Russland missbraucht den Fußball

Dieser Artikel ist in der Reihe Chronik – kein Kommentar! der Zeitschrift GegenStandpunkt 3-08 erschienen. Sie kann über den Buchhandel oder direkt beim Verlag als Druckausgabe oder E-Book erworben werden.

Skandalöse Sittenwidrigkeit bei der Europameisterschaft:
Russland missbraucht den Fußball für die Nation!

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Die Europameisterschaft geht in ihre dritte Woche, Russland besiegt wider Erwarten die holländische Nationalmannschaft und feiert den Einzug ins Halbfinale als nationale Großtat: „In Moskau tobte eine halbe Million Menschen mit der russischen Trikolore durch die Stadt. Frauen und Männer machten den Oberkörper frei, tanzten Rumba vor dem Majakowski-Denkmal und jubelten bis zum Morgen über den Sieg gegen Holland in der Europameisterschaft. In Sankt Petersburg … waren die Straßen ausgestorben bis zum Schlusspfiff, dann stürzten Menschen auf die taghellen Straßen. Ein Land im Rausch.“

Skandalöse Sittenwidrigkeit bei der Europameisterschaft: Russland missbraucht den Fußball für die Nation!

Die Europameisterschaft geht in ihre dritte Woche, Russland besiegt wider Erwarten die holländische Nationalmannschaft und feiert den Einzug ins Halbfinale als nationale Großtat:

„In Moskau tobte eine halbe Million Menschen mit der russischen Trikolore durch die Stadt. Frauen und Männer machten den Oberkörper frei, tanzten Rumba vor dem Majakowski-Denkmal und jubelten bis zum Morgen über den Sieg gegen Holland in der Europameisterschaft. In Sankt Petersburg ... waren die Straßen ausgestorben bis zum Schlusspfiff, dann stürzten Menschen auf die taghellen Straßen. Ein Land im Rausch.“

Dort geht es also ungefähr genauso zu wie in Berlin, Madrid, Rom und anderswo. Von allen gewichtigen Stimmen ihrer Öffentlichkeit ermuntert, vergessen die Massen mal eben ihren Alltag inklusive aller Gegensätze zwischen Reich und Arm und Oben und Unten, schließen sich zu einem großen Wir zusammen, packen ihre Nationalflaggen aus oder malen sie sich ins Gesicht und führen sich auf, als hinge vom Sieg „ihrer“ Nationalmannschaft so ungefähr ihr Leben ab – für zwei Wochen lang. Minuziöse Berichterstattungen rund um die Uhr von der Fußball- wie von der Heimatfront unterstreichen die angebliche Wichtigkeit dieses Irrsinns, und Politiker ergreifen solche Gelegenheiten gerne, um sich inmitten der national aufgeputschten Stimmung auf Tribünen oder in Mannschaftskabinen volksnah in Szene zu setzen. So entstehen dann unvergessliche „Sommermärchen“, in denen sich die distanzlose Anhängerschaft an die eigene Nation und ihre Siege in euphorischen Glücksgefühlen der Volksmassen äußert.

In all dem selbstverständlichen und üblichen Fußballnationalismus aber entdeckt die Redaktion der „Süddeutschen“ doch tatsächlich einen entscheidenden Unterschied zwischen uns und den Russen. Unglaublich nämlich, was in dem Land bei einem Sieg der eigenen Mannschaft los ist: Jedes Mal ist eine blau-weiß-rote Welle nationalen Wohlbefindens durch das Land geschwappt, jede Glanzleistung wurde nicht als Sieg eines Sängers oder einer Mannschaft gefeiert, sondern als Erfolg der ganzen Nation begriffen. Denn dort gibt es ein gegenseitiges Abhängigkeitsverhältnis von Politik und Sport, das zu grotesken propagandistischen Verrenkungen führt: Das Staatsfernsehen zeigt vor dem Spiel gegen Schweden Ausschnitte sowjetischer Historienfilme mit russischen Siegen über Schweden, und die Fans malen sich ‘1709‘ auf die Stirn, die Jahreszahl der schwedischen Niederlage bei Poltawa im Großen Nordischen Krieg. Zusammengefasst stellt sich dieses Fan-Land für die SZ so dar: Bis zu einem politikfreien Triumphgefühl ist es also noch ein weiter Weg.

Die hierzulande üblichen Triumphgefühle, die sich in „Deutschland! Deutschland!“ – Gebrüll äußern, haben für die SZ offenbar nichts damit zu tun, dass die Bürger sich in einer Fangemeinde zusammenschließen, für die der ganze Spaß am Länderattribut hängt: In schwarz-rot-goldenen Wellen des Wohlbefindens ist da von einer Nation einfach weit und breit nichts in Sicht, die Gegenstand des Triumphes sein könnte! Da kommt nur ein ganz waldursprünglicher Freudentaumel einer erfreulich intakten Volksgemeinschaft zum Ausdruck, an der es nichts zu kritisieren gibt – ganz im Unterschied zu Russland, wo die Identifikation mit dem Staat und die nationale Selbstdarstellung anlässlich von Sport und Kultur einen äußerst kritikwürdigen Nationalismus offenbaren, denn:

„Russland ist auch fast zwanzig Jahre nach dem Ende der Sowjetunion nicht im Reinen mit sich und seinem Platz in der Welt. In acht Jahren Putin haben Staatsfernsehen und Politikerreden den Menschen eingetrichtert, dass nicht bürokratische Zumutungen und Gängelungen ihnen das Leben schwermachen, sondern das Ausland sie bedrängt, dass Russland verkannt und bedroht wird.“

Da will die Herrschaft ehemalige Macht und verlorenen Einfluss in der Welt wiedergewinnen, gibt dem Ausland, also auch uns, die Schuld daran, dass es mit der Nation nicht vorangeht, und das Volk lässt sich diesen Revanchismus auch noch einleuchten und für ihn einspannen, anstatt in unserem Auftrag gegen die bürokratischen Zumutungen und Gängelungen durch den eigenen Staat zu protestieren. Russland sollte besser den ihm von hier aus zugewiesenen Platz in der internationalen Staatenliga akzeptieren, dann müssten die russischen Fans auch nicht mehr ihren nationalen Minderwertigkeitskomplex auf unsere Kosten kompensieren, indem ihre Fußballmannschaft so großkotzig auftritt und es wenigstens auf dem Fußballfeld allen zeigt.

Weil der „Süddeutschen“ der russische Staat nicht gefällt, ist für sie russischer Nationalismus einfach nur krankhaft und unnatürlich – sogar am unschuldigen Fußball vergreift er sich und macht ihn durch Doping mit Geld seinem Zweck gemäß: Nach Jahren des Darbens ist der russische Fußball mit Öl- und Gas-Millionen wieder salonfähig, nun muss er seinen Teil beitragen zur grandiosen nationalen Wiedergeburt. Mit „public viewing“, der deutschen Erfindung, die Fans zum nationalen Freudenfest auf Straßen und Plätzen zu mobilisieren, können die nationalistisch verdorbenen Russen schon gleich nicht umgehen. Zwar ergreift die dortige, von Oben angeordnete staatliche Feierfreudigkeit wirklich jede Gelegenheit, um ekelhaft nationalistisch und militaristisch aufzutreten: Russland begeht den Tag des Vaterlandsverteidigers, den Tag des Fallschirmspringers oder der Schulabgänger regelmäßig mit einem Meer aus Fahnen. Aber offensichtlich nur dann, wenn durch staatliche Aufsicht und Kontrolle prunkvolle Inszenierungen garantiert sind. Ein derart verhetztes großrussisches Gemüt erträgt es hingegen einfach nicht, wenn ihm in aller Öffentlichkeit nach 90 Minuten eventuell eine Niederlage zugefügt wird. Das Risiko muss man auf alle Fälle vermeiden, sich also lieber so lange daheim verstecken, bis der Sieg gewiss ist, denn, so ein Gewährsmann der SZ in Petersburg, wenn wir verlieren, ist es auf einer großen Leinwand viel peinlicher. Verlieren will gelernt sein, vor allem bei der eigenen Nation – auch darin sind wir Vorbild! Interfax meldet aber immerhin, dass sich im sibirischen Tomsk zum Spiel gegen Holland erstmals 7000 Menschen vor einer Großleinwand versammelt haben. Man darf hoffen, dass der russische Fußballfan auch einmal so gesund nationalistisch wird wie wir und Niederlagen in aller Offenheit wegsteckt – auch wenn das für ihn noch ein weiter Weg sein sollte.


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