Tunesien: Unser Strandhotel im Visier des Terrors

Dieser Artikel ist in der Reihe Chronik – kein Kommentar! der Zeitschrift GegenStandpunkt 2-15 erschienen. Sie kann über den Buchhandel oder direkt beim Verlag als Druckausgabe oder E-Book erworben werden.

Tunesien
Unser Strandhotel im Visier des Terrors

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Tunesien
Unser Strandhotel im Visier des Terrors

Terror erschüttert das Urlaubsland Tunesien, meldet die Süddeutschen Zeitung Mitte März, und mit der Schlagzeile über dem Bericht vom Anschlag einer islamischen Gruppe auf das Bardo-Museum in Tunis steht schon fest, wie deutsche Journalisten auf Tunesien blicken. Die Rede vom Urlaubsland geht ganz unbefangen von einer feststehenden, diesem Staat samt seinem beweglichen und unbeweglichen Inventar zugewiesenen Rolle aus. Benannt wird mit diesem Namen die Funktion, der Tunesien in der eingerichteten politökonomischen Hierarchie der Staatenwelt praktisch unterworfen ist, und zusammen mit der auch der Blickwinkel, unter dem es die hiesige Öffentlichkeit über das Land und seine Probleme aufzuklären gilt: Was da vom Terror erschüttert wird, ist eine mit billigem Dienstpersonal ausgestattete, klimatisch und territorial begünstigte Anlagesphäre für die nationale und internationale Hotelindustrie.

In der Rede vom Urlaubsland Tunesien steckt darüber hinaus eine klare Besitzanzeige: Denn das Land ist abhängig vom Geld der Kapitalbesitzer, die dort unten investieren, sowie von denen, die in den Heimatländern des Kapitals einen Lohn beziehen und sich deshalb Urlaubsreisen dorthin leisten können. Also ist Tunesien unser Urlaubsland – und aus der Perspektive dieses Fürworts kommt die Betroffenheit, die aus den Zeilen der SZ spricht, wenn sie vom Ausmaß des Schreckens berichtet, den militante Gruppen mit ihrem Angriff auf diese Idylle verbreiten, und man erfahren darf, was genau da kaputtgeht und wer da inwiefern bedroht ist: Ein Attentat auf Urlauber in einem Land, das vom Tourismus lebt … ist eine unbeschreibliche Katastrophe... und zwar für ganz Tunesien (SZ 20.3.15). Wenn das Land unsere Sicherheit nicht mehr zu garantieren vermag, können wir auch nicht mehr nach Tunesien kommen, was zeigt, dass man dem Land nichts Schlimmeres antun kann, als ihm die Subsumtion unter seine Funktion für den Weltmarkt zu rauben. Ohne uns als zahlende Kundschaft ist es vorbei mit der Schönheit, ein Urlaubsland zu sein: Der Terror hinterlässt ein Land, das den Absturz fürchtet (SZ 20.3.).

Noch schlimmer freilich ist, dass es sich in Wahrheit genau so verhält, wie es sich dem bornierten Blick der Journalisten darstellt: Tunesien ist entweder Urlaubsland oder gar nichts.


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