„STASI“

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Die Demokratie lässt nicht locker
Die BRD und ihr STASI-Syndrom

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Die Logik der bundesdeutschen Abrechnung mit dem Volk und den niederen und höheren „Verantwortungsträgern“ der DDR. Nachträgliche Praktische Subsumtion des Lebens in der DDR unter die Ideologie des bürgerlichen Rechts als Beweis der Moralität der Machtausübung in der BRD und der Un-Moralität der DDR – Macht. Die Gauck – Behörde als Institutionalisierung des Standpunktes und seine pragmatische Anwendung.

Die Demokratie läßt nicht locker
Die BRD und ihr STASI-Syndrom

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Von den Hinterlassenschaften der DDR sind die Stasi-Akten zweifellos die nützlichste. Die Regierung hat mit ihnen eine extra Behörde aufgemacht; diese findet bei den neuen Bürgern regen Zuspruch, was man von anderen Einrichtungen nicht behaupten kann. Da treffen sich tatsächlich die Bedürfnisse des Staates mit denen einer Unzahl von Zonis, und den politischen Neigungen der West-Bürger kommen sie auch entgegen. Ein seltener Glücksfall im sonst so schwierigen Prozeß des Zusammenwachsens.

Outing ist Nationalsport. Weil diese Disziplin den unterschiedlichsten Bedürfnissen im Volk Raum für eine befriedigende Betätigung bietet, kommt die breite Beteiligung zustande:

  • Politiker stellen aktenkundige Konkurrenten kalt;
  • Behörden von Bund und Ländern, die die Zulassung zu gewissen Karrieren erteilen und verweigern, walten ihres Amtes;
  • einige Ständeorganisationen sind bemüht, ihre Reihen geschlossen und sauber zu halten;
  • Bürgerrechtler aus DDR-Zeiten möchten wissen, wer sie damals bespitzelt und verraten hat;
  • und alle kommen im Namen der Gerechtigkeit, des sie einenden Motivs, zum Zug. Die Medien, öffentliche Anstalten zur Wahrnehmung des Unterschieds zwischen Gut und Böse, steigern ihren Unterhaltungswert.

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Die Gerechtigkeit hat also in der BRD ihre Heimat. Was in dieser Nation gilt, geht auch in Ordnung; die in Amt und Würde gekleideten Interessen, die von Rechts wegen maßgeblichen Personen und Instanzen sind zugleich die Verkörperung der moralischen Maßstäbe; als deren Anwälte und Richter fungieren sie in der Stasi-Kampagne, wenn sie mit Hilfe der Akten Zonis entlarven und wegen ihrer Mitwirkung am Un-Recht, das die DDR nun einmal war, für untragbar erklären. Die Diskreditierung, die da ins Werk gesetzt wird, beruht auf der selbstverständlichen Wertschätzung der bürgerlichen Ämter, für die es gemäß demokratischem Konsens eine Einstellungsvoraussetzung gibt, die keine Frage der Qualifikation, sondern der Einstellung pur ist.

Diese eigenartige Befähigung, so wollen es die Sitten der Republik, liegt nicht vor, wenn sich in den Stasi-Akten gewisse Vermerke finden. Wer in der DDR eine Lizenz hatte, hatte sie nur deswegen, weil er sich für die DDR stark gemacht bzw. krummgelegt hat. Und Handlanger des Unrechtsstaates, die eine SED- und Stasi-Verbindung aufweisen, haben in den Ehrenämtern der Demokratie schon gleich gar nichts verloren.

Solche Ämter gibt es viel. Die Zulassungsprüfung erstreckt sich auf Polizisten und Lehrer, Ärzte und Juristen, Wissenschaftler und Rundfunkmitarbeiter – auf Politiker sowieso. Die Prüfung fängt gleich dort an, wo sie aufhören soll. Was die Kandidaten im Rahmen ihrer Berufstätigkeit geleistet haben, ist überhaupt nicht von Interesse. Bzw. nur in einer Hinsicht: Sie haben im feindlichen System „Verantwortung getragen“. Und die eigentliche Funktion solcher Berufe bestand natürlich in der notorischen Leuteschinderei. Diese Funktion rührt keineswegs nur vom unrechtsstaatlichen Rahmen her; sie haftet an den Charakteren, die der Auslese unterzogen werden.

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Die Schönheit des Verfahrens wurde an so begnadeten Leuchten wie Schnur, Böhme und de Maiziére deutlich. Die hatten nicht nur beschlossen, Politiker zu werden – sie hatten auch schon veritable Erfolge aufzuweisen, in ihren Parteien und mit ihnen im Volk. Sie hatten sich enorm für die Einheit eingesetzt und glaubwürdig dazu – bis „sie ihre Vergangenheit einholte“. Darunter versteht man in Deutschland die Beendigung einer Karriere, in der sich einer nach allen Regeln der verlangten Kunst bewährt und doch nicht gelassen wird.

So wenig wird der Beweis, um den sich Opportunisten und Denunzianten aus dem realsozialistischen Staat verdient gemacht haben, gewürdigt: Diese Menschen demonstrieren, wie leicht es Leuten ihres Schlages fällt, im Namen von „Freiheit statt Sozialismus“ als Parlamentarier oder Minister „Verantwortung“ zu tragen. Und prompt wird ihnen im Namen des Amtes, auf das kein Schatten fallen darf, die sittliche Reife abgesprochen. Ihre Untaten von gestern weisen ihre Leistungen von heute als bloß vorgetäuschte aus; sie schaden der Glaubwürdigkeit der Sache, die sie vertreten. Insbesondere bei ihren ehemaligen DDR-Mitbürgern, die nach guter Regierung lechzen, ruinieren sie den unverwüstlich soliden Ruf der Politik: „Die Opfer würden sich um die Gerechtigkeit betrogen fühlen!“ – so die Losung, mit der die Quote von DDR-Überläufern in der gesamtdeutschen Elite gründlich gesenkt wird.

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Die Stasi-Kampagne folgt also dem hehren Grundsatz, dem in die Demokratie überstellten Volk-Ost auf dem Feld der Ehre unerträgliche Zumutungen zu ersparen. Das sieht man auch an der Abwicklung, durch die unterhalb der Staatsspitze aufgeräumt wird. Diejenigen, die in den Polikliniken der DDR den Leuten ihren Unfallgips und die Tetanusspritze verabreicht haben, waren natürlich nur zum Schein mit Hilfeleistungen befaßt. In Wirklichkeit waren sie Vertrauensärzte der SED, also Komplizen der Unterdrücker. Wer den Kleinen in der DDR das Schreiben und Rechnen beibringt, ist für diesen Dienst in der Demokratie denkbar ungeeignet; denn da paßt der Staat ziemlich darauf auf, daß die Lehrkräfte die richtige Gesinnung haben und weitergeben. Und diese Lehr- und Lernfreiheit war ja wohl in der scheußlichen Diktatur, wo der Staat seinen Daumen auf der geistigen Bildung hatte, nicht gegeben. Auch die Lehrkräfte an den Universitäten sind Parteiarbeiter gewesen, also unmöglich dafür geeignet, die Vorzüge von Marktwirtschaft und Demokratie – die sie ja gar nicht kennen – als Prüfungsstoff aufzubereiten. Desgleichen gehören alle Medien – Pluralismus hin, freier Meinungsstreit her – in die richtigen Hände. Mühlfenzl und seine Mannschaft beschließen im Staatsauftrag, was inskünftig zur Beschallung der Zone taugt sowie wer das Sandmännchen des ekelhaften Staatsfunks durch die demokratische Einheitsproblemsichtweise ersetzt. Demokraten, die gelegentlich auch einmal programmatisch „Begriffe besetzen“, glauben eben nicht nur wie die Generalsekretäre der SED an Manipulation; sie nehmen sie genauso in Angriff. Dabei befürchtet kein Abwickler und schon gleich nicht die öffentliche Hetzmannschaft, daß ihr Vorgehen entlarvt wird. Daß sie gegen das Erbe und die Erben der DDR gar kein Argument vorbringen außer dem, daß sie sich für die Erfordernisse ihrer unübertrefflichen Staatsraison stark machen, legt ihnen niemand zur Last. So drehen sie im schlichten Sinn des Wortes den Spieß einfach um – befugt dazu sind sie durch das unwidersprechliche „Argument“ der öffentlichen Gewalt, die jetzt auch in der DDR entscheidet, was rechtens ist. Weniger wichtig ist für ihr Wirken der Umstand, daß die Säuberung im deutschen Recht gar keinen verläßlichen Maßstab hat.

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Denn für die Entstasifizierung gibt es kein Gesetz. Der Befund, in der DDR wäre das Verbrechen zur Staatsraison entartet, stützt sich auf keinen Artikel oder Paragraphen. Er ist ein Geschöpf der politischen Moral, die die Bundesrepublik ewig hat hochleben lassen und nun als das höhere Recht vollstrecken will. Da die Gewalt über die DDR nun an den BRD-Staat übergegangen ist, begnügt sich der Rechtsstaat nicht damit, „bloß“ sein Recht in Kraft zu setzen. Er subsumiert das Zonen-Vorleben seiner neuen Untertanen unter die Ideologie seines Rechts, demonstriert den an ein durch und durch kriminelles Staatsleben gewöhnten Zonis den Sinn seiner Machtausübung – also die Lüge, daß die Anwendung seiner Gewalt von der Moral diktiert wird. Und nicht wenige Ex-DDRler und nicht einmal nur die, denen die rechtswirksame Moral des realen Sozialismus das Leben versaut hat, verlangen danach.

Gegenüber der Subsumtion von Handlungen unter die Moral erscheint die Anwendung des Rechts als eine matte Sache. Im gewöhnlichen bürgerlichen Leben findet die moralische Rechtsprechung zwar dauernd theoretisch statt – es gibt genügend brave Bürger, die der festen Meinung sind, daß Verstöße gegen Gesetz und Anstand gehörig geahndet gehören. Wenn sie allerdings aus ihrer Vorstellung, wie untreue Gattinnen vermöbelt und Verbrecher mit dem Tode bestraft werden müßten, Taten folgen lassen, werden sie selbst zu Kriminellen. Ungestraft vollzieht besagten Übergang von der öffentlichen Moral zum praktizierten Recht jedoch der Staat selbst. Wenn er mit seiner Rechtsgewalt nicht mehr Gegensätze regeln will, sondern im Interesse seiner „inneren Sicherheit“ Gegner auszuschalten beschließt, relativiert er manches Bürgerrecht, über das er sonst wacht. In der Behandlung von „Staatsfeinden“ wird der öffentliche Dienst allenthalben radikal; im Namen der moralischen Legitimation der Herrschaft, ob diese nun „Sozialismus“ oder „Freiheit“ zum höchsten Wert erklärt, schreitet der Staat zur mehr oder minder legalisierten und ein bißchen „grauzonenhaften“ Pflege seines politischen Rechts. Den Völkern des Ostblocks hat diese Regel die Ausnahmen beschert, die als „Exzesse des Stalinismus“ bekannt gemacht werden und übrigens zu Unrecht als Verstoß gegen alle Staatsmoral gelten. Jetzt sind die Deutschen aus der ebenfalls „stalinistisch“ heimgesuchten DDR mit der anderen Ausnahme konfrontiert, welche die Regel über das Verhältnis von Recht und Moral bereithält. In gewissen historischen Momenten erringt ein Staat einen Sieg über eine konkurrierende feindliche Staatsgewalt. Dann bleibt kein Auge trocken, weil die Justiz der Siegernation mehr erledigt als die bloße Rechtsprechung. Sie bringt ihren gesamten Formalismus zum Einsatz, um die Staatsraison der besiegten Macht, die ihr eigentümlichen, feindlichen Zielsetzungen und in ihr gültigen, weil ihr dienstbaren Interessen unschädlich zu machen.

Wo die unterlegene Nation gar der Hoheit der Sieger unterstellt wird, deren Staatsraison auf ganz anderen Grundsätzen beruht, gibt es viel zu tun – daher der kleine Unterschied zwischen Entstasifizierung und Entnazifizierung, der inzwischen so verlogen plausibel gemacht wird: „Wir“ wären von der Geschichte verpflichtet, diesmal „konsequent“ mit der „Diktatur“ aufzuräumen, weil „wir“ es seinerzeit so schlampig angegangen sind… Daher auch die „Probleme“ und „Widersprüche“, an denen die BRD-Justiz angeblich laboriert, wenn sie – „Regierungskriminalität“ heißt der Tatbestand! – die angezettelten Verfahren als Anwendung ihrer Gesetze hinzudrehen versucht.

Die Verlaufsform dieses Widerspruchs geht so: Ein riesiger Seufzer durchjault das einig Vaterland – er gilt der „Ohnmacht des Rechtsstaats“. Der wird dann mit lauter Corrigenda & Addenda in Gesetzgebung und Rechtsprechung abgeholfen. Die „Wiedervereinigung“ kriegt ihr Recht, damit Richter schön scharf richten können, wenn sie die „kriminellen Vereinigungen“ abwickeln, aus denen die Zone per definitionem bestand.

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Einen erheblichen Beitrag zu diesem nationalen Konsens steuern die Oppositionellen aus den Tagen der DDR bei, indem sie die Erlaubnis nutzen, anhand der Stasi-Akten „ihre Vergangenheit aufzuarbeiten“. Sie verstehen darunter keineswegs nur die Befriedigung ihrer Neugier bezüglich der Denunzianten, die über sie Bericht erstattet haben. Mit dem ihnen zugebilligten Recht, als Opfer zu erfahren, mit welchen Tätern sie sich früher eingelassen haben, sind sie zur Fahndung ermächtigt. Ihr privates Bedürfnis genießt die Anerkennung eines öffentlichen Interesses. Und sie danken diese außergewöhnliche Aufwertung ihrer persönlichen Drangsale der neuen Obrigkeit, indem sie sich der Siegermoral rückhaltlos zur Verfügung stellen. Wenn sie, ganz Dichter und Denker und ausgestattet mit einem missionarischen Seelenhaushalt, den Akten entnehmen, „wie ihre Biographie wirklich verlaufen ist“, dann ist der Triumph des abstrakten Denkens ein totaler. Als hätten sie nicht jahrzehntelang in der DDR gelebt, reduzieren sie ihr vergangenes Treiben auf ihr Verhältnis zur Stasi. In gewissen prominenten Fällen treten sie in ihrem ganzen menschlichen Betroffensein vor die allzeit bereiten Kameras und fordern den Rest der Welt auf, ihre Botschaft zu verstehen: An ihnen und dem, was sie über sich ergehen lassen mußten, kann die gesamte BRD sehen, was es mit der DDR auf sich hatte. Ihr „Fall“ ist kein Fall, sondern die ganze und einzige verachtenswerte Staatsraison der DDR. Sie bestand in persönlicher Verfolgung und politischer Unterdrückung, sonst in nichts.

Auf diese Weise dürfen die Wollenmänner und Bierberger das tun, was ihnen ansonsten gründlich verwehrt wird: mitwirken an der Gestaltung des einig Vaterlandes. Sie sind freiwillig in die Rolle des Kronzeugen geschlüpft, der sich zum lebenden Indizienbeweis für das Urteil „BRD gut – DDR böse“ herunterbringt. Was immer sie früher einmal an der DDR auszusetzen hatten, ist vergessen – ganz zu schweigen davon, was es an der DDR alles auszusetzen gab. Der „Unrechtsstaat“, in dem bisweilen auch gearbeitet und geheiratet, exportiert und Kredit abgekindert wurde, wo man auch sportelte und an den Plattensee zum Saufen fuhr, wo sogar Wissenschaft und Kunst in hoher Blüte standen, ist nur eines: das für seine Unergiebigkeit berüchtigte Produktionsverhältnis, in dem sich Verfolger und Verfolgte die Klinke in die Hand gaben. In der Kunst, aus ihrer durch Aktenstudium vertieften schlechten Erfahrung eine Ehrensache zu machen, in der die Verletzung der eigenen Person und Würde das ein und alles ist, sind die ehemaligen Dissidenten perfekt. So präsentieren sie sich als der personifizierte Schuldspruch vom „Unrechtsregime“, wie ihn die BRD schon immer über den anderen deutschen Frontstaat verhängte. Bei den ambitionierteren Vertretern der Vergangenheitsforschung ist das Aktenstudium mit einem grotesken Mitteilungsdrang verbunden. Wolf Biermann hat auch die ihm zugänglichen Details seiner Überwachung als Sujet für dichterische Bemühungen genommen. Mit Hilfe sämtlicher rhetorischer Figuren, die er beherrscht, hat er eine Spiegel-Serie hingelegt, in der sich die Selbstbespiegelung des Opfers und die Beschwörung der Niedertracht auf der anderen Seite die Waage halten. Um die Verwerflichkeit der Stasi unterhaltsam zu charakterisieren, ist der Dichter, der sich der „Sprachgewalt“ rühmt, auf einen Gedanken verfallen. Er spricht gleich in zwei Serienbeiträgen der Mielke-Mannschaft, die mit militärischen Ehren ausgezeichnet wurde, die Soldaten-Ehre ab! Angesichts solcher und anderer Entgleisungen, die schon vor der Postmoderne unter die licentia poetae fielen, braucht man sich eine Frage nicht mehr zu stellen: Ob dieser „politische Dichter“ eigentlich wissen will, warum solche Burschen wie er zum Staatsfeind ernannt wurden.

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Der Fanatismus, der da beim Bloßstellen von Zonis eingerissen ist, beruht auf einem nationalen Konsens. Der betrifft eine Auslese neuen Typs: Für jede halbwegs respektable Tätigkeit in der freiheitlichen Hierarchie der Berufe gilt ein strenges „Zutritt verboten!“, sooft sich ein aktiver Mitmacher aus der ehemaligen DDR anschleicht. Die Bekanntmachung einer Karteikarte aus dem Stasi-Fundus taugt zur Ausschaltung unliebsamer Aspiranten. Wer sich um eine solche Bekanntmachung verdient macht, fungiert ein bißchen wie der Personalchef der Nation. Er sorgt dafür, daß die schönen Stellenangebote des freiheitlich-marktwirtschaftlichen Ladens nicht von Leuten wahrgenommen werden, die bis neulich noch eine Berufsauffassung an den Tag legten, die in der BRD als staatsfeindlich klassifiziert war.

Den Beweis, daß sie mit den in der Zone ausgeübten Qualitäten beflissener Mitmacher auch in der Demokratie ihren Mann stehen, dürfen große und kleine Missetäter so erst gar nicht antreten. Der Test darauf, ob sie sich in der Marktwirtschaft auf Kosten anderer durchsetzen können, also brauchbar sind, findet ja nicht statt. So daß sie getrost davon ausgehen können, daß die gegen sie verhängten Berufsverbote noch in einem anderen Sinn mit ihrer Brauchbarkeit zu tun haben. Die ist nämlich auch bei der in den Kapitalismus überstellten DDR-Mannschaft gar nicht in erster Linie eine Eigenschaft, die die Zonis haben oder nicht. Sie ist eine Frage des Bedarfs nach Führungs- und anderen Kräften, der sich einerseits aus den privatwirtschaftlichen, andererseits aus den Konjunkturen des staatlichen Haushalts ergibt. Und wie die Dinge stehen, paßt die Bedarfslage überhaupt nicht zu den Verheißungen, die westdeutsche Autoritäten und Bürger der DDR gleichermaßen geglaubt haben, in den großen Tagen der Wende.

Dieser Tatsache sind die Architekten der Einheit erst einmal dadurch gerecht geworden, daß sie mit der „maroden Erblast“ dem alten System, dem Staat DDR die Schuld angehängt haben. Dieses Argument ist zwar immer noch im Umlauf, aber zugleich ersetzt durch ein etwas schärferes. Inzwischen hat die Stasi-Kampagne täglich den Befund auf Lager, daß das Zonenvolk selbst zentnerweise Schuld am unergiebigen Unrecht auf sich geladen hat. Statt sich mit einer kapitalgerechten „Arbeitsproduktivität“ für die Einheit herzurichten, hat es sich massenhaft am Staatsverbrechen beteiligt – und die vereinte Nation hat alle Hände voll zu tun, um das ins rechte Licht zu rücken: Die Zonis dürfen jetzt hundertmal täglich einsehen, daß sie weder für das Geschäft noch für die höhere Moral der überlegenen Staatsraison geeignet sind. Sie sind in jeder Hinsicht eine Last, Ansprüche stehen ihnen nicht zu.

So sind die siegreichen Demokraten das leidige Problem los, das sie sich im ersten gesamtdeutschen Wahlkampf aufgehalst haben. Von einem Dienst, sei er nun fällig oder (noch) nicht möglich, am Wohlergehen der neuen Bundesbürger ist nicht einmal mehr ideologisch die Rede. Die Unterwerfung unter die Notwendigkeiten der kapitalistischen Staatsraison kommt als die Erfüllung einer moralischen Mission daher – Befreier verpflichten sich nämlich zu nichts, sie rechnen den Befreiten ihre Schuld vor. Angesichts des Stasi-Sumpfes, der mit 200 km Akten trockengelegt werden muß, entbehren aus der Zone angemeldete Beschwerden jeder Berechtigung: „Schnauze Zoni, ich sag nur Stasi!“

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Da ist es kein Wunder, wenn gewisse Persönlichkeiten, die sich qua Amt oder aus Berufung für das moralische Klima der Nation verantwortlich wissen, zur Besonnenheit mahnen. Diese geistigen Betreuer der Volkseinheit stellen manche Übertreibung fest, wenn sie die Wirkung des Entlarvungsgeschäfts auf das Gemüt der neuen Bundesbürger bedauern. In groben Fällen bringt das notwendige Streben nach Gerechtigkeit für ihren Geschmack auch die eine oder andere Ungerechtigkeit zuwege, insgesamt verlangen sie von den Akteuren der Volksjustiz mehr Rücksicht; sie bringen die Zwangslage in Erinnerung, in der sich die Bürger unter dem SED-Regime befunden haben und raten mehr oder minder direkt zum Verständnis für den Opportunismus in Zeichen der „Diktatur“. Mit ihrem Wunsch, eine „unnötige“ Entzweiung der vereinten Nation zu vermeiden, treffen sie jedoch bei den gerechten Eiferern auf eine entschiedene Ablehnung. Soweit wollen die es nämlich nicht kommen lassen, daß den „Tätern“ rückwirkend auch noch die mildernden Umstände von teilweise „Opfern“ zugebilligt werden. Wieder sind es die kämpferischen Kulturschaffenden, die aus den matten Anträgen auf Mäßigung das Schlimmste heraushören, was sie sich zur Zeit vorstellen können: eine Relativierung ihres legitimen Anspruchs auf Genugtuung. In prinzipiellen und ganz methodischen Artikeln, das weite Feld von Schuld und Sühne betreffend, entwerfen sie ihr Bild von der Stasi-Debatte. Sie zeihen die nationale Öffentlichkeit einer Neigung zur moralischen Nachlässigkeit, orten verbittert die Tendenz zur Ent-Schuldigung – um darauf zu bestehen, daß die Glaubwürdigkeit ihrer neuen politischen Heimat, die politische Kultur schlechthin mit der Bewilligung ihrer Sache steht und fällt. Und verkennen in ihrem Wahn sowohl die Heuchelei der Moderatoren wie die Sache, der sie gilt. Die Scheidelinie zwischen ihnen und den Geschäftsführern der Wiedervereinigung sowie deren Ratgebern ist nämlich gar nicht die, welche sie beklagen. Für „Gnade vor Recht“ macht sich niemand stark, wohl aber für eine moralisch begründete Abwicklung, die den Bedürfnissen des Staates entspricht. Diese sind etwas anders gestrickt als der Sühnedurst beleidigter Seelen. Auch wenn die Ex-Dissidenten meinen, die offizielle „Bewältigung“ der Zonen-Vergangenheit würde weniger als das moralisch Gebotene erledigen – es ist mehr, als sie denken!

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In der Gauck-Behörde sind die Stasi-Akten nicht gestapelt und geordnet worden, um sie nach dem Muster einer Volksbibliothek an neugierig-gekränkte Zonis auszuleihen. Sie sind dort, damit der Staat BRD die Finger darauf hat, sie gründlich einsieht und in Dateien verwandelt, die ihm Auskunft geben. Als Arbeitgeber wie als Schützer seiner Verfassung und Sicherheit sortiert er mit Hilfe der Akten das Volk, das ihm der Mantel der Geschichte ins Haus geweht hat. Und zwar ganz diskret und wie es ihm beliebt, aber auch – wenn es ihm gefällt – öffentlich und unter Einbeziehung der Gemeinde, die nach Gerechtigkeit lechzt. Die gesetzliche Regelung des Rechts auf Einsicht ist wahrlich nicht mit der Veröffentlichung des Schrotts zu verwechseln – mit der Konzession an die wissensdurstigen Opfer war der staatliche Vorbehalt fixiert. Wer was und mit geschwärzten Stellen lesen darf, entscheidet die Behörde, die sowieso alle „Erkenntnisse“ der Volkszählung neuen Typs verwertet. Also auch das Recht der Geheimdienste auf Zugang zu den Akten sichert – wobei in dieser Richtung die Mär von der Beschränkung der Neugier die passende ist: Die Dienste dürfen nur das lesen, was sie angeht, sie also interessiert. Daß man sich bei der Behörde auch gerne Auskünfte über die Zuverlässigkeit von Partnern und Bediensteten abholt, steht ganz nebenbei in der Zeitung.

Es gibt also tatsächlich einen pragmatischen Umgang mit der „Schuld“; die „Funktion der Behörde“ ist gesichert, ganz jenseits des leidvoll inszenierten Forums, auf dem Würde, Ehre, Gewissen und allzumenschliche Niedertracht im Streit liegen. Diese Funktion vollstreckt das Recht der siegreichen Staatsraison an einer Generation von Verrätern an der deutschen Sache, und sie hat mehr mit Stasi (West) zu tun als mit dem hochstilisierten Ansinnen von Leuten, die meinen, jetzt müßten erst einmal alle guten und bösen Zonis miteinander ins Reine kommen.

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Einerseits hat die Abteilung „innere Sicherheit“, was die Erledigung ihrer speziellen Aufgabe angeht, freie Hand; das ununterbrochen tagende nationale Tribunal läßt das demokratische Kontrollbedürfnis der einschlägigen Dienste ja wie die Einlösung eines Volksbegehrens aussehen, so daß ihr „behutsamer, aber konsequenter Aufbau“ (Schäuble) im deutschen Osten garantiert „kein sicherheitspolitisches Vakuum“ entstehen läßt.

Andererseits beflügelt die von Amateuren wie professionellen Vergangenheitsbewältigern mit Fällen versorgte Öffentlichkeit das süße Geschäft der Abrechnung mit der politischen Elite der DDR. Daß der Generalsekretär samt seiner Mannschaft eingesperrt gehört, ist den fanatischen Demokraten klarer als sonstwas, vor allem als das Weswegen und Wofür. Ebenso gehört denen das politische Handwerk gelegt, die sich gewendet haben und glauben, nun Politik mit anderen, nämlich demokratischen Mitteln weitermachen zu können. Wenn de Maiziére und Modrow meinen, als Volksvertreter die Belange ihrer angestammten regionalen Mannschaft repräsentieren zu können, dann hört sich der Spaß auf. Die haben doch das bürgerliche Ehrenrecht verwirkt, Vorschläge zum alternativen Umgang mit dem Volk einzureichen!

Drittens erfüllt die deutsche Einheit, in der sich Kinkel und Gauck mit den anderen säuberungsbeflissenen Aktenstöberern zusammenfinden, den Tatbestand der Ablenkung – von der Befassung mit der Politik. Mit der, die von den sauberen, erzdemokratischen Gestalten betrieben wird und den belasteten Figuren versagt bleibt. Wo es um die Ausgrabung von Dokumenten geht, die das Plädoyer „schuldig“ belegen, ist nämlich nur eine Alternative geläufig – der Beweis der Unschuld. Die Frage, was die demokratiebewährten Westpolitiker und die wenigen Unbescholtenen aus dem Osten mit den Interessen ihrer Wähler anstellen, würde das Verfahren geradezu mit einem sachfremden Gesichtspunkt stören. Einwände gegen die Hetze – Einwände, die selbst noch ganz konstruktiv den menschenfreundlichen Leistungen des Regierens in Deutschland das Wort reden – werden sehr prinzipiell (miß-)verstanden. Wer meint, das ganze Theater sei für die „Lösung der Probleme“, die aus der „Wiedervereinigung“ erwachsen sind, wenig hilfreich, bekommt garantiert den Vorwurf zu hören, er wolle die DDR-Gangsterclique entschuldigen. Die bescheuerten Sorgen um die volkstümliche Einheit aller Deutschen, zwecks Ärmelhochkrempelns und Zusammenwachsens, die Mahnungen, die Politik hätte Wichtigeres und Nützlicheres zu tun, als Altkommunisten an den Pranger zu stellen – solche Bedenken klingen in der Ohren der Säuberer wie ein Sakrileg. Sie „verharmlosen“ die Schuld der Angeklagten und kratzen an der Untadeligkeit der zum Richten angetretenen Nation. Als ob die, nach dem grandiosen Überlegenheitsbeweis über den ineffektiven und verbrecherischen Sozialismus, etwas verkehrt machen könnte – und das ausgerechnet bei der rechtsstaatlichen Behandlung von „Regierungskriminellen“!

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Der Rechtsstaat kann – wie sein Name schon sagt – in der Wahrnehmung seiner rechtmäßig erworbenen Handlungsfreiheit eben gar nichts Unrechtes mehr tun. Er muß es sich nur vornehmen, was er will – und sein Vorgehen rechtfertigen. Letzteres kann er auf zweifache Weise tun. Entweder läßt er die abhängigen Organe der Rechtspflege den Beweis antreten, daß sein Recht all das gestattet und gebietet, was er im Zuge der demokratischen Säuberung in Ordnung bringt. Oder er beauftragt dieselben Organe und sein Parlament mit der Ausgestaltung des Rechts, so daß die fälligen Amtshandlungen unter selbiges fallen.

Das Problem, sich dauernd zu rechtfertigen, bleibt auf diese Weise vielen erspart. Vor allem der PDS, weil sie schlicht fertiggemacht wird. Erstens ist ihren Akten zu entnehmen, daß ihre Leute aus der SED-Szene und der Stasi stammen. Zweitens vertritt sie die Frechheit einer Sozialkritik am Kapitalismus und den Entscheidungen der Regierung. Diese Fortsetzung des kommunistischen Unrechts verkauft der Haufen auch noch als Vertretung der Menschen, die vier Jahrzehnte in der DDR leben mußten. Dabei hat die Nachfolgepartei von Honeckers krimineller Vereinigung ihr ganzes Vermögen aus eben diesen Leuten herausgeschunden… Daß sich mit solch gefestigten Grundüberzeugungen einiges richten läßt, zeigen demokratische Abgeordnete im Parlament: Ein PDS-Abgeordneter mag sagen, was er will – weil er es sagt, ist der vielgerühmte Dialog durch freiheitliches Pöbeln zu ersetzen. Ein Selbstmord zeugt selbstverständlich von der Gewissenslast, an die der Mann so freundlich erinnert worden ist. Das ist der Unterschied zum Pfarrer Brüsewitz, wo es Verzweiflung war. Eine Frau namens Limbach läßt keine Gelegenheit aus, ihre tiefe Überzeugung von der Selbstbeschränkung zu praktizieren, die dem Rechtsstaat die politische Justiz so schwer macht. Deshalb haben die Juristen ihres Hauses alle Hände voll zu tun, um Tatbestände und Verdachtsmomente zu konstruieren, bis mit Haussuchungen und -schließungen, Enteignungsverfahren etc. die Existenz dieser Partei in Frage steht und die Chancen auf Berücksichtigung beim Wähler noch geringer werden, als sie es von der politischen Ansprache her sind. Flankiert durch die Aufnahme in den Extremistenkatalog des Verfassungsschutzes, sind solche Maßnahmen prächtig geeignet, der PDS und ihren Anhängern jeden wirksamen Mucks zu verwehren. Wobei bei der demokratischen Bespitzelung und Ablehnung im Beruf allerdings stets die Meinungsfreiheit gewährleistet bleibt.

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Das auf unerbittliche Verfolgung zielende Zusammenspiel von Gauck, den Stocherern von Spiegel, Stern und Co., den Parteien und den bürgerrechtlichen Stimmungskanonen führt in Ausnahmefällen auch zu Meinungsverschiedenheiten. Eine solche Ausnahme ist der Ministerpräsident Stolpe. Der hat mit seinem Entschluß, sich zu seiner Zusammenarbeit mit dem Schild und Schwert der Partei zu bekennen und darauf zu beharren, das sei gut und nicht schlecht gewesen, einiges in Bewegung gebracht.

Ausgerechnet einer, der streng nach Römer, 13 Kirchenpolitik in und mit der „Diktatur“ kultiviert hat, wehrt sich. Einer, der heute Sätze hervorbringt wie „Die Menschen in Brandenburg brauchen mich“, bringt den nationalen Konsens noch einmal in Unordnung. Daß Fakten = Beweise = Urteile sind – diesen in der DDR-Abwicklung so bewährten Brauch, der auf dem antikommunistischen Glaubensbewußtsein fußt, hat er in Frage zu stellen gewußt. Und damit das Verurteilen wieder den Widersprüchen und -wärtigkeiten der öffentlichen Heuchelei überantwortet. Seitdem tobt der Glaubenskampf ums rechte „Bewerten“ seines damaligen Wirkens – gegen sein heutiges hat ja wiederum kein Schwein etwas einzuwenden.

So ist die ansonsten für die Verdammung bzw. Entlastung entscheidende Frage „IM oder nicht?“ in die abgeleitete „wissentlich als IM geführt oder nicht?“ verwandelt worden. Dann sind so sinnige Probleme aufgekommen wie das, ob der gute Stolpe „Mann der Kirche“ war oder ein Judas der Protestbewegung. Gauck, dessen ganze Anstrengung auf einer eindeutigen Bewertung beruht, sollte sich plötzlich beim Bewerten abstinent verhalten und den Lageristen der Stasi-Akten mimen. Denn ankommen müßte es bei allen unzweifelhaften Belegen für die Kollaboration von Stasi und Stolpe auf die Funktion – hat er der Unterdrückung Vorschub geleistet oder „Freiräume“ erstritten? Usw.

Und niemand will den Schwindel des Hin und Her mit der zu ermittelnden Funktion so richtig aufdecken. Der liegt nämlich darin, daß nicht klargestellt werden darf, worin der Zweck der Kirche und ihres Diplomaten Stolpe in der DDR wie anderswo bestand. Der ist übrigens weniger heilig, als man denkt! Entsprechendes gilt für die Mittel.

Immerhin hat sich eine in der DDR schikanierte Bürgerrechtlerin getraut, die leidige Frage nach der eigentlichen Funktion des „geschickten“, aber auch naiven Unterhändlers Stolpe mit einer Anklage zu beantworten. Ob die Beschuldigung der Freya Klier stimmt – Stolpe ist ihrer Aktenauswertung zufolge eher das trojanische Pferd der Partei in der Kirchenbewegung gewesen –, wissen wir nicht. Aber daß Stolpe ihre Interessen und die ihrer Mitstreiter nicht befördert hat, ist sicher. Andere, die sich manchmal zum Beten und Singen treffen wollten, mögen sich durch die von dem Mann ausgehandelten „Freiräume“ bestens bedient vorkommen.

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Noch andere – die Rede ist von Parteien, Politikern und Geschäftemachern im Westen – mögen die Rolle von Vögeln wie dem Konsistorialrat ebenfalls positiv bewerten. Das hängt aber schlicht von den Interessen ab, die sie zu Lebzeiten des Unrechtsstaats in und mit ihm verfolgten. Um es noch einmal im Klartext auszudrücken: Bei der Bewertung der Funktion, die Stolpe im Gekungel zwischen Kirche und Staat in der DDR erfüllt hat, scheiden sich die Geister allemal danach, was sie sich von solchen edlen Formen der Zusammenarbeit zwischen so noblen Partnern erwartet haben. Auch wenn heutzutage die Mutter Kirche einen blinden Bonus zugestanden kriegt – anders käme ja das Bedürfnis, sie und ihren Gesandten des „Verrats“ zu verdächtigen, nicht auf –, kann keine der Parteien, die Stolpe ein Zeugnis ausstellen, eines vermeiden: Alle messen sie seine Geheimdiplomatie daran, inwiefern sie ihnen, ihren praktischen oder ideellen Ansprüchen, entspricht. Das ist eben der Unterschied zu einer Beurteilung, die „nur“ wissen will, worum es den moralisch so ungleich gewichteten Kontrahenten ging. Ohne die Belastung durch die landesüblichen Vorurteile ließe die Logik des Verfahrens im übrigen auch Stellungnahmen ganz anderer Sorte zu:

  • Honecker und sein Geheimdienst haben die Sache des Sozialismus verraten, ja aufgegeben, als sie mit den Kirchen Kompromisse geschlossen haben;
  • Schalck-Golodkowski hat mit seiner Art der Devisenbeschaffung die Not der DDR-Bürger gelindert;
  • zwei IMs haben mit ihrer Unterzeichnung des Einigungsvertrags denselben DDR-Bürgern geschadet, indem sie sie vom Status „sozialistischer Werktätiger“ zu Mitgliedern der industriellen Reservearmee degradiert haben…

Mit den landesüblichen Vorurteilen kommen freilich auch ganz interessante Dinge heraus – über das, was die Stolpe-Kritiker und Befürworter ihrerseits an Umgang mit der sagenhaft bösen Diktatur am Hut hatten. Freya Klier wollte, ungeachtet ihrer richtigen oder falschen Einwände gegen das „System“, keinen modus vivendi mit der Partei, sondern deren unterdrückerische Praktiken gegen sich und ihresgleichen loshaben – für sie, als Staatsfeind zum Opfer der Staatssicherheit geworden, ist eines klar: Die Diplomatie Stolpes hatte nichts mit Schutz zu tun, sie erfüllte eher den Tatbestand der Komplizenschaft. Die Kirchenbrüder von Stolpe sind da schon anderer Meinung: Sie wollten sich nämlich auch mit dem Honecker-Staat arrangieren, weil sie gar nicht an Umsturz, wohl aber an die Existenz und Betätigung ihrer Kirchengemeinde dachten. Deswegen sind sie auch rückblickend Parteigänger des Opportunismus, den sie gepflegt haben und der in den Augen jedes Widerständlers – auch wenn er sich manchmal in einem kirchlichen Jugendheim einfinden durfte – wie die reine Kumpanei mit den Unterdrückern aussieht. Verständnis finden die kooperativen Geistlichen dagegen in den politischen Chefetagen von Bonn. Dahin haben sie zu Zeiten des Regimes „Brücken geschlagen“, über die beide deutsche Staaten lebhaft kommunizierten. Der Vorwurf, Stolpe habe vertrauliche Gespräche mit westdeutschen Politikern der DDR-Führung vertrauensbrüchig offenbart, ist lächerlich. Es war schon so gemeint: Über die Vermittlung der Kirche liefen jene diplomatischen Tauschgeschäfte, in denen Häftlinge, Kredite, Bürgerrechte, Reiseerlaubnisse, Spesen für Post und Müll, Spione und Autobahnprojekte ihren Preis erhielten. Das Argument, mit dem sich Stolpe und die westdeutschen Ostpolitiker für die Anerkennung entschuldigen, die sie über Jahrzehnte hinweg der deutschen Sektion des Reichs des Bösen zollten, lautet: „Eine Veränderlichkeit der politischen Situation war nicht abzusehen“, man habe „die deutsche Teilung als dauerhaft ansehen müssen“. Deswegen hätte das Programm auf „menschliche Erleichterungen“ ausgerichtet werden müssen.

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Für einen in Bautzen einsitzenden kämpferischen Oppositionellen muß das wie Hohn klingen. Gleich, ob ihn der SED-Staat wegen seiner Nähe zu Gerhard Löwenthal oder wegen des Versuches, den Sozialismus zu verbessern, drangsalierte – er wurde im Stich gelassen und konnte sich darüber auf dem laufenden halten, wie die staatsförmlichen Beziehungen, die auf Respekt beruhen, also gar nichts ändern wollen, zunahmen. Statt aber nachträglich der Kirche und den Bonner Parteien Vorwürfe zu machen, sie hätten sich zu wenig bis gar nicht hinter die DDR-Dissidenten gestellt und ihren Willen zum Umsturz unterstützt, könnten sich die Abweichler und Staatsfeinde durchaus zu einer banalen Einsicht durchringen: Weder ihre Landeskirche noch die Bonner Regierungen wollten je dasselbe wie sie!

Das gilt auch und vor allem für die C-Parteien im freien Teil Deutschlands. Deren Begeisterung für die Präambel des Grundgesetzes ist eben nie etwas anderes gewesen als das Bekenntnis, den Staat der DDR zu übernehmen, die Herrschaft der Verbrecherclique zu beerben. Und das deckt sich überhaupt nicht mit der konsequenten Unterstützung aller möglichen aufmüpfigen Geister in der Zone; Oppositionelle einfach zu unterstützen, gar mit ihnen Ratschlag über eine rasche Beseitigung der SED-Herrschaft zu halten, ist den westdeutschen Revanchisten nicht im Traume eingefallen. Ihr Realismus hat die weltpolitische Konstellation, das schwächliche Ausmaß aktiver Opposition in der DDR und die Einflußmöglichkeiten auf die Interessen der Herrschaft im Osten unter einen imperialistischen Hut gebracht. Internationalismus, der von unten kommt, war nie ihre Sache. Der Widerstand im Osten wurde zitiert, im Falle des 17. Juni sogar zum Feiertag erklärt – der Hebel für die Ablösung des Unrechtsregimes durch eigene Zuständigkeit aber bestand in den Verlegenheiten, die man den Regierenden bei der Regelung ihrer Staatsaffären bereiten konnte. Für die Hetze waren die Dissidenten allemal gut, sie waren regelmäßig Bestandteil des diplomatischen Gepäcks; das hat jedoch nie dazu geführt, daß sich die Bundesregierung zum Dienst an der Sache der verzweifelten Oppositionellen herbeigelassen hätte. Wie wenig sie sich nach der Wiedervereinigung deren Vorstellungen von einem gerechten Umgang mit dem befreiten Volk anbequemt, ist hinlänglich bekannt. Rückblickend erklären Schäuble und Bahr diese Tatsache, nachdem sie sich seitens der Ex-Opposition von drüben den Vorwurf anzuhören beliebten, sie seien „Extremisten des status quo“ gewesen, ganz demokratisch. Sie hätten in ihrem ehrlichen, aber bedingten Streben nach der Freiheit und Einheit aller Deutschen nicht nur aufrührerische Minderheiten zu vertreten gehabt, sondern vor allem die Mehrheit des DDR-Volkes. Und das hatte sich ja wohl in den inneren und äußeren Umständen, die die SED bestimmte, eingehaust. Auch eine Art, die offenkundige Differenz zwischen der eigenen Strategie und den Anliegen der „mutigen“ Protestanten zu leugnen!

Inzwischen ist diese Differenz klar. Die Gegner Honeckers, die einiges riskiert und ausgehalten haben, sind für die deutsche Einheit unerheblich. Feuilleton- und Talk-Show-Material, während die Mehrheit der DDR-Bürger – weitgehend unbrauchbares – wirkliches Material des einig Vaterlandes darstellen. Umgekehrt scheint die Sache nicht so klar zu sein. Bohley & Co. fragen immer noch historisch-beleidigt bei westdeutschen Politikern und Journalisten an, warum von ihnen so wenig Unterstützung gekommen wäre. Statt sich mit ihren alten und neuen Landsleuten Rechenschaft darüber abzulegen, wie Ostpolitik im allgemeinen ging und innerdeutsche Politik „das Volk“ in Betracht zog, zu dem sich die Zonis auch noch großspurig ernannten.

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Denn das bringt die Retrospektive, die mit dem Stasi-Theater verbunden ist, ja immerhin zutage. Es ist viel gelaufen zwischen den beiden deutschen Staaten, dem guten und dem bösen. Einmischung und Anerkennung haben immer miteinander im Streit gelegen und sich ergänzt, weil das eine ohne das andere nicht gegangen wäre. Deswegen konnten unsere Brüder und Schwestern über beides nie so recht froh werden.

Die Frage, was westdeutsche Politik in bezug auf das Volk der Hammer-und-Sichel-Ära unterlassen hat, ist verfehlt. Sie verstellt den Blick darauf, wie die Bundesrepublik das DDR-Volk schon für das einzig wahre Deutschland eingespannt hat, als die Stasi noch verfolgen durfte, statt gejagt zu werden. Politiker und Geschäftsleute der BRD haben – unter heftigen menschen- und völkerrechtlichen Klagen – durchaus das unter SED-Regime geknechtete Volk zu benutzen gewußt. Was war da nicht alles brauchbar an Leistungen und politischem Opportunismus, was heute – nachdem Bonn menschen- und völkerrechtlich darüber gebietet – „marode“ ist! Hat sich nicht gerade das Mitmachen, das allzu verständliche, wegen Diktatur, der Zonis prächtig ausnützen lassen? Für Ikea, Quelle und andere, vor allem aber für die Ostpolitiker, die immer mehr Einfluß auf den Haushalt des angeblichen ökonomischen Musterstaats des Ostblocks bekamen?

Als die DDR noch real existent war, hat es bei ihren unzufriedenen Bürgern sogar noch einen trüben Schein von Bewußtsein darüber gegeben, daß man von der eigenen Regierung an die Geldsäcke des Westens verkauft wird. Denn daß die gute Produktion nicht in DDR-Haushalten, sondern im Westen landete und deswegen ab und zu im Intershop zu besichtigen war, konnte dem stets wachsamen Auge von Nationalisten einer Nation zweiter Klasse nicht verborgen bleiben. Heute ist das alles vergessen. Die Stasi-Kampagne erschlägt auch die Erinnerung daran, wie sehr das schlechte Leben in der DDR ein Produkt der immer besseren Beziehungen, der vom Westen gar nicht friedlich gemeinten Koexistenz zwischen den beiden deutschen Staaten geworden war.

Der durchschlagende Erfolg, der mit der Wiedervereinigung erzielt worden ist, hat deswegen auch mit der Unzufriedenheit, die in Dresden, Leipzig und anderswo zu Demonstrationen gegen die Stasi führte, nichts zu tun. Eher schon mit der Not, in die sich die realsozialistischen Staatsgewalten versetzt sahen, nachdem sie die Dienste ihrer Völker auf dem Weltmarkt gegen gute Beziehungen mit dem kapitalistischen Ausland verpfändet hatten. Letztlich aber nur mit dem Schluß, den die Garantiemacht des sozialistischen Lagers aus dieser Not gezogen und den subalternen Nationen erlaubt hat. Die Montagsdemonstrationen mit ihren Auseinandersetzungen zwischen Stasi und Freiheitsdurst haben jedenfalls die Revolution, die eine von oben war, nicht erzwungen.

Und sie hätten es auch nicht können, wenn das gesamte Bonner Kabinett mitdemonstriert hätte.

Wie die durchaus bekannte „Nähe zur Macht“ der SED, welche sich westdeutsche Größen von Bahr bis Strauß genehmigten, zeigt, ist die Sache ja auch ganz anders gelaufen. Bonner Politiker haben es vorgezogen, im Zuge einer offiziellen Mitarbeit am Unrechtsstaat mitzuwirken, um ihn zu übernehmen.

Für ihre Strategie, „den Grenzen das Trennende zu nehmen“, war es tatsächlich zweckmäßig, die Souveränität der DDR über das Zonenvolk nicht praktisch anzugreifen. Dieser „Realismus“ war angesichts der Schutzmacht Sowjetunion und ihrer Fähigkeiten wie ihres Willens, einer Neuaufteilung der Welt entgegenzutreten, leicht zu haben. „Stabilisiert“ haben die Deutschlandpolitiker deswegen die DDR noch lange nicht. Vielmehr haben sie sich an den Mitteln dieser Souveränität zu schaffen gemacht, wo sie konnten. Fündig geworden sind sie am Interesse der herrschenden Realsozialisten, die wirtschaftlichen Quellen ihrer Macht zu mehren, den Reichtum, den ihre Werktätigen zustandebrachten, auf den Weltmarkt zu bringen und im Gegenzug die Erträge dieses Schachers in Produktivkräfte ihres Sozialismus umzumünzen.

Während die Bonner Ostpolitiker im Rahmen der Nato für den Angriff auf die Gewaltmittel hochrüsteten, die den Bestand des östlichen Lagers garantierten, setzten sie die Wirtschaft des Ostblocks einer harten Bewährungsprobe aus. Ihr Wille zur „Zusammenarbeit“ kam zwar den Honeckers wie die Bereitschaft vor, „Frieden“ zu geben; die Konditionen des Weltmarkts jedoch und die besonderen politischen Zugeständnisse, die sie für die erweiterte Beteiligung am Weltmarkt einforderten, hatten es in sich. Soweit die politischen Bedingungen – die „menschlichen Erleichterungen“ – einer Minderheit von DDR-Bürgern die Ausreise ermöglichten oder den Zugriff der Stasi ersparten, konnten sich die Betroffenen freuen und sich über den Zweck der deutsch-deutschen Politik täuschen. Eine Mehrheit kam in den Genuß der Aufgabe, außer für den „Aufbau des Sozialismus“ und die „Bonzen“ jetzt auch noch für die Geschäftsbedürfnisse des Westens geradezustehen. Ganze Abteilungen der heute definitiv als „marode“ eingestuften Produktion hatten mit der inneren Wirtschaft der DDR nichts mehr zu tun, weil sie – von hoher Qualität und niedrigem Preis – für die Devisenbeschaffung der Nation-Ost verplant waren. Und, was dasselbe ist, als Dienst an der Nation-West, deren Macher erstens daran verdienten und zweitens ihren Zugriff auf die wirtschaftlichen Erträge der DDR erweiterten. An den diversen Kredit-Verhandlungen bis zur Affäre Strauß wurde deutlich, in welchem Ausmaß die Fort- und Rückschritte des ökonomischen Lebens in der DDR ein Produkt der deutsch-deutschen Politik geworden waren. Und daß das DDR-Volk in diesem Zersetzungs- und Einmischungswerk schon den Status einer Manövriermasse des Westens hatte, die durch die Propaganda der Medien bei Laune und in dem Glauben gehalten werden sollte, es ginge um ihre Belange.

Dafür hat das Volk dann seinen Dank abgestattet, als – dank Gorbatschow – das Tor aufging und Wahlen stattfanden. Und noch nicht einmal jetzt, wo schon so viele das Glück zu spüren kriegen, ohne Vermittlung der SED von der schwarz-rot-goldenen Marktwirtschaft leben zu dürfen, fällt der Groschen. Selbst Schalck-Golodkowski, dessen Berufsbezeichnung „Devisenbeschaffer“ ist, wird als Stasi-Fall vermarktet, nur weil er wie die ganze politische Elite in besagtem Verein eingetragen war.

Da trifft es sich gut, daß die Stasi-Akten in festen Händen sind. Ein bißchen schützen die Behörden der Nation mit diesem Erbe auch das aufgeregte Volk, das wohl noch einige Zeit „Stasi“ rufen und so „seine“ Vergangenheit aufarbeiten darf, vor seiner Ernüchterung über diese Vergangenheit. Vor der Konfrontation mit banalen Belegen dafür, wie weit die OMs, die offiziellen Mitarbeiter aus Bonn gingen. Wie die imperialistische Kollaboration mit Erich zum Sieg über ihn und zur Eroberung eines neuen Volkes führte.


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