Lettern in Rot, Großfoto in Seitengröße durch die Mitte der Seite. Sachlich gesprochen geht es heute aber um den irdischen Gegenspieler des sprichwörtlichen Höllenfürsten: Der Papst ist los. Will sagen, dass er Köln mit seinem Besuch beehrt, angesichts der dort versammelten Massen an jugendlich-christlichen Freizeitpilgern. Bild berichtet von einer Art geistigen Kernschmelze in der Karnevalshochburg. (Sogar Giulia Siegel wird heute gnadenlos bis auf S.8 durchgereicht!) Nationale Begeisterung der Bild-Zeitung amalgamiert mit geistlichem Taumel der frommen Jecken aus aller Welt, die den arrivierten Ex-Großinquisitor hochleben lassen. Hunderttausende junge Menschen feierten ihn wie einen Popstar. Bild achtet darauf, dass dem Gebräu nicht der nationale Hautgout abhanden und an der deutschen Inbesitznahme des Papstes niemand vorbei kommt: Deutschland feiert unseren Benedikt und: Der deutsche Papst, Benedikt XVI. ist zu Hause. Schließlich hieß es in der denkwürdigen Bild-Schlagzeile nach der Papst-Wahl, die jetzt auf einen kultigen Sticker gedruckt wurde: Wir sind Papst!.

Die tausende von jungen Tröpfen könnten einem leid tun, wenn sie nicht selbst verantwortlich wären für ihren erbarmungswürdigen Geisteszustand, den Bild so begeistert schildert. Aber sie leiden eben gar nicht daran. Im Gegenteil: Sie genießen sich selbst, ihre moralisch astreine Stellung zur Welt, ihr von Sünden und Konflikten freies Gemüt – ersteres übrigens auf Grund einer vatikanischen Garantie-Erklärung, die jedem Besucher des Festivals einen Totalablass seiner Sünden verspricht; geiler Deal, oder? Sie begeistern sich über ihre Einigkeit mit sich selbst, allen anderen Anwesenden, mit ihrer Obrigkeit, die sie lobt für ihren frommen Wahn, und mit ihrem überirdisch höchsten Herrn sowieso, egal, ob all diese Einigkeit in der wirklichen Welt besteht oder nicht. Für sie gilt: Keine mühsamen Debatten, keine Klärung für nix, kein Feind, nur Freund, solange jedenfalls, wie der Feind die Schnauze hält; nur demonstratives, exaltiertes Glauben oder stille Einkehr zwischendurch, mit der Bemühung um die Reinigung des Verstandes von jedem argumentativen Schmutz. Ganz Schaf und cool drauf sein für ein paar Tage und möglichst noch ein wenig länger! Das alles verkörpert und gefeiert in einem weißgewandeten, personifizierten Unterwerfungsangebot. Ein Inquisitor zum Liebhaben, den man nicht einmal wählen muss, wie die lächelnde Angela, der einfach da ist: Er da oben und wir da unten und alles hat so seine Ordnung und dann segnet er uns auch noch… Vielleicht ist dann sogar die Kraft mit uns, wie im Kino, und man ist richtig gut drauf eine Zeitlang, wenn diese super Erfahrung noch nachwirkt … So gut, dass man sich von dem Kleingedruckten in dem ganzen Glaubensscheiß, also dem theologischen Kram mit diesen ganzen Vorschriften und Pflichten und solchem Zeug, überhaupt nicht die Stimmung verderben lässt. Man ist so gläubig, so herrlich fromm und so herrlich frei (Bild), lässt sich mit seiner neuen, genau so frommen, frisch aufgerissenen Kirchentags-Freundin leicht bekleidet und zungenküssend für Bild fotografieren, bekennt offensiv, dass man natürlich auch Sex hat vor der Ehe, das ist schon ok. Fällt das noch unter den Ablass? Oder ist den Papstfreunden die Differenz zu ihrem Idol einfach wurscht? Es sieht eher nach letzterem aus, weshalb Ratzinger auch schon mal vor religiösen Privatwegen warnen muss.

Auf den Papst hört nämlich angeblich eh keiner (Die Zeit), wenn’s um spezielle Katholenregeln geht, und angeblich verstehen ihn die, die ihn bejubeln, gar nicht (SZ). Das mag schon sein, aber in der großen, frommen, unterwürfigen Gefühlswallung, die sie alle miteinander anzetteln, verstehen sich irdische und kirchliche Obrigkeit, zugehörige geistliche und weltliche Untertanen und die Bildzeitungen aller Couleurs ziemlich gut: Die Welt ist, im Prinzip, ziemlich ok, so wie sie von Gott und seiner Kirche zusammen mit verschiedenen hochanständigen Kanzlern und Präsidenten, die alle dem Stellvertreter des Allerhöchsten ihre Aufwartung machen, geführt wird. Und sie kann immer noch besser werden und alles, was passiert, hat seinen Sinn, irgendwie; welchen, das darf man sich entweder frei ausdenken oder er wird einem, wenn’s wichtig ist und prinzipieller, zur rechten Zeit mitgeteilt. In eben diesem Sinn kann sich der Ertrag der Veranstaltung sehen lassen, und die Bildzeitung kann mit Recht sagen, sie habe mitgeholfen: So entschlossen das Weiß-Warum des eigenen – immerhin einzigen – Lebens außerhalb der eigenen Zwecke und Vorhaben zu suchen und sich vorurteilsfrei alternative Angebote von den Ratzingers und Köhlers dieser Welt machen zu lassen, in denen man selber immer nur als Mittel für die Zwecke anderer vorkommt, und sich das als seine Freiheit entdecken zu lassen: Das ist ein schönes Stück moderner, gelebter Sittlichkeit. Und, weil das immer passt, natürlich auch ein angemessener, überparteilicher Beitrag zu einem demokratischen Wahlkampf.

Nach dem Aufenthalt im Trüben zwischen Himmel und Erde, in dem die Pfaffen nach Seelen fischen, findet man kaum zurück zum Nachrichtenkasten, den die Bild-Redaktion trotz allem auf der Frontseite untergebracht hat. Aber der erweist sich einmal mehr als Informationsquelle dafür, mit welch wechselndem Erfolg sich der moderne Mensch, in die Zange genommen von den Verhältnissen und der zugehörigen moralischen Agitation, aus der Affäre zieht

Die Commerzbank will das Weihnachtsgeld abschaffen. Betroffen sind 25.000 Mitarbeiter. Immerhin brauchen sie dann nicht mehr so viel wegen der Geschenke zum Christfest herumzuhetzen. Fördert das dann die Besinnlichkeit? Bekommt die Commerzbank dafür einen Extrasegen von Ratzinger aufs Konto überwiesen? Wg. Kampf dem Materialismus?

Zwei Brüder (17, 19) aus Norwegen bauten eine Bombe, um damit einen Geldautomaten zu sprengen. Der Sprengsatz ging vorzeitig in die Luft, die Brüder starben. Da sieht man, wohin die Geldgier führt und schlampiges Arbeiten. Haben nicht die Geduld für den großen Coup für kleine Leute gehabt: 12 Mio im Lotto-Jackpot. Da lohnt das Tippen. Lohnen tut sich’s natürlich nur, wenn man gewinnt. Aber: Hier darf man – mit jedenfalls staatlichem Segen – getrost Sprengversuche unternehmen, da hat der Fiskus sogar was davon. Ob auch kirchlicher Segen auf dem kleinen Glücksspiel liegt, ist unklar. Aber die Papstorgie ist ja fast schon vorbei.

Samstag, 20. August

Titelseiten-Business as usual. Eine neue Giulia Siegel hält den Kreislauf von Promi-Scheidungen und Hochzeiten in Gang. Diesmal unter dem Namen Sarah Connor, irgendeine Schlager-Hupfdohle. Von deren Traumhochzeit berichtet Bild mit Exklusiv-Fotos. Der Nachschub für die nächsten Scheidungsberichte ist damit sichergestellt. Aber auch das Bedürfnis der Leser nach positiven Nachrichten bedient; darüber z.B., dass im Zwischenmenschlichen nicht nur schmutzige Wäsche gewaschen wird, sondern immer noch manch Schönes passiert: Die Sache mit der Liebe ist eben, allen Widrigkeiten zum Trotz, nicht tot zu kriegen. Kennt man von sich selbst; immer wieder probiert man’s, vielleicht klappt es ja doch noch mal. Das wollen doch alle: Die Popstars von der Titelseite genauso wie wir, die davon lesen. Das ist es doch, wofür wir leben, oder?

Der Papst scheint auch noch mal auf. Links oben, in einem kleinen Kasten: Papst segnet Krebskind!

Scheint keine Angst zu haben vor evtl. Enttäuschung wegen mangelnden Segens-Effektes, etwa im Vergleich zu Lourdes oder anderen Standorten für fromme Spontanheilungen. Scheint sich offenbar in einer echten Win-Win-Situation zu sehen: Wird das gesegnete Kind wieder gesund, dann lag’s an ihm. Wäre, das nur nebenbei, einer eigenen evtl. postmortalen Karriere als Heiliger oder zumindest Seliggesprochener auch nicht abträglich. Wird es nicht wieder gesund, sind wenigstens, je nach Gläubigkeit, die Eltern getröstet.

 Nachrichten wieder mager heute: Das Bundeskartellamt ermittelt gegen die Stromriesen E.ON und RWE wegen des Verdachts der Preistreiberei. Es habe deswegen viele Beschwerden gegeben. Gewöhnlich steigen die Preise immer einfach von selber. Das ist erlaubt. Wenn sie getrieben werden, so lernt der Bild-Leser, ist das verboten. Gut zu wissen, auch wenn man selber kaum je in die Lage kommt, einen Preis zu treiben. Umgekehrt kennt man’s eher. Ansonsten: Typisch. Kaum hat man den Strom privatisiert, damit er billiger wird, wegen der Konkurrenz, schon nützen die Burschen das aus und verlangen Monopolpreise für ihren Privatstrom. Aber würden wir doch auch machen, wenn wir könnten, oder? Also auch menschlich irgendwo … Das Kartellamt muss halt aufpassen. Und wir müssen noch bisschen mehr sparen beim Strom. Gibt’s ja auch viele Möglichkeiten, wenn man sich da mal drum kümmert …

Wenigstens verspricht Merkel: Mit mir wird es keine Rentenkürzungen geben. Dann können wenigstens die Rentner den Strom zahlen, vorausgesetzt sie wählen die Merkel, und vorausgesetzt die Mehrwertsteuer, die man von der Rente bezahlen muss, wird nicht zu hoch.

Für die Rentner im Land sieht’s also richtig gut aus, wenn sie das Richtige wählen. Für andere Parallelgesellschaften eher nicht so sehr. Das statistische Bundesamt meldet, verzeichnet Bild ganz lapidar in ein paar Kleindruckzeilen, dass die Zahl der armen Kinder in Deutschland steigt. Hoffentlich sind wenigstens ihre Eltern reich!

Bild macht wieder beim Wahlkampf mit und zwar heute schon auf der Titelseite: Nur 26 Prozent wollen Stoiber in Berlin. Bild berichtet über den neuesten Stand des ZDF-Politbarometers und hebt Stoiber aus den sonstigen Zahlen heraus in die Überschrift. Seit er die Ostwähler beschimpft hat, mag ihn Bild nicht mehr so. Wollen zur Zeit die Sache mit der Wahl ein bisschen anders sehen. Wo Stoiber es nicht leiden kann, dass er von dem Votum ausgerechnet derer, die er zu regieren gewohnt ist, abhängig sein soll, wenn auch nur die eine Ankreuzminute lang, und sie dem entsprechend anscheißt, wenn sie falsche Neigungen erkennen lassen, da demonstriert Bild demokratisches Vertrauen in die Wähler und meint, man solle sie für ihren doch recht verlässlichen Dienst an der Herrschaft nicht unnötig vergrätzen… Die Bürger sind vielmehr schlaue Wähler, wie sie der Bild-Kommentar lobt: Stoiber, dem es gefiel, ungehorsame Untertanen der östlichen Länder als Dummbeutel hinzustellen, gaben sie die Quittung in Form eines Absturzes in den Meinungsumfragen. Und dass sie die Linkspartei in den Umfragen langsam auf Taschenformat einschmelzen. Auch das, befindet der Kommentar, beweist Weitblick.

Deswegen hat der Wähler es auch verdient, dass Bild sich um Arbeit für den Bild-Wahl-Notar bemüht. Der muss im Auftrag von Bild mittels schöner, durchnummerierter Bild-Urkunden Wahlversprechen notieren und beurkunden, … um sie nach der Wahl auf ihre Glaubwürdigkeit abzuklopfen.

Z.B. die Urkunde Nr. 005 über ein Wahlversprechen: ‚Keine Erhöhung der Mehrwertsteuer‘ von Franz Müntefering; oder: Nr. 006: ‚Nur noch 10 Minuten für die Steuererklärung‘ von Prof. Kirchhof.

Das ist zwar ziemlich kindisch. Andererseits ist es auch reichlich demokratisch-hinterfotzig: Bild plustert sich mit und mehr noch an Stelle seiner Leser auf als Prüfinstanz für Wahlkampfehrlichkeit, spielt kindgemäß mit den Formen, in denen staatlicherseits mit notariellem Brief und Siegel die sanktionsbewehrte Verbindlichkeit von Vertrags- und anderen Versprechen erzwungen wird, und will doch nichts anderes, als dass Herr und Frau Wähler zum Wählen gehen, ansonsten sie ja auch nichts auf Glaubwürdigkeit abzuklopfen hätten. Sie sollen sich also auf jeden Fall, bei allem Misstrauen in die Versprechen von Politikern, das Bild mit ihnen und stellvertretend für sie demonstriert, denen erst einmal ausliefern, denen sie misstrauen und sie erneut als Chefs der Nation bestallen.

Und dann? Wenn die jetzt doch nicht machen, was versprochen war? Zwangsvollstreckung? Aufruhr? Umsturz?? Dazu schweigt Bild. Dem kann man entnehmen, dass dem unglaubwürdigen Politiker dann wohl die Höchststrafe drohen würde: Die Wahl der Opposition in vier Jahren. Es sei denn, er könnte Bild plausibel erklären, warum nicht ging, was versprochen war, also gar kein Wahlversprechen gebrochen wurde. Und dass er, oder ein anderer, diesmal ganz wirklich macht, was er ankündigt. Oder ganz ehrlich ist, wie Angie dieses Mal, indem sie nur noch ankündigt, was die Lage, die sie höchstpersönlich definiert, verlangt. Oder gleich gar nichts mehr verspricht, außer Deutschland zu dienen oder so. Das kommt alles immer wieder mal vor. Bild wird das aufmerksam beobachten.

Insgesamt muss man Bild im Wahlkampf bescheinigen, dass es den lesenden und wählenden Arbeiter als demokratisch politisierten Menschen sehr ernst nimmt. Wenig einseitige Hetze, wenig Gegeifer. Der abstimmungsbereite Bildleser wird von seiner Zeitung in seiner Froschperspektive auf den Gang der Politik bestärkt. Das aber nicht ohne dauernde Erinnerung daran, dass die, die was werden wollen, sich schon auch bei ihm, dem wahlentscheidenden und Bild-lesenden Volk, die Stimme abholen müssen; die Stimme, die jeder, da gibt’s für Bild kein Vertun, dann aber auch abzuliefern hat, wenn sie verlangt ist. Dass Bild die Linkspartei nicht mag, das wird schon ziemlich deutlich. Und dass man Rot-Grün abgeschrieben hat und Merkel lieber hätte, lässt sich auch erkennen. Aber, wie gesagt, ohne große, eindeutige Parteinahme. Die geht eher zwischen den Zeilen: Wenn über die hohen Benzinpreise geschimpft wird, und Stellungnahmen aller Parteien dazu kritisch durchgenommen werden, dann begleiten Fotos von Trittin und Müntefering den Text. Wenn die kleinen Rubriken Gewinner und Verlierer des Tages abgewickelt werden, kommt schon mal Fischer vor als Verlierer, weil er eine Spreewaldgurke nicht bezahlt hat, die er im Wahlkampf irgendwo gegessen hat.

Bild erweckt den Eindruck einer Einsicht, über den wirklichen Stand der Dinge hinaus. Für Bild ist es ausgemachte Sache: Wenn die Arbeiterklasse nichts mehr von sich wissen will, dann gibt es sie auch nicht mehr und ebensowenig ihren Interessenstandpunkt, den man mit Anspruch auf Durchsetzung geltend machen könnte. An die Stelle der Arbeiterklasse sind die Bildleser getreten. Die arbeiten auch, so wie früher die Mitglieder der Arbeiterklasse, teilweise jedenfalls. Teilweise sind sie auch arbeitslos, in Rente oder krank. Sie sind auch Autofahrer, Steuerzahler, Urlauber, Christen, sind scharf auf Sex und wählen zwischendurch, sind also neben allem Aufgezählten vor allem auch Deutsche. Deutsche Arbeiter, Arbeitslose und Autofahrer etc. Und natürlich Bildleser. Und weil sich in diesem Land für die kleinen Leute, die Bildleser, niemand mehr so richtig in die Bresche wirft, sie selber eingeschlossen, hat das, journalistisch jedenfalls, die Bildzeitung übernommen: Indem sie ihrer Leserschaft eine politisch-moralische Rundumbetreuung angedeihen lässt, vom Sex über Steuertipps bis zum Seelenleben. Bild kämpft für Sie. So macht Bild mit volkstümlichen Rechtsstandpunkten dann eben auch mal tüchtig öffentlich Furore, ohne aber, wie das praktische politische Populisten ab und an mit neuen Parteien probieren, mit einem in Stimmen umgemünzten Nationalismus von unten die Berechnungen der regierenden Nationalisten und die eingerichteten demokratischen Verhältnisse durcheinander bringen zu wollen. Im Gegenteil: Bild ist bereitwilliger, konstruktiver und manchmal drängender Teil dieser Verhältnisse. Bild gibt demokratischen Politikern Gelegenheit, ihren Respekt vor dem Moralismus und der bescheidenen Lebensweise der unteren Schichten zu bekunden, gibt den Führern der Nation ein Forum, in dem sie sich als die Fans ihrer Anhänger vorführen können, denen sie ab und an und immer öfter erklären müssen – auch das in Bild –, warum wieder einmal ein paar Härten sein müssen. Das sieht Bild am Ende meistens ein und entlarvt dafür immer wieder Figuren der herrschenden Klasse, die sich korrupt bereichern mitten im allgemeinen Verzicht und auch sonst Wein trinken, während sie dem guten Bildleser Wasser predigen. So macht sich Bild um das für demokratische Gemeinwesen wichtige Denken in Vergleichen und Alternativen verdient: Man muss in einer Demokratie als Wähler gar nichts gut finden. Es genügt, wenn Bild-Leser von den Handreichungen der Redaktion Gebrauch machen, mit Hilfe derer sie entscheiden können, was sie vergleichsweise besser oder weniger schlecht finden könnten. Da tut sich dem wählenden Leser und seiner Zeitung ein weites Feld auf für Lob und Tadel, Begeisterung und Wut. Bild lässt seine Kundschaft nie allein und versorgt sie getreulich mit den passenden Gesichtspunkten und Sprachregelungen zu allem und jedem, was ihr auf ihrem Weg durch den demokratisch-kapitalistischen Alltag begegnet. Und leistet damit einen beachtlichen, speziell unterschichtorientierten Beitrag zur bürgerlichen Öffentlichkeit dieses Gemeinwesens.

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Montag, 22. August

Die Bildzeitung gibt dem Wähler eine Stimme, ihre Bild-Stimme eben. Mit seinen Worten und deshalb in der ersten Person Plural werden die Politiker angesprochen; zum Wähler, so wie ihn das Blatt sich zurecht und seiner Leserschaft vorstellig macht, als Leitbild des idealtypischen, proletarischen Wunsch- und Durchschnittswählers, hat Bild demonstratives Vertrauen: „Schlauer Wähler“ tätschelt ihn der Bild-Kommentar, wenn er Gysi & Co abrutschen lässt.

Der Spiegel geht die Sache ganz anders an: Erstens ist es die dortige Redaktion sowieso nicht gewohnt, im Namen der Wahlberechtigten im Lande oder fiktiv mit deren Stimme zu sprechen, sondern, von einem eigenen überlegenen Beobachterstandpunkt, über sie. Wie man im Sinne erfolgreichen Regierens mit ihnen umzugehen hätte; ob es Regierung und Parteien gelingt, die anspruchsvollen Vorgaben des Spiegel für einen gelungenen Einsatz der Bewohner des Standorts zu erfüllen. Das ist nämlich fraglich, wenn diese sich so äußerst merkwürdig benehmen wie zur Zeit. Die von Umfragen aufgedeckten Neigungen der Wähler erregen offenbar den Unwillen des Spiegel. Das Blatt hält es deswegen für angebracht, mit einer vollen antilinken Breitseite gleich auf dem Titelblatt in den Wahlkampf einzusteigen. Von dort lässt es Karl Marx mit dem Victory-Zeichen grüßen und behauptet, der Alte käme grade als Gespenst zurück, und seine Wiederauferstehung falle zusammen mit einer neuen Macht der Linken.

Dafür haben die Hamburger eine zweiteilige Titelstory zusammengeschustert. Teil eins kündigt sich im Inhaltsverzeichnis gleich mit einer Kurzfassung des Artikels an: Beim Werben um ostdeutsche Wähler verdrängen alle Parteien die wahren Probleme, während Teil zwei die schon zitierte Wiederauferstehung zu beleuchten verspricht.

Teil eins fackelt nicht lange und kommt schnell zur Sache: Anlässlich demoskopisch ausgeforschter noch 50 Prozent unentschlossener Wähler findet der Spiegel diesen sonst als eher stabil und verlässlich bekannten Menschenschlag derzeit ratlos, verunsichert und zickig. Die Hamburger kennen das Homeland der besonders wankelmütigen Wähler. Es ist natürlich der Osten und der Ostwähler ist es, der offenbar nicht einfach und klar durchwählen will, um sich dann zügig durchregieren zu lassen.

Und dann bekommen diese Typen vom Hamburger Nachrichtenmagazin für die westlichen Besserverdiener einmal so richtig gesagt, was man von ihnen zu halten und wie man mit ihnen umzugehen hätte, wenn man nicht der derzeit leider in Politikerkreisen üblichen Feigheit vor dem Osten verfallen wäre, was beim Spiegel nicht zufällig nach Feigheit vor dem Feind klingt. Weil national verantwortlicher Journalismus aber nicht gewählt werden will, und sich in der Spiegel-Variante auch nicht mit dem niederen Volk gemein macht, darf er auch richtig grob werden, wie es sich nicht einmal Stoiber in einem niederbayrischen Bierzelt trauen würde. Zumal gegenüber Leuten, die sowieso nicht richtig dazu gehören.

Also, erstens und prinzipiell: In den neuen Ländern tickt eine soziale und ökonomische Zeitbombe. … der bisher gepflegte Transfer-Konsens – wir zahlen, ihr haltet still – (ist) auf Dauer nicht durchzuhalten. Denn: fast 40 Prozent der Nettoeinkünfte ostdeutscher Haushalte stammen aus öffentlichen Mitteln, mit steigender Tendenz. Im Westen sind es etwa nur 25 Prozent. Dies beeinträchtigt in zunehmendem Maße den Wirtschaftskreislauf in Westdeutschland.

Die Nation kann sich die Ossis nicht mehr leisten. Der Spiegel setzt auf die volkswirtschaftliche Bildung seiner Leser, die genau wissen, dass private Haushalte eigentlich dazu da sind, die öffentlichen Haushalte zu finanzieren und nicht umgekehrt. Um davon möglichst wenig betroffen zu sein, beschäftigen nicht wenige Spiegel-Leser teure Steuerberater. Wenn das aber alle so machten, vor allem diese ostdeutschen Haushalte, wo kämen wir da hin? Dann stimmte die Flussrichtung zwischen öffentlichen und privaten Haushalten nicht mehr. Und das lässt den stärksten Wirtschaftskreislauf kollabieren.

Zweitens: Nach entschiedener Auffassung des Spiegel sollte sich die Nation diese Bevölkerungsteile auch nicht mehr leisten. Das muss jedem sofort einleuchten, der sich einmal bewusst macht, wofür und für wen eigentlich das ganze schöne Westgeld ausgegeben wird. Um diesen Aufklärungsprozess macht sich die Spiegel-Redaktion verdient:

Die Ost-Gesellschaft ist nämlich inzwischen nach den Maßstäben der neuen Gesellschaftsordnung, für die frühere und bessere Ostdeutsche eine Revolution gemacht haben sollen, fertiggestellt. Auch im Osten hat sich die Gesellschaft ausdifferenziert in Gewinner und Verlierer, in Flexible und Faule. Sodann haben sich aus leer gefegten Regionen die Klugen abgesetzt und es ist eine fremde Welt entstanden: Im Osten ist eine Welt entstanden, die abgekoppelt ist von der ökonomischen Wirklichkeit der alten Bundesländer, in der es zwar auch Krisengebiete gibt, Gelsenkirchen oder Bremerhaven etwa, aber weder durchschnittlich fast 20 Prozent Arbeitslosigkeit noch diese Abwanderungswelle… Teile des Ostens… vergreisen, verblöden und versteppen. Der bittere Scherz über das Kürzel DDR ‚Der Doofe Rest‘ … hat noch heute Gültigkeit.

Da sprechen die Resultate des investigativen Hamburger Journalismus für sich: Milliarden in menschenleere östliche Steppen zu pumpen, wo nur mehr verblödete Greise herumlungern! Ein einziger Wahnsinn.

Drittens: Man sollte also endlich zur Kenntnis nehmen, dass die Illusion von der ‚Angleichung der Lebensverhältnisse‘ geblieben ist, was sie von Anfang an war: eine Illusion, und auf die Forderung des Bundespräsidenten Horst Köhler hören: dass man sich in Deutschland vom Ziel gleicher Lebensverhältnisse verabschieden müsse.

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So sehr sich der Spiegel dafür ins Zeug legt, nicht länger gegen alle schlechten Erfahrungen und gegen alle volkswirtschaftliche Vernunft mit viel gutem Geld am deutschen Mezzogiorno herumzuzerren, so suspekt ist ihm die Partei, die sich die Verhältnisse dieser fremden Welt zunutze macht, sich gegen die neue kapitalistische Vernunft stellt und damit gänzlich unverdienten Erfolg bei den nächsten Wahlen zu haben droht.

Der Osten will, so scheint es, den Weststaat kollektiv leiden sehen und sei es durch eine Partei, die ihm früher Karl Marx und die Planwirtschaft eingebrockt hat. Eine Partei, die als Partei des Weiter-so auf den alten Transfer-Staat setzt: ein hoher Mindestlohn, … mehr Rente. Auch wer nicht arbeitet, soll das Leben genießen. Das sind die Skandale, an denen die Spiegel-Redaktion kollektiv leidet: Rentner wollen ihr Leben genießen, obwohl sie nicht arbeiten! Diesem Weiter-so wirft sich das Blatt entgegen und verfolgt den Populisten Gregor Gysi und seine Heilslehre von der sozialen Gerechtigkeit mit solidem Hass.

Dass die Ostler so verblödet, ihre Rentner so genusssüchtig und sie alle so sadistisch gegenüber dem Weststaat auf dessen „Leiden“ aus sind, hat seinen Grund in der Psychopathologie dieser weniger klugen Bevölkerungsteile: Die totalitäre Herrschaft hat Spuren von Verstörung und Zerstörung in die Seelen gezeichnet. So lässt der Spiegel den Stasi-Jäger Gauck zu Wort kommen und hält die ostdeutsche Wut und die Enttäuschung für zwangsläufig. Diese Seelenkrankheit hat Gysi immer bedient. Und sich dabei auch noch der Hilfe altgedienter Marxisten bedient! Da haben die Spiegel-Leute kurz ihr Archiv geöffnet: Die sollen sich gegenseitig sogar ab und an mit einem Job ausgeholfen haben! Und mit Egon Krenz nach seiner Haftentlassung eine diskrete Feier abgehalten haben!!! Das tut zwar nichts zur Sache, wirft aber für den Spiegel ein bezeichnendes Licht auf die Typen, die sich jetzt das Vertrauen der gemütskranken Bevölkerung mit allerlei Hilfsleistungen für den kapitalistischen Alltag erschleichen und sich dafür wählen lassen! Und die zum Gedenken an Liebknecht und Luxemburg alljährlich alte, fast religiöse Rituale abhalten, usw. usf.

Ach Spiegel! Muss man wirklich aus lauter national-demokratischer Parteilichkeit selber verblöden? Man muss anscheinend. Muss man wirklich, weil man alles und auch nur das vermeintlich Kommunistische hasst, nur mehr wirren Stuss und Gemeinheiten absondern, und nur mehr Zynismen über den Lebensstandard von Rentnern? Bei soviel westdeutscher Wut und Enttäuschung, wie sie offenbar in der Spiegel-Redaktion herrscht über die neuen Landsleute von drüben, ist das offenbar zwangsläufig. Könnte man sich nicht wenigstens eineinhalb Seiten lang merken, was man grade eben mal selber an einfachem Sachverhalt zwischendurch bemerkt hat, oder geht das nicht, wenn man so geifert wie der Spiegel? Dass man es im Osten mit der Enttäuschung eines ganzen Landes zu tun hat, das auf Wohlstand für alle hoffte, wie es Helmut Kohl versprach, und stattdessen eine Massenarbeitslosigkeit bekam, wie sie Karl Marx prophezeit hatte. Ob Marx die Arbeitslosigkeit in der Zone oder sonst irgendwas prophezeit hat kann man hier dahingestellt sein lassen. Aber: Solches konstatierend gäbe es genug am Verstand der Ossis und ihrer nationalistischen Vertrauensseligkeit herumzunörgeln, wenn sie sich ausgerechnet vom fertigen Westkapitalismus Wohlstand für alle versprochen haben; und das, ohne dass man sie für Psychopathen halten müsste; eine Kritik ihres mangelnden Klärungs- und Bildungswillen, betreffend die Funktionsweisen und Zwecke des freiheitlichen wie des realsozialistischen Wirtschaftens, wäre gewiss nicht ungerecht. Aber derlei Kritik ist den kritischen Kritikern vom Spiegel fremd. Die halten die Ossis für bescheuert, weil sie denen anlasten, dass unser schöner Kapitalismus sie nicht gebrauchen kann. Dass die, weil ihnen Staat und Kapital keine rechte Gelegenheit zum Funktionieren eröffnen, sich dann im Gegenzug als wahlberechtigte Staatsbürger daneben benehmen, hält der Spiegel für so unverzeihlich, dass er die personellen Neuerwerbungen im Osten am liebsten mit der Höchststrafe belegen würde: Die Blödmänner sollen bleiben wo sie sind, die Transfers haben so weit wie möglich aufzuhören; ansonsten sollte ab und an vielleicht ein psychiatrisches Ärzteteam in der Steppe vorbeischauen. Könnte man ihnen nicht vorübergehend wg. Wegfalls der Geschäftsfähigkeit Wahlrecht und Staatsbürgerschaft entziehen?

Was das alles mit der auf dem Titel verkündeten neuen Macht der Linken zu tun hat? Warum uns Marx dort das Victory-Zeichen macht? Dass eine gerade weg von Marx und hin zur Sozialdemokratie alten Typs reformierte frühere Staatspartei der Systemkonkurrenz, die selbst nach Erkenntnissen des Spiegel keine kommunistische Organisation mehr ist, heute knapp 10 Prozent im Bundestag zu holen droht: Reicht das, um die Rückkehr des Marxismus zu proklamieren? Oder kommt es einfach nicht so drauf an, wenn’s drum geht zu hetzen und einen antiöstlichen Titel-Aufreißer zu produzieren? Oder sind Spiegel-Redakteure einfach so blöd wie sie es den Ostlern vorhalten? Von allem ein wenig wird’s schon sein: Schließlich handelt es sich bei beiden um enttäuschte Nationalisten. Die einen, weil ihnen das neue System die materielle und moralische Integration in den erweiterten Volkskörper schwer macht. Die anderen, weil sie keinesfalls dem – für sie guten – alten System, sondern viel eher den neuen Bürgern die Schuld daran zuweisen wollen.

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Der zweite Teil der Titelgeschichte über Marx’ angebliche Wiederauferstehung ist nicht der Befassung wert. Der x-te Aufguss von ein bisschen Biographie, gemischt aus bemerkenswerter Denker und Denunziation (Dienstmädchen geschwängert, rechthaberisch, Schnorrer, bürgerliches Gehabe); ein bisschen Frühschriften und Manifest wg. philosophischer Feuerkopf, Sprachgewalt etc., und einem extrem lesbaren Kompress der ökonomischen Theorie:

Die Wert- und Preistheorie, nach der eine Ware so viel wert ist, wie Arbeit in ihr steckt: falsch, sinnlos, überholt. Das Gesetz vom tendenziellen Fall der Profitrate: ebenso. Die Verelendung der Arbeiterklasse: nicht eingetroffen, ebenso wenig wie der Zusammenbruch des Kapitalismus, der doch ursprünglich an seinen Krisen und am drastischen Schwanken der Konjunkturzyklen verenden sollte. Ende der Vorlesung. Als Zeugen werden aufgerufen: Gegen Marx ein Professor für Dogmengeschichte, Vorsitzender der ‚Aktionsgemeinschaft Soziale Marktwirtschaft‘, mit marktliberalen Ansichten, der für den Spiegel – nach dessen Verständnis offenbar gegen Marx! – kurz klarstellt, was wirklich sozial ist: a) wenn weniger umverteilt wird statt mehr b) wenn man alles kaufen darf und c) wenn der Markt herrscht, unbehindert, überall. Pro Marx spricht die Gräfin Marion von Dönhoff von der „Zeit“. Die bescheinigt dem Marxismus freundlicherweise Unvergänglichkeit als Summe uralter Menschheitsideale: soziale Gerechtigkeit, Solidarität, Freiheit für die Unterdrückten, Hilfe für die Schwachen. Damit könnte sich vielleicht sogar der Spiegel anfreunden, würden doch derlei Komplimente, träfen sie zu, eher die Regression der marxistischen Wissenschaft zum frommen Weltverbesserungsidealismus, also den Hirntod des Marxismus bezeugen als seine Wiederauferstehung. Vorausgesetzt solch freundliche Worte über die Leiche führen nicht zu falschem Wahlverhalten in demokratischen Kreisen. Wenn das zu befürchten ist, wie zur Zeit, dann lässt das seriöse Hetzblatt aus Hamburg lieber nichts anbrennen.

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Was sonst noch? Fischer wird auf Wahlkampftour begleitet. Spiegel berichtet spöttisch über die lächerlichen Dummheiten des Außenministers beim Stimmenfang. Dabei fließt viel Überlegenheit des Journalisten ein, der es offensichtlich genießt, brühwarm weiterzugeben, wie sich der Chefdiplomat einer imperialistischen Mittelmacht grade wieder in einen einfachen Joschka und Wahlverlierer zurückverwandelt, vor dem er keinen Respekt mehr haben muss; wie der sich anbiedert, damit er bleiben kann, was er so gerne ist.

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Dagegen ein seriöseres Gespräch mit einem möglichen Nachfolger: Wolfgang Gerhardt, FDP. Da bereden künftiger, möglicher Amtsinhaber und kennerischer Spiegel-Mann ganz ernsthaft die imperialistischen Optionen Deutschlands auf der Welt: In UNO und EU, mit Bezug auf die Amis und den Iran, den man nicht – wie Schröder – in den Wahlkampf hineinziehen sollte, den man aber, zusammen mit Bush, kleinkriegen muss. Gibt’s Krieg?, fragt der Spiegel ganz cool, bzw.: Sind militärische Reaktionen als Ultima Ratio impliziert? Und Gerhardt sagt: Wir müssen nicht alle Fragen bis zum Ende beantworten, damit andere Regierungen genau wissen, was sie sich alles erlauben können. Nächste Frage.

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Merkels Kompetenzteam stellt Spiegel auch vor. Umständlich, länglich. Weiß z.B., dass Saar-Müller einen Quadratschädel hat und eine schnarrende, stets zu laute Stimme. Hält das Kompetenzteam für einen Befreiungsschlag Merkels und sympathisiert offen. Kirchhof kommt mit ein paar Beispiel-Rechnungen vor, die künftige Sozialministerin mit der Kopfpauschale. Sie hat sich Spiegels Respekt erworben als Eisenfuß, weil sie in Niedersachsen den Blinden das Blindengeld gestrichen hat. Bild hat sie dafür nicht gelobt.

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Der Vergewaltigungsprozess gegen den kleinen Fernsehfuzzy kommt auch vor. Der Spiegelleser ist natürlich nicht so geil wie der Bildleser. Aber wissen soll er schon auch alles, in allen Einzelheiten. Aber wahrscheinlich mehr, weil Spiegelleser über den Zeitgeist Bescheid wissen will. Der Spiegel weiß sogar noch einen besseren Gesichtspunkt: Braucht es denn solche Prozesse überhaupt? Ist das der Sinn der Strafjustiz? Sehr kritisch, sehr Spiegel: Stets auf den funktionellen, erfolgreichen und sparsamen Einsatz staatlicher Ressourcen bedacht, der auch noch Sinn machen soll.

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Insgesamt muss man dem Spiegel bescheinigen, dass er seine Rolle in der Öffentlichkeit als „Meinungsführer“ einer gehobenen Leserschaft sehr ernst nimmt. Dass autoritäre Regierungen ihre Presse unter Kuratel stellen, um die Meinung ihrer Untertanen aufs korrekte staatstreue Gleis zu führen, ist für das Nachrichtenmagazin eines der schlimmsten Verbrechen gegen die Menschlichkeit. Der Spiegel stellt umgekehrt die Regierung – und nicht nur die – unter seine Kuratel, um die Politik auf die einzig korrekte Erfolgsspur zu setzen. Allmontäglich nimmt er den Standpunkt des überparteilichen Super-Regierungsorgans ein, um von da aus die wirklichen Regierenden, wenn nötig einschließlich der mitregierenden Opposition, schlecht zu machen. Dabei hat er für die gewöhnlichen Bemühungen der Öffentlichkeit, den unzufriedenen Bürger mit parteilicher Information und objektivem Kommentar zum Parteigänger einer ordentlichen Herrschaft zu machen, eher Verachtung übrig. Er bedient den Standpunkt des fertigen Citoyen, der die praktische Politik kritisch daraufhin beäugt, wie weit sie mal wieder unter Niveau agiert. Woche für Woche ist er mit einem einschlägigen Skandal zu Diensten, nämlich mindestens mit der hemmungslos skandalisierenden Aufbereitung großer und kleiner Misserfolge der marktwirtschaftlich, politisch oder auch kulturell engagierten Sachwalter der deutschen Nation, von Fehlschlägen und Missgriffen, sich anbahnenden Katastrophen und von den Verantwortlichen verschlafenen Weltuntergängen, die ohne den investigativen Journalismus der Oberverantwortlichen aus Hamburg mal wieder keiner bemerkt hätte.

Manchmal muss das Magazin sich freilich beeilen, dass es nicht irgendeinen Zug der Zeit verpasst, der dann ohne Hamburger Initialzündung abfährt. Also z.B., dass es bei der fälligen offenen Generalabrechnung der Nation mit ihren teuren Ossis nicht zu spät kommt, wenn Stoiber und Konsorten schon alles Nötige gesagt haben, und bei der Hetze gegen die Überreste sozialdemokratischer Arbeiterfreundlichkeit in Gestalt der ‚Linkspartei‘ nicht unversehens ins Hintertreffen gerät, wenn schon jeder Sozialdemokrat den eigenen Ex-Parteichef einen verantwortungsflüchtigen Populisten schimpft. Sein Copyright auf alles, was als nationaler Skandal will gelten können, lässt der Spiegel sich auch dann nicht nehmen. Bei Bedarf bringt er es noch allemal fertig, im Gestus des unzufriedenen Sittenwächters letzter Instanz, noch ein paar Etagen oberhalb von Bundespräsident und Bundesverfassungsgericht, den zeitgeistigen Konsens der Demokraten zu übertrumpfen: Vom Aufschwung des Marxismus! und der neuen Macht der Linken! hat der Rest der Republik bis zum 22.8. mal wieder gar nichts bemerkt. Nur der Spiegel ist auf Draht: wartet nicht, bis es das antinational Böse, vor dem er Deutschland bewahren muss, tatsächlich gibt und der Großangriff der neuen Marxisten und der verwöhnten Greise aus dem Osten aufs teure Vaterland wirklich ins Rollen gekommen ist; rüttelt auf, wo der amtliche Verfassungsschutz noch pennt; ist den Regierenden mal wieder mindestens eine Runde voraus. Und als freiwillige Gesinnungspolizei ganz in seinem Element.

Da ist die Meinungsfreiheit wirklich in den besten Händen.


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