Anti-Faschismus

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Anmerkungen zur neuesten Auflage des Anti-Faschismus
Wie radikal sind die Anti-Deutschen?

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Der Nationalsozialismus in Deutschland und der Antifaschismus im Nachkriegsdeutschland – Ost und West. Die ‚Anti-Deutschen‘ und die Zeitschrift ‚Konkret‘: Der Abgang der Systemkritik in die antideutsche Gesinnungswirtschaft.

Anmerkungen zur neuesten Auflage des Anti-Faschismus
Wie radikal sind die Anti-Deutschen?

Sachdienliche Hinweise vorweg

Zum Programm des Faschismus

Als Hitler antrat, um eine Bewegung zur Rettung der Nation in Marsch zu setzen und mit seiner Partei die politische Macht in Deutschland zu übernehmen, kamen die Deutschen in den Genuß eines Angebots, sich anders regieren zu lassen. Die Alternative hat der spätere Führer in dem Buch „Mein Kampf“ begründet; seine Bewegung hat seine Diagnose bezüglich der Lage der Nation sowie die fälligen Konsequenzen in lauter unmißverständliche Losungen gegossen, damit das Volk wußte, worauf es ankam.

Das Programm umfaßte a) die Beseitigung der Schranken deutscher Macht, die dem Kriegsverlierer Deutschland durch andere Nationen auferlegt worden waren. Die Staatsgrenzen wie die wirtschaftlichen Sanktionen galten als unrechtmäßige Verhinderung deutschen Reichtums, als eine unerträgliche Demütigung der Nation, der einfach die Rolle einer Weltmacht zustand. Daraus, daß sie eine gründliche Korrektur des internationalen Kräfteverhältnisses anstrebten und dieses Vorhaben manchen Feldzug erforderte, machten die Nationalsozialisten überhaupt kein Geheimnis. Dem Volk, an das sie sich wandten, erläuterten sie seine Drangsale als Konsequenzen der Not, in welcher sich das Gemeinwesen befand. Dabei hüteten sie sich, in bezug auf den Wohlstand, der den mit und ohne Arbeit armen Landsleuten durch die nationalsozialistische Ausübung der Staatsgewalt blühen sollte, große Versprechungen zu machen. Als Lohn für den geforderten und staatlich organisierten Einsatz winkte die Ehre, als deutscher Arbeiter nach den Maßstäben zu (über)leben, die die bürgerliche Gesellschaft für diesen Stand vorsieht. Die analoge Behandlung verhießen die Faschisten auch dem Nährstand, und die Klasse, die im Kapitalismus für die Wirtschaft Verantwortung trägt, sollte schon gleich ihr Geld in den Dienst an der Nation stellen – welches Gebot von Industriellen wie Bankiers zu Recht nicht als Risiko mißverstanden, sondern als großartige Gelegenheit zum Geldverdienen wahrgenommen wurde.

Versprochen wurde b) der Gebrauch der staatlichen Macht nach innen in einer Weise, die den Erfolg dieser nationalen Mobilmachung sicherstellte. Die Faschisten haben einerseits die politische Führung des Vaterlandes kritisiert und bekämpft, weil diese es versäumte, das Volk zu einen und dessen Leistungen, die jedem Politiker als die Quelle nationaler Größe geläufig sind, herbeizuregieren. Hitler und seine Partei hielten die demokratische Konkurrenz um die Macht für eine einzige Schwächung der öffentlichen Gewalt, der Opportunismus ihrer demokratischen Gegner galt ihnen als landesverräterisch – und insgesamt bezichtigten sie die politische Elite Deutschlands des Vergehens, sich zum Diener un- und antideutscher Interessen erniedrigt zu haben. Die Linksparteien kürten sie gleich zum Feind.

Andererseits gingen die Faschisten auch mit dem Volk ins Gericht, weil es seiner Mission – die Deutschland heißt – nicht nachkam. Als mildernden Umstand für die allgemeine Pflichtvergessenheit und sozialistische Umtriebe ließen sie nur die Fehler der amtierenden Führung gelten, die nicht einmal in der Lage war, die Massen mit Arbeit zu versorgen, geschweige denn, sie unter tatkräftiger Benützung ihrer Leistungskraft für Höheres einzuspannen. Verzeihen wollten die Nazis aber auch den Angehörigen der niederen Stände ihre Irrwege nur, wenn sie sich eines besseren besannen und sich dem nationalen Aufbruch anschlossen, zu dessen Organisation die Hakenkreuzler bereitstanden.

c) Mit dem Beschluß, allen Instanzen und Klassen der bürgerlichen Gesellschaft ein Zusammenwirken aufzuherrschen, das den Erfolg der Nation sicherstellt, trieben die Faschisten die im Kapitalismus beheimatete moralische Kritik auf die Spitze. Im Namen der Volksgemeinschaft, die einzig in der gemeinsamen Unterwerfung unter dieselbe Staatsgewalt besteht – ansonsten sind die um ihren Erwerb konkurrierenden Volksgenossen damit befaßt, sich gegenseitig zu beschränken und ihre Interessen auf Kosten der anderen durchzusetzen –, veranstalteten sie einen Test auf die Brauchbarkeit ihrer Mitmenschen. Faschisten sind eben mit der Sortierung des Volkes, die die Konkurrenz hervorbringt, nicht einverstanden; sie erhöhen sie nicht nur ideologisch, sondern ergänzen sie praktisch durch die Auslese nach dem Gesichtspunkt des Beitrages, den jeder an seinem Platz der Nation abstattet. Auch dieses Vorhaben, das als staatliche Verfolgung des mißratenen Willens, der undeutschen Gesinnung ebenso blutig wahrgemacht wurde wie die rassistische Vernichtung derer, die wegen ihrer undeutschen Anlagen gar keine andere Fähigkeit mitbrachten als die, der deutschen Sache Schaden zuzufügen[1] – auch der hoheitlich organisierte Terror also wurde von den Nazis ausdrücklich angekündigt.

Zum Erfolg des Nationalsozialismus in Deutschland

Die Nationalsozialisten haben sich bekanntlich durchgesetzt. Weniger bekannt ist – der Eifer beim „Lernen aus der Geschichte“ hat da zielstrebig versagt – warum.

Erstens sind sie mit ihrer Definition der Drangsale, unter denen Land und Leute so leiden, gut angekommen. Sie sind auf Mitbürger gestoßen, die ziemlich genau ihrer Meinung waren (und zwar ohne den Anflug eines demokratischen Gewissens: der schlaue Einwand, mit solchen Ideen wäre schon einmal unsäglicher Schaden über Deutschland gekommen, war ja noch nicht zu haben). Die Not der Massen, die von Arbeit leben müssen, aber keine finden, galt im ganzen Land als Ungerechtigkeit, welche die Obrigkeit zu beheben hatte. Selbst in linken Vereinen beheimatete Arbeiter sind in Hungermärschen mitgelatscht und haben „Arbeit!“ gerufen; da wollte kaum jemand bemerkt haben, daß der Staat selbst die Unterwerfung der Arbeiter unter die Gewinnrechnung des Kapitals in Kraft setzt – und daß die Regierung wegen ihrer Unzufriedenheit mit den nationalen Erträgen die Härten der Lohnarbeit nicht abschaffte, sondern ihr eine Abteilung staatlicher Zwangsarbeit zur Seite stellte. Den wohltätigen Charakter dieser Maßnahme entdeckten die politisierten Proleten auch nicht im fürstlichen Lohn – auch da schlossen sie sich eher den faschistischen Lehren an: So hatten wenigstens Müßiggang und der die Nation zersetzende Sozialkampf ein Ende; und daß die „Beschäftigung“ nicht nur einen erzieherischen Sinn hatte, sondern auch ihren Zweck, die Herstellung nationaler Wehrkraft, wurde durchaus gebilligt. Denn die Auffassung, daß es mit der inter-nationalen Entwürdigung Deutschlands nicht mehr so weitergehen dürfe, war von demokratischen Volksfreunden längst erfolgreich verbreitet worden. „Unglaubwürdig“ wurden die Volksvertreter und politischen Parteien andererseits darüber, daß sie „nichts taten“ gegen die vielbeschworene Not des von ihnen regierten Volkes; hochanständigen Deutschen war eben die schlechte Meinung über Politiker geläufig, die im Streit um die Pfründe der Macht ihre Pflichten vernachlässigten. Das Bedürfnis nach ehrlicher und effektiver Führung, nach kompromißlosem Gebrauch der Macht, der an die Stelle des Mißbrauchs zu treten hatte, brauchte die NSDAP jedenfalls nicht zu erfinden, weil sie es im enttäuschten Gemeinsinn des politisierten Volkes vorfand. Zu dessen festen Überzeugungen gehörte auch längst die „Einsicht“, daß sich da volksfremde Schmarotzer und Schädlinge auf Kosten aller ehrlichen Deutschen breitgemacht hatten. In diesem Punkt wurden sich in ihrer nationalen Ehre gekränkte Werktätige locker mit Geschäftsleuten und der braunen Partei einig, die von allen Übeln des deutschen Kapitalismus den Schluß auf die kriminelle Energie und den betrügerischen Geschäftssinn von Juden bewerkstelligten.

Kurz – die Nazi-Bewegung hatte erst einmal deswegen Erfolg, weil sie mit ihrem Programm sämtliche Kritikpunkte der nationalen Moral einzulösen versprach. Das verschaffte ihr massenhaft Anhänger.

Zweitens sind die Nationalsozialisten mit ihren Gegnern fertig geworden. Der politischen Konkurrenz, den bürgerlichen Parteien, haben sie ihre Anhänger abspenstig gemacht, indem sie der Basis an sämtlichen Ärgernissen des nationalen Lebens den Verrat vorrechneten, den die unfähigen Führer am Gemeinwesen begingen. Unter Berufung auf sämtliche Ideale, welche die bürgerliche Politik bezüglich des Zusammenwirkens von Volk und Staat, der Gerechtigkeit im ökonomischen Leben und der historischen Mission Deutschlands so in Umlauf gebracht hat, demonstrierte die faschistische Agitation ihre eindeutige Botschaft: Alle, denen an einem ordentlichen Leben in Deutschland und an dessen Erfolg gelegen war, mußten dessen aktuellen Verwaltern die Gefolgschaft kündigen. Und im Zuge der Eroberungen, die den Nazis im Volk gelangen, stellte sich heraus, daß die demokratische Elite an der neuen faschistischen Alternative gar keinen Gegensatz zu ihren Anliegen erkennen wollte. Die Konkurrenz um die Mandate und Ämter fand in Koalition und Zusammenarbeit ihre erzdemokratische Ergänzung; die sittlichen Betreuer des Volksgeistes, Professoren wie Kirchenleute, fanden Geschmack an der Erneuerung, die da verheißen wurde und in deren moralischen Imperativen sie unschwer ihre eigenen entdecken konnten…

Selbst die erklärten Feinde der NSDAP, die Linken, die es immerhin zu einer stattlichen Arbeiterbewegung gebracht hatten, zeigten sich von der faschistischen Bewegung beeindruckt. Unter Sozialdemokraten war es nach Jahren heißer Debatten über „Reform oder Revolution“, die zugunsten der „Reform“ entschieden waren und zur organisierten Spaltung der Arbeiterbewegung geführt hatten, sowieso üblich, den Sinn besagter Klassenkämpfe in der Verbesserung der kapitalistischen Ordnung zu sehen. Wer die Arbeiterklasse mit dem Recht von Bürgern ausstatten will, die einen gleichberechtigten Anspruch auf politische Repräsentation und Mitwirkung haben, ist von einem Hitler eben gar nicht so weit entfernt. Auch der wollte „den deutschen Arbeiter wieder dem deutschen Volke geben“ – und in ihren ersten Auftritten in der Rolle der amtierenden Staatsgewalt hatten Sozialdemokraten gezeigt, wie sie mit demonstrierenden und streikenden Arbeitern umgehen, die sich gar nicht „integrieren“ lassen wollen. Insofern war es auch nicht verwunderlich, daß führende wie geführte Sozis im Respekt Hitlers vor einem durch „Arbeit und Brot“ nützlich gemachten „deutschen Arbeiter“, der dann als ein Volk hinter seiner Reichsführung steht, zunehmend eine wählbare Antwort auf ihre brennendsten Fragen erblickten…

Leider sind auch die Kommunisten der Weimarer Republik, mit denen sich die Sozis partout nicht zum gemeinsamen antifaschistischen Kampf zusammentun wollten, nicht als Verhinderer des Faschismus, sondern als dessen Opfer in die Geschichte eingegangen. Was sie verkehrt gemacht haben, geht exemplarisch aus einer 1935 zu Protokoll gegebenen Selbstkritik hervor:

„Welches ist die Quelle des Einflusses des Faschismus auf die Massen? Es gelingt dem Faschismus, die Massen zu gewinnen, weil er in demagogischer Weise an ihre brennendsten Nöte und Bedürfnisse appelliert. Der Faschismus entfacht nicht nur die in den Massen tief verwurzelten Vorurteile, sondern er spekuliert auch mit den besten Empfindungen der Massen, ihrem Gerechtigkeitsgefühl und mitunter sogar ihren revolutionären Traditionen. Warum spielen sich die deutschen Faschisten, diese Lakaien der Großbourgeoisie und Todfeinde des Sozialismus, vor den Massen als „Sozialisten“ auf und stellen ihren Machtantritt als „Revolution“ hin? Weil sie bestrebt sind, den Glauben an die Revolution, den Drang zum Sozialismus auszunutzen, der in den Herzen der breiten werktätigen Massen Deutschlands lebt.“
„Eine der schwächsten Seiten des antifaschistischen Kampfes unserer Parteien besteht darin, daß sie ungenügend und nicht rechtzeitig auf die Demagogie des Faschismus reagieren und bis auf den heutigen Tag fortfahren, die Fragen des Kampfes gegen die faschistische Ideologie mit Geringschätzung zu behandeln. Viele Genossen glaubten nicht, daß eine so reaktionäre Abart der bürgerlichen Ideologie, wie die Ideologie des Faschismus, die sich in ihrer Unsinnigkeit häufig bis zum Wahnsinn versteigt, überhaupt fähig ist, Einfluß auf die Massen zu gewinnen. Das war ein großer Fehler. Die weit fortgeschrittene Verwesung des Kapitalismus dringt in das Kernstück seiner Ideologie und Kultur, und die verzweifelte Lage der breiten Volksmassen macht gewisse Schichten für die Ansteckung mit den ideologischen Abfällen dieser Verwesung empfänglich.“
„Wir Kommunisten sind unversöhnliche und grundsätzliche Gegner des bürgerlichen Nationalismus in allen seinen Spielarten. Wir sind aber keine Anhänger des nationalen Nihilismus und dürfen niemals als solche auftreten. Die Aufgabe der Erziehung der Werktätigen im Geiste des proletarischen Internationalismus ist eine der grundlegenden Aufgaben jeder kommunistischen Partei. Aber derjenige, der glaubt, daß ihm dies gestatte oder gar veranlasse, alle nationalen Gefühle der breiten werktätigen Massen zu mißachten, der ist vom wirklichen Bolschewismus weit entfernt, hat von der Lehre Lenins und Stalins über die nationale Frage nichts verstanden.“ (G. Dimitroff, auf dem Kongreß der Kommunistischen Internationale in Moskau 1935)

Diese „grundsätzlichen Gegner“ des bürgerlichen Nationalismus haben sich bei ihrer „Unversöhnlichkeit“ eine ziemlich wuchtige Ausnahme genehmigt. Die „Spielart“ des Nationalismus, der sie mit Nachsicht begegnen, findet sich bei ziemlich vielen Leuten – und dadurch ist sie auch schon definiert: Die „werktätigen Massen“, die sie als Kommunisten für nichts Geringeres als die Revolution zu gewinnen sich vorgenommen hatten, gelangen in den privilegierten Genuß, ihre patriotische Einstellung nicht übel genommen zu kriegen. Offenbar ist diesen revolutionären Avantgardisten des Klassenkampfs noch nicht einmal aufgefallen, daß „nationale Gefühle“ eher die Bereitschaft zum Mitmachen verbürgen als dazu angetan sind, die Gegensätze auszutragen, die die Werktätigen im Rahmen der staatlichen Zwangsgemeinschaft auszuhalten haben. Die von Marx aus der politischen Ökonomie entnommene Bestimmung des revolutionären Subjekts war für diese Partei nie die schlichte, aber richtige Auskunft über den unabdingbaren Weg zur Beseitigung der ökonomischen Herrschaft des Kapitals und der politischen Macht des Klassenstaats. Daß die arbeitende Klasse dem Geld, von dem sie abhängt, ihre Dienste entziehen muß und damit ihren politischen Willen aufkündigt, sich den Belangen der Nation unterzuordnen, weil Kapital und Staat ihre Macht eben aus den Leistungen dieser Klasse beziehen, galt diesen Kommunisten als Aussage über den fortschrittlichen Charakter ihrer Adressaten. Statt diesen ihre nationale Gesinnung als Fehler vorzurechnen, der sie teuer zu stehen kommt, ergingen sich die Theoretiker und Agitatoren der KPD in einer abenteuerlichen Ehrenrettung manipulierter Moral – einer Moral, die sie ihrer prädestinierten Anhängerschar zurechneten. Ausgerechnet bei Arbeitern, die als Manövriermasse des Kapitals und gehorsames Staatsvolk auch noch selbstbewußte, fordernde Nationalisten werden, sollten die „nationalen Gefühle“ der zwar verdrehte, aber Ausdruck von klassenkämpferischem Streben und abgrundtief guten Traditionen sein! Statt mit Argumenten für den notwendigen Klassenkampf dem Verstand, über den auch Proletarier verfügen, die Absage an den schädlichen Nationalismus nahezubringen, scheuten sich die „revolutionären“ Linken vor solcher Kritik am vorgefundenen Bewußtsein der Klasse, die sie für ihre „natürlichen“ Parteigänger hielten. Als ob nicht das Gründen und Wirken einer kommunistischen Partei völlig überflüssig wäre, wenn die schiere Stellung in der Klassengesellschaft den klassenbewußten Willen zum Umsturz herbeiführen würde, ist man zum „Verständnis“ auch noch für die in die Irre geführten Arbeiter und ihre „verzweifelte Lage“ geschritten. Dabei wäre die Feststellung der Tatsache, daß die „Massen“ mit dem ihnen angedichteten „Glauben an…“ und „Drang zu…“ glatt Hitler mit der KPD verwechselten, dazu geeignet gewesen, mit der Lehre von Lenin und vor allem Stalin zur „nationalen Frage“ aufzuräumen. Aber „Theorie“ war in der Arbeiterbewegung längst nicht mehr zur Beantwortung und Erledigung von „Fragen“ üblich, sondern als Name für die Rechtfertigung alberner taktischer Berechnungen, die ein gediegenes Wissen über den kapitalistischen Zirkus, also auch über die eigenen Feinde gar nicht brauchen konnten. Der „proletarische Internationalismus“, der sich im „Lernen von der Sowjetunion“ seine Direktiven holte, gab im Übrigen den nationalen Kalkülen der damaligen russischen Führung den Vorzug vor dem Klassenkampf, dessen Erfolg allein der Sowjetunion den Krieg erspart hätte…

Drittens hat sich Hitler weder auf den wachsenden Zuspruch im Land noch auf die Fehler seiner Widersacher verlassen. Die Einheit von Volk und Führung herzustellen, war nach der Amtsübernahme die bleibende Aufgabe der Staatsgewalt und ihrer Organe. Die auf Minderheiten reduzierten Gegner seines Programms hat er konsequent verfolgt und um die Ecke gebracht; dabei beschränkte sich die mit dem Säubern betraute Mannschaft, die er aus Polizei und Justiz des demokratischen Weimar ebenso rekrutierte wie aus den Kampftruppen der Partei, keineswegs auf die brutale Ahndung von Widerstand. Es ging um „Gleichschaltung“, und die nötigte jedem Volksgenossen in jeder öffentlichen Lebenslage, in Worten wie Taten, ein positives Bekenntnis zur deutschen Sache ab; so machte sich mancher verdächtig und schuldig, der es am mehr oder minder demonstrativen Einsatz für die Partei fehlen ließ, auch wenn ihm gar nicht eingefallen ist, aufständisch tätig zu werden. Amtshilfe fanden die Behörden und Schergen in der Überzeugung vieler Untertanen von der Gerechtigkeit der neuen Ordnung ebenso wie in der bürgerlichen Gewohnheit, sich um des eigenen Fortkommens willen den Bedingungen zu unterwerfen, die dafür von der Obrigkeit aufgemacht werden. Hitler hat auf das Mitläuferwesen ausdrücklich gesetzt – „Im Falle des Dominierens der Besten wird die breite Masse diesen folgen“ (Mein Kampf, S.581) –; und seine Rechtsnachfolger haben für den staatsbürgerlichen Opportunismus – den eigenen wie den anderer – bis heute jede Menge Verständnis. Weil die Nazis aber deutsche Tugenden wie „Pflichtbewußtsein“ und so gebraucht haben, um eine von den Zeitgenossen unbemerkte Judenvernichtung zu organisieren, kann historisch ein Mißbrauch festgestellt werden. Daß die effektive Kombination von Gewalt und Mitläufertum für die Zurichtung der Nation für einen Weltkrieg vonnöten war, verweist zwar angesichts des Ergebnisses des großen Waffengangs auf denselben Fehler. Im Blick auf die Leistungen der deutschen Soldaten jedoch ist auch Anerkennung am Platz…

Zum deutschen Antifaschismus

Deutschland hat den Weltkrieg verloren. Seitdem ist die im 3. Reich totgemachte Kritik am Faschismus in Deutschland sehr lebendig. Das liegt nicht an den Klagen der wenigen, die die Verfolgung durch die Nazis überlebt haben – wenn sie ihre Stimme erhoben, dann waren sie stets entweder als mahnende Zeugen im Rahmen einer nationalen Großveranstaltung präsent, oder sie verkörperten einen der offiziellen Nation gar nicht genehmen Protest. Und zwar in beiden deutschen Staaten gleichermaßen und im wiedervereinigten Deutschland schon wieder.

a) … in der BRD

Daß die von den Alliierten mit der Konzession zur Gründung und Regierung einer BRD ausgestatteten Politiker einige Mühe darauf verwandten, sich als Rechtsnachfolger des Reiches von dessen Untaten zu distanzieren, ist nicht zu bestreiten. Zunächst einmal ging es um eine außenpolitische Pflichtübung in den lichten Höhen der Selbstdarstellung der Nation, wie sie bei Hoheitsakten, an Feiertagen und anläßlich des Neuaufbaus bzw. der Wiederinbetriebnahme sämtlicher Institutionen fällig ist. Solche Gelegenheiten sind für die „Verantwortlichen“ eben die Augenblicke und Stunden, in denen sie den höheren Sinn ihrer Aufgabe bekanntgeben und durchblicken lassen, mit welchem Recht sie ihr Wirken ausgestattet wissen wollen; aber auch, welchen Pflichten sie sich dienend unterwerfen. Da die Aufsichtsmächte ihre Lizenz an den neuen Staat zu dem Zweck erteilt hatten, daß der sich zu einem brauchbaren und botmäßigen Partner entwickelte, hörten sie allemal aufmerksam zu, und die bundesrepublikanische Elite tat den Siegermächten pflichtschuldigst den verlangten Gefallen. Vom Kanzler bis zum Rektor des Provinzgymnasiums, vom Parlamentarier bis zum entnazifizierten Dorfbürgermeister sangen sie das Lied von „Freiheit und Demokratie“, durch die das geschundene Vaterland wieder zum Blühen gebracht werden sollte.

Kaum von Bedeutung war in solcher Botschaft die Belehrung der Gemeinde über die neue Staatsraison: Ihr Inhalt wie ihre Stärke lag darin, daß sie mit dem Unrechtssystem von gestern nichts zu tun hatte; als Abrechnung mit dem Faschismus und als seine Überwindung war sie hinreichend gewürdigt, ihre Wortführer posierten als entschiedene Gegner der gerade beendeten Schreckensherrschaft, und die Zuhörer konnten zustimmend nicken. Groß zu verstellen brauchten sie sich in dieser billigen Veranstaltung alle nicht, obwohl sie unter der Diktatur allesamt brav bis begeistert mitgemacht hatten. Zumindest das Resultat ihres Mitwirkens konnten sie voller Überzeugung ablehnen; und der Anfrage, wieso sie nicht schon während der braunen Zeit im Namen der plötzlich fraglos überlegenen Demokratie dagegen gewesen wären, begegneten sie mit dem Hinweis, daß so fordernd nur fragen könne, wer „es nicht mitgemacht“ hat. Auf den Verdacht, der ihren politischen Willen betraf, reagierten sie mit einer Auskunft über fehlende Möglichkeiten, als ob sie Tag und Nacht auf günstige Gelegenheiten zum Widerstand gelauert hätten. In lichten Momenten haben heimliche Freiheitskämpfer auch erzählt, daß sich Unterordnung und politischer Einsatz für die nationalsozialistische Sache gelohnt hätten für den eigenen Aufstieg. Und in der Gewißheit, daß jung und alt an der Einsicht in die Notwendigkeit solchen Opportunismus nicht vorbeikommen, wünschten die Väter der neuen Republik ihren Kindern, daß sie nie in die Lage kommen möchten, wegen der eigenen Karriere ausgerechnet einem Diktator und seiner Partei die Stange halten zu müssen…

Das wiederum ist neben der Beschwichtigung der mißtrauischen Siegermächte der zweite Grund für das inflationäre wie billige antifaschistische Bekenntnis gewesen: Ab sofort galt die „Lehre aus der Geschichte“, daß jedermann, der etwas werden wollte im politischen Leben der Bundesrepublik, eben „der Demokratie“ die Stange zu halten hatte. Das mehr oder minder feierliche „Abschwören“, das „Nie-wieder“-Theater des westlichen Nachkriegsdeutschland war nicht nur das Selbstlob von Nationalisten, die ihre Läuterung zur Schau stellten. Mit der Erhebung der demokratischen Werte zur Leitlinie der neuen Nation, die als Abkehr vom erwiesenermaßen verderblichen Nationalismus, zumindest von seinen Übertreibungen, vorgetragen wurde, war die nationale Sache der BRD unanfechtbar. Kein außen- oder innenpolitischer Beschluß der Regierung wurde ohne Berufung auf die Gebote der Demokratie gefaßt oder gerechtfertigt. Einwände, die die Zielsetzung bundesdeutscher Politik betrafen, wurden nicht ohne den Verweis zurückgewiesen, die Kritiker stünden wohl immer noch auf Kriegsfuß mit den demokratischen Prinzipien und hätten noch Schwierigkeiten mit der Einhaltung demokratischer Regeln: Was nämlich nach diesen Regeln zustandegekommen ist, entzieht sich letztlich der Kritik

Und da ist manches zustandegekommen. Alles, was sich die regierenden Nationalisten so für das Fortkommen der BRD ausrechneten, ließ sich schließlich aus dem historischen Beschluß „ableiten“, daß „wir“ ein für alle Mal zur Demokratie konvertiert sind. Den Sozis blieb es vorbehalten, den Bündnisnationalismus der Regierung mit dem Vorwurf „Kanzler der Alliierten“ zu tadeln. Eingefangen haben sie sich die Retourkutsche: „Alle Wege führen nach Moskau“. Daß es beiden Lagern um Emanzipation der BRD aus dem Status einer Verlierernation ging, war nie zu übersehen. Weniger bekannt ist, daß sich der bundesrepublikanische „Antifaschismus“ gänzlich darauf reduziert, diesen Weg gerechtfertigt zu haben.

Im Verhältnis nach außen verkauften deutsche Politiker knappe fünf Jahrzehnte lang den Grad der gebotenen Selbstbeschränkung gegenüber den Westmächten als Beweis für den Wandel einer Nation, die im Unterschied zu ihrem Rechtsvorgänger auf Sonderwege verzichtet. Ihre Verpflichtung auf die weltweite demokratische Wertegemeinschaft hat sie indes gar nichts gekostet, sondern ihr den Aufstieg zu einer Weltwirtschaftsmacht, die Aufrüstung zu einer schlagkräftigen Bündnisarmee und die Mitsprache in allen Weltaufsichtsfragen eingetragen. Mit dem Schwur auf die Demokratie ist dem Kriegsverlierer, der – was für eine Zurückhaltung! – der Fortsetzung bzw. Wiederholung der Politik Hitlerdeutschlands zu entsagen versprach, gleich das Recht zuerkannt worden, im Rahmen des Bündnisses seine spezielle Version von der Verteidigung und Ausbreitung der Freiheit zu verfolgen. Unter den Bedingungen des „Wiederaufbaus“, jener geglückten Ko-Produktion aus amerikanischem Kredit und deutscher Arbeit, war der Anspruch auf „Wiedervereinigung“ schon Verfassungsgut. Und so ging der Erfolgsweg deutscher „Bescheidenheit“ und „Zurückhaltung“ seinen Gang bis zur von allen Weltmächten gebilligten Annexion der DDR und zum berüchtigten „größeren Gewicht“ Deutschlands in der Welt samt seiner „unverkrampften Normalität“.

Im Innern bestand die antifaschistische Läuterung in der Praktizierung demokratischer Wehrhaftigkeit. Wenn Gewissenswürmer der Nation die moralische Einlösung des Abschieds vom Faschismus einklagten und sich darüber beschwerten, daß schon wieder ein aktiver Nationalsozialist in höchste Ämter kam; wenn der Kontrast zwischen nationalem Aufstieg, innerer Sicherheit und demokratischer Heuchelei für manche Bürger nicht begreiflich war; sooft sich im Namen eines glaubwürdigen Antifaschismus also Protest erhob, dann stand die Verteidigung der Demokratie auf der Tagesordnung. Und zwar durch die gewählten und beamteten, also legitimen Sachwalter dieses unwidersprechlichen Systems. Diese hatten es zweifellos mit Feinden der Demokratie zu tun und das Recht, mit ihnen aufzuräumen. In sämtlichen Affären vom KPD-Verbot bis zu den Notstandsgesetzen, vom Krieg, den Polizei und Dienste gegen linke Demonstranten führten, bis zum Berufsverbot, erwies sich das Bekenntnis zur Demokratie, „unsere Lehre“ aus der schlimmen Vergangenheit, als Titel fürs staatliche Zuschlagen. Bis auf den heutigen Tag, mit seinen west-östlichen Glaubwürdigkeitsverwerfungen und Gauck-Behörden, tut die demokratische Gleichung „Rot=Braun“ gute Dienste. Und in ihr hat die offizielle bundesdeutsche Abrechnung mit dem Faschismus ihren einzigen Grund und Zweck. Das wohlfeile Bekenntnis einer nach dem Krieg angeklagten Nation zu ihren bedauerlichen Entgleisungen, der Entschluß, ihre Belange im demokratischen Lager und auf demokratische Weise zu verfolgen, setzt sie ins Recht. Sie qualifiziert sich seit den ersten Regierungsstunden von Adenauer gemäß ihrem Zuwachs an Machtmitteln von Tag zu Tag mehr zum Ankläger. „Demokratie“ ist der Titel für alle Rechte, die sich diese Nation aufgrund ihres Geldes und ihrer Gewalt im Verein mit anderen und für sich anmaßt. Man sollte sie nicht retten wollen, um „den Anfängen zu wehren“!

b) … in der DDR

Unter der ziemlich totalitären Anklage des demokratischen Weltgerichts standen alle, die aus dem Faschismus eine andere Lehre gezogen haben. Die Abrechnung, derer sich die DDR befleißigt hat, fand in den Augen Bonner Demokraten keine Anerkennung. Da galt von Anfang an das geflügelte Wort des späten Kohl, daß es nicht so sehr darauf ankomme, gegen was einer ist. Der staatsoffizielle Antifaschismus der DDR trat nämlich für den Sozialismus ein. Das konnte die Bundesrepublik nicht durchgehen lassen – da wurde in der anderen Hälfte unserer Nation doch glatt dieselbe Legitimation für das Gegenteil von „Demokratie und Marktwirtschaft“ in Anspruch genommen!

Daß die Verwalter des anderen deutschen Frontstaats den „antifaschistischen Kampf“ so schöpferisch mit dem „sozialistischen Aufbau“ verbunden haben, war keine gute Idee. Einerseits ist der bis zum Überdruß der mit diesem historischen Feindbild betörten DDR-Bürger bemühte Vergleich mit den aktuellen Feinden der DDR nie richtig gewesen. Dies nicht etwa deshalb, weil die Weltkriegsdrohung gegen das östliche Lager, der ökonomische Imperialismus des „freien Westens“ und die antikommunistische Subversion im Ostblock, gar der unerbittliche Vernichtungswille gegen kommunistische Bewegungen oder mit der DDR befreundete Nationen harmloser gewesen wäre als historische Faschistereien. Vielmehr deswegen, weil besagte moralische Zusammenfassung von zig falschen Stamokap- und Imperialismusschulungen nicht für eine Auseinandersetzung mit einem erklärten Feind taugt, der anders zu Werke geht. So haben die Führer des realen Sozialismus im Glauben an ihre immerwährende Mission, den drohenden Übergang des freien Westens zu Neuauflagen nationalsozialistischer Untaten zu verhindern, merkwürdige Versuche unternommen, um den real existenten Imperialismus zu bremsen. Zur Mäßigung des Feindes sollten da allerlei Bündnisse mit alternativen Nationalisten in den Metropolen wie in der 3. Welt dienen; der Handel sollte ausgerechnet die Kriegsbereitschaft mindern – bei Nationen, die sich wegen des Entzugs der sozialistischen Welthälfte aus „ihrem“ Weltmarkt rüsteten bis an die Zähne. Und wo Zusammenarbeit mit kommunistischen Bewegungen im Ausland lief, erging der Rat zu allerlei fortschrittlichen Bündnissen, antifaschistischen, demokratiebewahrenden Unternehmungen, die mit organisierter Kritik an Kapital und Klassenstaat nichts zu tun hatten. Aus der kanonisierten, histomat-verbürgten Weisheit, daß der Faschismus ein Derivat des kapitalistischen Systems darstellt, zogen die SED-Kommunisten wie ihre Bruderparteien den interessanten Schluß, daß sie in ihrer Eigenschaft als Nationen durch ihren weltpolitischen Einfluß das Schlimmste zu verhindern hätten. Im Unterschied zum Westen glaubten sie schließlich nicht nur an ihre antifaschistische Staatsraison, sondern auch an die friedliche Koexistenz zwischen solchen und anderen Nationen, solange die anderen nicht faschistisch würden.

Andererseits ist besagtes historische Feindbild auch in der DDR verlogen gewesen, sooft es auf den „sozialistischen Aufbau“ angewandt wurde. Denn die Organisation der Produktion, der Verkehr der sozialistischen Bürger untereinander, die Verteilung des Reichtums und die öffentliche Beratung bezüglich zu beschließender Planziffern etc. sind nun einmal keine Folgerung aus dem Faschismus. Eine Sonderschicht als Beitrag zum antifaschistischen Kampf zu titulieren, um die Produktion dann IKEA oder Quelle gegen Devisen zu überlassen, war allemal Quatsch. Insofern hat die DDR ihren Antifaschismus zur schieren moralischen Rechtfertigung für ihr Kombinat von Plan und Markt gebraucht, weil sie von Sozialismus nichts verstand…

c) … im wiedervereinigten Deutschland

Im Rahmen der Wiedervereinigung findet nun auch eine Abrechnung der höheren Art statt. Sie dreht sich um den Versuch, den beide deutsche Staaten unternommen haben, ihre Fortschritte im Umgang mit ihren Bürgern mit der entschiedenen Abkehr vom Faschismus zu begründen. Die Bilanz setzt das Verhältnis zwischen Staatsführung und moralisierenden Statisten in Ost und West fort und schließt es ab: Die DDR hat nie einen Anspruch auf dieses Gütesiegel ihrer Machenschaften gehabt, was Bürgerrechtler beglaubigen, die schon zu DDR-Zeiten den Spieß genauso umzudrehen wußten wie ihre Liebhaber im Westen. Wo die DDR-Staatsmacht ihre Gegner drangsaliert hat, war sie faschistisch. Daß mit dieser Auskunft über Grund und Zweck der Unterdrückung aller Willens- und Kunstregungen, auch der Reiselust, nichts gesagt ist, tut der Sache keinen Abbruch. „Faschistisch“ steht ja nur für den höchsten denkbaren Grad an Verwerflichkeit, der eben in sämtlichen Gewaltakten der SED gegen ihre Zonis entdeckt wird.

Solche Gewalt – Geheimdiensttätigkeit mit Existenzbedrohung, Internierungspläne für den Ernstfall, polizeiliche Handgreiflichkeiten der härteren Art – gibt es durchaus auch im Westen und im einigen Deutschland schon gleich. Die zählt aber anders: als von einigen Anklägern aufgebrachter Skandal, der darin besteht, daß alle Beteiligten der festen Überzeugung sind, dergleichen sei der Demokratie eigentlich fremd und ein Verstoß gegen sie. Ein paar Antifaschisten, die lauter Anlässe ausmachen, um „den Anfängen zu wehren“, verpassen in guter Tradition wieder einmal sämtliche Übergänge.

Daß eine Sauerei weder in ihrer Notwendigkeit begriffen noch bekämpft wird, wenn sie als „faschistisch“ etikettiert wird, braucht den Rechtsstaat nicht zu beunruhigen. Ihm gibt der Erfolg über den Unrechtsstaat nämlich Recht, und seine Vergangenheit hat er längst bewältigt.

*

Im geeinten Deutschland der neunziger Jahre hat die staatsförmliche Absage an den Faschismus einen beachtlichen Höhepunkt erreicht: Die Würdenträger der Nation haben daheim und auswärts ihre Absage an das Kriegsergebnis feiern lassen, als die Kapitulation sich zum 50. Male jährte.[2] Auch dafür haben sich die Zeugen der Judenvernichtung, übriggebliebene Opfer und deren Repräsentanten zur Verfügung gestellt. Zugleich ist ein Antifaschismus neuen Typs auf die politische Bühne getreten, der – angewidert von den nationalistischen Orgien des neuen Deutschlands – „Nie wieder Deutschland!“ zur einzig senkrechten Losung für alle ausgibt, die links sein wollen. Ihre radikale Pose einer unerbittlichen Kampfansage an jeden deutschen Nationalismus begründen die Anti-Deutschen inzwischen, wenden ihren Standpunkt in all ihren Urteilen über außen- wie innenpolitische Werke der deutschen Regierung sowie in der Bewertung des Benehmens deutscher Untertanen an – und verlangen dabei Gefolgschaft. Aber nicht von denen, die ihre Leistungen wie ihr Bewußtsein in den Dienst Deutschlands stellen und dabei gar keine guten Erfahrungen machen. Sondern seitens der linken Minderheitsgemeinde, von der sie die Abkehr von einigen maßgeblichen Theorien und Praktiken des Kommunismus fordern.

Leider wissen diese Feinde des deutschen Nationalismus nicht einmal, wie der geht. Sie können auch nicht das nationale Programm und die ihm zu Gebot stehenden Mittel von den Propagandaleistungen der patriotischen Gesinnung unterscheiden – und sind stolz darauf, auf den einzigen Weg zur Zerstörung des Nationalismus zu verzichten.

„Links oder deutsch?“ – Der ultimative Lackmustest und seine merkwürdige Begründung

Arbeiterbewegung, Klassenkampf und Nationalismus

Sowohl in der Geschichte der Arbeiterbewegung als auch im Verlauf der Bemühungen, die die bundesrepublikanischen Linken darauf verwandten, wieder eine organisierte Kapitalismuskritik auf die Beine zu stellen, bestand reichlich Anlaß, darauf zu bestehen, daß sich kommunistische Umtriebe nicht mit nationalen Interessen vertragen. Denn in den Vereinen, die zum Kampf gegen die Not der auf Lohnarbeit festgelegten Klasse angetreten sind, hat sich regelmäßig das Bedürfnis eingestellt, ganz ordentlich und ganz viel Staat zu machen.

Dieses Bedürfnis begründet sich anfangs damit, daß es dem Klassenstaat einiges abzuringen gilt; in bezug auf seinen Umgang mit den Lohnabhängigen gibt es Rechte zu erstreiken, deren bescheidener Nutzen für die arbeitende Klasse sich im Vergleich zum „Manchester-Kapitalismus“ als erheblicher Fortschritt feiern läßt. Weil andererseits diese Errungenschaften recht bescheiden ausfallen, weil das Soziale in der Politik sich an den Bedürfnissen des Geschäfts und den Projekten des Staats bemißt, deswegen auch die „sozial Schwachen“ eine chronische Abteilung des Kapitalismus bleiben, gehen manche Anwälte der Werktätigen schon weiter. Sie stellen sich den „Massen“ als ihre politischen Vertreter zur Verfügung, bekennen sich zur „realistischen“ Einsicht, daß die Arbeitsleute nun einmal von den Konjunkturen des Kapitals sowie von den politischen Entscheidungen der Staatsführung abhängig sind – und bemühen sich um Wahlstimmen, mit denen sie sich ermächtigen lassen, damit sie dann die Arbeiter in ihrem eigenen Namen und unter Berufung auf ihre zukurzgekommenen Interessen regieren. So einfach ist der Weg von einer Partei, die das Programm aufstellt, das Proletariat im Klassenkampf zum Subjekt einer Bewegung zu machen, welche die staatlich geschützte Herrschaft des Kapitals bricht, zu einem Verein stinknormaler Politiker, die den Arbeitslohn gerecht besteuern und Zwangsversicherungen verwalten.

Selbstverständlich geht die Würdigung der Lohnarbeiter und ihrer Lebensumstände als Objekt der Politik mit ihrer Anerkennung als Bürger einher, die sich ihrer Mitgliedschaft in der staatlichen Zwangsgemeinschaft bewußt sind. Dieses Bewußtsein schärfen Politiker, deren Eigenschaft, links zu sein, weiter nichts mehr als den Sitzplatz im Parlament bedeutet, wie ihre rechten Kollegen durch die ausgiebige Verehrung des Volkes. Im Wahlkampf werden sie nicht müde, das Volk darüber aufzuklären, welche Probleme es den Regierenden dabei macht, seinen Willen zu vollstrecken. Sie erläutern ihm ihre Version von den Grundrechnungsarten des Kapitalismus, dessen „Sachzwängen“ sie unterworfen sind und die Regierten unterwerfen müssen. Bei dieser politischen Willensbildung fehlt dann auch nicht die penetrante Belehrung der Kundschaft darüber, daß ihre Nation den Segen eines sozialen und verläßlichen Regierens nur in dem Maße spendieren kann, wie sie mit der ausländischen Konkurrenz fertig wird. Die geistige Führung von Demokraten, die Verantwortung tragen, erstreckt sich allemal auch auf die Stiftung der Einheit von Volk und Staat, die sich gegen andere Nationen richtet. Vom Grund dafür, daß sich die Interessen der eigenen Nation polemisch zu denen anderer Gemeinwesen verhalten, ist dabei auch von linken Politikern wenig zu hören. Sie begnügen sich mit dem Deuten auf die Tatsache, daß die kapitalistischen Bilanzen, also auch Lohn und Arbeitsplätze des Volkes im Gegensatz zu denen der inter-nationalen Konkurrenz stehen; daß die „Sicherheit“, die innere wie die äußere, eine elementare „Lebensbedingung“ von uns allen darstellt und daß die Ausstattung des Gemeinwesens mit möglichst vielen Gewaltmitteln ein Gebot ist, für das jeder zu sein hat. Daß es die Bürger sind, die mit Verzicht und Leistungen, auch mit soldatischen, für die internationalen Erfolge ihrer Geschäftsleute und Staatsmänner geradezustehen haben, macht den Sinn der Botschaft aus. Wenn das solchermaßen klassenlos vereinnahmte Volk das einsieht, gehört es nicht nur seiner Nation an, unter deren Staatsgewalt es verschlagen wurde – es wird auch zum nationalistischen Aktivisten und zur verläßlichen Manövriermasse von Staat und Kapital.

Die Anfänge, Übergänge und Fortschritte, welche in der Arbeiterbewegung auf dem Feld ihrer Nationalisierung gemacht worden sind und dazu geführt haben, daß heute Arbeiter wie Schulkinder den Klassenkampf für unvernünftig und verbrecherisch halten, haben durchaus ihre Kritiker gefunden. Bloß wurden die ausgebootet, waren hoffnungslose Minderheiten und wurden konsequenterweise Opfer des Rechts. Auch die etwas operettenhafte Renaissance des Marxismus, die sich in den 60er und 70er Jahren bemühte, praktisch zu werden, hat sich zielstrebig in das eifrige Mitwirken an der deutschen Nationaldemokratie aufgelöst – obwohl da durchaus Leute unterwegs waren, die das Richtige einzuwenden wußten. Daß in den diversen Organisationen das K im Namen sehr volksnah gemeint war, ist z.B. der Redaktion wie den Lesern des GegenStandpunkt eher aufgefallen als denen, die heute auf „antideutsch“ plädieren. Eine „Sozialistische Konferenz“ ist einmal mit dem Sprechchor „Deutsche Konferenz“ ausgeklungen, ohne daß sich die damals noch nicht „Anti-Deutschen“ hätten belehren lassen. Sie haben – als Freunde von Sitte und Anstand – den Bierkonsum der damaligen Marxistischen Gruppe gegeißelt. Und der Übergang von Links zu Grün und „politikfähig“ hat der linken Gemeinde überhaupt keine Kopfschmerzen bereitet. Ihren Kritikern aus dem ehemals gemeinsamen Lager, das seine Ziele und Wege mit korrekter Kapitalismuskritik begründen wollte, ist sie mit dem Erfolg gekommen, den sie in ihrer ganz anderen Sache erzielt hat. Nicht eine Auseinandersetzung hat stattgefunden, in der nicht der Sektenvorwurf die Frage nach „richtig oder falsch“, „notwendig oder affirmativ-opportunistisch“ erschlagen hätte!

Das neue Bekenntnis

Wenn Anti-Deutsche ihren kompromißlosen Standpunkt erläutern – auf ‚Konkret‘-Kongressen und Aktionstagen tun sie das nach Kräften –, dann rechnen sie mit zwei Instanzen ab. Leider nicht übermäßig gründlich.

a)  Die „Linke“, die alte wie die neue, wird mit dem Vorwurf erledigt, sich damals wie neulich der nationalen Sache nicht widersetzt, ja sich ihr sogar dienstbar gemacht zu haben. Die Belege dafür sind reichlich vorhanden, in Form von Zitaten wie in Gestalt von Figuren, die den sprichwörtlichen „Entwicklungsprozeß“ vom jugendlichen Kommunisten zum mittelalterlichen Politiker vorgelebt haben. Auffällig an diesem Typus Abrechnung ist, daß es ihren Veranstaltern gar nicht in den Sinn kommt, auf dem Gegensatz zwischen klassenkämpferischen Programmen und einem Standpunkt, der Volk und Staat zum Sorgeobjekt erhebt, herumzureiten. Es geht ihnen gar nicht um die Wende, die da von der „kommunistischen Arbeitersache“ zum Gelingen der nationalen Einheit und ihrer Geschäftsordnung vollzogen wird; und auf den Befund, daß die des Nationalismus überführten Parteien oder Typen ihren Kommunismus verraten, aufgegeben haben, wartet man vergebens. Vielmehr geht es den radikalen Richtern des vergeigten und verabschiedeten Kommunismus um die Demonstration, daß sich „links“ noch stets mit mehr oder minder strammem Nationalismus verbündet. Und diese Demonstration gebietet eine entschiedene Absage an „Links“, sooft ein Kommunist sich anschickt, den deutschen Nationalismus – die Interessen des deutschen Staates wie die patriotische Gesinnung des Volkes – mit der kapitalistischen Staatsraison der BRD zu erklären. Wenn auf einem ‚Konkret‘-Kongreß ein Autor dieser Zeitschrift für sich zu dem Befund kommt, daß bei den Deutschen, die Ausländer ermorden bzw. beifällig dabei zuschauen, ein „Webfehler“ sowie eine gelungene „Konditionierung“ vorliegt, dann hat er sein endgültiges Urteil gefunden. Das Mißverständnis, er hätte sich nur einer licentia poetae bedient, und die Bestimmung des „Webfehlers“ oder der „Konditionierung“ stünde nun an, schließt er gleich aus. Von antikapitalistischen Sprüchen, so W. Pohrt, hätte er genug – und eine Widerlegung der abgelehnten Erklärung war damit überflüssig! So brillant läßt sich der Verrat an der Empörung über die Solinger Morde unterbinden, den jeder Versuch darstellt, die neue Welle deutscher Gewalttaten zu kapieren. Ein anderer Mentor des antideutschen Bekennertums wußte im Gestus des Moralisten, den die gerade erfolgten Morde zu radikalem Handeln drängen, die erneute Lektüre von „Lohn, Preis und Profit“ abzulehnen, die ihm freilich niemand empfohlen hatte. Und H. Gremliza steuerte folgende Warnung vor der Untauglichkeit einer Wissenschaft bei, die er selbst gar nicht betreibt:

„…die Kritik der politischen Ökonomie ist gewiß das beste analytische Instrument, über das Kritiker der herrschenden Gesellschaftsordnung verfügen können. Es ist aber nicht das einzige. Antikapitalismus pur kann zu den seltsamsten Ausformungen führen, auf der nationalen Seite zu völkischem Antikapitalismus, Nationalbolschewismus und ähnlichem, auf der Linken zu Proletkult.“

Über die barbarische Vorstellung vom Studieren der politischen Ökonomie, welche Sache immerhin die der Nationen ist, zu denen auch das verabscheute Deutschland zählt, als Wahl des „besten Instrumentes“, sei hier lieber nichts gesagt. Das Argument sitzt auch so: Anti-Kapitalismus führt zu – zumindest kann er, wenn pur… Wie „pur“ haben denn Hitler und Stalin das kapitalistische System kritisiert, bitte schön? Welche verunreinigenden Zusätze hätten denn da Abhilfe geschaffen? Es mag ja sein, daß Pohrt, z.Winkel und Gremliza nicht wissen, wie Kapital und Nationalismus zusammenhängen; aber gleich zu bestreiten, daß Marxisten je im Leben die Nation so aufrecht und unverzagt ablehnen wie sie, dazu noch wie ihre Feinde aus dem nationalen Lager zu insinuieren, daß die menschheitlich verabscheuungswürdigsten Höchstleistungen des Nationalismus „purem Antikapitalismus“ geschuldet sind – das wäre nun wirklich nicht nötig gewesen. Aber H. Gremliza hat noch mehr für nötig gehalten. Aus dem Protokoll:

„Ich sage noch einmal, daß es keine Anzünderei von Ausländern gibt, und den Satz möchte ich hier nicht noch mal hören. Mit diesem linken Faschistengeschwätz muß jetzt mal Schluß sein. Es gibt tote Türken, es gibt keine Ausländeranzünderei.“

(Zwischenruf K. Held: „Doch, gibt’s jeden Tag.“)

„Weil Leute darüber so quatschen wie du unter anderem auch.“

Das war dann doch noch der Versuch einer Erklärung dafür, daß deutsche Nationalisten Ausländer umbringen.

b)  Deutschland ist die andere Instanz, mit der ins Gericht gegangen wird. Ihr gegenüber erklärt die neue Bewegung einerseits ihre Feindschaft, andererseits ihre Hilflosigkeit. Die Feindschaft begründet sie mit Beobachtungen des deutschen Auftretens in der Weltpolitik, dem sie „das Bestreben nach Macht- und Statusmaximierung“ ablauscht; desgleichen entdeckt sie das völkische Prinzip als die Grundlage der gesamten Politikkonzeption sowie einen besonders aggressiven, wiederum völkisch stimulierten Rassismus.[3] Eine ausführliche Sammlung von Befunden der Anti-Deutschen über die Bundesrepublik und ihre politischen Machenschaften, über das Treiben ihrer Untertanen und über die Gesinnungswirtschaft dieses Landes – die wir uns hier ersparen – ließe ohne weiteres folgende Zusammenfassung zu: Diese Feinde der deutsche Nation haben wahrgenommen,

– daß dieser Staat und seine Macher ein wuchtiges Arsenal an Kapital kommandieren;

– daß dieser Staat die Mehrung seines Reichtums im Verein mit Verbündeten und gegen Konkurrenznationen betreibt;

– daß dieser Staat mit der Mehrung seiner Gewaltmittel nach innen wie nach außen befaßt ist, und zwar nicht erst seit dem Anschluß der DDR;

– daß diesem Staat und seiner Geschäftswelt brauchbare Untertanen zur Verfügung stehen, deren Leistungen eine enorme Quelle der Macht darstellen, mit der er sich um den Rest kümmert;

– daß diese Untertanen nicht nur den ökonomischen und rechtlichen Berechnungen folgen, die ihnen von ihrer Obrigkeit auferlegt bzw. eröffnet werden; daß sie vielmehr selbstbewußte Patrioten sind, die sich als Deutsche zu vielem berechtigt wissen.

Um nichts von alledem geht es den Anti-Deutschen; es interessiert sie nicht im geringsten, wie der deutsche Nationalismus geht, wie seine Ziele und Mittel beschaffen sind; sie erwähnen die paar Fakten aus den Medien nur, um damit erstens zu belegen, daß diese Nation einen Hort des deutschen Nationalismus darstellt. Daß dieser kein Existenzrecht besitzt, geht zweitens aus dem deutschen Faschismus hervor, dessen Fortsetzung er darstellt.

Was die Hilflosigkeit des antideutschen Begehrens, Deutschland loszuwerden, anlangt, so liefert die Szene ihr Bekenntnis sehr offensiv ab. Nämlich als billige Abfuhr, die sie der Linken erteilt:

„Wenn wir uns als antideutsch bezeichnen, so tragen wir der Tatsache Rechnung, daß die deutsche Bevölkerung – heute auch – ein Kollektiv von besonderer Gefährlichkeit ist. Antideutsch bedeutet deshalb auch: Abkehr von der bisherigen linken Praxis der Massenorientierung.“
„Solange der Anspruch auf Revolutionierung dieser Massen bestehen bleibt, solange werden die künftige Kundschaft mit allen Tricks umworben, ihre Taten entschuldigt und ein taktisches Verhältnis aufgemacht.“
„Antirassismus…wird, er muß minoritär sein“ usw.usf.

Vom ersten ‚Konkret‘-Kongreß bis zum letzten Aktionstag verpflichten sich Autoren und Redner darauf, gefälligst die Frage „Was tun?“ zu beantworten. Und noch jedesmal – manche reden überhaupt von nichts anderem – landen sie bei Auskünften dieses Typs: Nein, wir, die wir beschlossen haben, daß die einzig korrekte Bestimmung linker Politik „antideutsch“ heißt, räumen auf mit dem linken Quark von gestern. Was die „Altlinken“, die „abgehalfterten“, unternommen haben, ist unsere Sache nicht. Insbesondere an den Massen, die zu Deutschland stehen, machen wir uns nicht zu schaffen Das ist sehr aufschlußreich: Da meinen ein paar Leute, gute Gründe für ihre Feindschaft gegen Deutschland zu haben, halten es aber für ausgesprochen verkehrt, diese Gründe anderen mitzuteilen, offenbar in der festen Überzeugung, daß die in Betracht gezogenen Adressaten sowieso nicht zu überzeugen sind.

Die Argumente gegen Deutschland, die sie den Deutschen vorenthalten, sind freilich entsprechend.

Ein moralischer Imperativ als Diagnose

Aus dem Ergebnis, das eine Analyse von den Werken der deutschen Nation zutage zu fördern hat, machen die Anti-Deutschen wahrlich kein Geheimnis. Es geht allemal darum, die besondere Widerwärtigkeit Deutschlands zur Kenntnis zu nehmen, was selbstverständlich die Linke, die deutsche zumal, nach 1945 versäumt hat. Diesem Ziel sind dann auch die theoretischen Bemühungen der untadeligen Bekämpfer Deutschlands gewidmet. Sie befassen sich mit dem Nachweis, daß deutsche Politiker wie deutsche Untertanen zu außerordentlichen Taten aufgelegt sind, Sonderwege gehen und sich im Grad der Verwerflichkeit von der nationalistischen Konkurrenz in der näheren wie ferneren Umgebung unterscheiden. Im Bedürfnis nach dieser Diagnose ist den „ernsthaften“ Anti-Nationalisten und Anti-Rassisten die Scheidung zwischen einem objektiven Urteil über Grund und Zweck deutschen Treibens und der Kundgabe ihrer Stellung zu dem, was man erklärt und begriffen hat, überhaupt nicht geläufig. Wenn sie von der Besonderheit Deutschlands reden, meinen sie nicht die Eigenarten des Gebrauchs, den die politische Herrschaft von ihren Untertanen macht; Eigenarten, die, einmal begriffen, auch den Grund abgeben, Deutschland zu verurteilen und es zu bekämpfen. „Besonderheit“ ist in den Traktaten der Szene eine moralische Kategorie, und die Ablehnung alles Deutschen, auf die man sich soviel zugute hält, wird zum Attribut des Gegenstandes, über den man urteilt: „Besonders widerwärtig“.

Der Vorsatz, Deutschland ganz entschieden und radikal zu kritisieren, indem man ihm das Prädikat „extra schlimm“ ausstellt, wird ausgiebig kultiviert. In theoretischen Übungen, die der Abgrenzung von allen gelten, die sich der Vernachlässigung der „Besonderheit“ = Widerwärtigkeit schuldig machen, entsteht da höherer Blödsinn, der sich durchaus mit dem an deutschen Universitäten gebotenen messen kann und ganz nebenbei ohne jede Bestimmung von Besonderheiten deutschen Staat-Machens auskommt. Dafür werden mit Hilfe von Psychologie und Geschichte deutsche Eigenarten zurechtkonstruiert.

„Der deutsche Sonderweg ist kein biologisches Phänomen und kein Nationalcharakter; ihm liegt kein Germanen-Gen zugrunde. Sondern er ist historisch begründet. Grenzte sich die französische Nation als Dritter Stand vom Adel ab, so die deutsche von der französischen, deren Repräsentant Napoleon es besetzt hielt und moderne Rechtlichkeit einführte. Anders als in den USA, in Großbritannien oder Frankreich entstand die deutsche Nation vor dem Staat, und diese Differenz ist bis heute entscheidend. Da diese Nation sich nicht auf ein staatliches Territorium berufen konnte, sondern es erst herzustellen hatte, mußte sie spirituell über deutschen Geist und positivistisch-biologisch über deutsches Blut hergeleitet werden. Brüchig, wie sie war, bedurfte sie seit der Romantik des Juden, des abstrakten Kosmopoliten, um jede Abweichung gereizt zu ahnden und um sich in der Abwehr seiner herbeihalluzinierten Drohung real konstituieren zu können. Befördert wurde sie durch jene deutsche ArbeiterInnenbewegung, die mit der Bourgeoisie nicht um profane Einzelinteressen wie Revolution oder Reaktion konkurrierte, sondern ums nationale Wohl, und die als erste den Staat zum Volksstaat machen wollte. Der Vorrang dieses Kollektivinteresses über den individuellen Eigennutz verband sich 1914 mit dem aggressiven Potential des Angriffskriegs. Im gemeinsam begangenen, bis heute weder gesühnten noch – außer in der revolutionären Aufhebung Deutschlands – sühnbaren nationalsozialistischen Völkermord verschmolzen sie zur Volksgemeinschaft, die dann nach 1945 zum Motor des „Modells Deutschland“ wurde.“[4]

Die Ablehnung der Biogenetik scheinen die Anti-Deutschen also auch noch für nötig zu befinden; womöglich hat sich einigen in den eigenen Reihen diese „Erklärung“ für die Unverbesserlichkeit dieses Menschenschlags aufgedrängt, so daß – wg. Verdacht auf „rassistische Denkmuster“ etc. – eine Korrektur fällig war. Diese freilich ist bei aller Bildungsbeflissenheit nicht über die Belehrung hinausgelangt, daß die Deutschen schon immer so besonders sind, nämlich seit ihrer Staatsgründung und den dazugehörigen Ideologien. Daß Staaten noch niemals hergeleitet wurden – weder aus kulturvollen noch aus rassistischen Ideen –, sondern auch in den vorbildlichen Territorialnationen des Westens zusammenerobert wurden, ist Leuten unbekannt, die selbst an die nationalistische Mär glauben, die Taten der politischen Gewalt seien Ausfluß eines jeweiligen Nationalgeistes – im deutschen Fall des nationalen Ungeists. Ebenso unbekannt ist ihnen offenbar, daß sich Franzosen, Amerikaner usf. die Unterordnung unter ihren Staat geradeso idiotisch als Dienst am Leben des Volkes übersetzen und sich nationale Identität und welthistorische Mission einbilden, mit denen sie die anfallenden Blutbäder und Stahlgewitter dann sinnvoll finden. Als ob der Stolz auf den „american way of life“ oder auf eine 200 Jahre zurückliegende Revolution bessere Gründe für nationales Mitmachertum wären als der Glaube an die völkische Schicksalsgemeinschaft. Der Vergleich zwischen den nationalistischen Idiotien der Deutschen und der anderen führt bei den Anti-Deutschen nicht zur Entdeckung von Gemeinsamkeiten und Unterschieden, zu allgemeinen Bestimmungen des Nationalismus und Besonderheiten – wie das bei Vergleichen eben so ist –, sondern zur Beschwörung einer perversen deutschen Abweichung von der Normalität anderswo: Sie bringen es zu der interessanten Auskunft, daß Antisemitismus aus brüchigem, nicht gefestigtem Nationalismus folgt. Hier wird der Nationalismus nicht nur der Kritik entzogen, sondern zur Norm erhoben, zu dem Gesunden, an dem es dem „deutschen Pack“ gebricht. Aber das wollen Leute eben mitteilen, die sich ausdrücklich nicht auf Nationalismuskritik festlegen lassen, sondern anti-deutsch sein wollen. Sein Deutschland-Bild gewinnt der Standpunkt durch Ableitung: „Historisch“ gesehen ergibt sich aus der irregulären Nationenbildung alles weitere, indem man eine beliebige Liste deutscher Fehltritte auf „Kontinuitätslinien“ aufreiht und ihnen den Anschein von Folge und Notwendigkeit gibt. Der Wandel von der Klassenkampforganisation zur kriegsbereiten Sozialdemokratie, Zweiter Weltkrieg, Völkermord und „Modell Deutschland“ folgen gleichermaßen zwingend aus den Anfängen – ohne daß auch nur für einen Punkt aus dem Sündenregister Grund und Zweck gesucht werden müßten. Welche Grenzen diese Nation in den Abschnitten ihrer Geschichte für Schranken ihrer Macht erachtete, welche Reichtumsquellen ihr zu Gebote standen, welche Konkurrenten ihr im Weg waren, wen sie wie zum Feind der Einheit von Staat und Volk erklärte, usf. – dergleichen ist belanglos, weil alle deutschen Ereignisse vom ersten bis zum heutigen Tag für absolut ein und dasselbe stehen: mißratener Nationalismus. Um diese Diagnose ist es gegangen, so daß sich rückblickend Deutschland auch nachweislich an sie gehalten hat. Die Nähe solcher Konstruktionen zu den „Produkt-der-Geschichte“-Weisheiten von Nationalhistorikern in Schule und Universität ist rein zufällig…

Einen anderen Zugang zur „Besonderheit“ Deutschlands eröffnet die gewissenhafte Abgrenzung gegen Leute, die es ebensowenig gibt wie die Argumente, die ihnen zur Last gelegt werden:

„Die erste Abgrenzung richtet sich gegen den antikapitalistisch-antiimperialistischen Ableitungssophismus. Es gibt eine antikapitalistisch-antiimperialistische Linke, die ungefähr so argumentiert, daß sie sagt: Dänemark ist kapitalistisch, Deutschland ist kapitalistisch, also sind Dänemark und Deutschland vergleichbare Staaten. Da ist zwar etwas dran in gewisser Hinsicht, in anderer Hinsicht aber nicht. Gegen die abstrakte Gleichsetzung aller kapitalistischen Staaten und die Abtrennung von ihrer Entstehungsgeschichte und ihrer jüngsten Geschichte haben antinationale Linke richtig herausgearbeitet, daß Dänemark und Deutschland zwar gleichermaßen kapitalistisch sind, daß sie aber dadurch noch nicht vergleichbar sind – eben, weil der Kapitalismus auch Geschichte hat, sich in Geschichte und auf dem Boden bestimmter Verhältnisse entwickelt hat und weiterhin entwickelt, die er sich nicht vollkommen subsumieren konnte bzw. die er sich nur spezifisch subsumieren konnte, weshalb er auch ein jeweils spezifisches Gesicht hat. Dänemark und Deutschland gleichzusetzen, das ist eine schlechte Abstraktion, das ist die Gleichsetzung von kapitalistischen Staaten unter Abtrennung ihrer Entstehungsgeschichte. Es ist das – scheinbar antikapitalistisch motivierte – Verschwindenlassen von Auschwitz im Kapitalismusbegriff.

Nicht wenige reden so, als wäre Auschwitz prinzipiell auch in Dänemark möglich gewesen. Die Frage, ob Auschwitz nur eine deutsche Tat sein konnte, wirft auch Zygmunt Baumann auf. Er sagt, Auschwitz ist insofern mehr als nur ein deutsches Phänomen, als es grundsätzlich mit der Moderne zu tun hat. Auschwitz gehört sozusagen zur Nachtseite der Moderne. Die mörderische Vernichtungstat hat mit dem Wiederauftauchen des Verdrängten zu tun. Wir kennen diese Figur schon von Adorno. Diese Denkfigur ist im Prinzip auch richtig; gleichzeitig wäre es aber eine unzulässige Abstraktion, zu sagen – obwohl es richtig ist, daß Auschwitz prinzipiell mit der Moderne zusammenhängt und von daher prinzipiell in jedem Land hätte vorkommen können –, Auschwitz hätte auch eine dänische Tat sein können. Es war konkret eine deutsche Tat und dafür müssen wir die Gründe herausfinden. … Obwohl Deutschland und Dänemark also gleichermaßen kapitalistisch sind, wurde das größte Verbrechen, das jemals auf dieser Erde begangen wurde, nicht von dänischen Staatsbürgern begangen, sondern von Leuten, die sich als deutsches Volk immaginierten und sich als solches als Herrenmenschen fühlten.“

Das mühsame Räsonnement wirft irgendwelchen Kapitalismuskritikern einen theoretischen Fehler, eine falsche Abstraktion vor: Deutschland und Dänemark könne man nicht vergleichen! Dabei ist nichts leichter, verbreiteter, dürftiger, als alles mit allem zu vergleichen. Falsch jedenfalls ist es nicht, Länder z.B. nach Einwohnerzahl oder Pro-Kopf-Einkommen zu vergleichen. Das ausgiebige Herumreiten auf den Wörtchen „spezifisch, besonders, bestimmt“ – die Beteuerung der Bestimmheit ist übrigens die denkbar unbestimmteste Mitteilung, die man über eine Sache machen kann – verrät, daß das Verbot sich gar nicht auf ein Vergleichen im theoretischen Sinn bezieht; dieses tilgt den Unterschied der Vergleichsobjekte, ihre „Besonderheit“ nicht, sondern stellt Gemeinsamkeit und Unterschied fest. Der Vergleichstheoretiker ist von vornherein durchdrungen von dem Gedanken, daß man Deutschland und Dänemark bei der moralischen Bewertung nicht auf die gleiche Stufe stellen dürfe. Nur: Wer, insbesondere welcher Kapitalismuskritiker sollte das wollen? Wer hätte Interesse an einem moralischen Schönheits- oder Verabscheuungswürdigkeits-Wettbewerb von Nationen? Fündig werden könnten die Anti-Deutschen nur dort, wo der positive oder negative Nationalstolz die Meinungsbildung lenkt und sein „Deutschland über alles“ – oder eben „unter alles“ absingt; bei Präsident Herzog vielleicht – aber auch der hat andere Sorgen: er will die Vorwürfe, Deutschland habe sich vor ’45 ziemlich industriell an der Menschenwürde vergangen, weder bestreiten noch einebnen, er will sie nur nicht mehr als Einwand gegen den Platz gelten lassen, den das heutige Deutschland in der Hierarchie der Mächte ausfüllt. Der antideutsche Vorwurf aber richtet sich gegen Leute, die nichts uninteressanter finden, als eine Rangfolge der Schlechtigkeit kapitalistischer Staaten aufzustellen.

Eben das ist denn auch der Vorwurf! Nirgendwo finden die Anti-Deutschen den Satz, Deutschland und Dänemark seien beide kapitalistisch, also dasselbe; und die Frage, ob Auschwitz auch in Dänemark hätte passieren können, wird nur in ihren eigenen Reihen gewälzt. Sich an ihrer negativen Hitliste nicht zu beteiligen, die nur den ersten Platz besetzt – mit der „unvergleichlichen Bösartigkeit“ alles Deutschen: Das ist die Gleichmacherei, die sie allen vorwerfen, die noch andere Themen haben als Auschwitz. Sie hingegen pflegen die Erinnerung daran wie einen Tick. Ob davon die Rede ist oder nicht –, alles gilt ihnen als eine Stellungnahme zu Auschwitz. Wer vom Klassengegensatz – in Deutschland oder Dänemark –, vom Lohn bei VW, von der Liberalisierung des Arbeitsmarkts in Europa etc. redet, der handelt eben nicht von der Judenvernichtung – im Urteil der Anti-Deutschen handelt er sehr wohl davon: Er verdrängt, verharmlost, verschweigt die Untat, die immer und überall der einzige Gedanke der Deutschen zu sein hätte. Befassen sich die „antikapitalistischen Linken“ aber einmal mit dem deutschen Rassenwahn und erklären ihn, dann machen sie sich eben derselben Verharmlosung schuldig: Sie lassen Auschwitz im Kapitalismusbegriff verschwinden, wenn sie darauf bestehen, daß der rassistische Wahn seinen Ausgangspunkt immer noch darin hat, daß die Untertanen ihren kapitalistischen Ausbeutungsladen als gemeinsame Daseinsvorsorge nehmen, weil sie von ihm abhängig sind; daß sie deshalb vom verantwortlichen Standpunkt des Großen Ganzen und seines Erfolges aus urteilen und alles, was sie für ein Übel halten, auf Störer der nationalen Einheit, auf Nicht-Dazugehörige zurückführen. Die Anti-Deutschen wollen begriffen haben, daß das unbegreifliche Verbrechen aus jedem Begriff fällt: Mit Kapitalismus jedenfalls hat Auschwitz nichts zu tun – Beweis: In Dänemark gibt es auch Kapitalismus – ohne Auschwitz. Auch mit dem Staat und seiner Logik hat der Judenmord nichts zu tun: Jürgen Elsässer kann sich die Ausrottung der amerikanischen Indianer als rationale Gewalttätigkeit erklären, die zur Errichtung eines Staates gehört; die Ausrottung der Juden dagegen beweist ihm die Irrationalität des deutschen Nationalismus – rationales Staatskalkül hätte sie in der Kriegsproduktion oder an der Front verheizt. Davon, daß Nationalismus etwas Irrationales ist, hat er noch nichts gehört; der deutsche gilt ihm als irrational, weil er von einer angeblichen Vernunft abweicht, die er dem nationalen Wahn zubilligt.

Der Autor, der eine Erklärung von Auschwitz als „Verschwindenlassen im Kapitalismusbegriff“ zurückweist, sieht sich gut bedient mit der Auskunft: Auschwitz hat mit der Nachtseite der Moderne zu tun. Das leuchtet ein, denn die bürgerliche Abstraktion „Moderne“ trägt zur gewollten Verrätselung des Erklärungsobjekts bei: „Die Moderne“ soll, so lernen wir in der „Dialektik der Aufklärung“, weiß Gott warum, nicht nur den schönen Fortschritt, sondern auch dessen Schattenseiten bereithalten, na dann! Jetzt wäre Auschwitz wg. Moderne fast doch noch in Dänemark möglich gewesen. Die ganze Überlegung, die sich auf die Suche nach deutschen bzw. dänischen Eigenarten begeben wollte, um die luftige Frage zu beantworten, ob etwas, was nicht war, möglich gewesen wäre, wird abgebrochen: Prinzipiell wäre Auschwitz vielleicht auch in Dänemark möglich gewesen – aber das darf man nicht sagen, denn es waren nun einmal die Deutschen. Die ganze Suche nach Gründen und Dispositionen für die „Möglichkeit von Auschwitz“ endet beim Faktum, dem man sich sühnend stellen muß: Der Einzigartigkeit dieser Untat gegenüber ist fassungs- und begriffsloses Entsetzen geboten; Begreifen vergeht sich am Unbegreifbaren und bringt es auf menschliches Maß herab – Adorno, wir wissen schon.

Die Moral der Vergangenheitsbewältigung – um so ernster genommen, je weniger sie noch gilt

Auschwitz ist alles, was man über Deutschland wissen muß; für die Anti-Deutschen ist das Treiben (in) der BRD nur aus dem „größten Verbrechen, das je …“ zu würdigen; es charakterisiert und vergiftet das gesamte politische und ökonomische Leben und die Insassen des Landes. Die nicht gesühnte, „solange Deutschland besteht nicht sühnbare“ Untat bestimmt die Existenz dieser, nur dieser Nation als fortwährendes Unrecht.

So ernst ist die antifaschistische Moral noch nie genommen worden; so sehr haben sich noch keine Deutschen zuvor die Nachkriegsheucheleien und die Maßstäbe für die Läuterung zum besseren Deutschen zu Herzen genommen. 50 Jahre danach fühlen sich linke Gegner des Staates so verantwortlich für dieses mißratene nationale Kollektiv, fühlen sich selbst so sehr als Teil von ihm, daß sie stellvertretend für und fordernd gegen es die Sühne deutscher Sünden auf sich nehmen, die die anderen verdrängen oder in böser Nazi-Tradition gleich abstreiten. Wie die Atheisten vom lieben Gott nicht loskommen und ihn, dessen Existenz sie bestreiten, immerfort schmähen, wie die Anti-Moralisten die Sphäre der Moral nicht verlassen, sondern ihre Freiheit im Übertreten von Anstandsregeln genießen, so verlassen Anti-Deutsche eben nicht die Sphäre des Nationalismus; der Name ist Programm.

Sie leben die Sühne vor, die allein verantwortbare Existenzweise für Deutsche. Einen Standpunkt der Distanz und des Urteils, der sich nicht betroffen gibt, sondern sich die Geschichte als theoretisches Objekt vornimmt, halten sie für Zynismus und fordern vor jeder theoretischen Befassung ein Bekenntnis zur Verantwortung für Taten, die man nicht begangen hat und nicht billigt. Sie selbst zeigen sich nach dem halben Jahrhundert immer noch erschüttert von dem, was Deutschen einmal möglich war. Sie wollen und dürfen nichts betrachten, ohne dabei „Auschwitz mitzudenken“. Jedenfalls tun sie so; auch wenn es nicht sehr glaubwürdig ist, daß Leute, die von persönlicher Betroffenheit und eigener Erinnerung verschont geblieben sind, die weder als Opfer noch als Täter infrage kommen, nur durch nationale Identifikation von dem politisch korrekten Angedenken an Auschwitz so beherrscht sein sollen, daß sie an nichts anderes mehr denken können. Manchmal kommt das auch einem der Ihren künstlich vor – dann ermahnt er sich und seine Freunde zur Standhaftigkeit:

„Die alltägliche Schizophrenie besteht ja darin, daß der Nationalsozialismus lange vorbei ist und seine Nachwirkungen gleichwohl allgegenwärtig sind. Wer hier in Berlin durch die Straßen geht, kann noch viele Gebäude sehen, die mit Naziverbrechen in Verbindung stehen. Die Chance, daß man in einer Firma arbeitet, die früher Zwangsarbeiter beschäftigt hat, ist riesengroß. … Man hat dauernd damit zu tun, daß an allen Ecken und Kanten diese faschistische Vergangenheit präsent ist, … aber gleichzeitig ist es draußen wunderschön, und es würde Spaß machen, über den Kurfürstendamm zu gehen.
Bei der Auseinandersetzung mit Deutschland geht es einem schließlich so, wie es einem geht, wenn man in der Nacht bis zum frühen Morgen einen spannenden Roman liest: … Wenn du morgens die Geräusche der Müllabfuhr hörst, dann weißt du, daß es eine Fiktion war. Aber du warst in dieser Fiktion drin und es war sehr authentisch. Doch die Realität greift nun wieder nach dir, und so geht es einem ja, wenn man z.B. ein Buch von Primo Levi liest, Literatur über Auschwitz … Du möchtest rausgehen und deine feindlichen Gefühle gegenüber dieser Gesellschaft zum Ausdruck bringen, aber du wirst feststellen, daß du draußen auf Leute triffst, die es überhaupt nicht nachvollziehen können, mit was du dich beschäftigt hast. Die Leute gehen einfach ihren privaten Dingen nach. Und wir müssen mit dieser schizophrenen Situation umgehen. Deshalb muß auch darüber nachgedacht werden, unter welchen Voraussetzungen sie ausgehalten werden kann.“

Sonst nichts gegen Deutschland?

Die Klage über die Schizophrenie bekennt es ausdrücklich: außer der „Präsenz der Vergangenheit“ wissen die Anti-Deutschen keine Einwände gegen das heutige Deutschland, dessen Taten und Fortschritte doch auch ohne die Lektüre von Anne Frank ein Hammer sind: Die Kritik einer kapitalistischen Firma besteht darin, daß sie früher einmal Zwangsarbeiter beschäftigt hat – heute nicht mehr. Wenn sich die Feinde des Deutschtums auf Asylgesetzgebung, Ausländerhatz, Bundeswehreinsätze, Osteuropapolitik etc. werfen, dann lebt die Verurteilung von der Analogie zur faschistischen Vergangenheit, an die sie sich davon erinnern lassen – und nicht von einer Beurteilung der gegenwärtigen Leistungen. Für Kritik halten sie ihre Warnung vor der Möglichkeit, daß aus Lauschangriff und Kronzeugenregelung eine Faschisierung der Demokratie entstehen könnte, daß die Einmischung in Jugoslawien eine Wiederholung des deutschen Sonderwegs zur Weltmacht einleiten könnte etc. Das eigentlich Schlimme, das sie der Gegenwart dieses Landes vorwerfen, ist die Möglichkeit, daß es wieder einmal so kommen könnte. Und wie es ausgegangen ist, weiß man ja.

„Die trügerische Hoffnung, daß der Menschheit die ganz großen Katastrophen diesmal womöglich erspart bleiben werden, ist linke Selbstberuhigung und verkennt die Situation. Der renationalisierte Kurs der deutschen Außenpolitik führt über kurz oder lang zum großen Krieg. Deutschland als neuen Hauptfeind zu begreifen, verlangt aber eine Abkehr von bisherigen Schwerpunktsetzungen linker Politik.“

Der deutschen Wirklichkeit machen die Anti-Deutschen mit ihren Warnungen das Kompliment, daß sie so schlecht nicht ist wie das, was sie ihr nachsagen. Sie meinen ja selbst, daß Leute ohne Auschwitz im Sinn den Laden ganz passabel und den Ku-Damm wunderschön finden müssen. Auch sie würden es so sehen – wenn sie sich nicht immerzu ein Gewissen machen müßten wegen in der Vergangenheit bewiesener deutscher Möglichkeiten.

„Die Beschäftigung mit deutschen Verbrechen, deutscher Kapitulation und deutschem Wiederaufstieg ergibt sich eben nicht zwingend aus unserem Alltag, sondern sie ergibt sich aus bestimmten theoretischen Überlegungen, aus politischer Empörung.“

Allein gegen das „deutsche Pack“

Die Anti-Deutschen wissen, daß sie mit ihrem Abscheu vor Deutschland den Deutschen nicht kommen können – ja daß sie einen Standpunkt propagieren, der sich an niemanden richten kann. So haben sie sich ihr Bild von Deutschland und seinen Insassen ja zurechtgelegt: Wer sich nicht aus der deutschen Geschichte ein Gewissen macht, sondern seinen alltäglichen Interessen nachgeht, findet einfach keinen Grund zum Dagegensein. Die ferne Perspektive mag fürchterlich sein, hier und heute aber ist es im Sinne der individuellen Selbsterhaltung vernünftig, den Verwertungsgesetzen zu folgen. Das hat taktische Konsequenzen:

„Sicher erscheint mir lediglich, daß für dieses Unterfangen jeglicher Massenansatz als auch ein Ansatz, der von objektiven Interessen einer bestimmten Gruppe ausgeht, die diese zum revolutionären Subjekt küren, auszuschließen ist. Es kann infolgedessen auch nicht mehr darum gehen, eine aus bestimmten Gründen ins Auge gefaßte Gruppe kontaktieren, agitieren und organisieren zu wollen, seien es nun ArbeiterInnen, MigrantInnen, sozial Perspektivlose oder StudentInnen.“

Wer ist denn immer von „objektiven Interessen“ ausgegangen, die „eine Gruppe zum revolutionären Subjekt küren“, das die linke Avantgarde nur noch „organisieren“ und hinter der richtigen Parole sammeln muß? Diese Leute reden von ihrer eigenen K-Gruppen-Vergangenheit, in der sie sich als Freund der Arbeiter präsentierten und um deren Vertrauen buhlten. Damals stellten sie sich mit Begeisterung vor ihr revolutionäres Subjekt, sobald ein „intellektuell arroganter Arbeiterfeind“ es sich erlaubte, den Nationalismus der werten Proleten zu kritisieren und ihre Unterordnung unter den Betriebs- und Nationalerfolg als irrige Rechnung „im Sinne der individuellen Selbsterhaltung“ anzugreifen. Kaum geben sie dem nagenden Zweifel daran, daß die „eigentlich revolutionären“ Massen vielleicht doch nicht so geschlossen hinter ihnen stehen, recht, drehen sie sich um 180 Grad und behaupten das abstrakte Gegenteil von gestern: Der deutsche Prolet ist nicht das Opfer des Kapitals, nicht „objektiv“ der Klassenkämpfer, den wir in ihm gesehen haben, sondern ein unverbesserlicher Nationalist – und schon wieder wissen sie „objektive Interessen“, die das so mit sich bringen. Der Standpunkt der Kritik ist diesen Leuten immer fremd gewesen: Sie wollten nie wahrhaben, daß die Opfer des Kapitals ihre Lage nicht so sehen, wie Kapitalismuskritiker das für richtig halten; sie wären auch niemals auf die Idee gekommen, mit ihren Adressaten darüber in einen Streit einzutreten und ihnen vorzurechnen, daß sie sich mit ihrer falschen Sicht nichts Gutes tun, sondern die Unkosten ihres Irrtums mit fruchtlosen Versuchen voranzukommen bezahlen müssen. Solange sie sich ihren Selbstbetrug vom „eigentlich“ revolutionären Arbeiter geglaubt haben, war Kritik eine elitäre Sünde; sobald sie nicht mehr daran glauben, kritisieren sie ihren Adressaten auch nicht, sondern erteilen ihm eine Absage und rechnen ihn „objektiv“ mit Staat und Kapital zur Volksgemeinschaft zusammen, die ihnen als Feind gegenübersteht.

Die überraschende Entdeckung, daß die Untertanen kapitalistischer Staaten Nationalisten sind, machen die Ex-Linken übrigens nicht, weil sich die geliebten Massen geändert und anläßlich von Wiedervereinigung, Hoyerswerda usf. ein unerwartetes Fehlverhalten an den Tag gelegt hätten; darauf wird sich nur berufen. Der Grund für den Liebesentzug gegenüber den „Bewegungen“ ist der langjährige Mißerfolg der linken Bewerbung um die Avantgarderolle. Jetzt legen sie sich zurecht, warum das scheitern mußte, und zeichnen dafür ein Bild des Deutschen, den sein Wunsch nach Wohlstand, sein Materialismus positiv mit Staat und Kapital verbündet. Leute, die früher mit Elendsgemälden nicht sparten, wissen auf einmal nicht mehr, daß Nationalismus die Unterordnung der eigenen Interessen unter das Große Ganze ist; daß er Einsatz für den betrieblichen oder nationalen Gesamterfolg verlangt, ohne daß der Erfolg von Kapital oder Staat auch einen Fortschritt des eigenen Wohlergehens einschließen würde; daß nationales Sich-Einreihen schließlich Opfer, Verzicht und nach allen Maßstäben Armut bedeutet. Den Ex-Linken gilt nun umgekehrt der Materialismus der Arbeiter als Quelle ihres Nationalismus, so daß ein faschistisches Pogrom aus dem radikalen Habenwollen enttäuschter Hedonisten hervorgehen kann. Nur antimaterialistische Selbstzügelung und Einkehr könnten da helfen. Aber wer von diesem egoistischen Pack soll die aufbringen?

Es geht aber auch umgekehrt. Das gegenteilige Bild vom Deutschen tut ebensogute Dienste; schön pluralistisch darf neben den raffgierigen Hedonisten auch der unverbesserlich uneigennützige Unterordnungsmasochist ausgepinselt werden, wenn das Sittengemälde nur zum selben Ergebnis führt:

„Weil das Herausarbeiten des Zwangscharakters der bürgerlichen Vergesellschaftungsformen nicht als soziologische Tatsachenfeststellung, sondern als Kritik gemeint war; weil man unterstellte – und es handelt sich dabei um die arbeitsnotwendige Unterstellung einer jeden Kritik –, daß die Leute dies insgeheim doch als Zumutung begreifen, hat die Analyse ihren kritischen Gehalt in dem Augenblick eingebüßt, wo sich zeigt, daß die Leute genau das Kritisierte eigentlich wollen: Disziplin, Führung, Autorität.“

Bündnisanträge an andere Nationen

Die Linken, die es mit der bescheidenen Rolle des Kritikers nie hatten, sahen sich viel lieber als Repräsentanten – der Arbeiterklasse, der linken Volkseinheit, der Fortschrittskräfte. Eingebildete Repräsentanten, die sie waren, wenden sie ihre Einbildung, sobald sie sich deren Haltlosigkeit nicht mehr verhehlen, zum Vorwurf an diejenigen, die sie hinter sich und denen sie vorzustehen glaubten. Sie korrigieren nicht ihr Selbstbild als Repräsentanten der gesellschaftlichen Alternative, sondern sehen sich nun als Repräsentanten ohne Repräsentierte. Sozial ortlos – daran leiden sie mit großem Gestus – geben sie Zeugnis von der unverbesserlichen Verwerflichkeit des ganzen Landes, Volk und Führung gleichermaßen. Ihre Frage, wie bzw. wer die ungerechtfertigte Existenz Deutschlands beseitigen könnte, stößt auf ausländische Staatsgewalten als natürliche Verbündete. Sie haben sich die perversen deutschen Nationalisten als unverbrüchliche und reale Volksgemeinschaft zurechtgelegt, die ganz logisch nur mehr der kapitalistische Nationalismus der Staaten bremsen kann, die mit Deutschland um Macht und Geld konkurrieren:

„Deutschland bekämpfen, das geht nur mit Hilfe von außen. Auch das ist deutsche Kontinuität. Andere Staaten können, je nach Gefährlichkeit Deutschlands und je nach der Politik dieser Staaten, dabei nicht prinzipiell verschmäht werden, auch das ist eine historische Lehre. Da davon auszugehen ist, daß neben dem mörderischen Rassismus die deutschen Kriege die zukünftige Hauptbedrohung darstellen, die von Deutschland ausgeht, wird gerade der Versuch, die deutsche Kriegführung politisch und wenn möglich praktisch zu sabotieren, der casus knaxus antideutscher Perspektiven sein müssen, unabhängig von der Erfolgsfrage.“

Die zitierten Redner sehen sich – perspektivisch – im Krieg mit Deutschland, sie bezichtigen Frankreich und Großbritannien des Appeasement gegenüber dem deutschen Moloch und fordern zu härterer Gangart auf. Der Zuspruch an Bomber-Harris „Do it again!“ war kein zynischer Spaß gegen die Nationalfeiern anläßlich des 50-jährigen Jubiläums der Einäscherung Dresdens, sondern bitter ernst gemeint: Der Vernichtungswille eines Kriegsgegners erscheint ihnen das angemessene Heilmittel gegen die Deutschen. Ihre Absage an den deutschen Nationalismus ist erst dann fertig und zuverlässig nicht wieder „innerhalb der Volksgemeinschaft“ angesiedelt, wenn sie sich zur Identifikation mit einem feindlichen anderen Nationalismus bekennt. Auf dieser Basis werden die Anti-Deutschen kritisch: Schirinowski und Karadzic wollen sie die Aufgabe, die Deutschen von ihrem Nationalismus zu befreien, nicht übertragen. Die Suche nach geeigneten Feinden verrät, wie ernst ihr Bedarf nach Krieg gegen „dieses Land“ gemeint ist; sie verrät aber auch, wie wenig sie davon wissen, daß ein kriegerisch entgegenstehender Nationalismus stets dem ähnlich sieht, gegen den er sich richtet. Am liebsten wäre den Anti-Deutschen, die britische, französische, europäische Linke würden den nötigen Krieg gegen Deutschland anführen. Als Problem, aber nicht als Einwand lassen sie gelten, daß die auswärtige Linke ebenso ohnmächtig ist wie sie selber und daß die Erben des Eurokommunismus ebenso nationalistisch sind wie die Grünen, von denen sie sich daheim abgrenzen. Die alte linke Manie der „Einschätzung“, d.h. das Herbeiphantasieren von nötigen und günstigen Bedingungen wirft sich jetzt eben nicht mehr auf die „Entstehungsbedingungen der revolutionären Situation“, sondern auf diejenigen des heilsamen Krieges gegen Deutschland.

Aus der Kritik des Nationalismus ist ein Kriegsstandpunkt geworden – also so etwa das Gegenteil. Den einzigen Weg, den deutschen wie jeden anderen Imperialismus zu knacken, lehnen die Anti-Deutschen ab: An eine Revolution, da sind sie klug geworden, glauben sie nicht mehr. Die kritische und agitatorische Bemühung darum durchschauen sie als ein Sich-Gemein-Machen mit dem Pack. Aber als gescheiterte Linke still werden und die Welt ihrer Wege gehen lassen, wenn man Einfluß darauf schon nicht hat und nicht mehr nehmen will, das kommt auch nicht in Frage. Weil sie ohne Chance ist, finden sie die Notwendigkeit, Schluß zu machen mit dem Staat, der zur Sicherung der Wachstumsbedingungen seines Kapitals immer wieder in eine Gewaltkonkurrenz mit anderen Staaten eintritt, auch nicht mehr so notwendig; sie wissen fast gleichwertigen Ersatz für eine Revolution: Krieg! Wenn endlich kein Nationalismus mehr kritisiert wird, sondern nur noch Nationalismen sich wechselseitig im Wege stehen; wenn die Deutschen den französischen und die Franzosen den deutschen Nationalismus genug hassen – dann dämmert das Heil: Die Vernichtung der ungerechten deutschen Existenz durch den Triumph anderer Sieger. Es scheint, als wüßten die Anti-deutschen noch nicht einmal, daß weder gewonnene noch verlorene Kriege Volk oder Führung ihren Nationalismus abgewöhnen, sondern allenfalls zu revisionistischen Taten beflügeln.

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Die verschmähte Liebe zum Proletariat verleitet diese Ex-Linken zu sehr radikalen Schlüssen. Aus Rache an den deutschen Nationalisten, die ihnen nicht folgen wollten, machen sie sich zu ihrem exakten negativen Abziehbild. Der Nationalist ist blöde genug, einen Staat und seine Symbole richtig gefühlsmäßig zu lieben; er ist „stolz, ein Deutscher zu sein“, und will gar nicht angeben können, geschweige denn befragt werden warum. Die Antideutschen halten den Spruch: „Wir lieben dieses Land nicht!“ gleichfalls für eine Mitteilung. Hat das jemand verlangt oder von ihnen erwartet? Genauso grundlos und genauso innig hassen sie die Nation – Nation nicht im Sinn der politisch-wirtschaftlichen Ordnung, sondern der Gesamtheit ihrer – verkorksten und niederträchtigen – Insassen.

Während alle anderen einstigen Linken längst in SPD, PDS oder bei den Grünen „politische Verantwortung“ tragen und sich um den Fortschritt dieser Nation verdient machen, hat sich diese kleine Minderheit ihre Radikalität erhalten. Prinzipielle Gegner sind sie geblieben dadurch, daß sie Kritik, wie immer die auch ausgesehen hat, durch Absage ersetzen – vor allem an jede Kritik. Das ist einmal eine orginelle Ergänzung zum deutschen Geschrei „Kommunismus tot“, zum offiziellen Antikommunismus: Ihre Verabschiedung aller Versuche, gegen Staat und Kapital etwas auf die Beine zu stellen, ihre Ersetzung von Opposition durch nationalen Haß, wollen sie nicht als das Ende, sondern selbst als Politik anerkannt wissen – ja als eine Position unüberholbarer Radikalität in der Staats- und Nationalismuskritik. Die „Politikunfähigkeit“, die sie wörtlich fordern, ist keineswegs bloß als Verurteilung derer gemeint, die aus ein paar Jahren erfolgloser Tätigkeit in linken Bewegungen den Schluß gezogen haben, nun „politikfähig“ zu werden und mit Verbesserungsvorschlägen zum Gebrauch der deutschen Staatsmacht aufzuwarten. Auch jeder Versuch, dieser kapitalistischen Nation ihre Machtgrundlage zu entziehen, aus dem selbstbewußten Arbeitsvolk Kapitalismuskritiker zu machen, wird verdammt, als wäre er auf Komplizenschaft mit Deutschland erpicht. Wer seine politischen Aktivitäten nicht auf die Absage an die Deutschen reduziert und in den politischen Abgang münden läßt, hält es mit dem „deutschen Pack“, gehört also selbst dazu. Dieser linke Rest ist denn auch der einzige wirkliche Adressat der Anti-Deutschen: Sie – im Namen endgültiger Radikalität – zum antideutschen Bekenntnis und zum Aufhören zu bewegen, halten sie für ihre Aufgabe. Kein Wunder, daß sich die Szene in Reden und Schriften zehnmal mehr mit Vorwürfen und Aburteilungen der „Alt-Linken“ befaßt als mit dem abgrundtief gehaßten Deutschland.

Die Verdienste der Zeitschrift ‚Konkret‘ um den Abgang der linken Szene in die antideutsche Gesinnungswirtschaft

Die Zeitschrift ‚Konkret‘ hat die antideutsche Szene ideologisch vorbereitet, vielleicht sogar ins Leben gerufen, auch wenn deren Mitglieder von ihren Ziehvätern teilweise gar nichts mehr wissen wollen. Alle Fehler des linken Antifaschismus, insbesondere dessen Zuspitzung zum Antideutschtum, hatten und haben hier ihr erstes und wichtigstes Forum.

Ansonsten herrscht in diesem Blatt, das sich der oppositionellen Linken in der BRD gerne als offene Diskussionsplattform anbietet, als die letzte von allgemeinerer Bedeutung, in der Tat der großzügigste Pluralismus: Kein Thema ist zu abseitig, vor allem kein Stück Kulturszene zu blödsinnig, um nicht ausgiebig betreut zu werden. Und auch in Fragen linker Theorie läßt die Redaktion vieles gleich gelten; auf stichhaltige Begründungen, von richtigen ganz zu schweigen, oder umgekehrt auf Widersprüche, sei es mit sich selbst, sei es mit anderen Beiträgen, wird kein Aufsatz befragt, wenn nur der oppositionelle Tonfall stimmt. An die ideologische Quintessenz jedoch, an die Botschaft, die rüberkommen soll, wird ein gar nicht pluralistischer Maßstab angelegt: Daß überall in Deutschland der Ungeist von Auschwitz am Werk ist – und sonst eigentlich nichts weiter los –, das möchte ‚Konkret‘ schon jeden Monat vorführen. Umgekehrt: Daß Deutschland und die Welt anders beschaffen, daß gegen Ende des 20. Jahrhunderts andere Dinge wichtiger, daß die Gründe für Kriege, Verelendung und geistige Verwahrlosung woanders als in der deutschen NS-Vergangenheit zu suchen sein könnten, das möchte die Redaktion um H. Gremliza keinem Artikel entnehmen müssen. Denn das hält sie für die schlimmste Verharmlosung, derer ein Deutschland-Kritiker sich schuldig machen kann.

Dieser Standpunkt erklärt übrigens die Vorliebe der Zeitschrift für Feuilletonistisches und Kulturelles: In der Welt der Spinnerei herrscht die größte Freiheit, mit lauter unsachlichen Maßstäben herumzufuhrwerken, Inkommensurables kommensurabel zu machen, einem neuen Beat-Rhythmus die Wiederkehr des faschistischen Marschtritts oder auch den Protest dagegen abzulauschen, überhaupt dort, wo keiner es vermutet, die allgegenwärtige Aktualität des Vergangenen zu beschwören. Ebenso hat die Gleichgültigkeit in allen Dingen, für die linke Kritiker früher einmal einen wissenschaftlichen Sozialismus für nötig gehalten haben, – die andere Seite des Pluralismus von ‚Konkret‘ – hier ihren Grund: Von der Politischen Ökonomie, der Wissenschaft vom Kapitalismus, hängt für das antifaschistische Dogma des Blattes ja wirklich nichts ab. Es sei denn negativ: Wenn die Erklärung von Trümmern des deutschen und Weltgeschehens die Botschaft vom speziell deutschen Wesen, an dem die Welt krankt, für die Redaktion erkennbar stört; erst recht wenn damit eine Gegenposition bezogen wird – dann interessiert zwar immer noch nicht die Erklärung, dafür der abweichende Standpunkt; und gegen den wird dann zu Felde gezogen, nicht selten erbitterter als gegen die erklärten Machenschaften der bundesdeutschen Republik. Man braucht Argumente ja auch nicht zu verstehen, um z.B. der Wortwahl den Verstoß gegen die guten antifaschistischen Sitten und damit die verkehrte Gesinnung zu entnehmen.

Die richtige bekommt Monat für Monat ihr Denkmal gesetzt, wenn der Herausgeber ins pralle Leben der deutschen Nation hineingreift und ihr politisches Treiben auf eine Anekdote, meist aus der Welt des politideologischen Überbaus, verdichtet, die schlagend verdeutlicht, was der Rest der Redaktion an beinahe jedem beliebigen anderen Thema demonstriert: Sie hebt schon wieder ihr Haupt in Deutschland, die blutige Fratze des Nationalsozialismus…

Antideutsche Fahndungsarbeit in der moralischen Luxusabteilung der Politik

Von den wichtigen Leuten der Nation, wenn sie mal wieder dummdreist daherreden und sich und ihren Werken Beifall spenden, läßt der Herausgeber von ‚Konkret‘ sich am allerliebsten die Stichworte liefern für seine monatliche Polemik – so daß man sich als unbefangener Feind der deutschen Machenschaften schon öfters wundern muß über das Luxuriöse seiner Empörung. Wenn sie dann wenigstens ins Schwarze träfe! Stattdessen werden regelmäßig Entgleisungen daraus.

Als Beispiel mag Dresden herhalten: Der nationale Gedenkzirkus um den 50. Jahrestag der Bombardierung der Stadt steht für ‚Konkret‘ weit oben auf der Traktandenliste. Dabei fällt Gremliza zunächst einmal die aufmarschierte Personnage ins Auge:

„Die Väter, die Täter, die Wehrwirtschaftsführer, Blutrichter, Hitler-Generäle, Nazi-Beamten sind tot. Auf dem Stuhl des Bundespräsidenten sitzt keiner, der den Führer ermächtigt hätte (wie Theodor Heuss), kein Baumeister von Lagerbaracken (wie Heinrich Lübke), kein Mann der NSDAP (wie Walter Scheel), der SA (wie Karl Carstens) oder der Wehrmacht (wie Richard v. Weizsäcker), sondern ein zu spät Geborener, den nichts als seine juristischen und politischen Ziehväter, die Nazis Theodor Mauz und Hans Filbinger, mit der großen Zeit verbindet. Im Kanzleramt kein Konfident des Reichssicherheitshauptamtes mehr (wie Ludwig Erhard), kein Zuarbeiter des Josef Goebbels (wie Kurt Georg Kiesinger) und kein Wehrmachts-Leutnant (wie Helmut Schmidt), sondern der unbelastete Protege eines Chemiefabrikanten, der einen Teil seines bei der Arisierung einer jüdischen Kondomfabrik erworbenen Reichtums in die Karriere des jungen Helmut Kohl investiert hat. Selbst dem Aufsichtsrat der Deutschen Bank präsidiert seit einem Jahr der Mann nicht mehr, der die Arbeit der IG Farben in Auschwitz-Birkenau beaufsichtigt hatte.“ (Konkret 3/95)

Fast möchte man fragen: Sonst noch was? Gibt es an den Würdenträgern der BRD nichts anderes auszusetzen als die „braunen Flecken auf den weißen Westen“ ihrer Vorgänger? Muß man sich, nachdem die alten Nazi-Haudegen wegsterben, unbedingt auf die Suche nach den „braunen Schatten“ in der Vergangenheit der Nachgeborenen machen, weil einem sonst nichts Negatives zu diesen Gestalten mehr einfällt? Ginge die Politik von Helmut Kohl in Ordnung, wenn in seine Karriere nachweisbar kein Pfennig arisierten jüdischen Reichtums geflossen wäre? Ist der neue Bundespräsident überhaupt charakterisiert, wenn er bei jeder Erwähnung den Stempel „der Zögling von Maunz und Filbinger“ aufgedrückt bekommt? Ist Faschismus eine ansteckende Krankheit? Weiter: Wofür, wogegen spricht eigentlich die Tatsache, daß Nazi-Größen wie Maunz und Filbinger in der Demokratie zu Ehren gekommen sind – der eine als Ministerpräsident, der andere als Verfasser eines allseits gelobten Grundgesetzkommentars – ? Will Gremliza uns etwa sagen, die hohen Ämter, die das Grundgesetz vorsieht, einschließlich der Ehre, es zu kommentieren, wären zu gut für Ex-Nazis und deren „Zögling“?

In seiner Dresdner Rede warnt der Bundespräsident davor,

„zwischen den Toten, Verwundeten und ins Unglück Gestürzten der verschiedenen Völker einen buchhalterischen Saldo zu ziehen.“

Der Konkret-Herausgeber bemerkt sogleich die plumpe Dialektik dieser deutschen „Versöhnungsgeste“: Wenn jemand immerzu vor dem Aufrechnen der Opfer warnt, dann hat er selber längst aufgerechnet und verlangt von den anderen Nationen, nicht länger den Deutschen mit Opfer-Rechnungen und Schuldvorwürfen zu kommen. Gremliza bemerkt die Berechnung, er kann sie nicht leiden – und er zieht folgenden Schluß daraus.

„Vor dieser obszönen ‚Versöhnungsgeste‘ wird das Aufrechnen zur Anstandspflicht. Wir wollen nicht aufrechnen, sagte der Vorsitzende der Sudetendeutschen Landsmannschaft zu Ignatz Bubis? Nicht die Vernichtung von sechs Millionen Juden mit der Vertreibung auslandsdeutscher Nazis, nicht die 25000 Toten von Dresden mit den 600.000 (kaum weniger) zu Tode Gehungerten von Leningrad? Wir wollen nicht aufrechnen heißt: Wir sind quitt… Es sei der Krieg als solcher, ‚dem wir widerstehen müssen wie der Pest‘, sagte der Bundespräsident an einem Tag und Ort, da der Folgen des mit größtem Recht geführten Krieges des Geschichte gedacht wurde: des Krieges der Anti-Hitler-Koalition.“

Wenn man schon in der großherzigen Geste die parteiliche Berechnung entdeckt: Muß man dann wirklich selber in diesem unredlichen Rechnungswesen mit herumwirtschaften? Wenn schon alle Staatsmänner in völkischen Kollektiven denken, Opfer, nach Nationalität sortiert, gegeneinanderstellen und zu Argumenten für staatliche Rechtsansprüche ernennen: Muß man als Kritiker dann ausgerechnet darauf bestehen, daß in diesen Rechnungen ein paar Vor- und Gleichheitszeichen anders gesetzt werden? Wenn man schon das Verlogene an einem staatsoffiziell geheuchelten Pazifismus entdeckt: Ist dann die Befürwortung des gerechten Krieges die passende Antwort? Aus 6 Millionen toten Juden, 20 Millionen sowjetischen Kriegstoten und einer Koalition, deren Mitglieder gleich nach ihrem Sieg über Hitler 4 Jahrzehnte lang den atomaren Weltkrieg vorbereitet und etliche andere gegeneinander haben führen lassen und selbst geführt haben: „aus der Geschichte“ hat Gremliza selber jedenfalls keinen einzigen richtigen Gedanken über Volk, Staat und Krieg gelernt, nur die Steigerung von „gerecht“.

Moralimmanent, das ist wahr, freilich alles andere als ein Kompliment, ist der Antifaschist dem Bundespräsidenten gewachsen. Als Moralist hat Gremliza ein Gespür dafür, daß der Standpunkt: „Jede Kriegsleiche ist eine zuviel“, den Herzog für sich in Anspruch nimmt, im Prinzip einer der hochanständigsten ist – doch davon läßt er sich nicht beeindrucken, er kennt eine bessere Moral. Aber wofür steht das? Wo Herzog mit seinem Moralismus ausspricht, daß die NS-Vergangenheit der Deutschen – die er übrigens bei Bedarf genausogut für unendlich verwerflich erklären kann wie Gremliza – keinen Grund abgibt, mit politischen Ansprüchen heute zurückzuhalten, da hält ‚Konkret‘ erbittert dagegen: Doch, ist ein Grund, auf immer und ewig. Rein moralisch mag der Herausgeber sich da sogar einen Punktsieg gutschreiben. Es gibt bloß einen Unterschied, der einem Kritiker zu denken geben müßte: Was die politischen Ansprüche Deutschlands betrifft und die Mittel, sie durchzusetzen und sogar als Rechte anerkannt zu kriegen, da gibt die Brutalität der Kriegführung Hitlers tatsächlich für nichts einen Grund her; weil Politik nämlich erstens überhaupt anders funktioniert als die Moral, die dazu – oder dagegen – verkündet wird, und weil zweitens das imperialistische Programm der deutschen Großmacht heute ganz andere Dinge vorsieht als einen Angriffskrieg gegen das bolschewistische „Reich des Bösen“ und die „Endlösung der Judenfrage“ – und deswegen übrigens auch eine andere moralische Einkleidung fordert als das Einverständnis mit Auschwitz, gegen das ‚Konkret‘ sich abkämpft. An der Moral ausgedrückt: Sie steht zur Welt der Politik im Verhältnis des schönen – oder bösen – Scheins; sie ist nichts, was die Politik bewegt, sondern sie wird von der Politik zurechtgebogen, so wie die Macht es braucht; und wer sie für bare Münze nimmt und gegen die Macht als die eigentliche höhere Instanz geltend machen will, der täuscht sich darüber, was seine sittlichen Überzeugungen in Wirklichkeit bloß sind: ein Vers auf die Machenschaften der Macht, der seine Maßstäbe selber noch aus deren Idealisierung bezieht. Sich gegen Deutschlands faktische Macht und die daraus abgeleiteten nationalen Rechtsansprüche, für die es dann – Stichwort „Verantwortung“ – allemal auch die passenden moralischen Titel gibt, darauf zu versteifen, sie wäre eigentlich, nämlich nach Maßgabe anderer moralischer Titel, im Unrecht, ist borniert und antikritisch, weil der Schritt vom moralischen Schein zur Sache, die ihn begründet, verweigert wird.

Gremliza – das ist seine Lebenslüge als Herausgeber von ‚Konkret‘ – steht auf dem Schein. Er glaubt an so etwas ähnliches wie das, was abendländische Machthaber so gerne im Munde führen, nämlich eine „moralische Fundierung“ der Macht: Er meint tatsächlich, „Krieg“ und „Gerechtigkeit“ wären – nicht bloß in dem zynischen Sinn, in dem noch jeder Feldherr seine Gemetzel bewundert, sondern im umgekehrten Sinn wahrgemachter Moral – kommensurable Größen, und wenn ‚Konkret‘ richtig abrechnet und den Kampf um die bessere Moral gewinnt, dann fiele die Zeitschrift dem aufstrebenden Deutschland damit irgendwo und irgendwie effektiv in den Arm. Über das Wie gleich mehr; daß deutsche Politiker sich nach seinen moralischen Vorstellungen richten könnten, darüber macht Gremliza sich nämlich nichts vor; eine Chance auf Wirksamkeit rechnet er sich dennoch aus. Entscheidend ist aber erst einmal das Ethos der sittlichen Scharmützel, die ‚Konkret‘ den regierenden Moralisten liefert: Die Redaktion geht schlicht davon aus, moralische Verdikte wären doch eine Hemmung des staatlichen Machtgebrauchs. Sie unterstellt das so felsenfest, daß sie ihren Kontrahenten, den politischen Heuchlern der Nation, ein elementares praktisches Interesse an moralischen Freisprüchen andichtet, noch dazu vor den Maßstäben, die sie – und sonst ohnehin niemand – vertritt; ein Interesse, das sie Monat für Monat durchkreuzt: Sie erinnert an Auschwitz, wo die Nation keine größere Sorge kennt, als eben diese Erinnerung zu tilgen.

Deswegen ist es „Anstandspflicht“, der „Versöhnungsgeste“ des Bundespräsidenten in Dresden in die Parade zu fahren; und in dem Sinne gibt es überhaupt dauernd etwas zu tun. So z.B., wenn ein bürgerlicher Journalist einen Nachruf auf den Ex-Luftwaffeninspekteur der Bundeswehr Johannes Steinhoff verfaßt und darin lobend erwähnt, daß der im 2. Weltkrieg 176 feindliche Flugzeuge abgeschossen hat.

„Der Journalist Johannes Gross, der diese Huldigung verfaßt hat, mag nicht der brillante Kopf sein, für den seine Arbeitgeber ihn und er sich hält – zu dumm für die Erkenntnis ist er nicht, daß der Abschuß von 176 Flugzeugen der Alliierten, die auf dem Weg waren, die Nazis zu besiegen und ihre Gefangenen zu befreien, die Niederlage und die Befreiung um Tage oder sogar Wochen hinausgeschoben, daß also der tapfere Jagdflieger Hunderten oder Tausenden den Tod vor den Erschießungskommandos oder in den Gaskammern bereitet hat. Gross weiß es und will den Täter von seinen Landsleuten ganz speziell für diese Tat und nicht für irgendwelche Verdienste um die blöde Bundeswehr und ihre uniformierte Bürgerwehr gerühmt wissen.“ (Konkret 4/94)

Wenn Gross die militärischen Glanzleistungen des alten Wehrmacht-Haudegens Steinhoff lobt, sieht Gremliza darin keine Rechtfertigung des heutigen deutschen Militarismus. Ihm fällt nicht die Selbstverständlichkeit störend auf, mit der Repräsentanten der deutschen Öffentlichkeit heutzutage wieder von militärischer Gewaltanwendung als ehrenwertem Mittel staatlicher Durchsetzung daherreden. Er meint ein größeres Verbrechen entdeckt zu haben: Gross soll recht eigentlich keine nationale Würdigung des Jagdfliegers Steinhoff verfaßt, sondern ein Lob des Verzögerers der Befreiung von Auschwitz gefordert haben; dem FAZ-Mann soll es um genau das gegangen sein, was dem ‚Konkret‘-Mann andersherum ein Herzensanliegen ist: Auschwitz. Man fragt sich, warum Gross das dann nicht selber so deutlich hinschreibt wie Gremliza, wenn es ihm schon um die Rehabilitierung des großen deutschen Verbrechens zu tun war: eine umständliche Art, die Verteidigung deutscher Konzentrationslager in den Rang einer ehrenwerten Tradition deutscher Militärleistungen zu erheben, indem man eben dies verschweigt.

Die Wahrheit ist viel schlichter: Bürgerliche Köpfe wie Gross verstehen es lässig, zwischen den „repektablen Leistungen der deutschen Wehrmacht“ und den „verabscheuungswürdigen Verbrechen der Nazis“ zu trennen. Diese ideologische Leistung ist für Gremliza aber zu billig. Er unterstellt seinen ideologischen Gegnern Rechtfertigungsversuche viel wüsterer Art, die er dann durch Entlarvung zum Entgleisen bringt. Freilich, die Bemühungen, aus böse gut zu machen, nehmen zu; Gross’ Kommentar ist Anlaß für eine Polemik gegen den Zeitgeist der letzten Jahre überhaupt:

„Auch Konterrevolution bedeutet Umwertung aller Werte. Was in den Siebzigern und Achtzigern bürgerlichen Lohnschreibern Respekt gebot: Aufklärung, kritische Theorie, Achtundsechzig, die Moderne, ist nicht nur im Frankfurter Zentralorgan heute Gegenstand äußerster Verachtung. En passant wird dort ‚der Sozialismus‘ eine ‚stinkende Leiche‘ genannt und das Datum gesellschaftlicher Modernisierung der BRD heißt das ‚berüchtigte 68‘; der Leitartikel zum Jahreswechsel verhöhnt die ‚Intellektuellen‘, die, ‚als wären wir im achtzehnten Jahrhundert, die Aufklärung nach wie vor für das beste Rezept halten, die Macht des Bösen zu erschüttern‘, und im Feuilleton hat der zuständige Herausgeber eine Kampagne gegen ‚die Moderne‘, gegen die Kunst und für ‚das Handwerk‘ organisiert, in der Breker noch einmal über Picasso triumphieren könnte. Antifaschismus, in der alten Bundesrepublik immerhin geduldet, gilt wahlweise als Indiz kommunistischer oder stalinistischer Perfidie.“

Wenn man schon eine „Umwertung aller Werte“ bemerkt haben will, dann wäre vielleicht doch mal ein Schluß auf den Charakter von Werten fällig – offensichtlich sind diese Gebilde aus der Welt des nationalen Feuilletons nicht übermäßig viel wert, wenn sie sich so einfach umwerten lassen; es scheint sich um ziemlich abhängige Variablen der Fortschritte der nationalen Politik zu handeln. Gremliza will davon nichts wissen: Er will schließlich mitmischen bei der Etablierung von „Wertorientierungen“. Dabei nun, und das ist bemerkenswert, kommt er sich mit seinem Höchstwert Antifaschismus auf einmal recht konservativ vor: „immerhin geduldet“, hätte er die alte BRD einmal geprägt. Rückblickend nimmt er Partei für den angeblich verflossenen Wertehimmel der alten BRD – und versteht sich und seine Parteinahme glatt so, als hätte die alte BRD doch irgendwie für seinen Wertehimmel Partei ergriffen. Da war also, meint er, das Gute real, sogar mitten in Deutschland eine Macht. Und das wirft natürlich die Frage auf, wie es dazu kommen konnte.

Beschwörung eines machtvollen Bündnispartners der antifaschistischen Moral: Das Ausland

Gremliza wird hellhörig, wenn CDUler vor „reaktionärem Festhalten am Bestand der alten BRD“ warnen:

„Geht man den ‚Bestand der alten Bundesrepublik‘ durch, begegnet einem nichts, was einen CDU-Funktionär in Rage bringen sollte. Die herrschende Klasse hat die Gesellschaft, die Ökonomie, den Staat und seine Abteilungen (Justiz, Polizei, Verwaltung) sicher im Griff, die traditionellen Organisationen der beherrschten Klasse treten nur noch als Claque auf (wenn sie nicht, äußerster Fall deutscher Revolution, dem Fabrikherrn drohen, für ihr Recht auf Lohnarbeit zu verhungern). Was am ‚Bestand der Bundesrepublik‘ stört, ist aber eben ihr Bestand, ist die von den Siegermächten entlang der Marken: Faschismus und Krieg gezogene Grenze politischen Redens und Handelns, deren Anerkennung einst die Voraussetzung gewesen ist für die Rückkehr des Westdeutschen in Welthandel und Weltpolitik. Wann immer sie versuchten, die gesetzten Grenzen zu übertreten, wurden sie durch Erinnerung zur Ordnung gerufen – durch französische und englische Filme, durch US-Fernsehserien, durch Gedenktage und Denkmale. Nach links, in den Sozialismus, wollten sie nicht, nach rechts durften sie nicht. Der status quo war ihr Schicksal. Es war leicht zu ertragen, solange er ständig wachsenden Wohlstand zu bedeuten schien.“ (Konkret 12/93)

So geht antifaschistisches Denken: Klar, die Zustände in der demokratischen BRD kann man jederzeit für durch und durch beschissen erklären. Aber das ist ist fad, angesichts dessen, daß da ein Mitglied der herrschenden C-Fraktion seine Unzufriedenheit mit diesen Zuständen erklärt. Gremliza entnimmt derartigen Äußerungen ganz umstandslos das Bekenntnis, daß es solchen Leuten eigentlich um etwas ganz anderes geht als um eine nach ihrem Geschmack funktionierende demokratische Herrschaft, und zwar im Grunde schon immer. Um was – das ist dem Antifaschisten je schon klar: Diese deutschen Herrschaften wollen immer schon zurück zu Faschismus und Krieg. 50 Jahre BRD, mitsamt all ihren „von der herrschenden Klasse so sicher im Griff gehaltenen“ gesellschaftlichen Errungenschaften, sind sogesehen die ständige Bändigung der eigentlichen Vorhaben dieser herrschende Klasse. Bewerkstelligt wurde das durch Bestechung mit „ständig wachsendem Wohlstand“ – wobei Gremliza nicht das geringste Problem hat, auch diejenigen Mitglieder des deutschen Volkes in seine Bestechungstheorie mit einzubeziehen, die nach seiner eigenen Auskunft als „beherrschte Klasse“ ein ziemlich unerquickliches Leben als Lohnarbeiter fristen; doch dazu später – sowie, vor allem, durch die unerschrockene Berieselung mit Erinnerung! Der Mann glaubt allen Ernstes an die politische Produktivkraft antifaschistischen Moralisierens – und stellt dabei doch in Rechnung, daß Moral ohne Gewalt nichts taugt: Es müssen schon äußerer Zwang plus innere Berechnung dahinterstehen. Aber in den bloßen Überbau von Zwang und Berechnung soll sich die zivilisatorische Leistung von Denkmälern und US-Fernsehserien auch wieder nicht auflösen; sonst könnte er seine Zeitschrift zumachen oder müßte zumindest andere Leitartikel verfassen. Also imaginiert Gremliza sogar da, wo er so etwas wie ein Verhältnis von „Basis“ und „Überbau“ andeutet, eine Art antifaschistischer Bündnisgenossenschaft zwischen seiner Moral und der alliierten Politik – und ignoriert dabei mit größter Selbstverständlichkeit, daß von einem Kriegsverbot der Westalliierten an ihren bundesdeutschen Frontstaat nun wirklich nie die Rede sein konnte: Beteiligung am NATO-Krieg war geboten, und ob das ein nach ‚Konkret‘-Maßstäben so „gerechter Krieg“ wie der gegen Hitler geworden wäre, dürfte Gremliza selbst ein wenig bezweifeln. Wie dem auch sei: Der Rückblick auf die alte BRD offenbart eine List der Vernunft in Sachen Sitte und Anstand:

„Materielles Interesse verdrängt die ideellen Vorlieben, in älterer Fassung: das Sein bestimmt das Bewußtsein, Firmen und Verbände, die noch jeden deutschnationalen oder sonstwie reaktionären Verein offen oder heimlich finanziert haben, treten unversehens als relative Menschenfreunde auf. Zuletzt ging Deutschlands größter Rüstungskonzern, die Daimler-Benz-AG sogar so weit, die nach massiven Protesten abgesagte Peenemünder Jubelfeier der von Daimler-Benz dominierten deutschen Luft- und Raumfahrtindustrie zum 50. Geburtstag von Hitlers Wunderwaffe V2 nachträglich durch einen Vorstandsvorsitzenden ein bißchen mißbilligen zu lassen. Als, immerhin ‚wenig intelligent‘ geißelte Edzard Reuter das unter der Schirmherrschaft des Staatssekretärs Riedl (CSU) aus dem Bundeswirtschaftsministerium geplante Nazi-Jubiläum post(non)festum. Nicht daß die ans Humane grenzenden Anwandlungen einiger Firmen und Verbände die Analysen des Kapitals und zumal des deutschen dementierten, im Gegenteil: Wenn anders kein Profit zu erzielen wäre, würde die Offensive gegen Fremdenfeindlichkeit notfalls wieder von einer jener Offensiven zur Beschaffung von fremden Zwangsarbeitern abgelöst, deren letzte Opfer von den nutznießenden Ausländerfreunden des BDI bis heute nicht entschädigt worden sind. Ausbeutung ist das Ziel, in beiden Fällen: im einen wird ausgeraubt und totgeschlagen, im anderen nur ausgeraubt. Die Furcht deutscher Banken und Konzerne, der Standort Deutschland und seine Exportwaren könnten international in Verruf geraten, erhöht die Chance, daß es noch einige Zeit beim Ausrauben bleibt und vielleicht lange genug, die zivilisierte Umwelt an Exempeln der Rostocker, Peenemünder und Sachsenhausener Art lernen zu lassen, was es mit dieser lieblichen Nation auf sich hat, immer noch und wieder.“ (Konkret 11/92)

Wie billig radikale Antifaschisten doch zu beeindrucken sind. Edzard Reuter bezeichnet eine geplatzte blödsinnige Firmengedenkfeier als „wenig intelligent“ – und schon ist der Chef des größten deutschen Rüstungskonzerns in die Riege der „Immerhin-Demokraten“ aufgenommen. Dieses „immerhin“ wird am Thema Ausbeutung ausführlich elaboriert: Wo alle Welt längst ableugnet, daß das, was der Daimler-Benz-Konzern weltweit treibt, irgend etwas mit Ausbeutung zu tun haben könnte, macht Gremliza sich nichts vor; er ist weltklug genug, um zu wissen, wie Daimler-Benz auf der ganzen Welt herumfuhrwerkt und daß das Menschenmaterial, das dafür hergenommen wird, dabei nichts zu lachen hat. Aber das ist gewissermaßen nur der große Konzessivsatz, den er vorausschickt, um seine eigentliche Botschaft in Gestalt eines dicken „Aber“ anhängen zu können: „Aber kein Totschlag“. Mit der Betonung dieser Differenz soll zwar nichts vergeben und vergessen sein – beispielsweise die „ganz normalen Todesfälle“, die das kapitalistische Geschäft so produziert –; es wird bloß für uninteressant erklärt. Sobald Gremliza eine Gelegenheit sieht, eine Differenz zum Faschismus festzustellen – und sei sie auch noch so „immerhin“ –, ist er um einen Bündnispartner reicher. So kommt er zu einer der absurdesten Rechtfertigungen des weltweiten deutschen Waffenhandels, die man je gelesen hat: Ausgerechnet in den staatlich geförderten Exportstrategien des größten deutschen Rüstungskonzerns entdeckt der ‚Konkret‘-Herausgeber, der empfindsamst auf jede tendenziell faschistoide Gedenkfeier reagiert, eine Chance für den antifaschistischen Kampf – insofern gerade eine Rüstungsschmiede um ihrer weltweiten Absatzchancen willen glatt auf Propagandaveranstaltungen für Nazistisches verzichten muß! „Immerhin“: eine Atempause, in der sich die auswärtige Kundschaft von Daimler-Benz vielleicht noch davon überzeugen kann, daß die Deutschen eigentlich etwas anderes vorhaben, als die Welt mit Waffen zu versorgen. Und wenn sie das endlich kapiert hat – dann erpreßt es mit seiner Kaufkraft die Deutschen weiterhin zu ein bißchen Respekt vor der guten Sache, die ‚Konkret‘ vertritt…

Anderthalb Jahre später hat das Ausland zwar immer noch nichts kapiert, dennoch funktionieren die „moralischen Bremsen“ nach wie vor. Ein Staatsbesuch von Kohl bei Berlusconi ist Anlaß, sich das an einem Vergleich zwischen dem italienischen Neofaschismus und den deutschen Verhältnissen zu vergegenwärtigen:

„Geht es nicht hier wie dort um eine radikale Neuorientierung, hat nicht der Kanzler selber die Parole ausgegeben, das neue Deutschland müsse ein Land sein, ‚das wieder zu sich selbst findet‘, seine Wirtschaft brauche ‚einen Befreiungsschlag‘, Deutschland müsse sich auf ‚stürmische Zeiten in der Welt‘ einrichten? Und ist die Aufgabe nicht längst angepackt? … Gewiß, doch alles nur halb und halb, weil immer, wenn wer zum Befreiungsschlag ausholen und das Land auf stürmische Zeiten in der Welt einrichten will, Reminiszenzen an die Jahre vor 1945 und Normen aus den Jahren danach im Weg stehen. Die Erinnerungen verboten es dem Kriegsminister Rühe, seine Truppen gegen Serbien aufmarschieren zu lassen. Sie behindern den kurzen Prozeß mit Flüchtlingen, die man ihretwegen ‚ausländische Mitbürger‘ zu nennen gezwungen ist, bevor man die Kanaken rausschmeißt. Die nach 1945 beschlossenen Gesetze komplizieren die Einrichtung einer Geheimpolizei, die Vorbereitung von Kriegen, die Produktion und den Export von Waffen, den Einsatz identitätsstiftender Symbole wie Reichskriegsflagge oder 1. Strophe und vieles mehr… Heißt von Rom lernen siegen lernen? Es ist nicht so, daß der Kanzler und die Landsleute nicht wollten, und was sie können, tun sie allerorten. Als etwa ein neuer Bundespräsident gesucht wurde, haben sie sogleich einen Mann ausgeguckt, der seine Karriere der Protektion durch zwei Nazis, den Frey-Kumpel Maunz und den Marinerichter Filbinger, verdankt… Lernen von der Aufführung in Rom darf sie (die deutsche Politik) freilich nur bis zu dem Akt, in dem die Tochter Mussolinis auftritt. Was sie in Erinnerung ruft, ist schlimm genug – ein Sohn Hitlers oder Himmlers riefe Auschwitz wach, mit Fritz Göring in einer Regierung der nationalen Rettung hätte Mercedes das letzte Auto der S-Klasse in die USA verkauft.“ (Konkret 6/94)

Da ist wieder einmal alles beieinander, was das antifaschistische Weltbild von ‚Konkret‘ ausmacht. Erstens die konsequente Weigerung, sowohl die aktuelle Politik Italiens als auch die Deutschlands zu analysieren. Die gegenwärtige politökonomische Lage dieser beiden Nationen, ihre gegenwärtigen Interessen werden überhaupt nicht zur Kenntnis genommen, stattdessen nur die scharfmacherischen Sprüche Helmut Kohls – und diese konsequent im Lichte der faschistischen Vergangenheit und nach dem Kriterium: Ist es wieder das Alte oder doch noch nicht ganz? Das ergibt zweitens lauter völlig falsche Urteile über die Gegenwart, die allesamt den Tatbestand der Verharmlosung erfüllen. Es stimmt schon nicht, daß Rühe am liebsten die Bundeswehr in Serbien hätte einmarschieren lassen; und es stimmt schon gleich nicht, daß er ausgerechnet „durch Erinnerungen“ daran gehindert worden wäre. Der kritische Geist, der jede offizielle Heuchelei schon durchschaut hat, bevor sie überhaupt auf dem Markt ist, nimmt diese offizielle Heuchelei, die Bundeswehr müsse sich wegen des Balkankriegs der Wehrmacht eigene Großauftritte an der Adria versagen, glatt für bare Münze – sie paßt eben so gut in sein Weltbild! Daß die Bundesregierung in dieser Frage ganz modern imperialistisch kalkuliert – nämlich: wie man sich in Konkurrenz zum Rest der NATO-Bündnispartner und doch gemeinsam mit ihnen als Ordnungsmacht auf dem Balkan ins Spiel bringt – und taktiert, das überschreitet Gremlizas Vorstellungsvermögen. Es würde ja auch gar nicht zu dem Befund passen, auf den es ihm ankommt: „Noch nicht wieder soweit!“ und mit dem er dann im gleichen Sinne weitermacht: Weil er bei Geheimpolizei an Gestapo denkt und bei „kurzem Prozeß mit Flüchtlingen“ an Nazi-Erschießungskommandos, kommt ihm die BRD mit ihren diversen Diensten und ihren brutalen Asylanten-Abschiebekommandos schon wieder ganz nett und folglich „behindert“ vor, nämlich durch – seine! – „Reminiszenzen“. Ebenso bei der „Vorbereitung von Kriegen und der Waffenproduktion“: Weil er immer nur Ausschau hält, ob ein neuer Hitler einen neuen Ostfeldzug plant, kann er alles, was die neue europäische Führungsmacht militärisch geleistet hat und plant, immer wieder mit einem erleichterten „nur halb und halb“ kommentieren. Solange Deutschland nicht wieder die Reichskriegsflagge aufziehen und die 1. Strophe singen läßt – und da kann er lange warten –, hält Gremliza dieses Land für „gebremst“. Deshalb macht er sich drittens wieder auf die Suche nach den Bremsern. Wir kennen sie schon: das Ausland – in diesem Fall die USA, die Göring keinen Mercedes abkaufen würden, und demzufolge auf deutscher Seite der exportgeile Mercedes-Konzern.

Auf „das Ausland“ – wie man sieht – hält man in der ‚Konkret‘-Redaktion große Stücke. Nicht auf ein bestimmtes Ausland, nicht auf real existierende Interessen fremder Staaten an Deutschland, sondern auf das Nicht-Deutsche schlechthin. Das ist für die Deutschland-Hasser nämlich eine moralische Kategorie, die den schätzenswerten Vorteil aufweist, in Erinnerung an den alliierten Sieg über Deutschland vor 50 Jahren zur Moral die nötige Macht zu verheißen, die Deutschland Mores lehren könnte. „Das Ausland“ ist der eingebildete antifaschistische Gesamtbündnispartner. Und so ist es kein Wunder, daß es dem Herausgeber bisweilen, endgültig jenseits aller Realität, zu einem vergrößerten Ebenbild seiner eigenen Redaktionskonferenz gerät:

„Ein Segen also, wenn die Kandidatenkür mit der Verlängerung des Weizsäcker-Kitschs durch dessen evangelischen Betbruder Rau endete und die Illusion über dies Land uns seine Leute fünf weitere Jahre durch ölige Predigten prolongiert würden? Aber dann doch lieber St. Heitmann, der „gerade Mensch“ (CDU-Generalsekretär Hintze), der nicht reden kann und darum so oft sagt, was er und seine Landsleute wirklich meinen, dieses Ausplaudertäschchen, dessen ästhetische Anmutung es den neuen vaterländischen Intellektuellen schwermachen wird, Liebe zu einer so repräsentierten Nation zu entfachen, diese reaktionäre Dumpfbacke, die – last aber alles andere als least – dreimal täglich hervorrufen würde, was Deutschland am nötigsten braucht: das wache Mißtrauen des Auslands. Als einer, der viele Urlaube in Nachbarländern darangegeben hat, durch rüpelhaftes Verhalten im Verkehr und herrisches Auftreten in Wirtshäusern den falschen Eindruck zu korrigieren, den reisende Achtundsechziger von den Deutschen hinterlassen haben, rufe ich den Mitgliedern der Bundesversammlung zu: Wählt Heitmann!“ (Konkret 11/93)

Weltlageanalysen: (Wer) Stoppt die bösen Deutschen!

Nun ist die Welt alles andere als ein antideutscher Kindergarten; letztlich weiß man das auch in der ‚Konkret‘-Redaktion, nimmt es zur Kenntnis und setzt sich mit manchen bedeutenden Leistungen des Imperialismus auseinander. Allerdings auf eine für Kritiker des Weltgeschehens seltsame Art: Kein Streit zwischen Staaten kann so imperialistisch sein, daß er nicht von ‚Konkret‘ als unausweichliche Herausforderung begriffen würde, Partei zu ergreifen – im Namen „der Linken“ selbstverständlich –; und keine Affäre kann so beschaffen sein, daß die Parteilichkeit gegen Deutschland nicht hinreichen würde für die Wahl der richtigen Seite. Da mag die Sowjetunion zugrundegehen und ihr Sozialistisches Lager dazu – Gremliza kommt der Sache auf den Grund: Das ist schlimm, weil von allen Weltmächten hat die sowjetische den deutschen Antifaschisten noch am ehesten den Gefallen getan und Deutschland gebremst. Zu Afghanistan fällt im Jahr 95 keinem ‚Konkret‘-Autor viel ein, was kein Fehler sein muß – aber daß die hauseigenen Polit-Ideale im Jahr 89 noch eine Parteinahme für den fundamentalistischen Krieg hergegeben haben, im Namen des angeblich antiimperialistischen „Selbstbestimmungsrechts der Völker“ nämlich, das läßt die Redaktion nicht ruhen, nachdem die BRD im Namen desselben „Rechts“ die DDR annektiert hat: Da muß eine selbstkritische Umwertung der alten Werte her und ein Plädoyer für Fremdherrschaft ins Blatt – Erleichterung in allen demokratischen Hauptstädten: Hamburg gibt Grünes Licht… –, indem daß nämlich doch schon Napoleon die bösen Deutschen zwangsweise und von außen zivilisiert hat, so gut es ging… Im ehemaligen Jugoslawien ziehen sich die völkischen Staatsgründungskriege in die Länge – ‚Konkret‘ entnimmt einem Blick in die Geschichte den Grund, sieht sich durch die einseitig antiserbische Propaganda in der BRD voll bestätigt und schöpft Hoffnung:

„Mit der fanatischen Parteinahme aller Parteien und fast aller Zeitungen und Fernsehanstalten für das kroatische Tudjman-Regime haben die Deutschen ihren Nachbarn gezeigt, daß sie zur Gleichschaltung keinen Führer brauchen. In Belgrad zogen 40000 Serben vor die deutsche Botschaft, um gegen die Fortsetzung einer deutsch-kroatischen Bündnispolitik zu protestieren, deren Opfer schon zweimal in diesem Jahrhundert die Serben waren. In Den Haag hielt der serbische Präsident Slobodan Milosevic am 7. September vor der Konferenz über Jugoslawien eine Rede, die in ihrer Klarheit und Vernünftigkeit verstehen läßt, warum die Deutschen mit ihrer antiserbischen Hetze so allein dastehen.“ (Konkret 10/91)

Und so weiter.

Um wieviele Ecken herum auch immer: Irgendein Gesichtspunkt findet sich noch überall, unter dem die großen Schweinereien der Staatenwelt sich letztlich um die ganz besondere, einmalige, das Normalmaß überschreitende, deswegen unbedingt bremsungsbedürftige deutsche Schlechtigkeit drehen – die Logik ist dieselbe, nach der der bürgerliche Blätterwald so einhellig und automatisch gleichgeschaltet die Welt als Beitrag und Schaden für Deutschlands gutes Recht auf Erfolg durchmustert, was ‚Konkret‘ sich freilich auch nur von den Nazis her erklären kann. Wer den so zustandegebrachten Unsinn wegen der andersherum gesetzten Vorzeichen für genießbar hält, möge ihn an zwei Beispielen einmal probehalber ernst nehmen.

– Georg Fülberth hat sich in der Novembernummer 92 mit dem Vertrag von Maastricht beschäftigt. Ein Thema, bei dem die Erinnerung an Auschwitz schlechterdings nicht der Leitfaden des Gedankens sein kann. Denn immerhin geht es bei diesem Vertragswerk um ein völlig neuartiges Instrumentarium der imperialistischen Kalkulationen in und mit Europa: Es geht um die Schaffung einer europäischen Wirtschafts- und Währungsunion durch freiwilligen Zusammenschluß der beteiligten Nationen. Mit diesem Projekt ist nicht Geringeres auf dem Verhandlungstisch als die Beseitigung der politökonomischen Souveränität aller Beteiligten, die Neubewertung ihrer staatlichen Verschuldung, der Übergang zu Europa als einem weltwirtschaftlichen Subjekt. Mit dem Vertrag von Maastricht wurde also ein Beschluß ratifiziert, der alle beteiligten Staaten allen Ernstes vor die Entscheidung stellt, ob sie sich selbst als wirtschaftspolitische Subjekte aufgeben sollen. Deshalb war mit diesem Vertrag auch logischerweise die Frage einer gemeinsamen europäischen Außen- und Sicherheitspolitik auf der Tagesordnung. Denn mit den Beschlüssen von Maastricht hatten sich die europäischen Staaten zu dem Punkt vorgearbeitet, um ihrer imperialistischen Konkurrenz zu den USA und zu Japan willen den Übergang zu einer vereinten Europa-Macht zu vollziehen – ein Übergang, der lauter Widersprüche und entgegengesetzte Kalkulationen der beteiligten europäischen Staaten einschließt.

Fülberth bemerkt diese Widersprüche auf eine höchst bornierte Weise. Für ihn reduziert sich das Maastrichter Vertragswerk auf ein typisch deutsches Betrugsmanöver:

„Das Ganze war ein doppelter Bluff: Erstens wurde suggeriert, die europäische Einheit sei ein Zugeständnis der BRD an die anderen. Dabei war sie eine der Bedingungen für den deutschen Wiederaufstieg und wird auch künftig, wenn auf die Bedürfnisse Deutschlands zugeschnitten, eine gute Voraussetzung seiner Dominanz sein. So erklärt sich die Abneigung in einigen Nachbarstaaten – bei den Völkern und auch bei den politischen Klassen – gegen eine noch weiter gehende Integration. Man nimmt an, dann habe man die Deutschen noch härter auf dem Hals. Zweitens: Genau dieses Mißtrauen könnte Kohl davor bewahren, die D-Mark aufgeben zu müssen. Hier hat er ein Versprechen gegeben, das ihn zu Hause sehr unpopulär machte. Er darf aber darauf hoffen, daß er es nicht einlösen muß. Als Enkel Adenauers erinnert er sich vielleicht an ein Beispiel aus dessen Trick-Kiste. Um in die Nato und in die WEU zu kommen, hatte dieser 1954 einer „Europäisierung“ des Saargebiets zugestimmt. Im entsprechenden Vertrag war vorgesehen, daß zuvor eine Volksabstimmung stattfinden solle. Von vornherein war klar, daß sie negativ ausgehen werde. Mit eiserner Miene propagierte Adenauer ein „Ja“ zum Saarstatut und kassierte den Vorwurf, er gebe deutsches Land den Welschen preis. Die Volksabstimmung ergab ein massives Nein, der Bundeskanzler galt weiterhin als der prima Europäer, und das Saarland kehrte am 1. Januar 1957 heim. Einst die Saar, jetzt die Mark.“ (Konkret 11/92)

Was jetzt: Ist das Maastricht-Europa ein Mittel deutscher Dominanz oder ein D-Mark-Opfer? Will die Bundesregierung die anderen EU-Staaten in ein deutsches Aufstiegsprojekt hineinbetrügen oder sich aus der Verpflichtung auf die Vergemeinschaftung der D-Mark herausschleichen? Damit nur ja kein Vorwurf an die deutsche Adresse unterbleibt, macht Fülberth vorsichtshalber beide – und noch nicht einmal eine einzige brauchbare Andeutung darüber, inwiefern deutsche Bedürfnisse den Maastricht-Vertrag diktiert haben könnten oder eine Euro-Währung ein wirklicher Nachteil für Deutschland wäre – vielleicht wäre sie ja auch für die deutsche Wirtschaft ein Gewinn? Politische Ökonomie und Imperialismus fassen sich für den Fachmann der Redaktion in zweierlei Bluff zusammen; das Argument für den zweiten liefert eine historische Analogie, die ihm so durch den Kopf geht, wenn er sich Kohl betrachtet. Über die Bösartigkeit des ersten informiert – jedenfalls besser als alle mühselige Vertragsanalyse – ein Zitatenfund aus dem Jahr 1914:

„Es ist zu erreichen die Gründung eines mitteleuropäischen Wirtschaftsverbands durch gemeinsame Zollabmachungen, unter Einschluß von Frankreich, Belgien, Holland, Dänemark, Österreich-Ungarn, Polen und ev. Italien, Schweden und Norwegen. Dieser Verband, wohl ohne gemeinsame konstitutionelle Spitze, unter äußerlicher Gleichstellung seiner Mitglieder, aber tatsächlich unter deutscher Führung, muß die wirtschaftliche Vorherrschaft Deutschlands über Mitteleuropa stabilisieren.“

Sprach Reichskanzler Bethmann-Hollweg zu Beginn des 1. Weltkriegs – und sagt damit alles über die Lage und Absichten Deutschlands nach der Wiedervereinigung, deren Wirkungen denen eines Sieges im Krieg gleichkommen. Doch: Darf man als Linker deswegen schon gegen Europa sein? Immerhin ist die deutsche Geschichte nach dem 1. Weltkrieg weitergegangen; deswegen hat auch Hitler etwas zum Maastricht-Vertrag zu sagen, wenn auch für Fülberth zunächst nicht viel:

„Wer sagt, dies sei doch immer noch besser als Hitler, spricht eine Binsenwahrheit aus und zeigt zugleich, falls er sich über diese Tatsache freut, daß er bescheiden – geworden – ist.“

Also will noch ein anderes „immerhin“ nachgeschoben sein, mit dem der Autor das ganze Thema in die ‚Konkret‘-Dialektik von „Hemmung“ Deutschlands durchs Ausland und drohender „Enthemmung“ hereinholt:

„Scheitert Maastricht, wird Deutschlands Enthemmung beschleunigt. Durch seine Verwirklichung wird sie nicht verhindert. Es sieht so aus. als gebe es nur noch die Wahl zwischen einer deutschnationalen Variante des Imperialismus oder einer eher ‚internationalistischen‘, europäisch oder atlantisch geprägten.“

Woher hat Fülberth das, daß „national oder europäisch“ für Leute wie Kohl und Schäuble überhaupt eine Alternative wäre? Ist er da nicht ein bißchen auf den deutschen „Bluff“ hereingefallen, den Zugriff auf Europa diplomatisch als Selbst-„Einbindung“ darzustellen? Und was hat seine Theorie vom „doppelten deutschen Bluff“ mit dieser Alternative zu tun? Wenn der Maastricht-Vertrag doch nichts anderes ist als ein gigantisches deutsches Verstellungmanöver, um – wie einst Bethmann-Hollweg – Europa unter deutsche Dominanz zu zwingen, wo bleibt dann das ‚hemmende‘ „europäisch oder atlantisch geprägte“ Element bei einer Verwirklichung von „Maastricht“? Was kennzeichnet die Instrumente, die Deutschland mit „Maastricht“ zum Einsatz bringt, im Unterschied zu denen, die es ohne „Maastricht“ einsetzt? Lauter unangemessene Fragen. Der Autor will auf eine Parteinahme hinaus; deswegen konstruiert er erstens eine Alternative im Sinne der Redaktions-Moral und zweitens ein – wenn auch nur ein ganz kleines bißchen – „kleineres Übel“. Jetzt kennt die ‚Konkret‘ sich wieder aus; und bei Bedarf kommt der Herausgeber auf Fülberth zurück und verbittet sich im Namen von 60 Millionen Kriegstoten jedes Argument, mit dem sich einer der Beteiligung an einer derart blödsinnigen „Wahl“ verweigert – doch dazu später.

– Zweites Thema: der letzte Golf-Krieg. Ähnlich wie bei seinen Äußerungen zur weltweiten Ausbeutung kann man Gremliza nicht vorwerfen, er hätte keine Ahnung vom Imperialismus. Nein, er erwähnt alles, was ihm dazu einfällt – und zwar immer in der Form eines großen „Zwar“:

„Natürlich geht es nicht um die Befreiung Kuweits und die Wiederherstellung des Völkerrechts im Auftrag der Vereinten Nationen; darum darf es auch nicht gehen, ja es darf, obwohl es täglich erzählt wird, nicht einmal geglaubt werden, daß es darum gehen könnte, denn das wäre ein Präzedenzfall, der die ominöse ‚Völkergemeinschaft‘ bei künftigen Grenadas in gefährlichen Zugzwang brächte. Es geht der USA und ihren nördlichen Verbündeten ganz platt um ‚unser Öl‘ und um das, was George Bush die ‚neue Weltordnung‘ nennt, die anstandslose Unterordnung der drei hungernden Kontinente unter die Prinzipien und Interessen der führenden imperialistischen Staaten.“ (Konkret 3/93)

Man könnte mit Gremliza ja darüber streiten, ob seine Auffassung vom Völkerrecht korrekt ist, an dessen Wiederherstellung angeblich nicht geglaubt werden darf, weil sonst die USA einmal von der UNO bei ihrem weltweiten Engagement behindert werden könnten; oder ob nicht vielmehr jenes Recht genauso „ominös“ ist wie die „Völkergemeinschaft“, die es angeblich exekutiert, weil es nie etwas anderes war, als der Berufungstitel, mit dem die überlegene Staatsmacht ihre weltweiten militärischen „Bestrafungsaktionen“ begründete. Erst recht möchte man ihn nach der Art des „Zugzwangs“ fragen, in den der Glaube ans Völkerrecht dessen Sachwalter bringen könnte; ob er also schon wieder und sogar da, wo er gerade von der Unzuständigkeit der Moral für eine imperialistische Entscheidung redet, an eine materielle Macht geglaubter Moral glauben möchte – und an was für eine. Man könnte auch mit ihm darüber streiten, was es mit der „neuen Weltordnung“ nach dem Ende des Ost-West-Gegensatzes auf sich hat; ob man z.B. noch von „den Interessen der führenden imperialistischen Staaten“ sprechen kann, oder ob diese führenden Staaten nicht durchaus konkurrierende nationale Ansprüche an den Rest der Welt verfolgen. Über derlei „Theoriefragen“ möchte der Herausgeber aber gar keine Debatte eröffnen. Alle seine Bemerkungen zum Imperialismus erfüllen für ihn nur die Funktion einer Randbemerkung – eben im Sinne eines großen „Zwar“, dem das dicke „Aber“ nachfolgt, auf das es ihm eigentlich ankommt:

„Das Richtige aber, das hier hoffentlich getan wird, darf nicht gesagt werden: daß der Irak der Fähigkeit beraubt werden muß, Israel – wie von Saddam angekündigt – anzugreifen und zu liquidieren. Würde dieser einzig vertretbare Kriegsgrund genannt, liefe jenes Gesocks, welches die arabischen Vertreter der alliierten Weltmoral darstellen, sofort auseinander oder zu Saddam über.“

Der Mann will über diesen Krieg und seine Gründe überhaupt nichts weiter wissen – er will nur entscheiden, ob er gerecht ist, moralisch in Ordnung geht. Und das entscheidet sich für ihn weder an Gründen noch an den Motiven der kriegführenden Parteien, sondern daran, ob er den von ihm gewußten tieferen Sinn der Affäre verwirklicht findet oder nicht – eine Art moralischen Schmarotzens an den borniert-materialistischen Schlächtereien der Mächtigen. Gremliza hat hierfür die Kunst perfektioniert, jeden Einwand gegen seine antifaschistische Weltsicht, der ihm einfällt, vorwegzunehmen und mit seiner unerschütterlichen „Zwar-Aber“-Logik zurückzuweisen: Ja, er ist der erste, der zugibt, daß beim Golf-Krieg, den die USA sich bei der UNO bestellt haben, der Gesichtspunkt „Schutz des Judenstaates“ überhaupt keine Rolle gespielt hat – aber was soll’s: Er ist für den Schutz der Juden, vermag den Krieg bloß deswegen für gerecht zu halten – und das rechtfertigt es doch wohl, von der Kleinigkeit zu abstrahieren, um die es der „ominösen Völkergemeinschaft“ in diesem Krieg tatsächlich ging und erst recht dem „Gesocks“, das den Krieg tatsächlich geführt hat. Die moralische Weltansicht macht sich unangreifbar, indem sie sich offensiv zu ihrer Weltfremdheit bekennt.

Gremliza weiß nämlich durchaus auch, daß das politische Programm der israelischen Staatsmacht sich von den Idealen eines Antifaschisten deutlich unterscheidet. Er hat vielleicht sogar eine Ahnung davon, daß die in deutschen Konzentrationslagern ermordeten Juden die Funktion eines Berufungstitels haben – für den israelischen Staat bei dessen kriegerischen Aktionen wie für die imperialistischen Sponsoren dieses „kleinen Siedlerstaates“, zu denen übrigens nicht zu knapp auch die Bundesrepublik gehört. Doch mit der Erwähnung dieser Tatsache erteilt er sich die Absolution, sie ad acta zu legen.

„Daß viele Menschen sterben müssen, damit andere leben können; daß daran mit Appellen zu Gewaltlosigkeit so wenig zu ändern ist wie mit klugscheißerischen Ratschlägen an die Insassen von Schutzräumen; daß also das Schreckliche, das jetzt geschieht, das Richtige ist, rechtfertigt nicht die Politik und die Politiker, die diese Lage geschaffen haben. Vor acht Jahren hat jemand geschrieben, ‚daß der Staat Israel nicht nur ein Ort ist, an dem Juden endlich frei von Angst vor Pogromen leben können, sondern leider zugleich ein Außenposten der westlichen, ausbeutenden Welt mitten in einem Teil der ausgebeuteten. Israel ist auch das staatsförmige Eingreifkommando der USA im Nahen Osten.‘“

Aber was soll’s: Gremliza hat die List der moralischen Weltvernunft entdeckt, auf dieser krummen imperialistischen Linie gerade zu schreiben, nämlich was die ‚Konkret‘-Redaktion aus dem Geschehen herauszulesen wünscht. Er gibt großzügig zu, daß der israelische Staat andere Zwecke verfolgt, als seinen Insassen ein sorgenfreies Leben zu ermöglichen. Einen Schluß auf den entscheidenden Unterschied zwischen Herrschaft und Beherrschten will er daraus aber nicht ziehen. Sonst käme er nämlich nicht auf die brutale Affirmation jeder staatlichen Kriegsmoral, nach der „viele Menschen sterben müssen, damit andere leben können“. So ähnlich werden das die arabischen Kriegsherren ihrem Menschmaterial schon auch erzählen. Aber wo die „Lage“ nun einmal so ist und jede Kritik an deren Gründen sich an den Fakten als „klugscheißerisch“ blamiert, da tut sich der Antifaschist gleich ganz hinein und fordert entschiedene Parteinahme zu dem Gemetzel, das „nun einmal“ stattfindet: für das eine Volkskollektiv gegen das andere. Als Adorno-Kenner hat er seinen Artikel unter die Überschrift „Richtig falsch“ gestellt[5] – und das gibt ihm die Freiheit, ein bißchen damit zu kokettieren, in welch dubioser Einheitsfront er sich mit seinem Aufruf zur Parteinnahme befindet: „mit parteispendenden Waffenhändlern und christlichen Politikern“. „Viele tote Araber“ das ist für einen Moralisten im allgemeinen zwar ganz „schrecklich“ – aber für einen antifaschistisch belehrten Moralisten in tragischer Weise „das Richtige“.

Für den Erklärungsbedarf von ‚Konkret‘ fehlt an dieser scharfen dialektischen Analyse nur noch eins: die Identifizierung des wahren Feindes. Die wird geliefert; nicht bloß auf dem Umweg über den Judenstaat als – irgendwie – moralischen Erben von Auschwitz, sondern noch ein Stück direkter: Beim Waffengang der USA gegen den Irak ging es im Grunde um Fortsetzung und neuerlichen Sieg im Dauerweltkrieg des Ausländisch-Guten gegen das Deutsch-Böse. In diesem Sinne wurde die ‚Konkret‘-Leserschaft von Jürgen Elsässer haarklein über die Verwicklung deutscher Großkonzerne in die Hochrüstung des Irak (Konkret 12/91) informiert. Wie sich dieser staatlich geförderte Waffenhandel ins imperialistische Kozept des modernen Deutschland einfügt, ist ihm dabei glatt entgangen. Er hat überall nur in die BRD hinübergerettete Nazi-Trusts (Konkret 9/93) entdeckt. Daß die Frontstellungen im tatsächlich geführten Golf-Krieg dann doch ziemlich von seiner eingebildeten Front – Deutschland mit Saddam gegen die Juden und den Rest der zivilisierten Welt – abwichen, läßt ihn keineswegs an dieser Einbildung irre werden:

„Die Uno-Militärmaschine hätte eher gegen die deutschen Rüstungskonzerne losschlagen sollen als gegen ihre irakische Filialen… Wann wäre die Anwendung der Feindstaaten-Klausel verständlicher gewesen als in jenen Wochen, als deutsche Experten daran arbeiteten, Jerusalem und Tel Aviv durch die Germanisierung von Scud-Raketen in die Reichweite von deutschem Giftgas zu bringen? Statt dessen begann mit scheinheiliger Unterstützung durch die BRD ein Ersatzkrieg.“ (Konkret 9/93)

Wenn der wirkliche Krieg nicht zur antifaschistischen Moral paßt, dann war eben der wirkliche Krieg gar kein wirklicher, sondern ein „Ersatzkrieg“ – so einfach ist das. Nicht die Moral ist blamiert, sondern die wirkliche Welt des Imperialismus der Scheinhaftigkeit überführt.

Ermittlungen gegen die deutsche Rasse

Nicht bloß, wenn sie von wirklichen Kriegen handelt, denkt die ‚Konkret‘-Leitung in Kategorien des gerechten Kriegs. Ihr gesamtes Weltbild, also auch das Bild, das sie von der Welt insgesamt zeichnet, ist vom deutschen Unrecht und dem gerechten Sieg der Anti-Hitler-Koalition abgeleitet. Und sie tut, was in ihren Kräften steht, für eine neue UNO mit erneuerter antideutscher Feindstaatenklausel.

Was sie dafür tun kann, ist immerhin schon mal – solange das wirkliche Bündnis gegen Deutschland zu wünschen übrigläßt – die Herstellung eines geeigneten Feindbilds. Logisch gesehen ist dazu nicht mehr nötig als ein Denken in nationalen Kollektiven; und das ergibt sich aus der Idee des gerechten Krieges ganz von selbst: So wie im Krieg die Menschen praktisch als Volk und sonst nichts, d.h. als Manövriermasse des Staates handeln und behandelt werden, vollständig reduziert auf die brutale Abstraktion der „nationalen Identität“, so nimmt die Idee vom gerechten Krieg die entsprechend benutzten Völkerschaften ganz affirmativ als nicht bloß vom Staat haftbar gemachte, sondern von sich aus moralisch haftende Mitglieder ihres jeweiligen Gemeinwesens; sie lehnt jegliche Unterscheidung zwischen der Staatsgewalt und den von ihr beschlagnahmten Leuten ab, reklamiert über die faktische Identität, die der Krieg herstellt, hinaus die völlig moralische Identität von Volk und Führung – so wie das der Nationalismus immer tut, aus dessen Geist die Idee, Kriege nach ihrer Gerechtigkeit zu unterscheiden, ja ohnehin stammt.

Wer einmal so denkt, dem erscheint es ganz natürlich, eine staatliche Herrschaft mit dem schlechten Charakter ihrer Untertanen zu kritisieren – was nicht dasselbe, sondern das Gegenteil davon ist, am Charakter von Untertanen die staatlichen Zumutungen aufzudecken, denen sie unterworfen sind und aus denen sie das Beste für sich herauszuschlagen suchen, um so fleißiger, je weniger das geht. Wer in nationalen Kollektiven denkt, versteht die Erklärung nationaler Bürger(un)tugenden aus der staatsgewaltsamen Einrichtung des öffentlichen wie privaten Lebens – bei der Freien Marktwirtschaft angefangen – erst gar nicht, weil ihm die Frage schon fremd ist: Ihm kommt ja genau umgekehrt das den Leuten zur zweiten Natur gewordene geistige und materielle Elend wie eine ursprüngliche volkseigene Eigenschaft vor, aus der dann alles folgt, was ein Staat mit seinen Leuten anstellt und wie er sie sich zurechtmacht. Diesem Kollektivmerkmal lassen sich dann, von „der Psyche“ bis zu den Genen, von der „Sozialgeschichte“ der Jahrhunderte bis zum gemeinschaftlichen Wahnsinn alle möglichen „Wurzeln“ nachsagen.

Ganz gleich nun, auf welchen Wurzelgrund jeweils zurückgegriffen wird, um die zweite, gesellschaftlich aufgezwungene Natur der Menschen für ihre erste, ins Staatsleben hinein mitgebrachte und es determinierende Natur vorstellig zu machen; egal sogar, ob man sich überhaupt für derartige fiktive naturwüchsige Determinanten „in“ den Leuten und deren Auspinselung mit Geschichte und Psychologie interessiert: Die Logik ist allemal die des Rassismus. Und es ist fatal, daß genau diese Denkungsart in der ‚Konkret‘-Redaktion heimisch geworden ist – ausgerechnet unter Leuten, die den Rassismus derart verabscheuen, daß sie es noch nicht einmal aushalten, das Wort „Rasse“ anhören zu müssen. Freilich verrät gerade solche Empörung schon mal als Erstes, daß sie tatsächlich nicht wissen, wie rassistisches Denken geht, geschweige denn, wie man es kritisiert – sie wissen nicht einmal, daß es mit dem Vorkommen unterschiedlicher Menschenrassen überhaupt nichts zu tun hat, weil es im Rassismus um die zielstrebige Umdeutung des „gesellschaftlich vermittelten“ Menschenwesens geht und nicht um Naturkunde. Deswegen erkennen sie rassistisches Denken überhaupt nur daran zweifelsfrei, daß jemand das schlimme Wort benutzt; und wenn sie es zurückweisen, dann wird es ganz fatal: Hilflos gegen die Deutung schlechter nationalkapitalistischer Angewohnheiten – und sehr viel andere gesellschaftliche Merkmale gibt es heutzutage schon gar nicht mehr – als Rassemerkmal, nehmen sie die Opfer solcher Diskrimination in Schutz, oft sogar so, daß sie auf positivere Vorzeichen plädieren; und wenn es prinzipiell wird, dann wissen sie sich nichts besseres, als die Existenz von menschlichen Rassen im ganz anderen, nicht-rassistischen Sinn, nämlich im Sinne wirklicher Naturmerkmale zu leugnen, zur Bekräftigung – weil dieses Dementi nun wirklich schon durch das alleroberflächlichste Merkmal, nämlich die Hautfarbe, widerlegt wird – den Gebrauch des Wortes zu verbieten und wie Betschwestern im Pornofilm zu reagieren, wenn einer „Neger“ sagt. Mit alldem verraten sie nur, daß sie selber nicht unterscheiden können, was der Rassismus auf den Kopf stellt.

Der Rassismus von ‚Konkret‘ tobt sich gegen die Deutschen aus. Denn die mit ihrem wenig sympathischen Durchschnittscharakter mag man in der Redaktion am allerwenigsten als Machwerk ihres Staates – nämlich: als Produkt ihrer lebenslangen Anstrengungen, ihm rechtsbewußt zu entsprechen – begreifen; man käme dann ja auch auf andere Schlußfolgerungen als die, gegen solche eingeborenen Hitlers wäre im Grunde jeder Krieg gerecht. Diesem Beweisziel dienen hingegen Einfälle der folgenden Art:

„Die Vorgeschichte (der rassistischen Gewalttaten von Rostock): Als Schiffe der Bundesmarine Kurs auf die adriatischen Küstengewässer nahmen und die Luftwaffe den Anflug auf Sarajewo übte, sah es für einen Augenblick danach aus, als wäre Kinkel mit der Forderung, ‚Serbien in die Knie zu zwingen‘, das Kunststück geglückt, die irrationale Sehnsucht aller nach dem Niedermachen, Fertigmachen, ‚zum Aussätzigen machen‘ (Rühe) in zielstrebige Außenpolitik umzumünzen. Dann aber fiel den Deutschen ein, daß Serbien verwüsten Krieg bedeutet, und friedliebend, wie sie ohne den Glauben an einen ihre Allmacht verbürgenden Führer sind, entschieden sie sich für die andere Möglichkeit. Allein das Zahlenverhältnis von insgesamt 80 Millionen zu 500000 oder 160:1 bot bei den Asylbewerbern ausreichend Gewähr dafür, daß der Spaß weder teuer noch gefährlich würde… Sicher ist nur, daß nicht bloß die Gier nach Westautos und Bananen die lebenslustigen Alten im Herbst 1989 dazu trieb, die Zukunft der eigenen Kinder zu gefährden, sondern ein gegen die Jugend als Sinnbild alles Lebendigen gerichteter Vernichtungswunsch… Wenn es der wahre Grund aller Kriege ist, daß die Frauen ihre Männer und die Eltern ihre Kinder hassen, dann zeigte sich in jener Nacht, daß den Deutschen zur Lösung ihrer Probleme nur noch der Führer und die Siegeszuversicht fehlt, und daß es eine andere als die kriegerische Lösung für sie nicht mehr gibt. Da sie in Wahrheit vor allem einander, nicht „nur“ die Ausländer, beseitigt wissen wollen, nützen ihnen selbst ein paar tote Asylbewerber nichts. Sie müssen aufs Ganze gehen – ohne Fleiß kein Preis.“ (Wolfgang Pohrt, Konkret 10/92)

Hier wird nicht einmal dem Anschein nach etwas erklärt, hier wird eine fixe Idee aus dem großen Vorrat der Psychoanalyse konsequent angewandt, und das erleichtert die „politische Analyse“ ungemein. Wenn man davon ausgeht, daß die deutsche Psyche einen ziemlich prinzipiellen Webfehler aufweist – immer auf kollektiven Selbstmord aus, der ohne Weltkrieg nicht zu haben ist, dazu aber ohne richtigen Führer viel zu feige, weshalb erstmal klein-kleine Zerstörung als Ersatzbefriedigung ansteht –, dann klärt sich alles auf: Egal, ob der Außenminister Balkanpolitik betreibt, Zonis scharf auf die Wiedervereinigung sind, deutsche Bürger Vietnamesen anzünden, dann liegt die Erklärung im schlimmsten gemeinsamen Nenner, der dem Deutschland-Psychiater gerade einfällt: Vernichtungswunsch!

Was so sehr im allgemeinen gilt, das trifft natürlich auch den Einzelfall, an dem ein anderer Autor sich einen kleinen Verfremdungsspaß mit seinem eigenen Rassismus erlaubt:

„Der Mörder war ein Deutscher, jedenfalls vom Sozialtypus her gesehen. … Fährt doch der Ausländer mit dem teuren Geländewagen so mir nix dir nix einfach durch eine Pfütze und spritzt ihn naß! Da hilft kein Jammern, da hilft kein Klagen, da hilft nur die Exekution: drei Schüsse durch das Wagenfenster, und dann tschüß… Das ist in der Regel keine Frontpage-Story und keine Staatsaffäre… Diesmal aber war Volkstrauertag, denn mag der Mörder auch das deutsche Charakterschwein verkörpern, so hatte er doch einen kambodschanischen Paß, während umgekehrt das Opfer zwar in der Uniform des deutschen Landsers gekommen war…“ (Jürgen Elsässer, Konkret 12/93)

Nein, das meint der Mann nicht selbstironisch. Der Abscheu vor dem deutschen Charakterschwein ist so hermetisch, daß er noch soviele nationalistische Charaktermasken auf der Welt entdecken kann, er wird immer schreien: „typisch deutsch!“ Er schreibt auch nur deshalb einen ganzen Artikel über den ersten toten deutschen Soldaten im Out-of-area-Einsatz, weil er es für einen möglichen Einwand gegen sein Bild vom deutschen Landser hält, daß es ausgerechnet einen Sanitäter erwischt hat, dessen Tätigkeit noch dazu die einheimische Bevölkerung angeblich begrüßte. Also muß ein Artikel her, in dem nicht etwa die politischen Kalkulationen erklärt werden, die die BRD mit der Einrichtung eines UNO-Krankenhauses in Kambodscha verfolgt hat, sondern der haarscharf auf den Nachweis zusteuert, daß der tote Santitätsfeldwebel – man ahnt es schon – ein deutsches Charakterschwein war:

„Man muß der Wahrheit ins Auge sehen: Alexander Arndt verkörperte die gefährliche und typisch deutsche Mischung aus idealistischem Schwärmer und Kommißkopp. Sein Betriebsunfall wird mögliche Folgetäter viel wirksamer von Out-of-area-Romantik abhalten als alle guten Argumente: Wer nicht hören will muß fühlen. Das gilt auch für Somalia. Am besten, alle anderen ziehen ab, und die Deutschen bleiben mit Aidid und seinen Kriegern allein zurück – zwei barbarische Stämme, die sich gegenseitig den Garaus machen.“

Solche Entgleisungen sind bereits die fertigen Ergebnisse der Feindbildkonstruktion, die die ‚Konkret‘-Redaktion als ihren vorrangigen praktischen Auftrag begreift. Das Konstruktionsprinzip mag der Herausgeber selber noch einmal im Zusammenhang vorführen:

„Der Verfassungsschützer irrt berufsbedingt, wenn er meint, die Nazis gäbe es in der BRD erst, seit er sie bemerkt hat. Schon im ersten Bonner Bundestag waren die ehemaligen Mitglieder der NSDAP die stärkste Fraktion, und wenn dreiunddreißig Jahre danach die CDU zum ersten Mal einen Kanzler wählen konnte, der sich nicht schon bei Göring oder Goebbels beliebt gemacht hatte, verdankte sie das nicht einer Revolution ihrer Werte, sondern den verläßlichen Gesetzen der Biologie. Nur der Mißverstand von Verfassungsschützern und der Größenwahn von Achtundsechzigern hat es als einen Demokratisierungs- und Zivilisierungsprozeß aufgefaßt, daß sogar deutsche Mittelständler und Kleinbürger aller Art einen bürgerlichen Staat, der ihre materielle Gier befriedigt, eine Zeitlang gewähren lassen, ja daß sie, reelle Aussicht auf Zweitwagen und Dritturlaub vorausgesetzt, sogar das Geschwätz von Partizipation und Multikultur ein Weilchen anhören können, ohne gleich das Messer zu ziehen. … Sie sind ein Volk. Noch, da sie nur nicht mehr so schnell reicher werden wie zuvor, sind bloß 37 Prozent der Meinung, daß „die Deutschen sich im eigenen Land gegen die Ausländer wehren müssen“. Sich vorzustellen, welcher Meinung wieviele von ihnen sein werden, wenn das Volk ein Volk in Not ist, weil das Sozialprodukt nur um ein Prozent statt um zwei steigt, ist nicht schwer.“ (Konkret 10/92)

Dafür, daß da einer die bundesdeutschen Verhältnisse kritisieren will, kommen der bürgerliche Staat und seine Verfassungsschützer bemerkenswert gut weg: als gutes Gegenteil seiner grauenhaften Insassen der eine, als berufsmäßige Anwälte der „Demokratisierung und Zivilisierung“ die andern. Dafür, daß sich da ein linker Intellektueller zur Nationalökonomie äußert, erscheint auch der Fiskus in einem bemerkenswert rosigen Licht: die Staatsmacht nicht als die Gewaltinstanz, die sich für ihren gemeinnützigen Materialismus bei ihren Bürgern bedient, sondern als spendable Stiftung, die die „materielle Gier“ der Massen bedient – womit, fragt man sich, Gremliza aber nicht. Sein Kurzbericht zur Lage der Nation schildert ein Verhältnis zwischen Staatsmacht und Volk, wie es auch politologische Proseminare wie reaktionäre Staatsapologeten gerne ausmalen: Vater Staat beugt ein von Natur aus mordlustiges, letztlich nicht wirklich zu besserndes Volk unter ein Regime, das gewisse Äquivalente für gutes Benehmen erzwingt. Die Mordlust freilich, die der bürgerliche Staat seinen Massen angeblich eine Zeitlang abkaufen konnte, wird von dem Autor mit Bestimmungen versehen, die ihrerseits eminent bürgerlich-staatlicher Natur sind: Als Deutsche – was sie ohne Nationalstaat nun ein für allemal nicht wären, vielmehr bloß als nationalstaatlich sozialisierte Zweibeiner sind – sollen die „Mittelständler“, „Kleinbürger“ und tutti quanti – was man auch nicht von Natur aus ist – von terroristischen Gelüsten gegen Ausländer – was die ohne Grenzziehung, Staatsbürgerrecht und allseitiges Nationalbewußtsein gleichfalls nicht wären – besessen sein; derart sogar, daß sie diese Fremdlinge ohne Federlesen für fehlende Zuwachsraten beim Bruttosozialprodukt haftbar machen – was nun schon wieder kein vorstaatliches Naturprodukt ist, sondern der in staatlicher Währung gemessene Output einer bürgerlich-staatlich herbeiregierten Klassengesellschaft. Soweit also überhaupt etwas dran ist an Gremlizas Bild vom Volk, redet er von Produkten eines bürgerlich-demokratisch zivilisierten Nationalstaats, die von ihrem Staat nur eins wirklich gratis spendiert kriegen, nämlich das Rechtsbewußtsein, mit dem sie auf Ausländer als vergleichsweise rechtlose Zeitgenossen herabsehen und manchmal auch losgehen. Genau umgekehrt will Gremliza es gesehen haben: das politisierte Wesen der Deutschen als ihre vorstaatliche Natur, ihre Ausländerfeindschaft als kollektiver Charakterfehler, an dessen Dämpfung sich Alliierte und Achtundsechziger, Verfassungsschützer und Wirtschaftspolitiker letztlich vergeblich abarbeiten. Einzig der offenbar unbürgerliche Staat der NSDAP mag dieser Schweinenatur entsprochen haben – weshalb diese Partei strenggenommen das Heft in diesem Lande seit 33 nicht wirklich aus der Hand gegeben hat. Dabei entgeht dem Autor in seiner Haßtirade gegen die gierigen Deutschen nebenbei sogar die weitgefächerte, besagte Partei jedenfalls einschließende Geistesverwandtschaft, in die er sich mit seinem Bild von einem Bürger begibt, der verwerflicherweise zu Loyalität und Anstand nur bereit ist, wenn seine Obrigkeit ihn mit wachsendem Wohlstand füttert…

Eine Erklärung ist das alles nur in einem Sinn: eine Feindschaftserklärung gegen den deutschen Menschenschlag.

Dienstanweisungen an jede inskünftige Linke

Es ist ja nicht so, als ob diese Entgleisungen des antifaschistischen Moralismus nicht schon wohlmeinend kritisiert worden wären.[6] Die Kritik ist sogar zur Kenntnis genommen, nicht verstanden und in der für ‚Konkret‘ passenden Art zurückgewiesen worden. Nämlich mit einer Belehrung darüber, was gewisse antikapitalistische, antinationalistische und antiimperialistische Argumente in Wahrheit bedeuten, wenn man sie nicht als Argumente nimmt, sondern im Lichte der antideutschen Moralität auf strukturelle Übereinstimmungen mit den Positionen des Gegners befragt. Woraus sich dann auch Aufträge an „die Linke“ ergeben, von welcher Denkart sie sich endgültig zu verabschieden, welcher hingegen anzuschließen hat, damit sie den Ansprüchen der antideutschen Sittenwacht endlich genügt.

So ist die Aussage, daß ein für den „Standort Deutschland“ in die Pflicht genommenes Volk den denkbar ärgerlichsten Fehler begeht, wenn es seine Unzufriedenheit mit seiner materiellen Lage vom Standpunkt eines nationalen Rechtsanspruchs aus in Gegnerschaft ausgerechnet gegen – materiell ungefähr ähnlich oder schlechter gestellte – Leute mit fremden Paß übersetzt, und daß es sich mit Pogromen gegen Ausländer zum praktizierenden Idioten der Politik seiner Obrigkeit macht, von Gremliza folgendermaßen paraphrasiert worden:

„Daß das Volk seine ungewollten Pogrome mit einer schlechten Lage rechtfertigt, darf man ihm nicht übelnehmen, schon gar nicht als Linker, der soziale Ansprüche bedingungslos zu achten hat.“ (Konkret 12/92)

Von Pflichten „der Linken“ war wirklich nicht die Rede, schon gar nicht von den hier angegebenen. Aber nur so begreift einer ein kritisches Argument, der selber Korrekturen am linken Weltbild vorhat und dafür seinerseits nichts besseres als Vorschriften vorzubringen hat. Deswegen spricht gegen das Argument kein Gegenargument, sondern der Verdacht auf die verkehrte Gesinnung:

„Es geht um die Rettung der deutschen Ehre durch Klassenanalyse…“

Die Erklärung des Nationalismus wird mit dem Verdikt zurückgewiesen, der antifaschistische Moralist wüßte mit ihr nichts anzufangen:

„Wer nur behauptet, daß die Politik des Staates den unnützen Ausländer zum Volksfeind erklärt und Pogrome provoziert, aber ‚die gegenteilige Behauptung‘, daß der Rassenhaß der Deutschen eine besondere sozio- und psychogenetische Geschichte hat, verschweigt oder als ‚nicht so gelungen‘ bestreitet, entschuldigt den Mob und entwaffnet die Kritik.“

– was stimmen mag für eine Kritik, die in nichts anderem besteht als dem Bewußtsein eines abgrundtiefen Rechts, dem „deutschen Mob“ seine „sozio- und psychogenetisch“ unausrottbar eingewurzelten faschistoiden Deformationen übelzunehmen. Die klar ausgesprochene praktische Absicht der Erklärung des Nationalismus, nämlich gegen ihn zu agitieren, wird ignoriert, weil Gremliza die theoretische Bestimmung einer Sache für dasselbe wie Abwarten hält:

„Der deutsche Rassismus wird ihm zu einem jener sagenhaften Nebenwidersprüche, die mit dem Sieg über den demokratischen Imperialismus von selber verschwinden werden.“

Und dann kommt sie schließlich: die moralische Verpflichtung linker Kritik auf Parteilichkeit bezüglich einer Alternative, die in eigentümlicher Weise doppelt existiert: So, wie Gremliza sie zur sittlichen Entscheidung unterbreitet, existiert sie nur in seiner moralisch erhitzten Fantasie; bei dem, was an real existierenden imperialistischen Gegensätzen wohl gemeint und angedeutet ist, handelt es sich um Machtfragen, deren sachliche Analyse nichts anderes hergibt als Gegnerschaft gegen die Mächte, die derartige „Alternativen“ in die Welt setzen:

„Stünde es Spitz auf Knopf zwischen Imperialismus und Revolution, könnte man das ja abwarten. Weil aber, wie Georg Fülberth schrieb, nur noch die Wahl steht zwischen einer deutschnationalen Variante des Imperialismus und einer eher ‚internationalistischen‘, europäischen oder atlantisch geprägten, ist nichts so sehr am Platz wie die Wahrnehmung der Unterschiede zwischen ihnen und die Erinnerung, daß die Differenz zwischen der deutschen Variante des Imperialismus und der anderen einmal 60 Millionen Menschenleben gefordert hat.“

Ja, wenn es „Spitz auf Knopf“ stände – dann wäre Gremliza immer auf der Seite der Revolution. Aber bis es soweit ist, setzt er sich lieber für eine antideutsche Politik des Auslands ein, was ganz gewiß viel realistischer ist angesichts der zwischenstaatlichen Kräfteverhältnisse in Europa und überhaupt auf der Nordhalbkugel. Und viel wichtiger noch dazu, weil es sich beim Kapitalismus und seinen Systemfragen doch bestenfalls um einen Nebenwiderspruch zur faschistischen Sittenverderbnis der Deutschen handelt. Das können doch wohl auch die letzten noch verblieben Systemkritiker und Revolutionsromantiker einsehen – sie dürfen sich sogar ruhig, da ist Gremliza ja gar nicht so, einbilden, der „atlantische“ Imperialismus wäre doch immerhin die stärkste Annäherung an „die Revolution“, die für Linke derzeit zu haben ist auf dem Weltmarkt der Kräfteverhältnisse…

Ohne derartige vereinnahmend-zurückweisende Konzessivsätze kommt Redaktionskollege Elsässer in derselben Angelegenheit zur Sache. Anlaß ist – wir kehren zum Ausgangspunkt zurück – der Jahrestag der Bombardierung Dresdens, dieses Testfalls wahrer antideutscher Gesinnung. Der Mann hat eigens die Archive der Dresdner Stadtverwaltung durchforstet und fein säuberlich die Opfer nachgezählt:

„In Dresden kamen 25000 Tote auf 630000 Einwohner, in Leningrad 700000 auf 2 Millionen.“ „Keinen Eingang in die Bilanz der Geschichtsfälscher findet auch das Schicksal der Dresdner Juden: Am Morgen des 13.Februar kam der Befehl, die letzten 70 von ihnen zu deportieren. Wer von ihnen die Nacht überlebte, konnte im allgemeinen Chaos der Gestapo entkommen. Anders gesagt: Was den Deutschen als ‚Apokalypse‘ erscheint, rettete einigen ihrer Opfer das Leben.“ (Konkret 2/95)

Und wenn keiner der 70 Juden „die Nacht überlebte“? Ist General Harris, der den Angriff kommandierte, dann ein Judenmörder? Aber lassen wir das. Es geht um die Entlarvung einer „Geschichtsfälschung“ und der dahintersteckenden Absicht des offiziellen Deutschland; nämlich mit seiner Gedenkfeier das genaue spiegelbildliche Gegenteil dessen zu tun, was die antideutschen Vergangenheitswächter wollen:

„Der 50. Jahrestag der alliierten Luftangriffe auf Dresden wird zur Schaffung eines Nationalmythos genutzt, mit dem die Deutschen Auschwitz vergessen machen wollen.“

Da ist natürlich ‚Konkret‘ mit seinem exakt recherchierten Zahlenmaterial vor.

Das alles ist aber bloß Beiwerk zur eigentlichen Botschaft. Die geht so los:

„Die Rede, die der Bundespräsident am 13. Februar halten wird, könnte sich gleichermaßen auf CDU, SED, auf David Irving und Ulrike Meinhoff stützen.“

Wieso Ulrike Meinhoff? Weil die 1965 in ‚Konkret‘ den Satz veröffentlichen durfte:

„Wenn es eines Beweises bedürfte, daß es den gerechten Krieg nicht gibt – Dresden wäre der Beweis.“

Und das in ‚Konkret‘! Dem Selbstbewußtsein der Redaktion zufolge ist damit das Übel in die linke Welt gekommen, die sich gefälligst die Frage zu stellen hat, welches „Nie wieder!“ das zulässige ist:

„Diese Äußerung, der entstehenden Neuen Linken in die Wiege gelegt, konzentriert alle Geburtsfehler dieser Linken: die nivellierende Einreihung von Auschwitz in die Schrecken des Krieges; die fehlende Unterscheidung von Nationalsozialismus und gewöhnlichem Faschismus; die Gleichsetzung von Nazi-Deutschland mit den Feindstaaten; die Verwechslung von Antifaschismus mit Pazifismus, von Pazifismus mit Appeasement. Wem zum 13.Feburar und zum 8. Mai statt des naheliegenden ‚Nie wieder Deutschland!‘ nur ein ‚Nie wieder Krieg!‘ einfällt, in dem sich auch der Haß auf die Armeen der Anti-Hitler-Koalition gut aufgehoben sieht, stand 1965 rechts von Konrad Adenauer und steht 1995 nicht links von Roman Herzog. Eine neue Linke kann sich nur im Bruch mit diesen Traditionen konstituieren.“

Elsässers „neue Linke“ – ein Verein zur Beschwörung der fortdauernden Gerechtigkeit des 2. Weltkriegs? Am Ende ist die „alte Linke“ bescheuert genug und verlegt sich darauf.

[1] Wem diese kurzgefaßte Erläuterung des nationalsozialistischen Rassismus nicht genügt, der möge den ausführlicheren Beitrag in GegenStandpunkt 1-95, S.8 zu Rate ziehen.

[2] Näheres dazu in GegenStandpunkt 2-95, S.49: 8. Mai 1995 – Das feierliche Ende der „Vergangenheitsbewältigung“

[3] Offenbar kann man sich in diesen Kreisen auch einen relativ harmlosen, vom Glauben an eine genuine Volksnatur freien „Rassismus“ vorstellen. Es sei deswegen noch einmal auf die Erläuterungen zum Rassismus in GegenStandpunkt 1-95, S.8 verwiesen.

[4] Dieses und alle folgenden Zitate stammen aus: Dokumentation der Beiträge zum antinationalen und antideutschen Aktionswochenende am 6./7. Mai 1995.

[5] Für alle Nicht-Adorno-Kenner: es geht um das unmögliche, aber tapfer zu fingierende „richtige Leben im Falschen“…

[6] Vgl. GegenStandpunkt 4-92, S.41; dort auch Gremlizas „Fußnote zu Kuhn“ sowie die Replik in GegenStandpunkt 4-92, S.49.


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