Das Abendland marschiert

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Das Abendland marschiert
Praktische Klarstellungen zur Logik empörter Heimatliebe aus verschiedenen europäischen Kapitalstandorten

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Wir steuern in mehrern Artikeln einen Vergleich mit ähnlich liebenswürdigen, ähnlich zählebigen und ähnlich populären politischen Gesinnungen bei, die im europäischen Abendland zu Hause sind. Die nationale Abgrenzung eines nationalen ‚Wir‘ von den ‚anderen‘, die grundsätzlich stören und nicht ‚dazu‘ gehören, gehört auch und gerade zu einem ‚Europa ohne Grenzen‘ offensichtlich unausrottbar dazu. Die kritische Würdigung von Pegida, Österreichs Freiheitlicher Partei, Italiens „Grillini“, dem MoVimento 5 Stelle, und der runderneuerten Lega erläutert das gelebte politische Weltbild national gesonnener Bürger: Deren Anpassungsbereitschaft an ihre wenig zufriedenstellenden Verhältnisse geht einher mit der Deutung aller Lebensverhältnisse als Chance und Anrecht, auf das der einheimische Bürger einen Anspruch hat, andere aber nicht.

Das Abendland marschiert
Praktische Klarstellungen zur Logik empörter Heimatliebe aus verschiedenen europäischen Kapitalstandorten

Die Mitgliedsländer der EU werden von patriotischen Europäern regiert. Der Widerspruch zwischen Union und Vaterland, den sie zur herrschenden Staatsräson gemacht haben und unermüdlich weiterentwickeln, hat nach Jahren der Krise und Krisenbewältigung ein fortgeschrittenes Stadium erreicht. Die politische Richtlinie, die den Club zusammengebracht hat – jedes Mitglied sucht aus dem Zusammenschluss für sich in Konkurrenz zu den anderen mehr kapitalistischen Reichtum und politische Macht herauszuwirtschaften, als es ihm ohne Binnenmarkt und Gemeinschaftsrecht und Einheitswährung möglich wäre –, hat lange genug gewirkt, um ihr unausweichliches Resultat hervorzubringen: die Scheidung der beteiligten Nationen in Gewinner und Verlierer in einer Form, die alle zunehmend unerträglich finden. Den zuständigen Herrschaften erwachsen daraus neue politische Aufgaben. Die einen müssen im europäischen Verbund mit den Schäden ihrer Konkurrenzniederlagen fertig werden und sich dafür kaum bis gar nicht erfüllbare Bedingungen für die Wiedergewinnung nationaler Konkurrenzfähigkeit diktieren lassen. Die anderen – und vor allem ein anderer – verbuchen einen enormen Zugewinn an Richtlinienkompetenz über ihre Partner und zugleich deren Schwäche als Schmälerung des Konkurrenzerfolgs, den sie über die errungen haben.

Was die regierenden Europäer aus dieser Lage machen, ist eine Sache; eine andere, wie die regierten Patrioten sie wahrnehmen und in ihr staatsbürgerliches Weltbild einbauen. Die zunehmend ungleiche Verteilung politischer und ökonomischer Potenz und Richtlinienkompetenz zwischen den Regierungen kriegen die Regierten auf jeden Fall mit und sehr sachgerecht in den falschen Hals. Die einen finden sich in ihrer nationalen Ehre verletzt, die anderen als Herrenvolk, das alles richtig macht, ebenso bestätigt wie ausgenutzt; wer’s nicht von selber merkt, wird von seiner nationalen Öffentlichkeit einschlägig aufgeklärt.

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Von Imperialismus wollen Europas regierende Herrschaften nichts wissen. Aber dass die Welt die abendländischen Werte braucht, gerade da, wo sie auf die ebenso wehrhaften wie zahlungskräftigen Botschafter von Marktwirtschaft, Demokratie und systemfrommer Satire nicht wirklich gewartet hat, und dass sie verpflichtet sind, den Völkern dieser Welt das Kriterium der nationalen Schuldentragfähigkeit als Grundlage einer vernunftgeleiteten Staatsräson und den Willen zu unbedingter Anpassung als staatsbürgerliche Grundausstattung nahezubringen, wo die sich nicht schon von selbst in ihr Elend fügen: Davon gehen die gewählten Führer der Freien Welt aus. Sie setzen nationalen Reichtum ein, um ihm die Welt als Wachstumsbedingung herzurichten; sie üben politischen Einfluss aus; wo der nicht wunschgemäß wirkt, scheuen sie auch bewaffnetes Eingreifen nicht – am liebsten per „leading from behind“, indem sie ortsansässige Völkerschaften kämpfen lassen. Aus ihrem Wirken erwachsen ihnen neue Aufgaben: Sie bekommen es mit neuen Feinden zu tun, die mit blutrünstigen Taten und der Verbreitung einschlägiger Selfies beweisen möchten, dass sie in all ihrer Ohnmacht von den wirklich Mächtigen doch ernst genommen werden müssen. Eine ganz andere Elite unter den Opfern der herrschenden Weltordnung kreuzt ungefragt und nicht bestellt in den Heimatländern von Weltgeld, Kampfdrohnen und Meinungsfreiheit auf und sucht dort eine Überlebenschance, die nur den wenigsten von ihnen zugestanden wird. Für Europas Regierende zählt das zu den Unkosten, die ihnen aus ihrer Verantwortung fürs Schicksal der modernen Staatenwelt erwachsen, die sie allenfalls mit einander und mit ihrem transatlantischen Partner und sonst mit niemandem teilen wollen.

Den Zusammenhang zwischen globaler Zuständigkeit ihrer Herrschaften und lokal zu bewältigenden Folgelasten verstehen die Regierten auf ihre Art. Nämlich so, wie sie sich ihr Verhältnis zur nationalen Höchsten Gewalt immer zurechtzulegen pflegen: per Aufteilung in die Pflicht zu tugendhaftem Aushalten und Befürworten der amtlichen Agenda einerseits, Unzufriedenheit mit den Konsequenzen fürs eigene private Nutzenstreben andererseits. Dabei finden sich – auch das wie immer – die einen durch die nationale Weltpolitik zur Betonung ihrer vorbehaltlosen Weltoffenheit herausgefordert; die in der Regel „schweigende Mehrheit“ zieht den üblichen Schluss von der Last, als welche sie ihre Herrschaft praktisch erfahren, auf Belastungen, die ihre Herrschaft selber zu tragen hätte, und hadert mit ihrer Regierung, die sich aus mehr oder weniger unverständlichen Gründen auf Kosten des eigenen Volkes für Dienste an fremden Interessen hergibt.

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Die Konjunkturen der nationalen Politik rufen regelmäßig politische Figuren und Parteien auf den Plan, die ihre Kritik an den nationalen Leistungen der Regierenden über die gewöhnliche Besserwisserei einer etablierten Opposition hinaus zu einem Sonderangebot an die patriotische Politikverdrossenheit resp. den politikverdrossenen Patriotismus verarbeiten: an eine Geisteshaltung, die sie, nicht zu Unrecht, ihrem Volk unterstellen. In ihrem Generalvorwurf allgemeinen „Politikversagens“ bringen sie das Untertanen-Ideal eines unermüdlichen und dadurch erfolgreichen Dienstes der Obrigkeit an ihren Bürgern mit dem herrschaftlichen Standpunkt unbedingter und dadurch erfolgreicher Souveränität voll zur Deckung. Angesprochen wird damit die elementare staatsbürgerliche Einbildung aller selbstbewussten Volkskörper, „Herr im eigenen Haus“ zu sein – eigentlich; aufgeregt wird die Vorstellung, mangels regierungsamtlichen Durchgreifens eben dies nicht mehr sein zu dürfen und allein deswegen von all den Unbilden betroffen zu sein, die einen modernen Zeitgenossen stören; ausgestattet wird das so mobil gemachte patriotische Urteilsvermögen mit leicht fasslichen Belehrungen darüber, wo überall jene Fremdbestimmung stattfindet, die dem guten Volk seine angestammte Heimat kaputt macht.

Von diesem falschen Bewusstsein gibt es in Europa derzeit eine Anzahl deutlich verschiedener Varianten. Einige davon sind im Folgenden Thema.


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