Leserbrief zum Leserbrief in GS 1-2001

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Ein bisschen Grundsätzliches über
Geld und Gewalt, Kredit und Krise, Währung und Gold

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Der Leser bezweifelt: „dass bloß, weil es keine Goldwährung, Golddeckungs- oder Goldkernwährung mehr gibt, die sog. reelle Geldware abgedankt habe. Der Staat alleine könne seinen Wertzeichen keinen Wert verleihen.“ Die Redaktion antwortet: Die „politökonomische Substanz“, von der du weißt, dass sie im Geld „vergegenständlicht“ vorliegt, ist nichts anderes als das Gewaltverhältnis, das die kapitalistische Gesellschaft beherrscht.

Ein bisschen Grundsätzliches über
Geld und Gewalt, Kredit und Krise, Währung und Gold

Leserbrief zum Leserbrief
zu dem Artikel „WTO-Konferenz in Seattle – Der Kampf der Nationen um den Reichtum der Welt“ in GegenStandpunkt 3-2000, S.113 und der Antwort darauf, abgedruckt in GegenStandpunkt 1-2001, S.78

… Ich bezweifle aus stichhaltigem Grunde, daß bloß, weil es keine Goldwährung, Golddeckungs- oder Goldkernwährung mehr gibt, die sog. reelle Geldware abgedankt habe. Es mag ja sein, daß die Staaten kraft ihrer Gewalt eine beliebige Geldmaterie mit Zwangskurs in die Welt setzen. Aber wie soll ein wertloser Papierzettel oder Münze mit DM, Euro, Dollar oder Yen drauf es je aus sich heraus schaffen, den produzierten bürgerlichen Wert- oder Warenhaufen darzustellen, als dessen Wertmaß, Zirkulations-, Zahlungs- und Verwertungsmittel zu dienen? Dies unterstellt einen Wertmesser, der kraft derselben politökonomischen Substanz der Warenwelt als verselbständigte, absolute Ware gegenübertritt, deren reelles allgemeines Äquivalent bildet, ohne daß die sog. Wirtschaftssubjekte einen Begriff davon haben. Keine Staatsmacht der Welt kann mit ihrer noch so souveränen Gewalt die kapitalismusimmanente Notwendigkeit oder den ökonomischen Grund dessen ersetzen oder aushebeln, daß seine Zwangsgeldzeichen nichts anderes sind als Stellvertreter der reellen verselbständigten Wertgestalt. Auch wenn es die unmittelbare Bindung der staatlichen Geldzeichen an die reelle Geldware nicht mehr zu geben scheint: ihr logisch-ökonomischer Grund ist damit nicht aus der Welt geschafft!

Andererseits: Ist euch unbekannt, daß bei aller behaupteten Freimachung von der Goldware sich kapitalistische Staaten ihren Goldschatz halten? Wofür wohl? Vielleicht könnte dies ja wenigstens ein Indiz dafür sein, daß die Inkarnation des abstrakten Reichtums längst nicht ausgedient hat – wenn auch die Art und Weise der Koppelung von realer Geldmaterie und Papier-/Münzgeld eine andere ist als die im Kapitalismus des 18./19. Jahrhunderts, eben mehr indirekter Natur. Es gibt einen weiteren Anhaltspunkt für die politökonomische Notwendigkeit der Geldware: Es soll sogar im modernen Kapitalismus des 20. Jahrhunderts, also nach Abschaffung jeder Goldbindung, vorgekommen sein, daß im Falle von zwischenstaatlichen Zahlungsbilanzschulden echte Goldbarren hin- und hergeschoben wurden. Warum wohl? Offenbar auch schon deshalb, weil auf das, was ihr so kühn mit wechselseitiger Kreditierung der Nationalgelder als Ersatz für die reelle Geldware dahinstellt, sich die Staaten im Falle eines Falles gar nicht verlassen, die vom Schuldnerstaat behauptete Verbürgung für sein Nationalgeld, es sei Repräsentant wirklichen Kapitalreichtums, vom Gläubigerstaat dem Schuldnerstaat eben auch mal nicht abgenommen wird und echtes Geld verlangt.

Dies betraf zunächst meine Zweifel bezüglich eurer Gleichsetzung von Kreditgeld mit nationaler Währung.

Und nun zur Sache mit dem Kredit. Warum sollte denn Streitpunkt sein, daß Kredit Geldfunktionen erfüllt? In seiner Elementarform des Zahlungsversprechens stellt es sich fast als trivial dar, insofern ein Schuldschein an Geldes Statt angenommen wird und sogar weiterreichbar ist, dieser als Quasi-Geld fungiert. Mir kam es auf eine prinzipiellere Überlegung an: ein Zahlungsversprechen ist, wie die Bezeichnung schon sagt, eben noch kein gültiges Äquivalent des produzierten Warenhaufens, sondern muß sich erst noch als solches erweisen. Ansonsten ist es dann auch nichts mit den enormen produktiven Wirkungen, die ihr dem Zahlungsversprechen bzw. Kredit zuschreibt, wie Ökonomisierung des Warenumschlags oder Hebelwirkung in bezug auf die Akkumulation. Daß etliche Zahlungsversprechen sich tatsächlich in Geld verwandeln oder über Kredit einiges an Kapitalakkumulation zustande kommt, macht nicht ungeschehen, daß bereits im Ausgangspunkt Schranken der Verwertbarkeit ständig präsent sind. Näheres weiter unten.

Erst weise ich eure schon elitär zu nennende Unterstellung zurück, ich würde immerzu von der Differenz zwischen Geld und Kredit daherreden, aber nie positiv bestimmen, worin denn nun sein Begriff bestünde. Was dessen allgemeine Bestimmung betrifft, steht durchaus im Leserbrief, daß Kredit schlicht heißt, sich vom Geldhaben unabhängig zu machen, und … ist dort zumindest etwas angedeutet über die Formen des Kredits wie kommerzieller Kredit, Leihkapital. Schon gar nicht habe ich den Kredit als Ausweis eines Mangels oder Nichtfunktionierens dargestellt. Es ist eine perfide Unterstellung, mir einen Zusammenschluß von Kredit und parteiischer Sorge von wegen ‚Leidens des Kapitalismus an Verwertungsmöglichkeiten‘ zu unterschieben. Ihr schreibt doch selbst, daß im Kredit enthalten ist, daß Vertrauen auf Erzielung eines Geldertrags mittels diesem und dessen Einlösung zwei ganz disparate Sachen sind, daß in diesem Auseinanderfallen objektive Schranken der Verwertung impliziert sind, wenn nämlich alle Kapitalwelt auf die begrenzte Zahlungskraft Zugriff nehmen will. So, und da liegt der Unterschied zu euch: Überproduktion, Überakkumulation ist eben nichts sich erst im Resultat Ergebendes, sondern bereits im Ausgangspunkt der ganzen kapitalistischen Scheiße enthalten: aller kapitalistische Produktionsprozeß birgt in sich bereits das Moment der Überakkumulation, ist per se Überproduktion, bevor dies im Nachhinein in der Krise so richtig evident wird. Und da soll der Kredit, mit dem sich von der geldlichen Nachfrage emanzipiert wird, die vom Kapital selbstfabrizierten Schranken des Marktes nicht geradezu potenzieren?

Der Kredit entspringt sehr wohl – allerdings nicht mir angedichteter das Kapital umsorgender – ökonomischer Not, hat zur Grundlage einen der bürgerlichen Produktionsweise anhaftenden Widerspruch: wenn nämlich Kapitalisten das, was sie für die Realisation ihres vorgeschossenen Kapitals samt Profit als Zahlungskraft in Beschlag nehmen, in der Produktion als beständig zu reduzierende Kost behandeln, dann stellt sich für sie das selbstgeschaffene Problem des Umgangs mit solcherart Schranken der Verwertung. Die dann kreditfinanzierte Ausbeutung schiebt nicht einfach Marktschranken hinaus, wie ihr erzählt: der Kredit heizt die Überakkumulation an! Wenn ihr schreibt, der Kredit entwickele die ‚Diskrepanz zwischen wachsendem Warenkapital und der beschränkten Konsumtionskraft‘, dann heißt dies alles andere, als daß mit ihm Schranken der Verwertung ersetzt oder umgangen würden. Insofern zur Unterstreichung, was in dem Leserbrief Nr. 1 stand:

‚…der elementare Widerspruch zwischen Wert- und Kapitalproduktion und deren Realisierung aufgrund beschränkter Zahlungsfähigkeit macht sich gewaltsam geltend – und zwar erst recht gegen Geld als Kredit. Denn wenn Kredit eine Sorte Geld ist, die sich vom faktischen Gelddasein unabhängig macht, so verschärft dies geradezu den Gegensatz zwischen aufgehäuften Verwertungsansprüchen einerseits und deren Realisierbarkeit in der Zirkulation andererseits.‘

Und hier noch was zu eurem Rüffel, ob mein Gesagtes zur Krise eigentlich als Kritik des Kapitalismus gemeint sei: darüber brauche ich keine Belehrung, daß Krise eine Verlaufsform der Akkumulation ist insofern, daß der dem Kapital eigene Widerspruch zwischen Kapitalproduktion und -realisierung sich gewaltsam per Entwertung äußert, dem allerlei materieller Reichtum samt Produzenten zum Opfer fällt. …

Und nun zu eurer ‚Ableitung‘ des modernen Geldes, dieses würde durch Kreditoperationen zwischen der Staatsbank und den Geschäftsbanken zustande kommen. Der Unterschied zwischen Geld als solchem und dessen Verwendung als Kredit läßt sich darüber genausowenig verwischen: die Banknote muß ja wohl erst mal für sich als gültiges Zirkulations- und Zahlungsmittel bzw. als Vertreter der realen Geldware vorhanden sein, bevor mittels diesem ein ganzes Kreditsystem kreiert werden kann. Was bei euch an anderer Stelle zum Staatshaushaltsgebaren und zu zwei diesbezüglichen Leserbriefen als kaum entwirrbares Hin und Her zwischen Nationalbank und Privatbanken daherkommt, so daß dem Otto-Normal-Mitdenker graust, er also hinterher genauso schlau ist wie vorher (nebenbei: Sollte dies der Sinn von Aufklärung per ‚Gegenstandpunkt‘ sein?), kürzt sich auf den schlichten Sachverhalt zusammen, daß – statt daß der Staat einfach seine Notenpresse ingangsetzt, so daß die Inflationierung seines schönen Nationalgeldes so sicher wie das Amen in der Kirche ist – der moderne bürgerliche Souverän auf das für seine Geldmaterie, deren Existenz als allseitiges Warenäquivalent bzw. dessen Stellvertreter notwendig unterstellt sein muß, jedenfalls der Absicht nach nützlich sein sollendes Verfahren verfallen ist, in einem furchtbar komplizierten System von Banknotenausgabe gegen Hereinnahme von Wertpapieren es den Banken und seiner Geschäftswelt über die Etablierung eines Gläubiger-Schuldner-Verhältnisses zum verpflichtenden Auftrag zu machen, aus seinen Geldzeichen in der Form der Weiterreichung derselben als Kredit Geschäfte zu machen. Es mag sich sogar zusammenreimen, daß das unbestritten mit Geldfunktionen ausgestattete Kreditgeld einige Wucht in Sachen Erwirtschaftung wirklicher Geldüberschüsse entfaltet und darüber sowas wie eine materielle Unterfütterung der für sich genommen wertökonomisch substanzlosen Staatsgeldmaterie – nur: die Differenz zwischen Geld als solchem und, wie der Staat es in Kreditform seinen Lieblingsbürgern als Reichtumsvermehrungsauftrag an die Hand gibt, wird dadurch nicht ausgelöscht!

Zum Schluß weise ich eure gehässige Manier zurück, mich in einen Topf mit bürgerlichen Ökonomen oder marxologischen Transformationstheoretikern zu werfen, die über die Konstatierung einer Differenz zwischen Wert- und Preisbewegung das Wertgesetz leugnen.

Antwort der Redaktion

1. Zu unserem Dissens über die „kapitalismusimmanente Notwendigkeit“ einer „reellen verselbständigten Wertgestalt“

„Aus sich heraus“ schaffen wertlose Papierzettel es nie, als Geld zu fungieren. Dass „die Staaten kraft ihrer Gewalt eine beliebige Geldmaterie mit Zwangskurs in die Welt setzen“, ist dir bekannt, reimt sich für dich aber nicht damit zusammen, dass alle Geldfunktionen doch ein „reelles allgemeines Äquivalent“ voraussetzen, dem dieselbe „politökonomische Substanz“ innewohnt wie der Warenwelt überhaupt. Prüfen wir also, was es mit dieser „Substanz“ auf sich hat.

Wahrscheinlich können wir uns schnell auf das Stichwort „vergegenständlichte Arbeit“ einigen; wohl auch darüber, dass es sich bei der Größe, die in der beim Kaufen und Verkaufen praktizierten Gleichsetzung unterschiedlicher Güter das „substanziell“ Identische ausmacht, nicht um die „konkrete“ Arbeit handelt, die sich in der besonderen Beschaffenheit eines Produkts niederschlägt und insoweit dinglich auffinden lässt, sondern um „abstrakte Arbeit“, „Arbeit überhaupt“, die eben unterschiedslos in allen Elementen der kapitalistisch hergestellten Warenwelt „drinsteckt“. Was ist das für eine „Substanz“, diese „Arbeit überhaupt“? Gehen wir die Sache durch, so kurz es geht, und so prinzipiell, wie du es offenbar haben willst.

Produziert wird in der „Marktwirtschaft“, was auch immer, für den Tausch. Das „marktwirtschaftlich“ Interessante an einem Produkt, sein ökonomischer Gehalt, liegt nicht in seinem konkreten Nutzen, sondern darin, dass es für andere einen konkreten Nutzen hat, die davon aber ausgeschlossen sind – eben bis im Tausch ihr Ausschluss aufgehoben wird. Für den Produzenten liegt der Nutzen seiner Arbeit, der „marktwirtschaftliche“ Wert seines Produkts, in der ausschließenden Verfügungsmacht über produzierte Sachen, an denen andere einen Bedarf haben. Der Tauschakt bringt dann eine quantitative Bestimmung dieses Werts zu Wege, nämlich per Gleichsetzung der Verfügungsmassen, die das gegenständliche Produkt für jeden der Tauschpartner darstellt. Der wahre „marktwirtschaftliche“ Nutzen der Arbeit, ihr „eigentliches“ Produkt besteht demnach in einem Quantum Verfügungsmacht, das in der für den Tausch produzierten Sache dinglich vorliegt und über dessen Größe auch allein der Tausch praktisch entscheidet. Auf die geleistete Arbeit kommt es bei all dem gegenständlichen Reichtum, den „die Marktwirtschaft“ hervorbringt, folglich in einem ganz speziellen Sinn an: Sie fungiert, ihrer entscheidenden ökonomischen Bestimmung nach, als Quelle von Tauschwert, setzt mit ihren konkreten Produkten eigentlich nichts anderes als mehr oder weniger große Mengen von im Tausch zu realisierender Verfügungsmacht über gesellschaftlichen Reichtum in die Welt, zählt demnach selber nur nach ihrer Menge; dabei aber noch nicht einmal nach der Anzahl der wirklich aufgewandten Arbeitsstunden, sondern – es geht ja um Verfügungsmasse fürs Tauschen – um das unter den allgemein herrschenden Produktionsbedingungen und für den herrschenden gesellschaftlichen Bedarf durchschnittlich notwendige Quantum; das, wie gesagt, erst und gar nicht anders als durch den Tausch selbst „ermittelt“ wird, sich auch gar nicht unabhängig davon, sondern immer nur in der Gleichsetzung verschiedener Arbeitsprodukte darstellen lässt. Der Tauschwert, um den sich in der „Marktwirtschaft“ alles dreht, ist also nichts anderes als der Reflex einer sehr speziellen Art und Weise, gesellschaftlich zu produzieren – eben so, dass die für fremden Bedarf erstellten Produkte diesem Bedarf vorenthalten und nur per Tausch zugänglich werden. Der „marktwirtschaftliche“ Wert von Arbeitsprodukten besteht in nichts anderem als in der im Tausch quantifizierten privaten Verfügungsmacht über sie; Arbeit zählt ausschließlich danach, dass sie ein solches Wertquantum hervorbringt. Was der „marktwirtschaftliche“ Warenwert – im Gegensatz zum „konkreten“ Nutzen eines Produkts – vorstellig macht, ist – anders ausgedrückt – nicht die verausgabte Arbeit selber, sondern der Dienst, den die Arbeit für die Schaffung von im Tausch betätigter, darin auf die Probe gestellter und quantitativ bemessener privater Macht über von anderen geleistete Arbeit erbringt. Der Tauschwert ist nichts anderes als ein Quantum Eigentum – so wie Eigentum nichts anderes ist als die Rechtsform des Wert, den das Produzieren in der Marktwirtschaft hat und schafft.

Im Warenwert liegt die gesellschaftlich herrschende Zweckbestimmung der Arbeit: ihre Indienstnahme für die Vermehrung der Privatmacht des Eigentums, als quasi-dingliche Eigenschaft der Produkte vor. Über die gesellschaftliche Arbeit wird in der „Marktwirtschaft“ dementsprechend verfügt, nämlich erstens durch das Eigentum mit seiner privaten Kommandomacht, zweitens für den Zweck seiner Vermehrung. Sachgerecht, nämlich im Sinne ihres abstrakten Charakters eingesetzt wird sie drittens als Produktionsfaktor, der auf der einen Seite zu den gegebenen und dauernd weiterentwickelten Konkurrenzbedingungen möglichst lange tätig sein muss, dessen eigener Tauschwert auf der anderen Seite einem möglichst geringem Quantum der in dieser Zeit produzierten Ware zu entsprechen hat. In der Maximierung der Differenz dieser beiden Größen liegt der maßgebliche Zweck allen Produzierens in der „Marktwirtschaft“ und damit der „substanzielle“ Grund und eigentliche ökonomische Inhalt der Abstraktion, der die Arbeit unterworfen ist, wenn sie Tauschwert schafft; im Mehr an produziertem Wert gegenüber dem für den „Faktor Arbeit“ verausgabten verwirklicht sich der Dienst am Eigentum, der in der Bestimmung des Arbeitsprodukts enthalten ist, seinen eigentlichen ökonomischen Wert nicht in seinem ordinären dinglichen Gebrauchswert, sondern als Verfügungsmasse für den Tausch zu besitzen.[1] Umgekehrt tritt die kapitalistische Zweckbestimmung der Arbeit den Menschen bereits im Warencharakter ihrer Produkte wie ein dingliches Verhältnis zwischen Tauschgegenständen entgegen: als „Sachgesetz“ ihrer Ökonomie. Diese Absurdität, dass ein gesellschaftliches Verhältnis, nämlich die in der Erwirtschaftung von „Mehrwert“ praktizierte private Kommandogewalt über die gesellschaftlich notwendige Arbeit, im Warenwert gegenständlich vorliegt, hat Marx dazu bewogen, vom Tauschwert als „Fetisch“ zu reden.

Sind wir uns bis hierher noch einig? Dann fängt die Meinungsverschiedenheit möglicherweise bei der Frage an, worauf dieses absonderliche gesellschaftliche Verhältnis seinerseits beruht. Es fällt ja nicht vom Himmel. Es entstammt ganz gewiss nicht der Warenwelt – deren politökonomischen Bestimmungen liegt ja umgekehrt die besprochene alles beherrschende „Abstraktions“-Leistung zu Grunde. Einem bewusst so getroffenen Arrangement der wirtschaftenden Subjekte entstammt es schon gleich nicht – das wäre ja Planwirtschaft, also das Gegenteil von verdinglichter Verfügungsmacht. Für eine bloße kollektive Täuschung ist es viel zu solide – die Täuschung, wonach die Güter dieser Welt von sich aus Tauschwert hätten und die Arbeitsprodukte „per se“ ein Quantum Verfügungsmacht repräsentieren, ergibt sich umgekehrt ihrerseits aus dem materiellen gesellschaftlichen Lebensprozess, der per Verkauf und Kauf privateigentümlicher Produkte vonstatten geht. Wie es zu dieser – nicht zufällig so genannten – politökonomischen Konditionierung allen Arbeitens und Konsumierens kommt, ist andererseits nicht schwer zu ermitteln: Ein Produktionsverhältnis, das die Massen der Gesellschaft dazu verurteilt, als „Faktor Arbeit“ für den Zweck maximaler „Wertschöpfung“ eingesetzt zu werden, und das diese Zweckbestimmung im Tauschwert aller Produkte als Bedingung für deren Gebrauch vergegenständlicht, beruht auf alle Fälle auf Gewalt. Und zwar auf einer solchen, die nicht punktuell wirkt, sondern die Gesellschaft unwidersprechlich und flächendeckend, als allgemeine Existenzbedingung, beherrscht. Nach der braucht man in den kapitalistischen Gesellschaften nicht lange zu suchen: Mit seinem Rechtsschutz für die freie Person, der er damit den Verkauf der eigenen Physis als „Faktor Arbeit“ gestattet, sowie fürs Eigentum, das alle Bedarfsartikel einem ausschließenden privaten Verfügungsrecht zuordnet, herrscht der bürgerliche Staat seiner Gesellschaft die grundlegende „Abstraktion“ auf, die dann in gegenständlicher Form deren Produktionsprozess bestimmt.

Um Missverständnissen vorzubeugen: Der bürgerliche Grundgesetzgeber hat von „abstrakter Arbeit“ ganz bestimmt keine Ahnung. Schon gar nicht betätigen sich die Regierungen kapitalistischer Nationen – außer in Ausnahmefällen, die die Regel bestätigen – als Instanz, die den Arbeitsprodukten ihren Tauschwert zuzuweisen hätte; das wäre, nochmals, das gerade Gegenteil der die „Marktwirtschaft“ so sinnreich beherrschenden Verrücktheit, dass allein die praktizierte Gleichsetzung mit einem Äquivalent den Wert als quantitative Größe realisiert; die Staatsmacht würde damit außer Kraft setzen, was sie ihrer Gesellschaft gerade aufherrscht.[2] Sie braucht aber auch gar nichts vom Wert und seiner Realisierung zu wissen, um ihren ganzen Laden den „Gesetzen“ des Werts höchst wirksam zu unterwerfen. Es langt völlig, dass sie Person und Eigentum heilig spricht: Damit ist, auch wenn das außer ein paar Marxisten niemand einsehen mag, das Produkt der gesellschaftlich verrichteten Arbeit praktisch als im Tausch zu bewährendes quantifiziertes Verfügungsrecht „definiert“, und „die ganze kapitalistische Scheiße“ geht ihren Gang; nach ihren immanenten Sachgesetzen. Denn genau damit ist das Privateigentum dazu ermächtigt, eigenmächtig, nach seiner kapitalistischen Rechnungsweise, über die produktive Arbeit zu verfügen; und diese Ermächtigung, „vergegenständlicht“ im Warenwert, ist allem gesellschaftlichen Treiben als elementare Bedingung vorausgesetzt. Der Staat selbst behandelt das Gewaltverhältnis, dem er die Gesellschaft unterwirft, in dessen erster und grundlegender Erscheinungsform, nämlich in Gestalt von wertmäßig beziffertem Eigentum, als einen Sachverhalt, den er vorfindet, und die kapitalistischen Konsequenzen als ein ökonomisches Sachgesetz, das er nolens, volens zu respektieren hat wie ein „Gesetz“ der Natur – dies die Form, in der er den Wert, das Werk seiner Gewalt, verabsolutiert. Auf der Basis treiben die durchaus nicht naturgegebenen Prinzipien der „abstrakten“ Arbeit das ganze System der Ausbeutung hervor und voran, ohne dass irgendetwas davon von Staats wegen erst ausgedacht werden müsste – von Staats wegen geschützt, elaboriert, haltbar gemacht, weiterentwickelt usw. wird dieses System freilich schon (dazu später ein paar Bemerkungen). Die erste, systembildende Leistung der bürgerlichen Staatsgewalt besteht aber eben darin, dass sie mit ihrem Gewaltmonopol, also per Recht, die Benutzung der menschlichen Arbeitskraft als „Faktor Arbeit“ gestattet, die Herrschaft des Eigentums über den Gebrauchswert etabliert, also – was dasselbe ist – die „Kategorie“ Wert in die Welt setzt..

Langer Rede kurzer Sinn: Die „politökonomische Substanz“, von der du weißt, dass sie im Geld „vergegenständlicht“ vorliegt, ist nichts anderes als das Gewaltverhältnis, das die kapitalistische Gesellschaft beherrscht. Diese gewaltsam geltend gemachte und durchgesetzte „Abstraktion“ hat ihren Urheber im Staat; der freilich stellt sie nicht bloß her, sondern wie einen selbstursprünglichen Sach-Verhalt vor sich hin und wendet seine Gewalt dafür auf, dass in seiner Gesellschaft dessen „immanente Notwendigkeiten“ gelten, dass sie sich bis zur letzten Konsequenz des gesellschaftlichen Lebensprozesses bemächtigen und dass niemand stört; er agiert als „gehorsamer“, nämlich ökonomisch vernünftiger Sach-Walter „der Wirtschaft“. Wir hätten es uns auch einfach machen und dich fragen können, an was für eine „Substanz“ du denn eigentlich denkst, wenn von der politischen Ökonomie des Werts die Rede ist – also nicht von Natur, konkreter Arbeit, Arbeitsteilung, Konsum usw. –, und ob dir zu den gesellschaftlichen Verhältnissen, die im „Wertgesetz“ eine so absurde Form annehmen, irgendetwas Substanzielleres einfällt oder überhaupt eine andere „Substanz“ als die politische Gewalt, die zum Beispiel neulich einen ganzen „Ostblock“ mit dem Wert als ab sofort alleingültigem Lebensgesetz der Gesellschaft konfrontiert hat. Aber sei’s drum; vielleicht hilft die ausführliche Befassung mit deiner so fundamentalistisch ansetzenden Frage ja was.[3]

Was folgt aus all dem für dein Rätsel, wie um alles in der Welt Papierzettel und verselbständigte Wertgestalt zusammenpassen können? Nun, zumindest so viel: Wenn du dir – woher auch immer – sicher bist, dass „keine Staatsgewalt der Welt“ „die kapitalismusimmanente Notwendigkeit“ von Geld im Sinne einer „absoluten Ware“ „ersetzen oder aushebeln“ „kann“, dann möchten wir dir zu bedenken geben, dass alle bürgerlichen Staaten „mit ihrer noch so souveränen Gewalt“ die „kapitalismusimmanente Notwendigkeit“ des Gelderwerbs, die Abhängigkeit des gesamten gesellschaftlichen Lebens und Überlebens vom abstrakten Reichtum und dessen Vermehrung, zuallererst einmal herbeiführen und viel Einsatz darauf verschwenden, diese „Notwendigkeit“ zu pflegen und auf den ganzen Globus auszudehnen. Sie „hebeln“ also ganz bestimmt nichts für den Kapitalismus Essentielles aus, wenn sie die Frage nach einem so richtig substanziell „werthaltigen“ Geld heutzutage praktisch dahingehend „beantworten“, dass ihr Dekret ganz gut zum vollwertigen „Geldfetisch“ taugt.

Die Staatsmacht knüpft damit im Gegenteil sehr konsequent und sachgemäß an die Leistungen an, mit denen sie seit jeher für ein gültiges Geld sorgt, nämlich seit es flächendeckend kapitalistisch produzierende Nationalökonomien überhaupt gibt. Wenn sie – unabhängig von ihr entstandene Unsitten konstruktiv fortführend[4] – Gold oder ähnliche Bergwerksprodukte zum verbindlichen allgemeinen Äquivalent erklärt, dann setzt sie damit den Warencharakter der ausgeguckten Edelmetallstücke, den Tauschwert, den sie selber als Produkte „abstrakter“ Arbeit haben, zu einer bloßen Voraussetzung herab: dafür, dass sie fortan für die Abstraktion selber stehen – nicht mehr für ihren, sondern für Tauschwert schlechthin. Sie legt den Gebrauchswert von Gold oder Silber in die Bestimmung – die dem Metall dann wie seine neue ökonomische Eigenschaft anhaftet –, Tauschwert allgemeingültig zu bezeichnen; sie macht das Edelmetall mit seinen Gewichtseinheiten zum Symbol im Sinne eines gegenständlichen Inbegriffs von Tauschwert überhaupt. Schon das ist ein bemerkenswerter und im Übrigen unentbehrlicher „politischer“, öffentlich-rechtlicher „Eingriff“ in die kapitalistische Ökonomie; nicht bloß darin, dass ausgerechnet dem Gold oder Silber dieser absurde Gebrauchswert eines real existierenden Inbegriffs beigelegt wird, sondern vor allem insofern, als dadurch aus dem metallischen Zeug Geld wird. Ein fundamentaler Staatsakt legt einem unschuldigen – oder besser: dank überlieferter Übung schon gar nicht mehr unschuldigen – Bergwerksprodukt verbindlich die gesellschaftliche Bedeutung bei, per se unmittelbar und universell wirksam private Zugriffsmacht auf „lebendige“ und „tote“ Arbeit zu präsentieren. Die damit vollzogene Ermächtigung eines Gegenstandes ist – um das noch einmal zu betonen – ein Un-Ding: Natürlich besitzt nicht das Gold irgendeine „substanzielle“ Macht, sondern die Gesellschaft wird darauf festgenagelt, ihren Lebensunterhalt über den Erwerb von solchem Zeug zu bewerkstelligen. Aber diese Festlegung, die gesetzliche Nötigung aller Rechtssubjekte, vollzieht der moderne Rechtsstaat allen Ernstes in der Form, dass er Gewichtsquanta eines Elements ziemlich weit oben im Periodensystem in den „Rang“ von Quantitäten unmittelbar wirksamer privateigentümlicher Verfügungsmacht erhebt. Das kriegt er – einerseits – gar nicht hin, ohne an den im Tausch „ermittelten“ oder, historisch genauer, an den im vorgefundenen Geldverkehr der vorkapitalistischen Gesellschaft praktisch unterstellten eigenen Tauschwert der Ware Gold anzuknüpfen; schließlich will er ja seiner Gesellschaft keine Wertbestimmungen vorschreiben, sondern dem im Tauschverkehr praktisch bemessenen Eigentum ein allgemeines Maß an die Hand geben. Indem er das tut, trennt er – andererseits – zugleich den Tauschwert, den ein Goldstück fortan verbindlich symbolisiert, von dem Tauschwert, den es als bloße Ware gehabt haben mag, ab, fixiert mit seinem Prägestempel eine ideelle Bewertung der Geldmaterie und macht so schon kenntlich – wenn es denn einer zur Kenntnis hätte nehmen wollen –, was die Geldqualität des edlen Stoffs eigentlich ausmacht: Es ist sein Machtwort, das den Gesellschaftsmitgliedern fortan als die „Macht des Geldes“ im Gold gegenübertritt.

Dass dieses Machtwort sich von der Materie, die es gesetzlich als allgemeines Äquivalent bezeichnet, noch viel weiter emanzipieren kann: zu dieser Erkenntnis ist die moderne bürgerliche Staatsgewalt schon ziemlich bald gelangt; mit ihrem Beschluss nämlich – gleichfalls anknüpfend an vorgefundene kaufmännische Gewohnheiten –, papierenen Geldzeichen die Macht zur Erfüllung von Geldfunktionen zuzuschreiben; mehr oder weniger sogar aller Funktionen, die im Geschäftsalltag so anfallen. Auch das hat sie schnell begriffen und gleich akzeptiert und rechtlich abgesegnet und sich zunutze gemacht, dass sich Geld sogar in vielerlei Hinsicht durch versprochenes, aber – noch – gar nicht vorhandenes Geld ersetzen lässt, ohne dass die „Substanz“ der Sache, nämlich die unmittelbar wirksame private Verfügungsmacht, darunter leiden müsste. Und als hätten sie begriffen, was sie da schon längst treiben; als wollten sie ihren aufs Geldverdienen festgenagelten Untertanen vor Augen führen, dass es beim Geld wirklich nur auf die allgemeinverbindliche dingliche Existenz ihres Machtworts und irgendein marktwirtschaftlich anerkanntes quantitatives Maß dafür ankommt – und letztlich überhaupt nicht mehr auf den Tauschwert, den das als allgemeines Äquivalent benutzte Material ursprünglich einmal als seinen eigenen Tauschwert eingebracht haben mag: jedenfalls durch ihre eigene Praxis „belehrt“, sind die modernen Souveräne zu ihrer heutigen Errungenschaft übergegangen, Gold und Silber aus ihrem Dienst als Geldmaterie zu erlösen und in allen ihren Geldfunktionen definitiv und vollgültig durch schriftliche Kennzeichen zu ersetzen. Das einzige Problem, das sie in der Hinsicht seither mit ihrem Zettelgeld haben, ist die Ausstattung der Papiere mit Sicherheitsmerkmalen, die eine dem Metallgeld vergleichbare Garantie dafür bieten, dass sich nicht jeder Copy-Shop an den Geboten des redlichen Warentauschs vorbei sein allgemeines Äquivalent schaffen kann. (Welche politökonomischen Zwecke ein moderner Staat mit dem Übergang zur Papierwährung vor allem verfolgt und was er sich damit an weiterführenden ökonomischen Problemen einhandelt, darauf kommen wir später noch mal zurück.) Mittlerweile bezeichnet und repräsentiert die staatlich fabrizierte Geldware die quantifizierte Privatmacht des Eigentums haargenau so gut oder schlecht, wie die in Bergwerken abgebaute oder aus Flüssen herausgewaschene es je getan hat. An der politökonomischen „Substanz“, auf die es im Kapitalismus ankommt, fehlt es ihr jedenfalls nicht – so lange jedenfalls nicht, wie ein erfolgreicher Souverän dahintersteckt.

Wir finden es im Übrigen auch in moralischer Hinsicht ganz angemessen, dass der bürgerliche Staat sich heutzutage nicht mehr mit der Herstellung von Geldzeichen begnügt, sondern mit der eigenmächtigen Stiftung einer definitiven nationalen „Geldmaterie“ – dein Ausdruck! – in Zettelform faktisch dazu bekennt, dass hinter den ersten und letzten politökonomischen Kategorien und systemimmanenten Notwendigkeiten des Kapitalismus nichts Objektiveres steckt als die Gewalt, mit der er seiner Gesellschaft das absurde Gesetz des Werts aufoktroyiert. Denn es ist doch so: Dass im Kapitalismus, der die Produktivkräfte in gigantischem Umfang entwickelt, immer noch aller Reichtum seinen Grund und daher sein Maß darin hat, dass möglichst viel und lange gearbeitet wird und die Arbeiter mit dem Gegenwert der Ergebnisse eines möglichst geringen Bruchteils ihrer Arbeitszeit abgespeist werden, ist einer der schlechtesten Witze der Weltgeschichte. Dass der überhaupt Bestand hat, liegt an der Omnipräsenz des souveränen Gewaltmonopolisten, der ihn seiner Gesellschaft aufherrscht – zum Nutzen derer, die arbeiten lassen; zum Schaden derer, die arbeiten müssen. Das Zwangsgesetz, auf das die Menschheit da festgelegt wird, hat eine dingliche Gestalt: Das Geld ist die real existierende Gleichung zwischen Reichtum und Arbeiten-Lassen. An welchem Stoff die Staatsgewalt diese Gleichung festmacht, ist für das Verhältnis, das sie damit befestigt – „das Wertgesetz“ –, gleichgültig. Dass sie sich heutzutage dazu entschlossen hat, ihr Diktat nicht mehr in der politökonomischen Auszeichnung eines speziellen Metalls gegenständlich werden zu lassen, sondern in einem gesetzlich geschützten Papierlappen, das fügt dem erwähnten schlechten Treppenwitz der Weltgeschichte den passenden weltgeschichtlichen Hohn hinzu: ‚Seht her, welches Kombinat aus Irrwitz und Gewalt hinter dem „substanziellen“ Höchst-Wert steckt, um den die kapitalistische Welt mit „immanenter Notwendigkeit“ herumrotiert!‘

Natürlich kapiert die erwerbstätige Bürgerschaft diesen Hohn so wenig wie die kapitalistische Bourgeoisie, und die Staatsgewalt mit ihrer Fed oder ihrer Euro-Bank meint es schon gar nicht so. Aber vielleicht hilft dir das was zum Verständnis unserer zutiefst respektlosen Auffassung von der verselbständigten Wertsubstanz, bei der es mittlerweile wirklich keinen Unterschied macht, ob sie golden schimmert oder gleich als purer Schein daherkommt.

2. Zu unserem Dissens über den Ursprung des Kredits

Du legst großen Wert auf den „Unterschied…: Überproduktion, Überakkumulation ist nichts sich erst im Resultat Ergebendes“ usw. Für sich genommen ist uns die Alternative „im Ausgangspunkt enthalten“ oder „im Resultat sich ergebend“ keine Auseinandersetzung wert – alles, was die kapitalistischen Produktionsverhältnisse an notwendigen Folgen zeitigen, ist „im Ausgangspunkt“ impliziert und tritt „im Resultat“ ein. Für dich scheint diese Unterscheidung aber deswegen wichtig zu sein, weil du „Überakkumulation“ gleichsetzt mit dem Widerspruch zwischen Lohn als zu verringernder Kost des Kapitals und Lohn als zur Realisierung von Warenwert in Anspruch genommener Kaufkraft und darüber zu der Behauptung gelangst: „aller kapitalistischer Produktionsprozeß … ist per se Überproduktion.“ Damit liegst du falsch, und die Sache lässt sich auch leicht aufklären – vielleicht hast du nur etwas ganz Banales vergessen: In seinem Produktions- und Zirkulationsprozess schafft das Kapital Güter und Zahlungsfähigkeit weiß Gott nicht bloß fürs ausgebeutete Volk, so dass alles, was über den Massenkonsum hinaus produziert wird, ein „Über“ wäre! Klar: Wenn es für die Realisierung seiner Ware auf das bisschen „Massenkaufkraft“ angewiesen wäre, die es seinen Arbeitskräften als Preis ihrer Arbeit zufließen lässt, dann wäre das Kapital in der Tat schnell am Ende. Aber zuerst und vor allem macht es sich selbst extrem zahlungsfähig: Neben der Revenue der Kapitalisten fließen die Auslagen für die Produktion samt Mitteln für Neuinvestitionen in die Unternehmenskassen. Ganz nebenher wird auch noch eine ganze Klasse von Grundbesitzern immer reicher; und ein Riesenhaufen frisch geschaffener Zahlungsfähigkeit landet beim Staat, der für seine edlen Zwecke als „ideeller Gesamtkapitalist“ und sehr reeller Kostgänger der Mehrwertproduktion konsumiert, was die Ausbeutung der Lohnarbeit für ihn abwirft. An diese Kundschaft wird das Kapital auch das Allermeiste von dem Warenberg los, den es produziert; in den proletarischen Konsum geht nur ein Bruchteil davon ein. Um es in der Marx’schen Terminologie zu sagen: Konstantes Kapital und Mehrwert zirkulieren doch auch! Um Kaufkraft, die ihnen ihr „c“ zurückfließen lässt und ihr „m“ versilbert, brauchen die Kapitalisten noch weniger verlegen zu sein als um „v“; denn die stiften sie selber beieinander. Das Kapital akkumuliert also wirklich, wälzt immer größere Massen privaten Reichtums um – mehr Produktionsmittel, mehr Ware, mehr Geld… –, ohne dass fürs Erste ein „Über“, ein Gegensatz zur beschränkten Konsumtions- und Zahlungsfähigkeit der Gesellschaft, absehbar wäre.

Das heißt nicht, dass es den Widerspruch am Lohn nicht gäbe, an den du erinnerst: Die Gemeinheit begleitet die kapitalistische Akkumulation in allen ihren Phasen, dass die arbeitende Mannschaft sich von dem immer größeren Warenhaufen, den sie schafft, relativ immer weniger und bisweilen auch absolut nicht mehr so viel wie zuvor kaufen kann. Aber das ist nichts, was die Akkumulation des Kapitals bremsen oder gar in die Schranken eines immer geringeren „variablen Kapitals“ einmauern würde – das ernst genommen, hieße ja, dass ausgerechnet der Kapitalismus es letztlich nie weiter bringen könnte als zu einem Versorgungsunternehmen für seine proletarischen Dienstkräfte (was du ja gewiss nicht meinst und sagen willst!) und dass der Zweck des Ganzen, die Akkumulation privaten Reichtums, sich als ständig scheiternder Fehlversuch wegkürzen würde! Nein: Der Widerspruch, an den du erinnerst, gehört zur Zirkulation und Akkumulation des Kapitals, also zur Produktion und Realisierung einer immer gigantischeren Summe von geschaffenem Warenwert, nicht als Schranke, sondern als immerwährender Nebeneffekt hinzu. Das ist doch gerade der schlechte Witz, dass die zunehmende Bereicherung der einen Klasse auf der produktiven Verelendung der anderen Klasse beruht; alle damit verbundenen Nöte und Widersprüche gehen voll und normalerweise ausschließlich zu Lasten derer, die für wenig Geld immer mehr Geld in der Hand ihrer Arbeitgeber erarbeiten dürfen. Probleme mit den Fortschritten dieses Verhältnisses bekommen unter den Kapitalisten allenfalls diejenigen, die überwiegend in dem Bruchteil des „Marktes“ Geld absahnen, in dem der proletarische Bevölkerungsteil mit seinem Lohn unterwegs ist. Da mag dann einem Unternehmen wie VW das harte Schicksal widerfahren, dass es seine Modellpalette nach unten um einen billigen Polo und nach oben um einen Bugatti abrunden muss. Aber wie sollte darüber das kapitalistische Wachstum zum Erliegen kommen?

Zu dem absurden Zwischenergebnis bringen es die Kapitalisten im Zuge ihrer Bereicherung allerdings schon, und zwar in Abständen immer wieder: dass ihr Reichtum zu groß wird, zu erfolgreich akkumuliert, um für ihre Zwecke, und das heißt: für den Zweck, der die gesellschaftliche Produktion beherrscht, nämlich für weiteres Wachstum, noch nützlich sein zu können; was nach allen Regeln der „marktwirtschaftlichen“ Vernunft nicht etwa zur Freisetzung des überschießenden Reichtums für andere Zwecke, sondern zu dessen partieller Vernichtung führt; über diese Perversion hat Marx sich schon im ‚Kommunistischen Manifest‘ aufgeregt. Und die hat in der Tat mit den Fortschritten bei der kapitalistischen Ausnutzung immer billiger gekaufter Arbeit „etwas zu tun“; darüber, dass da ein Zusammenhang besteht, brauchen wir nicht zu streiten. Aber wie sieht der aus? Du hast schon recht – wenn du bloß das gemeint hast: Wenn eine allgemeine Stockung des Kapitalumschlags eintritt, weil geschaffener Wert nicht zu realisieren ist, und das nicht bloß punktuell, was im Konkurrenzkampf der Kapitalisten laufend passiert, sondern so, dass das Scheitern der einen auch die anderen mit hereinreißt, die Konkurrenz also nicht triumphieren lässt, sondern gleichfalls schädigt: dann machen sich da Grenzen der gesellschaftlichen Zahlungsfähigkeit bemerkbar; und für die engen Grenzen der Teilmenge, die vom Kapital als „Massenkaufkraft“ für die Realisierung eines Teils des Warenangebots verplant ist und beansprucht wird, sorgen die Arbeitgeber mit ihrem Kampf um die Versilberung ihrer Ware selber. Daraus folgt aber gerade nicht, dass das Kapital mit seinem Wachstum letztlich und irgendwie doch in diese selbstgeschaffenen Schranken eingesperrt bliebe – was der Ablauf der kapitalistischen Krise übrigens selber zeigt. Denn der Effekt tritt ja gar nicht ein, dass das nicht mehr verwertbare Übermaß an Produktionsmitteln, Waren und Geld auf das Maß dessen reduziert würde, was – ausgerechnet! – die lohnarbeitende Klasse mit ihren geschrumpften Löhnen gerade noch realisieren kann. Vor allem anderen reduzieren doch die Kapitalisten schon bei den ersten Anzeichen der Krise zur Rettung ihrer Zahlungsfähigkeit ihre Lohnzahlungen, lassen also den flächendeckenden Einbruch ihrer Geschäfte, den sie fürchten, schon wieder von denen ausbaden, deren Arbeit sie immer rentabler ausgebeutet haben. Und wenn sie dann neu loslegen, dann tun sie das unter erst recht verschärften Bedingungen, nämlich für noch weniger Lohn pro Arbeitsleistung. So lösen sie den Widerspruch zwischen Lohn als Kost und Lohn als Kaufkraft in der Krise praktisch auf, nämlich zu Lasten des „Faktors Arbeit“ und des Lebensunterhalts der lohnarbeitenden Klasse. In ihren eigenen Reihen finden sich die Krisengewinnler, die nach Streichung des Kapitals ihrer Konkurrenten mit aufgefrischter Profitrate von neuem an ihr altes Werk gehen.

Was hat also der Fortschritt der Ausbeutung mit der Krise zu tun – und wie kommt es überhaupt zu dem absurden Effekt, dass das Kapital, das nichts als akkumulieren kann und will, periodisch zu viel akkumuliert? Wir könnten es uns einfach machen und dich – und alle Leser, die jetzt furchtbar gespannt sind, wie die Story ausgeht – auf die Artikel „Gründe und Besonderheiten der gegenwärtigen Weltwirtschaftskrise“ in GegenStandpunkt 4-92, S.83 und „Arbeit und Reichtum“ in GegenStandpunkt 4-96, S.103 und GegenStandpunkt 1-97, S.3 verweisen. Aber zumindest ein paar Erläuterungen zum Kredit sind wir ja noch schuldig; und die sind hier einschlägig:

„Ursprung“ des Kredits ist nicht die „Not“, die du namhaft machst, weil es die Not gar nicht gibt – siehe oben. Er hat seine Grundlage aber auch nicht in irgendeinem anderen Mangel,[5] sondern im Gegenteil im Akkumulationsprozess selber. Der Umschlag des Kapitals setzt auf der einen Seite laufend Geldmittel frei, die ihr Eigentümer nicht sofort wieder in seinem eigenen Geschäft fruchtbar machen kann, aber auch keinen Moment lang „brachliegen“ lassen will – Kapitalisten finden sich glatt geschädigt, wenn auch nur das geringste Stück Kapitalertrag nicht unverzüglich wieder gewinnbringend umschlägt. Auf der anderen Seite verlangt dasselbe „existenzielle“ Bedürfnis von Produzenten und Kaufleuten, den Umschlag ihres Kapitals kontinuierlich zu gestalten, ihn zu beschleunigen und mehr Kapital umschlagen zu lassen – ein Interesse an Gewinnsteigerung, das zusammenfällt mit der süßen Not kapitalistischer Unternehmer, bei Strafe ihres Untergangs immer mehr Reichtum zu akkumulieren –, gebieterisch nach dem Einsatz von Finanzmitteln, über die sie – noch – gar nicht verfügen. Das Leihgeschäft vermittelt beide Seiten, mobilisiert sämtliches Geld für mehr Akkumulation – und sogar noch weit mehr als das überhaupt vorhandene, wenn es erst einmal in die Hände professioneller Finanzkapitalisten geraten ist. Denn die schaffen es und sind auch glatt dazu befugt, Erträge, die erst in Zukunft – wenn überhaupt – erwirtschaftet werden, in gegenwärtigen Kapitalvorschuss auf eben diese Geschäfte zu verwandeln. Dabei wirkt der Kredit nicht bloß als enorme Triebkraft für den schnelleren Umschlag von mehr Kapital, sondern – obwohl er damit eigentlich gar nichts zu tun hat – wie eine zusätzliche Produktivkraft der Arbeit: Er befähigt die Unternehmer, die Ausbeutung ihrer Arbeitskräfte unabhängig von den Schranken ihrer firmeneigenen Investitionsmittel beständig zu perfektionieren. So verschärfen sie ihre Konkurrenz um Marktanteile, erschweren einander also das Geschäft, und zugleich – das ist so ein richtig schöner kapitalistischer „Widerspruch“! – wird das Gelingen der kreditierten Geschäfte damit zu einem Sachzwang der höheren Ordnung: Aus der Rendite muss die Bank mit ihren Ansprüchen mitbedient werden; sonst ist das Geschäft nicht bloß nicht gewachsen, sondern insgesamt geplatzt, und womöglich kriegt sogar das Kreditinstitut statt Zinsen einen Abschreibungsbedarf. Doch gäbe es den ganzen Geschäftszweig nicht – und schon gar nicht die Frankfurter Skyline –, wenn der Fehlschlag nicht die Ausnahme von der Regel wäre, dass das „fiktive“ Kapital mit seinem produktiven Sachzwang zum Erfolg die Akkumulation des Kapitals vorantreibt.

Das muss der Kredit jedenfalls erst einmal bringen, bevor er es dann immer wieder dahin bringt, dass seine eigenen Ansprüche auf Bedienung aus gelingendem Geschäft selber dermaßen akkumulieren, dass sie die schönsten Ausbeutungsraten überfordern. Dazu kommt es nämlich, wenn alles, was die Mehrwertproduktion hergibt, und noch dazu, was das Finanzkapital spekulativ vorschießt, in immer neue Kapitalanlagen gesteckt wird, die die Konkurrenz immer schärfer werden lassen. Dann „muss“ immer mehr Vorschuss durch immer weniger immer exzessiver ausgebeutete Arbeit in gewachsenes Kapital verwandelt werden. Und das geht nur so lange gut, bis es endgültig gegen die Profitrate ausschlägt, nämlich das Verhältnis zwischen Vorschuss und Überschuss nicht mehr herzubringen ist, auf das Arbeitgeber, Kaufleute, „Finanzdienstleister“ und ein immer größerer „Überbau“ von „Derivatehändlern“ und anderen Spekulanten Anspruch erheben. Dermaßen viel Ertrag aus dermaßen gelungener Ausbeutung von Lohnarbeit ist dann in einer derartigen Masse von ganz stinknormalen wie von „Zukunftsinvestitionen“, von „klassischen“ wie von „innovativen“ Wertpapieren usw. als Anspruchstitel auf Rendite unterwegs, und das bei so harter Konkurrenz um die zahlungsfähige Nachfrage, dass deren Bedienung versagt. Dann bricht nicht bloß irgendein, sondern das Geschäft mal wieder zusammen, logischerweise zuerst am Finanzmarkt, im Verkehr zwischen Geldkapital und Kreditnehmern; und es muss ein Haufen fiktives und eine Menge reales Kapital gestrichen werden, bevor – und vor allem: damit es mit einer restaurierten Rendite wieder neu losgeht in die nächste Etappe der Kapitalakkumulation

So: weil Arbeiter „nur solange angewandt werden, als sie mit Profit für die Kapitalakkumulation angewandt werden können“, macht die beschränkte Aufnahmefähigkeit des Marktes sich als Schranke für die Kapitalakkumulation geltend und bleibt – schreibt Marx – die Armut und die Konsumtionsbeschränkung der Massen gegenüber dem Trieb der kapitalistischen Produktion, die Produktivkräfte so zu entwickeln, als ob nur die absolute Konsumtionsfähigkeit der Gesellschaft ihre Grenze bilde, der letzte Grund aller wirklichen Krisen (‚Kapital‘ Band III, S. 501).

3. Zu unserem Dissens über die ökonomische Natur des staatlichen Kreditgelds

Banknoten waren ursprünglich umlaufsfähige Kreditzeichen: marktgängig gestückelte[6] unverzinsliche Zahlungsversprechen, mit denen die emittierende Bank dem Inhaber der Note ein Recht auf ein entsprechendes Quantum des bei ihr lagerndes Geldes der Gesellschaft garantiert und denen sie dadurch den Rang von Zahlungsmitteln verleiht; was freilich nur so lange in Ordnung geht, wie die Bank zur Einlösung ihrer Garantie auch fähig bleibt bzw. ihre Fähigkeit, in wirklichem Geld zu zahlen, nicht auf die Probe gestellt wird. Solche „privaten“ Banknoten gibt es im modernen kapitalistischen Staat nicht mehr.[7] Statt dessen gibt es Zentralbankgeld: Noten, die wie ein klassisches banknotenförmiges Zahlungsversprechen mit einer Maßeinheit, einer Mengenangabe und dem guten Namen der ausstellenden (Staats)Bank bedruckt sind, die aber nicht bloß zusätzlich zu wirklichem Geld und unter Risiko und Bewertungsvorbehalt als Zahlungsmittel zirkulieren, sondern kraft Gesetz selber das Geld der Gesellschaft sind. Selbst wo aus alter Tradition noch ein Verweis auf einen Bruchteil eines – fiktiven – Goldschatzes der Ausgabebank das Druckerzeugnis ziert, handelt es sich bei der modernen Staatsbanknote nicht mehr um ein bloßes Geldzeichen; sie ist vielmehr selber der voll- und endgültige Repräsentant, die definitive „Inkarnation“ des „abstrakten“ Reichtums, das selbständig existierende allgemeine Äquivalent. Was daneben an Geldzeichen und Zahlungsversprechen in Papierform oder elektronisch zirkuliert, bezieht sich auf diese Noten, bezeichnet oder verspricht Zahlung in Zentralbankgeld; dieses selbst bezeichnet oder verspricht nichts Drittes – außer der gesetzlichen Garantie, dass man damit alles kaufen kann, dass jeder es als Zahlung nehmen muss usw. Es ist Maßstab der Preise und dinglich existierende Verfügungsmacht über gesellschaftlichen Reichtum – und es ist das so gut oder so schlecht wie in früheren Zeiten das in Gewichtseinheiten gestückelte Edelmetall, auf alle Fälle genau so verbindlich, und ein Zuwachs an Irrationalität ist auch nicht festzustellen. So die Faktenlage; und es ist auch kein Grund und keine „kapitalismusimmanente Notwendigkeit“ zu sehen – im Zweifelsfall: gehe zurück auf 1. –, warum das nicht gehen sollte.

Weil die Noten der Zentralbank kraft staatlicher Vorschrift Geld sind, kann man sie als Kaufmittel ausgeben oder als Schatz aufheben, als Kredit weggeben oder einen Kredit damit tilgen; und das Finanzgewerbe kann damit machen, was es mit dem Geld der Gesellschaft seit jeher tut: es bei sich zentralisieren, für die Geldbesitzer und Einkommensbezieher – bis hinunter zum Lohnempfänger mit seinem Postgirokonto – verwalten und vor allem auf Grundlage seiner Verfügung darüber Kreditnehmern Kreditlinien einräumen, Zahlungszusagen in die Welt setzen, also Kredit schöpfen und darüber die Konkurrenz und insgesamt die Kapitalakkumulation am Standort anheizen. Was eben diese politökonomische Hauptsache: die Freiheit zur Schaffung von Kredit – über die Schranken des vom Publikum verdienten und bei der Hausbank oder Sparkasse deponierten Geldes hinaus – betrifft, so kommt hier der wesentliche Vorzug des modernen Zentralbankgeldes vor der vorsintflutlichen Geldware zum Tragen – und der ist auch der Zweck, den die moderne Staatsgewalt mit ihrem Banknotenmonopol verfolgt: Wenn ein Kreditinstitut im Zuge seiner Geschäftemacherei, sei es in guten, sei es in Krisenzeiten, an den Punkt gelangt, wo es Zahlung nicht mehr bloß versprechen, sondern leisten muss, dann steht ihm, wenn auch unter allerlei restriktiven Bedingungen, eine im Prinzip unerschöpfliche Geldquelle offen. Es kann nämlich seinerseits bei der Zentralbank gegen Zins ausleihen, was es an Geld braucht. Es darf sich dort sogar Mittel beschaffen, um seine Geschäfte auszuweiten, ohne dass es je an die Grenzen eines Schatzes stoßen würde, der in Metallform vorhanden sein muss und nur so weit reicht, wie er eben reicht. Denn die Zentralbank ihrerseits gibt – im Rahmen der gesetzlich vorgeschriebenen Ausleihbedingungen und gegen Zins – so viel Geld her, wie das Bankgewerbe für sein Kreditgeschäft bei ihr nachfragt. Ihre Befugnis, Geld zu schaffen – vom Standpunkt der alten Geldware aus müsste man sagen: wie eine Goldgrube oder ein automatisch arbeitendes Silberbergwerk –, ist die letzte Sicherheit für das Finanzgeschäft, und zwar eine, die dieses Geschäft erst richtig freisetzt; genau dafür wird sie von Staats wegen auch eingesetzt. Umgekehrt kommt alles Geld, das in der Gesellschaft zirkuliert, auf dem Wege eines Leihgeschäfts zwischen Zentralbank und Geschäftsbanken in Umlauf: Es fungiert als Kreditmittel, wenn es seine Karriere als definitives Umlaufs- und Zahlungsmittel, als Geld eben, antritt. – Das ist, finanzkapitalistisch gesehen, die gute Nachricht.

Die schlechte Nachricht ist die: Es zirkuliert unweigerlich Geld, das nicht mit Arbeit geschaffen und „am Markt“ verdient worden ist. Davon existiert und zirkuliert sogar eine beträchtliche Menge, seit der moderne Staat die Bequemlichkeit entdeckt hat und für sich ausnutzt, seinen Haushalt mit Schulden zu finanzieren und auf diesem Wege selber Kredit zu schaffen, den seine Zentralbank – nach allerlei restringierenden Vorschriften –, also er selbst nach seinem fiskalischen Bedarf und politökonomischen Ermessen, mit frischem Geld re-finanziert. Dass das zum politökonomischen Begriff des Geldes in eklatantem Widerspruch steht – vom Prinzip her ausgedrückt: es gibt eine Masse von Inkarnationen abstrakter Arbeit, die gar nicht geleistet worden ist, Früchte kapitalistischer Ausbeutung, die gar nicht stattgefunden hat –, lässt Staatsgewalt und Finanzkapital eiskalt; davon wissen diese höchsten Instanzen der kapitalistischen Wertsubstanz sowieso nichts. Die Wirkungen dieses Widerspruchs registrieren sie aber schon, und die sind ihnen nicht egal: Wo, und in dem Maße, wie mehr Geld zirkuliert als durch Kapitalumschlag gerechtfertigt, wird es von kapitalistischen Kaufleuten in ihrer Konkurrenz um die gesellschaftliche Zahlungsfähigkeit mit der größten Selbstverständlichkeit vermittels allgemeiner Preissteigerungen angeeignet; mit dem Effekt, dass das Geld im Durchschnitt immer weniger kauft. Es ist und bleibt einerseits der definitiv vergegenständlichte Tauschwert – und ist zugleich andererseits davon immer weniger; die Mark von heute ist bekanntlich nicht mehr die von gestern. So sind die modernen kapitalistischen Nationen in Folge ihrer Errungenschaft, mit Zentralbankgeld die Kreditschöpfung bei sich freizusetzen und die Kapitalakkumulation am Standort anzuheizen, mit dem Paradox konfrontiert, dass sie ihre wunderbare kapitalistische Geldvermehrung mit einer ziemlich beständigen Geldentwertung bezahlen müssen.

Was daraus folgt und warum und für wen das schlimm ist, das schreiben wir in diese Replik nicht auch noch hinein. Was ein modernes Staatswesen alles an Vorkehrungen trifft, um die als Inflation bekannte Entwertung seiner Währung unter Kontrolle zu halten, das sollte es seinen „Otto-Normal-Mitdenkern“ gefälligst selber mal erklären; mit unserem Versuch, wenigstens die Prinzipien zu entwirren, haben wir ja offenbar Schiffbruch erlitten – obwohl du die Sache gar nicht so schlecht verstanden hast. Allerdings solltest du dich doch noch zu der Einsicht durchringen, dass der Staat seine Geschäftsbanken nicht mit bloßen Geldzeichen abspeist, sondern mit einer allgemeinverbindlichen Sicherheit für ihre Kreditschöpfung bedient, und dass das „furchtbar komplizierte“ Verfahren der staatlichen Banknotenemission sich nicht auf ein künstliches Getue zusammenkürzt, sondern auf ein Refinanzierungsverhältnis, das dem Staat enorm wichtig ist, weil er damit seinen gedruckten Geldscheinen zusammen mit ihrer Geldeigenschaft die Bestimmung implantiert, die gesellschaftliche „Wertschöpfung“ anzuregen und so zu immer mehr Geld zu werden. Deswegen hier noch einmal das Wichtigste:

Der politökonomisch aufgeklärte Staat von heute stiftet mit seiner nationalen Währung eine Geldware, die selber Wert ist und als Maß aller Tauschwerte figuriert und zugleich, als Maßstab auf sich selber angewandt, im Laufe der Zeit an Wert verliert. Der Grund für dieses Paradoxon liegt in der Doppelnatur dieses Geldes, die mit dem Stichwort „Kreditgeld“ angedeutet ist und an der du am Ende deines Briefes so herumrätselst: Mit der Schaffung einer nationalen Währung und der fortlaufenden „Geldversorgung“, die er seiner „Erwerbsgesellschaft“ angedeihen lässt, geht der Staat ein den Regeln des Gewerbes entsprechendes Kreditierungs-, genauer: Refinanzierungsverhältnis zu seiner Bankenwelt ein. Bei ihrer Emission fungieren seine Banknoten als umlaufsfähiges Finanzierungsmittel und somit als Sicherheit und als Anstoß für das große Geschäftsvorhaben des Finanzkapitals, eine flächendeckende Kapitalakkumulation zu kreditieren. Dabei nutzt der Staat die Freiheit, dass er der Herr des Geldes ist, auf das er seinem Kreditgewerbe Zugriff gewährt, zweifach aus. Einerseits behandelt er seine Banknoten nach seinen wirtschafts- und finanzpolitischen Regeln und Vorhaben als Repräsentanten des Kredits, den er den Geschäftsbanken einräumt, weil er ihn auf diesem Wege in die Welt setzen will, also wie bloße Kreditzeichen; andererseits stiftet er die letzte Garantie für das von ihm so freizügig angestoßene Kreditgeschäft genau dadurch, dass diese Kreditzeichen selber die gesetzlich geschützte Geldware sind. Eine notwendige Konsequenz ist eben dies, dass das nationale Umlaufsmittel in seiner Eigenschaft als Geldware affiziert wird durch den Dienst, den es als Kreditmittel tut. Umgekehrt ist die „Inflation“ der praktische Beweis, dass im modernen Umlaufsmittel Geldware und Kreditmittel identisch gesetzt sind – und dass sie genau gemäß dieser Bestimmung auch geschäftlich benutzt werden. Denn wo der Staat so frei und machtvoll für die Finanzmasse sorgt, die seine Wirtschaft braucht, da genießen auch die gewerblichen Kreditschöpfer die große Freiheit. Da braucht es endgültig nicht mehr so zu sein, wie du es vom Standpunkt des gesunden Menschenverstandes aus für selbstverständlich hältst: dass Geld erst einmal da sein muss, um anschließend ausgeliehen zu werden. Da ist vielmehr eine ganze „Finanzindustrie“ damit beschäftigt, Schulden zur Grundlage für neue Schulden zu machen, erwartete Kreditbedienung in gegenwärtige Zahlungsfähigkeit zu verwandeln, erst recht Staatsschulden, deren Bedienung immer neue zusätzliche Schulden erfordert, wie echtes Kapitalvermögen zu handhaben usw. – alles auf Grundlage der Sicherheit, dass „im Fall des Falles“ beim reellen Gesamt-Refinanzierer des Kreditgeschäfts Kredit zu haben ist, der Geldqualität besitzt.

4. Zu deiner Frage, „wofür wohl“ „kapitalistische Staaten sich ihren Goldschatz halten“

Das fragen die sich mittlerweile selber. Aber eins nach dem andern.

Bis vor wenigen Jahren haben kapitalistische Staaten es tatsächlich noch für ziemlich wichtig befunden, in ihrer Nationalbank Goldbarren aufzuheben. Neben ihren Devisenbeständen – und in schwindender Proportion – hat Gold ihnen als Währungsreserve gedient: als Rückhalt für ihren auswärtigen Geschäftsverkehr. Im Unterschied nämlich zum nationalen Papiergeld, das sie selber ja zunächst – im Sinne deiner Vorstellung – bloß als Geldzeichen, als Statthalter für „wirkliche“ Geldware eingeführt hatten und dessen Gültigkeit als definitives Zahlungsmittel nach wie vor auf nichts als ihrer Gesetzgebungsmacht beruht, also erst einmal an der Staatsgrenze endet, kam dem Gold die Ehre zu, von allen wichtigen Staaten als die allgemeingültige Inkarnation des „abstrakten“ Reichtums ausgeguckt worden zu sein und folglich als supranational verbindliches Weltgeld Anerkennung zu genießen, sogar ohne dass sie das erst einmal grundsätzlich miteinander hätten abmachen müssen. Weil sie alle das Gold als Wertsubstanz heilig hielten, verbürgte sein Besitz automatisch internationale Zahlungsfähigkeit und Kreditwürdigkeit – so lange jedenfalls, wie der nationale Schatz nicht wirklich als Mittel für fällige Zahlungen in Anspruch genommen werden musste. Wurde der Abtransport von Goldbarren fällig, dann war es um den Stand der Nation im internationalen Geschäft bereits schlecht bestellt.

Inzwischen[8] sind die Währungen der meisten und vor allem die der paar weltwirtschaftlich wichtigen Nationen „konvertibel“, und das nicht nur in dem formellen Sinn, dass sie getauscht werden dürfen, sondern mit allen politökonomischen Konsequenzen. Kraft internationaler Übereinkunft – deren Urheber und Garant ist in Washington zu Hause – sind sie alle Weltgeld. Ihre staatlichen Schöpfer und Hüter nehmen für ihr nationales Produkt weltweite Anerkennung als Inkarnation kapitalistischen Reichtums in Anspruch und konzedieren fremden Währungen denselben Status – oder andersherum akzentuiert: sie konzedieren den Gebrauch ihrer nationalen Geldware als internationales Zahlungsmittel und nehmen diejenige der anderen Nationen als Varianten des Reichtums in Anspruch, auf dessen nationale Akkumulation sie scharf sind. Was daraus alles folgt, insbesondere für die Schicksale, die ein nationales Geld – und die verschiedenen Exemplare dieser Gattung! – als Kombinat aus Kreditzeichen und Geldware durchmacht, lassen wir hier mal beiseite; das ist ohnehin der Stoff der nicht wenigen Artikel, in denen du, nicht zu Unrecht, unsere Auffassung vom staatlichen Kreditgeld immerzu „breitgetreten“ wiederfindest. Wichtig für deine Anfrage scheint uns vor allem dies: Seit dieses Anerkennungsverhältnis durchgesetzt ist, endet die Gültigkeit nationaler Gelder – was in der Praxis der Weltwirtschaft freilich nur für ein halbes bis ein schwaches Dutzend Geldsorten gilt – nicht mehr an den nationalen Grenzen. Auch international figurieren US-Dollar, Euro, Schweizer Franken usw. nicht mehr als bloßes Geldzeichen, als Stellvertreter einer – ohnehin nur imaginären – Edelmetallmenge, sondern als Ernstfälle echten Weltgeldes. Mit der wechselseitigen Anerkennung ihrer Währungen als formell gleichartige Varianten ihres eigenen definitiven Zahlungs- und Umlaufsmittels haben die Weltwirtschaftsmächte die Produkte ihrer eigenen wie aller übrigen selbständigen Nationalbanken allerdings einem beständigen vergleichenden Härtetest, nämlich – heutzutage – durch die von ihnen allen dazu ermächtigten kapitalistischen Geldhändler, ausgesetzt. Und den haben die meisten Währungen nur schlecht ausgehalten. Was in Ländern mit zunehmend „schwacher“ Währung an güldenen Währungsreserven vorhanden war, ist für den Versuch geopfert und ans erfolgreichere Ausland verschleudert worden, unter den neuen Bedingungen die Weltgeldqualität ihres nationalen Zahlungsmittels zu beglaubigen und aufzubessern. Inzwischen können die Nationen mit einem solchen Geld für dessen internationale Anerkennung und Bewertung von sich aus gar nichts mehr tun – außer: bei den Souveränen mit dem „guten“ Geld bzw. den von denen ausgehaltenen internationalen Finanzagenturen um Kreditierung nachzusuchen und im Falle der Gewährung dem internationalen Geldgeschäft vielversprechende Kreditgeschäfte in Aussicht zu stellen. Ein Wink des IWF ist für die Geschäftsfähigkeit der allermeisten Nationen auf dem Globus jedenfalls ungleich bedeutender als ein bisschen Edelmetall als Währungsreserve. Letzteres ist in die Schatzkeller der Zentralbanken gewandert, die das wirklich benutzte Weltgeld emittieren. Und deren staatliche Eigentümer fragen sich seit Jahren allen Ernstes, wofür sie sich diesen Goldschatz eigentlich noch halten sollen. Dass man das Zeug eventuell doch einmal wieder als Rückversicherung für internationale Verbindlichkeiten brauchen könnte, mag zwar keine verantwortliche Regierung so einfach ausschließen. Andererseits ist denen allen klar, dass weder die Weltwirtschaft im allgemeinen noch ihre Wirtschaftsmacht im besonderen den Fall überleben würde, den sie nicht völlig ausschließen wollen. Deswegen schließen sie ihn dann doch aus, sind sogar mehrheitlich von der Anerkennung des Goldes als Geldware abgerückt – „Demonetarisierung des Goldes“ nennt sich das – und überlegen sich lieber, wie sie den Metallschatz, über den sie ja nach wie vor verfügen, zu Geld machen könnten, ohne gleich den Markt zu überfüllen und den Goldpreis zu ruinieren.

Eine letzte Bemerkung noch zu der Rolle, die das Goldvermögen der Bundesbank in deren Bilanzen gespielt hat – vielleicht hast du bei deiner vorsichtigen Vermutung über eine „mehr indirekte“ „Art und Weise der Koppelung von realer Geldmaterie und Papier-/Münzgeld“ ja daran gedacht. Tatsächlich stellt die Bilanz auch diesen Schatz – übrigens nicht als wirkliches Geldvermögen, sondern, „konservativ“ in Dollar resp. DM bewertet, als staatliches Wareneigentum gewissermaßen – auf der einen Seite den ausgegebenen Banknoten auf der anderen Seite gegenüber. Eine „Koppelung“ liegt da in der Tat vor; allerdings nicht eine solche zwischen richtiger Geldware und bloßem Geldzeichen, sondern die fürs Bankgeschäft vorgeschriebene und insoweit eben auch für die Bundesbank in ihrer Eigenschaft als Kreditgeber des Finanzkapitals einschlägige Gegenüberstellung von „Forderungen“ und „Verbindlichkeiten“. Eine Zentralbank ist eben kein Flugblattverlag mit einem exklusiven Copyright, sondern tatsächlich mit ihrer papierenen Geldware der letzte Kreditgarant und -ausstatter des Kapitalstandorts.

[1] Die hier nur angedeutete Ableitung des „Wertgesetzes“ aus der vom Kapital beanspruchten Mehrarbeit findet sich bei Marx in den ‚Grundrissen…‘ Heft VII. In einem Unterpunkt des Artikels „Die Nation senkt ihr Lohnniveau“ haben wir versucht, das zu erläutern: vgl. GegenStandpunkt 4-99, S.51, darin S.70-75.

[2] Die Parteien des „realen Sozialismus“ haben in ihrem Machtbereich genau das getan und damit den Kapitalismus tatsächlich abgeschafft und durch eine neue Produktionsweise ersetzt – leider nicht durch Kommunismus.

[3] A propos „fundamentalistisch“. An Marx’ sehr fundamental ansetzender systematischer Darstellung von Ware und Geld im 1. Band des ‚Kapital‘, die dir im Kopf herumgeht, finden wir nach wie vor nichts auszusetzen. Seine Ableitung ist eine einzige große Denunziation: Die eigentümliche ökonomische „Logik“ des Warenwerts ist die Logik eines verkehrten, nämlich für die arbeitende Menschheit schädlichen statt Nutzen bringenden gesellschaftlichen Verhältnisses in Sachen Produktion; eines Verhältnisses, das sich, buchstäblich verrückt, an den Arbeitsprodukten als deren ökonomische „Eigengesetzlichkeit“ darstellt. Der Warenwert, diese heilige Kuh der „Marktwirtschaft“, ist nichts anderes als die zur gegenständlichen Bestimmung verzerrte Widerspiegelung eines Gewaltverhältnisses, nämlich der Unterwerfung der Arbeit unter den Zweck privaten Verfügens – über Produkte und über Arbeit selbst. Und die Arbeit, soweit diesen Wert bildend, ist überhaupt nichts Ehrenwertes, sondern Knechtschaft pur: Verausgabung von Arbeitskraft, je mehr, desto besser, für den Frondienst am Eigentum, das sich darüber aufbläst. Damit über die Kombination von Absurdität und Gemeinheit in den gesellschaftlichen Beziehungen, die die Menschen zum Dienst am Wert verurteilen, kein Zweifel bleibt, schreibt Marx es in Punkt 4. des 1. Kapitels noch einmal extra so auf. Doch es hilft nichts: Selbst bemühte Studenten seines Opus haben ihn anders verstanden; und die falsche Lesart hat eine breite Tradition. Traditionell missverstanden wird seine Bestimmung des Warenwerts ausgerechnet so, als wäre im Tauschwert das Ehrenwerteste von der Welt, die menschliche Arbeit, überschlägig nach Stunden gezählt, als irgendwie real vorhandenes Objekt und „substanzieller“ Bestimmungsgrund aller seriösen Austauschrelationen enthalten – nicht einmal das wird so begriffen, wie es gemeint ist: dass die im Tauschwert herrschende Reduktion der Arbeit auf Verschleiß von Arbeitskraft ein Hohn auf die längst erreichte Produktivkraft der Arbeit ist, mit der die Menschheit es sich längst urgemütlich machen könnte. Sogar solche Leser, die kapiert haben, dass es nicht für, sondern gegen die herrschenden Produktionsverhältnisse spricht, wenn alles Produzieren unter Maßregeln stattfindet, die wie die immanenten Sachgesetze der ökonomischen Gegenstände daherkommen, haben daraus furchtbar gerne den Fehlschluss gezogen, diese Maßregeln wären wirklich selbsttätige ökonomische Prinzipien; nicht die Zwangsgesetze eines gesamtgesellschaftlichen Knechtschaftsverhältnisses, sondern ziemlich wertfreie „eherne“ Sachzusammenhänge, die den kapitalistischen Produktionsverhältnissen mit ihren „Zwängen“ tatsächlich vorausgehen würden – entsprechend billig, als eine Art nachträglicher Machenschaft oder sogar Missbrauch des „Wertgesetzes“, werden diese „Zwänge“ dann auch oft aufgefasst; eine ganze Weltbewegung, die über Jahrzehnte den halben Globus politisch beherrscht hat, hat – aus Gründen, die hier nicht her gehören – diesen Fehlschluss sogar dahingehend verlängert, für eine durchgreifende arbeiterfreundliche Sanierung der klassengesellschaftlichen Verhältnisse käme es bloß darauf an, besagtem „Gesetz“ nicht bewusstlos zu folgen, sondern es zu erkennen und bewusst „anzuwenden“ – so ungefähr wie ein Flugingenieur gut daran tut, die Gesetze der Luftströmung zu beherzigen. Den wirklich nicht schwierigen Schluss, dass die an Sachen haftende Eigengesetzlichkeit allen „Marktwirtschaftens“, die Verselbständigung und Verdinglichung aller gesellschaftlichen Arbeitsbeziehungen, auf ein unbegriffen zu Grunde liegendes flächendeckendes Gewaltverhältnis verweist, und dass die lieben Warenproduzenten dieses Zwangsverhältnis zueinander bestimmt nicht aus Verblendung eingehen, sondern auf Basis von Existenzbedingungen, die eine herrschende allgemeine Gewalt ihnen setzt – den haben nur die wenigsten gezogen. Statt dessen wird sogar die Reihenfolge zwischen dem 1. und dem 2. Kapitel des Band I. des ‚Kapital‘ so aufgefasst, als gäbe es erst einmal wirklich für sich die „Logik“ der Warenproduktion, „das Wertgesetz“ als gültiges Regulativ der gesellschaftlichen Arbeit, und als kämen die Menschen in ihrer Eigenschaft als kalkulierende Rechtssubjekte tatsächlich erst im Nachhinein dazu, um die Waren gemäß deren „Logik“ zu Markte zu tragen – wo Marx doch gerade demonstrieren will, dass die Menschen sich unter der Herrschaft des bürgerlichen Rechtsstaats und seiner Eigentumsordnung so aufführen, als fänden sie die Privatmacht des Eigentums nicht in den Zwangsgesetzen ihrer Staatsgewalt, sondern an den Waren als deren „Eigengesetzlichkeit“ vor, und als wäre es nicht ihre Unterwerfung unter den gesellschaftlichen Zweck der Eigentumsvermehrung, die ihnen alsdann in den immanenten Sachgesetzen des Warentauschs verkehrt entgegenkommt und sie zu „Warenhütern“ degradiert. Am Ende wird dann ausgerechnet Marx’ Kritik der politischen Ökonomie so fehlinterpretiert, als könnte von Gewalt und Herrschaft und Unterwerfung „noch“ überhaupt nicht die Rede sein, solange „bloß“ die Ökonomie des Warenwerts zur Debatte steht, sondern „erst“ auf der „Ebene der Politik“, die – als „Überbau“ – anfängt, wo der Tauschwert mit seiner „Logik“ fertig ist. Als wäre der „Warenfetisch“ ein nettes Haustier, mit dem gut klarzukommen wäre, gäbe es die Kapitalisten nicht! Diese Art, Marx zu lesen, ist fatal. Denn – noch ungeachtet aller politischen Konsequenzen, die sich aber unausweichlich auch alle einfinden – bleibt so genau die Mystifikation letztlich doch in Kraft, die Marx als den falschen Widerschein verkehrter gesellschaftlicher Produktionsbeziehungen aufgedeckt, denunziert und theoretisch beseitigt haben wollte: Letztlich unerklärlich hockt „der Wert“ als selbständige objektive Macht an der Stelle, wo die ganze kapitalistische Scheiße sich ganz banal auflöst in die Gewalt, die das „gesellschaftliche Verhältnis der Menschen selbst“ bestimmt, „welches hier für sie die phantasmagorische Form eines Verhältnisses von Dingen annimmt“ (K I, S.86).

[4] Wir hören schon die Frage: Wo kommen denn diese „Unsitten“ her, wenn wir doch gerade besserwisserisch darüber belehrt worden sind, dass Tauschwert nichts anderes als die verkehrte Widerspiegelung einer von der Staatsgewalt eingerichteten „Abstraktion“ und Geld ein vom Staat gewaltsam in Kraft gesetztes „Symbol“ sein soll? Also auch dazu das Allernötigste: Sie entstammen den Gewaltverhältnissen, die es, reichlich übrigens, schon vor dem historischen Auftritt der bürgerlichen Staatsgewalt gab; auch da haben Machthaber und -instanzen bereits einiges an Eigentumsordnung durchgesetzt, genug jedenfalls, um einen Handel in Gang zu setzen und von Kaufleuten und Bankiers ausgenutzt zu werden. Nein, Kapitalismus in dem Sinn war das noch nicht, die „Wertform“ ist ziemlich „unterentwickelt“ geblieben; was da an gesamtgesellschaftlicher Geschäftsordnung gestiftet worden ist, reicht nicht entfernt an die Leistung des bürgerlichen Staates heran, den Tauschwert so prinzipiell als herrschende gesellschaftliche Existenzbedingung durchzusetzen, dass er zeigen kann, was in ihm steckt – nämlich ein flächendeckendes Produktionsverhältnis. Zu den vorbürgerlichen gesellschaftlichen Gewaltverhältnissen gehört übrigens nicht bloß die großartige Errungenschaft, schon einiges an Geldwirtschaft zu Stande gebracht zu haben, sondern ebenso, dass sie dabei über den „Standpunkt“, Geld müsse eine Ware mit eigenem Tauschwert sein, nicht so recht hinausgelangt sind – ausgenommen die großen Finanzhäuser, die die Metallschätze der Handel treibenden Welt ohnehin bei sich lagern hatten, in ihrem Geschäftsverkehr untereinander: Auf einen allgemeinen Landfrieden, der sich gar noch aufs Zirkulationsmittel erstreckt hätte, war dann doch zu wenig Verlass. Es hat schon die Durchsetzung des Gewaltmonopols der bürgerlichen Staatsgewalt, den totalitären Oktroy der Rechtsordnung des Eigentums, die Monopolisierung des Kommandos über die gesellschaftliche Arbeit beim dazu ermächtigten Privateigentum und eine exklusive staatliche Geldhoheit gebraucht: Erst dann konnte die Obrigkeit sich dazu durchringen, das einfältige Konstrukt einer Geldware, die in ihrem Tauschwert Tauschwert schlechthin vorstellig macht und vermittels ihres gediegenen Metallgehalts ein rohes Minimum an Gewähr für ein Stück privater Aneignungsmacht bietet, zu überwinden. Je perfekter der Staat alsdann seine gesamte Gesellschaft aufs Geldverdienen als einziges Lebensmittel festgelegt hat, um so mehr hat er sich in der Frage der Geldware getraut – und am Ende sein Machtwort über die Alleingültigkeit und Allgemeinverbindlichkeit des von ihm bezeichneten kapitalistischen Zugriffsmittels von der traditionellen Geldware mit ihrem – ohnehin längst virtuellen – eigenen Tauschwert emanzipiert.

[5] Wir finden es überhaupt falsch, ausgerechnet bei den kapitalistischen Einrichtungen und Errungenschaften, die von den verheerenden Potenzen dieser Produktionsweise zeugen – und der Kredit, von dessen weltweiter Zirkulation mittlerweile sämtliche Nationalökonomien und ganz nebenbei Überleben oder Zugrundegehen ganzer Völkerschaften abhängen, gehört ganz gewiss dazu! –, nach einem Mangel, einer Unfähigkeit, einem Versagen o.ä. als Grund oder Grundlage zu fahnden. Einen Akzent in dieser Richtung haben wir in deinen Überlegungen gefunden, in deinem zweiten Brief sogar eigens hervorgehoben; und den hatten wir im Auge bei unserer Warnung davor – was übrigens nicht dasselbe ist wie eine Unterstellung, und mit Hass erfüllen uns sowieso ganz andere Figuren als ausgerechnet unsere paar Leser –, die Notwendigkeiten und Widersprüche der kapitalistischen Produktionsweise in Kategorien des Ge- oder Misslingens zu denken.

[6] Zu Anfang gab es sie überhaupt nur für den Geschäftsverkehr zwischen Kapitalisten und deswegen über größere Summen.

[7] Das Recht auf die Ausgabe zirkulationsfähiger Noten hat die Staatsgewalt den Privatbanken ursprünglich deshalb entzogen, um einem überhand nehmenden Durcheinander von zirkulierenden Zahlungsversprechen unterschiedlicher Sicherheit, die eine entsprechend unterschiedliche Bewertung durch die Geschäftswelt nach sich gezogen hat, ein Ende zu bereiten und der Gefährdung der allgemeinen Zahlungsfähigkeit durch die Entwertung der Noten fallierender Banken vorzubeugen.

[8] Zu den wichtigsten Anlässen für diesen „Fortschritt“ gehört übrigens ausgerechnet der massiv geltend gemachte Anspruch des seinerzeitigen französischen Präsidenten De Gaulle auf „Einlösung“ der US-Dollar-Mengen, von denen er die Welt überschwemmt sah, gemäß der formell garantierten Gold-Parität der US-Währung in wirklichem Goldgewicht. Amerika hat die in dieser Forderung enthaltene Misstrauenserklärung gegen die überlegene Weltmacht, mit der es den kapitalistischen Nationen den Respekt vor seiner Währung als konkurrenzlosem universellem Geschäftsmittel aufgedrückt hatte, zurückgewiesen und die Außerkraftsetzung seiner bis dahin fiktiv aufrechterhaltenen Austauschgarantie mit der Einführung eines neuen Systems der frei handelbaren Nationalgelder verbunden.


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