Börsenkrach in Ostasien

Dieser Artikel ist in der Zeitschrift GegenStandpunkt 4-97 erschienen. Sie kann über den Buchhandel oder direkt beim Verlag als Druckausgabe oder E-Book erworben werden.

Börsenkrach und Währungsturbulenzen in Ostasien
Thailand

Das Auf und Ab eines „emerging market“ und seine Grundlagen in der weltweiten Überakkumulation

Systematischer Katalog: 
Länder & Abkommen: 
Überblick

Von den Voraussetzungen, Leistungen und Konsequenzen der Entscheidung, Länder wie Thailand zum Objekt des internationalen Geldkapitals zu machen.

Börsenkrach und Währungsturbulenzen in Ostasien

Angefangen hat alles ganz klein: Mit Kursverlusten in Bangkok und spekulativem Druck auf den Baht. Da war die Börsenwelt in Hongkong noch in Ordnung. Dann gab es Einbrüche in Indonesien, Malaysia, und den Philippinen. Hongkong boomte weiter, bis auch dort die Börse einbrach. Im Gefolge davon rutschten die Kurse rund um den Globus, in Tokio, an den europäischen Börsen, schließlich an Wall Street – und wieder zurück. Die Aktien amerikanischer und deutscher Weltfirmen büßten an Wert ein, Kapitalerhöhungen wurden verschoben, weil in Fernost das Vertrauen in Kurssteigerungen verloren gegangen war. Offenbar verlieren, wenn asiatische Börsen krachen, die Spekulanten aus den Hauptstätten des Geschäftslebens so viel, daß auch dort die Kurse nachgeben und eine Unmenge – hochgerechneter – Vermögen sich in Luft auflöst. Wenn da hinten die Zeichen auf Baisse stehen, geht es eben nicht bloß um das Schicksal von ein paar exotischen Börsen, dann steht nicht bloß die ökonomische Zukunft von einigen Aufsteigern im Weltmarkt in Frage. Der Börsenkrach verallgemeinert sich zu einer weltweiten Affäre, ist also eine Angelegenheit des internationalisierten Kapitals.

Andererseits ist es gelungen, den Schaden dann doch weitgehend auf die Börsen in Fernost zu begrenzen, die ganz großen Wertverluste dort zu lokalisieren – bis jetzt jedenfalls. In New York, London, Frankfurt und Paris – weniger in Tokio – haben sich die Kurse wieder gefangen, auch wenn die Lage „volatil“ bleibt. Was aber definitiv entwertet ist, das sind die Währungen von südostasiatischen Ländern, die bis gestern noch die bestaunten „kleinen Tiger“, die Aufsteiger im Weltmarkt waren. Ihr Status als Wachstumsmärkte im Weltgeschäft hat dauerhafte Einbußen erlitten. Auch das ist also offenkundig geworden: Auslöser für Turbulenzen an den Weltfinanzplätzen mögen solche Länder mit ihren Wachstumszahlen und Börsenbewegungen sein; die entscheidenden Agenturen des Weltgeschäfts sind sie nicht, sondern dessen Ableger.

Thailand
Das Auf und Ab eines „emerging market“ und seine Grundlage in der weltweiten Überakkumulation

Jahrelang war Thailand Gegenstand weltweiter Bewunderung: Sensationelle Wachstumsraten, ein Bauboom, der Bangkok innerhalb kürzester Frist unter die anheimelnden Supermetropolen dieser Erde katapultierte, ein schier unaufhaltsamer Anstieg der Börsenkurse, ein Baht, der als eine der stabilsten Währungen Südostasiens galt, Kapitalzuflüsse von mehreren Milliarden Dollar pro Jahr, die als „Vertrauensbeweis“ für das Land gewertet wurden. Nach einhelligem Befund war diese Erfolgsstory eines „emerging market“ einer Regierung zu verdanken, die auf „Liberalisierung“, „freien Kapitalverkehr“ und „Marktwirtschaft“ setzte, also alles richtig machte. Thailand galt als ein „Modell“, von dem nicht nur andere ehemalige „Entwicklungsländer“ lernen können, sondern – wie Bundespräsident Herzog auf seiner Asienreise erkannte – auch ein Land wie Deutschland, vor allem, was die Billigkeit der Arbeit betrifft. Seit Frühjahr dieses Jahres herrschen „Katerstimmung“ und „Unruhe im kingdom of growth“. Ausländische Geldanleger zogen Mittel ab; die Börsenkurse begannen zu fallen; man spekulierte auf Abwertung. Die Regierung gab, nachdem sie mit etlichen Milliarden Dollar versucht hatte, den Trend zu stoppen, den Baht frei, der innerhalb von drei Monaten über 35 Prozent seines Werts verlor. Die inländische Nachfrage brach zusammen, Geschäfte und Banken standen vor dem Bankrott, ausländische Produzenten schlossen ihre Werke. Das Schlimmste soll nach Auskunft kundiger Beobachter erst noch kommen, wenn der Regierung zum Jahreswechsel über 14 Milliarden Dollar Verluste aus fälligen Devisenterminkontrakten ins Haus stehen.

Seit die Anleger der Börse in Bangkok den Rücken kehren, gelten die wirtschaftlichen Erfolge des Landes im westlichen Blätterwald als „Rausch“ und „Scheinblüte“: Die Wirtschaft sei „zu stark und zu rasch“ gewachsen, statt auf „kapitalintensive und technologieorientierte Produktionen“ zu setzen, habe man „einfache, arbeitsintensive Fertig- und Halbfertigprodukte zu Niedrigpreisen auf den Exportmärkten verschleudert“, „unsolide, gigantomanische Immobilienprojekte“ aufgezogen, „zuviel und zu kurzfristiges Geldkapital“ ins Land geholt. Egal, ob nun zuwenig, zuviel oder falsch investiert worden sein soll – jetzt ist plötzlich allen klar: Thailand hat die ganze Zeit „auf Pump“ und „über seine Verhältnisse gelebt“. Seither steht auch fest, daß die Regierung mit ihrer „Großmannssucht“ alles falsch gemacht, „zu lange“ an der Parität des Baht zum Dollar festgehalten, „Korruption, Vetternwirtschaft und Mißwirtschaft“ nicht konsequent bekämpft hat.

So sind sie eben, die Interpreten der internationalen Konkurrenz, die Ökonomie und Politik vom Standpunkt des kapitalistischen Erfolgs oder Mißerfolgs einer Nation aus deuten und deswegen hinterher immer alles besser wissen. Wenn das Geldkapital Thailand mit Vertrauen überschüttet, dann verdient das Wirtschaftsleben dieses Landes Respekt, dann staunt man über die „sensationellen Wachstumsraten“; wenn die Spekulanten dem Land ihren Kredit entziehen, dann kann auch das Wachstum nur unsolide gewesen sein. So selbstverständlich gilt den Begutachtern das Urteil der internationalen Geldanleger als Inbegriff der wirtschaftlichen Vernunft. Und so selbstverständlich gehen sie davon aus, daß das Wirtschaftsgeschehen in einem Land wie Thailand völlig von diesem Urteil abhängt. Diese Abhängigkeit bestätigt der malaysische Premier Mahathir, wenn er die „internationalen Spekulanten“ anklagt, sie hätten „Asien um die Früchte des hart erarbeiteten Wachstums geprellt“. Er hat offenbar eine Ahnung davon, daß das bestaunte Wachstum in seiner Weltwirtschaftsregion das Werk dieser widerwärtigen Subjekte gewesen sein muß. Wenn es ihnen so leicht fällt, der Region den Erfolg auch wieder zu nehmen, wenn ihr Abzug sie ruiniert, dann beruht auch der bisherige Wirtschaftserfolg darauf, daß sie Objekt der Spekulation ist. Dann haben ihre Regierungen aber auch nichts richtig oder falsch gemacht, sondern schlicht ihre Länder zum Objekt des internationalen Geldkapitals.

1.

Genau das wollte Thailand sein: Ein Ort für die Anlage von Geldkapital. Auch wenn diese Staatsräson heute gerade für die ehemalige „Dritte Welt“ als einzig vernünftiger und unwidersprechlicher Erfolgsweg gilt; so selbstverständlich war die „Öffnung für Offshore-Kapital“ nicht, die Thailand 1992 mit der Erlaubnis für seine Banken, unbeschränkt Auslandskredite aufnehmen zu können, vollzogen hat („Bangkok International Banking Facility“). Die damals abgeschafften Beschränkungen und Verbote zeugen nämlich von einem Vorbehalt gegen den freien Fluß von Geld und Kapital über die Grenzen hinweg, der noch zehn Jahre zuvor in der Welt der „Entwicklungs- und Schwellenländer“ höchst verbreitet war. Dieser Vorbehalt hatte seinen Grund keineswegs im Willen, den Leuten die Zumutungen einer Geldwirtschaft zu ersparen – auch in Thailand war jede überkommene Subsistenzweise längst davon abhängig gemacht, ob sich mit ihr Geld machen läßt. Der Vorbehalt entsprang auch nicht einer Abneigung gegen den Welthandel, an dem sich das „Rohstoffland“ Thailand mit Reis, Zinn, Orchideen und Schmuck beteiligte. Die Zusammenarbeit mit ausländischen Kapitalisten schätzten Thai-Politiker schon lange vor der endgültigen „Liberalisierung des Kapitalverkehrs“ als Mittel der Entwicklung weltmarkttauglicher Exportpotenzen. Vor allem japanischen Kapitalisten hatte man schon Anfang der achtziger Jahre Land und Leute zur Ausbeutung angedient. Schließlich ist auch die Benutzung auswärtiger Kredite für den Aufbau der industriellen Basis keine Neuerung der letzten Jahre – sie wurden schon lange reichlich gegeben und genommen.

Der Vorbehalt hatte seinen Grund in der wirtschaftlichen Souveränität der Regierung selbst; sie wollte die Außenverschuldung des Landes unter ihrer Kontrolle halten und Verfügbarkeit wie Vergabe des Kredits im Inland politisch lenken können. Daß ein Land dies braucht, schon gleich, wenn es sich gegen die überlegene Konkurrenz der Weltwirtschaftsmächte ein Stück Teilhabe am Weltgeschäft erst noch erobern will, muß den auf Souveränität bedachten Staatschefs damals klar gewesen sein: Ein Land ohne konkurrenzfähige Warenproduktion, ohne stabiles und weltweit nachgefragtes Geld darf sich der Prüfung durch internationale Geldanleger, die die ganze Welt am Maßstab der Rendite vergleichen, nicht einfach ausliefern. Es muß den Aufbau nationaler Unternehmen in die eigene Hand nehmen, sie mit Staatsgeld in die Welt setzen, gegen den Vergleich mit schon erfolgreichen Konkurrenten schützen und gegen negative Ergebnisse dieses Vergleichs mit weiterem Kredit aufrechterhalten, auch wenn lange Zeit kein Profit dabei abfällt. Die erfolgreichen Kapitalstandorte machen es mit ihren Zukunftsindustrien ja ebenso. Das internationale Geldkapital macht sich nicht zum Diener nationaler Entwicklungsanstrengungen, sondern tritt mit seinem Anspruch auf Zins und Dividende sehr schnell in Gegensatz zu ihnen.[1]

Diese Phase thailändischer Entwicklungsanstrengungen hatte ihre weltpolitische Voraussetzung und ihr erzwungenes Ende. Die Voraussetzung, die es für den Aufbau einer wettbewerbsfähigen Ökonomie auszunutzen galt, war die Funktion, die das Land im Vietnamkrieg für die USA[2] spielte. Aus dem Versuch, das Land mit den hereingeflossenen Dollars von den schmalen und stets nach unten schwankenden Rohstofferträgen, von Handelsbilanzdefiziten und Devisennöten zu emanzipieren, ist freilich nicht viel geworden. Thailand kann nicht einmal wie Malaysia oder Indonesien Öleinkünfte als Grundlage für Auslandskredite vorweisen. Eine nationale Fluglinie, ein paar Staatsunternehmen auf dem Stahl-, Kommunikations-, Energie- und Transportsektor und einige Banken waren das ganze Produkt dieses Aufbruchs. Deswegen beschloß Thailand schon Anfang der Achtziger, durch die Öffnung für ausländisches produktives Kapital seine ökonomische Basis zu erweitern. Den Investoren stellte Thailand alle notwendigen Bedingungen für Geschäfte zur Verfügung: Billigste und gut beaufsichtigte Arbeitskräfte, Steuerfreiheit über Jahre hinweg, Befreiung von Importzöllen, die Garantie eines freien Gewinntransfers, Häfen und Straßen und ein an den Dollar, später, in Rücksicht auf die Heimatadresse der Investoren, an einen Währungskorb – 80% Dollar, der Rest Yen und Mark – gebundenes, stabiles Geld. Der Geldvermehrungszweck der Anleger, die nicht umhin können, den Umschlag ihres Vermögens ein Stück weit in Baht zu vollziehen, sollte nicht durch die Unsicherheit der Währung gefährdet werden. Genutzt wurden diese Geschäftsbedingungen vor allem von japanischen Kapitalisten, die das Land für ihre Konkurrenz zuerst als Markt, dann als Kapitalstandort nutzten und ganze Produktionsstufen wegen der niedrigen Löhne im wesentlichen nach Bangkok und zwei anderen Standorten im Süden verlagerten – der Rest des Landes hatte und hat mit dieser Entwicklung nichts tun, außer daß er Nachschub an Arbeitskräften liefert. Darüber kam Thailand schon in den Achtzigern zu Wachstumsraten von über 11%, später durchschnittlich 8%, der Export stieg jährlich um 20%. Die Rechnung des thailändischen Staats ging dennoch nicht auf. Den Devisenzuflüssen durch Direktinvestitionen und Exporterlöse stand ein stets größerer Devisenbedarf für Infrastrukturmaßnahmen und vor allem für wachsende Importe gegenüber. Jede Produktionsanlage mußte im Ausland gekauft werden, ebenso Rohstoffe und Vorprodukte, zumal in Thailand häufig nur einzelne lohnintensive Fertigungsschritte durchgeführt wurden.

Im wachsenden Handelsbilanzdefizit registrierte Thailand Jahr für Jahr den Mangel von Wachstumsraten, die keine umfassende eigene Akkumulation im Lande messen, sondern die Ausweitung einzelner, inselartiger Geschäfte, deren Erträge sich weniger in thailändischen Kassen, als in den Schatullen japanischer Konzerne sammelten, die gar nicht daran dachten, diese Erlöse wieder in Baht zu verwandeln, um in Thailand zu investieren.[3] Die wachsende Ökonomie war eben nur ein Anhängsel der fortschreitenden Kapitalakkumulation anderswo, kam deswegen auch nicht in den Genuß des technologischen Fortschritts und der Rationalisierungserfolge, die auf dem Weltmarkt Maßstäbe setzen und Extraprofite garantieren, sondern blieb abhängig von der – begrenzten – Rechnung auswärtiger Kapitale mit besonders billiger Arbeitskraft. Das Ergebnis dieser Geschäfte, in die Thailand einbezogen wurde, war also keine ständig wachsende internationale Nachfrage nach der Landeswährung und auch kein sich automatisch anfüllender Devisenschatz, den Thailand für die Verteidigung der politisch festgesetzten Währungsparität brauchte; im Gegenteil: Das Bemühen um die nötigen Geschäftsbedingungen, von den Straßen bis zur Bereitstellung von Devisen, wurde schnell eine Frage des ausländischen Kredits, der Thailand eingeräumt wurde – an die 30 Milliarden Dollar Auslandsverschuldung kamen darüber zustande.

Trotz dieser Bilanz hätte es auf dem Weg gut und gerne weitergehen können – eben so lange dieser Kredit fließt. 1989 bis 1991 bekam Thailand aber die Folgen der „Weltschuldenkrise“ und die Veränderung der weltpolitischen Existenzbedingungen für sogenannte Entwicklungsländer[4] zu spüren. Vorhandene Zweifel in die Kreditwürdigkeit südamerikanischer „Schwellenländer“ wurden verallgemeinert und betrafen nun auch Thailand, ein Land, das gar nicht zu den vordringlichen Sorgefällen dieser Aera gehörte. Die Direktinvestitionen gingen zurück, ausländische Kredite waren nur mehr unter erschwerten Bedingungen zugänglich. Dies bedrohte den thailändischen Staatshaushalt und die Aufrechterhaltung der Konvertibilität des Baht. Zur Abwehr dieser Gefahr griff die thailändische Regierung zu einem merkwürdigen Mittel nationaler Selbstbehauptung: Sie korrigierte 1992 ausdrücklich ihre „Entwicklungsdoktrin“, demontierte alle Schranken für den internationalen Kapitalverkehr und liberalisierte, wie erwähnt, das Bankwesen.

Die Korrektur betrifft das Bemühen um eine nationale Kontrolle des Kredits, den der Staat sich verfügbar macht, weil er ihn für seine Projekte braucht. Die politische Hoheit über das Kreditwesen – schon gleich in einem Land, in dem kein großes Kapital existiert, das selbst Kredit hätte – verlangt die Abtrennung des inneren Gebrauchs des Geldes, sowie die politische Kontrolle der Banken, die diesen Gebrauch organisieren, vom auswärtigen Geld und seinem Gebrauch; sowie die Kontrolle der Außenverschuldung einheimischer Kreditnehmer. Denn für die Außenschuld muß ein Staat eintreten können, wenn er seine Hoheit über den Kredit im Land, und damit seinen Kredit überhaupt verteidigen will.

Dieses Bemühen war – wie die Schuldenkrise bewies – insoweit gescheitert, als die Verwendung von politischen Aufbaukrediten nicht zu der Masse an kapitalistischem Geschäft und nicht zu den Exporteinnahmen geführt hatte, die nötig gewesen wären, um die Auslandsschulden zu bedienen und die Parität des nationalen Geldes aus der Wirtschaftskraft des Landes zu garantieren. Weil mit Hilfe der Weltwirtschaftsmächte – mit neuem politischen Kredit zur Erhaltung der thailändischen Kreditwürdigkeit – nicht zu rechnen war, fügte sich die Regierung in die Bedingung, die allen derartigen Staaten für die weitere Teilnahme am Weltmarkt und den weiteren Zugang zu Geldkapital aufgemacht wurde: Thailand kann Investoren finden und Zugang zu Kredit bekommen, wenn der Staat sich als die Instanz, die über das „Wieviel-wofür“ entscheidet, zurücknimmt; d. h. wenn er nicht nur auf die politische Verwendung des Kredits für entwicklungspolitische Ambitionen verzichtet, sondern überhaupt darauf, sich das Geschäft, das im Land zustandekommt, als Basis eines Nationalkredits zuzuordnen.

Zugang zu Geldkapital, das dem Land fehlt, das es auf dem Weltmarkt aber gibt, müßte zu haben sein – so jedenfalls die aus der Niederlage geborene Rechnung –, wenn der Staat gar nicht mehr versucht, es unter seine Aufsicht zu bringen und für letztlich nicht lohnende Projekte zu verwenden, sondern es den Anlegern überläßt, das Land zu prospektieren und herauszufinden, wo es sich für sie zu investieren lohnt. Von diesem Standpunkt aus erscheinen alle Instrumente der staatlichen Regulierung und Kontrolle als lauter Behinderungen des erwünschten Vergleichs, den Anleger zugunsten Thailands anstellen sollen; als lauter Kosten, die die Rendite beschädigen: Die Begrenzung der Auslandsverschuldung verhindert das Einströmen von anlagewilligem Kapital; Zinsobergrenzen verhindern Ausleihungen internationaler Anleger, die zu höheren Zinsen Kredite anbieten würden, Mindestreserven der Banken bei der Nationalbank verteuern Kredite usw. Ohne Dazwischenkunft der nationalen Autorität sollten die Banken, ihre internationalen Geldgeber und ihre Kunden die richtige Höhe der Zinsen, die erforderlichen Sicherheiten etc. selbst herausfinden und festlegen: Dies sollte erstens garantieren, daß die Konditionen so ausfallen, daß internationale Anleger sie attraktiv finden, und zweitens, daß das Geld nur in, dann aber auch in wirklich profitable Projekte gesteckt wird. Der Staat braucht nicht mehr die wesentliche Instanz der auswärtigen Kreditaufnahme zu sein und braucht diese auch nicht mehr zu garantieren – was er, wie gesehen, ohnehin nicht mehr kann. Statt dessen wird eine nationale Börse gegründet, auf der Ausländer direkt und auf eigene Rechnung Firmen ausmachen können, in die sie ihr Geld investieren wollen.

Es ist der akzeptierte Preis dieser „Entwicklungsdoktrin“, daß nun alles inländische Geschäftswesen direkt und nicht erst über den Export im weltweiten Rentabilitätsvergleich steht. Ausländische Geldanleger, von deren Investitionsentscheidungen die Wirtschaft des Landes abhängig gemacht werden soll, führen ihn durch. Diesem Maßstab standzuhalten wird die Existenzbedingung des Landes. Aufbauprojekte, die (noch) keine Gewinne abwerfen, stellt der Staat zugunsten der Sanierung seines Staatshaushalts ein. Seinen internationalen Kredit, seine Finanzkraft und seine Devisenreserven, oder was davon übrig geblieben ist, braucht er nämlich schon noch. Er verwendet diese Potenzen nicht mehr für seine nationalökonomische Basis, sondern setzt sie ein, um den auswärtigen Geldkapitalisten die entscheidende Vorbedingung ihrer Investitionsbereitschaft zu bieten. Er erhält die schon ältere Anbindung der Landeswährung an den US-Dollar aufrecht. Seine Kursgarantie verschafft potentiellen Anlegern die Sicherheit, daß sie im Fall irgendwelcher Zweifel die Währung ohne eigenen Schaden wieder abstoßen können. Der Staat, der auf Auslandskapital angewiesen ist, weil er selbst keines hat, tut alles, um den Anlegern das Währungsrisiko abzunehmen, damit sie den Vergleich thailändischer Renditen mit dem Weltniveau überhaupt in Betracht ziehen. Eine eigenartige Garantie hat sich die Regierung da vorgenommen: Immerhin ist die Stabilität, die sie ihrer Währung verschaffen will, nicht Resultat eines erfolgreichen außenwirtschaftlichen Verkehrs mit Export und Import und positiven Bilanzen, aus denen sich eine Zuverlässigkeit der Währung ebenso ergeben würde wie die Devisenreserven, mit denen sie im Notfall verteidigt wird. In diesem Fall aber soll die politisch gewährleistete Austauschbarkeit zu einem festen Kurs die fehlende Stabilität ersetzen und der Währung eine Qualität verschaffen, die sie nicht hat. Diese Garantie kostet Devisenreserven und reicht so weit wie diese.

Allerdings ist mit dem Angebot, internationale Anleger sollten den Rentabilitätsvergleich durchführen und Investitionen in Thailand erwägen, der Vergleich noch nicht bestanden. Die Erlaubnis, Geld ungehindert ins Land zu bringen und es ebenso ungehindert wieder abzuziehen; die Garantie des Übergangs zu einem festen Kurs – alles dies sind nur Voraussetzungen. Die im Land stattfindenden Geschäfte aber sind kein besonders attraktives Argument für die angesprochenen Weltmarktsubjekte. Wenn sie nach Art und Umfang rentabel genug gewesen wären, um positive Außenbilanzen zu erzielen, hätte sich die Regierung zur Revision ihrer früheren „Entwicklungsdoktrin“ niemals gedrängt gesehen. Wie soll der Wille zur Profitlichkeit und die Bereitschaft, sich dem internationalen Geldkapital vorbehaltlos zu öffnen, daran etwas ändern?

2.

Dennoch haben die internationalen Geldanleger das thailändische Angebot angenommen; zuerst vergaben sie Kredite an inländische Schuldner, dann stellten sie Thai-Firmen über die Börse Kapital zur Verfügung. Der Vergleich von Anlagesphären, den Yen-, Dollar- und DM-Besitzer anstellten, schlug zugunsten Thailands aus – aber nicht, weil die dort zu erwartenden Profite so beachtlich und die Wachstumschancen so günstig, sondern weil sie anderswo auch nicht günstig genug waren. Immerhin ist Südostasien nicht die nächste Adresse für Geldanleger: Die weltweiten Anlagesphären sind schon vorsortiert; einerseits in drei bis fünf „Hartwährungsländer“, deren Währungen bei allen Schwankungen relativ sichere Anlage bieten, aus denen die vagabundierenden Mittel nicht nur stammen, sondern in die sie sich bei Turbulenzen auf anderen Märkten auch immer wieder zurückziehen; und andererseits in die „Entwicklungs-“ und „Schwellenländer“, die zuerst als Schuldner benutzt und dann in der „Weltschuldenkrise“ als unsichere Kantonisten abgeschrieben wurden. Die Anleger wußten durchaus um besondere Risiken einer Geldanlage in Thailand; klagten über die hohe Volatilität der dortigen Börse und fanden auch die „fundamentals“ bedenklich – hohe Leistungsbilanzdefizite und eine schlechte Verschuldungs-Exportquote –, ohne sich freilich dadurch von Investitionen abhalten zu lassen.

Daß die anerkannten Mängel dieses Anlageplatzes nicht als Hinderungsgrund, sondern bloß als „besonderes Risiko“ galten, das man bei einem Engagement in Rechnung stellen und sich durch hohe Zinsen entgelten lassen kann, – diese Neubewertung von Nationen wie Thailand liegt an einem Problem, das die Finanzwelt mit sich selber hat. Das Geldkapital hat sich über Jahre hinweg vermehrt und auf allen möglichen Konten immer höher getürmt, es muß sich weiter vermehren, kann das durch die Benützung der Kreditbedürfnisse erstrangiger Staaten und ihrer Unternehmen aber viel zu wenig. Das Mißverhältnis zwischen einem überreichlichen anlagesuchenden Geldkapital und der kapitalistischen Warenproduktion, in der sowieso schon zuviel Kapital angelegt ist, das über „Absatzschwierigkeiten“ klagt, – dieses Mißverhältnis, ist der Grund, warum sich das Anlage suchende Geldkapital von den Risiken nicht abhalten ließ und sich in den „emerging markets“ neue Anlagemöglichkeiten schuf.[5]

Die waren dann aber auch danach. Die ersten neuen Kredite wurden noch mit Vorsicht kommentiert, schnell galten sie dann aber als „Vertrauensbeweis“ für weitere. Die massiven Zuflüsse waren für Spekulanten das Zeichen, daß an Thailand Geld zu verdienen sei. Und das war dann auch so. Verdient wurde vor allem an Kurssteigerungen, die durch das ebenfalls wachsende Interesse von Gleichgesinnten zustandekamen. Die Manager der diversen Emerging-Markets-Fonds bemerkten sehr wohl, daß die Kurse, an deren Steigen sie verdienten und auf das sie setzten, ihr eigenes Werk war. Das kam in den Klagen darüber zum Ausdruck, daß der thailändische Kapitalmarkt einen allzu begrenzten Umfang hat, an einem Mangel an Liquidität ebenso leidet wie an der geringen Zahl der dort gehandelten Titel, so daß schon geringe Schwankungen des Interesses in fast haltlos erscheinende Kursbewegungen nach oben oder unten ausufern.[6] Sie registrierten also, daß gar kein ausreichender heimischer Bodensatz von kreditwürdigen Unternehmungen und Geldbesitzern bestand, daß sie sich mit ihren Investitionen nicht an einem einheimischen Geschäftsaufschwung beteiligten, sondern daß sie ihn mit ihren Finanzinvestitionen selber hervorbrachten – und daß er sich darin im wesentlichen auch erschöpfte. Das Zirkuläre der spekulativen Anlagen störte wie überall freilich niemanden, solange es gut ging. Und es ging so lange gut, wie sie sich auf eine Zukunft des Geschäfts in Thailand, das irgendwann einmal ihre Vorschüsse rechtfertigen würde, zu setzen trauten. Dabei war freilich Vorsicht geboten: Die politisch festgelegte Parität des Baht gegen den Dollar nutzten sie aus, mißtrauten seiner „künstlichen“ Stabilität aber beständig. Schließlich kannten sie die Macht ihrer eigenen spekulativen Bewegung und deren Auswirkung auf die Wechselkurse. Mit dem Hinweis auf die immer noch vorhandene Abhängigkeit dieser Länder von spekulativen Zuflüssen rechneten ausgerechnet sie den Objekten ihrer Spekulation vor, daß ihre Spekulation deren Existenzgrundlage war.

3.

Das alles hat die Anleger nicht gehindert, der Bangkoker Börse einen rasanten Kursanstieg und Thailand nicht nur die Ernennung zu einem „emerging market“ zu bescheren, sondern auch eine Auslandsverschuldung, die insgesamt nun schon 140 Milliarden Dollar betrug. Das Geld, das so nach Thailand floß, wurde selbstverständlich genutzt. Die Banken erweiterten ihre Kreditaufnahme, zumal die Zinsen für internationale Mittel trotz aller Risikoaufschläge deutlich unter denen lagen, die für eine Refinanzierung in Baht (20 bis 30% Prozent) zu bezahlen waren – die Staatsbank machte ja „Stabilitätspolitik“, um die Parität zu sichern. Die Banken nahmen Dollars auf und gaben diese Liquidität in Baht mit den entsprechenden Aufschlägen an Kreditnehmer, Staatsunternehmen, Geschäftsleute und eigene Finanzierungsgesellschaften für Immobilienprojekte weiter. Dadurch entstand das, was Anleger als sichere Indizien für eine „glänzende Zukunft“ des Landes zu werten pflegten: die rapide Ausdehnung der inneren Zahlungsfähigkeit, die auch unseren Bundeskanzler einen „Zukunftsmarkt“ erahnen ließ, den „wir“ anderen nicht überlassen dürfen; die Gründung von allen möglichen Niederlassungen, um auf diesem Markt präsent zu sein; der Bauboom, in dem die Raumbedürfnisse eines sich erweiternden Geschäftslebens zum Geschäftsartikel und wie überall auf der Welt zum Gegenstand einer Immobilienspekulation gemacht wurden; also ein gehöriges „Wirtschaftswunder“.

Der Crash offenbart, daß dieses Wachstum auf Kredit gegründet wurde, auf den – jetzt mißlungenen – Vorgriff auf künftigen Reichtum. Darin liegt aber sicher nicht die Besonderheit Thailands, auch wenn dem Land von Sachverständigen zur Last gelegt wird, es hätte sein Wachstum mit „Pump“ finanziert. Auch in erfolgreichen kapitalistischen Nationen ist die Verfügung über fremde Gelder das Mittel, Geschäfte anzuleiern und auszuweiten. Auch dort ist der Kredit ein Vorgriff auf kommende Erträge, mit dem Geschäfte unabhängig von der vorhandenen Zahlungsfähigkeit der Gesellschaft ausgedehnt werden, auf die es letztlich doch ankommt, so daß Geschäfte fallieren, weil der Kredit auch im Falle eines Mißerfolgs des Schuldners auf seinen Ansprüchen besteht. Aber in den kapitalistischen Zentren wird der Kredit benutzt von Produktionsfirmen, die auf dem Weltmarkt nicht nur durchgesetzt sind, sondern den Standard in puncto Preis und Qualität setzen – und die Kredit benutzen, um diesen Standard gegenüber den Konkurrenten immer wieder neu zu definieren.

In Thailand ist das anders. Nicht, daß die Anwendung von Kredit kein Mittel wäre, einen nationalen Kapitalismus erst noch zu entwickeln. Kapitalakkumulation – und so etwas wie eine ursprüngliche schon gleich, funktioniert überhaupt nur mit dem massenhaften Einsatz von Kredit. Aber eben nicht unter den Bedingungen, unter denen der Geldzufluß nach Thailand überhaupt nur zustandekam: Da gab es kaum Kapital, das Kredit für eigene Erweiterungsbedürfnisse gebraucht hätte; für das viele Geld, das in den Boomjahren angelegt wurde, fanden sich auch gar nicht so viele produktive Verwendungsmöglichkeiten – der größte Teil davon wurde in Immobilienprojekte investiert und für die Teilnahme an der Börsenspekulation benutzt.[7] Die produktiven Geschäfte schließlich reichten bei weitem nicht als Basis für eine nationale Wirtschaft, die der Nation die nötigen Devisen eingespielt oder eine Nachfrage nach der eigenen Währung gesichert hätte.

Der Grund ist derselbe wie für den massenhaften Zustrom von Geldkapital: der Überfluß an Kredit und der Mangel an seiner lohnenden Verwendung. Die Milliarden, die sich zum rasanten thailändischen Aufschwung zusammenrechnen lassen, führen auf diesem zurückgebliebenen Standort nicht zu Kapitalen mit einer Konkurrenzfähigkeit höchsten Niveaus. Das aber bräuchte es, um die schon etablierten Konkurrenten anderer Nationen aus dem überfüllten Weltmarkt drängen zu können. Dieser Zustand läßt massenhafte Neuanlage von zusätzlichem produktivem Kapital, die Länder wie Thailand – es gibt ja noch weitere gleichgelagerte Fälle – als Standort von Geschäften mit Weltgeltung vorangebracht hätte, nicht zu. Der Kreditzufluß entspringt schon dem Mißverhältnis zwischen dem aufgehäuften Geldkapital und den Verwertungschancen des produktiven Kapitals – warum sollte der Zufluß von Kredit ausgerechnet in ein Land, dessen Ausstattung einerseits für sich selber wenig solche Gelegenheiten bot und andererseits für die verschärfte Standortkonkurrenz der etablierten Weltmarktnationen mit ihrer maßstabsetzenden heutigen Kombination von modernster Technologie und Billiglöhnen gar nicht gerüstet war, daran etwas ändern?

Die Internationale der Geldkapitalisten benutzt „Entwicklungsanstrengungen“ Thailands zu Zinsgewinnen und Kurssteigerungen, die dem Risiko entsprechend hoch sind. Die Spekulation auf den Zukunftsmarkt schließt nicht die Lücke zwischen dem Wachstum des Geldkapitals und den Gelegenheiten, das Geld in der produktiven Abteilung des kapitalistischen Geschäfts zu vermehren, die schon der Ausgangspunkt des ganzen Engagements gewesen war, es entfernt beide Seiten des Kapitals noch weiter von einander. Die beschränkte Grundlage des Wachstums kümmert Geldkapitalisten nämlich erst einmal überhaupt nicht. Sie interessieren sich für den Zuwachs ihres Vermögens, für Anzeichen, wohin die Zinsen und Kurse gehen. Dafür sammeln und beobachten sie kunterbunt und unterschiedslos Daten, von den Wachstums- und Exportraten über Wahlergebnisse und die Richtung warmer Meeresströmungen bis hin zu den Gerüchten, die sich unter ihresgleichen breitmachen und den Trend bestimmen, den man nicht versäumen darf, eben alles, was auch nur im entferntesten mit gelungenen Geschäften – und erfolgreicher Gewalt – zu tun hat, also künftige Geschäfte verspricht. So interessiert und so gleichgültig haben sie auch Thailand begutachtet und den für solche kapitalistisch zurückgebliebenen Länder charakteristischen hohen Wachstumsraten eine Zeitlang nicht die Beschränktheit des aktuellen nationalen Geschäftslebens, sondern die sich rasant entwickelnden Möglichkeiten künftiger Geschäfte entnehmen wollen; wie wenn Thailand mit seinen Billiglohnfabriken, den Montagewerken für japanische Autos und den paar Zulieferern für ausländische Elektronikkonzerne für die gehobenen Ansprüche dieses monströsen Geldüberbaus bürgen könnte. So haben sie dafür gesorgt, daß – gleichgültig gegen die vergleichsweise schmale Basis weltmarktfähiger Geschäfte – Milliarden an Geldkapital auf diesen Finanzmarkt geworfen wurden, die der Börse in Bangkok einen Boom von Weltspitzenniveau beschert haben.

4.

Das geht solange gut, solange dieses Geldkapital an sein eigenes Vertrauen glaubt. Dieses Vertrauen hatte seine Fragezeichen, bevor Thailands Exportraten im Frühjahr 1997 zurückgingen. Die flotte Spekulation war schon länger begleitet von Warnungen davor, daß „die Rally an den emerging markets überreizt“ sei. Geldanleger, diese Verkörperung des mutigen, risikofreudigen Unternehmertums, sind in ihrer Sorge um die Sicherheit ihrer Anlage auch ein sehr scheues Gesindel, noch dazu, wenn es um Anlagen in „Hochrisikozonen“ geht. Sobald 1995 der Dollar seinen Tiefstand gegen den Yen überwand, wurden erste Zweifel laut, ob dieses Land die Bindung seiner Währung an den steigenden Dollar überhaupt aushält. Denn ein Teil seiner Außenhandelsgeschäfte, Investitionen und Kreditzuflüsse wurden in japanischen Yen fakturiert, für die Bedienung der Dollarschulden, die thailändische Banken auf den „Offshore-Märkten“ aufgenommen hatten, aber brauchte es Dollars, die nun schwerer verdient wurden. Verminderte spekulative Zuflüsse führten bis Ende 1996 zu einer etwa 10-prozentigen Abwertung des Baht; die Verteidigung der Parität kostete an die vier Milliarden Dollar, hielt die Abwertung damals aber noch in Grenzen. Als sich im Frühjahr 1997 die Wachstumsraten auf ein Maß reduzierten, auf das reguläre kapitalistische Länder stolz wären, nämlich von acht auf sieben Prozent, – die Krise auf den Abnehmermärkten in Europa und Japan machte sich ebenso geltend wie die Verlagerung von Produktionen in noch billigere Billiglohnländer wie China und Vietnam – und die Immobilienspekulation in Bangkok zur Überfüllung des Markts, zu Leerstand und Unverkäuflichkeit führte und den kreditgebenden Banken erhebliche finanzielle Probleme bereitete, war schon fast kein Halten mehr. Anleger stellten ihr Portefeuille auf „Fluchtpositionen“ um, beobachteten die Wirkung ihres Mißtrauens auf die abbröckelnden Kurse und registrierten sorgfältig, wie jeder Akt der Verteidigung der Währungsparität auf sie und ihresgleichen wirkte. Sie entnahmen dem staatlichen Einsatz von Devisenreserven zur Verteidigung der Währung schnell den Zweifel in die dauerhafte Fähigkeit dazu und verwandelten ihre eigenen Zweifel in den Erfolg dieser Maßnahmen in einen Tatbestand. Sie zogen Geld ab, verurteilten dadurch die Stützungsaktion zum Scheitern und „bewiesen“, wovon sie ausgingen: Diese Währung war „überbewertet“. So entlarvten die Finanzgeier die „Geldblase“, die sie selbst aufgebläht hatten, und führten den in Baht gemessenen Reichtum in großen Schritten auf ein Maß zurück, in dem er sich allenfalls noch mit wirklichem in Dollar gemessenen Reichtum vergleichen lassen kann, in jedem Fall aber weiter unter erschwerten Bedingungen vergleichen lassen muß.

Sie sorgten auf diese Weise nicht nur dafür, daß einiges an Vermögen entwertet wurde, sondern exekutierten ein vernichtendes Urteil über die ganze Anlagesphäre, die sie bis gestern zu den Zukunftsmärkten gezählt hatten: Es fehlt an Grundlagen für den vielen Kredit, also ist schlagartig das ganze ökonomische Leben dort wenig wert. Dadurch wird der Status eines solchen „emerging market“ offengelegt. Mag Thailand sich eingebildet haben, es hätte den Aufbruch zu nationalem Wachstum erfolgreich in die Wege geleitet: Tatsächlich ist es pures Anhängsel der spekulativen Bewertung, die ihre Gründe ganz woanders her bezieht als aus diesem Markt; sein Wachstum ist nur durch diese internationale Spekulation ins Leben gerufen, besteht vornehmlich im Börsenboom und erledigt sich deshalb im wesentlichen mit dem Umschlag des Vertrauens der internationalen Börsenmafia. Staaten wie Thailand mögen sich darüber beschweren, daß sie ungerechtfertigte Opfer der internationalen Großspekulanten sind; jetzt rächt sich die Eigenart ihrer neuen „Entwicklungsdoktrin“: Sie haben sich zum Angebot an die Spekulation gemacht und der damit Gelegenheit geboten, die Vermehrung des fiktiven Kapitals im internationalen Maßstab weiterzutreiben.

5.

Auf wie Ab der Spekulation folgen also nicht aus den speziellen Gegebenheiten Thailands, sondern aus dem prekären allgemeinen Zustand des internationalen Kredits. Wegen des besonders luftigen Charakters des Börsengeschehens dort fällt Thailand lediglich die Ehre zu, Ausgangspunkt für die Bewegungen an den Weltfinanzmärkten zu sein, in denen sich die generelle Überakkumulation in größeren Entwertungsaktionen des internationalen Finanzkapitals und in seinem Gefolge auch von produktivem Kapital geltend macht. Wie wenig an den besonderen „Daten“ liegt, die Thailand den Anlegern zu bieten hatte, zeigt sich schon daran, daß der Börsenkrach die ganze südostasiatische Region erfaßte. Auch ohne derart „massive“ Exporteinbrüche wie in Thailand, ohne virulente Immobilienkrise sahen sich Länder wie die Philippinen, Südkorea,[8] Indonesien und Malaysia und dann auch Hongkong plötzlich unter Abwertungsdruck gesetzt, dem sie nach demselben Muster zunächst durch Stützungsaktionen, dann durch Abwertung oder Erhöhung der Schwankungsbandbreiten ihrer Währung gegenüber dem Dollar entsprachen. Kaum hatten die Anleger die thailändische Regierung zur Abwertung gezwungen, hatten sie fast schon den Beweis, daß sich auch die Kurse der anderen an den Dollar gebundenen Währungen in der Region gegen eine Spekulation auf Abwertung nie und nimmer halten lassen würden, zumal die Geschäfte dieser Länder mit Thailand durch die Abwertung des Baht massiv betroffen waren. An jedem Land, auf das sie ihren Blick richteten, wußten sie zuerst Besonderheiten zu würdigen, die den jeweils ins Auge gefaßten Kandidaten von den Bankrotteuren in Thailand unterscheiden. Den Philippinen wurde eine Woche lang nachgesagt, sie hätten „bessere Instrumente zur Kontrolle der Banken“, Indonesien bekam ein paar Tage Luft durch die Bemerkung, in diesem Land dürften Kredite nicht so unbeschränkt wie in Thailand in den Immobiliensektor investiert werden usw.

In der Suche nach Unterschieden, die das zagende Spekulantenherz doch noch davon abhalten könnten, das zu tun, was eigentlich fällig wäre, nämlich gegen das jeweilige Land zu spekulieren, stellte sich die ganze Mafia auf den Standpunkt der Überprüfung ihrer Anlagen in diesen Ländern – und ging in ihrer Sorge vor Kursverlusten dazu über, alle über einen Kamm zu scheren: Mit „politisch überbewerteten Währungen“ und „hohen Leistungsbilanzdefiziten“ hat sich ganz Südostasien gegen die Geschäftsbedingungen des Geldkapitals versündigt – auch wenn diese Sünde nur in der faktischen Abhängigkeit von „spekulativen Zuflüssen“ eben dieses internationalen Geldkapitals besteht.

Trotz einiger, schnell wieder gut gemachter Verluste in Sao Paulo im Juli blieb es zunächst bei der regionalen Eingrenzung eines Urteils, das eigentlich alle „emerging markets“ trifft, weil die Anleger die Weltgegenden nach dem politischen Kredit sortierten, der hinter den jeweiligen Börsen steht. Deswegen blieben die Währungsturbulenzen zunächst auf Südostasien begrenzt, das als Sphäre des eh schon angegriffenen japanischen Kredits gilt, während Lateinamerika diesmal vom Dollar profitierte – zwei Monate lang. Bis dann nicht nur in Südostasien die Kurse kräftig fielen, sondern im Gefolge davon Japan, die Wall-Street und Europas Börsen massive Verluste zu verzeichnen hatten.

6.

Folgerichtig sahen sich die imperialistischen Führungsnationen, die den weltweit engagierten Kredit haben und betreuen, von dem Umschlag in Südostasien zu gemeinsamem Handeln herausgefordert, um den Fall zu lokalisieren, aber auch zur Konkurrenz um seine Regelung – ebenso wie 1995 bei der Mexiko-Krise, allerdings mit einer unterschiedlichen Rollenverteilung. Alle Welt ging davon aus, daß Japan als Hauptkreditgeber den größten Schaden hat, wenn die Schuldner vor seiner Haustür fallieren. Deswegen müsse „Japan wegen seiner Wirtschaftsinteressen in dieser Region dafür geradestehen“. Alle Versuche Japans, die USA und die Europäer an den Lasten für die Aufrechterhaltung der Kredite direkt zu beteiligen, wurden zunächst ebenso zurückgewiesen wie der Versuch, den IWF für die Rettung Südostasiens in Beschlag zu nehmen, so wie es den USA im Falle Mexikos gelungen war. Daraufhin stellte sich Japan auf den Standpunkt, wenn es schon die Lasten zu tragen hätte, stünden ihm in dieser Region aber auch exklusive Mittel und Rechte der Kreditbetreuung zu. Mit dem vorgeschlagenen „Asiatischen Währungsfonds“, den Japan mit 100 Milliarden Dollar auszustatten versprach, sollte der Yen ausdrücklich zur Grundlage der südostasiatischen Nationalkredite und der erweiterte Währungsraum zur Grundlage eines größeren Gewichts des Yen in der Konkurrenz der Weltwährungen gemacht werden. Die Spekulation, die inzwischen einige Zweifel am japanischen Kredit anmeldet, sollte wieder den Hut ziehen können vor einem Yen, der dann de facto als „Leitwährung“ für eine ganze Region fungiert, eine vergrößerte Kreditmasse mit einer erweiterten politischen Garantie repräsentiert hätte. Die angebotene Gründung einer andere Mächte und ihr Geld – speziell die USA – ausschließenden Währungszone wurde den Japanern verwehrt, und zwar mit dem fadenscheinigen Argument, nichts bräuchten die „fett“ gewordenen südostasiatischen Tiger weniger als frisches Geld, das ihnen ohne Konditionalität des IWF, also ohne Insistieren auf „wirtschaftspolitischer Vernunft“ – die ja wohl in den USA und in Europa beheimatet ist – nachgeworfen wird. Weil ihnen dieses exklusive Mittel verweigert wurde, fand man sich zu einem Kompromiß bei der Verteilung der Lasten bereit, zumal mehr und mehr fraglich wurde, ob sich der Schaden dort hinten wirklich lokalisieren ließ. Man genehmigte IWF-Kredite für Thailand und dann für Indonesien, zu denen der IWF aber nur einen kleinen Teil, die Japaner und andere Staaten dieser Region den größten Brocken beitragen.[9]

In den Konditionen der IWF-Kredite, die für die Auffüllung der Devisenreserven gedacht sind, und in den „Sanierungspaketen“, an die ihre Vergabe gebunden ist, wird den südostasiatischen Ländern noch einmal mitgeteilt, was sie sind und woran sie sich zu bemessen haben: ein Anlageort für Geldkapital, dessen Vertrauen ihre einzige ökonomische Grundlage ist. Die Länder, die das Interesse des Finanzkapitals an sich als Indiz für eine glänzende Zukunft gewertet, sich schon in der Reihe aufgestiegener Industrieländer gewähnt und sich deswegen auch so manche nationale Ambition von einer neuen Hauptstadt im malaysischen Dschungel bis hin zum Geltendmachen eigener Positionen in diversen politischen Fragen dieser Region genehmigt haben,[10] sollen den Wirkungen, die das Finanzkapital an ihnen hergestellt hat, entsprechen und das als Weg ihrer „Sanierung“ begreifen. Ignorant gegen die Ursache der Krise und zynisch gegen die erwiesene Unfähigkeit dieser Länder, die Spekulation auf sie zu rechtfertigen – gerade so, als ob der Verlust dieses Vertrauens tatsächlich irgendwelchen Fehlern der Regierung zu verdanken und seine Wiederherstellung nur eine Frage des entschlossenen nationalen Willens wäre –, verpflichtet der IWF diese Länder darauf, sich dem Ausgleich des Staatshaushalts zu widmen, sprich: die Staatsausgaben rigoros zu beschränken, auf nationale Großprojekte zu verzichten, die Leistungsbilanzdefizite abzubauen, einen gewissen Minimalstand bei den Devisenreserven nicht zu unterschreiten und bei alledem ein Wachstum von mindestens 2,5 Prozent herzuzaubern. Die Rettung ihrer internationalen Geschäftsfähigkeit durch den IWF verlangt von ihnen die Aufgabe eines Gutteils der Geschäfte, die sie mit dem auswärtigen Geld auf den Weg gebracht hatten. Sie haben nun alles bei sich zu streichen, was sie sich ökonomisch nicht „leisten“ können, und die politischen Ansprüche ihrer Nationen auf das zu reduzieren, was sie ökonomisch noch darstellen.[11] Der IWF legt diese Länder darauf fest, das Vertrauen des Geldkapitals durch interne Verbilligung und schon wieder durch den Verzicht auf alles, was keinen Profit bringt, wiederzugewinnen und sich in die mit einer klaren Zurückstufung verbundenen Rolle des Spekulationsobjekts zu fügen.[12] Dem Interesse des Geldkapitals entspricht das allemal. Wieweit daraus wieder Vertrauen entsteht, hat mit den einschlägigen Anstrengungen dieser Länder auch dem Anschein nach nichts mehr zu tun, seit sich die Währungsturbulenzen in Südostasien zu weltweiten Börsenturbulenzen verallgemeinert haben.

[1] Heute, nachdem der Standpunkt des internationalen Anlegers absolut ins Recht gesetzt ist, werden die vormaligen Anstrengungen, mit politisch vergebenem Kredit ein nationales kapitalistisches Geschäft auf den Weg zu bringen als Korruption und Größenwahn verurteilt. Dabei verrät die Form des Kredits, in der der Staat seine Hilfe für die von ihm gestifteten Unternehmen abwickelte, daß seine Finanzmittel keine Geschenke an Günstlinge, sondern sehr wohl Kapital sein oder werden sollten. Andererseits konnte er es aber nicht darauf ankommen lassen, ob die geförderten Firmen die fälligen Zinsen wirklich erwirtschafteten. Er garantierte ihren Bestand mit niedrig festgesetzten Zinsen, verzichtete im Notfall auf den Schuldendienst und schoß neue Subventionen zu; oft waren die Aktiv- und Passivseiten der Bilanz dieser Unternehmen gleich Bestandteile des Staatshaushalts.

[2] Im Vietnamkrieg war Thailand Aufmarschbasis und ‚recreation area‘ der Amerikaner. Unter dem Motto ‚counterinsurgency‘ statteten die USA Thailand mit Waffen, Straßen und Flugplätzen aus, die auch nach dem Vietnamkrieg für die Erledigung des kommunistischen Widerstands und für andere grenzüberschreitende Scharmützel notwendig waren – Thailand fiel zum Beispiel die Rolle zu, Pol Pot, den die in Kambodscha einmarschierten Vietnamesen vertrieben hatten, eine Zeit lang zu unterstützen. Das verschaffte der Regierung in Bangkok überhaupt erst die materiellen Voraussetzungen dafür, die Hoheit über das gesamte Staatsterritorium herzustellen. Aufbauend auf den Erfolgen dieser Zusammenarbeit legten die USA in der folgenden Ära unter dem Titel ‚focus on poverty‘ mehr Wert darauf, Thailand zu einem antikommunistischen Bollwerk auszubauen, das seinen imperialistischen Auftrag als eigene Staatsräson begreifen und sich aus einer Beteiligung am Weltmarkt die Mittel dafür selbst verschaffen sollte. In dieser Funktion schloß sich das auswärtige Interesse an ‚Entwicklung‘ mit dem thailändischen zusammen. Aus ihr stammten und ihr dienten nicht nur die Dollars, die mit dem Militär ins Land kamen, sowie die – spärlichen – amerikanischen Entwicklungshilfe-Kredite, die später dann auch noch der Drogenbekämpfung galten; sie war auch Basis für die Kreditwürdigkeit Thailands bei den Banken.

[3] Die Besonderheit dieser kapitalistischen Karriere wird deutlich in den Klagen über die geringe Wertschöpfung im Land und der stets unerfüllten Forderung, die japanischen Investoren sollten kapitalintensive High-Tech-Produktionen ins Land bringen. Nachträglich, wie eingangs zitiert, wissen wieder alle Sachverständigen, warum aus den thailändischen Wachstumsanstrengungen nichts hatte werden können: Niedrigpreise statt kapitalintensiv und technologieorientiert –, wie wenn das Land es in der Hand gehabt und nur versäumt hätte, den Weltmarkt gleich mit den profitablen Produkten eines Hochleistungskapitalismus Marke Europa, Japan oder USA zu überziehen. Dieselben Kenner, die wissen, daß Länder mit Billigproduktionen nicht reich werden können, wissen zugleich, daß die thailändischen Niedrigpreise nicht niedrig genug waren: „Lizenzen und Monopole, die einigen politisch korrekten Konzernen und gut plazierten Familien zugutekommen, verteuern die Kosten leicht um 20 bis 50 Prozent. Diese Produkte sind dann international kaum mehr wettbewerbsfähig.“ (Handelsblatt, 12.1.96) Die können es einfach nicht richtig machen.

[4] Um eine freigewählte Entscheidung zwischen einem etatistischen, entwicklungspolitischen Weg und einem neoliberalen Modell handelte es sich bei der Antwort auf die Krise aus zwei Gründen nicht: Erstens ging es gar nicht um die Wahl eines Modells für Wirtschaftspolitik, sondern um Varianten des nationalen Zwecks, die weltweite Geldvermehrung auf dem eigenen Territorium zu beheimaten. Zweitens war die erste Variante, gar nicht mehr im Angebot. Diese hatte Jahre zuvor US-Präsident Ronald Reagan ideologisch aus dem Verkehr gezogen. Er hatte den ‚Entwicklungsländern‘ im Rahmen seiner Eskalation gegen das ‚Reich des Bösen‘ eine eindeutige Entscheidung für den Westen und für ‚Marktwirtschaft‘ abverlangt und ‚Blockfreiheit‘ wie ‚Staatsinterventionismus‘ als eine Art kommunistischer Umtriebe bekämpft. Mit dem Ende der Sowjetunion wurde dann auch praktisch jede Rücksichtnahme auf nationale Ambitionen aufstrebender Länder überflüssig, die man während des Ost-West-Gegensatzes mit Entwicklungshilfe gesponsert und politisch wie ökonomisch für den Westen erschlossen hatte. Seither sind ‚Liberalisierung‘, ‚Öffnung für die globale Wirtschaft‘ und ‚politische Reformen‘ die Dogmen einer Politik, die das Bemühen um eine eigene konkurrenzfähige Ökonomie unterbindet und statt dessen die bedingungslose Unterordnung unter das erfolgreiche Weltgeschäft gebietet. Weil ihr Interesse jetzt ungebrochen gilt, führen sich Spekulanten und ihre Interpreten auf, als sei das Zeitalter der ‚Marktwirtschaft‘ erst jetzt angebrochen, nicht nur für die Hemisphäre der früheren Sowjetunion, sondern weltweit. Die ‚Vernunft‘ habe gesiegt, alle würden davon profitieren, vor allem die ehemaligen ‚Entwicklungsländer‘, die sich über gigantische Kapitalzuflüsse freuen und hoffen dürfen, auf absehbare Zeit Wachstumsraten zu haben, die doppelt so hoch sind wie in Nordamerika und Europa (Handelsblatt, 19.4.94).

[5] Aus dem Überfluß an Geldkapital entsteht die Neubewertung der „Entwickungsländer“; zwischen diesen sucht sich der Vergleich seine Vorzugskandidaten. Die hohen Wachstumraten, die noch Ende der Achtziger nicht als Grund dafür genommen worden waren, bei Thailand eine Ausnahme von der ‚Weltschuldenkrise‘ zu machen und dem Land zu günstigen Konditionen Kredit zu geben, waren etwas später der Grund für schnelle und hohe Kapitalzuflüsse – relativ zum Beispiel zu Lateinamerika.

[6] Auch in Boomzeiten vergaßen die Anleger keineswegs, auf was sie sich an diesen Börsen einließen: Diese Märkte sind oft noch so eng, daß auch vergleichsweise kleine Zu- oder Abflüsse an Liquidität große Kurssprünge auslösen können. (Handelsblatt, 19.4.1994) „Solange Nachfrage herrscht, können kaum soviele Aktien zur Verfügung gestellt wie gewünscht werden. Der Mangel treibt die Kurse nach oben. Wenn die erfolgreichen Anleger aus den Industriestaaten aber Kasse machen wollen, fehlt es – vor allem auf dem erhöhten Kursniveau – an Kaufinteressenten. Die plötzliche Zahlungsunfähigkeit eines einzigen größeren Emittenten birgt schon eine große Rückschlagsgefahr.“ (Börsenzeitung, 18.12.1996)

[7] Für all diese Geldzuflüsse gab es reichlich wenig Gelegenheit für produktive Investitionen. Das vorhersehbare Ergebnis: Wertzuwächse vor allem bei Immobilien. Die Nachfrage nach Immobiliendarlehen war überwältigend. Im Gegensatz zur landläufigen Meinung wurde dieses Geld aber nicht nur in Immobilienprojekte investiert, sondern auch in Aktien von Unternehmen aus dem Nicht-Bankensektor, vor allem in Aktien von Unternehmen aus dem Stahl- und Petrochemiebereich. (Far Eastern Economic Review, 12.6.97)

[8] Südkorea gilt wie Taiwan als ‚alter Tiger‘. Diese Länder verfügten als Frontstaaten gegen Nordkorea und China über genügend amerikanischen und auf dieser Grundlage eigenen Kredit, mit dem sie in einzelnen, protektionistisch abgeschotteten Bereichen durchaus ein konkurrenzfähiges Wachstum hingekriegt haben – in Zeiten sich ausdehnender Weltmärkte. Die Krise der südkoreanischen Konzerne, die einer nach dem anderen ihren Bankrott anmelden, trifft in Südkorea mit dem Zweifel der Geldanleger an der gesamten Region zusammen.

[9] Zum IWF-Kredit für Thailand über 17 Milliarden Dollar, der wegen der harten ‚Sanierungsmaßnahmen‘ erst im Oktober von Thailand akzeptiert wurde und der Auffüllung der Devisenreserven auf den vom IWF geforderten Stand dient, trugen der IWF selbst nur 4 Milliarden, die Japaner ebenfalls 4 Milliarden, den Rest andere südostasiatische Staaten bei. Seine zugesagten 4 Milliarden Dollar hatte Japan schon im August im Rahmen eines bilateralen Abkommens durch einen Kredit der japanischen Import-Export-Bank auf 12 Milliarden aufgestockt. Zumindest die USA sind in Sachen ‚Asiatischer Währungsfonds‘ von ihrer schroffen Ablehnung abgegangen, ohne das Projekt ausdrücklich gutzuheißen. Ernsthafter Verhandlungsgegenstand ist es gegenwärtig ohnehin nicht.

[10] Jüngstes Beispiel war die Aufnahme Myanmars in die ASEAN, trotz heftigen Widerspruchs der USA, die dafür kritisiert werden, daß sie Asien ihre überkommenen und erfolglosen Ordnungskonzepte aufpfropfen wollen (Malaysias Premier Mahathir auf der ASEAN-Konferenz).

[11] Die Auflagen, unter denen der Beistandskredit des IWF für Thailand gewährt wird, sorgen für den Entzug von Kredit und Zahlungsfähigkeit, die „Rettungsaktion“ rettet das nationale Wirtschaftsleben nicht, sondern ruiniert große Teile davon. Eine Auswahl: Erhöhung der Mehrwertsteuer von 7 auf 10 Prozent … Milliarden von Spareinlagen sind durch die Suspendierung von Finanzgesellschaften blockiert… massive Einbrüche bei der Nachfrage (Handelsblatt, 28.10.97) „.Einbruch der Wirtschaft, die unter starken Überkapazitäten, steigenden Zinsen, explodierenden Einfuhrpreisen und gestrichenen Regierungsprojekten leidet.“ (Handelsblatt, 28.10.97) Autoindustrie meldet rückläufige Nachfrage um 30 Prozent, die Elektrogerätehersteller rechnen mit Einbrüchen von 15 und 20 Prozent… (Handelsblatt, 8.10.97) Toyota schließt beide Autofabriken in Thailand. Betroffen vom Produktionsstop sind 4.700 Mitarbeiter, die zum Jahresende entlassen werden. Mitsubishi hat sein Nutzfahrzeugwerk am 1.9. für unbestimmte Zeit geschlossen. (Handelsblatt, 6.11.97) Der Reis ist im Zuge der Baht-Abwertung seit 2.7. um 30 Prozent teurer geworden… Weil Thailands führender Energieversorger große Kredite in Dollar und Yen aufgenommen hat und am Devisenmarkt nicht gegen Wechselkursschwankungen abgesichert hat, blähen sich seine Schulden auf. Um den Konkurs zu vermeiden, erhöhte das Unternehmen nach der Freigabe des Baht saftig seine Preise. (Die Welt, September 97) Priorität muß jetzt haben, das Vertrauen der internationalen Gemeinschaft in die Wirtschaft wiederherzustellen. (Finanzminister Bibaya im Handelsblatt, 5.8.97)

[12] Daß das für diese Länder auch eine harte politische Prüfung ist, zeigen die Turbulenzen im politischen Gefüge; z.B. die Gerüchte um einen Militärputsch in Thailand, die nach der massiven Abwertung des Baht in Bangkok herumgereicht, aber sofort dementiert und dann praktisch widerlegt wurden – es blieb bei der Ablösung der Regierung.


© GegenStandpunkt-Verlag.