Leserbrief zu „WTO-Konferenz in Seattle“

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Leserbrief
Der Kampf der Nationen um den Reichtum der Welt… in GegenStandpunkt 3-2000

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Der Leser befürchtet, die Redaktion würde „über die Erklärung der modernen Währungen und des internationalen Finanzwesens die Anklage der Ausbeutung vernachlässigen.“ (Red.) Die Redaktion gibt Erläuterungen zu Begriff und Funktion des Kredits.

Leserbrief
Brief an die Redaktion: Der Kampf der Nationen um den Reichtum der Welt… in GegenStandpunkt 3-2000, S.113

Es geht bei der Einlassung darum, daß in dem Artikel ein Urteil über die Rolle des sog. Kreditgeldes lanciert wird, das schon über mehrere Jahre in der Zeitschrift breitgetreten wird, und so nicht nachvollziehbar ist. Insbesondere auf S.120, letzter Absatz wird sich hierbei bezogen.

Es mag ja sein, daß sich seit Marx einiges in Sachen Geldform oder Geldderivate getan hat. Aber deswegen muß man nicht gleich übertreiben und eine bloß abgeleitete Form des Geldes zum alles entscheidenden Motor und Mittel kapitalistischer Reichtumsproduktion erklären:

„Der Kredit … ist die wirkliche Quelle aller kapitalistischen Geschäftstätigkeit, also jeglichen Gelderwerbs im jeweiligen Land.“

Daß sich etliche Kapitalisten vom Geldhaben unabhängig machen und sogar überwiegend ihre Geschäfte kreditfinanzieren, dies muß man doch nicht derart überzeichnen, als ob die wert- und mehrwertschaffende Arbeit von Lohnarbeitern überhaupt nicht vorkommt, die nach anderen Aussagen von Euch die Quelle und Grundlage allen kapitalistischen Produzierens, Handelns und Staatsmachens sein soll.

Und was die Sache des Geldes selbst betrifft, so ist Kredit bloße abgeleitete Existenzweise der wirklichen Geldware als die selbständige Wertgestalt des ganzen bürgerlichen Warenhaufens dahingehend, daß dann, wo sich Warenaustausch und Bezahlung voneinander trennen, dort die Keimform des Kredits angelegt ist, bezüglich dessen Marx wahrscheinlich noch nicht mal erahnen konnte, welche verrückten und aufgeblähten Sorten des Kreditüberbaus der Kapitalismus des 20. und 21. Jahrhunderts so zustandebringt. Aber die Betonung liegt auf Überbau: schon im 1. Band steht, welche Formen und Ausmaße Geld als Zirkulations- und Zahlungsmittel, und in Weiterung desselben der Kredit, auch immer annimmt, die Gesetze der Wertproduktion und des Umlaufs der reellen Geldware nicht außer Kraft gesetzt werden können, sondern als Regulative des ganzen Geldpapier-, Schuldschein-, Wertpapier-, etc. -Haufens bleibende geldkapitalistische Grundlage sind, was spätestens in sog. Geldkrise gewaltsam zum Vorschein kommt:

„Überschreitet das Papier sein Maß, d.h. die Quantität von Goldmünze gleicher Denomination, welche zirkulieren könnte, so stellt es, … innerhalb der Warenwelt dennoch nur die durch ihre immanenten Gesetze bestimmte, also auch allein repräsentierbare Goldquantität vor…“. (Bd.I, S.142)
„Die Funktion des Geldes als Zahlungsmittel schließt einen… Widerspruch ein. Soweit sich die Zahlungen ausgleichen, funktioniert es nur ideell als Rechengeld oder Maß der Werte. Soweit wirkliche Zahlung zu verrichten, tritt es nicht als Zirkulationsmittel auf, … sondern als … selbständiges Dasein des Tauschwerts, absolute Ware. Dieser Widerspruch eklatiert in dem Moment der Produktions- und Handelskrisen, der Geldkrise heißt“. (Bd.I, S.151 f.)

Also: alle Geldsorten werden in letzter Instanz reguliert durch die wirkliche Geldware, und diese wiederum ist das Maß in bezug auf den gesellschaftlich gültigen Wert bzw. Wertmassen, wobei das, was als gesellschaftlich nützlicher Wert bzw. Wert- oder Kapitalmassen zählt, eine widersprüchliche Angelegenheit insoweit ist, daß voneinander unabhängige Privat- bzw. Kapitalproduzenten die Neigung haben, beständig über die gesellschaftliche Zahlungskraft hinaus zu produzieren: Unverkäuflichkeiten, Geldmangel, also Krise:

„… Eben noch erklärte der Bürger in prosperitätstrunkenem Aufklärungsdünkel das Geld für leeren Wahn. Nur die Ware ist Geld. Nur das Geld ist Ware gellt’s jetzt über den Weltmarkt. so schreit seine Seele nach Geld, dem einzigen Reichtum. In der Krise wird der Gegensatz zwischen Ware und ihrer Wertgestalt, dem Geld, bis zum absoluten Widerspruch gesteigert.“ (Bd.I, S.152)

Ebenso kritikabel ist Eure Gleichsetzung von „hoheitlich erschaffenem Kreditmittel“ und „nationaler Währung“. Gibt es keinen Unterschied zwischen gesetzlich definierter Geldmaterie und deren Verwendung als Kreditmittel? Ich meine Marx so verstanden zu haben, daß Ausgangspunkt erstmal die reelle Geldware als das allgemeine Äquivalent der kapitalistischen Warenwelt ist, wobei die Gesetze des Geldumlaufs im Fortgang es mit sich bringen, daß die reale Geldmateriatur durch Zeichen ihrer selbst ersetzbar wird, nämlich aufgrund des Auseinanderfallens der Wertsubstanz und der Denomination des Geldmittels. Ein bloßer ökonomischer Abkömmling des Geldes als solches bzw. Wertzeichen seinerselbst ist deren Fungieren als Kreditgeld. Aber Geld als solches = Kredit? Wie das? Ich würde behaupten, Kredit ist eine spezifische Form von Geld, eben Geldderivat. Eine bestimmte Funktion einer Sache dürfte kaum identisch mit dieser selbst sein können. Wie sollte man sonst je einer Unterscheidung fähig sein können, wenn Begriff einer Sache und eine Funktion von ihr zusammenfielen.

In der Elementarform des Kredits, dem kommerziellen Kredit, wo Schuldscheine wirkliche Käufe und Verkäufe zwischen Kapitalisten vermitteln, ist bereits enthalten, daß Mangel an wirklichem Geld eine Diskrepanz zwischen den angehäuften Waren bzw. Kapitalien und dem gesellschaftlichen Bedarf offenbart: wo Zahlungsversprechen nicht einlösbar sind, schreit alle Waren- bzw. Kapitalwelt nach Barem, was der praktische Rückverweis auf eine kapitalistische Notwendigkeit ist, wie sie schon in der einfachen Warenform angelegt ist: mit der wirklichen Ingeldsetzung des ganzen Warenramsches erweist sich erst, ob dieser als Bestandteil des bürgerlichen Reichtums zählt.

Und was das entwickelte Kreditsystem betrifft, so hat man es hier zunächst mit dem Phänomen zu tun, daß überschüssiges Kapital bei anderen Anwendern Verwertungsmöglichkeiten sucht, das also offensichtlich für eigene Geschäftsgelegenheiten unbrauchbar ist. Selbst dort, wo von Krise keine Spur ist, wo es um die schlichte kapitalistische Vergleicherei der Anlagesphären hinsichtlich ihrer Profitabilität geht, setzt dies die ständige Präsenz dessen voraus, was Produkt der bürgerlichen Produktionsweise selbst ist: daß es Schranken der Verwertbarkeit gibt. Also, nicht erst in der Krise wird dies evident. Bereits im schönsten Konjunkturhoch wird man dies gewahr:

1. schon an der positiven Rentabilitätsvergleicherei;

2. daran, daß es auch im Hoch Kapitalgewinner und -verlierer gibt, wenn alle die begrenzte Zahlungskraft für sich okkupieren wollen.

Wobei natürlich hier als wichtiges Moment hinzukommt, wie erfolgreich auf Basis der Verteilung und Beschaffenheit der Zahlungsfähigkeit in den jeweiligen Produktions- und Handelssphären die Kapitale preis- und kostenmäßig die Nachfrage in Beschlag nehmen.

Und was die moderne Form der staatlich betreuten Kreditschöpfung angeht, so mag die Loslösung vom Geld als Äquivalent produzierten werthaltigen Reichtums auf die Spitze getrieben werden. Aber beglaubigt (sic!) sein muß es eben letztlich darüber, daß es als Mittel der Verwertung taugt. Ansonsten erweist es sich endgültig als das, was es ausgänglich schon ist: als fiktives Geld bzw. Kapital.

Also, von wegen: aller kapitalistischer Reichtum hänge am Kredit. Korrekter müßte es heißen: aller kapitalistischer Reichtum steht und fällt mit gelungenem Lohnarbeitereinsatz. Und da gehört hinein der elementare Widerspruch zwischen Wert- bzw. Kapitalproduktion und deren Realisierung aufgrund beschränkter gesellschaftlicher Zahlungsfähigkeit. Dies macht sich gewaltsam geltend – und zwar erst recht gegen Geld als Kredit, wenn sich die akkumulierten Kapitalansprüche in die Quere kommen (Krise). Denn wenn Kredit per definitionem eine Sorte Geld ist, die sich vom faktischen Gelddasein unabhängig macht, so potenziert dies geradezu den Gegensatz zwischen den aufgehäuften Ansprüchen ans kapitalistische Wertprodukt und den gesellschaftlichen Mehrwert einerseits und deren ökonomische Realisierbarkeit in der Zirkulationssphäre andererseits.

Sofern Euch auch nur annähernd an einer Klärung der Differenzen gelegen ist, erwarte ich zumindest in schriftlicher Form eine Replik an meine Adresse.

Die Antwort der Redaktion

Du befürchtest, wir würden über die Erklärung der modernen Währungen und des internationalen Finanzwesens die Anklage der Ausbeutung vernachlässigen oder vergessen, die du aus unseren sonstigen Aufsätzen kennst und teilst. Mehr noch, du findest das Wertgesetz und die aus dem 1. Band des ‚Kapital‘ bekannten Gesetze des Geldes nicht wieder oder gar geleugnet in Auskünften über das sogenannte Kreditgeld, die schon über mehrere Jahre in der Zeitschrift breitgetreten werden. Keine Angst, wir haben die Einsichten, die du magst, nicht vergessen, wenn wir uns mit einem ganz anderen Stoff beschäftigen als dem Produktionsprozess von Wert und Mehrwert aus ‚Kapital‘ Band 1. Der Artikel, auf den du dich beziehst, befasst sich nämlich mit dem Streit der Welthandelsmächte in der WTO über die weitere Öffnung nationaler Finanzmärkte fürs internationale Finanzkapital. Warum sollten wir, wenn es darum geht, was für die streitenden Nationen von ihrer nationalen Verfügung über Kredit abhängt, von den Lohnarbeitern und ihrer mehrwertschaffenden Arbeit reden – wo das gar nicht Thema ist?

1.Auf den ersten Blick scheint dein Vorwurf, wir würden den Kredit, eine bloß abgeleitete Form des Geldes zum alles entscheidenden Motor und Mittel kapitalistischer Reichtumsproduktion erklären also auf ein simples Missverständnis zurückzugehen. Die von dir zitierte Stelle äußert sich nicht zur Quelle des Gewinns, also nicht darüber, wo der kapitalistische Reichtum herkommt, sondern über Quelle, Ausgangspunkt und Motor aller kapitalistischen Geschäftstätigkeit. Die beginnt nun einmal mit einem Kapitalvorschuss, mit Geld und das heißt in der Praxis aller großen Unternehmungen: mit Kredit. Die Verfügbarkeit von Kredit entscheidet für Kapitalisten und ganze Nationen darüber, wieviel Geschäftstätigkeit sie – privat oder national – auf die Beine stellen können. Deshalb, so der in Rede stehende Artikel zur WTO, halten Nationen ihr Finanzgewerbe unter nationaler Aufsicht und sichern und fördern es per Refinanzierung der Banken durch die Nationalbank. Arme Leute, die sich gut ausbeuten ließen, gibt es in jedem Land der Welt im Übermaß; die Nationen unterscheiden sich aber daran, ob und in welchem Maß sie über Kapital verfügen – also über den Kredit, mit dem sich die nötigen Vorschüsse für konkurrenzfähige Profitmacherei vorfinanzieren lassen.

2.Diese Macht des Kredits ist dir offenbar vollkommen unbekannt. Das, woran du denkst, ist meilenweit von unserem Stoff entfernt: Wir handeln davon, dass Nationen stehen und fallen mit dem Kredit, den sie mobilisieren können, und du fühlst dich daran erinnert, dass etliche Kapitalisten schon mal einen Kredit aufnehmen. Darin kündigt sich deine insgesamt unzureichende Auffassung dessen an, was Kredit ist. Die erläuterst du in mehreren Anläufen und landest immer dabei, dass Kredit bloß ein letztlich erfolgloser Notbehelf der Kapitalisten ist, zu dem sie greifen, wenn ihre Geschäfte an den Schranken des Marktes zu scheitern drohen. Vom kommerziellen Kredit, den der Lieferant dem Kunden einräumt, berichtest du, dass er Mangel an wirklichem Geld, eine Diskrepanz zwischen angehäuften Waren bzw. Kapitalien und dem gesellschaftlichen Bedürfnis offenbart; vom Bankkredit, der zum Investieren benutzt wird, erzählst du, er sei Ausdruck von Schranken der Verwertbarkeit bei dem, der Geld verleiht, – und insgesamt besteht deine mit Marx-Zitaten belegte Hauptauskunft über den Kredit darin, dass er in der Krise platzt.

Was der Kredit ist und leistet, ehe er platzt, kommt nicht vor. Daher eine kurze Erinnerung: Beim Verkauf von profit-geschwängerter Ware wird ein Zahlungsversprechen des Kunden als vorläufige Zahlung akzeptiert, damit der Verkauf reibungslos vonstatten geht und nicht daran scheitert oder dadurch verzögert wird, dass der Kunde gerade (noch) kein Geld hat. Wenn so ein Zahlungsversprechen, das dann „Wechsel“ heißt, auch noch weitergereicht wird und sein erster Empfänger damit eigene Verbindlichkeiten begleicht, dann zirkuliert das Zahlungsversprechen wie Geld und erfüllt eine Geldfunktion. Der Warenproduzent kann dadurch sein Kapital schon wieder für eine neue profitable Verwendung einsetzen, noch ehe der Käufer Geld eingenommen hat und zahlt. Mit dem kommerziellen Kredit überspringen Kapitalisten die Zeitspanne des Verkaufs, beschleunigen den Umschlag ihres Kapitals und vergrößern den Gewinn, den sie in einer gegebenen Zeit erarbeiten lassen können.

Bei der Bank beschaffen sich Unternehmer Kredit, mit dem sie investieren und die Geschäfte einleiten, aus deren Erfolg sie später den Kredit verzinsen und tilgen. Sie organisieren sich ihren Kapitalvorschuss vermittelst der Aussicht auf den Überschuss, den seine Anwendung erst hervorzubringen verspricht; machen also Profit mit Kapital, das sie nicht haben. Damit befreien sie das Wachstum ihres Kapitals von seinem beschränkten Umfang und akkumulieren, ohne vorher schon akkumuliert zu haben. Das hat allerdings eine Konsequenz: Der Geschäftserfolg ist nicht mehr der schöne Zuwachs zum gegebenen Vermögen, der in guten Jahren größer, in schlechten kleiner ausfallen darf. Er ist jetzt eine Notwendigkeit. Ist der Kreditnehmer zu Verzinsung und Tilgung nicht fähig, dann hält sich die Bank an sein sonstiges Vermögen und enteignet ihn; das Eigentum an seinem Kapital, die Stammsumme, ist jetzt abhängig vom Zuwachs.

Der Kredit hat nicht den negativen Ausgangspunkt der Not oder eines Nicht-Funktionierens, wie du meinst, sondern einen positiven: Er ist der Hebel der Beschleunigung der Akkumulation. Und die vermehrt das Warenangebot ebenso wie die Nachfrage, d.h. die Kaufkraft in der Gesellschaft, wenn auch beide nicht in gleichem Maß. Insofern schiebt die Vertagung der Prüfung der Verkäuflichkeit der Waren, die der Kredit bewirkt, die Schranken des Marktes tatsächlich hinaus. Er setzt die Diskrepanz zwischen den Waren und dem gesellschaftlichen Bedürfnis also nicht voraus, sondern befreit das Kapital zu einer Akkumulation, die diese Diskrepanz zwischen dem wachsenden Warenkapital und der beschränkten Konsumtionskraft der Massen überhaupt entwickelt. Dann erst kommt die Phase, die dir als einzige vom Kredit bekannt zu sein scheint: die Krise, in der der produzierte Wert gewaltsam auf den realisierbaren Wert zurückgeführt wird.

Und selbst in dieser Phase des Zyklus entscheidet die Festigkeit des Kreditsystems einer Nation, also die Verfügbarkeit des Kredits noch darüber, wie leicht oder wie langwierig der Weg aus der Krise gerät und die kreditgetriebene Akkumulation wieder von vorne beginnt.

3.Vom modernen Staatsgeld – dies das Zentrum deiner Kritik – will dir nicht einleuchten, warum es ein Kreditgeld ist. Du beharrst auf deinem Schulungswissen, dass Geld und Kredit nicht dasselbe sind; und das ist zunächst ja auch richtig. Dennoch ist die Sache mit der Trennung nicht fertig: Dass Geld als Kredit fungiert, d.h. verliehen werden kann, ist dir geläufig. Dass umgekehrt Kredit als Geld fungiert, ist dir dunkel, dabei hast du schon im erwähnten Handelswechsel einen ersten Fall, in dem Kredit Geldfunktionen erfüllt, ein weiterer ist die – historische – Banknote, mit der Privatbanken ihren Kunden Anweisungen auf sich als Zahlungsmittel in die Hand gegeben haben.[1] Du versuchst dich dem Kreditgeld mit der Phrase vom Derivat anzunähern, aber das ist doppelt verkehrt. Erstens ersparst du dir mit dem Wort „abgeleitet“ die Durchführung der Ableitung; zweitens ist „Abgeleitetheit“ eine falsche Charakterisierung, sie erklärt jede Sache, der sie angehängt wird, zum unwesentlichen Epiphänomen eines anderen wesentlichen Inhalts: Und was die Sache des Geldes selbst betrifft, so ist Kredit bloße abgeleitete Existenzweise der wirklichen Geldware … ein bloßer Abkömmling des Geldes als solches … ist deren Fungieren als Kreditgeld. Aber Geld also solches = Kredit? Wie das? Kredit ist eine spezifische Form von Geld, eben Geldderivat. . … In der Elementarform des Kredits …

Über Kreditgeld wird da gar nicht geredet. Erst kündigst du eine Auskunft übers Geld an, dann ist der Gegenstand des Urteils aber doch der Kredit – und Geld sein wesentliches Attribut. Dieses sagt dann gar nichts anderes aus, als dass Geld das Wesentliche des Kredits sei, dieser hingegen: ein „Bloß“, eine „abgeleitete“, „spezielle Form“. Das ist keine Bestimmung der Besonderheit, die du beschwörst, sondern eine Weigerung, ihr nachzugehen. Mit der Etikettierung „Derivat“ wendest du dich dann endgültig der „Elementarform“ zu – und reduzierst die entwickelten Geldverhältnisse auf elementare, bei denen du dich sicher fühlst. Der Eigenart des heute gebräuchlichen „gesetzlichen Zahlungsmittels“ verweigerst du dich damit ebenso wie dem Erklärungsbedarf, dem Marx im 5.Abschnitt des 3.Bandes des ‚Kapital‘ nachgeht.

In seiner Elementarform, die Marx im ‚Kapital‘ I, Kapitel 3 analysiert, war das staatliche Papiergeld ein reiner Stellvertreter für die „wirkliche Geldware Gold“, die an seiner Stelle hätte zirkulieren müssen, um den Umsatz der Warenwerte zu bewerkstelligen. Die Papierzettel waren durch Gold in den Kellern der Staatsbank voll gedeckt; ihre Akzeptanz beruhte auf ihrer Austauschbarkeit gegen das Quantum Gold, auf das sie lauteten. Die Ökonomisierung des Geldwesens, die der Staat damit bewirkte, war die Rettung des wertvollen Goldgeldes vor Verschleiß durch seinen Gebrauch als Münze.

Der nächste Schritt der Ersetzung der metallischen Zirkulation durch Geldzeichen ergibt sich direkt daraus: Der Staat emittiert mehr Papiergeld als durch Gold gedeckt ist, um die Verfügbarkeit von Zirkulationsmitteln in der Geschäftswelt zu erhöhen, d.h. um sie von dem beschränkten und beschränkenden Goldschatz, der ja erst einmal national akkumuliert sein will, zu befreien. Das nur noch teilweise gedeckte Papiergeld taugt für seine Zirkulationsfunktion solange und in dem Maß, wie es für den Händewechsel der Waren gebraucht wird. Es kann dabei so viel – und nur so viel – Wert repräsentieren, wie es Gold repräsentiert, das an seiner Stelle zirkulieren müsste. Wird mehr als dieses Quantum Papiergeld in die Zirkulation gegeben, so entwertet sich der einzelne Geldschein im Maß dieser Überschreitung. Hier gilt dein Satz, dass der Wert des im Prinzip noch gedeckten Papiergeldes durch die „Geldware Gold“, das allgemeine Äquivalent, das selbst Wert hat, „reguliert“ wird.

Inzwischen emittieren kapitalistische Staaten ungedecktes Geld, das kein Statthalter des Goldes und keine Anweisung auf spätere Zahlung in der metallischen Geldware mehr ist. Seine Zirkulationsfähigkeit beruht einzig auf der Gewalt des Staates. Er setzt Zettel, die nicht selbst Wert haben, in die Rolle eines „gesetzlichen Zahlungsmittels“ ein, das dann das einzige und endgültige Geld der Gesellschaft ist. Jedermann muss zur Befriedigung von Geldforderungen dieses Zahlungsmittel akzeptieren. Dies ist im übrigen ein Faktum; man hat sich zu erklären, was die Neuerung für das Geld und die Geldfunktionen zu bedeuten hat, aber man kann das Faktum nicht mit Zweifeln in seine Vereinbarkeit mit der Marxschen Theorie bestreiten.

Das gesetzliche Zahlungsmittel ist Geld und kein Kredit, den jemand gibt oder nimmt und der zurückgezahlt werden würde oder müsste. Insofern gibt es den Unterschied zwischen gesetzlich definierter Geldmaterie und deren Verwendung als Kreditmittel schon. Es geht aber um den ökonomischen Charakter dieser „Geldmaterie“ selbst, und da ist die Gleichsetzung von ‚hoheitlich erschaffenem Kreditmittel‘ und ‚nationaler Währung‘, die du zurückweist, gerade der Witz. Das „gesetzliche Zahlungsmittel“ kommt durch eine Kreditoperation zwischen der Staatsbank und den Privatbanken in die Welt. Jene befriedigt den „Liquiditätsbedarf“ der Banken, indem sie ihnen die Banknoten des Staates gegen Zinsen, gegen den Ankauf oder das Beleihen erstklassiger Wertpapiere in ihren Händen überlässt. Diese Wertpapiere, Forderungen auf Zins und Tilgung in den Händen des Halters, sind Schulden ihres Emittenten. Indem die Nationalbank sie gegen ihr gültiges Zahlungsmittel eintauscht, beglaubigt sie die Schulden der Gesellschaft, die bei den Banken zentralisiert sind, als gute Schulden und verwandelt sie in Geld. Der „lender of last resort“ kreditiert auf diese Weise das Bankensystem; die Banknoten des Staates sind Zeichen des Kredits, den er ihnen einräumt: Kreditzeichen.

Damit macht sich die Staatsmacht zum Rückgrat des nationalen Kreditwesens und setzt es für seine Geschäfte erst so recht frei; d.h. befreit die Banken von einer Schranke ihrer Kreditvergabe. Die leihen und verleihen Geld und gehen dabei jede Menge Zahlungsversprechen ein. Wenn sie für ihre Verbindlichkeiten gerade stehen, d.h. zahlen müssen, dann brauchen sie Geld, das sie natürlich längst wem anders geliehen haben. Die notwendige Bargeldreserve der Bank, aus der die Ansprüche der Kunden auf Zahlung im Fall von Geldknappheit oder Mißtrauen zur Not befriedigt werden können, beschränkt entweder deren Fähigkeit, Kredit zu geben, oder gefährdet – bei Mißachtung dieser Pflicht zur Nichtbenutzung vorhandenen Geldes – die Stabilität des ganzen Kreditwesens bei jedem Einbruch des Vertrauens der Kundschaft. Mit seiner „Refinanzierung“ versorgt der Staat die Banken mit der nötigen Zahlungsfähigkeit und befreit ihre Kreditvergabe von den Schranken der Schatzbildung in ihren Kellern. Nicht an dem, was sie an Geld schon akkumuliert haben, sondern daran, was sich an Profitchancen ausnutzen lässt, soll das Kreditvolumen der Nation sein Maß haben: Keine Chance auf ein Plus soll ausgelassen werden, bloß weil Kredit für den nötigen Vorschuss nicht zu haben ist.

Das hat allerdings Konsequenzen: Wenn die Staatsbank so viel gesetzliche Zahlungsmittel zur Verfügung stellt, wie der Finanzierungsbedarf der Geschäftswelt – über die Banken vermittelt – es verlangt, dann ist das Geld des Staates selbst ein Vorgriff auf den Wert, der vermittelst der vorfinanzierten Investitionen erst noch geschaffen werden muss. Wenn das per staatlicher Kreditierung der Banken initiierte Wachstum des Kapitals misslingt – immerhin gibt es Konkurrenz –, dann steht es nicht nur schlecht um den erwarteten Profit, dann ist zweitens nicht nur das private Kapital entwertet und der private Kredit geplatzt, der den Vorschuss finanziert hat, dann ist vielmehr auch das nationale Geld mehr oder weniger beschädigt. Das Gegenteil gilt freilich ebenso: Wenn sich das nationale Kapital in der internationalen Konkurrenz bewährt, Profite abwirft und wächst, dann ist die staatliche Geldschöpfung nachträglich bestätigt und die Währung des Landes hart.

Da hast du deine „Regulation“ der „Geldzeichen“ durch das Wertgesetz. (Freilich nicht durch die wirkliche Geldware Gold; die ist auch international durch die wechselseitige Kreditierung der Nationalgelder ersetzt.) Am Phänomen der Inflation wird deutlich, dass der Staat durch politischen Beschluss zwar Geld, aber eben nicht Wert schöpfen kann: Die ewig problematische Stabilität des Geldwerts ist sozusagen die Rache des Wertgesetzes an der Freiheit zur Geldschöpfung, die sich der Staat nimmt. Im Verhältnis einer nationalen Währung zur anderen tritt die Differenz von Wert und Staatsgeld offen zu Tage: Das nationale „Maß der Werte“ wird im Wechselkurs mit anderem Nationalgeld selber gemessen und offenbart sich als bloß relativer, nicht endgültiger Ausdruck des Werts, der dennoch nirgendwo direkter oder gültiger ausgedrückt wird. Geldkapitalisten erhalten, sichern und vermehren den Wert ihres Vermögens dadurch, dass sie es auf mehrere Nationalgelder verteilen und je nach erwartetem Steigen oder Fallen zwischen den Währungen hin und her wechseln.

Deiner Zusammenfassung wäre fast zuzustimmen: Die Loslösung von Geld als Äquivalent produzierten werthaltigen Reichtums durch staatlich betreute Kreditschöpfung „muss letztlich darüber beglaubigt werden, dass es (das geschöpfte Geld) als Mittel der Verwertung taugt.“ – würdest du nicht fortfahren: Ansonsten erweist es sich endgültig als das, was es ausgänglich schon ist: als fiktives Geld bzw. Kapital. Und wenn es zur Verwertung taugt, liegt wohl eine uneigentliche Existenz dieser von Anfang an unhaltbaren Geldfiktion vor? Dieses Geld ist halt Kredit, und wie jeder Kredit ein Vorgriff auf den Wert, der durch diesen Vorgriff zustande gebracht werden soll. Stets wird beim Kredit die Erwartung zukünftiger Geldeingänge behandelt wie schon aktuell vorhandenes Geld, mit dem sich zahlen und investieren lässt. Gelingt die damit angeleierte Verwertung nicht, dann fliegt die Vorwegnahme des Erfolgs auf – umgekehrt, umgekehrt. Die Staaten jedenfalls verzweifeln nicht an dem fiktiven Geldersatz, den sie sich gegen die Solidität ihres guten alten Goldschatzes eingehandelt haben; sie stellen sich der Nicht-Identität von Kreditgeld und Wert so, dass sie untereinander um die höchst mögliche Identität beider konkurrieren. In Quantität und Härte des eigenen Kreditgelds haben sie den Zielpunkt ihrer Konkurrenz gegen andere Nationen. Darin resümiert sich ihre Finanz-, d.h. ihre Kapitalmacht. Im Kampf um sie ist die Ausbeutung in den Betrieben das ewige Instrument.[2]

4.Insgesamt leben deine Einwände von der Konfrontation der grundsätzlichen Einsichten in Wert, Mehrwert und Geld mit unseren Analysen der Währungskonkurrenz, der WTO und des modernen Staatsgeldes. Du argumentierst wie einer, der fürchtet, unsere Darlegungen würden marxistische Gewißheiten untergraben, die du dir nicht nehmen lassen willst. Von einem Widerspruch zwischen den elementaren Gesetzen der Produktionsweise und unseren Auskünften über heutige entwickelte Formen ist jedoch nichts zu sehen; außen eben man macht die Entwicklung nicht mit, die darlegt, wie das Wertgesetz sich in der Konkurrenz durchsetzt und sie reguliert.[3] Wir legen allerdings großen Wert auf diesen Beweis, denn nur durch ihn ist auch zu zeigen, dass es Wert und Mehrwert sind, um die sich das Wirtschaften dieser Gesellschaft dreht. Das hält die Welt außerhalb der vernachlässigbaren Marx-Gemeinde nämlich für gar nicht ausgemacht. Marx selbst war jedenfalls nicht zufrieden mit der Entdeckung des Wertgesetzes und des Faktums der Ausbeutung. Er fand es nötig, die entdeckten Prinzipien der Ökonomie fortzuentwickeln bis zur „Oberfläche der Bewegung“, die die im Kapitalismus befangenen Wirtschaftssubjekte bewusst exekutieren, ohne von Wert und Mehrwert je etwas gehört zu haben. Marx hat für diesen Beweis den 2. und 3. Band des ‚Kapital‘ geschrieben und Bücher über den Kredit, den Staat und den Weltmarkt geplant. Ohne diesen Beweis trennst du die prinzipiellen Einsichten in den Kapitalismus davon ab, wie er Gegenstand der Erfahrung von dir und anderen ist, und nimmst sie tatsächlich zu einem Dogma über den unauflöslichen Zusammenhang von Geld und Arbeit zurück – das noch nicht einmal stimmt. Kredit in allen seinen Formen gilt dir als ein vergeblicher Versuch, diesen Zusammenhang zu ignorieren und das Wertgesetz zu überspringen, während es tatsächlich vermittelst des Kredits durchgesetzt wird. Du siehst den Kapitalismus an Schranken der Verwertung leiden – und bist nicht ganz entschieden, ob du die Krise für eine Kritik der Produktionsweise halten sollst. Vorsicht! Die Herabsetzung des Marxismus zu einer historisch optimistischen „marxistischen Weltanschauung“ hat es in der glanzvollen Geschichte der Arbeiterbewegung schon einmal gegeben. Lass’ sie auf dem Misthaufen, auf den sie gehört!

[1] Es ist zwar grundsätzlich ein verkehrtes Verfahren, unsere Erläuterungen auf Vereinbarkeit mit Marx’ Theorie zu überprüfen – es könnte ja auch sein, dass der Alte nicht recht hat –, aber wenn schon, dann solltest du dich auf die Stellen beziehen, die zum behandelten Stoff gehören und nicht entwickeltere, historisch und in der Ableitung spätere Verhältnisse kritisch mit elementaren Einsichten in Ware und Geld konfrontieren. Privates Kreditgeld – immer noch nicht das heutige staatliche – und seine Gesetze erklärt Marx in ‚Kapital‘ Band III Kapitel 33 und 34: „Das Umlaufsmittel unter dem Kreditsystem“ und „Das Currency Principle“.

[2] Das alles findest du systematisch dargestellt in: „Der Staatshaushalt – von der Ökonomie der politischen Herrschaft“, GegenStandpunkt 4-97, S.191, sowie in: „Notwendige Klarstellungen zum Geld des Staates“, GegenStandpunkt 1-98, S.215.

[3] Die kritische Konfrontation von Ausgangspunkt und Endpunkt einer Ableitung hat Tradition. Gleich nach Erscheinen des 3. Bandes des ‚Kapital‘ hat der Nationalökonom Böhm-Bawerk darin gelesen, dass kapitalistisch produzierte Waren zum Produktionspreis verkauft werden, der vom Wert abweicht. Im ersten Band, in dem Marx den Wert, den Mehrwert und die Produktion des Kapitals abhandelt, setzt der aber voraus, dass die Waren zu ihrem Wert getauscht werden. Na also, triumphierte Böhm-Bawerk, der Kritiker seiner geliebten Produktionsweise gibt selbst zu, dass sein Wertgesetz nicht stimmt. Dass die Waren nur deshalb nicht zu dem Quantum inkorporierter gesellschaftlich notwendiger Arbeitszeit getauscht werden, weil das Wertgesetz gilt, d.h. weil die Kapitalisten um die Aneignung des in der Gesellschaft produzierten Wertes konkurrieren, war dem ökonomischen Sachverstand unverständlich – und manchem Linken in späteren Jahrzehnten ebenfalls: sie haben ein „Transformationsproblem“ daraus gemacht und wollten den Wert in den Produktionspreis umrechnen, um Marx Theorie zu retten.


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