Leserbrief zu Konsum und Konsumentenmacht

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Leserbrief zu
Konsum und Konsumentenmacht

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„Ich habe eine Frage bezüglich eurer Kritik an der Konsumentenmacht. Aus dem Text habe ich erkannt, dass ihr kritisiert, dass Menschen glauben, dass sie durch gezielte Konsumentscheidungen das ‚Problem‘ lösen können. Und letztendlich kam aus eurem Text heraus, dass es sozusagen keine Konsumentenmacht gibt.“

Leserbrief zu Konsum und Konsumentenmacht

Hallo,

ich habe eine Frage bezüglich eurer Kritik an der Konsumentenmacht. Aus dem Text habe ich erkannt, dass ihr kritisiert, dass Menschen glauben, dass sie durch gezielte Konsumentscheidungen das Problem lösen können. Und letztendlich kam aus eurem Text heraus, dass es sozusagen keine Konsumentenmacht gibt.

Da ich selbst sehr stark auf meine Konsumentscheidungen achte und versuche ein bewusstes Leben zu führen, fühle ich mich damit natürlich sofort angesprochen. Ich bin immer offen dafür mein Verhalten anzupassen und meine Meinung bzw. Haltung zu einem Thema zu überdenken. Allerdings ist mir anhand des Textes nicht ganz klar geworden, warum bzw. ob ich mein Verhalten ändern sollte? Für mich ist es klar, dass durch Konsumentscheidungen im Leben Marktanteile von Unternehmen/Dienstleistungen verschoben werden. Als prominentes Beispiel fällt mir da Couchsurfing ein. Ich übernachte bei jemandem, der eh ein Bett frei hat. Somit werden den Hostels Kunden entzogen. Schont Ressourcen. Nimmt Arbeitsplätze weg.

Wenn ich nur Secondhandklamotten kaufe/tausche/schenke und somit keine Nachfrage für neue Kleidung repräsentiere, sinkt auch dort der Bedarf an Produktion.

Wenn ich mich vegan/vegetarisch ernähre, verschiebt sich der Markt weg von der massenhaften Fleischproduktion. Wenn ich mir Fairphone anstatt einem anderen Smartphone kaufe, verschieben sich auch wieder Marktanteile von A nach B. (Und ja, Fairphone ist besser als die Alternative – wenn man glaubt was sie angeben.)

Bei allen Aktionen hoffe ich natürlich darauf, dass ich viele Menschen ökomissionieren kann. Ähnlich wie ihr darauf hofft, dass viele Menschen eure Texte lesen.

Letztendlich stellt sich für mich die Frage: Kritisiert ihr die Handlungen von bewusstem Konsum? Oder kritisiert ihr, dass viele Menschen, die bewusst konsumieren, sich nicht mit Ursachen der Probleme dieser Welt auseinandersetzen, sondern glauben, dass die paar Kaufentscheidungen genug Aktivismus darstellen, um die Welt nachhaltig zu verändern?

Falls ihr tatsächlich den bewussten Konsum an sich kritisiert, dann kommen mir zwei Fragen: Was sind die Alternativen zum bewussten Konsum? Oder glaubt ihr, dass es mittels dieser Methode zu lange dauern würde, tatsächliche Veränderung zu bewirken. Soviel dazu, ich hoffe, meine Ausführungen sind einigermaßen verständlich.

Viele Grüße

Antwort

Du hast unserem Artikel entnommen, dass wir die Weltverbesserung auf dem Weg des bewussten Konsumierens für eine Schnapsidee halten. Zur Frage der sachlichen Richtigkeit oder Fehlerhaftigkeit der Argumente, die wir dafür u.a. in dem Artikel über den „Konsum im Kapitalismus“ (Heft 2-10 des GegenStandpunkt) ausbreiten, äußerst du dich nicht – du hältst lediglich fest, dass dir die Konsequenzen nicht passen, die sich deiner Meinung nach aus diesen Argumenten ergeben. Gerade angesichts dessen wollen wir noch einmal in Kurzform und direkt bezogen auf deine Frage die wichtigsten Gedanken resümieren – eben weil aus den theoretischen Auffassungen zur Sache folgt, was von der Praxis kritischen Konsums zu halten ist.

Die Marktwirtschaft ist kein Mechanismus zur Herstellung und Verteilung nützlicher Güter für die, die sie brauchen. Der Konsument, der sie kauft, und insgesamt der Konsum ist in diesem System nur das Mittel des Kapitalumschlags: Die herstellenden Firmen brauchen die Käufer, um ihre gewinnträchtigen Waren in Geld zu verwandeln und damit ihren Unternehmenszweck zu realisieren. Dieser Zweck, Rendite auf den Kapitalvorschuss, ist der Grund der wiederkehrenden Skandale um schädliche Schrottprodukte und die für Mensch, Tier und Natur ruinösen Umstände ihrer Herstellung.

Zu glauben, ausgerechnet der Konsument hätte mit dem Geld, das er bewusst oder nicht ausgeben kann, ein Machtmittel in der Hand, um daran etwas zu ändern, ist ein Selbstbetrug – und ein etwas aufgeblasener dazu. Denn es gibt niemanden, der eigentlich „unbewusst“ konsumiert: Jeder bewirtschaftet sein Budget, so gut er kann, und kauft sich mit seinem Geld das für ihn erreichbare Beste. Keiner der Kunden, für die du das Etikett „unbewusst“ reservierst, fragt die hormonverseuchten Schnitzel aus tierquälerischer Massenhaltung aus grundloser Unachtsamkeit nach. Keiner wünscht sich die engen, hellhörigen Wohnungen in Autobahnnähe. Oder bestellt absichtlich Geräte, die nach kurzer Zeit nicht mehr zu gebrauchen sind. Warum ist all das dann im Angebot? Und warum gibt es Nachfrage danach? Weil die Kaufentscheidungen der Leute von ihrem Geldbeutel abhängen – und in dem ist bei den meisten nur so viel drin, wie sie vorher als Arbeitnehmer verdient haben. Lohn und Gehalt richten sich aber nicht nach dem, was einer braucht oder möchte. Sie sind ein Kostenfaktor in der Rechnung der Arbeitgeber, den diese niedrig halten. Deswegen ist das Handelskapital so sicher, dass eine sehr beschränkte Zahlungsfähigkeit bleibender Bestandteil unserer schönen Wohlstandsgesellschaft ist, und konkurriert gerne auch um die minderbemittelte Kaufkraft: Wenn „billig“ das wichtigste Verkaufsargument für den Massenbedarf ist, dann wird der Menschheit „billig“ angeboten; und damit auch mit kleinen Preisen ordentliche Gewinne zu machen sind, werden die Kosten der Erzeugung der Konsumartikel konsequent gesenkt: Es kommen minderwertige Rohstoffe und alles Gift sowie alle Methoden der Leistungserzwingung und Lohndrückerei gegen die Arbeitskräfte zum Einsatz, die noch nicht verboten sind – und oft darüber hinaus. Wenn es dann Klagen gibt über den Dreck, der den Leuten angedreht wird, rechtfertigen sich die Hersteller mit dem unverschämten Argument: Der Kunde verlange danach! Er kauft den Mist, der zu seiner Armut passt, also will er nichts anderes.

Besserverdienende Kunden oder Leute, die auf vieles überhaupt verzichten, lassen sich durch Werbeargumente wie Bio, Fair Trade etc. auf die teureren Artikel von Anbietern lenken, die eben damit ihren Gewinn machen. Diese Kunden haben allen Grund zu ihren Zweifeln, ob die zugesagten Rücksichten auch eingehalten werden, denn die sind ja auch nur – kostentreibende – Werbemittel für den Warenabsatz. Von den Zweifeln lebt dann wieder eine ganze Zertifizierungsindustrie, die ihr Geschäft mit genau den Anbietern macht, die das Bio-Label verkaufsfördernd einsetzen – und der der Kunde endgültig nur noch glauben kann. Ob also aus der Nachfrage seitens der besonders betuchten bzw. besonders verzichtsbereiten Kundensegmente tatsächlich wirksame Marktverschiebungen werden und ob letztere zu auch nur graduellen Veränderungen der Sitten beim Produzieren führen, hängt vollständig daran, was die Seite der Anbieter daraus zu machen versteht; und zwar gemäß ihren Zwecken und Kalkulationen – siehe oben. Und davon versprichst du dir allen Ernstes eine – wie bescheiden auch immer gefasste – „Lösung der Probleme dieser Welt“?

Der Konsument ist nach beiden Seiten die abhängige Variable der Wirtschaft: Er kann nur ausgeben, was er verdient, und nur kaufen, was ihm für dieses Geld geboten wird. Er bestimmt nicht das Warenangebot, sondern kann gar nichts anderes tun, als seine Bedürfnisse seinem Geldbeutel und dem Warenangebot auf dem Markt anzupassen. Das Sich-Einteilen-Müssen ist von dieser Gesellschaft erzwungen; die Einbildung, sich richtig einzuteilen und damit irgendetwas in der Hand zu haben, ist Quatsch.

Dieser Kritik machst du das Friedensangebot, wir meinten vielleicht, dass viele Menschen, die bewusst konsumieren, sich nicht mit den Ursachen der Probleme dieser Welt auseinandersetzen. Das trifft es nicht. Wir wollen nicht sagen, dass Leute, die gegen die Unschönheiten der Marktwirtschaft auf „Konsumentenmacht“ setzen, nicht tief genug schürfen oder nicht genug tun und auch nicht, dass ihre gute Tat zu lange dauern würde, bis sie Wirkung zeigt, sondern dass sie sich einen falschen Grund für die „Probleme“ zurechtlegen: nämlich den mangelnden Willen der Kunden, sich so zu verhalten, dass alles in Butter ist.

Du fragst nach unseren Alternativen: Dem Menschen als Konsumenten haben wir keine politische Alternative anzubieten. Er ist und bleibt in dieser Rolle in ein ganzes ökonomisches System eingebaut und kann mit seinem Geld gar nichts anderes anstellen, als zum Gelingen des Kapitalumschlags beizutragen. Die Korrektur von Zweck und Rechnungsweise dieser Wirtschaft ist nun einmal kein käuflicher Artikel, den man durch einen Anbieterwechsel erwerben könnte. Weltverbesserung zum Nulltarif sieht schon gleich entsprechend aus.


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