Ökonomen raten Krisen-Banken

Dieser Artikel ist in der Reihe Chronik – kein Kommentar! der Zeitschrift GegenStandpunkt 2-03 erschienen. Sie kann über den Buchhandel oder direkt beim Verlag als Druckausgabe oder E-Book erworben werden.

Banken-Krise in Deutschland – Ökonomen wissen Rat

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Auch die Banken sind jetzt in der Krise. Gott sei dank gibt es noch den ökonomischen Sachverstand in den Universitäten und Wirtschaftsredaktionen, der sich inmitten der allgemeinen Verzweiflung einen klaren Kopf und ein kühles Urteil bewahrt hat. Unbestechlich analysiert er die Ursachen der Bankenkrise und weist den Weg zu neuen Erfolgen.

Banken-Krise in Deutschland – Ökonomen wissen Rat

Es hilft kein Leugnen. Nach den deutschen Unternehmen sind nun auch die Banken in der Krise. Die Gewinne bleiben aus, ganze Geschäftsfelder brechen weg, allen voran die lukrativen frontrunner des letzten Jahrzehnts: Aktien- und Wertpapierhandel, Mergers & Acquisitions, und die Aktiva der Bankbilanzen – Kreditforderungen gegenüber Schuldnern und selbst wieder Aktien – erleiden einen gefährlichen Wertverlust; die gesetzlich geforderten Eigenkapitalquoten drohen unterschritten zu werden. Altgediente Bankvorstände sind ratlos und kapitulieren, die Bankenaufsicht ist im Alarmzustand, die Regierung dementiert eine Bankenkrise, um die schlimme Situation nicht noch durch Wahrheiten zu verschlimmern; derweilen prognostiziert ein Thesenpapier von McKinsey die „Auflösung des Finanzplatzes Frankfurt“.

Die Katastrophe ist perfekt. Gott sei dank gibt es noch den ökonomischen Sachverstand in den Universitäten und Wirtschaftsredaktionen, der sich inmitten der allgemeinen Verzweiflung einen klaren Kopf und ein kühles Urteil bewahrt hat. Unbestechlich analysiert er die Ursachen der Bankenkrise und weist den Weg zu neuen Erfolgen. Um gründlich vorzugehen, wenden sich die Experten zuerst der Definitionsfrage zu: Verdient die „komplexe Lage“, in der sich die Banken zweifellos befinden, überhaupt eine Bankenkrise genannt zu werden? Wo fängt so eine Krise an? Erst wenn die Kunden die Bankschalter stürmen? Oder ist dann schon alles zu spät? In Japan kann mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit von einer Krise gesprochen werden; aber Deutschland ist nicht Japan, was schon daraus hervorgeht, dass es neben einer Bankenkrise nicht auch noch eine Immobilienkrise gibt. Wäre das dann endgültig die Krise – oder müssen erst die großen Institute fallieren? Zwischenruf: Redet man mit solchen Reflexionen die Banken nicht erst in die Krise, anstatt sie aus der Krise herauszureden? Unentschieden – aber auf eines kann man sich schon mal einigen: Von der Krise, die es vielleicht ja auch gar nicht gibt, sollte schon aus Gründen der praktischen Handlungsperspektive nicht die Rede sein. Derartige Diagnosen lähmen eher. Besser ist es, das Phänomen in drei Teilkrisen zu zerlegen, die sich viel schöner praktisch angehen lassen.

Die Ertragskrise überwinden!

Alle Wirtschaftsredaktionen sind sich über den grundlegenden Imperativ einig: Das Ziel der Ertragssteigerung muss wieder in den Blick genommen werden! Warum hat man diese einfache Regel nur jahrelang aus den Augen verloren? Endlich wieder Gewinne machen, und das nicht zu knapp. Das ist der Weg, um als Bank erfolgreich zu sein. Und so solide! Da haben diese Blödmänner in den Chefsesseln geglaubt, man könne ewig auf steigende Aktienkurse setzen und sind pseudo-wissenschaftlichen Gurus der New Economy gefolgt, die von der Überholtheit hergebrachter Bewertungsmaßstäbe und von dem Ende der Konjunkturzyklen geschwafelt haben. Dabei kann die Wissenschaft nach dem Platzen der Spekulationsblase empirisch beweisen, dass die alten Gesetze noch gelten: What goes up, must come down! Jetzt heißt es, sich von einer Kultur der Maßlosigkeit verabschieden und wieder kleine Brötchen backen. Es muss alles anders werden. Den Anlegern müssen endlich wieder hohe Renditen winken, zum Beispiel, indem man ihnen einen neuen TecDax spendiert, auf den sie spekulieren können.

Die mögen nicht investieren? Scheuen das Risiko? Jetzt leidet der Aktienhandel an Vertrauensschwund? Zum Glück wissen die Sachverständigen, was Not tut: Das Vertrauen muss wieder hergestellt werden! Dass noch ein bisschen mehr geschwunden ist als das Vertrauen – das Vermögen der Aktiensparer nämlich –, ist bedauerlich, wäre aber nicht so schlimm, wenn nur das Vertrauen wieder in Ordnung käme. Allerdings ist bei richtigem Vorgehen, dieses hohe Gut auch leichter wieder herzustellen als der alte Kontostand. Zum Beispiel so: Man findet den Schuldigen. Wer aber hat nun das Vertrauen ins Geldanlegen verspielt? Der unseriöse Spekulant oder der zaghafte Unternehmer, der sich nicht in den Aufschwung zu investieren traut – oder beide zusammen? Auch die Bankvorstände müssen sich von der Wissenschaft kritische Worte gefallen lassen: Wer hat denn den Aufbruch in die deutsche Aktienkultur beschädigt, indem er den kleinen Anlegern zu dem ökonomischen Risiko, das die natürlich tragen müssen, ein ganz überflüssiges Betrugsrisiko zugemutet hat? Aber eigentlich bringt es gar nichts, nachzukarten und um Verantwortlichkeiten zu streiten, wo doch ohnehin klar ist, was es braucht, um es das beschädigte Vertrauen zu reparieren: Den seriösen Spekulanten und den optimistischen Unternehmer; Führungspersönlichkeiten eben, die das Vertrauen, das sie erzeugen wollen, überzeugend repräsentieren. Nur woher nehmen? Die FAZ weiß Rat, sie hat sich die vorbildliche Personalpolitik der bayrischen Hypo- und Vereinsbank angeschaut: Dort wirbelt man die Ebene der Bereichsvorstände durcheinander und schlägt zwei Fliegen mit einer Klappe: Man hat anstelle der alten verbrauchten Führungsmannschaft neue Leute an der Spitze, die neues Vertrauen verdienen; und man hat zweitens alte Hasen an der Spitze, denen man die Kompetenz und Erfahrung zutrauen darf, die Bank aus ihrer Krise auch wieder heraus zu führen. Genial, wie der neue Vorstandsvorsitzende einfach einmal Führungskräfte seines Vertrauens um sich schart.

Ganz so leicht wie unter Bankern geht Vertrauensarbeit am Kleinanleger nicht – eben weil man vorher so viel und so erfolgreich an ihn hingearbeitet hat. Ihm, so fordern die Sachverständigen, muss die Botschaft klarer Schuldeingeständnisse vermittelt werden: Jawohl, es hat in der Fondsbranche an Professionalität gemangelt und Schwarze Schafe unter den Anlageberatern gegeben. Die Banken müssen dem Misstrauen der Anleger recht geben, um ihr Vertrauen zurück zu gewinnen. Kleinsparer sind eben mit Fingerspitzengefühl über die Risiken und Nebenwirkungen der Aktienanlage aufzuklären, wenn man ihnen wieder mehr von dem Zeug verkaufen will. Nur die rechte Balance zwischen dem Anheizen der Gier und der Beschreibung der Risiken kann gewährleisten, dass hinterher nicht wieder die dummen Beschwerden kommen: Die Banken müssen den Kunden deutlicher sagen, dass selbst die Telekom-Aktie keine Volksaktie und kein sicheres Rentenpapier ist.

Mit der hilfreichen Empfehlung, die Banken sollten es doch wieder mit dem Gewinnemachen versuchen, und den Ausführungen, wie das ganz anders als in den unheilvollen späten 90er Jahren zu gehen hätte, ist der ökonomische Sachverstand noch lange nicht am Ende. Er ist flexibel genug, den Ertragsmangel der Banken auch von der anderen Seite her zu betrachten, und landet so bei seiner zweiten Teilkrise und den Wegen ihrer Überwindung.

„Die Kostenkrise bewältigen“

Die Überlegung ist einfach und nachvollziehbar: Wenn die Banken mit ihren Umsätzen keine Gewinne machen, dann sind einfach ihre Kosten zu hoch, um bei gegebenem Umsatz einen Gewinn zu erlauben. Kein Wunder also, dass der Gewinn nicht stimmt, wo die Banken aufs Kostensenken vergessen! Wieder greift sich der Wissenschaftler ans Hirn, versteht gar nicht, wie ein so elementarer Grundsatz guten Kaufmannstums missachtet werden konnte – und macht sich sogleich an die Auflösung seines Rätsels. Die deutschen Banken wurden durch zwei Ereignisse davon abgehalten, rechtzeitig auf ihre Kosten zu achten: Die Wiedervereinigung und der Börsenboom durch die New Economy. Die kurzsichtigen Bankmanager haben sich blenden lassen – von ihren damaligen Gewinnen nämlich – also von dem Umstand, dass ihre Kosten für ihre Geschäfte gar nicht zu hoch waren. Hätten sie damals ihre Kosten gesenkt, Filialen geschlossen, Investmentbanker und Aktienbroker entlassen, dann bräuchten sie es heute nicht zu tun. Hätten sie doch, statt mit den Gewinnen zu rechnen, die sie gemacht haben, mit denen gerechnet, die heute ausbleiben! Dann hätten sie wohl kaum im wilden Osten auf Expansion gesetzt und lauter neue Filialen eröffnet, die sie in der Krise wieder schließen müssen. Vor der Wiedervereinigung war die Zahl der Filialen schon im Sinken, doch dann stieg sie wieder durch Neueröffnungen im Osten. Bloß wegen unrealistischer Hoffnungen auf blühende Landschaften haben sie den richtigen Trend zur Straffung das Filialnetzes umgedreht. Hätten sie die Ossis doch ohne Banken gelassen oder gleich ans Internetbanking gewöhnt, anstatt auf einen Aufschwung Ost zu setzen, der sich 10 Jahre später als Flop erweist. Aber auch im Westen decken die Sachverständigen schwere Fehler der Banken auf. Abgesehen davon, dass nämlich auch hier an viel zu vielen Stellen das Geld der Leute eingesammelt wird, hat man sich in allzu hohe Kosten im IT-Bereich gestürzt, „weil viele Institute daran glaubten, dass sie die Kunden von der Filiale ins Internet bekommen könnten.“ Ja, weniger Filialen und weniger Internet-Auftritt, weniger Banking überhaupt, das wär’s gewesen! – Aber die Eule der Minerva fliegt halt spät; doch besser spät als nie! Mit dieser Einsicht nämlich ist der Sachverstand bei seiner 3. Teilkrise und seinem ultimativen Ratschlag angekommen.

„Strukturkrise bewältigen!“

Auch diese Überlegung ist so luzide, der aus ihr folgende Ratschlag so klar, dass man sich fragt, warum die Banken nicht schon früher drauf gekommen sind: Wenn das Bankgeschäft kleiner ausfällt, als dass alle Banken daran verdienen, Profite machen und wachsen könnten, dann gibt es logischerweise zu viele Banken fürs vorhandene Geschäft. 2500 Banken sind zu viel! Die Struktur der Bankenlandschaft ist verheerend, nämlich zersplittert. Die Empfehlung, die Ertragslage der Banken dadurch zu verbessern, dass man deren Zahl reduziert, ist bestechend – leider ist nicht so ganz klar, an wen sie sich richtet. Welche Banken sollen ihre Pforten schließen, damit anderswo der Profit wieder stimmt? Vielleicht die öffentlichen, weil deren Solidität unfair ist? Der deutsche Markt ist von öffentlich-rechtlichen Sparkassen und genossenschaftlichen Volks- und Raiffeisenbanken überschwemmt und die verhageln den Privatbanken die Margen. Oder besser die privaten, weil die keine vergleichbare Kreditwürdigkeit vorweisen können und ohnehin schlechte Gewinn-Margen einfahren? Sollen die Großbanken dichtmachen oder lieber die kleinen? Auf jeden Fall aber sollen sie erst wieder aufmachen, wenn die Margen stimmen! Sollen alle gemeinsam oder jede für sich „verschlanken“, damit sie wieder dicker werden können?

Aber vielleicht sind das ja auch die falschen Fragen. Ein Professor von der RUB in Bochum jedenfalls gibt eine umfassende Antwort, die weit über Schrumpfung und Konsolidierung hinausweist. Entscheidend ist in den nächsten Jahren eine stärkere Profilierung deutscher Kreditinstitute durch stärker zugespitzte strategische Konzepte und deren konsequente Umsetzung. Das ist doch ein Wort! Die Denker machen den Praktikern vor, wie’s vorwärts geht: Probiert’s mal mit Gewinn, Leute – und bitte konsequent! Nicht nachlassen beim Erfolgsstreben! Krise, das muss doch wirklich nicht sein!


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