Geist und Gehirn

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Leserbrief
Das Subjekt und seine geistigen Tätigkeiten – reine „philosophisch-idealistische Fiktion“?

Systematischer Katalog: 
Überblick

Herr R. aus A. schickt uns „kritische Anmerkungen“ zu der in unserem Verlag erschienenen Schrift ‚Gesundheit – ein Gut und sein Preis‘. Näher beziehen sich seine Anmerkungen auf die Ausführungen, die wir in dem Kapitel ‚Die Erkenntnisse der Psychiatrie und Psychotherapie‘ über die Hirnforschung und das immer wieder für spannend erachtete Verhältnis von Geist und Gehirn machen.

Leserbrief
Das Subjekt und seine geistigen Tätigkeiten – reine „philosophisch-idealistische Fiktion“?

Herr R. aus A. schickt uns folgende kritische Anmerkungen zu der in unserem Verlag erschienenen Schrift Gesundheit – ein Gut und sein Preis. Näher beziehen sich seine Anmerkungen auf die Ausführungen, die wir in dem Kapitel ‚Die Erkenntnisse der Psychiatrie und Psychotherapie‘ über die Hirnforschung und das immer wieder für spannend erachtete Verhältnis von Geist und Gehirn machen:

1. Bei PR [die Autoren der Schrift, Predehl und Röhrig] ist das Gehirn ein „natürliches Produkt“, das „dem Menschen“ „geistige Tätigkeiten“ „auszuführen gestattet“ (S. 60).

Zunächst ist dieses mächtige Organ auch ein „soziales Organ“ (G. Roth) mit gesellschaftlicher Bildbarkeit und lebenslangem (Ver-)Lernen, also permanenter physiologischer Transformation, der neuronalen ‚Plastizität‘: ‚You never use the same brain twice‘. Der Verweis von PR auf „Plastizität“ (59) blamiert sich schon am Widerspruch, dass das Organ diese Eigenschaft „nach Abschluss seiner physiologischen Entwicklung“ angeblich „behält“ (59).

Dann kommt aber ein interessantes Extra-Subjekt als Dirigent namens „Mensch“ ins Spiel, der mit (59) dem Gehirn geistige Tätigkeiten ausführt. Wahlweise heißt dieses „Subjekt“ (59) dann auch „Geist“, dessen „Tätigwerden“ (59) sich in einer „Zunahme der elektr. Aktivität im Gehirn“ „manifestiert“ oder auch mal „Subjektivität“, die sich des Organs bedient (59).

In unschön philosophisch-idealistischer Manier arbeiten sich die Autoren an der „hartnäckig festgehaltenen Einbildung“ (61) aus der Traditionslinie Plato-Thomas-Descartes-Kant-Hegel ab, dem Dualismus Geist-Natur! Ganz hegelianisch muss sich da sogar „der Geist“ „herausarbeiten“ (59), den man dann in ein „Verhältnis“ (60) zur Physiologie eintreten lässt!

Dieses waltende Spezial-Subjekt ist reine philosophisch-idealistische Fiktion!! Die Autoren werden dieses Subjekt materiell nicht finden, hier wird postuliert (58)! Es gibt diesen Dirigenten einfach nicht. Das Gehirn ist ein distributiv angelegtes „dynamisches System“ (W. Singer), das sich selbst organisiert, bei dem – im Gegensatz zum Gehirn-Muskel-Modell – seine „Wirkung“ nicht einfach „Voraussetzung“ (60) für die Tätigkeit des „Geistes“ ist, sondern diese Tätigkeit selbst!

„Was dieses Organ leistet“, ist offensichtlich doch „schwer zu begreifen“ (58).

Eine andere Frage ist, wie und wann diese Tätigkeit ‚für uns‘ wird, wie sie als Bewusstsein erscheint – freilich nicht als elektrochemischer Prozess, das wäre auch für uns eine Überforderung beim Wahrnehmen, Nachdenken usw. Das Wie ist eine naturwissenschaftlich – so ich informiert bin! – noch nicht vollständig geklärte Frage, an der HF [die Hirnforschung] u.a. arbeitet mit weitreichend interessanten Überlegungen, man erkundige sich! Unsere Autoren PR wissen allerdings, dass des Rätsels Lösung prinzipiell naturwissenschaftlich „nicht darzustellen ist“ (60), weil „ideell“, aha!

Leider zieht sich die idealistisch-dualistische Tradition durch das ganze Buch, so z.B. gleich S. 3 als Physis-Psyche-Dualismus, als wäre ‚Psyche‘ eben nix Physisches. In dieser Sprechtradition – z.B. auch im scheinbar harmlosen Begriff ‚Psychosomatik‘ – sind wir vermutlich alle aufgewachsen: wer sagt nicht, irgendwer sei ‚geistig stabil, aber körperlich eben nicht‘! Man sollte diese philosophisch-idealistische Sprechtradition nicht weiterpflegen, denn sie formuliert falsch.

2. Das bedeutende kritische Interesse der Autoren, die psychologische Indienstnahme von HF, um „Menschen wieder ‚normal‘ und brauchbar machen zu können“ (62), darf nicht zur verfälschenden Diskreditierung der Naturwissenschaft HF führen und rechtfertigt nicht philosophisch-idealistischen Unfug!

3. Im naturwissenschaftlichen Diskurs macht man sich damit lächerlich und wird in die passende Ecke der philosophischen Traditionspflege gedrängt. Warum macht man sich theoretisch verwundbar? ...

In den übrigen Teilen des Buches haben sich die Autoren PR dankenswerterweise enorm verdient gemacht, so dass ich mit freundlichen Grüßen verbleibe.

PS: „Dass das schönste Denken, das lebendigste Anschauen nichts weiter ist als die physiologische Funktion eines Eingeweides, des Gehirns, ist gewiss: aber was ist dieses Gehirn, dessen physiologische Funktion ein solches Phänomen ist, wie Denken und Anschauen? Was ist die Materie, die bis zu einem solchen Gehirnbrei potenziert wird? … Die Scheu (?) vor diesen Fragen brachte zur Hypostase der immateriellen Seele, die im Gehirn bloß wohnte.“ (A. Schopenhauer / Nachlass / Edition Hübscher / Verlag Kramer / FFM / 3, S. 220 f)

Antwort der Redaktion

Sehr geehrter Herr R.,

über einige Punkte, die Sie ansprechen, lohnt es sich nicht zu streiten, weil sachlich kein Gegensatz besteht. Mit Ihrem Hinweis darauf, dass das Gehirn einem lebenslangen, wie auch immer gesellschaftlich geprägten, also jedenfalls nicht auf einen Naturprozess zu reduzierenden Prozess der Formierung und Fortbildung unterliegt, rennen Sie bei uns mehr oder minder offene Türen ein. In der von Ihnen kritisierten Passage versuchen wir jedenfalls gerade darzulegen, warum es der Sache nicht gerecht wird, dieses Organ als natürliche Ausstattung zu betrachten, die in dem Zustand, in dem sie dem Menschen ‚gegeben‘ ist, Leistungen wie Wahrnehmung, Erinnerung und Denken erbringt. Dass sich ein kindliches Gehirn noch entwickelt und diese Entwicklung im Erwachsenenalter einen Abschluss findet, steht dem, dass dieses Organ seine ‚Plastizität‘ ein Leben lang behält, sachlich überhaupt nicht entgegen.

Wir können uns auch leicht einigen auf Ihre Kritik an der Vorstellung vom Geist oder vom Ich als einem Extra-Subjekt, das getrennt und unabhängig von seiner physiologischen Grundlage existiert und als immaterielle Existenz in ein Verhältnis zur Physiologie eintritt. Die inneren Widersprüche dieser Vorstellung sind Ihnen wie uns bekannt.[1] Die Frage, wie ein solches immaterielles Wesen auf das physiologische Geschehen im Gehirn einzuwirken vermag, und zwar so, dass die elektrochemischen Prozesse seinen Befehlen folgen, ist in der Tat keine wissenschaftliche Frage, sondern traditionsreicher philosophisch-idealistischer Unfug; ebenso wie die Vorstellung, in der er sich fortsetzt: dass dieses immateriell existierende, aber doch materiell wirkende Wesen im Hirn lokalisierbar und irgendwie dingfest zu machen sein müsste. Sie haben schon Recht, dass wir dieses Subjekt ... nicht finden werden.

Allerdings fassen Sie uns grob verfälschend zusammen mit der Behauptung, wir würden ein solches Extra-Subjekt postulieren und als Dirigenten der Hirnströme aufmarschieren lassen. In unserem Büchlein bestehen wir nämlich ausdrücklich darauf, dass die Subjektivität, die sich wahrnehmend, denkend, zwecksetzend usf. betätigt, in den in diesem Organ stattfindenden physiologischen Prozessen und nirgendwo anders ihre materielle Existenzweise hat – von wegen also Extra-Subjekt! Wir haben deswegen auch nicht das Problem, einen gegen sein materielles Dasein verselbständigten Geist nachträglich in ein Verhältnis zu seiner physiologischen Grundlage treten lassen zu müssen.

Sie aber hängen uns dieses Problem an, weil wir überhaupt etwas von einem Subjekt wissen wollen, das geistig tätig ist. Kaum lesen Sie bei uns, der Mensch würde sich beim Denken seines Gehirns bedienen, sind sie sich sicher, Vertreter des von Ihnen inkriminierten philosophischen Dualismus vor sich zu haben. Wenn wir von einem Gebrauch dieses Organs sprechen, es gar als Instrument bezeichnen, wollen wir jedoch nur Selbstverständlichkeiten festhalten, die jeder an sich, an herumstolpernden Kindern oder am Treiben von Universitätsprofessoren leicht verifizieren kann: Der Mensch bedient sich seiner körperlichen Voraussetzungen, macht sie zu seinem Mittel. Er lernt, sie zu gebrauchen (er muss dies ja auch erst lernen); und zwar für Zwecke, die ihnen bestimmt nicht von vornherein einbeschrieben sind. Er bildet durch ihren Gebrauch seine Fähigkeiten aus und erweitert sie. Es mag ja sein, dass die Analogie zum Muskelapparat irgendwo an ihre Grenzen stößt, aber so weit reicht sie jedenfalls schon noch, dass der Mensch nicht nur seine Muskeln und Sprechwerkzeuge, sondern auch sein Hirn trainieren kann. Sicher, hier liegt – offensichtlich und auch für uns nicht zu übersehen – ein anderes Verhältnis vor als das, welches der Mensch zu Schraubenziehern oder Küchengeräten einnimmt: Weder hat man es beim Hirn mit einem vom tätigen Subjekt getrennt existierenden Mittel zu tun – eine Vorstellung, die übrigens schon auf die äußeren Gliedmaßen nicht gut passt – noch mit einem Subjekt, das dieses Mittel bewusst oder gar in Kenntnis seiner Funktionsweise handhabt. Aber soll man deshalb bestreiten, dass der Mensch mit seinem Hirn denkt, während er sich mit seinen Beinen fortbewegt?[2]

Aber wenn es nach Ihnen geht, haben wir uns ja auch bei Schraubenzieher und Küchengerät von der Vorstellung zu verabschieden, dass sich Subjekte ihrer bedienen, die sich bewusst und zielgerichtet auf die Welt beziehen, weil sich die Subjektivität im Lichte der Erkenntnisse der Hirnforschung angeblich überhaupt als philosophisch-idealistische Fiktion erweist. Dort, wo Sie in Ihrem Brief das Verhältnis von Gehirn und kognitiver Leistung positiv bestimmen, erklären Sie, dass das, was man gemeinhin (und Ihrer Auffassung nach wohl fälschlicherweise) Tätigkeit des ‚Geistes‘ zu nennen beliebt, nichts anderes als die von diesem mächtigen Organ bewirkte Nerventätigkeit ist. Hier scheint uns der eigentliche Knackpunkt unserer Auseinandersetzung zu liegen. Treten wir zur Klärung doch einmal einen Schritt zurück.

Wenn sich Hirnforscher (wie Sie in einem Anhang an Ihren Leserbrief den Ausgangspunkt der Hirnforschung richtigerweise festhalten) der Frage annehmen, „wie Wahrnehmung und Denken zustande kommen“, „wie Aufmerksamkeit, Gedächtnis, Bewusstsein und auch Handlungsplanung in uns überhaupt als Gehirnleistung funktionieren“, dann fassen sie einen Untersuchungsgegenstand eigener Art ins Auge – und zwar einen von den angesprochenen kognitiven Leistungen unterschiedenen. Wer Empfindung, Aufmerksamkeit, Gedächtnis, Urteilsbildung einer Betrachtung unterzieht, merkt sehr schnell, dass er mit Neurophysiologie überhaupt nicht in Berührung kommt. In den Wahrnehmungen, die einer macht, in seiner Erinnerung, seinen Gedanken ist das physiologische Geschehen, das ihm all dies ermöglicht, gar nicht präsent. Es ist eine Sache, sich klarzumachen, was für eine Leistung beispielsweise vorliegt, wenn einer ein Haus wahrnimmt, welche Tätigkeiten er da vollzieht – er richtet seine Aufmerksamkeit auf das Gesehene, identifiziert in dem, was ihm seine Sinne präsentieren, einen Gegenstand; sieht also nicht nur, sondern subsumiert das, was er sieht, bereits unter allgemeine Vorstellungen; die gehören zu dem Fundus an Erfahrungen und Kenntnissen, mit dem er sich als Subjekt wahrnehmend die Wirklichkeit aneignet. Etwas anderes ist es, der Frage nachzugehen, wie diese Leistung hirnphysiologisch zustande kommt, durch welche neuronalen Prozesse die geistigen Tätigkeiten des wahrnehmenden Subjekts vermittelt sind. Die Untersuchung dessen, was sich in uns, d. h. im Gehirn, abspielt, wenn wir wahrnehmen, denken, uns etwas merken oder in Erinnerung rufen, unterstellt die jeweilige kognitive Leistung, hat aber nicht sie zum Gegenstand. Sie richtet sich auf ein Geschehen, in dem sich Phänomene wie Wahrnehmungen, Gedanken, ein Ich, das wahrnimmt und denkt etc., – um mit Ihnen zu reden – überhaupt nicht finden.

Von diesem Unterschied geht die Hirnforschung aus. Auch dem von Ihnen zitierten W. Singer steht dieser Unterschied erst einmal klar vor Augen:

„Natürlich sind diese beobachtbaren kognitiven Leistungen nicht mit den zugrunde liegenden neuronalen Prozessen identisch.“ (I / S. 35 f)

Und wenn sich die Hirnforschung, wie er fortfährt, diesen den kognitiven Leistungen zugrunde liegenden neuronalen Prozessen zuwendet, um herauszufinden, wie aus ihnen besagte Leistungen kausal erklärbar hervorgehen (ebd.), so ist auch dagegen nichts einzuwenden. Sie will verstehen, wie durch die Hirntätigkeit das Phänomen zustande kommt, dass derjenige, in dessen Kopf sie stattfindet, sich im Bewusstsein seiner selbst wahrnehmend, urteilend und seinen eigenen Vorstellungen, Befindlichkeiten und Zielsetzungen gemäß planvoll auf die Welt zu beziehen vermag. In diesem Sinne erarbeitet sie sich Wissen über die elektrischen und chemischen Vorgänge auf der Ebene der einzelnen Nervenzelle und der Moleküle, über die Vernetzung von Nervenzellen, die Eigenschaften von Nervenzellverbänden, den Aufbau und die funktionelle Gliederung des Gehirns, über seine ‚Plastizität‘, d. h. über den Bildungsprozess neuer Nervenverbindungen. So z.B. beim Erinnern, wie Singers Kollege, der ebenfalls von Ihnen genannte G. Roth berichtet:

„... es [kommt] bei der Ausbildung von Inhalten des Langzeitgedächtnisses zu strukturellen Veränderungen an den Synapsen bzw. an den Nervenzellen. Synapsen vergrößern oder verkleinern sich, alte Synapsen verschwinden und neue werden gebildet. Der Prozess erfordert Stunden bis Tage ... .allerdings werden die Inhalte des Langzeitgedächtnisses lebenslang ‚umgebaut‘. Unser Langzeitgedächtnis ist eben kein starrer Computerspeicher, sondern ein dynamisches Geschehen.“ (III / S. 104)

Wer da Näheres wissen will, dem empfehlen wir auch: Man erkundige sich! Vieles weiß man da mittlerweile, so manches ist dem Bekunden der Fachleute zufolge noch längst nicht geklärt. Doch so viel ist allen Beteiligten klar: Es ist nicht bloß ein bisschen Nerventätigkeit nötig, damit der Mensch denken kann. Oder, um mit Roth zu sprechen: Man ist sich der Tatsache bewusst, dass ... Geist und Bewusstsein nur in hochkomplexen chemisch-biologischen Systemen vorkommen. (IV / S. 254)

An diesem Forschungsprogramm scheiden sich in seltsamer Weise – immer schon, möchte man fast hinzufügen – die Geister:

Auf der einen Seite (auf der Sie uns zu verorten belieben) gibt es Philosophen und andere Wissenschaftler, die es aus welchen Gründen auch immer – zu denen kommen wir noch – für prinzipiell unangemessen halten, die Subjektivität als Produkt eines Naturprozesses erklären zu wollen. Dass Geist und freier Wille in irgendwelchen elektrischen oder chemischen Vorgängen im Gehirn existieren und ihr Zustandekommen aus diesen Vorgängen kausal erklärbar sein soll, hält man für total daneben. Zwar gibt man gerne zu, dass Geist und freier Wille im Gehirn und in den sich dort abspielenden Vorgängen ihre physiologische Grundlage haben, will aber nicht einsehen, dass als Grundlage all das ins Auge zu fassen ist, was für das Zustandekommen einer Subjektivität nötig ist – ihre Existenz darin dann also wohl auch begründet bzw. daraus erklärbar sein wird – kausal, d. h. aus materiellen Gründen, wie sonst? Stattdessen versucht man durch eine logische Finesse, nämlich durch eine sachlich nicht übermäßig haltbare Entgegensetzung von bloßer Grundlage und Ursache – wo hört das eine auf und fängt das andere an? –, dem freien Geist ein Refugium außerhalb des Wirkungsbereichs der Kausalität zu erobern, und landet auf diese Weise bei der Einsicht, dass der Geist letztlich ein Mysterium, sein Zustandekommen wissenschaftlich nicht zu erklären ist.

Auf der anderen Seite (und damit kommen wir auf Sie zurück) gibt es die, die auf dem Wege der Hirnforschung bzw. unterrichtet über ihre Ergebnisse zu der Erkenntnis gelangt sein wollen, dass die Subjektivität – die Tätigkeiten des Geistes, die bewusste Bezugnahme des Menschen auf die Welt – in Wahrheit nichts anderes ist als vom Hirn verursachte Nerventätigkeit. Bei diesem Urteil handelt es sich allerdings – dies wollen wir hier ausdrücklich festhalten – mitnichten um eine auch nur einigermaßen korrekte Zusammenfassung der Ergebnisse, zu denen die Hirnforschung führt; auch wenn Hirnforscher, wie die von Ihnen genannten G. Roth und W. Singer, und, wenn wir Sie richtig verstehen, auch Sie selber dies gerne so sehen wollen. Die Hirnforschung geht nämlich, wie oben dargelegt, von einem von bloßer Nerventätigkeit wohlunterschiedenen Gegenstand – den kognitiven Leistungen – aus, und wenn sie dessen Zustandekommen aus dem Wirken dieses mächtigen Organs erklärt, resultiert sie auch in einer anderen Erkenntnis als der, dass nichts als Nerventätigkeit unterwegs ist. Im Resultat heißt das nämlich, dass das neuronale Geschehen ein von ihm qualitativ unterschiedenes Produkt hervorbringt. So etwas soll es geben, in der Natur! Der Naturprozess bringt es ja auch von der toten Materie zu Lebewesen. In der Naturwissenschaft hat man es überhaupt laufend damit zu tun, dass ein höherer Organisationsgrad der Materie ursächlich mit dem Auftreten von Eigenschaften verbunden ist, die den zusammenwirkenden Elementen nicht zukommen und die durchaus nichts rätselhaft Emergentes, Unvorhersehbares an sich haben, weil man sie ja aus dem Zusammenwirken der Elemente erklären kann. Es ist also so nicht richtig, wenn z. B. Singer behauptet, dass es in der Evolution keine Anhaltspunkte für Diskontinuitäten oder Entwicklungssprünge gibt, die uns das ‚In-die-Welt-Kommen‘ von mentalen Phänomenen erklären könnten, die wir einer anderen Seinskategorie zurechnen als die physiko-chemischen Prozesse im Gehirn. (I / S. 39) Zwar ist es tatsächlich kein plötzlicher Entwicklungssprung in der Evolution, dem der Mensch seinen Verstand verdankt. Es hat aber auch niemand behauptet, dass die Evolution Bewusstsein und Geist wie einen Blitz in die Materie hat einfahren lassen oder einen Übergang von der Materie in ein immaterielles Dasein hingelegt hat, der sich in den Genen finden lassen müsste. Zu neuen und andersartigen Phänomenen ist es im Verlauf der Evolution durchaus gekommen, nicht zuletzt zu all jenen, die zwischen Würmern und anderem Gefleuch, den bereits mit einer Sensibilität ausgestatteten höheren Lebewesen und dem Auftreten des Menschen liegen und die zusammengenommen schon auch eine gewisse Kontinuität in der Evolution erkennen lassen. Singer argumentiert hier nach einer Logik, nach der die lebenden Wesen, die der Naturprozess hervorgebracht hat, qualitativ nicht von den Ausgangsbedingungen, die herrschten, bevor das Leben in die Welt kam (I / S. 34) zu unterscheiden sind – weil man sie nicht einer anderen Seinskategorie zurechnen könne; warum eigentlich nicht? – und demnach für tot zu erklären wären. Es ist schon seltsam, erst unterscheidet er ganz richtig die kognitiven Leistungen vom sie hervorbringenden Organ, erkennt deren eigene Qualität an, dann aber leugnet er das zu erklärende Phänomen, indem er es auf seine Ausgangsbedingungen reduziert. Es macht die Sache nicht besser, wenn sich sein Kollege Roth gegen den Vorwurf des Reduktionismus verwahrt –

„Das Ärgerlichste ist, dass man Hirnforschern hartnäckig, aber fälschlicherweise unterstellt, sie wollten das Mentale und Psychische auf das Feuern von Neuronen reduzieren...“ (V / S. 222)

dann aber das Mentale und Psychische, deren Existenz er, Gott behüte, selbstverständlich in gar keiner Weise leugnen will, überhaupt nicht in ihrer Eigenart würdigt – nämlich als die theoretische und praktische Stellung, die der Mensch als empfindendes, wahrnehmendes, denkendes, um die Gründe seines Handelns wissendes Subjekt zur Welt einnimmt –, sondern mit Erkenntnissen wie der aufwartet, dass Geist und Bewusstsein ... Eigenschaften [zeigen], die an Eigenschaften elektromagnetischer Felder erinnern. (IV / S. 254) Mit ihrem zusammenfassenden Urteil gelingt Hirnforschern wie Roth und Singer – aber auch Ihnen – also nicht weniger, als Ausgangspunkt und Resultat der Hirnforschung in einem zu negieren. Was man im Ausgangspunkt der Forschung mit größter Selbstverständlichkeit als vom neuronalen Geschehen im Hirn wohlunterschiedenen Sachverhalt behandelt, wird im Lichte der ‚Wahrheit‘, die man im Zuge der Forschung herausgefunden haben will, zu einem vom Gehirn produzierten Schein erklärt; das Ich zum Konstrukt eines mir unzugänglichen realen Gehirns (VII / S. 331), zu einer Fiktion, dem Traum eines Gehirns, von dem wir, die Fiktion, der Traum, nichts wissen können. (VI / S. 253) Wir möchten Sie da schon gerne mal fragen: Wenn es in Wahrheit, wie Sie sagen, nur den elektrochemischen Prozess im Gehirn gibt, der als Bewusstsein erscheint und uns denken lässt, wir seien das Subjekt des Geschehens: Wem erscheint dieser elektrochemische Prozess dann als Bewusstsein? Und wie wollen Sie diesen Schein durchschaut haben, dem wir als von Platon, Thomas von Aquin, Descartes und Hegel inspirierte idealistische Knalltüten aufsitzen? Verschämt setzen sie in Anführungszeichen, dass es nur ‚für uns‘ so erscheint, als wären wir Herr unserer Sinne, Gedanken und Zwecke, weil es Ihren Erkenntnissen zufolge das ‚Wir‘, dem dies so scheint, so ja gar nicht gibt.

In der Auseinandersetzung um die Hirnforschung stehen sich somit zwei Positionen gegenüber: Einerseits ein Dualismus, der den Geist von seiner physiologischen Grundlage trennt und als immaterielle, jeder Kausalität enthobene Existenz beschwört, andererseits ein Reduktionismus, der den Geist mit seiner physiologischen Grundlage identifiziert und ihn damit all dessen beraubt, was ihn ausmacht. Die Naturwissenschaft hätte da – im kritischen Interesse – in der Tat einiges an wissenschaftlicher Aufklärung zu leisten. Sie wird nämlich hineingezogen in eine Auseinandersetzung, in der zum einen – gar nicht heimlich, vielmehr ziemlich unverfroren – die philosophischen Verfechter eines moralischen Menschenbildes mit dem Anspruch auf Anerkennung ihres Standpunkts in der Wissenschaft auftreten. Die Vertreter dieser Fraktion interessiert an der ganzen Hirnforschung überhaupt nichts anderes als die Frage, wie sich deren Erkenntnisse zu dem Freiheitsbewusstsein verhalten, als dessen intellektuelle Anwälte sie sich begreifen und von dem sie die Auffassung haben, dass es sich der Mensch auf gar keinen Fall nehmen lassen darf. Dadurch kommt etwas ganz und gar Unsachliches, Schiefes in die Debatte hinein. Denn was hat das subjektive Empfinden, das Selbstbewusstsein, mit dem der Mensch zu Werk geht, hier überhaupt zu suchen? Ob sich einer beim Wahrnehmen, Anfertigen eines Gedankens oder sonst einer Betätigung seiner Subjektivität subjektiv als frei empfindet (passim) oder nach Lektüre der einschlägigen Literatur von seinen Hirnströmen getrieben sieht, ist ja gar nicht die Sache, um die es geht, wenn die Frage zur Klärung ansteht, um welche Betätigungen der Subjektivität es sich da handelt und auf welchen physiologischen Grundlagen sie beruhen. Den Willen setzen die Vertreter dieser Fraktion durchgängig gleich mit dem Bewusstsein der Freiheit, das noch jede Willensbetätigung moderner Zeitgenossen zu begleiten scheint; Geist und Bewusstsein fällt für sie zusammen mit einer Selbstdeutung des Subjekts, die es ihnen angetan hat und in der sie nicht weniger als die Würde des Menschen begründet sehen. Da steht selbstverständlich etwas anderes an als eine Prüfung, wie vernünftig dieses Bewusstsein der eigenen Freiheit, mit dem der Mensch noch die letzte Knechtstätigkeit absolviert, überhaupt ist. Es gilt, einen Wert zu verteidigen und die Grenzen der Wissenschaft herauszustellen, die alles und auch noch den freien Willen kausal erklären will. Sachlich betrachtet steht dem Ermitteln von Gründen, auch materiellen, zwar auch dort nichts entgegen, wo es um Angelegenheiten des freien Willens geht. Es verträgt sich aber prinzipiell nicht mit dem Ideal von Freiheit, das hier vertreten wird, weil dieses gar nichts anderes zum Inhalt hat als die abstrakte Entgegensetzung zu jeder Form von Notwendigkeit. Diesen ausgesprochen dämlichen, aber moralisch wertvollen und deswegen auch mit einigem Eifer verfochtenen ‚Begriff‘ einer Willensfreiheit, die darin bestehen und ihr Kriterium haben soll, dass der Mensch in dem Bewusstsein handelt, sich prinzipiell immer und in jeder Situation auch anders – also auch gegen die Gründe, die er hat – entscheiden zu können, bringen dessen Protagonisten in die Wissenschaft ein, indem sie auf ihrem Dualismus bestehen, die Kategorie der Kausalität im Zusammenhang mit Fragen, die das Verhältnis von Geist und Gehirn betreffen, problematisieren – d. h. als Signum der Unfreiheit moralisch ins Abseits stellen – und im Übrigen abenteuerliche Theorien über die Wirklichkeit nichtmaterialisierter Gegenstände (VIII / S. 73) aufstellen.

Leider haben die Anwälte der Naturwissenschaft dem wenig Brauchbares entgegenzusetzen. Zwar ist auf Seiten der hier verhandelten Hirnforscher bisweilen die Absicht erkennbar, dem Irrationalismus polemisch entgegenzutreten, der einem da entgegenschlägt, und die Illusion vom großen Steuermann (IV / S. 395) zu bekämpfen, als der sich der in abendländischer Tradition gebildete Mensch nur allzu gerne versteht. Getragen sind die Argumente unverkennbar jedoch nicht von der Absicht, der Instrumentalisierung der Wissenschaft für die Legitimation eines Menschenbildes eine begründete Absage zu erteilen. Vielmehr steigen die Wortführer der Hirnforschung offensiv ein in eine Konkurrenz um das rechte Menschenbild, und zwar mit dem Angebot, den ewig währenden Konflikt zwischen zwei, wie es scheint, gleichermaßen überzeugenden, gleichermaßen zutreffenden, aber inkompatiblen Menschenbildern (I / S. 37) auf der Basis wissenschaftlicher Argumente aufzuklären. Ihre Gegenposition zur Apotheose des freien Willens, die sie in ihren Grundannahmen auch irgendwie überzeugend und zutreffend finden, ist ein psychologischer Funktionalismus, der sich darin zu erkennen gibt, dass man die Hirnforschung und die ganze Debatte um sie – völlig sachfremd und ohne jede Rücksicht darauf, worum es in dieser Debatte geht – der Fragestellung subsumiert, welche Seite in dem Verhältnis von Geist und Gehirn die andere steuert. Wenn ‚Hirnforscher‘ – die Anführungszeichen sind hier wohlbedacht gesetzt – Bücher mit Titeln wie Wie das Gehirn unser Verhalten steuert, Aus der Sicht des Gehirns, Die Ich-Illusion, Wie unser Gehirn die Welt erschafft oder Incognito – Das geheime Eigenleben unseres Gehirns auf den Markt werfen, so geben sie damit zu Protokoll, dass sie sich einem anderen Forschungsprojekt verschrieben haben als dem, das mit der Hirnforschung selbst erst einmal aufgelegt ist. Ihr Interesse gilt in erster Linie überhaupt nicht der Hirnforschung, sondern – allgemein – den Determinanten unseres Verhaltens. Das soll man ruhig auch einmal würdigen. Völlig gleichgültig dagegen, was einer treibt, wozu er sich ‚verhält‘, in welcher Eigenschaft er zur Tat schreitet und mit welchen Gründen er das tut – das alles geht in der Abstraktion ‚unser Verhalten‘ unter – , interessiert die Protagonisten dieses psychologischen Funktionalismus an all dem nur eines: Welchen hinter dem handelnden Subjekt und den Gründen seines Handelns im Verborgenen wirkenden Wirkkräften sich dieses Verhalten verdankt. Die Idee des Steuerns, die aus welchen Gründen auch immer – aber jedenfalls nicht aus wissenschaftlichen Gründen in dem Sinn – für attraktiv gefunden wird, ist der Leitfaden der Urteilsbildung über den mit Willen und Verstand begabten Zweibeiner. Von ihr ausgehend macht man sich auf die Suche nach dem Wirkmechanismus, der sein Verhalten steuert, und dessen Existenz man damit auch schon postuliert hat. Mit diesem vor jeder Hirnforschung fertigen und feststehenden Erkenntnisinteresse werfen sich die funktionalistischen Denker auf die Hirnforschung, um deren Erkenntnissen Brauchbares für ihr Anliegen abzuringen. Man tritt auf mit dem Versprechen, die großen Fragen der Menschheit – Was sind die Triebkräfte unseres Handelns? Wer sind wir überhaupt? –, die die Psychologie bislang nur spekulativ mit der Konstruktion eines Seelenapparates und ähnlichen Dingen beantworten konnte, mit Hilfe der Hirnforschung nun endlich einer wissenschaftlichen Klärung zuführen zu können. Dazu ist allerdings eine Umdeutung ihrer Ergebnisse über die physiologischen Grundlagen der Subjektivität zu Auskünften über den inneren Wirkmechanismus vonnöten, dem sich unser Fühlen, Denken, Handeln (Untertitel eines der Bücher von Roth, aus denen wir zitieren) verdankt und der von der Subjektivität nichts übrig lässt. Hier, in diesem funktionalistischen Erkenntnisinteresse, liegt also der Grund für den kritisierten Reduktionismus; für den theoretischen Fehler, Willen und Bewusstsein mit ihren physiologischen Grundlagen im Gehirn zu identifizieren; den Fehler, mit dem diese ‚Hirnforscher‘ zu ihrer bahnbrechenden Erkenntnis gelangen, dass die Tätigkeiten des Geistes nichts als vom Hirn verursachte Nerventätigkeit sind. Mit diesem Fehler gelingt ihnen die Verrücktheit, aus einer Wissenschaft, die mit großem Forschungsaufwand an der Erklärung arbeitet, wie es das Hirn hinbekommt, dass sich der Mensch bewusst zur Welt verhalten kann – in der Kausalität und Subjektivität der Sache nach also offenbar, das muss man mal zur Kenntnis nehmen, nicht in einem Gegensatz zueinander stehen –, den gegenteiligen Befund herauszulesen: Wir sind determiniert (Essaytitel). Dass die Subjektivität in den Hirnprozessen materiell begründet ist, wird umgedeutet in ein Verhältnis der Determination, in dem die Subjektivität nur noch formell vorkommt, all das, was sie ausmacht, jedoch negiert ist.[3]

In konsequenter Fortsetzung dieses Fehlers erklärt man das Gehirn zum eigentlichen Subjekt und erläutert aus dessen Sicht, was es mit uns vorhat. Man wird mit einer Sicht der Dinge vertraut gemacht, in der alles auf dem Kopf steht, in der das Hirn denkt, wahrnimmt, fühlt, Entscheidungen trifft, und man wird in die hintergründigen Berechnungen eingeführt, die das Gehirn anstellt, wenn es z. B. den Modus nichtbewusstseinsbegleiteter Hirnzustände verlässt und das Bewusstseins- und Aufmerksamkeitssystem eingeschaltet wird: Diesen Luxus leistet sich das Gehirn nur, wenn es sich (!) mit Problemen konfrontiert sieht, die zum einen ... hinreichend wichtig und zum anderen hinreichend neu sind, weil es im bewussten Zustand viel mehr Stoffwechselenergie verbraucht als im unbewussten (IV / S. 238 f):

„Bewusstsein ist für das Gehirn [!] ein Zustand, der tunlichst zu vermeiden und nur im Notfall einzusetzen ist.“ (IV / S. 240)

Die Welt des Gehirns ist also bewundernswert funktionell eingerichtet – für das Gehirn. Damit das energetisch kostspielige (ebd.) Bewusstsein nur dann eingeschaltet wird, wenn es unbedingt nötig ist, braucht es freilich ein un- bzw. vorbewusst arbeitendes System, welches alles, was unser Gehirn wahrnimmt, nach den Kriterien wichtig versus unwichtig, sowie bekannt versus unbekannt klassifiziert (IV / S. 239). Und wofür das alles? Es ist nur konsequent, dass Leute, die in der Natur nach einer Sinngebung für das menschliche Dasein suchen, beim Wettbewerb um Überleben und Reproduktion (I / S. 30) landen, für den die Natur den Menschen dermaßen zweckmäßig eingerichtet hat, dass sein Gehirn beim Erbringen seiner Leistungen sogar noch Energie spart, wo es nur geht. Wo so viel Sinn im menschlichen Leben steckt – Existieren um zu existieren und sich energetisch kostengünstig zu reproduzieren! –, da liegt der Gedanke nahe, dass wir von den neuronalen Entscheidungs[!]architekturen, die das Hirn aufweist, nur lernen können:

„Man sollte ... prüfen, ob es nicht vorteilhaft wäre, von der Natur zu lernen und die Entscheidungsprozesse in Politik und Wirtschaft an neuronalen Entscheidungsarchitekturen zu orientieren. Die Erwartung ist, dass solcherart parallelisierte Entscheidungssysteme wesentlich schneller und effektiver arbeiten können als die hierarchischen und dass sie das in komplexen Systemen immer akuter werdende Problem der relativen Inkompetenz von Entscheidungsträgern mildern helfen.“ (II / S. 170)

Derlei Einblicke in die Hintergründe unseres Daseins – aus der Sicht des Gehirns – und in die sich daraus ergebenden Möglichkeiten für uns mögen ein Angebot für Intellektuelle sein, die sich ein total abgefahrenes Narrativ zulegen wollen. Aber was hat das mit Hirnforschung zu tun?

Die Instrumentalisierung der Hirnforschung, ihre psychologische Indienstnahme, zu deren Kritik Sie uns gutes Gelingen wünschen, geht also etwas früher los und hört erheblich viel später auf, als Sie es vermuten.

So far

Die Gegenstandpunkt-Redaktion

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Literaturverzeichnis

  • (I) Wolf Singer: Verschaltungen legen uns fest: Wir sollten aufhören, von Freiheit zu sprechen. In: Hirnforschung und Willensfreiheit. Hrsg. von Christian Geyer, Frankfurt a. M. 2004
  • (II) Ders.: Der Beobachter im Gehirn. Essays zur Hirnforschung, Frankfurt a. M. 2002
  • (III) Gerhard Roth: Aus Sicht des Gehirns, Frankfurt a. M. 2003
  • (IV) Ders.: Fühlen, Denken, Handeln. Wie das Gehirn unser Verhalten steuert, Frankfurt a. M. 2003
  • (V) Ders.: Wir sind determiniert. Die Hirnforschung befreit von Illusionen. In: Hirnforschung und Willensfreiheit. Hrsg. von Christian Geyer, Frankfurt a. M. 2004
  • (VI) Ders.: Erkenntnis und Realität. Das reale Gehirn und seine Wirklichkeit. In: Siegfried J. Schmidt: Der Diskurs des radikalen Konstruktivismus, Frankfurt a. M. 1987
  • (VII) Ders.: Das Gehirn und seine Wirklichkeit, Frankfurt a. M. 1997
  • (VIII) Karl R. Popper. In: Karl R. Popper, John Eccles: Das Ich und sein Gehirn, München 1991
  • (IX) Michael Gazzaniga: Die Ich-Illusion, München 2012

[1] Und selbstverständlich sind sie auch den von Ihnen genannten Autoren Singer und Roth bekannt: Wechselwirkung mit Materiellem erfordert den Austausch von Energie. Wenn also das Immaterielle Energie aufbringen muss, um neuronale Vorgänge zu beeinflussen, dann muss es über Energie verfügen. Besitzt es aber Energie, dann kann es nicht immateriell sein... (I / S. 38)

[2] Wie er das macht? Indem er denkt. Dass Denken eine Tätigkeit ist, die mit körperlicher Anstrengung verbunden ist, kann jeder am eigenen Leib erfahren, und es ist im Übrigen auch wissenschaftlich verbürgt: Der Energieumsatz beim Anfertigen von Gedanken lässt sich messen, er soll beachtlich sein. Wir wissen wirklich nicht, warum es für unsere wissenschaftliche Ahnungslosigkeit sprechen soll, wenn wir diesen Tatbestand so wiedergeben, dass die Tätigkeit des Geistes sich in einer Zunahme der elektrischen Aktivität im Gehirn manifestiert. Statt sich in billiger Polemik zu üben, hätten Sie ja mal das Argument würdigen können, für das wir diesen Tatbestand herbeizitieren: Denken ist Nerventätigkeit. Diese Nerventätigkeit führt – das ist ebenfalls wissenschaftlich verbürgt – zu Veränderungen an den Nervenzellen: sie bilden zusätzliche Synapsen, Schnittstellen zu anderen Nervenzellen aus, und insgesamt nimmt der Grad der Vernetzung im Gehirn zu. Was aber wird dann aus dem Generalbefund, zu dem die Hirnforschung angeblich führt – Verschaltungen legen uns fest (Titel eines Beitrags von W. Singer zur Hirnforschungs-Debatte) –, wenn die Verschaltungen im Gehirn Produkt der Inanspruchnahme des Gehirns durch die sich betätigende Subjektivität sind?

[3] Um es noch einmal zu sagen: Hier liegt eine Umdeutung vor und zwar eine, die der Leitidee des Steuerns geschuldet ist. Damit, dass die Wissenschaft etwas ursächlich auf etwas anderes zurückführt, stellt sie nicht die Behauptung auf, dass mit der Ursache die Wirkung vorherbestimmt oder vorprogrammiert ist, dass die Ursache die Wirkung determiniert. Wenn einer einen Schnupfen hat, weil er sich ein Virus eingefangen hat, dann ist das Virus die Ursache, aber das heißt nicht, dass das Sich-das-Virus-Einfangen notwendigerweise diese Wirkung nach sich zieht. Der Gedanke der Determination wird von Leuten in ‚Ursache‘, ‚Kausalität‘ oder ‚das Wirken der Naturgesetze‘ hineingelesen, die mit der Idee des Steuerns schwanger gehen. ‚Steuern‘ ist eine Vorstellung aus dem Bereich der Technologie. Die Technologie zeichnet sich aber nicht dadurch aus, dass man die Naturgesetze einfach so vor sich hinwirken lässt, sondern dass man die materiellen Bedingungen, unter denen sie ihre Wirkung entfalten, so einrichtet, dass sie die beabsichtigte Wirkung tun. Die ist dann allerdings – durch den Prozess, den man zweckmäßig eingerichtet hat –, determiniert. Diese Umdeutung will erst einmal vollbracht sein, bevor einer mit bahnbrechenden Erkenntnissen wie der folgenden Furore machen kann: Wir sind Teil der physischen Welt, und daher beherrschen die Naturgesetze unser Verhalten und sogar unser Bewusstsein. (IX / S. 11)


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