Zuschrift zu ‚Gesundheit – ein Gut und sein Preis‘

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Zuschrift zu ‚Gesundheit – ein Gut und sein Preis‘

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Überblick

Ein Leser unseres im letzten Jahr erschienenen Buchs ‚Gesundheit – ein Gut und sein Preis‘ erhebt vernichtende Einwände; er hält es für nicht nur überflüssig, sondern ärgerlich. Wir hätten keine Ahnung von der Medizin, hätten das Buch besser gar nicht erst geschrieben und sollten uns künftig lieber wieder über Gegenstände verbreiten, bei denen ihr euch auskennt. Wenn wir uns damit begnügt hätten, bescheidenere Besinnungsaufsätze über einzelne medizinische Skandale zu schreiben, hätte er sich das als Kritik am Medizinbetrieb noch eingehen lassen. Aber die Medizin grundlegend zu kritisieren, sei nicht haltbar, dabei herausgekommen sei nur logisch falsches Geschwurbel.

Zuschrift zu ‚Gesundheit – ein Gut und sein Preis‘

Ein Leser unseres im letzten Jahr erschienenen Buchs Gesundheit – ein Gut und sein Preis erhebt vernichtende Einwände; er hält es für nicht nur überflüssig, sondern ärgerlich. Wir hätten keine Ahnung von der Medizin, hätten das Buch besser gar nicht erst geschrieben und sollten uns künftig lieber wieder über Gegenstände verbreiten, bei denen ihr euch auskennt. Wenn wir uns damit begnügt hätten, bescheidenere Besinnungsaufsätze über einzelne medizinische Skandale zu schreiben, hätte er sich das als Kritik am Medizinbetrieb noch eingehen lassen. Aber die Medizin grundlegend zu kritisieren, sei nicht haltbar, dabei herausgekommen sei nur logisch falsches Geschwurbel; und streng genommen müssten wir die Kritik eigentlich wieder aus dem Verkehr ziehen.

„Eine einfache Frage vorangestellt: Warum soll es eigentlich ausgerechnet bei der Medizin als einem Berufsbild nicht mit der gewöhnlichen und hier nicht bestrittenen Wahrheit getan sein, dass die bürgerliche Gesellschaft davon lebt und darauf angewiesen ist, dass jeder borniert an seinem Platz seine Pflicht erfüllt, ob als Postbote, Ingenieur, Stahlarbeiter, Bauer, Programmierer, oder gar im Staatsauftrag als Jurist oder Lehrer, und eben auch – Arzt.“

Als unkritischer Mensch will sich der Leserbriefschreiber also nicht verstanden wissen, er outet sich vielmehr sogar als scharfer Kapitalismuskritiker, der es für verwerflich hält, dass ein jeder seine Pflicht für ein Gemeinwesen erfüllt, das er als moderne Klassengesellschaft kennt. Die ‚Wahrheit‘, die sich ihm zufolge auch der Arzt vorhalten lassen muss, ist dem Inhalt nach identisch mit dem, worein jedes sittlich integre Individuum seine Ehre legt, wenn es sich als nützliches Glied der Gesellschaft ‚begreift‘. So wie jeder Erwerbstätige sei auch der Arzt mit dem Erhalt dieser Gesellschaftsform beschäftigt und trage insofern sein Scherflein zum Gelingen des großen Ganzen bei. Darin, getrennt von jedem Inhalt seines Berufs – abgesehen von seiner spezifischen Aufgabenstellung und damit dem Gegenstand seiner Tätigkeit –, unterscheide sich der Arzt von keinem anderen seiner werktätigen Zeitgenossen in der Konkurrenzgesellschaft. Kritikabel sei er – wie der Postbote, Stahlarbeiter oder Lehrer – darin, dass er borniert seine Pflicht erfüllt, sich also keine Rechenschaft über den wahren – nämlich in Wahrheit verwerflichen – Charakter des großen Ganzen der Gemeinschaft ablegt, für das er seinen Dienst leistet. Das sei dem Berufsstand der Ärzte wie jedem anderen Berufsstand an Kritik entgegenzuhalten – und das ist einerseits nicht gerade wenig: Was er den Insassen dieser Gesellschaft berufsübergreifend vorwirft, ist immerhin, dass sie in Ausübung ihres Berufs ein menschenverachtendes System am Laufen halten.

Der Leser ist sich sicher: Die Welt von Konkurrenz und Kapital ist schlecht; ihm leuchtet es sofort ein, dass das Interesse der maßgeblichen Wirtschaftssubjekte und der Staaten der Grund [ist] für die lebenslange Verpflichtung der Mehrzahl der Menschen, ihren Lebensunterhalt in abhängiger Arbeit unter der Regie von Wirtschaftssubjekten zu verdienen, deren Interesse ein dem ihren objektiv entgegengesetztes ist, dass in der Konkurrenzgesellschaft Arbeitsplätze zur Senkung der Lohnstückkosten eingerichtet sind und dass den Leuten damit Arbeits- und Privatbedingungen serviert werden, die schon in gesundem Zustand schlecht aushaltbar sind. Insofern hält er eine Kritik am System für durchaus angebracht, die Einsicht in ein Umstürzen der Gesellschaftsordnung gar für unabdingbar. Sicherlich findet er es von daher auch sehr bedauerlich, dass von dieser Einsicht weit und breit nichts zu entdecken ist, alle Welt sich vielmehr tapfer müht, bei Verhältnissen mitzumachen, die ihr schaden. Welche Gründe sie dafür hat, ist unserem Kritiker jedoch keine Erklärung wert – weil die Frage für ihn damit hinreichend beantwortet ist, dass seine Zeitgenossen borniert sind, von der Verwerflichkeit der Gesellschaftsordnung und ihrer trostlosen Objektrolle nichts wissen wollen, also den Standpunkt vermissen lassen, den nach dem Selbstverständnis unseres Lesers linke Systemkritiker – wie er selbst und wie angeblich auch wir von der GegenStandpunkt-Redaktion – einzunehmen pflegen.

Sich weit über die ganze Konkurrenzgesellschaft zu stellen, im Unterschied zu ihren ahnungslosen Insassen die ‚Wahrheit‘ über sie zu kennen, um ihre Schlechtigkeit zu wissen und dem großen Rest seine Ahnungslosigkeit vorzuhalten – das ist an Kritik andererseits auch nicht sehr viel: Für die Aufhebung dieser Differenz tut unser Leser nämlich nichts und will auch gar nichts dafür tun, weil mit dem Festhalten der Differenz seine ganze Systemkritik fertig ist. Den Ahnungslosen mit Aufklärung und Kritik ihres Berufs zu kommen, hält er für grundverkehrt, weil im Grunde gar nicht möglich: Den einzigen Vorwurf, den er kennt, der Rest der Welt diene in seiner Borniertheit dem Erhalt eines menschenfeindlichen Systems, könne man den Leuten gar nicht machen – als Vorwurf könne das ja nur der verstehen, der vorher bereits ein Kritiker dieser Gesellschaft ist. Und der umgekehrte Weg, um den wir uns in der Schrift erkennbar bemüht haben, ginge eben gerade nicht. Dass wir uns überhaupt damit so sehr mühen, am praktischen Standpunkt von Arzt und Patient etwas Falsches, Kritikables aufzuzeigen – darin sieht der Leser unseren großen Fehler. Den Gesellschaftsmitgliedern im Allgemeinen und im Speziellen dem Arzt und dem Patienten an ihrem Tun selbst immanent Fehler nachzuweisen, hält er für sehr dumm. Aus der ‚Anschauung‘ des Gesundheitswesens – nämlich über eine Besichtigung des Inhalts des Arztberufs und der Medizin – sei zu einer Kritik an dem System, in dem sie ihre Funktion haben, überhaupt nicht, sondern nur völlig getrennt von ihr zu gelangen. Mit höchstem wissenschaftlichem Ethos legt unser Kritiker seinen ganzen Ehrgeiz in diesen Nachweis.

Unser Leser hält es für angebracht, uns darüber zu belehren, dass die Medizin mit der Klassengesellschaft und also auch mit deren Kritik von Berufs wegen überhaupt nichts zu tun hat: Dem diagnostizierenden und therapierenden Arzt treten die ‚äußeren Bedingungen‘ in jedem zu behandelnden Fall einfach als Gegebene und Unbeeinflussbare gegenüber und müssen von ihm als Phänomene der Natur betrachtet sein, so wie sein Objekt in seiner Naturseite betroffen ist. Als Systemkritiker mag er wissen, dass sich besagte Phänomene, von denen der Mensch betroffen ist und die schon im gesunden Zustand schlecht aushaltbar sind, dem Kapitalismus verdanken. Aber, so argumentiert er im Folgenden gegen die Ausführungen in unserem Buch, vom Standpunkt des Mediziners aus sei der Blick darauf notwendigerweise verstellt. Als der bessere Auskenner in Sachen Medizin und medizinische Wissenschaft, als der er uns gegenüber auftritt, argumentiert er ‚immanent‘, macht nämlich die Stellung, die der Mediziner als Mediziner zu seinem Objekt einnimmt, zum Argument dafür, dass er als Mediziner für etwas anderes zuständig ist, als Kritik an der Klassengesellschaft zu üben. Er macht sich damit zum Anwalt der standesgemäßen Borniertheit – die er als Systemkritiker kritisiert! – und bestreitet aus der Position des bornierten Mediziners offensiv, dass man durchaus auch als Mediziner auf den Gedanken kommen kann, dass an der Gesellschaft irgendetwas nicht stimmen kann, wenn die Leute scharenweise mit ihren Zivilisationskrankheiten in seiner Praxis auflaufen.

Unser Leser ist – wie der von seiner Mission überzeugte Arzt – der Auffassung, dass der Umstand, dass die Ärzte ihren Beruf im Kapitalismus ausüben, in keiner Weise bestimmend ist für das, was sie als Ärzte sind und zu tun haben. Der Arztberuf habe schließlich – und das quer durch alle Gesellschaftsformen – nichts als das Helfen und Heilen von hilflosen Kranken zum Inhalt:

„Dass ihre praktische Tätigkeit ... in ‚Sorge‘ für Menschen besteht, ist ihrer spezifischen Tätigkeit geschuldet: Ein Kranker muss versorgt werden, weil er in Abhängigkeit vom Grad seiner Erkrankung/Verletzung dazu nicht mehr selber in der Lage ist.“

Wie der idealistische Arzt, der mit genau diesem Berufsethos antritt und für den dieses Ethos der Begriff seiner spezifischen Tätigkeit ist, täuscht er sich da schwer über den Arztberuf: Kapitalismus und Klassengesellschaft sind für ihn ‚Bedingungen‘, unter denen die Leute tätig werden; er behandelt sie als äußere Umstände der Berufstätigkeit, der die Leute nachgehen, tut so, als ließe sich beides trennen, und will, zumindest im Fall des Arztes, nichts davon wissen, dass diese ‚Umstände‘ die Berufstätigkeit schon ziemlich bestimmen.

Das kann jeder Arzt, und überhaupt jeder, dem entnehmen, womit sich die moderne Medizin herumschlägt. Nämlich z.B. mit Patienten, die reihenweise aufgrund von Lebensbedingungen erkranken, die ganz bestimmt nicht natürlichen Ursprungs sind und bei denen es deswegen ganz bestimmt verkehrt, ein – wie es in unserem ‚Büchlein‘ heißt – unverzeihlicher Fehler ist, sie als Phänomene der Natur zu betrachten. Auch unser Leser weiß zu berichten, dass sich die Medizin um den Nachweis von einem zahlenmäßig möglichen/wahrscheinlichen/sicheren Zusammenhang zwischen dem Auftreten von Krankheiten und den ‚gegebenen Umständen‘ bemüht; zum Beispiel dem zwischen der Feinstaubbelastung in einer Großstadt einerseits und dem Auftreten von Atemwegsbeschwerden bis hin zum Lungenkrebs in dieser Region andererseits. Interessanterweise spricht für ihn diese zugegeben begriffslose Aufzählung sich verändernder Bedingungen aber gar nicht gegen die Betrachtungsweise der Medizin, die sich für die Herkunft von Krankheitsursachen wie etwa den Schadstoff-Werten in Umgebungsluft und Trinkwasser, die sie nach allen Regeln der Kunst wissenschaftlich untersucht, besten Gewissens für unzuständig erklärt. Er findet überhaupt nichts daran auszusetzen, wenn die medizinische Wissenschaft gesellschaftlich produzierte schädliche Lebensumstände wie natürliche Gegebenheiten behandelt, von denen man auszugehen hat und bei denen man allenfalls nach den Wirkungen auf den Organismus fragen kann. Für ihn spricht es vielmehr für die Medizin und die ihr immanente Anschauung der Welt. Dabei besteht sein ganzes Argument darin, dass er uns vorbuchstabiert, wie die Welt nun mal aussieht, wenn man sie ‚borniert‘ vom praktischen Standpunkt der Medizin aus betrachtet. Wir können dem eigentlich nur entgegenhalten: Das mag schon sein, dass die Medizin so über die Welt nachdenkt und dass die dann so ausschaut. Aber ist das wirklich ein Argument dafür, sie so anzuschauen?

Unser Leser stellt sich auch auf den praktischen Standpunkt des Patienten, und von dem aus erscheint ihm unsere Kritik am Gesundheits- und Medizinerwesen besonders ungerecht und idiotisch. Dass wir uns am Ende unseres ‚Büchleins‘ den Hinweis gestatten, dass dem Patienten in der ganzen Veranstaltung die Rolle des nützlichen Idioten zugewiesen ist, dessen Gesundheit für die in der Konkurrenzgesellschaft herrschenden Zwecke verbraucht wird und der sich deswegen umso mehr um seine Gesundheit zu kümmern hat, missversteht er konsequent als Vorwurf an den Kranken, der zum Arzt geht, statt sich gesellschaftskritisch zu betätigen, um mit der Frage, was der bedauerliche Pechvogel denn sonst tun soll, zu dessen Ehrenrettung überzugehen. Eine solche ist allerdings gar nicht nötig, weil die Behauptung, die unser Leser aus unserer Kritik heraushört – bereits Patient-Sein sei nichts weniger als ein Fehler –, niemand aufgestellt hat. In seiner Zurückweisung unserer Kritik erläutert er uns, dass der Patient, der einen praktischen Rat sucht, nur darauf hoffen kann, dass er auf einen Arzt trifft, der aus seinem medizinischen Wissen die hoffentlich richtigen Schlüsse zieht – mehr kann der Laie/Patient nicht erwarten. Des Weiteren erläutert er uns, dass die Ratschläge zu einer gesünderen Lebensführung, die der nach praktischem Rat suchende Patient von seinem Arzt erhält – Gymnastik zur Stärkung der Rückenmuskulatur ist zur Schmerzvermeidung förderlich, wenn man dabei noch Salat isst, wird man auch nicht so fett –, doch nur sachdienlich sind, und er versteht deswegen gar nicht, was es an einem derartigen Beratungswesen zu kritisieren geben könnte. Er weigert sich, die Überlegung überhaupt mitzumachen, die wir dem Leser unserer Schrift nahelegen wollen: dass es sich angesichts ihrer eigenen Forschungsergebnisse zu den Krankheitsursachen der grassierenden ‚Volksseuchen‘ schon ein wenig seltsam ausnimmt, wenn sich die Medizin ausgerechnet von ihren Ratschlägen zur Änderung des privaten Lifestyle ihrer Patienten Abhilfe verspricht. Wir jedenfalls haben es für ebenso bemerkenswert wie erklärungsbedürftig gehalten, dass die Medizin in einer Welt – mit einem riesigen Gesundheitswesen und einem riesigen Krankenstand –, welche die Physis und Psyche ihrer Insassen systematisch überfordert und in der der Einzelne den ungesunden Lebensbedingungen, die in ihr flächendeckend herrschen, gar nicht entkommen kann, den Leuten die Vermeidung gesundheitsschädlichen Verhaltens und ein gesünderes Leben mit mehr Gymnastik und Salat anempfiehlt. Schließlich spricht das weder für diese Welt noch für die Leistung, die die Medizin in ihr vollbringt.

Angesichts dessen, dass der Patient auf einen Arzt angewiesen ist, der ihn heilt, also seinem Beruf nachgeht, wirft uns unser Leser vor, unsere Kritik des Medizinerwesens würde auf lauter idealistische und lächerlich unpraktische Ratschläge an Arzt und Patient hinauslaufen. Unsere Kritik sei die unbegründete Aufforderung, einen Hilfestandpunkt zu verlassen, um einen anderen, vermeintlich besseren einzunehmen. Er nimmt sie als praktische Handlungsanweisung, als wären wir mit ihr unter die praktischen Ratgeber in Sachen gesünderes Leben gegangen, und hält der theoretischen Aufklärung über das Gesundheitswesen, mit der sich diese Kritik begründet, entgegen, dass sie weder dem Heiler beim Heilen noch dem Kranken beim Gesundwerden weiterhilft. Und was hätte nun ein solcher aufgeklärter Patient für Mittel?, fragt er uns, um an der Antwort unsere Kritik zu blamieren: gar keine natürlich. Zu einer beachtlichen Antikritik hat sich unser kritischer Kritiker da vorgearbeitet: Aufklärung taugt nichts; Kritik blamiert sich am Maßstab des praktischen Zurechtkommens mit der Realität, gegen die sie sich richtet!

Vor diesem Maßstab nimmt sich für ihn die Aufklärung über einen Medizinbetrieb, der den Mitgliedern der Konkurrenzgesellschaft in ihrem ruinösen Treiben auf die Sprünge oder wenigstens wieder auf die Beine hilft, sie dazu befähigt, in Verhältnissen zurechtzukommen, die ihnen schaden, wie eine einzige Diffamierung aus, die gegenüber dem Helfer wie dem zu Helfenden ungerecht sei; unsere Kritik an diesem objektiven (von Staats wegen so eingerichteten) Zynismus nimmt er gleich nur als schweren Vorwurf an die Adresse der Mediziner, sie würden zum Fortbestand einer uns verhassten Gesellschaftsordnung beitragen; ein Vorwurf, den er erstens als unbegründet zurückweist, weil der Arzt für die Umstände, unter denen er seinen Beruf ausübt, ja nichts kann; und den er zweitens für moralisch hält, weil er darin nichts als unser Interesse am Umsturz der Verhältnisse erkennen kann. Was er als Zumutung begreift, die sich der Stand der Mediziner nicht gefallen zu lassen braucht, ist tatsächlich nicht mehr, aber auch nicht weniger als die mit unserem Buch verbundene Aufforderung, sich – nicht ausgerechnet, sondern auch – als Mediziner Rechenschaft über den Inhalt dieses Berufs abzulegen. Was dabei herauskommt, ist die Einsicht, dass es auch am Medizinerberuf ein paar Gründe zu entdecken gibt, die gegen den Kapitalismus und für dessen Abschaffung sprechen. Das einzige Verbrechen, das wir den Ärzten antun, besteht bei Licht betrachtet darin, dass wir uns in unserem Buch theoretisch zu deren Beruf stellen. Das schließt ein, was sich gar nicht vermeiden lässt, wenn man sich einmal unvoreingenommen ein Urteil über diesen Beruf bildet: Eine Kritik an dem Ethos, mit dem Ärzte ihren Beruf ausüben; an ihrem Selbstbewusstsein als Heiler, die den Menschen nur Gutes tun; einem Selbstbewusstsein, das auch unser Kritiker eins zu eins für den Begriff des Arztberufs nimmt. Wenn wir in unserer Broschüre zu dem Befund gelangen, dass die Abstraktionsleistung, die dem Hilfestandpunkt innewohnt – nämlich das Absehen von allen Gründen und Zwecken, wodurch die Gesundheit der Leute verbraucht wurde und wofür sie wieder gebraucht wird –, die Medizin bedingungslos funktional für ein politökonomisches System macht, das ihre Insassen systematisch überfordert, fragt sich unser Leser gar nicht erst, ob das stimmt und ob die Argumente, mit denen wir diesen Befund begründen, in Ordnung gehen. Er nimmt diesen Befund gleich nur als Angriff auf dieses Ethos wahr und verbittet sich stellvertretend für den ganzen hochangesehenen bürgerlichen Berufsstand die Kritik. Auf die Idee, dass die womöglich auch den Angehörigen dieses hochangesehenen Berufsstandes hilfreich sein könnte, nämlich in dem Sinn, dass sie Klarheit gewinnen darüber, womit sie sich täglich praktisch herumschlagen, kommt er gar nicht erst.

Konsequenterweise leugnet der Leser am Ende auch noch den Zusammenhang zwischen der Konkurrenzgesellschaft und den in ihr verbreiteten ‚Zivilisationskrankheiten‘, den die Medizin selbst kennt und den wir aus der medizinischen Literatur zitieren: „Zu behaupten, ... [es sei] so etwas wie ein Nachweis eines noch dazu notwendigen Zusammenhangs gelungen, ist albern.“ In seinem Furor, bloß nichts auf den Arztberuf kommen zu lassen und alles von ihm fernzuhalten, was zur Kritik Anlass geben könnte, leistet er sich sogar die Albernheit, zu bestreiten, dass es die Medizin ist, die von ‚Zivilisationskrankheiten‘ spricht und damit zu erkennen gibt, dass ihr die gesellschaftliche Herkunft der Krankheitsursachen, denen sich ein Großteil der Krankheiten, an denen der moderne Mensch erkrankt, verdankt, durchaus bewusst ist: Woraus wir zitieren, das seien nur populäre Veröffentlichungen, nicht etwa ... aktuelle Kompendien des Standes der Forschung. Wo wir uns die Mühe geben, den abstrakten Befund, den die Medizin in ihrer Rede von den ‚Zivilisationskrankheiten‘ selbst ausspricht – dass diese Krankheiten nicht natürlichen Ursprungs, sondern gesellschaftlich bedingt sind –, zu erläutern, also zeigen, in welchen gesellschaftlichen Verhältnissen das massenhafte Auftreten dieser Krankheiten seine Notwendigkeit hat, hält uns der Kritiker den aktuellen Stand der Forschung entgegen, hält es überhaupt nicht für nötig, auszuführen, inwiefern dieses ‚Argument‘ der Autorität der Wissenschaft unserer Argumentation widersprechen soll, und verlegt sich auch im Übrigen aufs Abstrahieren von dem bestimmten Zusammenhang, den wir darlegen:

In Wirklichkeit ist es nämlich so: Wie jede Gesellschaftsordnung schafft der Kapitalismus Lebensbedingungen für die Leute – nämlich welche und warum die? Getrennt von dem Kapitel, in dem wir aufzeigen, wie und in welchen verschiedenen Hinsichten der Kapitalismus für die Lebensbedingungen verantwortlich zu machen ist, aufgrund derer die Leute massenhaft an den bekannten und gut erforschten drei bis fünf ‚Zivilisationskrankheiten‘ erkranken, bemüht er eine Logelei um die Inkommensurabilität von Kategorien: Kann die Gesellschaft unmittelbar auf einen Naturgegenstand wirken? Nein, unmittelbar kann sie das nicht, Gesellschaft ist schließlich nicht Natur und daher stehe sie unmittelbar nicht in einem Ursache-Wirkungs-Verhältnis mit der Physiologie. Nur ihrer physikalisch/chemisch/biologischen Naturseite nach können Bedingungen auf die Physiologie wirken. Das ist der einfachen Tatsache geschuldet, dass der Mensch wie das Tier als Lebewesen, also seiner Naturseite nach, in einem Stoffwechselprozess mit der ihn umgebenden Natur steht. Streng genommen könne daher grundsätzlich von gesellschaftlichen Krankheitsursachen keine Rede sein, weil sie ja, sofern sie auf den Organismus wirken, nicht in ihrer Eigenschaft als gesellschaftliche Phänomene, sondern als Naturphänomene wirken und ihre Wirkung wissenschaftlich ebenfalls als rein natürliche Phänomene zu betrachten seien: „Krankheiten [finden] nun mal im Organismus statt, der ist krank, nicht die Umgebungsluft.“ Letztlich ist also alles Natur, vor allem der Krankheitsprozess, der ja im Organismus abläuft und nicht in den gesellschaftlich produzierten Lebensumständen. Unser Leser konzediert lässig, dass die kapitalistische Gesellschaft Lebensumstände produzieren mag, die für ihre Mitglieder gesundheitsschädlich sind – um damit das Gegenteil zu belegen: Weil der Mensch es ist, der den Schaden hat, und er seiner Naturseite nach von den gesundheitsschädlichen Lebensumständen betroffen ist, muss das Augenmerk auf ihn und seinen Körper gerichtet und die verpestete Luft aus der Schusslinie genommen werden.

Den gleichen Satz – wie jede Gesellschaftsordnung schafft der Kapitalismus Lebensbedingungen für die Leute – betont der Leser ein paar Zeilen weiter nach der anderen Seite hin – nämlich so, dass mit unserem Herumreiten auf der gesellschaftlichen Herkunft der Krankheitsursachen eigentlich noch gar nichts gesagt sei. Wenn man am Kapitalismus nur festhält, dass er, wie jede andere auch, eine Gesellschaftsordnung ist, bleibt von ihm – wer hätte das gedacht! – auch nicht mehr übrig. Und das scheint irgendwie der Zweck der Gedankenübung zu sein, die uns unser Kritiker über mehrere Seiten seiner Zuschrift vorexerziert. Erst konstatiert er: Im Kapitalismus werden von Staat und Wirtschaft ... Bedingungen, auch physikalisch/chemisch/biologische, in die Um-Welt gesetzt, um daran dann nichts anderes festzuhalten, als dass es Bedingungen sind, die irgendwie gesellschaftlich produziert sind, und uns das Ergebnis seiner Abstraktionskunst anschließend als nichtssagende Aussage in die Schuhe zu schieben, mit der wir uns der Lächerlichkeit preisgeben: Sind Umwelt-Bedingungen nicht alles, was alles ... umgibt? Diese Bedingungen können zu Krankheiten führen. Da weiß man jetzt viel! Das ist allein schon deswegen richtig, weil ja alle Krankheiten unter den herrschenden gesellschaftlichen Bedingungen entstehen. So, als ob wir mit der Erkenntnis hausieren gehen würden, dass es eine Besonderheit des modernen Kapitalismus ist, dass in ihm das Kranksein gesellschaftlich bedingt ist, hält er uns entgegen: ...als ob die Leute nur von der Steinzeit bis ins Mittelalter unter natürlichen Bedingungen krank geworden wären. Wirklich, sehr geistreich.

Und noch ein schlagendes Argument dafür, dass von der von uns behaupteten Notwendigkeit nicht die Rede sein kann, müssen wir uns sagen lassen: Ein notwendiger Zusammenhang könne der zwischen Konkurrenzgesellschaft und ihren Volksseuchen schon deswegen nicht sein, weil es letztlich allemal noch am Individuum hängt, wann aus einer Anforderung eine Überforderung wird – wo bleibt da bitte die Notwendigkeit? Ob und inwiefern sich Bedingungen am Organismus als Schaden manifestieren, hänge schließlich auch sowohl von der Physis als auch der Psyche der Leute ab, die „als weitere Bedingungen in diesen Zusammenhang ein[treten]“. Und das, so stellt unser Leser fest, lustigerweise klassenübergreifend, denn Rückenschmerzen, Bluthochdruck und Burn-out machen vor keiner Klassenschranke halt und können jeden treffen – wieso findet der Leser das lustig? Weil er seine feste Vorstellung davon hat, wie Kritiker der Klassengesellschaft die Klassengesellschaft kritisieren – nämlich so, dass sie alles, in diesem Fall also sämtliche Krankheiten, auf Ausbeutung der Arbeiter im Betrieb zurückführen. Nur deswegen kommt er darauf, er könnte uns mit der überaus überraschenden Entdeckung blamieren, dass übrigens auch Kapitalisten mal krank werden. Er hält uns eine Kritik entgegen, mit der er sich vollständig vom kritisierten Text löst und ein Scheingefecht um Argumente führt, die er für ‚links‘ hält und uns – kontrafaktisch – unterstellt.

Drei Argumente führt unser Leser gegen den ‚notwendigen Zusammenhang‘ an, die sich untereinander alle widersprechen: Erstens ist Krankheit ein natürlicher Prozess, zweitens ist alles gesellschaftlich bedingt, drittens hängt alles vom Individuum und seiner Konstitution ab. Das Resultat dieser Überlegungen kann sich sehen lassen: Die Bürgerliche Gesellschaft und ihr Kapitalismus sind nicht Grund auch nur einer einzigen Krankheit. Von einer immanenten Betrachtung der Medizin führt für den Leser kein Weg zur Kritik – weder am Gesundheitswesen noch – und vor allem – überhaupt an der Konkurrenzgesellschaft, für die das Gesundheitswesen die Leute (wieder) auf die Beine stellt. Am Kapitalismus, den der Leser so selbstverständlich und nicht bestritten für verwerflich hält, kann er, was das Gesundheitswesen angeht, bei näherer Betrachtung überhaupt nichts Verwerfliches entdecken: In seinem antikritischen Ehrgeiz, an unserer grundlegenden Kritik der Medizin kein gutes Haar zu lassen, versteigt sich unser linker Leser mit Ambitionen zum Umstürzen der Gesellschaftsordnung in seiner Argumentation am Ende dazu – durchaus wohlmeinend, von Kritiker zu Kritiker gewissermaßen –, dass man bei näherer Betrachtung von Gesundheit und Krankheit in dieser Gesellschaft letztlich gar keinen Grund haben kann, kritisch gegen Kapitalismus und Klassengesellschaft zu werden.

Um am Schluss noch einmal zum Ausgangspunkt zurückzukommen: Sein Vorwurf an die Insassen der Konkurrenzgesellschaft, sie seien ‚borniert‘, ist die Abstraktion von deren – verkehrten – Gründen. Und das ist das Gegenteil von einer Kritik; also das Gegenteil einer Aufklärung, die durchaus auch Medizinern etwas erklären könnte. Mit diesem elitären Standpunkt des Durchblicks, der dem praktisch tätigen Rest der Gesellschaftsmitglieder verschlossen bleibt, erhebt er sich über die Menschheit – und hält sein ‚Verständnis‘ für deren Befangenheit für das Gegenteil von Verachtung.


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