Krieg zwischen Äthiopien und Eritrea

Dieser Artikel ist in der Reihe Chronik – kein Kommentar! der Zeitschrift GegenStandpunkt 3-98 erschienen. Sie kann über den Buchhandel oder direkt beim Verlag als Druckausgabe oder E-Book erworben werden.

Krieg zwischen Äthiopien und Eritrea
Der „absurdeste Konflikt der Erde“

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Äthiopien und Eritrea sind von den USA zur Eindämmung missliebiger islamistischer afrikanischer Staaten verplant – und dann führen die auf einmal Krieg gegeneinander. Wenn hiesige „Afrika-Kenner“ gewärtigen müssen, dass das Modell einer für ausschließlich westliche Interessen gesponserten Staatlichkeit dort unten ein schönes Ideal ist, dann wird die einzige Kritik des Krieges laut, die sich in dieser funktionell für den Imperialismus eingerichteten Welt noch Respekt verschaffen kann: bloß wegen „nationaler Eitelkeiten“ wird er geführt!

Krieg zwischen Äthiopien und Eritrea
Der „absurdeste Konflikt der Erde“

Eine Zeit lang können es die Kommentatoren der Weltpolitik einfach nicht begreifen, sogar ausgesprochene Afrika-Kenner wollen sich vor ein riesiges Rätsel gestellt sehen:

„Seit ein paar Tagen bekriegen sich Eritrea und Äthiopien wegen ein paar umstrittener Grenzgebiete… Warum Äthiopien gerade jetzt so massiv um das Gebiet kämpft, ist auch Afrika-Kennern rätselhaft. Eritrea verfügt zwar über Mineralien wie Gold, Nickel, Chrom und Ilmenit. Doch die Vorkommen im umstrittenen Gebiet sind nicht von Bedeutung.“

Eine unwegsame Wüstenei, ein trostloses Gebirgsland von rund 400 Quadratkilometern Größe, in dem absolut nichts vergraben liegt, was Besitzerherzen höher schlagen läßt – um so etwas führen die da unten einen Krieg? Spinnen die? Und dann noch die streitenden Parteien selbst: Kämpfen schon um rein gar nichts, und dann sind ihre Führer auch noch entfernt miteinander verwandt! Und das nicht nur blutsmäßig, sondern sogar auch noch in ihrem politischen Lebenszweck und Werdegang, so daß es den Anschein hat, als gäben sie mit ihrem Krieg ein Stück fürs Feuilleton:

„Es klingt nach dem Stoff einer antiken Tragödie: Sie haben jahrelang Seite an Seite gekämpft, den Tyrannen gestürzt, das Reich friedlich geteilt und sind dann jeder in die Heimat zurückgekehrt, um ihre Länder wiederaufzubauen. Doch plötzlich wenden sich die Waffenbrüder gegeneinander und beginnen, alles, was sie erreicht haben, zu vernichten. Der Grund ihres Zwistes ist – und hier endet die Parallele zur Dichtung – nicht etwa eine schöne Frau, sondern ein wüstes Gebirgsdreieck.“

So richtig im Ernst will das politische Urteilswesen seinen Absprung in die Fabelwelt menschlich-tragischer Verstrickungen dann freilich doch nicht unternommen haben. Dieselben Beobachter, die so gar nicht verstehen können, was die Führer Äthiopiens und Eritreas überhaupt gegeneinander haben sollten, lassen nämlich durchaus einfließen, wieviel Verständnis sie im Grunde genommen auch für diesen Krieg haben. Als Nationalisten, die sie sind, leuchtet ihnen schon sehr ein, daß Staaten jeder Quadratzentimeter ihres Territoriums heilig ist, ein zwischen ihnen umstrittenes Gebiet also immer ein schwelender Grenzkonflikt, ein Kriegsgrund auf Abruf ist. Sie wissen auch sehr gut darüber Bescheid, daß der Zwist der ehemaligen Waffenbrüder überhaupt kein zwischenmenschliches Zerwürfnis ist. Von ihnen selbst kann ja jeder, der es will, erfahren, daß diese großartige Waffenbrüderschaft ein vom Westen arrangiertes und gesponsertes Zweckbündnis zur Erledigung – nicht eines Tyrannen, sondern: – des letzten Marxisten in Afrika war; daß die Teilung von Mengistus Erbe im Aufbruch von zwei konkurrierenden Nationen besteht, die ihren Gegensatz am Verlauf ihrer Grenze, aber auch in der Aufkündigung bisheriger Regelungen des gemeinsamen Wirtschafts- und Geldverkehrs austragen, kurz: Daß Nationalisten in ihren höchsten Rechten immer auch die besten Gründe für einen Krieg besitzen und den dann auch auskämpfen, wenn ihnen danach ist, vermögen die hiesigen Beobachter bei aller Verständnislosigkeit, die sie vorgeben, sehr gut herauszuspüren. Nur deswegen verfallen sie auch darauf, die Politik der Kontrahenten gleich von einem Standpunkt aus zu taxieren, der an den Folgen für das jeweilige nationale Rechtsbewußtsein und Ehrgefühl Maß nimmt: Von einem Schlag ins Gesicht Äthiopiens sowie von der Schande dieses Staates, als Kreatur Eritreas beschimpft zu werden, reden sie, weil ihnen die Verletzung nationaler Rechte – weit mehr als schöne Frauen oder Nickel – unmittelbar als guter Grund geläufig ist, mit Gewalt zuzuschlagen. Einerseits.

Denn andererseits bestehen sie darauf, daß im vorliegenden Fall der Krieg einfach absurd ist. Wo sie im Konflikt zwischen diesen beiden Staaten nur auf die ewiggleichen und ihnen gut bekannten Elementarprinzipien staatlicher Souveränität stoßen, wollen sie diese partout nicht mehr wiedererkennen – und geben damit zu Protokoll, daß nach ihrem Befinden sich keinesfalls jeder Souverän herausnehmen darf, mit Krieg nach seinem Recht zu sehen. Ihre alberne Rätselei darüber, was es denn nur sei, was diese beiden Nachbarn gegeneinander so aufgebracht haben könnte, hat in der Unverfrorenheit und Penetranz ihren Grund, mit der diese Beobachter die größeren und kleineren Begebenheiten im politischen Weltgeschehen ausschließlich vom Standpunkt des politischen Interesses aus in Augenschein nehmen, das sie selbst an ihnen haben und deswegen schon für ausschließlich maßgeblich befinden. Dieses Interesse deckt sich haargenau mit dem, das die maßgeblichen Subjekte des Imperialismus in allen Winkeln der Welt und an allen Schauplätzen von Weltpolitik geltend machen, und wo diese davon ausgehen, daß alles, woran sie Interesse nehmen, von allen anderen als verbindliches Recht anzuerkennen ist, dem sie sich unterzuordnen haben, da haben die Berichterstatter des Imperialismus auch schon ihren Maßstab fertig beieinander, an dem entlang man einen Krieg dann manchmal einfach nicht versteht: Der macht dann eben schlicht keinen Sinn, weil er in dem politischen Drehbuch nicht vorgesehen ist, auf das die Regisseure in Washington oder auch Berlin den Rest der Staatenwelt ideell verpflichtet haben. So führen im vorliegenden Fall diese Souveräne am Horn von Afrika einen so rätselhaften Krieg nur deswegen, weil ihre Waffen eigentlich für einen ganz anderen und weit gewichtigeren Zweck vorgesehen sind als für den, den ihre Besitzer gerade mit ihnen im Sinn haben:

„Für wenige Jahre waren sie fast freundschaftlich verbundene Nachbarn, unterstützt von den USA, das einen Cordon sanitaire gegen den islamischen Sudan errichten wollte.“

Wer als frischgebackener Souverän von der Weltmacht des Imperialismus die Erlaubnis erhält, sich russische MIGs anzueignen und auch noch mit neuen Kampfbombern beschenkt wird, darf zwar stolz auf Herrschaftsmittel sein, über die er nunmehr exklusiv verfügt. Gebrauch machen von ihnen darf er allerdings nicht exklusiv, sondern nur so, wie es das politische Interesse will, das sich von höherer Stelle aus auf ihn und seine Waffen erstreckt und die Funktionalität beider für sich selbst schon längst verplant hat. Diese imperialistische Doktrin einer zwar nicht formell, aber der Sache nach eben schon begrenzten Souveränität ist offenbar der politische Gehalt, den hiesige Afrika-Kenner mit ihrem Begriff einer afrikanischen Renaissance im Kopf haben. Wenn sie dann gewärtigen müssen, daß ihr Modell einer gesponserten Staatlichkeit dort unten, die immer und überall nur im Interesse ihrer Sponsoren tätig wird, eben doch nur ein schönes Ideal ist, Neger manchmal tatsächlich Kriege führen, die von keiner ihrer Aufsichtsmächte in Auftrag gegeben wurden und auch dem deutschen Interesse gar nichts nützen, dann wird die einzige Kritik des Krieges laut, die sich in dieser funktionell für den Imperialismus eingerichteten Welt noch Respekt verschaffen kann: Bloß wegen nationaler Eitelkeiten wird er geführt! Und dieselben Humanisten, die es für den guten Zweck der Eindämmung unpassender Islamisten für ganz in Ordnung befinden, daß im Bedarfsfall Äthiopien, Eritrea und noch ein paar Nationen mehr ihre Völkerschaften zu verheizen haben, entdecken dann glatt auch noch, daß die beiden sich bekriegenden Nationen zu den ärmsten der Welt gehören:

„Afrika verliert durch den Konflikt Vorbilder der afrikanischen Renaissance. Meles Zenawi und Isayas Afewerki machten das Versagen afrikanischer Führer für die Probleme des Kontinents verantwortlich. Jetzt sind auch ihnen nationale Eitelkeiten offensichtlich wichtiger als das Wohl ihrer Länder.“

Da hilft man ihnen eigens zur Selbsthilfe, schenkt ihnen auch noch die Waffen, die sie für einen gescheiten Kampf gegen den Hunger brauchen, und was machen die? Schießen einfach damit. Kein Wunder, daß nichts aus ihnen wird.


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