Ostasiatische Krise des Weltkreditsystems

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Acht Bemerkungen zur ostasiatischen
Krise des Weltkreditsystems

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Eine Abrechnung des Finanzkapitals mit seinen Derivaten / Die Krisenursache: Begründete und sich selbst begründende Zweifel des Finanzkapitals an der Haltbarkeit seiner Schöpfungen / Der Schaden der Gläubiger: Die Kettenreaktion der Vermögensvernichtung / Die Betroffenheit der Weltwirtschaftsmächte: Sorgen um ihre Finanzen – und ihr globales Finanz-System / Die Intervention des IWF: ,Hilfe‘ zur Regionalisierung der Krise / Die ,Gegenleistung‘ der Krisenstaaten: Unterwerfung unter ein neues Finanzregime / Mehr Kredit gegen die Krise des Kredits: Eine notwendige Gemeinschaftsaktion der Kommandomächte der Weltwirtschaft / Die letzte Gemeinsamkeit der Krisenmanager: Ihre Konkurrenz…

Acht Bemerkungen zur ostasiatischen
Krise des Weltkreditsystems

Die Krise der „Tigerstaaten“ Eine Abrechnung des Finanzkapitals mit seinen Derivaten

An der Nationalökonomie der ostasiatischen Krisenländer, der ehemals sogenannten „Tigerstaaten“, hat sich im Laufe des vergangenen Jahres nichts geändert – außer der Spekulation ausländischer Geldanleger auf sie. Viel gutes Geld, das zuvor über Jahre in Finanzanlagen dieser Länder – Staatspapiere und private Kredite – investiert worden war, wurde zurückgezogen, stattdessen einiges auf einen Wertverfall ihrer Währungen gesetzt. Das hat genügt, um die Wirtschaft dieser Nationen zusammenbrechen zu lassen. Mit ihrem Mißtrauen in die Chance, weiter wie gewohnt an ihrer Anlagesphäre zu verdienen, haben die Geldanleger eine Wirkungskette in Gang gesetzt, die mit der der kapitalistischen Produktionsweise eigenen Konsequenz einen Bestandteil der dortigen Nationalökonomien nach dem andern ruiniert hat: zuerst den auswärtigen Kredit und die davon abhängige internationale Zahlungsfähigkeit; damit die Fähigkeit zur Schöpfung eines geschäftsfähigen eigenen Geldes und zur Aufrechterhaltung eines funktionstüchtigen inneren Kreditsystems; dadurch das im nationalen Kredit existierende kapitalistische Geldvermögen, den zählbaren ‚Reichtum der Nationen‘; ebenso den Fortgang von Handel und Produktion, also die ‚sachlichen‘ Vermögenswerte; als deren Anhängsel ganz nebenbei das Erwerbsleben der Bevölkerung überhaupt; darüber wiederum kommen den Staatsgewalten die inneren Einnahmequellen abhanden. – Und das alles, wie gesagt, ohne daß sich an der Produktivkraft der Fabriken, den Konsumbedürfnissen der Massen, den Dispositionen des Handels, der Kreditpolitik der Banken und den Ambitionen der Regierenden etwas geändert hätte…

Der Ausgangspunkt dieser krisenhaften Kettenreaktion legt drastisch offen, was es mit dem Reichtum dieser Nationen auf sich hat: Ihre Finanzkraft, in der sich die Erfolge der Profitmacherei im Land verbindlich und international gültig zusammenfassen, ist ein Derivat ausländischer Geldanlageinteressen geblieben.[1] Die Manager dieser Interessen haben nicht nur mit ihren Kapitalanlagen alles das eingeleitet und durchaus ertragreich ausgenutzt, was jetzt zusammenbricht; das alles bricht zusammen, weil diese Geldanleger unter ihr Engagement einen Schlußstrich ziehen. Sie nehmen eine Abrechnung vor, die ihre Geschäftspartner von gestern als finanziell ohnmächtige Schuldner dastehen läßt. Deren Länder bieten folgerichtig das traurige Bild einer Geldanlagesphäre, der die Geldanlagen abhanden gekommen sind.

Die Krisenursache: Begründete und sich selbst begründende Zweifel des Finanzkapitals an der Haltbarkeit seiner Schöpfungen

Nicht bloß das Objekt, auch den Grund ihrer Abrechnung hat die Internationale der Geldanleger sich selbst geschaffen. Von den zuständigen Regierungen ins Land gebeten und mit den erforderlichen Freiheiten und Sicherheiten ausgestattet, haben auswärtige Finanzkapitalisten ein Wirtschaftswachstum kreditiert, das ihnen mit seinen enorm überdurchschnittlichen Raten immer noch mehr überdurchschnittlich verzinste Kreditengagements wert war. Und das über Jahre; bis ihnen selbst erste Zweifel kamen, ob das Wachstumstempo der Erträge, auf das sie ihre Kredite begründeten, überhaupt noch durchzuhalten sei. Industrielle Überkapazitäten fielen ihnen auf, „stagnierende“ Weltmärkte, auch das für Finanzprofis offenbar immer wieder überraschende mathematische Gesetz, daß hohe Wachstumsraten auf einer kleinen ökonomischen Basis relativ leicht, bei gewachsener Berechnungsgrundlage hingegen nur mit noch viel höherem Mittelaufwand zu erzielen sind. Die Frage, ob sie mit ihren ostasiatischen Geldanlagen nicht allemal noch vergleichsweise gut bedient wären, ob das Problem der Überkapazitäten nicht in ganz anderen Weltgegenden zu bereinigen wäre, und warum überhaupt soviel Kapital Anlagemöglichkeiten sucht, wenn die Weltmärkte für dessen Renditebedürfnisse schon längst zuwenig Umsatz hergeben, haben sich die engagierten Kreditunternehmer nicht gestellt, sondern praktisch entschieden. Und zwar mit der ihrem Gewerbe eigenen Kombination von Irrationalität und Konsequenz: Mit ihrer insgesamt nur allzu begründeten Skepsis gegen den Fortgang ihrer Geschäfte haben sie ausgerechnet in Ostasien eine Wirkungskette in Gang gesetzt, die am Ende nicht mehr aufzuhalten ist. Da läßt der eine einem ordentlich verzinsten Kredit nicht gleich den nächstgrößeren folgen; der nächste reduziert, der übernächste beendet sein Engagement; Gläubiger dringen auf Auszahlung, um ihr kostbares Vermögen anderswo anzulegen; und schon antizipiert die ganze Gemeinde und bemerkt alsbald auch noch der letzte, daß es mit dem Wachstum der Finanzkraft der Anlagesphäre nicht mehr in dem Umfang aufwärtsgeht wie beim Geldanlegen unterstellt – tatsächlich stagniert ja bereits die Zufuhr von Finanzmitteln, die die Gewinnlage zuvor so üppig und zugleich stabil gestaltet hat. Setzt dann ein allgemeineres Abrechnen ein, gerät sofort die Währung „unter Druck“, deren Emittent nun, statt immer neue Engagements von auswärts entgegenzunehmen und dafür gutes nationales Geld in Umlauf zu bringen, die Auszahlung beendeter Engagements in fremder Währung leisten muß und (sich) anfangs auch noch leisten kann. Anlaß zur Spekulation darauf, daß er das zum bestehenden Kurs alsbald nicht mehr vermag, ist damit aber schon genug gegeben; um so mehr, als jeder Zweifel an der Aufrechterhaltung des Wechselkurses das Bedürfnis verallgemeinert, Finanzengagements in Landeswährung aufzulösen. Die Währung wird zum Objekt einer Abwertungsspekulation – und spätestens damit setzt die Krise des Landes ein. Auf die Art haben sich die international aktiven Geldanleger zu ihrer Generalabrechnung mit den „Tigern“ „hochgeschaukelt“.

Für sich haben sie damit erst einmal eine Verlegenheit ‚bereinigt‘, nämlich ihr Mißtrauen in die bestehenden Verwertungschancen ihres Kapitals ausgeräumt – durch eine „Anlagestrategie“, die die absurde Frage, wo denn die industriellen Überkapazitäten und unbefriedigenden Wachstumsraten wirklich und eigentlich zu Hause wären, praktisch wirksam zum Nachteil Ostasiens beantwortet. Dort führen sie damit den Zustand herbei, von dem nun alle wissen, daß man ihn schon viel früher hätte wahrnehmen können und müssen. Mit ihrer Kündigung und Rücknahme verwandeln sich nämlich erst die geliehenen Finanzmittel beim Schuldner in ein bloßes Minus: in Forderungen, denen er keine Finanzkraft entgegensetzen kann und daher das mit den geliehenen Mitteln Aufgebaute selber opfern muß. Die „Tigerstaaten“ werden zahlungsunfähig und kreditunwürdig, weil ihnen der Kredit auf ihre Schulden entzogen wird.

Aus ihrer Haftung entlassen werden sie selbstverständlich nicht; weder aus der materiellen für ihre Schulden noch aus ihrer politischen für den eingetretenen Schaden: Die betroffenen Souveräne müssen sich als ihr wirtschaftspolitisches Fehlverhalten zurechnen lassen, daß sich das Mißtrauen der internationalen Geldanlegergemeinde – das nach dem abgelaufenen Muster jeden anderen Staat genausogut ruiniert hätte – ausgerechnet auf sie konzentriert hat. Praktisch wirksam wird diese Zurechnung mit den Rezepten zur Bewältigung der Krisenlage; davon wird noch die Rede sein. Erst einmal haben sie den Schaden.

Der bleibt freilich nicht auf sie beschränkt.

Der Schaden der Gläubiger: Die Kettenreaktion der Vermögensvernichtung

Wenn Finanzkapitalisten ihre Kreditengagements in Ostasien reduzieren und auflösen, so handeln sie sich mit dieser Entscheidung selber Verluste ein. Denn indem sie damit die Fähigkeit ihrer Schuldner untergraben, für die angehäuften Forderungen einzustehen, führen sie deren Entwertung herbei; und sobald sie auf Auszahlung ihrer Geldanlagen in anderweitig verwendbarem Geld, also in Devisen dringen, ruinieren sie den Geldwert insgesamt, in dem ihre ostasiatischen Vermögenstitel firmieren. Diejenigen, die diese Wirkungskette als erste in Gang setzen und die mit einer Spekulation gegen die nationalen Währungen deren Kursverfall herbeiführen und beschleunigen, mögen dabei am besten davonkommen; insgesamt zieht ein Verlust den andern nach sich. Diese Verluste treffen renommierte, weltweit disponierende Kreditinstitute, reduzieren deren Finanzkraft. Mit „Wertberichtigungen“ in ihrer Gesamtbilanz quittieren deutsche Banken und US-Rentenfonds, daß sie als Gläubiger keineswegs die geborenen Gewinner der ostasiatischen Krise sind, sondern selber durch den Schaden verlieren, den sie ihren kreditunwürdig gestellten Schuldnern zufügen.

Außerdem ist die Sache damit noch keineswegs beendet. Immerhin entfällt bis auf weiteres eine ganze Reihe von Geschäftspartnern, die sich die internationalen Geldanleger schließlich nicht zum Spaß zur Anlagesphäre erkoren und hergerichtet haben, sondern mit dem Ziel und zeitweiligen Erfolg, den Kreditmassen, über die sie verfügen, ein richtig üppig lohnendes Betätigungsfeld zu erschließen. Schon der Aufbau der „Tigerstaaten“ zu „emerging markets“ war ihre praktische Antwort auf ihren Befund, daß schon seit längerem wirklich lohnende Investitionen risikoreich und sichere Geldanlagen wenig lohnend sind: Zinsen auf gute Wertpapiere tendieren gegen Null; „explodierende“ Aktienkurse lassen die Gefahr ebenso rasanter Kurseinbrüche wachsen; und selbst die wunderbare Erfindung der „derivativen Finanzprodukte“ verrät mehr Verlegenheit, als daß sie echten Vermögenszuwachs bringt. Durch den Crash in Ostasien hat diese Lage sich alles andere als verbessert. Und wenn das Finanzkapital sich dieselbe Welt mit den Augen seiner im Exportgeschäft engagierten Kundschaft, vom Standpunkt des Welthandels aus anschaut, nimmt es lauter weitere Nachteile wahr: nicht etwa die Eliminierung exotischer Konkurrenten, sondern ohnehin überfüllte Märkte, auf denen nun auch noch ein großer Posten zahlungsfähiger Nachfrage ersatzlos entfällt.

So registrieren die Geldkapitalisten an den Folgen der Ostasienkrise deren Ausgangspunkt: einen Zustand ihres Gewerbes, den Marx als „Plethora“ – Betonung auf dem o – ihres Geschäftsartikels bestimmt hat.

Die Betroffenheit der Weltwirtschaftsmächte: Sorgen um ihre Finanzen – und ihr globales Finanz-System

Was das internationale Finanzkapital da erleidet, das ist für die Nationen, in denen bzw. in deren Geld diese Internationalisten doch sehr national zu Hause sind, Grund genug, sich einzuschalten. Von der Wirkungskette der Vermögensverluste und Geschäftseinbußen sind sie nämlich selber enorm betroffen: Steuereinnahmen schrumpfen, wenn Banken ihre Risikovorsorge aktivieren und große Fonds Verluste anzumelden haben. Sie schwinden erst recht, wenn Exportgeschäfte angegriffen sind; da werden außerdem allerhand staatliche Bürgschaften fällig. Das alles sind überdies bloß die Vorboten oder Begleiterscheinungen einer drohenden Minderung des nationalen Wirtschaftswachstums überhaupt, auf das die Regierungen ihre nationalen Haushalte berechnet und begründet haben – auch die hatten schließlich gute Gründe, ihre einheimischen Unternehmer, Banken, Autohändler, Elektronik-Fabrikanten…, nachdrücklich zu ermahnen, sie dürften auf keinen Fall ihre Chancen am Westrand des Pazifik verpassen und die großen „Zukunftsmärkte“ „den andern“ überlassen. Alle großen Wirtschaftsnationen haben die „Tigerstaaten“ als zusätzliche Quelle ihres Wachstums eingeplant, sogar einiges an Haushaltsgeldern dafür vorgeschossen. Auch sie gewinnen also nicht, sondern registrieren gegenwärtige und bevorstehende Einbußen, wenn ihre aufstrebenden Konkurrenten in Ostasien so massiv verlieren.

Und nicht nur das. Für die politischen Aufseher des Weltgeschäfts und Hüter der guten Weltgelder zeichnet sich im Westpazifik nicht bloß eine globale, also vor allem sie betreffende „Wachstumsdelle“ ab, sondern die Gefahr eines noch viel größeren Desasters: Der weltwirtschaftlich vollends unentbehrliche Geschäftspartner Japan wird von den Vermögensverlusten in Ostasien am stärksten getroffen; seine Banken haben die meisten Verluste zu verbuchen; und das in einer Lage, die ohnehin schon einem Offenbarungseid über das gesamte Kreditwesen des Landes nahekommt. Seit längerem sorgt dort nämlich nur noch die Staatsgewalt, indem sie massenhaft Geld schöpft und den Banken des Landes praktisch umsonst ausleiht, für die Anerkennung eines ziemlich gewaltigen Kreditbetrags, die der nationale Geschäftsgang überhaupt nicht mehr hergibt. Und bei jedem trotzdem fälligen Bankrott fragen sich die Geschäftswelt und das finanzpolitische Establishment des globalen Kapitalismus, in welchem Umfang der japanische Staat seine Geldschöpfung zwecks Kreditstützung eigentlich noch praktizieren will und wie lange er sie durchhalten kann, ohne die Anerkennungswürdigkeit seines Yen nachhaltig zu beschädigen. Ernsthaft gestellt, findet diese Frage freilich gleich eine beruhigende Antwort: Zweifel an Japans Finanzkraft erledigen sich mit einem Blick auf die internationale Gläubigerposition des Landes, nämlich als Inhaber von Wertpapiermassen, in denen die Auslandsschulden der USA verbrieft sind – vielleicht nicht alle, aber auch nicht viel weniger. In diesem Wertpapierschatz verfügt die Nation über unverwüstliche Sicherheiten; allerdings nur, solange er nicht wirklich in Anspruch genommen werden muß, um ihren Kredit zu bestätigen. Denn daß Dollarschulden in der Welt als Guthaben zählen, wird nurmehr dadurch garantiert, daß Japan sie aufkauft, also seine nationalen Überschüsse in sie investiert und damit ihren Wert beglaubigt; nur so rechtfertigen sie umgekehrt die innere Geldschöpfung, die Japan sich leistet. Beides – und damit das globale Finanzsystem überhaupt hat nur Bestand, weil die großen Geldschöpfer und Schuldenmacher – mit den Europäern und ihren nach Maastricht-Kriterien neu vermessenen Schulden steht es nicht anders – einander kreditieren und alles unterlassen und unterbinden, was die Finanzkapitalisten dazu animieren könnte, dem Kredit einer der großen Nationen mit einem fundamentalen Mißtrauen zu begegnen. Die G7 sind längst auf Gedeih und Verderb Teile eines weltwirtschaftlichen Ganzen; das wissen ihre Finanzpolitiker gut genug. Deswegen darf aber auch die Ostasien-Krise im Kreditüberbau und Staatshaushalt Japans nicht zuviel durcheinanderbringen; das ist nicht bloß japanisches Interesse, sondern gemeinsame Sorge aller Hauptverantwortlichen des Weltkreditgeschäfts.

Es gilt also, diese Krise von Staats wegen einzugrenzen, die von ihr ausgehenden negativen Wirkungsketten zu unterbrechen, bevor sie sich zu einer wirklichen Infragestellung des Finanzsystems „aufschaukeln“ können. Aber wie?

Die Intervention des IWF: ‚Hilfe‘ zur Regionalisierung der Krise

Eins steht fest: Von der Freiheit des international tätigen Spekulationsgewerbes, im Zuge seiner Geldanlagestrategien ganze Länder herzurichten und zu ruinieren, wird nichts zurückgenommen. Dessen Abrechnung mit den Ländern Ostasiens soll gelten; sie wird politisch als die neue ökonomische Sachlage anerkannt. Dabei soll und darf es aber nicht bleiben – wegen der befürchteten Folgen fürs System der kapitalistischen Weltwirtschaft. Deswegen setzen die politischen Manager des Weltgeschäfts auf die erste Abrechnung der Geldanleger mit ihrer Anlagesphäre eine zweite, die die Basis dafür legt, daß das Finanzkapital zu seinen Bedingungen sein Geschäft mit den ostasiatischen Krisenstaaten wieder aufnehmen kann.

Das Mittel dieser zweiten Abrechnung ist dasselbe, über das die Geschäftswelt soeben mit ihrer Anlagesphäre abrechnet: Kredit; zugeteilt nunmehr durch die politischen Herren aller nationalen und internationalen Kreditmittel, nachdem sonst ja keiner mehr etwas herleiht. Und zwar über die Agentur, die es für solche Zwecke interessanterweise schon längst gibt, den IWF. Dabei geht es um bemerkenswerte Summen; für Südkorea allein um 60 Milliarden Dollar. Soviel ist anscheinend nötig – und das nicht, um die eingetretenen Vermögensschäden ungeschehen zu machen; schon gar nicht die in den betroffenen Nationen; aber auch das, was Börsenspekulanten verloren haben und Wertpapierbesitzer abschreiben müssen, wird dadurch nicht ersetzt. Die Summe braucht es erst einmal, um drohende Zahlungsausfälle aus dem noch weiterlaufenden Geschäft mit den problematischen Partnern zu verhindern. Zweck der Aktion ist aber nicht eine möglichst glimpfliche Endabrechnung, sondern gleich schon wieder der Neubeginn: Die großen Beträge sollen bei der Geschäftswelt das Vertrauen wiedererwecken, daß nach und auf Basis gelaufener Entwertung Geschäfte mit und Geldanlagen in der Region wieder lohnen – eben weil die großen Geld- und Kreditschöpfer ihre ostasiatischen Kollegen demonstrativ nicht im Stich lassen. Zu diesem Zweck eines vertrauenswürdigen Neuanfangs verbürgt der IWF den Gläubigern die Verläßlichkeit ihrer noch ausstehenden und vor allem aller inskünftigen Forderungen, und daß neu eröffnete Kreditlinien – insbesondere diejenigen, die die Banken mit der Umschuldung akut fälliger Verbindlichkeiten gewähren – Bestand haben. Die große Staatenwelt verbürgt sich auf diese Weise dafür, daß das Weltgeschäft wegen einiger gerechter Staatsbankrotte keineswegs dauerhafte Einbußen zu erleiden braucht.

Die Krisenstaaten selber kommen bei dieser Aktion zur Stiftung einer neuen Grundlage fürs Ostasiengeschäft so vor, daß die Bürgschaft, die der IWF dem internationalen Finanzkapital leistet, ihnen als Schulden aufgeschrieben wird – zusätzlich zu denen, die sie ohnehin noch haben. Einen für sie verfügbaren Kredit, eine Bürgschaft für ihre ökonomischen Aktivitäten, gar einen erneuerten Staatsschatz für autonome Geldschöpfung bekommen sie nicht. Durch den Deal des IWF mit ihren einstigen und künftigen Gläubigern werden sie vielmehr befähigt, mit dem Verlust ihrer bisherigen Zahlungsfähigkeit, der Dezimierung ihres nationalen Vermögens und der Stornierung ihrer nationalen Wirtschaftskreisläufe zu leben – nämlich als gleichwohl geschäftsfähiger Bestandteil der Weltökonomie zu überleben. Sie werden insoweit als weltwirtschaftliche Subjekte aufrechterhalten, daß sich alte Schulden wie die neuen Verbindlichkeiten ihnen zurechnen und mit ihnen neue Geschäftsbeziehungen anknüpfen lassen, damit der gewaltigen Schuldenposition wenigstens perspektivisch eine Profitproduktion entspricht, aus der sie bedient werden kann. Mit dem IWF-Kredit bleiben die fallierten Schuldner ihren Gläubigerstaaten erhalten – als haftbare Kontrahenten.

Auf die Art wird die Kreditkrise eingehegt, nämlich auf die ostasiatischen Abrechnungsopfer begrenzt. Denen wird mit ihrer Rettung als Geschäftsadresse die Hauptlast der Krise zugeschoben; der eingetretene globale Vermögensschaden wird, soweit noch möglich, bei ihnen lokalisiert – damit das globale Geschäftsleben ansonsten, in seinen Zentren und von denen aus und sogar wieder mit ihnen, unbeeinträchtigt fortgehen kann. Das ist der politökonomische Inhalt der ‚Hilfe‘, die die führenden Nationen über den IWF ihren ostasiatischen Partnern zukommen lassen.

Die ‚Gegenleistung‘ der Krisenstaaten: Unterwerfung unter ein neues Finanzregime

Diese Hilfe gibt es nicht umsonst. Über ihren IWF fordern die maßgeblichen Mächte den zusammengebrochenen „Tigern“ das, was sie mit der Hilfe beabsichtigen und bewerkstelligen, noch einmal eigens als deren Gegenleistung ab. Verlangt ist eine Politik, die von vornherein darauf verzichtet, die Hoheit übers eigene Geld auch wahrnehmen, geschweige denn zur Kreditstiftung und Inszenierung eines nationalen Wirtschaftswachstums nutzen zu wollen und – so wie bisher – mit dieser Zielsetzung ausländische Geldanleger zum Gebrauch ihres Landes als Anlagesphäre einzuladen. Nachdem diese Geldanleger praktisch das Urteil gefällt und exekutiert haben, die von den ostasiatischen Regierungen angebotenen Geschäftschancen mit ihren hohen Wachstumsversprechen seien doch eher unseriös und die in nationaler Regie geschöpften Kreditgelder nichts wert, lesen die politischen Aufsichtsinstanzen den betroffenen Nationen dieses Urteil noch einmal, nämlich als Imperativ vor, nach dem sie sich ab sofort zu richten haben: Keine „undisziplinierte“ Geldschöpfung mehr durch den Staat – das Kriterium ist, völlig fiktiv und rein negativ, der „Fehlschlag“ der bisherigen Geldpolitik; kein „übertriebenes“ Wachstum mehr – zusätzlich zur nationalen Kreditstiftung wird also gleich auch noch der damit beabsichtigte Effekt verboten; keine autonomen „Manipulationen“ an den Währungsparitäten, nicht einmal feste Wechselkursgarantien – die Macht und folglich das Recht, ihrer Währung einen Kurs zu verschaffen, kommt diesen Bankrotteuren einfach nicht zu. Stattdessen haben sie ihr gesamtes Finanzwesen ausländischem Zugriff zu „öffnen“, also die bankgewerbliche Kreditschöpfung dem auswärtigen Finanzkapital zu überlassen und alles so zu nehmen, wie es kommt: Interesse wie Desinteresse der Geldanleger; In-Wert-Setzung und Entwertung ihrer Währung durch den freien Geldhandel; Zu- und Abfluß von Finanzmitteln; und ein nationales Wirtschaftswachstum in eben der Höhe, in der es aufgrund auswärtiger Benutzungsinteressen zustandekommt. In der Anerkennung dieser Geschäftsbedingungen besteht ab sofort die Geschäftsfähigkeit der Krisenstaaten – als hätten die Imperialisten sich darauf besonnen, daß letztlich doch nichts über die Methoden kolonialistischer Unterwerfung geht…

Ganz widerspruchsfrei ist diese Zumutung nicht – auch wenn die betroffenen Staatsgewalten in der Notlage, in der sie mit ihren fortbestehenden weltwirtschaftlichen Ambitionen stecken, kaum Widerspruch einlegen. Der ‚Reichtum der Nationen‘ ist wegspekuliert, ihr Profiterwirtschaftungsapparat lahmgelegt. Der geschrumpften Basis stehen die noch lange nicht abgeschriebenen Forderungen der Gläubiger gegenüber, vermehrt um die Pflichten aus den IWF-Krediten, denen die Länder ihre Weiterexistenz als Schuldner verdanken. Dieses verschärfte Mißverhältnis sollen sie leichter und besser aushalten können als die alten Zustände, die in den Bankrott geführt haben; und dasselbe Finanzkapital, das gerade erst bei noch weit stärkerer und wachsender nationalökonomischer Basis und geringerer Außenschuld Überschuldung diagnostiziert und eine auch für es selbst verlustreiche Endabrechnung dem riskanten Verbleib in der Sphäre vorgezogen hat, soll nun wieder guten Mutes zugreifen – beides ausgerechnet deswegen, weil der Staatsgewalt eigenständige Initiativen zur ‚Wiederbelebung‘ ihrer ökonomischen Basis untersagt werden. Die Nation soll sich aus ihrem Schuldenproblem heraushalten, damit sie ihm besser gewachsen ist. Der Staat soll seine Schulden verantworten und bedienen, sich aber als verantwortliches politökonomisches Subjekt herauskürzen. Sein Kredit soll dadurch solide werden, daß er die Kontrolle darüber gleich vollends den Kreditgebern überläßt: eine wirklich interessante neue Kombination von wirtschaftspolitischer Haftung und Entmachtung!

Die ostasiatischen Nationen jedenfalls haften ab sofort mit ihrem gesamten Erwerbsleben nicht mehr für die wirtschaftspolitischen Manöver ihrer Regierungen, sondern für das, was eventuelle Geldanleger mit ihnen anstellen: Dafür bekommen die Staaten Kredit – also so, daß sie ihn überhaupt nicht haben. Und das ist zumindest konsequent. Denn ihre vom IWF restaurierte Kreditwürdigkeit und Geschäftsfähigkeit ist tatsächlich nicht mehr – und noch längst nicht, wenn überhaupt jemals wieder – ihre Sache. Sie beruht rein auf dem Beschluß der weltwirtschaftlichen Führungsmächte, ihnen soviel Zahlungsfähigkeit zuzusprechen, daß die Internationale der Geldanleger wieder Vertrauen faßt. Es wird kein Geheimnis daraus gemacht, daß dieses Vertrauen nicht den allseits so beredt beschworenen unverwüstlichen Zukunftschancen dieser Weltgegend gilt – wie geschäftstüchtig diese Länder wieder werden, steht ja völlig dahin; bislang ist ihr Niedergang noch nicht einmal fertig abgewickelt! –, sondern dem Willen und der politökonomischen Macht der Interventionsmächte, die sich mit so weitreichenden Kreditermächtigungen hinter ihren IWF gestellt haben.

Dazu haben sie allerdings auch allen Grund.

Mehr Kredit gegen die Krise des Kredits: Eine notwendige Gemeinschaftsaktion der Kommandomächte der Weltwirtschaft

Die großen Weltgeldschöpfer setzen beachtliche Milliardensummen in die Welt – nichts anderweitig Eingespartes und überhaupt keine „Ersparnis“, sondern durch schlichte Buchungsakte geschaffene Zahlungsfähigkeit –, um die Ostasienkrise zu stoppen, die von ihr ausgehenden Wirkungsketten zu unterbrechen, bevor mit dem Wegfall einer ganzen Geschäftssphäre dem Weltgeschäft ein unabsehbarer Schaden droht; also erklärtermaßen um von sich Schaden abzuwenden. Sie stocken die Finanzmasse auf dem Globus deutlich auf, weil die Kreditkrise der „Tigerstaaten“ gar nicht darin aufgeht, eine solche der Ostasiaten und ihrer „unvorsichtigen“ resp. „größenwahnsinnigen“ Machthaber zu sein. Daß sich in jener Weltregion Kredit entwertet, weil seine Aussichten auf Verwertung zu wünschen übrig lassen, das behandeln die politischen Krisenmanager als Fall, der ihr kapitalistisches Weltsystem insgesamt betrifft. Gegen das Urteil des Finanzkapitals, das in diesem besonderen Fall glatt auf Spielabbruch spekuliert und eine Endabrechnung begonnen hat, sorgen sie für den ungeschmälerten Fortgang des weltweiten Kreditierens und Geldverdienens. Und zwar durch die Stiftung neuen Kredits, der also definitiv nicht aus einem Bedürfnis des globalen Geschäfts heraus entsteht und nicht durch dessen Perspektiven gerechtfertigt ist. Er ist umgekehrt dazu da, ausgebliebene bzw. sonst ausbleibende Geschäftserträge zu ersetzen, damit ungeachtet aller negativen Perspektiven und gegen das an einer Stelle akut gewordene Mißtrauen der Geschäftswelt der Gesamtladen weiterfunktioniert.

Freilich: Was die Herren des Geldes da in die Welt setzen, um den Verlust einer Geschäftssphäre nicht eintreten zu lassen, also um die regional akut gewordene Unfähigkeit des Finanzkapitals zu lohnender Verwertung praktisch zu kompensieren, ist nichts anderes als – zuschüssiges Finanzkapital: Kredit wie jeder andere; vom Bankgewerbe der kapitalistischen Welt als Vermögenstitel und Geschäftsmittel verbucht und gehandhabt, um ihn zu vermehren; in seinem Wertbestand auch davon abhängig, daß er regulär bedient und vermehrt wird; also: ein zusätzlicher Anspruch auf lohnende Geschäfte. Dieselbe taufrisch geschöpfte Geldsumme, die Verwertungsansprüche bedienen, ins Recht setzen und garantieren soll, die aus dem tatsächlichen Gang der Weltgeschäfte, aus der Akkumulation nationalen Reichtums in einer ganzen Weltgegend nicht mehr bedient, beglaubigt und aufrechterhalten werden – eben diese Summe vermehrt die Forderungen des Finanzkapitals auf derartige Erträge. Und sie begründet nicht bloß neue, sondern auch besonders hohe Ansprüche. Denn es handelt sich um neue Summen des weltweit als „gut“ anerkannten Geldes der kapitalistischen Großmächte: um Kreditmittel, die nicht wie das Geld der bankrotten „Tigerstaaten“ ein nachträglich als bloßer „Schein“ entlarvtes Wachstum finanzieren, sondern ihrem Inhaber ein Recht auf wirkliche, solide Akkumulation abstrakten Reichtums verbürgen – und dabei sind diese neuen Summen doch genau deswegen in die Welt gesetzt worden, weil von lohnender Verwertung der weltweit zirkulierenden Kreditmassen nicht mehr die Rede sein kann. Das zuschüssige Geld wird also unweigerlich ein – weiterer, zusätzlicher – Teil des Verwertungsproblems, das es löst.

Die Verantwortlichen der G7-Staaten problematisieren das auf ihre Weise, wenn sie beim Aushandeln ihrer jeweiligen nationalen Anteile an der Gesamtsumme, die ihnen zur Krisenintervention nötig erscheint, den Gesichtspunkt geltend machen, daß sie sich einen derartigen Milliarden-„Aufwand“ eigentlich gar nicht leisten könnten – die Europäer nicht wegen ihrem Euro; die Amerikaner nicht angesichts ihres glücklich ausgeglichenen Budgets und angesichts eines Rekorddefizits in ihrer Zahlungsbilanz; die Japaner nicht im Zeichen ihrer inneren Kreditabwicklungsprobleme. Wenn die Finanzpolitiker dabei ihren „Beitrag“ als Last vorstellig machen, so als müßten sie die Milliarden aus ihrem „balanced budget“ oder ihrer überstrapazierten Arbeitslosenkasse lockermachen, so ist das demokratisch berechnender Unsinn: Die Milliarden „kosten“ die Nationen nichts als einen Buchungsakt ihrer Zentralbank, und anschließend haben sie sogar ein Guthaben beim IWF. Ideologisch denaturiert mögen auch die Sorgen um den Wert der eigenen Währung sein, der durch die mit einem Federstrich vorgenommene massive Ausweitung der darauf lautenden Weltgeldmenge bedroht wäre; damit kommen sie aber durchaus zur Sache. Denn was die Führungsmächte der Weltwirtschaft da in die Welt setzen, ist eben wirklich zuschüssiges nationales Geld, das einen Wert mißt, der dann aber auch kapitalistisch produziert und am Weltmarkt realisiert zu werden hat; zusätzlicher Nationalkredit, der bedient sein will, nämlich aus mit ihm hervorgebrachtem Reichtum – und das in einer Welt, in der die anlagesuchenden Kreditgelder der großen Nationen bereits aus jedem beliebigen regionalen Anlaß, wie etwa der ostasiatischen Krise, von einer Kettenreaktion der Entwertung bedroht sind. Mit der besorgten Frage, wieviel Geldschöpfung sie denn noch leisten müssen und sich leisten können, bis der Wert ihrer Währung in Gefahr gerät, gestehen die verantwortlichen Machthaber ein, daß die Kreditkrise, die sie mit immer neuem Kredit managen, schon längst die Qualität ihrer Kreditgelder gefährdet.

Eben deswegen ist es höchst notwendig, daß die Intervention als Gemeinschaftsaktion der G7 über die Bühne geht. Denn was in dieser Lage den Kredit beglaubigt und rechtfertigt, mit dem die Kreditkrise auf Ostasien begrenzt und entschärft wird, das ist allein der Beschluß der Kreditgeberländer, ihre eigenen Schulden und prekären Geldschöpfungen wechselseitig als ordentliche Guthaben zu behandeln und keiner anderen vergleichenden Abrechnung zu unterwerfen als derjenigen, die die Geldhändler und Finanzkapitalisten im Vergleich der Standorte, Anlagesphären und Finanzmittel alltäglich vollziehen, ohne auf einen zwischenbilanzmäßigen Schlußstrich zu spekulieren. Das politische Kartell wechselseitiger Schuldenanerkenntnis ist die Bestandsbedingung des immer weiter aufgeblähten, zunehmend kritischen Haufens internationaler Kreditmittel. Deswegen müssen alle Großnationen mitmachen; im Umfang der Betroffenheit, die sie bekanntgeben, und der Verantwortung, die sie aus ihrer Betroffenheit ableiten. Nicht, weil sonst die nötigen Milliarden womöglich nicht zusammenkämen – es handelt sich, wie gesagt, nicht um eine Kollekte des IWF, die aus den Staatshaushalten zu dotieren wäre, sondern um pure, freilich folgenreiche Geldschöpfung –, sondern weil der Erfolg der ganzen Operation davon abhängt, daß alle mitmachen beim Beschluß und der Demonstration des gemeinsamen Willens, die wechselseitige Kreditgarantie aufrechzuerhalten und mit den dadurch beglaubigten Finanzmitteln das Weltgeschäft unverwüstlich fortzuführen.

So weit ist es nämlich gekommen: daß der Fortbestand dieses Systems eine Frage des Vertrauens ist, das nicht irgendwelche glänzenden Geschäftsaussichten, sondern die politischen Manager des Gesamtladens den Profis des globalen Geldanlagegeschäfts einzuflößen vermögen.

Die letzte Gemeinsamkeit der Krisenmanager: Ihre Konkurrenz…

Um so mehr fällt auf, daß die Einmütigkeit der großen Krisenbewältiger und Geldschöpfer, so sehr sie demonstriert und über den IWF praktiziert wird, dennoch nicht das letzte und abschließende Wort zur Sache ist. Noch während sie an ihrem „Hilfspaket“ basteln und wo noch gar nichts wirklich ausgestanden und bereinigt ist, führen sie einen verzwickten Streit um Verfahren und nationale Kompetenzen beim Krisenmanagement. Dabei bleibt der Standpunkt, man müßte als Nation Kosten sparen und die andern „zahlen“ lassen, der Volksmeinung und dem US-Kongreß vorbehalten, ist also auch schon nicht ohne. Tatsächlich geht es allen Beteiligten aber um das rechte Maß der eigenen Beteiligung und der der anderen: darum, die anderen in die Pflicht zu nehmen, ohne sich selbst über Gebühr in die Pflicht nehmen zu lassen; so als wäre gerade bei ihrer gemeinsamen Rettungsaktion dauernd zu besorgen, daß ein jeder mit der nationalen Geldschöpfung, die er zum IWF-Kredit beiträgt, im Verhältnis zu den anderen ein Risiko eingeht, nämlich sein Geld vergleichsweise anfechtbar macht und im alltäglichen wie nicht alltäglichen internationalen Abrechnungsgeschäft der Geldkapitalisten Nachteile erleidet.

Und wenn alle diese Sorge haben, dann wird es auch so sein – nämlich so, daß die Weltwirtschaftsmächte von ihrer andauernden Währungskonkurrenz nur zurücktreten und eine Gemeinschaftsaktion starten, um die Bedingungen für den Fortgang „der Weltwirtschaft“, also ihrer Konkurrenz um nationale Anteile daran zu sichern. Daß sie ihre Abhängigkeit voneinander anerkennen und beherzigen, ist für die großen Krisenmanager offensichtlich überhaupt kein Grund zur Rücksichtnahme aufeinander; im Gegenteil. Sogleich geht unbeirrt der ewige amerikanisch-japanische Streit um Bilanzdefizite und deren Handhabung weiter; nun an dem Material, das der ostasiatische Zusammenbruch liefert: In völlig konträrer Absicht bringen beide Seiten die Idee einer Sonderzuständigkeit Japans für die Kreditwürdigkeit der ganzen Region, sogar eines speziellen ‚Asiatischen Währungsfonds‘ auf Yen-Basis, eines AMF als regionales Gegenstück zum IWF ins Spiel – die einen, um Japan mit seiner starken Gläubigerposition für ausfallende Schulden haftbar zu machen; die andern, um dem Yen eine Zone exklusiven Einflusses zu verschaffen – und verwerfen sie wieder. Dann einigen sich Amerikaner und Europäer darauf, ihren westpazifischen G7-Partner mit widersprüchlichen Forderungen nach einer Wirtschaftspolitik zu drangsalieren, die gleichzeitig alles Mögliche hinkriegen soll: mit einer flotten Binnenkonjunktur einen kaufkräftigen Exportmarkt für die Krisenstaaten schaffen, der die Waren „absorbiert“, die sonst zum Nachteil ihrer Handelsbilanz die Amerikaner kaufen müßten; mit eigenen Kreditspritzen die Kreditwürdigkeit der Ex-„Tiger“ verbessern; dies selbstverständlich ohne den Zugriff auf deren Rest-Ökonomie zu monopolisieren; nebenher die eigene Kreditkrise intern beilegen; dabei das Staatsdefizit endlich verringern und den Wert des Yen „stabilisieren“… Unterdessen kommt mitten in der noch unausgestandenen ostasiatischen Krise der Euro auf die Welt, von dem seine Schöpfer sich größere Anteile am Weltfinanzgeschäft auf Kosten des Dollar – also eine kräftige Aufmischung der ach so „sensiblen“ Geldmärkte versprechen. Und während der IWF noch dabei ist, sein neues Finanzregime über die Staaten der Krisenregion zurechtzudefinieren und den ortsansässigen Regierungen aufzudrücken, reist schon wieder der deutsche Finanzminister mit ersten Sonderangeboten zur bilateralen Wirtschaftsförderung von einer ostasiatischen Hauptstadt zur nächsten…

So bringen die souveränen Kommandeure des Weltkapitalismus erst mal wieder „Ruhe in die Märkte“. Und bemühen sich zugleich – G7 hin, Globalisierung her – nach Kräften darum, daß die nächste Abrechnung, die das dazu ermächtigte Finanzkapital ihnen präsentieren wird, ihren jeweiligen nationalen Kapitalstandort nicht trifft.

[1] Ausführlicheres hierzu ist in der entsprechenden Fallstudie in der vorigen Nummer dieser Zeitschrift nachzulesen: ‚Thailand – Das Auf und Ab eines „emerging market“ und seine Grundlagen in der weltweiten Überakkumulation‘, GegenStandpunkt 4-97, S.161.


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