Geiselnahme von Familie Wallert auf den Philippinen

Dieser Artikel ist in der Reihe Chronik – kein Kommentar! der Zeitschrift GegenStandpunkt 3-00 erschienen. Sie kann über den Buchhandel oder direkt beim Verlag als Druckausgabe oder E-Book erworben werden.

Das hat Frau Wallert nicht gebucht:
Tourismus und Imperialismus

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Tourismus ist Geschäft, von dem ganze Länder leben. Landschaft wie Leute werden dafür verhökert, was allerhand Gegensätze erzeugt. Wird der Touri mit der ökonomischen und politischen Grundlage seines reiselustigen Weltbürgertums konfrontiert, dann herrscht großes Erschrecken: Das hat man nicht gebucht!

Das hat Frau Wallert nicht gebucht:
Tourismus und Imperialismus

1.

Natürlich ist der Tourist kein Imperialist. Er „erobert“ seine Urlaubsparadiese nicht im Auftrag seines Vaterlands, sondern als friedfertiger Privatmann und Gast. Er möchte das Land, in das er kommt, nicht nehmen, sondern nur anschauen und seine Reize ein paar Wochen lang genießen. Er kommt mit besten Absichten und mit Geld. Er zahlt seine Zeche, nimmt also niemandem etwas weg, sondern stiftet Einkommen bei den Einheimischen. Dass sein Geld überall gern genommen, oft dringend gebraucht wird, sorgt dafür, dass er sich in den fremdesten Ländern und Kulturen sofort heimisch fühlt. Über dieses Medium verständigt er sich mit den Einwohnern auch ohne Sprachkenntnisse. Dass er ihnen mit seinem Geld willkommen ist, begründet die ganze Beziehung des modernen Reisenden zum Gastland und seinen Menschen. Es ändert daran nichts, ob ein Tourist, Sorte Ballermann, sich auf unverschämte Weise zu diesem Umstand bekennt, mit seiner Deutschmark in der Tasche Ansprüche stellt und am Urlaubsort die Sau rauslässt, oder ob einer diesen Umstand eher verleugnet und für eine Verfälschung seines tieferen Verständnisses der fremden Kultur und seiner persönlichen Liebe zum Gastland hält. Auch die alternativen Touristen, die in die geschätzte Lebensart des Gastlandes eintauchen wollen, kommen von der banalen Grundlage ihrer Beliebtheit an südlichen Gestaden, sowie der Grundlage der Freundlichkeit der Dortigen nicht los.

Beide Fraktionen wollen nichts davon wissen, dass die Welt ihrer Reiselust nicht deshalb offen und zur Verfügung steht, weil ihnen dieses Bedürfnis so eingefallen ist, weil sie die Ferne lieben und/oder ihre Spesen bezahlen können. Die weltweite Wirksamkeit ihrer Geldmacht und der weltweite Bedarf nach ihrem Geld unterstellt schon ein bißchen bestimmtere Verhältnisse als das von Käufer und Verkäufer – nämlich eine komplette Weltwirtschaft samt imperialistischer Staatenordnung. Von der Erinnerung an so etwas lässt sich der moderne Weltbürger die „schönsten Wochen des Jahres“ nicht vermiesen. Ihm genügt, dass er mit seinem Geld durch die Welt kommt. Auf dieser Basis ist dann alles individuelle Auswahl und Vorliebe, Hobby und Fernweh, das jeder auf seine ihm persönlich entsprechende Weise befriedigt.

2.

Dabei widerspricht schon die erste touristische Erfahrung der Einbildung, das Reisen sei eine Sache, die auf die persönliche Initiative und individuelle Wahl der Akteure zurückgeht. Wo immer der Tourist auftritt, stößt er – meist zu seinem Missvergnügen – auf seinesgleichen. Und immer sind es dieselben Leute, für die die wildesten Wüsten, die höchsten Berge, tiefsten Schluchten, die schönsten Strände mit dem stetigsten Wind, dem besten „Surf“ und den noch intakten Korallenriffs reserviert bleiben: die verdienenden Mitglieder der kapitalistischen Zentren in Nordamerika, Europa und Japan. Dieses Kollektiv ist enorm angeschwollen, seitdem die Tourismus-Industrie und die auf sie angewiesenen Nationen sich der Zahlungsfähigkeit der Normalverdiener angenommen haben. Auch ihnen wird ein Angebot gemacht, auch ihr beschränktes Einkommen lässt sich abholen. Immerhin ist ihre Arbeit daheim so billig und ertragreich für ihre Anwender – ihre Ausbeutung also so groß –, dass die Kapitaleigner mit den Produkten dieser Arbeit den Weltmarkt beherrschen und die Angebote anderer, z.B. der schönen Urlaubs-Länder, so erfolgreich vom Markt verdrängen, dass dort außer Natur nicht viel Weltmarkt-Taugliches übrigbleibt oder gar nicht erst entsteht. Die betreffenden Nationen werden dadurch zu Urlaubsrevieren und die Proletarier der Zentren zu Fernreisenden. Mit der Kaufkraft ihrer Urlaubsmark verschaffen sie sich eine Bestätigung, die ihrer Rechnerei mit dem Geld den Rest des Jahres über ziemlich widerspricht. Sie vergleichen sich mit den Menschen in den Urlaubsländern, die sich so etwas nicht leisten können, und kommen sich glatt wie Teilhaber am weltwirtschaftlichen Erfolg ihrer Nation vor. Der befriedigende Vergleich mit denen, die noch viel weniger verdienen als sie – oder gar nichts, ist der Lohn dafür, dass sie sich daheim den Vergleich mit den Einkommen der Besserverdienenden versagen.

Dem gar nicht aus individuellen Entschlüssen geborenen Kollektiv der Reisenden verkaufen die internationalen Reiseveranstalter ein seinerseits wenig individuelles Angebot: Damit er sein Geld bei ihnen und nicht bei der Konkurrenz abliefert, umwirbt man den Touristen mit Exotik, Abenteuer und „Natur pur“. Für ihr Angebot krempeln die Veranstalter die vorgefundenen natürlichen und sozialen Verhältnisse um, räumen manche Hütte und manches Stadtviertel weg und schaffen so einiges hin. Die „letzten Paradiese“ sind Kunstprodukte der Erlebnis-Industrie.

3.

Vom Geschäft mit der Urlaubsmark, das internationale Unternehmen aufziehen, leben ganze Länder. Tourismus ist ihre Integration in die Weltwirtschaft. Und das heißt einiges. Offenbar sind auch in diesen Breiten Staaten und Menschen auf Geld angewiesen, das im Inland jedoch nicht oder kaum zu verdienen ist. Diese Länder sind dem globalen Kapitalismus unterworfen, ohne selbst Kapital und ein inneres kapitalistisches Geschäftsleben zu haben. Zu dem Geld, das es in ausländischer Hand gibt, verschaffen immerhin die Träger der staatlichen Macht sich und ihrem Anhang einen gewissen Zugang, indem sie an Ausländer alles Landestypische verhökern, was denen einen Preis wert ist: Bodenschätze, Südfrüchte und eben Landschaft. Störende Einheimische, die nur unproduktiv vor sich hin leben, werden von den fruchtbaren Böden und den landschaftlich attraktiven Regionen vertrieben. Für sie sind die Berufe des Kellners und Zimmermädchens die besten, oft die einzigen Gelegenheiten, Geld zu verdienen. Die anderen, die nicht das Glück haben, für Europäer die Domestiken machen zu dürfen, schlagen sich als Kleinbauern und Slumbewohner mit ein bisschen Schacher, Drogenhandel, Diebstahl oder Betteln durch. Die Menschen, die unter ökonomische Lebensbedingungen gezwungen sind, von denen sie nicht leben können, sind eine einzige Störung des Tourismusgeschäfts und eine Gefahr für die Touristen, die in ihren Augen reich, also ein lohnendes Objekt ihrer Aufmerksamkeit sind. Deshalb müssen die Beach-Ressorts, die ihre Gäste mit entsprechendem Komfort, mit eingeflogenen Lebensmitteln und ausgewählten Landesbewohnerinnen versorgen, von der landesüblichen Armut abgeschirmt werden. Zäune und Wachmannschaften zeugen davon, dass die Naturparadiese, die den Touristen verkauft werden, nicht nur eine Abstraktionsleistung der Tourismusveranstalter sind, die mit einigem Aufwand in Szene gesetzt werden. Sie verlangen auch dem Gast einiges Wegschauen ab, wenn er sich in den Tropen so recht wohlfühlen will. Die organisierte Trennung beider Welten ist die Basis von Geschäft und Kundenzufriedenheit. Wenn sie einmal versagt und der Tourist mit der ökonomischen und politischen Grundlage seines reiselustigen Weltbürgertums konfrontiert wird, herrscht das große Erschrecken: Das hat man nicht gebucht!

4.

Grundlage des Tourismusgeschäfts in der Dritten Welt ist ein Elend, das nicht immer, aber immer wieder zu Aufständen regionaler Banden und Clans gegen die Staatsmacht führt – oft unter den trostlosesten Parolen und Zielsetzungen. In so einen Kleinkrieg ist die deutsch-französisch-finnische Tauchergruppe im malaysisch-philippinischen Grenzgebiet geraten – und auch das nicht zufällig. Nicht nur, dass sie Geld haben, das sich abzuholen lohnt. Sie sind europäisches Leben und als solches für Entführer viel wertvoller als das einheimische. Die philippinische Regierung hat fast zeitgleich mit der Entführung auf Jolo vorgeführt, wie sie mit Geiselnahmen durch Aufständische umgeht, wenn sie freie Hand hat: Eine gekidnappte Schulklasse samt Lehrern „befreite“ das nationale Militär so konsequent, dass mit den Terroristen die meisten Geiseln starben. Europäische Geiseln sind dagegen bessere Handelsware. Für sie werden höhere Lösegelder bezahlt, nur mit ihnen besteht die Chance auf politische Tauschgeschäfte mit der Regierung – und bei all dem bieten europäische Geiseln ihren Entführern einen gewissen Schutz vor dem sofortigen Zuschlagen der Anti-Terrorismus-Einheiten. Denn die mächtige EU, mit der es sich die Regierung in Manila nicht verderben will, verlangt Zurückhaltung und will das Leben ihrer Bürger über die philippinische Staatsräson gestellt sehen. Die Separatisten, die einen islamischen Kleinstaat aus dem Territorium der katholischen Philippinen herausschneiden wollen, setzen in ihrer Ohnmacht gegen die militärisch überlegene Zentrale auf das globale Kräfteverhältnis, in dem ihre Unterdrücker auch nur eine kleine Nummer sind. Sie setzen das Stückchen europäischer Hoheit, das die gekidnappten EU-Bürger repräsentieren, erpresserisch gegen die Zentralregierung ein. Diese „Internationalisierung“ des Bürgerkrieges bringt die Regierung in die besagte Klemme, entweder die guten Beziehungen zu wichtigen EU-Staaten belasten oder auf ihre Art der Terrorismusbekämpfung verzichten zu müssen. Sie lässt sich also darauf ein, mit den Kidnappern über die Freilassung der Geiseln zu verhandeln. Damit wertet sie diese „Verbrecher“ zu einer Verhandlungspartei auf, nimmt ganz gegen ihre Linie deren politisches Ziel offiziell zur Kenntnis und verspricht Zugeständnisse. Erst nach der Befreiung der Geiseln gilt wieder das der Staatsräson entsprechende „Feuer frei!“ Das wissen freilich auch die Entführer – was die Aussichten auf eine schnelle Freilassung der Geiseln nicht gerade verbessert.

5.

In ihrer Not erinnern sich die Geiseln dann doch ganz gut an die Geschäftsgrundlage ihres Weltbürgertums, von der sie nichts wissen wollen, solange sie sich diese schöne Welt reisend aneignen. Sie müssen erleben, was es heißt, als Bürger von Weltmächten interessant zu sein, und werden gar nicht misstrauisch gegen die Weltordnung, die ihre Heimatländer entscheidend mitbestimmen, sondern setzen erst recht auf ihre Staatsangehörigkeit als den probaten Schutz für Leib und Leben. Sie hoffen wie ihre Entführer auf den Respekt, den ihr Pass der Regierung abnötigt. Denn in Bezug auf den philippinischen Staat wissen sie genau, wie bedrohlich eine Staatsgewalt und ihre Selbstbehauptung für Leute ist, die dabei im Weg sind: Nichts fürchten sie so sehr wie eine Militäraktion der Regierung gegen ihre Entführer. Die Macht ihrer eigenen Vaterländer erscheint ihnen dagegen nur wohltätig: Von Europa fordern die Geiseln über immer wieder anwesende Journalisten, genau das, was sie von seiten der philippinischen Regierung fürchten. Europa soll Macht und Einfluss im Hinterindischen Archipel ausspielen und gegen die dortige Regierung eine „humanitäre Lösung“ durchsetzen, wie sie Deutschland, Frankreich und schon gleich Spanien im Kampf gegen eigene Terroristen nie zugelassen hätten – man erinnere sich nur an Hanns Martin Schleyer, Mogadischu und Stockholm. Zur Einmischung brauchen Außenpolitiker wie Fischer, Védrine und Solana freilich nicht erst aufgerufen zu werden, denn die Heimatstaaten sehen den Respekt vor sich ganz von selbst verletzt, wenn ihren Staatsbürgern auswärts Gewalt angetan wird. Selbstverständlich verteidigen sie diesen Respekt vor sich, sowie ihr politisches Gewicht in der Region. Die Rettung der Geiseln ist bei ihnen in besten Händen. Der Respekt, den „Europa“ zu verteidigen bzw. sich zu verschaffen hat, verbietet es freilich, umstandslos und ohne Verzug Lösegeld zu bezahlen – große Mächte lassen sich nicht durch beliebige Gangster erpressen! Er schließt ferner aus, dass die drei EU-Staaten an der befreundeten philippinischen Regierung vorbei und rücksichtslos gegen deren Sicherheitsbedürfnisse mit den Entführern ins Geschäft kommen, um ihre Bürger heimzuholen – schließlich gibt es ein Interesse an stabilen Verhältnissen in diesem Land. Das ursprüngliche Pech der Geiseln liegt darin, dass sie als Nationalrepräsentanten zum Objekt lokaler politischer Auseinandersetzungen werden; sie selbst fordern, zum Gegenstand der internationalen Politik gemacht zu werden. Jetzt sind sie es. Wie gut die europäische Einmischung den Wallerts bekommt, wird man sehen. So viel aber steht fest: Auch aus dieser Erfahrung wird niemand klüger werden: Geht die Sache gut aus, dann ist klar, dass deutsche und europäische Außenpolitik voll und ganz dem Schutz des Lebens gewidmet ist. Geht sie schlecht aus, zeigt das nur, dass „wir“ Länder wie die Philippinen noch lange nicht genug unter Kontrolle haben und Europa mehr Macht braucht – wahrscheinlich, um den Touristen ihr Vergnügen zu ermöglichen. Reisen bildet eben doch nicht!


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