Gründe für die Überbevölkerung

Dieser Artikel ist in der Zeitschrift GegenStandpunkt 4-94 erschienen. Sie kann über den Buchhandel oder direkt beim Verlag als Druckausgabe oder E-Book erworben werden.

1 Papst, 2 Milliarden Arme, 500.000 Kapitalisten, 500 Asylrichter, 4 Millionen deutsche Arbeitslose, 100.000 Grenzschützer …
Wer ist hier zu viel?
Vier Bemerkungen zur Weltbevölkerungskonferenz der UNO im September in Kairo

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Der Kapitalismus schafft die Überbevölkerung, indem er periodisch und insgesamt Arbeitskräfte überflüssig macht. Der Imperialismus sorgt für deren weltweit ungleiche Verteilung und die Existenz absoluter Armut. Die UNO hält dagegen die Anzahl der Menschen schlicht für zu hoch und empfiehlt für die Zukunft Reduzierung des menschlichen Überschusses durch mehr Enthaltsamkeit. Entwicklung in der 3.Welt heißt heute deshalb nicht mehr Wirtschaftswachstum, sondern Kampf gegen das Überbevölkerungsproblem.

1 Papst, 2 Milliarden Arme, 500.000 Kapitalisten, 500 Asylrichter, 4 Millionen deutsche Arbeitslose, 100.000 Grenzschützer …
Wer ist hier zuviel?
Vier Bemerkungen zur Weltbevölkerungskonferenz der UNO im September in Kairo

Bevölkerungspolitiker und -wissenschaftler, Kleriker und Emanzen, Journalisten und Kinderärzte aus aller Welt sind sich einig: Die Menschheit wird zur Plage; zuviele Exemplare dieser Spezies bevölkern – spätestens ab 2025 – den Globus.

Auf einer UNO-Konferenz stürzen sie sich voller Elan auf die Erfindung von Strategien, mit denen dem hemmungslosen Vermehrungsverhalten der überschüssigen Menschenmassen beizukommen wäre, und Streit kommt nur darüber auf, was dabei erlaubt oder unsittlich, zweckmäßig oder frauenfeindlich ist.

Es herrscht weitgehende Einigkeit darüber, wo das Problem einer überschießenden Vermehrung der Weltbevölkerung anzusiedeln ist: in den Landstrichen der Erde nämlich, die mehr zu den Armutsstatistiken der UNO beitragen als zum Welt-Bruttosozialprodukt.

In diesem Zusammenhang beschwören alle verantwortlichen Konferenzteilnehmer und -beobachter 1994 den Zusammenhang von Armut und Kinderreichtum und geben damit einem Theoretiker des 19. Jahrhunderts recht, von dessen Theorien sie absolut nichts halten.

„In der Tat steht nicht nur die Masse der Geburten und Todesfälle, sondern die absolute Größe der Familien in umgekehrtem Verhältnis zur Höhe des Arbeitslohns, also zur Masse der Lebensmittel, worüber die verschiedenen Arbeiterkategorien verfügen.“ (Karl Marx, Kapital Bd. I, 23. Kap. „Das allgemeine Gesetz der kapitalistischen Akkumulation“, S.672).

Journalisten und moderne Bevölkerungswissenschaftler entdecken einen anderen Theoretiker des 19. Jahrhunderts, Thomas Robert Malthus, als „ersten Mahner“ vor der Bevölkerungsexplosion und loben seine Weitsicht, obwohl sie als aufgeklärte Menschen des 20. Jahrhunderts dessen eigentlicher „Bevölkerungstheorie“ und erst recht seiner pfäffischen Enthaltsamkeitspredigt für die „niederen Stände“ nicht so ganz zustimmen können.[1]

Familienpolitiker, die in anderen Zusammenhängen das Mutterglück als das höchste der Gefühle preisen, kommen plötzlich zu der Einsicht, daß kluge Frauen sich keine Kinder machen lassen, und wollen deswegen den Frauen der Dritten Welt ein paar ABC-Kurse spendieren.

Demokratische Politiker und Journalisten, die neulich noch – anläßlich der Debatte um die Reform des deutschen Abtreibungsrechts – gar nicht laut genug über den „Wert des ungeborenen Lebens“ lamentieren konnten, stellen den sonst hochgeschätzten Papst Wojtyla auf eine Stufe mit „fanatischen islamischen Mullahs“.

Was ist hier los? Es zeigt sich, daß sich seit den Zeiten von Malthus und Marx im Prinzip nicht viel verändert hat. Die kapitalistische Wirtschaftsweise hat sich auf dem gesamten Globus durchgesetzt, die Dimensionen des „Übervölkerungsproblems“ sind damit enorm gewachsen. Das hat sich verändert seit den Zeiten des alten Malthus. Aber sonst? Sonst trifft die Marx’sche Polemik gegen Malthus auch heute noch den Kern der Sache.

1

Der Kapitalismus scheidet die Menschen einer Gesellschaft von allen natürlichen Lebensbedingungen und macht ihre Existenz – also auch ihre Anzahl – abhängig von seinem Erfolg. Dieser Erfolg liegt im Wachstum des privaten Reichtums, das die kapitalistischen Eigentümer im Konkurrenzkampf gegeneinander erzielen. Deren Bedarf an Lohnarbeit sorgt für Bevölkerung. Die immer effektivere Ausbeutung der bezahlten Arbeit – das Konkurrenzmittel der kapitalistischen Produktion – macht periodisch und insgesamt Arbeitskräfte überflüssig, sorgt also für Überbevölkerung.

Die natürlichen Schranken der Lebensmittelproduktion sind Ende des 20. Jahrhunderts längst überwunden; technisch wäre es absolut kein Problem, die Ernährung der gesamten Menschheit sicherzustellen. Das bestreitet auch im Ernst kein Experte der UNO, UNICEF, Weltbank oder sonst einer der Institutionen, die für die Betreuung des weltweiten Elends zuständig sind. Die offensichtliche Diskrepanz zwischen diesem Elend auf der einen Seite und der erreichten Naturbeherrschung und den vorhandenen technischen Produktionsmöglichkeiten auf der anderen Seite hält andererseits niemand – außer ein paar unverbesserlicher Marxisten – für ein vernichtendes Urteil über die Produktionsweise, die ihren weltweiten Siegeszug angetreten hat. Es ist dem bürgerlichen Verstand nämlich völlig selbstverständlich, daß das Wirtschaften in der – der Menschennatur bekanntlich am meisten entsprechenden – freien Marktwirtschaft eine höchst komplexe Angelegenheit ist, die sich keinesfalls mit so schlichten Absichten verträgt wie der, die vorhandenen technischen Möglichkeiten zu nutzen, um sie planmäßig für eine Produktion zum Lebensunterhalt der Leute einzusetzen. Alle Befürworter der freien Marktwirtschaft behaupten zwar unverdrossen, ausgerechnet diese Wirtschaftsweise – und nur sie – hätte letztlich keinen anderen Zweck als die optimale Versorgung der Menschen. Damit sie diese ihre segensreichen Wirkungen aber entfalten kann, darf sich keiner an den eigentümlichen Gesetzen und Sachnotwendigkeiten vergehen, die „die Wirtschaft“ nun mal hervorbringt. Deren Funktionieren fordert dann durchaus Opfer: auf Seiten der angeblich zu versorgenden Menschheit. Nicht die wirtschaftenden Menschen sind also bestimmende Subjekte der gesellschaftlichen Produktion, sondern umgekehrt. Die Leute werden zu abhängigen Variablen „der Wirtschaft“, abhängig von deren eigengesetzlichen Erfolgskriterien. Was immer wieder zu der Konsequenz führt, daß die Leute mit ihren Lebensnotwendigkeiten zur Last und zum Problem für die Wirtschaft werden. Ein Irrsinn? Mag sein – aber ein Irrsinn mit System, weltweit gültig und von keinem verantwortungsvollen Demokraten und Menschenfreund angezweifelt.

a) Der Sinn und Zweck der freien Marktwirtschaft ist bekanntlich ihr Wachstum, und zwar zum Zwecke weiteren Wachstums. Was so grenzenlos wachsen soll, ist auch kein Geheimnis: Nicht die Vermehrung von nützlichen Gegenständen des Gebrauchs und der dafür notwendigen Produktionsmittel ist das Erfolgskriterium gelungenen Wirtschaftens.[2]

Die Rentabilität – der in Geld gemessene Überschuß an Reichtum, der aus der Produktion zu ziehen ist, über den Vorschuß, der für sie verausgabt werden muß – ist Zweck und Maßstab aller marktwirtschaftlichen Produktion. Es geht um die Produktion von Geld, nicht um es zu haben, sondern um es zum Zwecke seiner Vermehrung wiederanzulegen. Aus Geld mehr Geld machen, das ist der ganz banale Inhalt des allseits erwünschten und geförderten Wirtschaftswachstums, der Begriff des Kapitals, nach dem die weltweit herrschende Produktionsweise mittlerweile auch höchstoffiziell wieder benannt wird. Im Kapitalismus ist Geld nicht Mittel für alle möglichen Zwecke, sondern umgekehrt der Zweck, dem sich alles andere unterzuordnen hat – auch der Lebensunterhalt von Menschen.

Denn eine Subsistenz gibt es in diesem System nur für Geld; Geld gibt es für die große Mehrheit nur für Lohnarbeit; und Lohnarbeit gibt es nur im Dienste und zum Nutzen des Kapitals[3]: als Mittel für dessen Wachstum. Dieser Zusammenhang gilt so streng und ausschließlich, daß er auch rückwärts funktioniert: Wo das Kapital Lohnarbeit braucht, da zieht es seine Dienstkräfte hin; wo es akkumuliert, da ballt es eine Bevölkerung zusammen. Die kapitalistische Nachfrage nach Arbeitskräften schafft moderne Völkerwanderungen: Großstädte auf der einen Seite und verödete Landstriche auf der anderen.[4]

b) Die kapitalistische Produktionsweise hat die Menschen von jeder naturwüchsigen Subsistenz und allen natürlichen Lebensbedingungen getrennt und das Vorkommen der Gattung Mensch statt dessen von ihren Bedingungen und Bedürfnissen abhängig gemacht. So ist die Lebensmittelversorgung der Massen längst nicht mehr abhängig von der begrenzten Leistungsfähigkeit einer „waldursprünglichen“ Subsistenzwirtschaft.[5] Genausowenig ist die „durchschnittliche natürliche Lebenserwartung“ eines Menschen Ende des 20. Jahrhunderts eine übermäßig natürliche Angelegenheit. Das kapitalistische Interesse an einer umfassenden geschäftlichen Benutzung der Natur hat die systematische Entwicklung der Naturwissenschaften zustandegebracht und damit erstens die wissenschaftliche Grundlage für ein medizinisches Versorgungswesen geschaffen; zweitens den bedingten gesellschaftlichen Bedarf danach: Es muß genügend Lohnarbeiter geben, die bereit und in der Lage sind, ihre Leistungsfähigkeit, Gesundheit inklusive, zu Markte zu tragen. Soviel zum „rasanten Fortschritt der Medizin in den letzten 100 Jahren“, der nach Auskunft aller Bevölkerungswissenschaftler zu der bedenklichen „Schere“ zwischen gleichbleibenden oder wachsenden Geburtenzahlen und sinkender Sterblichkeitsrate geführt hat. Zu einigen anderen zivilisatorischen Errungenschaften hat es der kapitalistische Fortschritt daneben auch noch gebracht. So ist die Armut, die es heute gibt – einschließlich der modernen Sterblichkeitsrate – nicht mehr einer unbeherrschten Abhängigkeit von natürlichen Bedingungen geschuldet, sondern gleichfalls vom kapitalistischen Geschäft mit seinen Kriterien der Benutzung von Lohnarbeit erzeugt. Nach denselben Kriterien hat es für eine Umverteilung der Menschen auf dem Globus – hin zu seinen Metropolen – und für das absolute Anwachsen der Weltbevölkerung in den letzten Jahrzehnten gesorgt. Und es hat schließlich, wiederum nach denselben Kriterien des erfolgreichen Wachstums, die zunehmende Weltbevölkerung dem Urteil unterworfen, daß etliche Menschenmassen einfach zuviele sind auf dem Globus.

c) Denn seit es ihn gibt, schafft der Kapitalismus Überbevölkerung, und zwar ganz unabhängig von der Menschenanzahl, die gerade den Globus bevölkert.[6]

Dieses „Über-“ heißt nämlich im Klartext: Zwar vorhanden, aber überflüssig, zu nichts nütze. Dasselbe Nutzenkalkül, das Ballungsgebiete entstehen und die Bevölkerungszahl „explodieren“ läßt, verurteilt immer wieder und insgesamt beträchtliche Teile des kapitalistischen Menschenmaterials zu einem Dasein ohne Nutzen fürs Kapital und damit ohne Subsistenzquelle. Diese Überflüssigkeit ist das Resultat einer jedermann geläufigen marktwirtschaftlichen Praxis: Rationalisierungen sind bekanntlich das Konkurrenzmittel kapitalistischer Unternehmen. Der bürgerliche Sachverstand feiert den Einsatz moderner Technologie zur Steigerung der Produktivkraft der Arbeit gerne als „arbeitssparenden Fortschritt“ – und liegt damit voll daneben. Der Kapitalismus entwickelt Technik nämlich nicht als Mittel zur Einsparung von Arbeit, sondern zur Einsparung von Lohnzahlung. Das Verhältnis der beiden Größen – was kostet die Technik und was spart sie an Aufwendungen für Lohn – ist Grund und Schranke allen kapitalistischen Fortschritts. Auf dieses Verhältnis kommt es an und nicht darauf, durch den Einsatz von moderner Maschinerie die menschliche Arbeitskraft zu schonen.[7] Für diese Erkenntnis muß man noch nicht einmal Marx studieren; man braucht nur das ständige Gejammer sämtlicher Unternehmerverbände über zu hohe Lohnstückkosten zur Kenntnis zu nehmen. Ausgedrückt ist darin immerhin, daß alle kapitalistischen Privateigentümer sich ständig darum bemühen, durch Rationalisierungen die Produktivkraft der Arbeit zu steigern, um damit die Lohnaufwendungen pro Produkt zu senken – und zwar in einem Maß, daß die Summe der Lohneinsparungen die Aufwendungen für neue Produktionsanlagen übersteigt. So führen kapitalistische Unternehmen ihren Kampf um Marktanteile, so schaffen sie sich wechselseitig in ihrer Konkurrenz den geschäftlichen Sachzwang, ihre Bemühungen um Senkung der Lohnstückkosten in immer größerem Maßstab voranzutreiben. Die Erfindung von immer erfolgreicheren Methoden zur Einsparung von bezahlter Arbeit wird zur Erfolgs- und Überlebensbedingung auf dem kapitalistischen Weltmarkt.

Für die lohnarbeitende Klasse heißt das: Sie ist nicht Nutznießer eines „arbeitssparenden Fortschritts“ – nicht ihre Arbeit wird durch den Einsatz von Maschinerie erleichtert, sondern ihr Lohn wird gekürzt. Und davon ist sie in zweierlei Hinsicht betroffen: Das Nebeneinander von Überarbeit und Entlassungen ist die selbstverständliche Konsequenz jeder Rationalisierungsmaßnahme.[8] Auf der einen Seite wird bezahlte Arbeit überflüssig gemacht – das war der Zweck der Aktion, also werden Arbeitskräfte entlassen. Auf der anderen Seite steht das Bedürfnis des Kapitals, die neue produktive Maschinerie auch möglichst extensiv zu nutzen, um damit einen zusätzlichen Konkurrenzvorteil zu erzielen. Und das bedeutet für die verbliebenen Arbeiter: Überstunden, neue Schichtmodelle, flexible Arbeitszeiten, „Timemanagement“, und wie die uralten Formen der kapitalistischen Überarbeit heutzutage sonst noch ganz modernistisch heißen.[9]

So sorgt die kapitalistische Produktionsweise durch ihre Konkurrenzmethoden einerseits für eine ständig intensivere Ausnutzung der beschäftigten Arbeiter, kümmert sich auf Basis dessen auch um eine extensivere Benutzung der Arbeitskräfte durch Verlängerung der Maschinenlaufzeiten; und schafft auf der anderen Seite beständig Überbevölkerung: Arbeiter, deren Arbeitskraft das Privateigentum nicht (mehr) benutzen will, die also nach den gültigen gesellschaftlichen Maßstäben überflüssig sind. Ob diese Menschen jemals wieder als Arbeitskräfte nachgefragt werden, hängt nicht von ihnen, ihren Fähigkeiten oder ihrem Arbeitswillen ab[10], sondern von den Konjunkturen des kapitalistischen Geschäfts.[11]

d) Die „wechselnden Verwertungsbedürfnisse“ des Kapitals sind auch Nicht-Marxisten durchaus geläufig. Jeder bürgerliche Kopf weiß, daß das kapitalistische Geschäftsleben in Zyklen verläuft, daß auf eine Hochkonjunktur eine Krise folgt usw. usf. – und hält dieses merkwürdige Auf-und-Ab der gesellschaftlichen Produktion für eine ziemlich genauso natürliche Angelegenheit wie die Abfolge der Jahreszeiten.[12]

Es ist auch kein übermäßiges Geheimnis, daß dieses Auf-und-Ab der kapitalistischen Produktion zu – in Marx’ Redeweise – abwechselnder „Attraktion und Repulsion“ von Arbeitern führt. Bekannt ist außerdem, daß in Krisenzeiten das Arbeitslosenheer regelmäßig vergrößert wird und die Aussichten für diese vergrößerte Reservearmee, je wieder als Arbeitskräfte zum Einsatz zu kommen, immer geringer werden. Gerade im Deutschland der 90er Jahre ist dieser Zusammenhang mittlerweile allen öffentlichen Stellungnahmen zum jetzt registrierten „Aufschwung nach überwundener Krise“ zu entnehmen. Jeder Politiker und demzufolge jedes namhafte Wirtschaftsforschungsinstitut will wissen, daß „trotz sich abzeichnender Hochkonjunktur eine Entlastung am Arbeitsmarkt nicht in Sicht ist“. Diesen Arbeitsmarkt bevölkern mittlerweile 4 Millionen offiziell zugegebene Arbeitslose. Nur zur Erinnerung: Anfang der 80er Jahre galt die Überschreitung der „magischen Grenze“ von 1 Million Arbeitsloser noch als mittlerer bis hochgradiger nationaler Skandal. Aber alle aktuellen nationalen Ideologien zum „Problem der Arbeitslosigkeit“ einmal beiseite gelassen, ein Wunder ist die ständig wachsende überflüssig gemachte Arbeiterpopulation nicht. Und schon gar nicht zählen immer mehr Menschen „trotz“ kapitalistischer Hochkonjunktur zum unbrauchbaren Bodensatz der Gesellschaft, dem eine künftige Brauchbarkeit gar nicht mehr in Aussicht gestellt wird. Sie zählen dazu wegen der kapitalistischen Hochkonjunkturen, die regelmäßig von Krisen abgelöst werden, die das Kapital mit haargenau den Konkurrenzmethoden bewältigt, die so regelmäßig zur Hochkonjunktur mit nachfolgender Krise führen: Verstärkter Einsatz der berühmten „arbeitssparenden Technologie“, sprich: Senkung der Lohnstückkosten durch Einsatz immer produktiverer Maschinerie. Dieser Prozeß findet mit jedem Konjunkturzyklus auf immer höherem Niveau statt; immer weniger Arbeitskräfte stellen immer größere Warenquanta her. So vergrößert das Kapital mit dem Fortschritt seines Wachstums die gesellschaftliche Überbevölkerung – und zwar auch die Abteilung, die Marx „absolute Überbevölkerung“ genannt hat: Leute, die zwar keine andere Überlebenschance haben, als von Lohnarbeit zu leben, aber gerade die nie (mehr) bekommen. Es gehört eben zu den Errungenschaften des Kapitalismus, daß die immense Entwicklung der Produktivkraft der Arbeit, die Produktion von immer größerem Reichtum, auf der anderen Seite notwendigerweise immer größere Armut schafft.[13]

e)Nicht (mehr) benutzt zu werden, heißt im Kapitalismus für Menschen ohne Eigentum, ökonomisch überflüssig – mehr noch: eine gesellschaftliche Last zu sein. Für sie selber heißt es, über keine Mittel zur Bestreitung ihres Lebensunterhalts zu verfügen. Eine Lage, an der sie selber – solange die kapitalistische Rechnungsweise gilt – nichts ändern können. Denn über ihre gesellschaftliche Nützlichkeit entscheiden die Leute, die zu Recht „die Wirtschaft“ heißen, nach haargenau den Maßstäben, die notwendigerweise immer wieder zu lauter unnützem, überflüssigem Volk führen.[14] Kapitalistisch produzierte Überflüssigkeit von nicht benutzten Lohnarbeitern, das ist der Begriff der modernen Überbevölkerung.

Daran ändert auch die Tatsache nichts, daß in modernen westlichen Sozialstaaten die Überbevölkerung durch Sozialkassen gemanagt wird. So wird der gesellschaftlich produzierte Menschenausschuß staatsdienlich verwaltet. Und zwar auf eine Weise, daß die Arbeiterklasse insgesamt, durch staatlich organisierte Zwangsabgaben vom Lohn, dafür in die Pflicht genommen wird, auch die überflüssig gemachten Arbeitermassen mehr schlecht als recht mit dem Lebensnotwendigsten zu versorgen. Demokratische Sozialpolitiker sind die ersten, die mit ihren unablässigen Klagen über die „Belastungen“ und den „Mißbrauch des Sozialstaats“ durch zuviele Arbeitslose und eine hoffnungslose „Überalterung des deutschen Volkes“ kundtun, daß die ausgemusterten Arbeitslosen und Alten nichts als eine gesellschaftliche Last sind. „Die Deutschen machen zu wenig Kinder, die für Arbeitslosen- und Rentenbeiträge geradestehen – und dann lassen sie sich als Langzeitarbeitslose am Arbeitsmarkt schwer vermitteln und leben zu allem Überfluß auch noch so lange, daß sie Renten kassieren wollen.“ – so lautet die allgemein durchgesetzte Definition der speziell bundesdeutschen Überbevölkerung.[15] Nur nebenbei: Über zuviele Kapitalisten oder überalterte Rentiers hat sich hierzulande noch nie jemand beschwert.

2

Der Imperialismus – die Unterwerfung der ganzen Welt unter die Interessen des kapitalistischen Privateigentums durch die Staatsgewalt der kapitalistisch erfolgreichen Nationen – sorgt für weltweit ungleiche Bevölkerungs- und Überbevölkerungsverhältnisse. In den Ländern der sogenannten 3. Welt wird die Bevölkerung von allen natürlichen Subsistenzbedingungen „emanzipiert“, ohne daß eine Benutzung durchs weltweit herrschende Geschäftsleben, ein Bedarf nach Arbeitskraft, bestände oder auch nur absehbarerweise zustande käme. Die Unterwerfung dieser Leute unter den weltweiten Kapitalismus und seine zivilisatorischen Errungenschaften ist rein negativer Art: Sie sind den Kriterien eines nützlichen Dienstes am Kapital subsumiert, aber keinem Bedarf. Ihre Armut ist absolut – das ist der gesellschaftlich gültige Beweis, daß sie schlechthin „zuviele“ sind. In den Elendsquartieren der 3. Welt sammelt sich die absolute Surplus-Weltbevölkerung.

a) Es stimmt nicht, daß die „Erde zu klein“ wäre – und wie die Bebilderungen sonst noch heißen –, als daß sich die Menschenmassen, die sie bevölkern, ernähren könnten. Es stimmt auch nicht, daß derzeit zuwenig Lebensmittel produziert werden im Verhältnis zu „all den hungrigen Mäulern“. Bevölkerungswissenschaftler und Experten der UNO geben selber zu Protokoll, daß die ganze Welt flächendeckend den Bedingungen des Geldverdienens unterworfen ist, auch da, wo sich gar nichts verdienen läßt, und daß darin das Ernährungsproblem liegt:

„Während der vergangenen zehn Jahre ist die Lebensmittelproduktion weltweit um 24 Prozent, und damit schneller als das Bevölkerungswachstum gestiegen… Die meisten Experten sind sich darin einig, daß es keine allgemeine und weltweite Lebensmittelknappheit gibt… Nicht so sehr ein Mangel an Lebensmitteln als vielmehr einer an Kaufkraft wird denn auch allgemein als Grund für Unter- bzw. Fehlernährung angesehen.“ (Aus der „Einleitung des Weltbevölkerungsberichts 1994“, amerika dienst vom 24.8.94)
„Selbst wenn weltweit genügend Getreide produziert würde – die Gesetze (sc. die von Malthus erfundenen) blieben die gleichen: Viele Entwicklungsländer haben nicht das Geld, auf dem Weltmarkt genügend Nahrungsmittel zu kaufen.“ (Helga Keßler, Zeit-Punkte Nr. 4/94)[16]

b) Es entspricht auch nicht der Wahrheit, daß die Staaten kein Geld hätten, Lebensmittel zu kaufen. Die „Lebensmittel“, die Staaten brauchen, kommen auch in der 3. Welt schlecht und recht zusammen; an Ministerpräsidenten, Generälen, Gewehren, Notenbanken, Diplomaten… herrscht auch dort kein übermäßiger Mangel.

Es ist nur so, daß nach 40 Jahren weltweiter Kapitalakkumulation sich die Staatenwelt sehr eindeutig sortiert hat. Es gibt eine kleine radikale Minderheit von „Weltwirtschaftsmächten“, deren Repräsentanten sich regelmäßig auf entsprechenden „Gipfeln“ herumtreiben; Staaten, deren Nationalökonomien den Weltkapitalismus aktiv bestimmen und von ihm profitieren. In diesen Staaten ist die umfassende kapitalistische Benutzung von Land und Leuten so prinzipiell durchgesetzt, daß auch die permanent überflüssig gemachten Lohnarbeiter einer staatlich organisierten Betreuung unterworfen werden. Sei es, um ihre Benutzbarkeit aufrechtzuerhalten für den Fall, daß das Kapital bei Gelegenheit auf diese Reservemannschaft zurückgreifen will; sei es, um bei einer absehbarerweise immer größeren Produktion von pauperisierten Massen, deren Chancen auf künftige Benutzung schwinden, zumindest deren ordnungsgemäße Verwaltung sicherzustellen. Je mehr sich die sozialstaatliche Betreuung der vom Kapital Ausgemusterten auf die letztere Abteilung reduziert – und das ist in allen führenden Industrienationen der 1. Welt in den letzten Jahren der Fall –, um so mehr werden sozialstaatliche Ansprüche als unerträgliche Lasten definiert und entsprechend zusammengestrichen. So wird auch in den Führungsnationen des Weltmarkts den vom Geschäft überflüssig gemachten Massen praktisch klargemacht, daß sie nichts anderes sind als „totes Gewicht“, also Überbevölkerung. Das sozialstaatliche Prinzip, nach dem die führenden Industrienationen ihr gesamtes Volk als generell verfüg- und benutzbares Menschenmaterial verwalten, gilt jedoch (einstweilen) noch. Jedes Neugeborene wird hierzulande staatlich erfaßt und registriert, jedes Kind unterliegt der Schulpflicht und kein aussortierter Obdachloser oder Alter geht so ganz unbeobachtet vor die Hunde.

Der große Rest der Staatenwelt, die Staaten der sogenannten 3. Welt – mittlerweile wurde die Skala der Staatshierarchie von kundigen Experten nach unten um die 4. und 5. Welt erweitert –, zeichnen sich dadurch aus, daß sie mit ihren Völkern im Großen und Ganzen nur wenig anfangen können. In der Weltwirtschaft tun sie ihre Dienste als „Rohstofflieferanten“ und „Schuldnerländer“. Sofern sie also überhaupt über industrielle Enklaven auf ihrem Territorium verfügen, sind deren Erträge von vornherein für die Bedienung des internationalen Schuldendienstes verbucht. Andere, die langsam aber sicher ebenfalls zur 3. Welt zählenden Restbestände der ehemaligen realsozialistischen 2. Welt, durchlaufen eine rasante Karriere von einer Weltmacht mit Weltraum- und Atomindustrie zu industriellem Brachland. Die meisten Mitglieder der UNO-Staatenfamilie verfügen nicht über eine Nationalökonomie, die die Leute erfolgreich für ein geldproduzierendes Geschäftsleben einspannt. Deshalb kommandieren sie eine Bevölkerung, der es am Lebensnotwendigsten fehlt, weil sie das Geld nicht hat, das auch in diesen Staaten nötig ist, um an die Subsistenzmittel zu kommen. Denn zu der zivilisatorischen Errungenschaft haben es mittlerweile auch diese Staaten gebracht, daß nichts ohne Geld läuft – bloß läuft das Geldverdienen nicht; die Chance dazu hat bei diesen Anhängseln der Weltwirtschaft den Charakter eines Privilegs. Insofern ist der allergrößte Teil der dortigen Bevölkerung überschüssig – gemessen am weltweiten Geschäftsbedarf gibt es dort definitiv zuviele Menschen. Entsprechend werden sie behandelt.

c) Diese Menschen sind absolute Überbevölkerung, ganz unabhängig von ihrer Zahl. Andererseits hängt selbst ihre Anzahl in zweierlei Hinsicht von den Segnungen der weltweit gültigen kapitalistischen Maßstäbe ab.

Kein Staat der Welt – noch nicht einmal Ruanda – läßt seine Bevölkerung einfach so verhungern. Daß moderne Staatswesen auf der Benutzung ihres Volks beruhen, gehört mittlerweile längst zu den durchgesetzten Erkenntnissen der imperialistischen Weltordnung. Deswegen gibt es noch in jedem Dritt-Welt-Staat, wie rudimentär auch immer, Gesundheitsbehörden, Impfkampagnen und ähnliches. Lauter Einrichtungen, die für die allseits beklagte „Bevölkerungsschere“ sorgen: Die durchschnittliche Lebenserwartung steigt, ohne daß die Geburtenrate zurückgeht.[17]

Da die umfassende Benutzung des Volkes in diesen Staaten bestenfalls ein nie erreichtes Ideal geblieben ist, ist die Gesundheits- und Sozialfürsorge andererseits nie über solche rudimentären Programme hinausgekommen. Und wann immer ein Staat der 3. Welt – meist im Namen eines „eigenen sozialistischen Wegs“ – angefangen hat, seinen Staatshaushalt für die Verbesserung der sozialen Lage seiner Bevölkerung zu strapazieren, wurden solche Versuche in der Regel schnell – spätestens nach Interventionen des IWF – als ökonomisch unsinniger Luxus wieder eingestellt.

Entsprechend sehen die Lebensbedingungen in einem Großteil der Staatenwelt Ende des 20. Jahrhunderts aus: Die Masse der Bevölkerung ist gewaltsam aus ihrer alten Subsistenzwirtschaft herausgerissen; jede andere Möglichkeit, ihren Lebensunterhalt zu sichern, ist ihr versagt. Wie sollten Leute, die gezwungen sind, unter solchen Verhältnissen zu vegetieren, überhaupt auf die Idee kommen oder in der Lage sein, ihre Fortpflanzung bewußt zu steuern? Nichts ist alberner als die allseits beliebten Erklärungsmuster moderner Sozialwissenschaftler, nach denen die Eingeborenen der 3. Welt angeblich deshalb soviele Kinder machen, weil sie „keine Altersversorgung haben“; „weil sie nach ihrem Tod von einem Sohn verbrannt werden müssen“; „weil viele Söhne das Ansehen eines Mannes erhöhen“… Es ist unbestritten, daß Leute ihre Kinder zum Müllsammeln schicken, weil sie ohne diese „Unterstützung durch ihre Nachkommen“ gleich verhungern würden. Genauso unbestritten blühen auch (oder gerade) im größten Elend religiöse oder sonstige Stammesidiotien. Es stimmt deswegen bloß noch lange nicht, daß die Leute deshalb, aus Zweckmäßigkeitserwägungen heraus, unablässig Nachwuchs produzieren würden. Wenn schon in den ärmeren Bevölkerungsschichten der Industriestaaten das Kinderkriegen meist keine Sache des freien Entschlusses ist, dann gilt dies um so mehr für die Menschen in den Elendsquartieren Afrikas und Lateinamerikas.[18]

d) Der im Weltmaßstab durchgesetzte Kapitalismus erklärt Leute nicht nur für überflüssig, er sorgt auch für das beständige Anwachsen der Zahl dieser Überzähligen. Und auch dafür sorgt die imperialistische Ordnung, daß diese Armutsbevölkerung dort bleibt, wo sie massenhaft anfällt. Nicht zuletzt das ist der moderne Sinn von Grenzen: Eine wachsende Bevölkerung mit schwindenden Subsistenzmöglichkeiten dort festzunageln, wo ihre Subsistenzmöglichkeiten schwinden. So sorgen die Wirtschaftsleistungen des freien Marktes und die Ordnungsleistungen der Staaten nicht nur überhaupt für Überbevölkerung, sondern auch für die Scheidung, wo wieviel davon anfällt. Mit der überdurchschnittlichen Konzentration von Armut in gewissen Weltgegenden ist dann auch das Urteil über die dortigen Menschenmassen gefällt: Von der ganzen Weltbevölkerung sind sie auf alle Fälle „zuviele“.[19]

In diesem Urteil ist eingeschlossen, daß diejenigen, die „zuviele“ sind, eigentlich weggehören. Bloß sagt das so selbstverständlich kein zivilisierter Mensch. Die zivilisierte Menschheit trifft sich stattdessen auf Weltbevölkerungskonferenzen.

3.

Die UNO – die diplomatische Einrichtung, die den Imperialismus insgesamt und überhaupt als Gemeinschaftswerk der aktiv und der passiv imperialistischen Staaten behandelt – widmet sich auch dem Problem der weltweiten Überbevölkerung. In einer Serie von Weltkonferenzen (1974/84/94) hat sie den Grund des Überbevölkerungsproblems Zug um Zug verbindlich festgestellt: Die zu große Menschenzahl. Ebenso imperialistisch sachgerecht wie zynisch stellt sich die Staatenfamilie auf den Standpunkt, daß Menschen, an denen der weltweite Imperialismus absolut keinen Bedarf hat, besser gar nicht da wären und deswegen für die Zukunft verhindert werden sollten. Auf der Konferenz im September 94 in Kairo wurde ein allgemeiner Austausch einschlägiger Verhütungsrezepte organisiert.

a) In die Schlagzeilen gekommen ist die Weltbevölkerungskonferenz in Kairo vor allem mit dem Streit: der Papst an der Seite von sonstigen unverbesserlichen Fundamentalisten gegen den Rest der aufgeklärten Welt. Damit waren für alle fortschrittlichen Menschen die Fronten geklärt. Ein bißchen aus dem Blickfeld geraten ist bei aller moralischer Entrüstung über die „senilen katholischen und islamischen Männer“ allerdings, worüber der Streit eigentlich geführt wurde. Es ging um die Frage, wie man das Kinderverhüten am besten gestalten sollte. Daß die Menschenzahl in der 3. Welt unbedingt reduziert werden muß, war selbstverständlicher Konsens.[20]

b) Im Verhältnis wozu die Leute zuviele sind, diese Frage wurde auf und anläßlich der Konferenz nicht übermäßig vertieft. Genauer gesagt, sie wurde überhaupt nicht erörtert. Statt dessen wurde die feststehende Überzeugung, daß es ganz fraglos zuviele Massen gibt, anschaulich bebildert.

Ganz einfach zu haben ist diese Bebilderung immer wieder durch das Vorführen von unglaublich vielen Menschen auf engstem Raum. Ein Eindruck, den zwar durchaus auch so manche deutsche Fußgängerzone vermittelt, aber um diese Massenansammlungen ging es ja nicht. Dagegen hat es sich keiner der in Kairo anwesenden Korrespondenten entgehen lassen, in erschütternden Bildern die drangvolle Enge in den Slumgebieten rund um die Kairoer Müllkippen zu beschreiben. Nebenbei hat man in all diesen Stimmungsberichten durchaus erfahren, was die Gründe für diese übervollen Elendsviertel sind. Bei den Slumbewohnern handelt es sich meist um Leute, die sich in ihren ehemaligen ländlichen Siedlungsgebieten nicht mehr ernähren konnten und die ihre einzige Überlebenschance in der Metropole sehen. Diese Chance erschöpft sich dann regelmäßig darin, die Abfallberge durchzustöbern, die der auch in Ägypten produzierte Reichtum so abwirft. Dieses Elendsszenario wurde von allen großen Zeitungen anläßlich der Weltbevölkerungskonferenz ausgemalt; nie fehlte der Hinweis auf die unzähligen Kinder, die gezwungen sind, im Müll zu leben. Und immer lautete die Botschaft: Nicht die Armut ist der Skandal, sondern daß die Massen so arm sind, ist der Beweis: Es sind zuviele!

Das Horrorszenario einer menschlichen Ungezieferplage läßt sich auch mittels Hochrechnungen und Statistik verdeutlichen: Exakt 31 Minuten und 25 Sekunden hat der UNO-Generalsekretär für seine Eröffungsrede gebraucht – der Mann von der Süddeutschen Zeitung hat mitgestoppt und nachgerechnet:

„Statistisch gesehen hat die Weltbevölkerung gerade mal wieder um 5655 Menschen zugenommen. Das ist eine Kleinstadt. Statistisch gesehen, werden es am Ende der neuntägigen Konferenz etwa 2,3 Millionen neue Erdenbürger sein: eine Säuglingsstation, so groß wie ganz Frankfurt und Hamburg zusammen.“ (Süddeutsche Zeitung vom 6.9.94)

Wenn da kein Grauen aufkommt. Vor allen Dingen dann, wenn man die alte malthusianische Behauptung von der ewig zu knappen Lebensmittelproduktion fortentwickelt und um den modernen Gedanken von der „knappen Ressource Umwelt“ ergänzt:

„Sowohl ein rasches Bevölkerungswachstum als auch ein Verbrauch an Ressourcen, der das Maß an Nachhaltigkeit überschreitet, sowie unangepaßte Technologien haben einen negativen Einfluß auf die Umwelt. Umweltprobleme machen nicht vor nationalen Grenzen halt. Gelangt beispielsweise Methan oder Kohlendioxid in die Luft, so trägt dies zur Erwärmung der gesamten Erdatmosphäre bei. Obwohl die Industrieländer nach wie vor den größten Anteil dieser Emissionen verursachen, wird sich der Anteil der Entwicklungsländer bei steigenden Bevölkerungszahlen und steigendem Konsum erhöhen. Der Energieverbrauch in den Entwicklungsländern wird wahrscheinlich zwischen 5 und 7 Prozent, der in den Industrieländern zwischen 2 und 3 Prozent jährlich ansteigen.“ (Einleitung des Weltbevölkerungsberichts 1994, amerika dienst vom 24.8.94)

Das bedrohliche Zukunftsgemälde heißt also: Wachsende Menschenmassen fressen einerseits den Globus und seine Energiequellen auf, andererseits vergiften sie ihn durch ihre hemmungslosen Ausdünstungen. Unterstrichen wird das Ganze durch einprägsame Rechenkunststücke:[21] Man dividiere die Energie, die die kapitalistische Produktionsweise verbraucht, und den Dreck und das Gift, das sie in die Atmosphäre bläst, durch die Anzahl der Leute, die in den „Industrieländern“ unter diesen (Umwelt)Bedingungen leben und arbeiten müssen, und schon hat man den Beweis: Der Mensch ist ein gieriger Ressourcenverbraucher. Für diese streng mathematische Beweisführung ist es selbstverständlich völlig unerheblich, daß sich „der Mensch in den Industrieländern“ schon ein wenig unterscheidet: in welche, die zu den Machern und Nutznießern des umweltvergiftenden Geschäftslebens gehören, und die große Mehrzahl, die selber nur Ressource des kapitalistischen Wachstums sind, tendenziell zur überschüssigen menschlichen Reservearmee zählen und im Umweltdreck nicht die Quittung für ihren Überfluß, sondern ein weiteres Stück Armut verpaßt kriegen.[22]

Diese Division einmal gemacht, läßt sich weiterrechnen: Jetzt wird der „Dreck-pro-Kopf“ mit den unzähligen Köpfen der 3. Welt multipliziert – das Ergebnis ist genau so katastrophal wie beabsichtigt.[23] So läßt sich auch im Namen aller umweltbewußten Menschen der Beweis antreten, daß die Spezies Mensch zunehmend Schädlingscharakter annimmt.

Der Zynismus, der alle Debatten über die drohende „Weltbevölkerungsexplosion“ beherrscht, ist einerseits eklatant: Alle gesellschaftlichen Gründe dessen, was die konstatierte Überbevölkerung überhaupt erst als solche bestimmt, werden namhaft gemacht. Es ist immerzu von Armut die Rede – und zwar Armut, die eben nicht durch naturbedingten Mangel entsteht, sondern durch die weltweit durchgesetzte Reichtumsproduktion erzeugt wird. Und dann wird kein weiterer Gedanke auf diese gesellschaftlichen Verhältnisse verschwendet, sondern nur an dem affirmativen Urteil weitergestrickt: An der weltweiten Zunahme der verelendeten Massen sieht man eindeutig, die Anzahl der Menschen ist das Problem!

Andererseits gilt diese Sichtweise heutzutage keineswegs als verwerflich. Ihr Zynismus ist nämlich mit dem Realismus der imperialistischen Welt identisch. Deshalb hat er nicht nur alle Debatten der Konferenz beherrscht, sondern auch allen wohlmeinenden Menschfreunden eingeleuchtet. Zynismus wollen die höchstens beim Papst entdecken. Und sie wittern ihn überall dort, wo noch jemand bestreitet, daß es sich bei der weltweiten Überbevölkerung um eine quasi naturgesetzliche Katastrophe handelt, deren Eindämmung das „Engagement der gesamten Völkerfamilie“ fordert. Dann steht jeder moralische Mensch nämlich mit dem Hinweis auf der Matte, daß gerade im Interesse der elenden verhungernden Massen der Vermehrung der Menschheit Einhalt geboten werden müsse. Es ist also der reine Humanismus, die Menschheit wegen ihrer unverantwortlichen Massenhaftigkeit nach den vornehm ausgedrückten Gesichtspunkten der Schädlingsbekämpfung zu betrachten. Als realistisch und zudem moralisch unanfechtbar ins Recht gesetzt ist diese Betrachtungsweise dadurch, daß sie UNO-Standpunkt ist, also von der Instanz beglaubigt, die überhaupt für die Idealisierung der imperialistischen Welt zur natürlichen Ordnung zuständig ist. Damit ist Zynismus das moralische Gebot der Stunde.[24]

c) In diesem Sinne wurden dann in Kairo lauter Programme zur Eindämmung der „Bevölkerungsflut“ zur Debatte gestellt und Streit darüber geführt, was auf diesem Felde zweckmäßig, was verwerflich bis sittenwidrig ist. Denn eines war immer klar: Es geht bei diesem Thema um Verhaltensänderung, noch dazu im schlecht kontrollierbaren Intimbereich. Gestritten wurde daher immer und von allen Seiten moralisch, also im Namen der höchsten Menschenrechte: der Emanzipation der Frau, der Freiheit zur Selbstbestimmung…

Als große menschenfreundliche Entdeckung wurde zum Beispiel folgender Übergang von der welthistorischen Auftragslage zu einem modernen Frauenbild gefeiert:

„Die persönliche Entscheidung über die Größe der eigenen Familie und die Abstände zwischen den Geburten der Kinder ist ein Menschenrecht… Entscheidungsfreiheit ist Voraussetzung für einen Ausgleich zwischen der Bevölkerungsentwicklung und den nur begrenzt verfügbaren natürlichen Ressourcen, von denen die Menschen leben. Werden Hindernisse für eine freie Entscheidung aus dem Weg geräumt, so werden die Familien kleiner und das Bevölkerungswachstum langsamer sein… In diesem Zusammenhang kommt den Frauen eine besondere Rolle zu, indem sowohl ihr gegenwärtiger als auch ihr zukünftiger Beitrag zur menschlichen Entwicklung Anerkennung findet. Die Unsichtbarkeit der Individualität der Frau – im Gegensatz zu ihrer Rolle als Ehefrau und Mutter – wird vielleicht schon bald beendet sein“ (Einleitung des Weltbevölkerungsberichts 1994, amerika dienst vom 24.8.94)

Man mag sich ja fragen, ob solche Statements nicht eher in ein feministisch angehauchtes soziologisches Seminar passen, als daß sie die Nöte einer afrikanischen Slumbewohnerin auch nur ahnungsweise tangieren, geschweige denn eine Abhilfe dafür in Aussicht stellen. Bloß kommt es darauf nicht an – denn mit diesem Gerede ist die gültige Betrachtungsweise des Überbevölkerungsproblems im Hinblick auf die passende Herangehensweise festgelegt: Das Problem einer zu großen Zahl von Menschen ist in ein Problem des falschen Vermehrungsverhaltens übersetzt. Von da aus lassen sich dann lauter Programme debattieren, wie den Massen dieses letztlich „für uns alle“ schädliche Fortpflanzungsverhalten abzugewöhnen wäre. Unter allerhöchsten moralischen Ehrentiteln fand folglich ein reger Austausch von Manipulationsideen statt.

In diesem Sinne lautet die allseits gelobte zentrale Botschaft der Konferenz: Man muß bei der „Rolle der Frau“ ansetzen, die ja bekanntlich beim Kinderkriegen nicht unerheblich ist. Heftig wird die „Emanzipation der Frauen in den Entwicklungsländern“ gefordert – und alle aufgeklärten Konferenzteilnehmer und -beobachter sind begeistert. Ab da wird überhaupt nur noch in Termini der Frauenbewegungen Mitteleuropas und Nordamerikas schwadroniert. Termini, die schon in den Ländern, in denen sie erfunden wurden, einigermaßen lächerlich wirken, sobald man dabei nicht mehr an die Karrierefrauen denkt, die sie gerne im Munde führen, sondern an die Frauen der unteren Klassen. Vollends grotesk wird es aber, wenn Forderungen wie „Mehr Macht den Frauen“, „Emanzipation statt Pille“ (Süddeutsche Zeitung vom 3.9.94), „Eröffnung anderer Lebenschancen als die der Mutterschaft“ (Frankfurter Rundschau vom 6.9.94) den verelendeten Frauen der 3.Welt nahegebracht werden sollen. Ohne ein bißchen gesellschaftliche Basis hängt der schönste ideologische Überbau nunmal ziemlich peinlich in der Luft.

Eine dumpfe Ahnung davon scheinen auch die in Kairo versammelten Freunde der Frauenemanzipation gehabt zu haben. Sie haben sich nämlich auch der Frage gewidmet, welche Bedingungen erfüllt sein müssen, damit die Emanzipation der Frauen – als Bedingung für den erwünschten Geburtenrückgang – vorankommt. Fündig geworden ist man in zweierlei Hinsicht: Auf der Suche nach Hindernissen für eine selbstbewußt frauenfreundliche Schwangerschaftsverhütung hat man sich zu der Erkenntnis vorgearbeitet, daß sich gescheite Frauen keine Kinder anhängen lassen[25] – und sei es, weil Schularbeiten ihnen keine Zeit für Mutterfreuden lassen:

„Mehr Rechte für Frauen zu verlangen ist nicht eine Frage der Überzeugung, sondern schlicht Gebot des Faktischen: Jedes Jahr, das ein Mädchen länger zur Schule geht, bedeutet weniger Kinder.“ (Reymer Klüver, Süddeutsche Zeitung vom 3.9.94)

Eine gelungene Neudefinition der Notwendigkeit von weltweiten Bildungsprogrammen: Nicht damit die Massen in der 3. Welt ihre Lebensumstände verbessern können, sondern ein bißchen Bildung, damit die störenden Massen endlich weniger werden. Dieser Zweckbestimmung wird sich „faktisch“ nicht einmal der größte Emanzipationsmuffel entziehen können; dessen ist sich der Mann von der Süddeutschen ganz sicher.

Ganz in diesem Sinne wurde zweitens auch auf den Zusammenhang zwischen Armut und Kindersegen hingewiesen. Genauer gesagt: Es wurde die Armut als ungünstige Bedingung für Geburtenkontrolle entdeckt:

„Das Aktionsprogramm der Vereinten Nationen … weist bereits in die richtige Richtung. Zu diesen Zielen gehören in den Ländern des Südens: Der Aufbau einer nationalen Gesundheitsversorgung, in die Familienplanungs- und Beratungssysteme integriert sind; quantitative und qualitative Verbesserung der nationalen Bildungssysteme. Erträgliche Lebensverhältnisse sind dafür Voraussetzung.“ (Detlef Franke, Frankfurter Rundschau vom 5.9.94)

Hier steht die Welt schon einigermaßen auf dem Kopf: Naiverweise könnte man denken, die Schaffung von „erträglichen Lebensverhältnissen“ wäre doch ein lohnendes Ziel, mit dessen Verwirklichung sich auch kein „Bevölkerungsproblem“ mehr stellen würde. Nach der in Kairo angewandten Logik wird umgekehrt gedacht: Was muß alles vorhanden sein, damit die verarmten Hungerleider endlich weniger werden?! Dann ist die Sache mit der „Voraussetzung“ klar: Man braucht als erstes eine emanzipierte Frau, die den quengelnden Alten zu Hause auch mal in seine Schranken weist; dazu braucht es Familienplanungs- und Beratungszentren; und als Bedingung dafür taucht am Ende die Armutsbekämpfung auf – als hinterletzte Bedingung dafür, daß die Armen der Welt ihre Anzahl aus freien Stücken selber reduzieren. Gleichzeitig hat man damit allen Realisten einen sachdienlichen Hinweis gegeben, daß das mit dem Wenigerwerden (so leicht) wohl nicht zu machen sein wird.

Endgültig Kopf steht die Welt bei folgendem hochoffiziellen Einfall:

„Nicht so sehr ein Mangel an Lebensmitteln als vielmehr einer an Kaufkraft wird denn auch allgemein als Grund für Unter- bzw. Fehlernährung angesehen. Es ist also die Armut, die trotz einer Sättigung des globalen Bedarfs national und lokal zu Mangel führt. Innerhalb des häuslichen Bereichs haben Männer und ältere Söhne ein Erstrecht auf jegliche Art von Lebensmitteln. Frauen und Kinder, insbesondere kleine Mädchen, sind als erste von Unter- bzw. Fehlernährung betroffen. … Weiterhin fordert die Organisation eine Vermehrung der Ressourcen, die den Frauen zur Verfügung stehen. Oft ist nämlich in der Vergangenheit vernachlässigt worden, daß die Versorgung mit Nahrungsmitteln in der Verantwortung der Frauen liegt. Auch die Entwicklung des Humankapitals, unter Einschluß von Bildung und Gesundheitsversorgung stellt einen wichtigen Schritt dar.“ (Einleitung des Weltbevölkerungsberichts 1994, amerika dienst v. 24.8.94)

Erst wird die Armut richtig als Mangel an Kaufkraft bestimmt. Wo der herkommt, bleibt allerdings im Dunkeln. Statt dessen ist diese Feststellung dann wieder völlig egal, denn letztendlich scheint sich die Sache in einen Geschlechterkampf aufzulösen, bei dem sich alles um die Frage dreht, welches Familienmitglied dem anderen die ewig zu knappen Lebensmittel wegfuttern darf. Wobei es offensichtlich schon als gewisser Fortschritt gilt, wenn in Zukunft eher die kleinen Jungs als die kleinen Mädchen – oder doch zumindest beide gleichermaßen – von Unterernährung betroffen sind. Jedenfalls ist nach Auffassung der UNO schon mal viel gewonnen, wenn die Ressourcen zugunsten der Frauen umverteilt werden. Etwas im Unklaren bleibt, ob die Frauen schon die ganze Zeit die Verantwortung für die Versorgung mit Nahrungsmitteln tragen – und nur die chauvinistischen Experten von der UNO diese Tatsache übersehen hatten. Dann wäre die ungleichmäßige Fütterung von Jungs und Mädchen letztlich weibliches Werk. Oder ob uns die UNO sagen will, eigentlich wäre es der weiblichen Natur entsprechend, die Verantwortung für die Lebensmittelversorgung zu tragen, man(n) hat sie nur bisher nicht gelassen. Das ist aber auch völlig nebensächlich – die beabsichtigte Botschaft bleibt sowieso die gleiche: Der Kampf gegen Hunger und Überbevölkerung in der Welt wird ab jetzt mittels „Stärkung des Selbstbewußtseins der Frauen“ geführt. Und zwar durch „Entwicklung ihres Humankapitals“ – angesichts dieses Einfalls weiß man wirklich nicht, ob man sich eher totlachen oder wundern soll über den abgebrühten Zynismus der Verfasser solcher Zeilen: Es ist schon ein schlechter Witz, bei vom Kapital benutzten Arbeitern von deren Arbeitskraft als „Humankapital“ zu sprechen. Der Witz wird noch schlechter, wenn hierzulande Langzeitarbeitslosen ohne Chancen auf Wiedereinstellung empfohlen wird, ihr „Humankapital“ durch „Weiterbildung“ zu pflegen. Endgültig irrenhausreif wird die Vorstellung von der menschlichen Arbeitskraft als Kapital bei Leuten, deren Elend seinen Grund gerade darin hat, daß der kapitalistische Weltmarkt sie für absolut nutzlos erklärt hat.

Entsprechend sehen die vielgelobten Musterbeispiele für die „Entwicklung des weiblichen Selbstwertgefühls“ in der 3. Welt dann auch aus.

„Zwischen Bergen von Baumwollfetzen: Lektionen für das Leben. In Mokattam, einem Elendsviertel der Millionenstadt Kairo, kann ein Programm bescheidene Erfolge bei der Familienplanung vorweisen.“ (Frankfurter Rundschau vom 13.9.94)
„Die Zukunft hat ein Patchwork-Muster. Eine private Initiative zeigt, wie effizient maßgeschneiderte Hilfe sein kann und daß bei der Überwindung des Elends die Rolle der Frauen entscheidend ist.“ (Süddeutsche Zeitung vom 14.9.94)

Fast alle Blätter haben begeistert vom selben Projekt berichtet – übermäßig viel Auswahl an solchen „Musterprojekten“ scheint es also nicht zu geben. Aber davon einmal abgesehen, wovon ist die Rede? Auf den stinkenden Müllbergen Kairos leben 20000 Menschen, von denen dürfen 320 Frauen und halbwüchsige Mädchen sich in einem „Web- und Patchwork-Projekt“ ein paar Pfund im Monat verdienen. Es handelt sich also um eine dieser caritativen 3.-Welt-Vorzeige-Veranstaltungen, die zwar absolut nichts an der Lage der dortigen Massen verändern, aber, nach Auskunft der Leiterin des Projekts, zeigen, „daß es auch inmitten des Mülls eine Menge Lebensfreude gibt“. Und es handelt sich eben neuerdings auch, nach Auskunft aller Beobachter, um einen klassischen Fall, an dem man lernen kann,

„was empowerment, mehr Rechte für Frauen, wie sie auf der Weltbevölkerungskonferenz hier in Kairo gefordert werden, im Leben einer Frau der Dritten Welt wirklich bedeuten.“ (Süddeutsche Zeitung vom 14.9.94)

Um Mißverständnissen vorzubeugen, das meint der Mann vom liberalen Münchner Weltblatt durchaus nicht kritisch. Im Gegenteil, er hält diese Sorte „Frauen-Power“ für einen vielversprechenden Beitrag zur Bekämpfung des Bevölkerungswachstums:

„Es ist der Job, es ist das Geld, das den Frauen das Recht gibt, nein zu sagen, nein zu dem Wunsch der Männer nach mehr Kindern. Wenn ihnen die Pfundnoten in ihre kleinen, roten, heißen Hände ausbezahlt werden, dann gibt das den Frauen Selbstvertrauen und verschafft ihnen schließlich den Respekt ihrer Männer.“ (a.a.O.)

Was liegt hier vor? Wird in einem Anfall von Ehrlichkeit das hohe Ideal der weiblichen Selbstbestimmung auf die schnöde Gleichung zurückgeführt: Geld schafft Freiheit? Oder handelt es sich mehr um den Ausdruck eines feministischen Fimmels, der die Armut in den Slums im wesentlichen als sexuelles Ausgeliefertsein der Frauen an die ewig geile Männermafia bestimmt? Oder ist es doch eher der Blickwinkel des aufmerksamen Zoologen auf eine exotische Gattung, wo die Weibchen auf den Geldreiz in „ihren heißen, roten Händchen“ mit vermindertem Paarungsverhalten reagieren? Wie auch immer, von der Art sind die Manipulationsideale, von denen sich besorgte Bevölkerungsexperten eine Steuerung des Vermehrungsverhaltens der überflüssigen Massen versprechen.

Und genau in diesem Sinne ist auch das neue Paradigma von Entwicklung zu verstehen, das die Chefin des UN-Bevölkerungsfonds auf die Formel brachte: Alles ist Entwicklung, was den einzelnen mehr Wahlfreiheit gibt. Selbst der Frankfurter Rundschau ist daran aufgefallen, daß damit die alten Entwicklungsideale der letzten Jahrzehnte ad acta gelegt werden:

„In dieser Neudefinition meint Entwicklung nur noch Entfaltung der Fähigkeiten und Möglichkeiten der einzelnen durch Investitionen in menschliche Ressourcen“ (Frankfurter Rundschau vom 13.9.94)

Verabschiedet ist der Idealismus, durch eine nachhaltige Verbesserung der Lebensumstände die Möglichkeiten der Menschen der 3. Welt zu entwickeln. Jetzt heißt es: Die (weiblichen) Massen sollen ihr Selbstbewußtsein entwickeln. Der einzige Inhalt eines ordentlichen selbstbestimmten Bewußtseins steht dabei fraglos fest: Reduzierung des menschlichen Überschusses auf der Welt. Das ist nicht nur der Inbegriff der freien Selbstentfaltung, sondern auch der Inbegriff der Menschlichkeit, weil eine Verbesserung der Lebensumstände der verelendeten Massen einfach nicht auf dem Programm der maßgeblichen Instanzen steht.

4

Die UNO-Konferenz in Kairo hat den gültigen Zusammenhang zwischen Überbevölkerung – nämlich in der 3. Welt – und „Entwicklung“ hergestellt: Entwicklung ist definiert worden als Kampf gegen das Überbevölkerungsproblem. Zusammen mit allen anders lautenden Entwicklungsideologien ist einmal mehr der Standpunkt verabschiedet worden, aus den Ländern der sogenannten 3./4. Welt wären jemals vollwertige Teilhaber der kapitalistischen Weltwirtschaft zu machen.

a) Gefeiert wurde anläßlich der Kairoer Weltbevölkerungskonferenz die große Übereinstimmung der „UNO-Staatenfamilie“ bezüglich der Diagnose, daß die Welt unter einer katastrophalen Überbevölkerung leidet. Auch die Staaten, auf deren Gelände sich nach dieser Diagnose im wesentlichen völlig nutzlose Menschen herumtreiben, haben sich dieser Sichtweise angeschlossen. Das war nicht immer so.

„Die am 5. September 1994 eröffnete, von den Vereinten Nationen veranstaltete Konferenz ist die dritte Bevölkerungskonferenz in 20 Jahren, aber die erste, bei der Industrienationen und Entwicklungsländer uneingeschränkt über die Notwendigkeit zur Verlangsamung des Bevölkerungswachstums übereinstimmen.“ (Beschlüsse der Kairoer Konferenz, amerika dienst vom 21.9.94)

Bis dieser wunderbare weltweite Konsens erreicht wurde, hat es 40 Jahre imperialistische Entwicklungspolitik und den Sieg der freien Marktwirtschaft über die östliche Systemalternative gebraucht.

In den frühen 70er Jahren waren die Staaten der 3. Welt nämlich durchaus nicht bereit, ihre eigene Bevölkerung als überflüssige, nutzlose Massen abzuschreiben. Sie haben sie vielmehr als zu entwickelndes Potential für ihre ehrgeizigen nationalen Projekte betrachtet und das damals von den westlichen „Industrieländern“ bereits ausgerufene „Überbevölkerungsproblem“ als Verschleierung einer „ungerechten Weltwirtschaftsordnung“ kritisiert und zurückgewiesen.

„Bei der ersten Konferenz 1974 in Bukarest bekämpften die Entwicklungsländer die von der industrialisierten Welt vorgebrachte Idee, daß Armut durch eine Verringerung der Fertilitätsrate bekämpft werden könnte. Die Entwicklungsländer argumentierten, Wirtschaftswachstum sei der Schlüssel zur Stabilisierung der Bevölkerung und Entwicklung die beste Empfängnisverhütung.“ (a.a.O.)

Die damals noch real existierende sozialistische Gegenmacht, die gegen die westlichen Führungsmächte um Einflußsphären in aller Welt konkurrierte, hat diesem Entwicklungsidealismus seinerzeit einen gewissen Realismus verliehen:

„Die meisten Entwicklungsländer, unterstützt von den kommunistischen Staaten, waren damals nicht bereit, die Kontrolle des Bevölkerungswachstums als integralen Bestandteil ihrer Entwicklungsprogramme festzuschreiben. Die Forderungen nach einer neuen Weltwirtschaftsordnung und dem Abschluß der Entkolonialisierung sowie der Kampf gegen die Apartheid rangierten höher auf der politischen Traktandenliste.“ (Neue Zürcher Zeitung vom 28.8.94)

Zehn Jahre später – 1984 bei der zweiten Bevölkerungskonferenz in Mexiko – war bereits eine deutliche Entwicklung der Bewußtseinsbildung bei den Administrationen der Länder der 3. Welt zu verzeichnen: Sie hatten mehr und mehr von der Vorstellung Abstand genommen, daß ihre heimischen Bevölkerungen je zum umfassend benutzbaren Menschenmaterial von Nationalökonomien werden könnten, die sich mit denen der führenden Weltwirtschaftsmächte vergleichen könnten. In einer wachsenden Bevölkerung sahen sie deshalb keine „Reichtumsreserve“, sondern eher eine Last.

„Zum Zeitpunkt der zweiten Konferenz 10 Jahre später in Mexiko waren die meisten Entwicklungsländer zu der Ansicht gelangt, daß rasches Bevölkerungswachstum ein Problem sei. Sie wurden in dieser Meinung von der Mehrzahl der Industrienationen unterstützt, nicht jedoch den Vereinigten Staaten.“ (Beschlüsse der Kairoer Konferenz, amerika dienst v. 21.9.94)

Die USA unter Ronald Reagan hatten nämlich zum letzten großen Befreiungsschlag gegen das „Reich des Bösen“ aufgerüstet. Es galt der Standpunkt: Wenn erst überall der Sozialismus weggeputzt ist, entstehen ganz selbstverständlich überall die berühmten blühenden Landschaften, und alle Menschheitsprobleme sind durch die weltweite Einführung von Marktwirtschaft und Demokratie gelöst! Zwar blieben

„die USA der Reagan-Ära … mit ihrer ultraliberalen Haltung, die freie Marktwirtschaft werde automatisch auch das Problem des Bevölkerungswachstums lösen, (bei der Bevölkerungskonferenz in Mexiko) isoliert.“ (Neue Zürcher Zeitung vom 28.8.94)

Aber das machte der Führungsmacht der freien Welt zu dieser Zeit nichts aus. Als ideologischen Überbau zu ihrer imperialistischen Großoffensive leistete sie sich eine Extraportion moralischen Fundamentalismus:

„Die Administration von Präsident Reagan lehnte damals den Schwangerschaftsabbruch ab und kürzte die finanzielle Unterstützung für Familienplanungsprogramme“ (a.a.O.)

Es versteht sich von selbst, daß ihre „Isolation“ die Weltmacht USA damals nicht daran gehindert hat, das Schlußdokument der Konferenz maßgeblich zu bestimmen.

Im nächsten Jahrzehnt hat sich dann gezeigt, daß nach der Kapitulation des sozialistischen Blocks und der weltweiten Durchsetzung der Segnungen der Marktwirtschaft alles mögliche entstanden ist, bloß keine prosperierenden Gemeinwesen in aller Welt, geschweige denn eine Linderung des weltweiten Elends. Dieses Elend wird jetzt als „die tickende Zeitbombe“ für den weiteren Fortschritt der gesellschaftlichen Verhältnisse definiert, die es hervorbringen. Darüber hat in Kairo Einigkeit geherrscht zwischen den Führungsmächten der Welt und den Staaten der zweiten und dritten Garnitur. Deren Führungspersonal bekam denn auch aus berufenem Munde ein großes Lob für seinen Realismus in Sachen Entwicklung:

„Die deutschen und französischen Delegierten sprachen bei ihrer Pressekonferenz auch über das dramatische Umdenken bei Bevölkerungsfragen. ‚Die Länder sind seit damals (der Konferenz von Mexiko) zu der Erkenntnis gelangt, daß das Bevölkerungswachstum eine Bedrohung der realen Entwicklung darstellt‘, erklärte Claude Harrel, ein französischer Diplomat.“ (amerika dienst vom 21.9.94)

Die reale Entwicklung dieser Länder besteht nunmal darin, daß sie so, wie sie heutzutage für die Bedürfnisse des weltweiten Geschäfts hergerichtet sind, in der Weltwirtschaftsordnung ihren Platz haben. Diese Lehre haben auch die dortigen Führungseliten aus den Resultaten der „Entwicklungsära“ gezogen: Das eigene Volk ist gemessen an den paar Diensten, die in diesen Regionen für das kapitalistische Geschäft und seine staatlichen Hüter nachgefragt und entlohnt werden, unproduktiver, störender Überschuß.[26]

b) Im Geiste dieses neuen unstrittigen Realismus hat sich die in Kairo versammelte „Völkerfamilie“ auf ein paar Programme zur Reduzierung ihrer Bevölkerungslast verständigt – wer aus der „Familie“ wieviel dafür zahlt, darüber wird noch ein bißchen gestritten. Aber das ist beinahe schon nebensächlich. Denn erstens sind die Summen, um die es geht, angesichts der beschworenen Problemlage eher lächerlich.[27] Und zweitens sind diese Programme nicht so zu verstehen, daß in den Ländern der 3. Welt demnächst rigorose Bevölkerungs-Reduzierungsprogramme durchgezogen würden. Es werden wohl ein paar zusätzliche Kondom-Ausgabestellen entstehen. Und jeder Brunnen, der im Rahmen der abgespeckten Entwicklungshilfeprogramme irgendwo in der 3. Welt von den Eingeborenen gebuddelt wird, läuft in Zukunft höchstwahrscheinlich unter dem Titel „Hilfe zur Selbsthilfe bei der Entwicklung von weiblichem Selbstbewußtsein“. Aber das wird es dann so ungefähr gewesen sein.

Es ist nämlich überhaupt nicht abzusehen, daß die betroffenen Staaten selbst ernsthaft vorhaben, Menschenzahl und Benutzbarkeit über die Reduzierung der Bevölkerung in Einklang zu bringen. Die mittlerweile durchgesetzte ideologische Rechtfertigung dafür, so etwas trotz aller behaupteten Not und Notwendigkeit im Ernst gar nicht in Angriff zu nehmen, lautet so: Das wäre menschenverachtende Gewalt! Das gerne zitierte abschreckende Beispiel heißt: China unter Mao mit seiner gewaltsam durchgezogenen Politik der Ein-Kind-Familie. Die Wahrheit ist, daß ein praktisch ernsthaft wahrgemachtes Bevölkerungsanpassungs-Programm auch ein ernsthaft durchgeführtes nationales Entwicklungsprogramm unterstellt, an das die Bevölkerungszahl angepaßt werden soll.[28] Von einem so gearteten Entwicklungsstandpunkt haben sich die in Kairo versammelten Entwicklungsländer längst verabschiedet. Der Realismus, für den ihre Vertreter von den Diplomaten der Führungsmächte gelobt werden, heißt im Klartext: Die Regierungen der Dritt-Welt-Staaten haben sich der Definition ihrer Länder durch die imperialistischen Nationen angeschlossen – und die sieht heute folgendermaßen aus:

c) Mit dem Ende der real-sozialistischen Gegenmacht hat sich der Standpunkt der imperialistischen Mächte zu den Staaten der 3. Welt geändert. Das früher alles beherrschende strategische Interesse, gegen die östliche Alternativmacht in jedem Winkel des Globus Einflußsphären zu sichern, ist entfallen. Entfallen ist damit der jahrzehntelang gültige Gesichtspunkt der fraglosen Nützlichkeit von westlicher „Aufbauhilfe“ für die dortigen Staatsgewalten:

„Zur Zeit überprüfen und reorganisieren wir unsere gesamte Auslandshilfe. Dieses Geld ist eben nicht mehr länger ein Kind des Kalten Krieges. Früher war es doch so: manche Länder erhielten nur deshalb Hilfe, weil sie den USA erlaubten, ihre Kampfflugzeuge dort zu stationieren oder ihre Fregatten und Zerstörer passieren zu lassen. Das ist jetzt vorbei.“ (Timothy Wirth, stellvertretender US-Außenminister für Globale Fragen, in Zeit-Punkte Nr.4/94)[29]

Da diese übersichtlichen Zeiten jetzt also vorbei sind, drängen sich den imperialistischen Staaten neue Kosten-Nutzen-Rechnungen bezüglich des Erhalts von Staatlichkeit in den Ländern Afrikas, Lateinamerikas und Asiens auf, die früher so nicht üblich waren.[30] Für die meisten Länder dieser Regionen kann über das bißchen längst gelaufener Integration in den Weltmarkt hinaus einfach kein positiver imperialistischer Verwendungszweck ausgemacht werden. Sie sind abgeschrieben als „Problemzonen“, die ihre Zukunft als „Entwicklungsländer“ hinter sich haben. Dieser Standpunkt prägt erst recht den Blick auf die Völker in diesen Ländern. Mit dem Urteil: „Zuviele Menschen!“ ist alles über sie gesagt – sie stören. Sie stören ihre eigene Obrigkeit als nutzloser Ballast – und sie stören die imperialistischen Hauptmächte.

Für die fällt die globale Überbevölkerung mehr denn je unter die Rubrik „Ordnungs- und Sicherheitsprobleme“:

„Am schnellsten kommen wir voran, wenn wir überall auf der Welt Sicherheit schaffen. Und ein Weg dorthin ist, die Weltbevölkerung zu stabilisieren.“ (Timothy Wirth, a.a.O.)

Inwiefern die Hungerleider der 3.Welt die Sicherheit der USA oder der europäischen Mächte bedrohen könnten, bebildert der stellvertretende US-Außenminister folgendermaßen:

„Schauen Sie doch in Ihren eigenen Hinterhof: Deutschland ist einem extremen äußeren Bevölkerungsdruck ausgesetzt – von Menschen, die hungrig und elendig wie durch ein Schaufenster in Ihr Land blicken.“ (a.a.O.)

Für die Lösung dieses „äußeren Drucks“ verlassen sich Mächte wie Deutschland und die USA allerdings bekanntlich nicht auf „Weltbevölkerungs-Stabilisierungsprogramme“, sondern auf ihre bewaffneten Grenzschützer und auf mit den aktuellen Abschiebegesetzen vertraute Juristen.[31] Ihre durchaus erfolgreiche gewaltsame Abwehr von „Wirtschaftsflüchtlingen“ hindert die Weltmächte jedoch nicht daran, mindestens die Hälfte der Weltbevölkerung als mögliches Flüchtlingsproblem zu betrachten. Für diese Betrachtungsweise ist es auch völlig unerheblich, daß der Großteil dieser Massen nie und nimmer in der Lage ist, sich bis zu den streng abgeschirmten Grenzen der „Industrienationen“ vorzukämpfen. Die Hauptmächte der Weltwirtschaft sehen sich in einem viel globaleren Sinn umzingelt: umgeben von „Problemzonen“ und „Unruheherden“; von Ländern, für die allesamt das Urteil gilt: „Zuviele Menschen!“, und von Staaten, auf die nicht einmal mehr in der Frage einer zuverlässigen Grenzsicherung Verlaß ist – sogar diese elementare Dienstleistung bleiben manche Souveräne den imperialistischen Metropolen schuldig!

„Der Bevölkerungsdruck enttäuscht oft die Hoffnung auf Stabilität auf nationaler und internationaler Ebene. Denken Sie beispielsweise an das Problem der 20 Millionen Flüchtlinge, mit dem die Welt fertigzuwerden versucht. Die Zunahme grenzüberschreitender Wanderbewegungen wird teilweise durch das umweltschädigende Bevölkerungswachstum herbeigeführt. Man kann nicht sagen, daß schnelles Bevölkerungswachstum an sich Grund für Instabilität in einer Gesellschaft darstellt. Man sollte jedoch feststellen, daß Ruanda im vergangenen Jahr das Land mit der höchsten Bevölkerungsdichte war. Und es ist auch nicht unwichtig, daß Somalia die schnellste Wachstumsrate der Bevölkerung in ganz Afrika verzeichnet… Die nigerianische Bevölkerung hat sich in den vergangenen 40 Jahren verdreifacht…“ (Erklärung des US-Vizepräsidenten Al Gore zur Weltbevölkerungskonferenz, amerika dienst v. 31.8.94)

Was der Mann hier mit seiner Tour – „man kann zwar nicht sagen, man muß aber festhalten“ – zu Protokoll gibt, ist eine interessante Neudefinition der Ursache der weltpolitischen Ordnungsprobleme, an denen die imperialistische Führungsmacht nach dem Ende der Ost-West-Konfrontation leidet: Wenn Bürgerkriege als Konsequenz einer zu großen Menschenmasse besprochen werden – und nicht mehr als Machenschaften von „bösen Cliquen“, die die Weltpolizei unter US-Führung absägen muß –, dann distanziert sich der Imperialismus in aller Form von den Resultaten seines weltweiten Wirkens. Er paßt nach wie vor auf alles auf, sieht sich aber nicht länger zum Eingreifen – zum „nation-building“ – herausgefordert, sondern macht die betroffenen Menschen dafür haftbar: Die sind „zuviele“ – was soll man da machen? Euthanasie ist nicht im Programm; also liegt ein unlösbares Ordnungsproblem vor, das die zuständigen Staaten mit sich ausmachen müssen: Das setzen imperialistische Ordnungsstifter in ihren verkommenen „Hinterhöfen“ durch.

Das Urteil „zuviele Menschen“ zeugt von einer doppelten Entscheidung der Instanzen, die gewohnt sind die ganze Welt zu betreuen. Der erste Beschluß betrifft das offenkundige Ergebnis des politökonomischen Umgangs mit der Mehrheit der Menschheit. Der Gang der Geschäfte, die Ausnützung jeder Weltgegend und ihre gelegentliche Stillegung als Manövriermasse für Handel und Wandel hat dazu geführt, daß haufenweise hungerleidende Völker unterwegs sind. Dies wird als Resultat einer bedauerlichen aber auch unvermeidlichen Auslese zu Protokoll genommen und ein Verursacher bzw. ein Grund wird weder gesucht noch gefunden. Andererseits kennt man einen Grund ganz genau: Die Überbevölkerung, die bedauerlich ist, weil so manchem Staatenlenker die Präsenz unbrauchbarer Massen Probleme bereitet, gibt es, weil es an menschlichen und staatlichen Strategien ihrer Vermeidung fehlt. Darüber, daß es solche Strategien ihrer Vermeidung bedarf, wenn man die Gefahren, die Unwägbarkeiten, die Risiken eines weltweiten Miteinander auf kapitalistischer Grundlage ernstnimmt, war der allseits begrüßte „Nord-Süd-Konsens“ auf der Kairoer Konferenz.

Wir sind um einen Fall des postmodernen Phänomens reicher geworden, das Problembewußtsein heißt und nichts und niemanden ändert. Für die globale Fassung der im Kapitalismus unvermeidlichen Symbiose von zielsicher produzierter Armut und sozialem Gedanken gibt die UNO eine Konferenz nach der andern aus: Der Weltarmutsgipfel und der Weltfrauengipfel sind bereits in Vorbereitung…

[1] Im Jahre 1798 – es lebte etwa eine Milliarde Menschen auf der Erde – publizierte der englische Pastor Thomas Robert Malthus … einen … Essay… Der erst 32 Jahre alte Gelehrte wollte den von der Französischen Revolution inspirierten sozialrevolutionären Bestrebungen Paroli bieten und führte aus, daß es unmöglich sei, die Lage der niederen Stände zu verbessern. Die Begründung: Die Bevölkerung wachse in geometrischer Progression (2,4,8,16…), die Produktion von Nahrungsmitteln aber nur in arithmetischer (2,4,6,8…). Da die Menschen offenbar auf die Verbesserung ihrer wirtschaftlichen Lage mit hemmungsloser Vermehrung reagierten, sei es sittlich fragwürdig, das Los der Unterschichten zu verbessern… Als Ausweg aus dem Dilemma propagierte der Gelehrte die Variante, die der Papst noch heute predigt: die Enthaltsamkeit… Die Skepsis von Malthus gegenüber den Möglichkeiten, ein Paradies auf Erden zu schaffen, hat ihm im Zeitalter der Klimakatastrophe zu neuer Aktualität verholfen. (Michael Sontheimer, Zeit-Punkte Nr. 4/94). „1985 lebten fast 40 Prozent der Weltbevölkerung – und das waren 2,4 Milliarden Menschen – in den niedrigsten Einkommensgruppen bis 480 Dollar. Auch diese Bevölkerungsmasse müßte sich aus der absoluten Armut noch herausschaffen und geburtensenkende Tendenzen zeigen, um sich nicht in ca. 25 Jahren ebenfalls zu verdoppeln. Da ihr aber die Mittel dazu fehlen, dürfte hier der Fall der malthusianischen Falle oder Armutsfalle eintreten – so benannt nach Thomas Robert Malthus, Theologe und Ökonom, der 1798 als erster der Menschheit ein Bevölkerungsdilemma prophezeite. Ihre Vermehrung würde immer rascher vor sich gehen, als Nahrung beschafft werden könnte. Nur durch Sittenstrenge wäre dem Wettlauf zwischen Storch und Pflug zu entkommen. Karl Marx hat wüst auf Malthus eingeschlagen, weil er revolutionierbare Zustände in natürliche Gegebenheiten rückübersetzt habe. Nun sieht es so aus, als ob Malthus nach dem 19. nun doch wieder das 21. Jahrhundert prägen wird.“ (Josef Schmid, „Die wachsende Weltbevölkerung“, Beilage zur Wochenzeitung Das Parlament vom 2.9.94) Was Malthus interessant macht und zu ewiger Aktualität verhilft, ist nicht seine triviale, längst widerlegte Theorie, sondern die spezifische Gesinnung, um nicht zu sagen der Geist, der aus dieser in Wahrheit weder bevölkerungswissenschaftlichen noch in irgendeiner anderen Weise wissenschaftlichen Theorie spricht und der Widerspruch provoziert. Dieser Widerspruch äußert sich vor allem in der These, daß es überhaupt keine Bevölkerungsprobleme gebe, weil sämtliche gesellschaftlichen Probleme letztlich politisch bedingt seien. Als Idealist ist man versucht, dieser Sichtweise zuzustimmen. Aber um Idealist sein und bleiben zu können, muß man als Realist bestehen, und dies bedeutet, die idealistische Sichtweise abzulehnen, ohne damit Malthus in irgendeiner Weise recht zu geben. (Herwig Birg, „Weltbevölkerung, Entwicklung und Umwelt“, Beilage zur Wochenzeitung Das Parlament vom 2.9.94)

[2] Das mußten sich erst neulich die frisch in die Marktwirtschaft befreiten Zonis sagen lassen; die konnten noch so sehr auf in der Ostzone reichlich vorhandene Fabrikationsanlagen zur Produktion von allerhand nützlichem Zeug hinweisen, der abschlägige Bescheid lautete: nicht rentabel, kein Beitrag zum Wirtschaftswachstum, also überflüssig!

[3] Dieser Zustand ist heutzutage so selbstverständlich, daß auch „kritischen“ Menschen der Terminus „Arbeitergeber“ nicht die geringsten Probleme bereitet: Die Kapitalisten als selbstlose Diener der Menschheit, die das rare Gut „Arbeitsplatz“ zur Verfügung stellen. Das ist einerseits absurd, andererseits plausibel – in Verhältnissen nämlich, in denen sich die besitzlose Mehrheit ihren Lebensunterhalt nur beschaffen kann, wenn sie zum Dienst am Privateigentum herangezogen wird, wenn Arbeit also per se identisch mit Dienst an fremdem Reichtum ist.

[4] Auch davon können die befreiten Zonis ein Lied singen.

[5] Die landwirtschaftliche Produktion ist den Geschäftskriterien des Weltmarkts unterworfen – ob, wieviele und welche Lebensmittel produziert werden, und vor allem zu welchem Preis sie auf den Märkten zu erhalten sind, wird durch die Londoner Rohstoffbörsen, durch Beschlüsse der EG-Agrarkommission u.ä. bestimmt und nicht durch Dürre- oder sonstige Naturkatastrophen. Moralische Zeitgenossen können sich deshalb immer wieder darüber wundern oder aufregen, daß in deutschen Feinkostläden Delikatess-Böhnchen aus Äthiopien im Angebot sind, während gleichzeitig aus dieser Region eine „große Hungerkatastrophe wegen Dürre“ gemeldet wird.

[6] Wenn den modernen „Wiederentdeckern“ der „malthusianischen Falle“ nicht so viel an der Botschaft von Malthus liegen würde, hätten sie angesichts dessen, daß Malthus der Menschheit eine Bevölkerungskatastrophe bescheinigte, als die Weltbevölkerung bei ca. 1 Milliarde Menschen lag, statt auf „prophetische Weitsicht“ des Pfaffen zu schließen, auch gut und gerne zu dem Schluß kommen können, daß das „Überbevölkerungsproblem“ dann wohl nichts mit der absoluten Anzahl der Menschen zu tun haben kann.

[7] Ausschließlich als Mittel zur Verwohlfeilerung des Produkts betrachtet, ist die Grenze für den Gebrauch der Maschinerie darin gegeben, daß ihre eigne Produktion weniger Arbeit kostet, als ihre Anwendung Arbeit ersetzt. Für das Kapital jedoch drückt sich diese Grenze enger aus. Da es nicht die angewandte Arbeit zahlt, sondern den Wert der angewandten Arbeitskraft, wird ihm der Maschinengebrauch begrenzt durch die Differenz zwischen dem Maschinenwert und dem Wert der von ihr ersetzten Arbeitskraft. (Karl Marx, Kapital Bd. I, 13. Kap. „Maschinerie und große Industrie“, S.414)

[8] In der modernen Klassengesellschaft ist dieser Zustand dermaßen durchgesetzt, daß ihre Ideologen – einschließlich der Gewerkschaften – die doppelte Betroffenheit der Arbeiterklasse verfabeln in einen „neuen Klassengegensatz zwischen Arbeitsplatzbesitzern und Arbeitslosen“, aus dem sie dann im Namen der Solidarität ein weiteres Argument für Lohnverzicht ableiten.

[9] Wenn also die kapitalistische Anwendung der Maschinerie einerseits neue mächtige Motive zur maßlosen Verlängerung des Arbeitstags schafft und die Arbeitsweise selbst wie den Charakter des gesellschaftlichen Arbeitskörpers in einer Art umwälzt, die den Widerstand gegen diese Tendenz bricht, produziert sie andrerseits, teils durch Einstellung dem Kapital früher unzugänglicher Schichten der Arbeiterklasse, teils durch Freisetzung der von der Maschinerie verdrängten Arbeiter, eine überflüssige Arbeiterpopulation, die sich das Gesetz vom Kapital diktieren lassen muß. Daher das merkwürdige Phänomen in der Geschichte der modernen Industrie, daß die Maschine alle sittlichen und natürlichen Schranken des Arbeitstags über den Haufen wirft. Daher das Paradoxon, daß das gewaltigste Mittel zur Verkürzung der Arbeitszeit in das unfehlbarste Mittel umschlägt, alle Lebenszeit des Arbeiters und seiner Familie in disponible Arbeitszeit für die Verwertung des Kapitals zu verwandeln. (Karl Marx. Kapital Bd. I, 13. Kap. „Maschinerie und große Industrie“, S. 430.)

[10] Auch Leute, die auf bundesdeutschen Marktplätzen mit Schildern bekanntgeben „Nehme jede Arbeit!“, mußten die Erfahrung machen, daß sie sich ihren bedingungslosen Arbeitswillen an den Hut stecken können, wenn er sich gerade nicht für die Vermehrung des Kapitals benutzen läßt. Der Arbeitswille ist nämlich sowieso als Selbstverständlichkeit unterstellt in einer Gesellschaft, in der die überwiegende Mehrheit nur durch Dienst am Privateigentum ihren Lebensunterhalt bestreiten kann.

[11] Wenn aber eine Surplusarbeiterpopulation notwendiges Produkt der Akkumulation oder der Entwicklung des Reichtums auf kapitalistischer Grundlage ist, wird diese Übervölkerung umgekehrt zum Hebel der kapitalistischen Akkumulation, ja zu einer Existenzbedingung der kapitalistischen Produktionsweise. Sie bildet eine disponible industrielle Reservearmee, die dem Kapital ganz so absolut gehört, als ob es sie auf seine eigenen Kosten großgezüchtet hätte. Sie schafft für die wechselnden Verwertungsbedürfnisse das stets bereite exploitable Menschenmaterial, unabhängig von den Schranken der wirklichen Bevölkerungszunahme. (Karl Marx, Das Kapital, Bd. I, 23. Kap. „Das allgemeine Gesetz der kapitalistischen Akkumulation“, S.661.)

[12] Vgl. hierzu GegenStandpunkt 4-92, S.83, „Gründe und Besonderheiten der gegenwärtigen Weltwirtschaftskrise“, Unterkapitel „Was ist eine Krise“.

[13] Dieselben Umstände, die die Produktivkraft der Arbeit erhöht, die Masse der Warenprodukte vermehrt, die Märkte ausgedehnt, die Akkumulation des Kapitals, sowohl der Masse wie dem Wert nach, beschleunigt und die Profitrate gesenkt haben, dieselben Umstände haben eine relative Überbevölkerung erzeugt und erzeugen sie beständig, eine Überbevölkerung von Arbeitern, die vom überschüssigen Kapital nicht angewandt wird wegen des niedrigen Exploitationsgrads der Arbeit, zu dem sie allein angewandt werden könnte, oder wenigstens wegen der niedern Profitrate, die sie bei gegebenem Exploitationsgrad abwerfen würde. (Karl Marx, Kapital Bd. III, 15. Kap. „Entfaltung der inneren Widersprüche des Gesetzes“, S.266.) Der Pauperismus bildet das Invalidenhaus der aktiven Arbeiterarmee und das tote Gewicht der industriellen Reservearmee. Seine Produktion ist eingeschlossen in der Produktion der relativen Überbevölkerung, seine Notwendigkeit in ihrer Notwendigkeit, mit ihr bildet er eine Existenzbedingung der kapitalistischen Produktion und Entwicklung des Reichtums. Er gehört zu den faux frais der kapitalistischen Produktion, die das Kapital jedoch großenteils von sich selbst ab auf die Schultern der Arbeiterklasse und der kleinen Mittelklasse zu wälzen weiß. (Karl Marx, Kapital Bd. I, 23. Kap. „Das allgemeine Gesetz der kapitalistischen Akkumulation“, S.673.)

[14] In dem Begriff des freien Arbeiters liegt schon, daß er Pauper ist: virtueller Pauper. Er ist seinen ökonomischen Bedingungen nach bloßes lebendiges Arbeitsvermögen, also auch mit den Bedürfnissen des Lebens ausgestattet. Bedürfnissen nach allen Seiten hin, ohne objektives Dasein als Arbeitsvermögen zur Realisierung desselben. Kann der Kapitalist seine Surplusarbeit nicht brauchen, so kann er seine notwendige nicht verrichten; seine Lebensmittel nicht produzieren. Kann sie dann nicht durch den Austausch erhalten, sondern, wenn er sie erhält, nur dadurch, daß Almosen von der Revenue für ihn abfallen. Als Arbeiter kann er nur leben, soweit er sein Arbeitsvermögen gegen den Teil des Kapitals austauscht, der den Arbeitsfonds bildet. Dieser Austausch selbst ist an für ihn zufällige, gegen sein organisches Sein gleichgültige Bedingungen geknüpft. Er ist also virtueller Pauper. Da ferner die Bedingung der auf das Kapital gegründeten Produktion ist, daß er immer mehr Surplusarbeit produziert, so wird immer mehr notwendige Arbeit frei. Die Chancen seines Pauperismus vermehren sich also. Der Entwicklung der Surplusarbeit entspricht die der Surpluspopulation. (Karl Marx, Grundrisse, S. 497.)

[15] Vgl. hierzu: GegenStandpunkt 2-94, S.101, „Die Rolle der Demographie in der Politik“.

[16] Ein wirklich gelungenes Beispiel für den heute allgemein durchgesetzten Geisteszustand, der nicht mehr unterscheiden kann und will zwischen den herrschenden politökonomischen Verhältnissen und Naturgesetzen. Immerhin schafft es die Frau, völlig ungerührt zu Protokoll zu geben: Es ist für die malthusianische Schlußfolgerungen völlig egal, ob es das von Malthus behauptete Naturgesetz gibt, nach dem die Lebensmittelproduktion immer hinter dem Bevölkerungswachstum hinterherhinkt. Denn davon unabhängig gilt die aus diesem nicht existenten Gesetz gefolgerte Konsequenz: Verhungernde Menschenmassen sind eine ewige Naturkonstante des menschlichen Daseins – wenn nicht wegen Bodenknappheit, dann eben wegen „Geldknappheit“… So muß es sein: Das Getreide würde die Marktwirtschaft ja spendieren; aber kein Geld – das kommt von der Natur!

[17] Wie weit diese Sorte Gesundheitsfürsorge vom durchgesetzten Standpunkt der Volksgesundheit in den kapitalistischen Führungsnationen entfernt ist, wurde an der neulich in Indien grassierenden Pest und ihrer staatlichen Bewältigung deutlich. Jeder aufgeregten Berichterstattung über diese Affäre war zu entnehmen: Die Pest ist medizinisch längst kein Problem mehr, Erreger, Übertragungswege und Therapie sind wissenschaftlich geklärt. Und es ist auch gar nicht so, daß in Indien nicht die für die Behandlung nötigen Tetrazykline hergestellt werden könnten. Das hat bloß, wie auch jeder weiß, mit dem Grund der Seuche nichts zu tun. Der liegt in einer katastrophalen Armut, deren Beseitigung in Indien überhaupt nicht auf der Tagesordnung steht; und genau dementsprechend sieht auch die offizielle Bekämpfung der Seuche aus. Die Ausbreitung wird unterbunden, den Slumbewohnern wird einmal kurz erklärt, daß sie ein paar Ratten erschlagen und in ihren Dreckslöchern auf die Hygiene achten sollen… Und das war es auch schon – bis zur nächsten Überschwemmung der Elendsquartiere mit nachfolgender Pest- oder Choleraepidemie. Mit einem flächendeckenden Gesundheitswesen, das nach den anspruchsvollen Kriterien eines Exportweltmeisters die Brauchbarkeit der Bevölkerung erhält, hat das alles nichts zu tun.

[18] Schon Marx wußte, daß in der kapitalistischen Produktion das Elend Bevölkerung erzeugt – das Treibhaus einer wirklich raschen Vermehrung der Volkszahl ist. (Karl Marx, Kapital Bd. III, „Gesetz des tendenziellen Falls der Profitrate“, S. 228.)

[19] Es versteht sich deshalb von selbst, daß jedem verantwortungsbewußten Humanisten beim Stichwort „Überbevölkerung“ nicht Kohl und sein Kabinett vor dem geistigen Auge auftauchen, sondern die Hungerleider in Afrika, Lateinamerika und Asien. Wobei die Logik gilt: Je ärmer, umso „zuviele“. Wie man diese imperialistische Weisheit mehr oder weniger diplomatisch ausdrücken kann, hat anläßlich der Eröffnungsveranstaltung der Kairoer Bevölkerungskonferenz einer vorgeführt, der in dieser Welt keineswegs zu den Überflüssigen zählt. Bundesinnenminister Kanther (sechsfacher Vater) durfte in seiner Eigenschaft als Ratspräsident der zivilisierten Europäischen Union den sich hemmungslos vermehrenden Negern eine väterliche Rede halten. Sagen wollte er ihnen im wesentlichen, daß sie selber schuld sind an ihrem Elend: Afrika ist hauptverantwortlich für das Bevölkerungswachstum (erster Textentwurf, lt. Frankfurter Rundschau vom 7.9.94). Das hat er dann auch gesagt, nachdem seine Redenschreiber sich noch mal über den Entwurf gemacht hatten: Wir begrüßen die Tatsache, daß diese entscheidende internationale UN-Konferenz über Bevölkerung und Entwicklung auf dem afrikanischen Kontinent stattfindet, einem Kontinent, der mit schweren Bevölkerungs- und Entwicklungsproblemen sowie mit weitverbreiteter Armut konfrontiert ist. (endgültiger Redetext) Leute, die semesterlang studieren, damit sie dann die etwas gröberen Gedanken eines Ministers in gefälligere Form bringen können, sind übrigens auch nicht zuviele auf der Welt. Die leisten nämlich einen unschätzbaren Beitrag zur „Nord-Süd-Verständigung“.

[20] Im Juni 94 veröffentlichte die päpstliche Akademie der Wissenschaften folgende Eingebung: „Angesichts der Bevölkerungsexplosion ist eine weitgehende Geburtenbeschränkung unausweichlich.“ (Zeit-Punkte Nr.4/94) Wenn dann der päpstliche Familienrat anläßlich der UNO-Vorschläge zur Geburtenkontrolle plötzlich Begriffe wie „Imperialismus“ und „Tyrannei“ in den Mund nimmt, dann meint er damit ungefähr folgendes: „Nach Auffassung der katholischen Kirche propagiert der UN-Plan Homosexualität, außerehelichen Geschlechtsverkehr und die Abtreibung als Mittel zur Familienplanung.“ (Süddeutsche Zeitung vom 22.8.94) Wie außereheliche Lustbarkeiten und Homosexualität Mittel der Familienplanung sein könnten, darüber schweigen sich die Kenner aus dem Vatikan aus. Aber gemeint war wohl: Unter dem Deckmantel der Familienplanung soll allen möglichen Schweinigeleien, die bekanntlich des Teufels sind, Tür und Tor geöffnet werden. So ungefähr sehen das auch die Kollegen vom Islam: „Homosexualität, außerehelicher Geschlechtsverkehr und Abtreibung, betonten ihrerseits die philippinischen Führer des Islam, seien nach jüdischem, christlichem und moslemischem Glauben gleichermaßen verdammenswert… Sinnvolle Familienplanungsprogramme, wird von Sprechern beider Religionen immer wieder betont, stünden keineswegs in Gegensatz zu den jeweiligen theologischen Lehren.“ (a.a.O.) Der Kairoer Konferenz und der interessierten Weltöffentlichkeit eröffnete sich damit ein hochinteressantes Debattierfeld: Welche Verhütungsmethoden kommen von Natur (also vom lieben Gott), welche vom Teufel; erlaubt die Koran-Exegese den Schluß, daß Prophet Mohammed selber ein überzeugter Anhänger des Coitus interruptus war? Fragen über Fragen!

[21] Wer nachrechen will, vgl. Herwig Birg, „Weltbevölkerungswachstum, Entwicklung und Umwelt“, Beilage zur Wochenzeitung Das Parlament vom 2.9.94.

[22] Es ist dieselbe Logik, die bei diesen Rechnereien angewandt wird, wie bei der Berechnung des Pro-Kopf-Brutto-Sozialprodukts; im einen Fall wird der kapitalistische Reichtum auf die Köpfe „verteilt“, die von ihm ausgeschlossen sind, im andern Fall die kapitalistisch produzierte Naturzerstörung den Leuten zur Last gelegt, die selber als abhängige Variable des kapitalistischen Wachstums Opfer dieser zunehmenden Vergiftung sind.

[23] Die Rechnung wird auch nicht besser, wenn sie in kritischer Absicht angestellt wird, zum Beweis, daß „wir im Norden“ über „unsere globalen Verhältnisse“ leben. Das führt dann zu so schönen Begriffen wie „effektive Bevölkerungszahl“. Die soll nämlich durch Einschränkung des Umweltverbrauchs in den reichen Ländern absenkbar sein, wodurch die Menschen in den armen Ländern mehr Raum für ihre eigene Entfaltung haben. (Hans-Peter Dürr, Frankfurter Rundschau vom 7.9.94) Dasselbe kann man auch durch die Überlegung: Wieviele Inder passen in einen Ami? ausdrücken: Zwischen 1960 und 1992 wuchs die Zahl der US-Bürger numerisch zwar nur um 74 Millionen; ökologisch entspricht dies jedoch einer Explosion um etwa 1,4 Milliarden Inder. (Christian Wernicke, „Brot und Pille“, Zeit-Punkte Nr.4/94) Gleichgültig, wie herum man es dreht: Wenn man brutale Verhältnisse als unveränderlich unterstellt und den Konsequenzen über die Behandlung der Betroffenen beikommen will, erweist sich der schönste Humanismus immer als Zynismus.

[24] Es wundert deshalb nicht, daß die Frage, ob AIDS – speziell seine weite Verbreitung auf dem afrikanischen Kontinent – ein möglicher Beitrag zur Lösung des Bevölkerungsproblems sein könnte, keineswegs als geschmacklose Entgleisung gilt, sondern ganz hochoffiziell in UNO-Berichten gewürdigt wird: Derzeit wird angenommen, daß AIDS keinen signifikanten Einfluß auf die Bevölkerungswachstumsraten der einzelnen Länder haben wird. Dies gilt selbst für solche Länder, in denen die HIV-Infektionsraten hoch sind. Zumindest jedoch in bestimmten Regionen und in großen Städten einiger Länder – insbesondere Afrikas – wird sich als Folge der Krankheit vermutlich ein negatives Bevölkerungswachstum einstellen. (Einleitung des Weltbevölkerungsberichts 1994, amerika dienst vom 24.8.94)

[25] Eine Erkenntnis, die die anwesenden deutschen Politiker (an der Spitze der sechsfache glückliche Vater Kanther) sich für ihre heimische Bevölkerung vehement verbitten würden. Denn deutscher Nachwuchs stammt nicht von dummen Gebärmaschinen – das merkt man schon am deutschen Muttertag. Daß das bei anderen Volksstämmen ganz generell anders zu bewerten ist, für diese Klarstellung hat ein anderes Mitglied der deutschen Delegation gesorgt. Frau Prof. Höhn, Direktorin des Bundesinstitutes für Bevölkerungsforschung, hat wohl gemeint, wenn schon vom Verhältnis von Bildung und Kinderzahl die Rede ist, dann könne sie auch endlich ganz unbefangen zu Protokoll geben, was sie sich schon lange in ihrem Wiesbadener Institut zusammengeforscht hatte. „Im Rahmen eines Exkurses über Toleranz und Freiheit des Denkens“ wollte sie sich über „unwissenschaftliche Denkverbote“ hinwegsetzen und hat völlig frei über die „durchschnittlich niedere Intelligenz von Afrikanern“ laut nachgedacht. Die deutsche Öffentlichkeit war noch nicht (wieder) ganz reif für ihre freie Sprache; Frau Höhn verzichtete auf die weitere Teilnahme an der Konferenz. Vielleicht klappt’s ja beim nächsten Mal.

[26] Der Einspruch, der aus der islamischen Staatenwelt vereinzelt gegen diese Sichtweise laut wurde, mutet an wie die Wiederholung der alten Beschwerden über eine „ungerechte Weltwirtschaftsordnung“ – allerdings als Farce. Wenn moslemische Fundamentalisten die UNO-Programme als einen „imperialistischen Anschlag zur Zurückdrängung des Islam“ verdammen, dann haben sie nämlich überhaupt kein alternatives Entwicklungsprogramm für ihre Volksmassen anzubieten. Ihr Antiimperialismus erschöpft sich in der Klage über den moralischen Verfall der Sitten und die Aushöhlung der Lehren des Koran. Ein noch so rudimentäres wirtschaftliches Gegen-Konzept läßt sich daraus wirklich nicht ableiten. Es sind ja auch keine einschlägigen Forderungen aus dem Lager der radikalen Kritiker der Konferenz bekannt geworden.

[27] Der Weltnaturschutzbund kritisierte, daß die beteiligten Staaten keinerlei finanzielle Verpflichtungen eingegangen seien. Von den für das Jahr 2000 auf 17 Milliarden Dollar geschätzen Kosten zur Umsetzung des Programms sollen die reichen Länder ein Drittel, die armen zwei Drittel übernehmen. (Süddeutsche Zeitung vom 14.9.94)

[28] Damit keine Mißverständnisse entstehen: Nationale Entwicklungsprogramme, an die das zu benutzende Menschenmaterial angepaßt wird, sind nicht die Sache von Kommunisten. Die beharren nämlich auf dem entscheidenden Unterschied, daß nicht die Menschen an Wirtschaftsprogramme angepaßt werden sollten, sondern daß man es einmal mit dem Gegenteil versuchen sollte: mit der planmäßigen Organisation einer Wirtschaft, die an die Bedürfnisse der Leute angepaßt wird.

[29] Früher wäre der Mann wahrscheinlich jedem ins Gesicht gesprungen, der ihm diese eindeutige Zweckbestimmung US-amerikanischer Auslandshilfe in kritischer Absicht vorgehalten hätte. Damals war doch der Freie Westen überall auf der Welt immer nur im Auftrag des über jeden Zweifel erhabenen „Wahren, Guten und Schönen“ unterwegs und selbstverständlich immer auch im Dienste der eingeborenen Bevölkerung vor Ort. Aber da diese Zeiten jetzt vorbei sind, kann man auch Klartext reden über die eigenen Heucheleien von gestern. Der Journalist vom Zeitmagazin ist jedenfalls der letzte, der sich über so ein Bekenntnis aufregen würde. Der ist ja jetzt mit Wichtigerem befaßt: mit der Verbreitung der neuen Titel, in deren Namen die imperialistischen Führungsmächte ihre Politik betreiben.

[30] Vgl. GegenStandpunkt 4-92, S.175, „Der Verfall der Dritten Welt“.

[31] Denen erwächst eine kleine Sonderaufgabe daraus, daß etliche kapitalistisch erfolgreiche Nationen eine ganz kleine Minderheit von Hungerleidern aus der 3. bis 5. Welt gelegentlich doch gebrauchen können oder jedenfalls konnten; die hocken nun in ihren „Gastländern“ und haben Ansprüche; darunter sogar den, Angehörige nachzuholen – interessanterweise auch dies ein Aspekt des „Überbevölkerungsproblems“: Am Ende gerät eine kleine Portion Überbevölkerung doch an den falschen Ort; „zu uns“. Dagegen gibt es natürlich besondere Paragraphen im demokratischen Ausländerrecht. Damit auf die auch nicht der leiseste Schatten eines Verdachts fallen kann, sie würden womöglich gegen irgendwelche UNO-mäßigen Menschenrechte verstoßen, haben die Industrieländer in Kairo gegen die „Süd-Länder“ in den Schlußformulierungen des Aktionsplans eine feine Differenzierung durchgesetzt: Statt eines Rechts auf Familienzusammenführung ist jetzt nur noch von der vitalen Wichtigkeit dieses Anspruchs die Rede, den die Regierungen der Gast- und Einwanderungsländer zu achten hätten. (Süddeutsche Zeitung vom 13.9.94) Mit den Menschenrechten kann man es eben nicht genau genug nehmen.


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