Aus der Reihe „Chronik - kein Kommentar!“
Das „Flüchtlingsherkunftsland“ Eritrea
Den seit geraumer Zeit anschwellenden Flüchtlingsstrom aus Osteuropa, dem Nahen Osten und Afrika betrachten die europäischen Staaten – ein Großteil ihrer Bürger schon gleich – als ein ernsthaftes Problem: Als unerwünschte Fremde, die nicht auf Einladung und nicht nach den vorgesehenen Regeln einwandern, sind sie von Haus aus zu viele, eine Last, die es möglichst zu reduzieren gilt. Dabei sind sowohl der deutsche Staat als auch seine journalistische Öffentlichkeit zu der Überzeugung gelangt, dass es nicht ausreicht, einen effektiveren Umgang mit den erfolgreich Geflüchteten zu finden, die Schleuser entschiedener zu bekämpfen und die noch nicht Geschleusten glaubwürdiger abzuschrecken. Man muss vielmehr die Sache an der Wurzel packen, die „Fluchtursachen selber bekämpfen“, heißt es. Das lenkt den Blick der Öffentlichkeit auf eine Reihe von Staaten, in denen das Leben für viele seiner Insassen offensichtlich unerträglich ist. Diese Staaten firmieren seitdem unter der Kategorie „Flüchtlingsherkunftsland“, womit der Gesichtspunkt der kritischen Begutachtung hinreichend benannt ist: Sie versagen vor der Aufgabe, ihre Bevölkerung im Land und Europa von Flüchtlingen frei zu halten.
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Systematischer Katalog
Länder & Abkommen
Gliederung
- Das gültige öffentliche Urteil über Eritrea: ein „afrikanisches Nordkorea“!
- Die eritreische Herrschaft: die Organisation von Volk und Führung für die staatliche Selbstbehauptung
- Die wechselnde imperialistische Rolle Eritreas im US-Ordnungsprogramm für Ostafrika
- Die neue Aufgabenzuweisung für die eritreische Herrschaft durch Europa: Von der Fluchtursache zum Fluchtverhinderer
Das „Flüchtlingsherkunftsland“ Eritrea
Den seit geraumer Zeit anschwellenden Flüchtlingsstrom
aus Osteuropa, dem Nahen Osten und Afrika betrachten die
europäischen Staaten – ein Großteil ihrer Bürger schon
gleich – als ein ernsthaftes Problem: Als unerwünschte
Fremde, die nicht auf Einladung und nicht nach den
vorgesehenen Regeln einwandern, sind sie von Haus aus zu
viele, eine Last, die es möglichst zu reduzieren gilt.
Dabei sind sowohl der deutsche Staat als auch seine
journalistische Öffentlichkeit zu der Überzeugung
gelangt, dass es nicht ausreicht, einen effektiveren
Umgang mit den erfolgreich Geflüchteten zu finden, die
Schleuser entschiedener zu bekämpfen und die noch nicht
Geschleusten glaubwürdiger abzuschrecken. Man muss
vielmehr die Sache an der Wurzel packen, die
„Fluchtursachen selber bekämpfen“, heißt es. Das lenkt
den Blick der Öffentlichkeit auf eine Reihe von Staaten,
in denen das Leben für viele seiner Insassen
offensichtlich unerträglich ist. Diese Staaten firmieren
seitdem unter der Kategorie
Flüchtlingsherkunftsland
, womit der Gesichtspunkt
der kritischen Begutachtung hinreichend benannt ist: Sie
versagen vor der Aufgabe, ihre Bevölkerung im Land und
Europa von Flüchtlingen frei zu halten.
Das gültige öffentliche Urteil über Eritrea: ein „afrikanisches Nordkorea“!
Ganz weit oben in diese Kategorie gehört das ostafrikanische Eritrea: Pro Monat verlassen 2 000 bis 3 000 Menschen das Land; inzwischen sollen rund 360 000 Eritreer, fast 6 Prozent des gesamten Staatsvolks, geflüchtet sein, wovon ca. 37 000 in Europa registriert sind. Die meisten flüchten auf dem Landweg, der in der Regel in einem der afrikanischen Nachbarländer endet; ein anderer Teil von ihnen wird in der „Folterkammer Sinai“ aufgegabelt, wo sie von diversen Banden als Geiseln gehalten werden, bis das Lösegeld fließt; eine Minderheit schlägt sich bis zum Mittelmeer durch und bildet nach den Syrern die zweitgrößte Gruppe der „boat people“, die die risikoreiche Überfahrt in die „Festung Europa“ unternehmen.[1]
Über die Beweggründe dieses Exodus wird man hierzulande
detailreich aufgeklärt: In Eritrea herrscht zwar extreme
Armut – laut IWF-Statistiken ist es das fünftärmste Land
der Welt –, doch laut der hiesigen Berichterstattung
verdankt sich die massenhafte Flucht nicht, jedenfalls
nicht vorwiegend, ökonomischem Elend, sondern
flächendeckender politischer Repression. Diese
Flüchtlinge sind also keine anrüchigen
Wirtschaftsflüchtlinge
, die bloß ihre Lebenslage
verbessern wollen, sondern politisch Verfolgte
,
deren Menschenrecht auf gute Herrschaft verletzt
wird.[2] Das
macht sie in den Augen eines Großteils der Bürger in den
Zielländern nicht beliebter, aber nach den Kriterien des
Rechtsstaats macht das den entscheidenden Unterschied: So
gut wie jedem eritreischen Flüchtling, der es nach Europa
schafft, wird Asyl gewährt.
Zur politischen Unterdrückung, der die Eritreer daheim
ausgesetzt sind, gehört vor allem die sogenannte
Militarisierung der eritreischen Gesellschaft
:
zehn bis zwanzig Prozent der Bevölkerung – Frauen wie
Männer, Teenies wie Alte – gehören zum stehenden Heer;
das 12. Schuljahr wird gleich im Militärlager mit der
einschlägigen Ausbildung absolviert. Der Militärdienst
dauert de jure anderthalb Jahre, ist aber de facto oft
unbefristet. Die Rekruten werden nicht nur für die
Verteidigung der Nation, sondern auch für zivile
Staatsdienste eingesetzt: Im Rahmen des „National
Service“ leisten sie schlecht bis unbezahlte Zwangsarbeit
im Straßen-, Wohnungs- und Bergbau sowie in der
Landwirtschaft. Hunger, Inhaftierung und Folter von
unwilligen Dienstkräften sind keine Seltenheit, sodass
von einer modernen Form der Sklaverei berichtet wird. Wer
zu fliehen versucht, wird als Deserteur behandelt; wer
dabei erwischt wird, wird in ein Lager gesteckt und oft
gefoltert; und wer es über die Grenzen schafft, kann
damit rechnen, dass seine Familie mit Geld- und
Haftstrafen belegt wird. Das Gleiche gilt, wenn
Auslandseritreer es versäumen, die sogenannte
„Diaspora-Steuer“ von zwei Prozent auf ihr
Auslandseinkommen nach Hause zu überweisen; erst recht,
wenn sie im Exil oppositionell tätig werden. Auch mit
politischer Opposition daheim wird nicht zimperlich
umgegangen – und sogar Mitglieder der Regierung sind vor
Repression nicht sicher: 2001 befiehlt Präsident Isaias
Afewerki die Verhaftung des gesamten Politbüros seiner
allein regierenden Partei wegen Landesverrats, weil es
sich für die Verabschiedung einer demokratischen
Verfassung mit Parteienpluralismus aufgeschlossen gezeigt
hatte. Das Allerschlimmste für hiesige Journalisten aber
ist: Über all dies darf nicht einmal frei berichtet
werden. Seit 2002 gibt es weder private Rundfunk- noch
Fernsehsender noch Zeitungen; nach der kritischen
Berichterstattung über das rabiate Vorgehen des
Präsidenten wurden solche Presseorgane der Gefährdung
der nationalen Sicherheit
beschuldigt und sämtliche
privaten Zeitungen geschlossen und deren Personal
verhaftet. Der letzte ausländische Korrespondent im Lande
wurde 2008 ausgewiesen, mindestens sechs Journalisten des
staatlichen Presseorgans sitzen noch in Haft, einige sind
ganz verschwunden. Das alles hat diesem afrikanischen
Nordkorea
(SZ, FAZ,
Handelsblatt, Stern, Tagesschau…) den letzten
Platz in der Rangliste der Pressefreiheit bei „Reporter
ohne Grenzen“ eingebracht, noch hinter dem echten
Nordkorea.
Afrikanisches Nordkorea
– das ist bloß eine der
Formeln, die üblicherweise verwendet werden, um die
eritreischen Verhältnisse auf den Begriff zu bringen. Das
Land gilt auch als ein gigantisches Gefängnis
(Human Rights Watch), eine
riesige Kaserne
(NZZ)
oder einfach die Hölle auf Erden
(ARD-Weltspiegel). Ein soeben
veröffentlichter Bericht des UN-Menschenrechtsrats fasst
das Ganze zusammen: In Eritrea herrscht nicht das
Recht, sondern die Angst
. Damit ist das Interesse der
journalistischen Öffentlichkeit an den Verhältnissen im
Lande voll und ganz befriedigt. Mit dem negativen Befund,
dass das eritreische Regime umfassend gegen die Regeln
guter Herrschaft verstößt, ist schon alles Nötige darüber
gesagt, wie und warum es das Land so regiert: Da wird
Macht nicht gebraucht, sondern durch einen
„paranoiden Diktator“ (SZ) missbraucht, der sich
von vermeintlichen Feinden umgeben
(FAZ) und bedroht fühlt
(Tagesschau). Laut einem
Frankfurter Experten verfolgt Präsident Afewerki
überhaupt kein Staatsprogramm in dem Sinne; als
Ein-Mann-Staat
(FAZ)
ist er sich selbst genug.
Sonst nichts?
Die eritreische Herrschaft: die Organisation von Volk und Führung für die staatliche Selbstbehauptung
Eritrea ist zwar seit seiner Unabhängigkeit 1993 als
vollwertiger Staat anerkannt, mit Sitz und Stimme in der
UNO, doch als Staatsgewalt in einer
fundamentalen Hinsicht unfertig: Die Reichweite seines
herrschaftlichen Anspruchs, der Umfang seiner Verfügung
über Land und Leute, stehen noch nicht fest. In
der Frage führt Eritrea seit gut zwanzig Jahren
einen mal kalten, mal heißen Krieg. Nicht etwa mit
vermeintlichen Feinden
, sondern mit allen seinen
Nachbarn über den Verlauf seiner Staatsgrenze und damit
grundsätzlich für seine Anerkennung als eigenständige
Herrschaft. Der Hauptgegner in dieser Auseinandersetzung
ist Äthiopien, von dem sich Eritrea losgesagt und dem es
vor gut 20 Jahren seine Unabhängigkeit gewaltsam
abgerungen hat. Die bislang letzten Schlachten im noch
umstrittenen Grenzgebiet fanden kurz vor der
Jahrtausendwende statt, seitdem stehen sich diese zwei
Armeen einander gegenüber in einer sogenannten no war,
no peace situation
. Dieser andauernde Kriegszustand,
der Kampf um die Selbstbehauptung der eritreischen
Staatsgewalt nach außen, bestimmt Charakter und
Innenleben der Nation.
Sofern es um den Reichtum geht, mit dem der eritreische Staat seine Herrschaft finanziert, ist seine Bevölkerung zum größten Teil überflüssig. 80 Prozent sind in der Landwirtschaft tätig, und zwar zum großen Teil als Subsistenzbauern; entsprechend wenig tragen sie zum für moderne Nationen entscheidenden, im Geld bemessenen Reichtum bei. Eritrea ist wie so viele seiner Nachbarn auf dem Kontinent nämlich ein „Rohstoffland“, dessen nationale Geldquelle darin besteht, dass es natürliche Elemente eines kapitalistischen Produktionsprozesses liefert, der anderswo stattfindet und anderswo seine Erträge abwirft. Das Land exportiert hauptsächlich diverse Mineralien wie Gold, Kupfer und Kali – bislang alles in sehr überschaubaren Mengen – sowie einige Agrargüter. Der Löwenanteil dieser Ökonomie befindet sich in Staatshand, die Erträge fließen direkt in den Staatshaushalt und gehen mehr oder weniger in der Bedienung seines obersten Zwecks und Bedarfs auf: der Verteidigung der Nation, also dem Aufbau und der Aufrechterhaltung seiner militärischen Schlagkraft. Dazu leistet auch und vor allem die eritreische „Diaspora“ ihren Beitrag, deren Überweisungen zurück in das Heimatland gut 1/3 des BIP ausmachen – eine entscheidende Quelle der Devisen, auf die der eritreische Staat für die Anschaffung des nötigen Militärgeräts angewiesen ist.
Mit der ökonomischen Überflüssigkeit der
allermeisten daheimgebliebenen eritreischen Bürger für
ihren Staat ist keineswegs das letzte Wort über sie
gesprochen. Im Gegenteil: Die oben erwähnte
Militarisierung der eritreischen Gesellschaft
zeugt davon, wie sehr der eritreische Staat sie als
seine Manövriermasse für absolut unerlässlich
hält: als das lebende Mittel seiner
Selbstbehauptung. Die Ansprüche, die er an das Leben
seiner Gesellschaft und an die Herrschaft selber stellt,
sind danach: Die Staatsführung schafft und erhält sich
ein Volk unter Waffen als schlagkräftigen militärischen
Kampfverband im dauerhaften Bereitschaftszustand; und sie
organisiert und sichert ihre Herrschaft als eine
jederzeit handlungsfähige Befehlsgewalt über ihr Land:
– Was die Bevölkerung angeht, so sorgt der Staat für eine dienstbare Mannschaft, indem er große Teile der Landesbewohner zwangsweise zum Militärdienst einzieht, sie neben den militärischen auch zu inneren Diensten abkommandiert, eine große Zahl dauerhaft mit mehr oder weniger Gewalt in diesem Status erhält und sie – mehr schlecht als recht – aus seinen auswärtigen Geldeinnahmen alimentiert. So stiftet er, bei aller offiziellen Anerkennung für die ethnische, sprachliche und religiöse „Heterogenität“ des kleinen eritreischen Volkes, dessen entscheidende Identität: Die mögen sich für Christen oder Moslems, für Tigrayer, Tigrer oder Afaris halten, aber in erster Linie haben sie ein eritreisches Volk zu sein, das auf ein nationales Kommando hört. Damit schafft der eritreische Staat zugleich Gründe zum Weglaufen, die etwas anders gestrickt sind als in den afrikanischen Nachbarländern. Im Unterschied zu den Ländern, in denen der wechselseitige Terror konkurrierender ethnischer oder religiöser Milizen die Landesbewohner in die Flucht treibt, wie etwa in Nigeria, der Zentralafrikanischen Republik, Mali, Sudan, Süd-Sudan etc., leben in Eritrea Christen und Moslems, Tigrayer, Tigrer und Co. Seit‘ an Seit‘ – im und durch ihren kollektiven Dienst für die Staatsgewalt. Wenn ihr Leben in Anspruch genommen und aufs Spiel gesetzt wird, dann nicht für die politische und ökonomische Selbstbehauptung eines Volksteils gegen konkurrierende Ansprüche im eigenen Land, sondern für die Sicherung des staatlichen Gewaltmonopols: Dessen Selbstbehauptung nach außen, für die die Bevölkerung eingespannt wird, schmiedet sie zu einem Volk zusammen und bestimmt, was die Massen zu erwarten und zu befürchten haben.
– Deshalb sind alle konkurrierenden Ansprüche auf die Staatsgewalt selbst, damit auf die Mittel des Staates sowie auf die Loyalität der Bürger, auszuschalten. Der Staatsapparat darf nicht zum Schauplatz eines Kampfes um Posten in der staatlichen Hierarchie und damit um ein Stück Kontrolle über die einzige bedeutende nationale Einkommensquelle verkommen. Alles und alle im Lande haben auf ein nationales Kommando zu hören. Dass Afewerki bei der Durchsetzung dieses herrschaftlichen Anspruchs erfolgreich ist, wird seinem ansonsten verschrienen Regime eine Zeitlang sogar als eine beachtliche Resistenz gegen die für Afrika typische „Korruption“ zugutegehalten. Hier findet Herrschaft nicht als ständiger Kampf konkurrierender Politiker mit ihren partikularen Vorteilsrechnungen statt; deren Anhänger und Anhängsel sollen und können sich nichts davon versprechen, dass einer der ihren an die Schaltstellen der Macht gelangt. Hier wird vielmehr pur im Sinne der Selbstbehauptung der souveränen Macht des Staates regiert. Deren Notwendigkeiten vertragen keine solche Konkurrenz.
– Wer es unten wie oben nach dem Ermessen des obersten Patrioten am Einsatz für dieses nationale Kampfprogramm fehlen lässt oder sich diesem hohen Auftrag gar verweigert, untergräbt die Kampfkraft, ist von daher ein Feind und wird entsprechend behandelt. Und umgekehrt: Wenn die nationale Selbstbehauptung nicht gelingt, dann hat es der Nation wegen innerer Feinde an der nötigen kämpferischen Einheit gefehlt: So zieht Afewerki kurz nach dem verlorenen Krieg gegen Äthiopien um den Verlauf der Grenze einen messerscharfen Schluss auf einen weitverbreiteten „Defätismus“ im Lande, also auf einen Mangel an Siegeswillen. Oppositionelle Stimmen sind dann offensichtlich ein Zeichen auswärtiger Zersetzungsarbeit; und wenn sogar die Mitglieder seines eigenen Politbüros Zweifel an der Siegesfähigkeit des Präsidenten äußern und die Möglichkeit demokratischer Wahlen ins Spiel bringen, dann sind sie Verräter, die ausgeschaltet gehören.
Dass Afewerki die Ziele, denen sich seine Bürger mit Haut
und Haar zu verschreiben haben, in Tönen beschwört, die
noch jeder moderne demokratische Staat in Zeiten
„nationaler Bedrohung“ im Programm hat –
Selbständigkeit, nationale Einheit, Selbstaufopferung,
eine starke Beziehung zwischen Volk und Führung
– ist
nur gerecht. In dem, wie er seine Gewalt einsetzt, wie in
dem, wie er diesen Einsatz rechtfertigt, ist er ein
gelehriger Schüler des Imperialismus, dessen Subjekte in
Europa und Amerika daheim sind. Was er auf seine brutale
Weise durchzusetzen versucht, ist die Grundlage und
Existenzbedingung von der Sorte Gemeinwesen, die in der
von diesen Mächten beaufsichtigten Staatenkonkurrenz
Respekt genießen. Er führt vor, worauf ein erfolgreiches
„nation-building“ mit einem einigen Volk unter nationaler
Führung beruht: auf einer Staatsgewalt, die nach innen
das Gewaltmonopol ausübt und sich als solche nach außen
Respekt und ihren Hoheitsansprüchen Geltung verschafft.
Von wegen Ein-Mann-Staat
! Was dem Afewerki-Regime
als eine flächendeckende Missachtung von fundamentalen
Bürger- und Menschenrechten
seiner Bürger angekreidet
wird, ist in Wahrheit die konsequente, der Notlage der
Herrschaft entsprechende rigorose Inanspruchnahme der
Menschen in ihrer ersten Eigenschaft als Basis und
Manövriermasse der Staatsgewalt. Das definiert,
was sie an Rechten besitzen und ihnen an Pflichten
aufgezwungen wird: Ohne die erfolgreiche Selbstbehauptung
der Gewalt ist ihr Leben nichts; wenn sich diese Gewalt
gefährdet sieht, dann haben sie für deren
Selbstbehauptung alles zu geben.
Die wechselnde imperialistische Rolle Eritreas im US-Ordnungsprogramm für Ostafrika
Die Erfahrung, die der eritreische Staat in diesem Dauerkampf macht, zeigt allerdings, wie wenig ein Staat von diesem untergeordneten Schlag tatsächlich Subjekt des Erfolgs seiner Herrschaft und überhaupt ihres Bestands ist. Was ein solcher Staat ist und mit seiner Macht auszurichten vermag, entscheidet sich vielmehr an den Berechnungen, die die bestimmenden Weltmächte mit ihm und seinen Nachbarn anstellen.
In diese Berechnungen hat der eritreische Staatswille nie
so recht hineingepasst. Das gilt im Grunde schon seit dem
Beginn des Unabhängigkeitskampfs vor ca. 50 Jahren, als
Eritrea noch die nördlichste Provinz Äthiopiens war –
eines Landes, das die USA zur potenten Regionalmacht
aufgerüstet und in seinen Offensiven gegen die
eritreischen Rebellen finanziell und militärisch
unterstützt haben. Auch nach dem Sturz des Kaisers Haile
Selassie durch das „marxistische“ Derg-Regime hilft es
den eritreischen Freiheitskämpfern in den Augen
Washingtons überhaupt nicht, dass ihr Feind zum
Sowjetfreund geworden ist. Die USA trauen der – nach
ihrer Einschätzung selber viel zu „kommunistisch“
gestrickten – Befreiungsfront nicht über den Weg, wollen
auch nicht – jedenfalls nicht zu diesem Zeitpunkt – auf
dem afrikanischen Kontinent einen sezessionistischen
„Präzedenzfall“ schaffen. Für die Schwächung des
äthiopischen Regimes setzen sie lieber auf die offiziell
anerkannten Staaten in der Nachbarschaft, vor allem auf
Somalia. Für einen amerikanischen Perspektivwechsel sorgt
erst das plötzliche Verschwinden der Sowjetunion und
damit der Unterstützungsmacht des äthiopischen Staates
sowie der Zusammenschluss der eritreischen Rebellen mit
der „Volksbefreiungsfront von Tigray“ – einer ebenfalls
nach Autonomie strebenden Rebellengruppe im Norden
Äthiopiens – zu einem militärischen Zweckbündnis, das
dann gegen die kollabierende äthiopische Armee Sieg um
Sieg erringt. Im eritreischen Freiheitsdurst sehen die
Amerikaner jetzt eine Gelegenheit, das anachronistische
Ärgernis des „sozialistischen“ äthiopischen Regimes zu
beseitigen und sich als die exklusiv zuständige Weltmacht
in dem wichtigsten Staat der Region zu etablieren. Zu dem
Zwecke leistet Amerika der eritreisch-tigrayischen
Kriegsallianz bei deren Endspurt gegen die äthiopische
Armee finanziellen Beistand und diplomatische Anerkennung
als legitimem und zuständigem Mitentscheider über die
Zukunft des Landes. Der Führer der tigrayischen Rebellen
wird zum neuen Präsidenten Äthiopiens, während die
eritreischen Rebellen aus dem Krieg bald danach als die
Führer eines eigenständigen Staats hervorgehen. Einige
Jahre lang gilt der zum Präsidenten gemauserte
Rebellenführer Afewerki seinen amerikanischen Sponsoren
als „Hoffnungsträger“ neben anderen Vertretern der
neuen Generation afrikanischer Führer
wie Paul
Kagame in Rwanda, Yoweri Museveni in Uganda und Meles
Zenawi in Äthiopien, deren segensspendende Großtaten für
ihre Völker in den einschlägigen UNO-Berichten
nachzulesen sind. Aus Sicht der USA sind dann mit dem
Ende des feindlichen äthiopischen Regimes und der Geburt
des neuen Staates aber auch alle Ansprüche dieser
nützlichen afrikanischen Partner abgegolten.
Für diese selber hat sich damit allerdings überhaupt
nichts erledigt: Schließlich ist nach der Unabhängigkeit
die Frage, wo Eritrea aufhört und die angrenzende
äthiopische Provinz Tigray anfängt, keine bloß
administrative Frage mehr, sondern eine der Reichweite
der jeweiligen Staatsgewalt. Und das ist – getrennt
davon, wie bedeutend oder unbedeutend das umstrittene
Gebiet in ökonomischer oder strategischer Hinsicht
tatsächlich sein mag – eine grundsätzliche Gewaltfrage
zwischen Staaten, also auch eine Sache nationaler Ehre.
Aber weil dieser Konflikt sich bloß um deren Ansprüche
und nicht mehr um die der entscheidenden Mächte dreht,
gilt dieser Krieg jetzt als vollkommen sinnlos
und
wird zeitweise zum absurdesten Konflikt der Erde
gekürt: ein Kampf um ein ödes, unfruchtbares
Gebirgsdreieck ohne Bodenschätze oder strategischen Wert,
also bloß wegen der Geltungssucht der ehemaligen
Kampfgefährten Afewerki und Zenawi.[3] Nach einem zweijährigen
Stellungs- und Abnutzungskrieg wird der Grenzverlauf von
einer UN-Kommission festgelegt, deren Urteil von
Äthiopien aber bis heute nicht anerkannt wird; das Land
hält Teile des Eritrea zugesprochenen Territoriums unter
Besatzung und knüpft dessen Rückgabe an die
„Normalisierung der Gesamtbeziehungen“, die es selber
entschieden verweigert.
Dass dieser Konflikt im Laufe der 2000er immer weniger
absurd
und immer mehr die Schuld Eritreas
wird, liegt vor allem daran, dass Äthiopien zu einem
einigermaßen potenten und äußerst kooperationswilligen
Partner der USA in der Region geworden ist, in der
Washington inzwischen neue Bedrohungen ausgemacht hat:
Die äthiopische Armee stellt den Hauptteil der „boots on
the ground“ in dem von Amerika angeführten Kampf gegen
islamistische Milizen in Somalia; 2007 besetzt Äthiopien
weite Teile des Landes inklusive der Hauptstadt
Mogadischu, zieht dann wegen zunehmender Proteste in der
Hauptstadt nach zwei Jahren wieder ab; doch nach wie vor
bilden die äthiopischen Streitkräfte einen Eckstein im
militärischen Fundament der vom Westen
zusammengebastelten somalischen „Übergangsregierung“. Da
hat sich Eritrea also nun den falschen Feind ausgesucht –
und auch die falschen Freunde. Es versucht nämlich die
Gegner, die sich Äthiopien im Zuge seiner regionalen
Ordnungsdienste macht, für seinen Kampf zu nutzen: Als
Mittel in einem kleindimensionierten Stellvertreterkrieg
gewährt es der in Somalia aktiven und vom Westen
angefeindeten „Union islamischer Gerichte“, den mit Al
Qaida verbündeten Al Shabaab sowie einigen anderen
kleinen äthiopischen Rebellengruppen finanzielle
Unterstützung und Unterschlupf. Zu allem Überfluss
veranstaltet es einen Überfall auf einen Armeestützpunkt
in Djibouti, mit dem sich Eritrea ebenfalls in einem
Grenzkonflikt befindet, und nimmt einige Soldaten
gefangen. Auch hier nimmt sich Eritrea einen Staat zum
Gegner, mit dem die USA inzwischen eine gedeihliche
militärische Kooperation pflegen – hauptsächlich als
Ausgangsbasis für ihre Drohnenoperationen in der Gegend.
Das alles macht Eritrea in den Augen der USA endgültig zu
einem Schurkenstaat. Im UN-Sicherheitsrat setzen sie
diverse Sanktionen gegen das Afewerki-Regime durch und
erwägen sogar, das Land auf ihre Terrorliste zu setzen.
Auch Europa entschließt sich zu einer entschiedenen
Ächtung des Staates, unterstützt die von den USA
geforderten Sanktionen und zieht alle Botschafter aus dem
Lande ab.
Die neue Aufgabenzuweisung für die eritreische Herrschaft durch Europa: Von der Fluchtursache zum Fluchtverhinderer
Doch für Europa schafft der nicht enden wollende
Flüchtlingsstrom, nicht zuletzt aus Eritrea, eine neue
Lage und sorgt für einen neuen, „differenzierteren“ Blick
auf das eritreische Unterdrückungsregime: Dieser Staat
ist jetzt als Produzent von Flüchtlingen ein Problem –
was für die EU die Aufgabe bedeutet, ihn zu einem
potenziellen Partner zu machen, damit er mit
seiner Gewalt nicht mehr als Fluchtursache,
sondern als Fluchtverhinderer fungiert. So wird
Eritrea Teil eines größeren Europa-Programms für das
ganze einschlägige Afrika: Dezember 2014 einigt sich die
EU – unter der Federführung Deutschlands – mit allen
anderen Staaten in der Region auf eine „Africa Migration
Route Initiative“, die inzwischen den Namen
„Khartoum-Prozess“ trägt. Das Abkommen soll die
Unterstützung der afrikanischen Staatsgewalten beim
Grenzschutz und bei der Bekämpfung von Schleuserbanden
stärken – der Schwerpunkt liegt auf der Polizeiausbildung
und dem „Management“ von Flüchtlingsbewegungen. Für
Eritrea winkt ein einschlägiges „Entwicklungspaket“ über
mehrere Millionen Dollar. Was sich da
„entwickeln“ soll, macht schon der Anlass deutlich: Die
Gewalt des eritreischen Staates soll fortan den
Ordnungsbedarf Europas befriedigen, also die
richtige Sorte Unterdrückung entfalten. Prompt ändert
sich mit der imperialistischen Interessenlage auch die
menschenrechtliche Beurteilung, und man entdeckt
hoffnungsvolle Ansätze: So sieht der stellvertretende
Außenminister Italiens Juli 2014 bei einem Besuch in
Eritrea nun die Zeit für einen Neuanfang
gekommen;
er unterstreicht die Entschlossenheit
seines
Landes, unsere bilateralen Beziehungen wiederzubeleben
und Eritreas Rolle als verantwortlichen Akteur und
wichtiges Mitglied der internationalen Gemeinschaft bei
der Stabilisierung der Region wiederherzustellen.
Nach einem starken Anstieg der Zahl eritreischer
Flüchtlinge im Lande schickt die dänische Regierung Ende
2014 eine „fact-finding-mission“ nach Eritrea und kommt
zu dem interessanten Befund, dass die
Menschenrechtssituation in Eritrea womöglich nicht so
schlecht sei wie allgemein angenommen
, woraufhin sie
bei der Asylgewährung für Eritreer entsprechend mehr
Strenge walten lässt. Bald danach schicken Norwegen und
Großbritannien ähnliche Teams nach Eritrea und kündigen –
nach Versicherungen der eritreischen Regierung, dass der
Militärdienst in Zukunft ganz sicher nicht mehr
unbefristet sein wird – ähnliche Reformen in der
Bearbeitung eritreischer Asylanträge an. Eine
dankenswerte Klarstellung, wie frei, unbekümmert und
funktional Europas Imperialisten ihr Verhältnis zu
fremden Staatsgewalten und darüber auch zu deren Völkern
gestalten. Die eritreischen Flüchtlinge, die bislang das
zweifelhafte Glück gehabt haben, in ihren Zielländern als
politisch Verfolgte zu gelten, bekommen zu spüren, wie
sehr ihr Status als asylberechtigte Flüchtlinge nicht von
ihrer eigenen Notlage und den Zuständen, denen sie
entfliehen wollen, sondern davon abhängt, wie die
Zielstaaten ihr Verhältnis zum Herkunftsstaat definieren
und ausgestalten. Bei aller Annäherung an das eritreische
Regime wird der Vorwurf der Menschenrechtsverletzung
allerdings keineswegs einfach aus dem Verkehr gezogen. Er
leistet weiterhin seinen Dienst als Titel für die
Klarstellung, dass es bei der Zusammenarbeit mit Europa
in Sachen „Bekämpfung der Fluchtursachen“ allemal um
Ansprüche geht, die Europa stellt und die
Eritrea zu erfüllen hat.
[1] In der vorletzten großen Auflage der Reihe „Flüchtlingstragödie im Mittelmeer“, bei der 2013 fast 400 Menschen vor Lampedusa ertrunken sind, stammen fast alle Opfer aus Eritrea.
[2] Wie man erfährt, fliehen auch prominentere Vertreter der Nation: einige ehemalige Mitglieder der Regierung zum Beispiel, sowie zwei Militäroffiziere, die es mit dem Privatjet des Präsidenten nach Saudi-Arabien geschafft haben; um das gekaperte Flugzeug zurückzuholen, wird eine Kampfpilotin nach Riad geschickt, die dann unmittelbar nach ihrer Ankunft Asyl beantragt. Immer wieder nutzen die Athleten der Nation ihre Auslandsspiele für die Flucht, zuletzt 2012, als die gesamte Fußballnationalmannschaft samt Mannschaftsarzt in Uganda ab- und anderthalb Jahre später in den Niederlanden aufgetaucht ist... Alles Dokumente, durch die die Öffentlichkeit ihre Kritik bestätigt sieht, dass das Land einfach nicht ordentlich regiert wird.
[3] Vgl. dazu Krieg zwischen Äthiopien und Eritrea: Der „absurdeste Konflikt der Erde, GegenStandpunkt 3-98.