Nord- und Südkorea unter olympischer Flagge vereint

Dieser Artikel ist in der Reihe Chronik – kein Kommentar! der Zeitschrift GegenStandpunkt 1-18 erschienen. Sie kann über den Buchhandel oder direkt beim Verlag als Druckausgabe oder E-Book erworben werden.

Vorolympische öffentliche Gedankenspiele
Nord- und Südkorea unter olympischer Flagge vereint: Wie finden wir das?

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Der IOC-Chef verkündet der Welt wieder einmal die berufsbedingten Phrasen von der friedlich spielenden Völkerfamilie, denen dieses Mal allerdings der Austragungsort mit seinem Hintergrund wechselseitiger Atomkriegsdrohungen eine aparte Note verleiht:

"Die Olympischen Spiele zeigen uns, wie die Welt aussehen könnte, wenn wir uns alle vom olympischen Geist des Respekts und Verständnisses leiten lassen würden... Die Olympischen Winterspiele in Pyeongchang 2018 haben die Tür für einen friedlichen Dialog auf der koreanischen Halbinsel geöffnet."

Das billige Vergnügen, sich zurechtzudenken, dass die Welt um vieles schöner sein könnte, wenn sie nicht so wäre, wie sie ist, dient umgehend als Steilvorlage für das Gewerbe des kritischen Durchschauens: Über die berufseigene Hybris, mit der sich Bach als Friedensengel der Weltpolitik geriert, kann sich die deutsche Öffentlichkeit nur amüsieren. Den Glauben an die friedensstiftenden Wirkungen des olympischen Sports hält sie bestenfalls für sehr naiv, sachlich für eine glatte Lüge. Respekt und Verständnis zwischen den Völkern, klärt sie auf, sind nichts als ein schöner Schein, werden von den beteiligten Nationen bloß inszeniert. Der Durchblick, dass das mit viel Geld und Pomp inszenierte bunte Sportgeschehen von machtpolitischen Interessen instrumentalisiert wird, ist für die Öffentlichkeit allerdings kein Grund, die Friedens- und Völkerverständigungs-Gloriole der Spiele ad acta zu legen.

Vorolympische öffentliche Gedankenspiele
Nord- und Südkorea unter olympischer Flagge vereint: Wie finden wir das?

Der IOC-Chef verkündet der Welt wieder einmal die berufsbedingten Phrasen von der friedlich spielenden Völkerfamilie, denen dieses Mal allerdings der Austragungsort mit seinem Hintergrund wechselseitiger Atomkriegsdrohungen eine aparte Note verleiht:

„Die Olympischen Spiele zeigen uns, wie die Welt aussehen könnte, wenn wir uns alle vom olympischen Geist des Respekts und Verständnisses leiten lassen würden... Die Olympischen Winterspiele in Pyeongchang 2018 haben die Tür für einen friedlichen Dialog auf der koreanischen Halbinsel geöffnet.“ (Bach in Lausanne, 20.1.18)

Das billige Vergnügen, sich zurechtzudenken, dass die Welt um vieles schöner sein könnte, wenn sie nicht so wäre, wie sie ist, dient umgehend als Steilvorlage für das Gewerbe des kritischen Durchschauens: Über die berufseigene Hybris, mit der sich Bach als Friedensengel der Weltpolitik geriert, kann sich die deutsche Öffentlichkeit nur amüsieren: Er überschätzt sich; den Glauben an die friedensstiftenden Wirkungen des olympischen Sports hält sie bestenfalls für sehr naiv, sachlich für eine glatte Lüge. Respekt und Verständnis zwischen den Völkern, klärt sie auf, sind nichts als ein schöner Schein, Frieden und Völkerverständigung werden von den beteiligten Nationen bloß inszeniert: Der gute Glaube an Olympia wird benutzt (FAZ, 18.1.18) – und zwar, da geben die abgeklärten Auskenner in Sachen realer Weltpolitik schwer an mit ihrer Kenntnis der Hintergründe, für sehr handfeste Machtinteressen, die mehr vom Gegenteil eines friedlichen Miteinanders auf der Welt zeugen.

Der Durchblick, dass das mit viel Geld und Pomp inszenierte bunte Sportgeschehen von machtpolitischen Interessen instrumentalisiert wird, ist für die Öffentlichkeit allerdings kein Grund, die Friedens- und Völkerverständigungs-Gloriole der Spiele ad acta zu legen, sondern der Auftakt dazu, die politischen Berechnungen der engagierten Staaten an eben diesem – angeblich längst durchschauten – olympischen Ethos zu messen und entsprechend ihre Punktwertungen zu vergeben.

Vor allem im Norden der koreanischen Halbinsel sind beim besten Willen nur unlautere Motive für die Teilnahme an den olympischen Winterspielen zu entdecken. Von einer echten Bereitschaft für Frieden und Einheit kann gar keine Rede sein; und um den olympischen Geist eines fairen sportlichen Wettkampfs geht es Kim schon gleich nicht, Sport ist Politik in Nordkorea. Da hat sich nämlich ein feindseliges Regime erst selbst aus der Weltgemeinschaft verabschiedet – hätte der Westen es sonst zum Feind erklärt und aus dem Kreis der anständigen Staaten ausgeschlossen? Und jetzt versucht es, sich als friedliche Nation im Kreis der globalen Völkerfamilie zu präsentieren und so seinen wahren Charakter zu verschleiern – und entlarvt sich damit gleich doppelt als das pure Gegenteil: als diktatorischer Unstaat – und zwar sportlich wie politisch. Was, nein, nicht Nordkorea, sondern sein Herrscher aufbietet, sind im Gegensatz zu den zivilen Produkten deutscher Sportkompanien und Sporthilfe verkappte Repräsentanten der Kim-Diktatur: „Sportsoldaten“. Und die sind dann auch noch einfach zu schlecht (FAZ, 9.1.18) für Olympiamedaillen. Die beanspruchte Demonstration von Macht denunzieren wir gleich auch noch als erbärmliche Ohnmacht des Regimes; kein Wunder in diesem zu einer Atommacht hochgerüsteten Armenhaus (Sportschau, 10.9.17): Breitensport gibt es so gut wie nicht. Wozu auch wertvolle Kalorien verbrennen in einem Land, in dem Millionen unterernährt sind? (SZ, 12.1.18) Dank Olympia wissen wir also, woran diese Militärdiktatur außer ihrer Machtbesessenheit auch noch krankt. Mit Sport Politik machen wollen ohne Sportler: ebenso hinterhältig wie lächerlich! Dasselbe gilt auch für die Massen, vor denen und mit denen ja der Wettkampf der Nationen erst zu einem solchen wird: Neben ein paar Eisläufern hat das kommunistische Regime nur ein paar Hundertschaften abkommandierter Jubelkoreaner (FAZ, 20.1.18) zu bieten. Dieselbe Öffentlichkeit, die sich zu Hause um die gebührende Anteilnahme an dem Einsatz ‚unserer‘ Sportskanonen für Deutschland und um den gebührenden nationalen Jubel über deren Erfolge kümmert, entlarvt dasselbe Bemühen von nordkoreanischer Seite als Angriff auf die Reinheit des Sports: Wo auch nur ein zarter Schimmer nationaler Begeisterung auf die Kim-Herrschaft zu fallen droht, da kann es sich nur um den gleichermaßen frechen wie blamablen Versuch handeln, die Winterspiele für die Selbstdarstellung auf der Bühne unserer zivilisierten Weltgemeinschaft propagandistisch auszuschlachten (br, 20.1.18). Dass es dem bekanntermaßen skrupellosen Diktator ausgerechnet um Frieden zu tun sein solle, das ist einfach nur bizarr (SZ, 14.1.18). Unsere aufmerksame Öffentlichkeit verliert eben bei den Spielen der Völker keinen Moment aus den Augen, welcher Staat da seine Volksrepräsentanten antreten lässt.

Viel Verständnis verdient dagegen die machtpolitische Berechnung Südkoreas, den verfeindeten Bruder im Norden zu seinen Spielen zu locken. Es mag zwar äußerst bedenklich sein, dem Feind nicht nur seine Selbstinszenierung zuzugestehen, sondern ihn sogar in die eigene Mannschaft aufzunehmen. Aber immerhin zielt dieses Manöver auf einen Verzicht des Regimes in Pjöngjang auf Nuklearwaffen; und dafür, dem kommunistischen Regime am Ende seine Machtambitionen abzuknöpfen, geht die berechnende Heuchelei von Frieden und Einheit in Ordnung, dient sie doch unserer guten Sache. Der Zweck, Nordkorea zu entmachten, adelt die diplomatische Geste als großes Friedenssignal (Spiegel, 26.1.18) und Akt der Versöhnung. Die Presse befrachtet die mit den Spielen verknüpften diplomatischen Gesten und Signale zwischen Nord- und Südkorea mit ungeheurer praktischer politischer Tragweite – um sich sogleich parteilich zu sorgen, ob der Südkoreaner Moon mit den offenen Armen seiner Sonnenscheinpolitik überhaupt erreicht, was sie sich in dieses diplomatische Manöver an Entmachtungsperspektiven Nordkoreas hineinimaginiert: Am Ende könnte der ganze schöne Dialog mit dem Norden nach hinten losgehen und nur die harte Haltung gegen Pjöngjang unterminieren, statt die nordkoreanische Herrschaft: Kim: 1, Moon: 0 – so war das nicht gemeint!

Einmal in Fahrt gekommen entfaltet die Presse angesichts der Tatsache, dass zwischen Nord- und Südkorea diplomatische Gespräche stattgefunden und die zu einer wie auch immer gearteten Einigung geführt haben, eine blühende Phantasie: Die Gespräche mit dem Süden lassen US-Präsident Donald Trump relativ machtlos dastehen. Der Chef der Führungsmacht ist mit seinem fire and fury vor den feinfühligen Maßstäben der Auskenner in Sachen Feinddiplomatie gehörig blamiert, denn laut Spiegel kann der jetzt gar nicht anders als die innerkoreanischen Gespräche zu begrüßen, weil sich sonst das nordkoreanische Narrativ – die USA als wahrer Kriegstreiber (Spiegel, 9.1.18) bestätigen würde. Wenn man sich nur als Maßstab zur Beurteilung der Supermacht ein Verhältnis absoluter Macht gegenüber restloser Unterordnung zurechtkonstruiert, erweist sich jede auch nur erdenkliche Abweichung vom Drehbuch des von den USA verfolgten Feindkurses als Zeichen der Schwäche und als erster Schritt der Beteiligten, die Unterordnung unter Trump aufzukündigen. Wobei das Vergnügen der Schreibtischstrategen, den amerikanischen Präsidenten mal kurzfristig auf das Niveau eines Papiertigers hinabzudefinieren, nicht allzu lange anhält; denn da fällt ihnen sofort eine andere Macht ein, die womöglich davon profitieren könnte: Wirklich freuen kann sich am Ende wieder China. Und das heißt für uns, was auch immer das heißt, jedenfalls nichts Gutes.

Andererseits gibt sich die deutsche Öffentlichkeit hinsichtlich ihrer doppelten Entmachtungsfantasien auch wieder realistisch: Wie sie ihre Mächtigen kennt, halten die sich sicher wieder mal nicht an die von ihr entworfenen Szenarien: Es ist zu erwarten, dass Donald Trump in den USA und der Raketenmann Kim Jong-un im Norden nach der Schlussfeier einfach weiter erörtern werden, wer den größten Atomknopf hat (SZ, 20.1.18) – womit sich natürlich nicht die vorstellig gemachten Perspektiven als Hirngespinste deutscher Journalisten, sondern die Machthaber als unverantwortlich herausstellen: Sie versagen auf ganzer Linie an den Maßstäben, die die deutsche Presse zum gesunden Menschenverstand des Weltgeistes erklärt hat.

Aber zurück zum sportlichen Wettstreit der Nationen: Ein Nutzen bleibt auf jeden Fall. Das politische Geschacher um die Teilnahme Nordkoreas stiftet eine gewisse Sicherheitsgarantie für die Veranstaltung (SZ, 13.1). Dem Nordkoreaner, der, wie deutschen Journalisten hinlänglich bekannt, skrupellos und zu fast allem entschlossen ist, muss man im Prinzip alles zutrauen. Aber so verrückt, während der Olympischen Spiele in Südkorea einen Atomkrieg anzuzetteln und seine eigenen Leute abzuschießen (Bild, 11.1.18), wird er ja wohl nicht sein; inmitten der Bedrohungslage können wir angesichts dieser nordkoreanischen politischen Schutzschilde (SZ, 19.11.17) mit unseren deutschen Athleten vorerst erleichtert aufatmen.

Denn der Vorfreude der deutschen Öffentlichkeit auf die Winterspiele tut das Entlarven des schönen olympischen Scheins keinen Abbruch. Schließlich sind wir, die anständigen Nationen, ja nicht die, die unser Olympia missbrauchen. Von daher sind die Spiele, wenn man nur alle ausgiebig erörterten politischen Berechnungen anderer Mächte einfach wieder ignoriert, letztlich doch nicht nur ein schöner Schein zur schnöden Machtkonkurrenz der Staaten, sondern unsere friedliche, völkerverbindende Sportveranstaltung; und darin ganz ohne falsche politische Berechnungen Bewährungsfeld für unsere sauberen Spitzenathleten, die Ehre für ihre überaus leistungsfähige Nation einlegen. Diese Konkurrenz um Ehre und Reputation der Nation, bei der Deutschland vor der Welt zu glänzen gedenkt, ist viel wichtiger als die Instrumentalisierung der Spiele, die andere mit ihren machtpolitischen Ränkespielen betreiben. Unser Felix Neureuther hat einfach Recht: Entschuldigung, aber ich fahre da einen Slalom, und da fliegen Raketen über mich drüber, was ist denn da los eigentlich? Wir veranstalten olympische Spiele – und die stören mit ihren Atomkriegsdrohungen. Die haben sie wohl nicht mehr alle!


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