Südstaatenflagge eingeholt

Dieser Artikel ist in der Reihe Chronik – kein Kommentar! der Zeitschrift GegenStandpunkt 3-15 erschienen. Sie kann über den Buchhandel oder direkt beim Verlag als Druckausgabe oder E-Book erworben werden.

Der Kampf gegen den Rassismus in den USA geht gnadenlos weiter: Südstaatenflagge eingeholt

Systematischer Katalog: 
Länder & Abkommen: 
Überblick

Ein jugendlicher weißer US-Amerikaner erschießt nach seiner Teilnahme an einer Bibelstunde in einer der ältesten Black Churches des Landes neun der anwesenden Schwarzen. Er wird gefasst, und es stellt sich, wenig überraschend, heraus, dass er das getan hat, weil sie Schwarze waren. Die Tat gilt als ein seit Jahrzehnten nicht mehr vorgekommener Exzess des Rassismus in den USA, und das offizielle Amerika ist sich darüber hinaus einig, dass dieser Anschlag zu einem ungünstigeren Moment nicht hätte kommen können. Denn seit der Erschießung eines schwarzen Jugendlichen durch einen weißen Polizisten in Ferguson/Missouri – dies allerdings nach einhelliger Meinung kein Exzess, sondern eher Alltag im multiethnischen Melting Pot Amerika – betonen dessen Vertreter pausenlos, dass die Gesinnung, mit der solche Taten begangen werden, nie und nimmer aus der Gesellschaft kommt, in der sie ganz offensichtlich immerzu wunderbar gedeiht.

Der Kampf gegen den Rassismus in den USA geht gnadenlos weiter: Südstaatenflagge eingeholt

1.

Ein jugendlicher weißer US-Amerikaner erschießt nach seiner Teilnahme an einer Bibelstunde in einer der ältesten Black Churches des Landes neun der anwesenden Schwarzen. Er wird gefasst, und es stellt sich, wenig überraschend, heraus, dass er das getan hat, weil sie Schwarze waren. Die Tat gilt als ein seit Jahrzehnten nicht mehr vorgekommener Exzess des Rassismus in den USA, und das offizielle Amerika ist sich darüber hinaus einig, dass dieser Anschlag zu einem ungünstigeren Moment nicht hätte kommen können. Denn seit der Erschießung eines schwarzen Jugendlichen durch einen weißen Polizisten in Ferguson/Missouri – dies allerdings nach einhelliger Meinung kein Exzess, sondern eher Alltag im multiethnischen Melting Pot Amerika – betonen dessen Vertreter pausenlos, dass die Gesinnung, mit der solche Taten begangen werden, nie und nimmer aus der Gesellschaft kommt, in der sie ganz offensichtlich immerzu wunderbar gedeiht.

Bestätigt sehen sie sich in ihrem Dogma durch den Umstand, dass der juvenile Negerhasser sich irgendwann einmal stolz vor der Südstaaten-Flagge hat fotografieren lassen – worauf der Bundesstaat South Carolina prompt reagiert. Er lässt seine aus dem Bürgerkrieg stammende lokale Insigne einholen, die er seit 1961 – damals gegen die Proteste der Bürgerrechtsbewegung – gehisst hat, um zu dokumentieren, dass der offizielle antirassistische Standpunkt auch in dieser Gegend der Vereinigten Staaten gilt.

2.

Zwar ist der Zusammenhang zwischen fotografischer Selbstdarstellung und blutiger Tat kein übermäßiges Geheimnis: Für die anti-afroamerikanischen Amis ist die Südstaaten-Flagge nicht einfach ein nostalgisches Symbol vergangener besserer Zeiten, in denen alles noch in Ordnung, der Neger nämlich ein Sklave und der Weiße sein Besitzer war. Der Jüngling beweist ad personam vielmehr den ganz und gar zeitgenössischen Charakter dieser Gesinnung, deren Anhänger für sich gar nicht den Status von Farm- und Sklavenbesitzern zurückfordern. Sie sehen sich vielmehr als stolze Aktivisten des amerikanischen „pursuit of happiness“, der in einer allseitigen Konkurrenz besteht und für die meisten der Konkurrenten auf einen lebenslangen Dienst an fremdem Eigentum hinausläuft. Durch die gleichgerichtete Betätigung schwarzer Mitbürger, ja durch deren gleichberechtigte Existenz sehen sie sich nicht nur belästigt oder beleidigt, sondern praktisch herausgefordert: Die Teilnahme an dem ökonomischen Überlebenskampf der freien Konkurrenz halten weiße Rassisten dieses Schlages nämlich für ein von Gott erlangtes Privileg, das dieser exklusiv für die Angehörigen des Volkes echter Amerikaner vorgesehen hat – und zu diesem auserwählten Volk gehören ihrer dezidierten Auffassung nach die Nachkommen ehemaliger Negersklaven nun einmal nicht. Damit ist klar, dass Schwarze, so sie doch meinen, sich wie Amerikaner aufführen zu dürfen, God’s Own Country und seine happiness nur stören und zerstören, was das echte, anständige, weiße Amerika zur Notwehr zwingt; Belege dafür liefern alle Gewalttaten und überhaupt alle Formen von Kriminalität, wie sie in den mehrheitlich ärmlichen schwarzen Communities reichlich zu finden sind.

Von diesem Standpunkt aus kommt der Attentäter von Charleston überhaupt erst auf die amerikanische Geschichte. Die erschließt sich ihm in dem eindeutigen Sinn, den er in dem Manifest, das er auch noch hinterlassen hat, darlegt: Die amerikanische Geschichte ist die Geschichte der gewaltsamen Notwehr des wirklichen Amerika, die Geschichte des – immer weniger erfolgreichen – Versuchs, sich für die ungehinderte Verfolgung des anständigen amerikanischen way of life die Schwarzen vom Leib zu halten, für die er nicht da ist und die für ihn nicht geschaffen sind. Passend dazu geben er und seine Gesinnungsgenossen sich mit der alten Südstaatenflagge das Symbol für ihren heutigen Kampf um ein Amerika ohne gleiche Rechte für diejenigen, die sie ihrer Auffassung nach qua Natur nicht verdienen.

3.

Aber die konkurrierende Version des amerikanischen Patriotismus versteift sich darauf, die Sache umzudrehen: Im Willen fest, den in der heutigen US-Gesellschaft blühenden und periodisch zu entsprechenden Bluttaten führenden Rassismus moralisch aus ihr auszugrenzen, entdecken die antirassistischen Ami-Patrioten in der fotografisch dokumentierten Anhänglichkeit des Charleston-Attentäters an die Flagge der schon vor langer Zeit besiegten Südstaaten-Konföderation den Beweis, den sie brauchen: dass sich Hass gegen Afroamerikaner nur aus unzeitgemäßer Liebe zu längst überwundenen Vorläufern der eigenen Geschichte speisen kann. Und weil sie – wie der Attentäter auch – so ergriffen von ihrer eigenen patriotischen Moral sind, dass sie Gehalt und sinnlich fassbares Symbol dieser Moral nicht auseinanderhalten mögen, also allen Ernstes ihre Flagge verehren und der sogar einen jährlichen Feiertag widmen, kennen sie auch für das Objekt ihrer Feindschaft diesen Unterschied nicht. Folgerichtig spitzen sie ihre Gegnerschaft gegen diese von ihnen der Vergangenheit zugeordnete Gesinnung auf den Kampf gegen deren textilen Ausweis zu: Kampf gegen den Rassismus 2015 heißt für sie Ächtung der Flagge des Rassismus, der doch laut Wikipedia schon vor 150 Jahren offiziell kapituliert hat.

4.

Die wirklich verantwortlichen Repräsentanten des wirklichen amerikanischen Gemeinwesens, die sich auch für die Pflege seiner antirassistischen Ideale verantwortlich fühlen, greifen diese Wendung begeistert auf: Der US-Präsident und andere helle und dunkle Politiker fordern, die Südstaatenflagge ins Museum zu verbannen und sagen auch gleich dazu, dass Amerika das den Attentatsopfern und ihren Hinterbliebenen schuldig sei. Damit erfährt die Gleichung Antirassismus = Kampf gegen die Südstaatenflagge ihre offizielle und ziemlich interessante Ausdeutung:

Das per Einholen der bösen Flagge offiziell abgegebene Bekenntnis dazu, dass der Kampf gegen Rassismus in den USA Staatszweck ist und Pflicht aller Anständigen zu sein hat, ist zwar ein Eingeständnis dahingehend, wie es in der Frage des Rassenhasses um diese Nation tatsächlich steht. Genommen werden soll es aber genau umgekehrt: Im Bekenntnis, sich der Herausforderung dieses Kampfes zu stellen, will sich diese Nation moralisch geadelt haben. Und im selben Zuge wird klargestellt, womit genau sie sich die moralische Auszeichnung für vorbildlichen Antirassismus verdient: im Wesentlichen damit, dass sie allen Opfern des normalen Rassismus und seiner Exzesse die Wertschätzung zukommen lässt, die sie verdienen. Mit dieser an der Flagge vollzogenen und den aktuellen Toten gewidmeten offiziellen Ächtung des Rassismus als antiamerikanische Unzeitgemäßheit steht dann auch für die in Zukunft zu erwartenden Toten fest, dass die Täter mit dem modernen, also echten, also guten Amerika nichts zu tun haben werden.

*

Dass der Rassismus mehr oder weniger blutiger Prägung zu den USA unserer Tage mit ihrer vorbildhaft egalitären marktwirtschaftlich-demokratischen Verfassung gehört, ist eine Tatsache, die keines Beweises bedarf, auch und gerade wenn sie von den echten und den eingebildeten Machern dieser Vorbildnation immer wieder geleugnet wird. Warum und wie beides zusammenpasst – das ist mit dieser Feststellung freilich nicht beantwortet. Das macht aber nichts, weil das der Artikel Rassismus in den USA – woher er kommt und warum er nicht weggeht in GegenStandpunkt 1-15 leistet.


© GegenStandpunkt-Verlag.