„New Economy“

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Neues von der „New Economy“
Vom Nutzen und Nachteil der Spekulation auf den totalen Markt

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Ein Handelskapital neuen Typs mit eigenen Produkten. Vorschusslorbeeren materialisieren sich zu Kapitalvorschuss. Die Spekulation läuft. Das ist der Beweis: Es stimmt! Der Bedarf ist erzeugt und enorm – aber nicht groß genug. Der Kampf geht weiter: um und gegen den ,moralischen Verschleiß‘. Es kommt zur Auslese in der Konkurrenz der Wunderknaben. Der „natürliche“ Lauf der Dinge: Vernichtung und Zentralisation des fiktiven Kapitals. Solche und andere Opfer.

Neues von der „New Economy“
Vom Nutzen und Nachteil der Spekulation auf den totalen Markt

Glaubt man den Aposteln des Dogmas, in der Marktwirtschaft und nur da herrsche die ökonomische Vernunft und nur sie, ihren Analysen zum Börsengeschehen der letzten Monate, dann hat in einer wichtigen, als zukunftsweisend eingeschätzten Abteilung des marktwirtschaftlichen Geschäftslebens über längere Zeit die nackte Geldgier regiert und im Verein mit allerlei betrügerischen Machenschaften von „Insidern“ zu horrenden Übertreibungen, nämlich einer extremen Überbewertung so genannter Wachstumstitel geführt, was nun mit einer „astronomischen Vernichtung von Papiervermögen“ bestraft worden ist. Der sachkundigen Gemeinde, die die reine Vernunft des Marktes anbetet, langt ein knapper Blick auf die Sitten, die die aktiven Manager des großen Geldes am allerheiligsten aller Märkte, im Börsengeschäft, wirklich an den Tag legen, um sich den von ihr selbst hoffnungsfroh begrüßten Boom samt Krise im Wertpapierhandel schlüssig zu erklären: Eine Phase denkbar unvernünftigsten Überschwangs – vom „Herdentrieb der Spekulanten“ und „kollektiver Hysterie“ ist die Rede! – ist nach ein paar Pleiten und aufgeflogenen Manipulationen in eine Periode der auch gleich wieder übertriebenen Skepsis umgeschlagen.

Die klugen Köpfe, die derart scharfsinnige Interpretationen der Geschäftsentwicklung beim internationalen Finanzkapital vorlegen, haben zu Recht keine Sorgen, ihr so aufgeklärtes Publikum würde sich mit Erschrecken und Abscheu von einer Wirtschaftsweise abwenden, die das Wohl und Wehe ganzer „Erwerbsgesellschaften“ vom zügellosen Treiben einer Bande offenkundig durchgedrehter Vermögensverwalter abhängig macht. Denn mit ihren zweieinhalb moralischen Etikettierungen, die sie den Machern anheften, halten sie die Absurditäten des wichtigen Geschäftszweigs, über die sie berichten, für so erschöpfend geklärt und erledigt, dass für den Geschäftszweig selber kein Bedenken mehr übrig bleibt.

Es bleibt also wieder einmal der Redaktion des GegenStandpunkt überlassen, die Knallköpfe des Börsengeschäfts, auch wenn die sich durchaus selber für die freischaffenden Demiurgen der kapitalistischen Weltwirtschaft halten, gegen nachträglich besserwisserische Verurteilungen in Schutz zu nehmen. Auch Spekulanten sind, gerade mit ihren bis zur Willkür autonomen Ermessensentscheidungen, nichts als Charaktermasken des Geldkapitals, das mit der Gewalt eines umfassend ins Recht gesetzten Sachzwangs auf Wachstum drängt und keine Beschränkungen duldet, bis es von seinen selbstgeschaffenen Schranken dann doch vorübergehend eingeholt wird. So haben auch am „neuen Markt“ lauter Ehrenmänner, die sich nun im Maße der Vermögens-Annullierung, die sie als Letztes herbeispekuliert haben, als gierige Geldverschwender oder sogar Betrüger anprangern lassen müssen, nichts als ihren Job gemacht. Nämlich: nach allen Regeln der marktwirtschaftlichen Kunst und spekulativen Vernunft – also natürlich auch mit dem dafür erforderlichen falschen Bewusstsein – noch eine neue Branche im kapitalistischen Gesamtbetrieb kreiert und exemplarisch vorgeführt, wie so etwas in der besten aller ökonomischen Welten läuft.

1. Ein Handelskapital neuen Typs mit eigenen Produkten

Was sich „New Economy“ nennt, „hat etwas zu tun mit“ (Kanzler Schröder) einem neuen Gebrauchswert, der in GegenStandpunkt 2-2000, S.77 unter dem Titel „Information und Technologie“ ausführlich vorgestellt worden ist. Es handelt sich dabei – um nur an das Wichtigste zu erinnern – um ein ziemlich zusammengesetztes Wirtschaftsgut. Ein neues technisches Gerät gehört dazu, das das Telefonieren von der Bindung an fest installierte Kabel befreit, dadurch jeden, der entweder jederzeit an- und abrufbar sein soll oder immer und überall gesprächsbereit sein will, grundsätzlich erreichbar macht; und natürlich bleibt es nicht bei der bloßen Möglichkeit, sondern es kommt, wie es kommen muss: zu einer Explosion des fernmündlichen Gequassels. Noch wichtiger ist eine zweite und ganz anders geartete informationstechnologische Errungenschaft: die Herstellung einer weltweiten Direktverbindung zwischen Computern, die Datenaustausch in Echtzeit ermöglicht und damit ein reales, substanzielles Bedürfnis der Geschäftswelt bedient. Die verbucht nämlich seit jeher jede Zeitspanne, die der Umschlag ihres Kapitals benötigt, als nutzlose Liegezeit und Abzug von dessen Wachstum, also Verlust, und ist für alles empfänglich, was der Beschleunigung ihrer Geschäftstätigkeit, an welchem Unterpunkt auch immer, dient. Die Aufwertung des privat genutzten Computers vom Schreib- und Rechengerät zum vernetzten Kommunikationsinstrument sorgt überdies dafür, dass die Dienste des weltweiten Datenübertragungsnetzes als Medium fürs Anbieten, Verkaufen und Kaufen von Waren aller Art nicht auf professionelle Kaufleute beschränkt bleiben, sondern die Massen ergreifen, was wiederum die entsprechende Benutzung des neuen Kommunikationsmittels zum Muss für jede Firma macht, die wem auch immer was auch immer anzubieten hat. Woraus fürs breite Publikum wiederum folgt, dass sich jedes nicht vernetzte Mitglied von einer zunehmend wichtigen Abteilung des Marktes, nicht bloß für irgendwelche Güter, sondern auch für Nachrichten und andere Waren von der Art, ausschließt – ganz zu schweigen von der einmaligen Chance, das eigene Dasein als mitteilenswerte Nachricht, sei es für potentielle Arbeitgeber, sei es zu exhibitionistischen oder anderen unterhaltsamen Zwecken, „ins Netz zu stellen“. Der eigentümliche Gebrauchswert, den die „New Economy“ produziert, besteht insoweit in einer neuen, universal flächendeckenden Methode der Vermarktung von allem und jedem sowie der Teilhabe an der Vermarktung von Gott und der Welt, einschließlich der jeweils eigenen Person. Hinzu kommen verschiedenste Anwendungen des digitalen Datenaustauschs in anderen gesellschaftlichen Sphären – von der staatlichen Verwaltung, die sich darüber freilich immer mehr das Gesicht eines Marktes für öffentliche Dienstleistungen gibt, bis zur wissenschaftlichen Forschung, die auf die Art auch ins Geschäft der werbenden Selbstvermarktung einsteigt. Aus der zeitgenössischen Kriegführung sind die erlesenen Produkte der Kommunikationsbranche schon gar nicht wegzudenken; und – um zum Geschäftsleben im engeren Sinne zurückzukehren – in der kapitalistischen Produktion tun die Dinger ihren Dienst, wo es um die Entfaltung jener Produktivkraft geht, die sich das Kapital mit seinem Kommando über die Kooperation und Arbeitsteilung seiner Dienstkräfte und Unternehmensabteilungen zu verschaffen weiß. Und so weiter. Dennoch lässt sich die neue Geschäftssphäre in der Hauptsache ohne Zweifel dem Handelskapital zurechnen, das hier mit extrem fortschrittlichen Angeboten aufwartet: einer Hardware, die die allgemeine Vernetzung her- und sicherstellt und mit der zunehmenden Menge von Teilnehmern und elektronischen Mitteilungen blitzschnell veraltet; einer Software, die die Teilhabe am Netz managt und noch schneller verschleißt; und schließlich der großartigen Perspektive – mit der erst recht alles Bisherige zur Makulatur wird –, das globale Datenaustauschnetz mit dem schnurlosen Telefon zu einem Paradies der allgegenwärtigen totalen Vermarktung zu verknüpfen.

Das ist gewissermaßen der Stoff, aus dem die „New Economy“ besteht. Damit daraus eine „Ökonomie“ entsteht, muss er selbstverständlich erst noch kapitalistisch beseelt werden.

2. Vorschusslorbeeren materialisieren sich zu Kapitalvorschuss

Dass sich um Handy und Internet gleich in Windeseile eine ganze Branche auftut, „hat etwas damit zu tun“, dass die geldkapitalistische Geschäftswelt, immer auf der Suche nach lohnender Kapitalanlage, dem sich abzeichnenden neuen handelskapitalistischen Gebrauchswert einen enormen Tauschwert zutraut. Ganz im Sinne derer, die es betreiben wollen, entnimmt die Gemeinde der Geldanleger und Kreditgeber dem neuen Medium eine große Verheißung; und weil Kapitalisten auf Grund ihrer ‚déformation professionelle‘ Geschäftserfolg sowieso für eine Frage ihrer Marktstrategie halten, glauben sie auch unweigerlich fest daran: Die neue Methode der Vermarktung von allem und jedem wäre eine unschlagbare Garantie, aus der Vermarktung von allem und jedem nicht enden wollende Massen von Erfolg zu erwirtschaften. In dieser Gewissheit mobilisieren Konzernchefs und Manager des gesellschaftlichen Geldvermögens für jede Vermarktungs-„Idee“, die den potentiellen Nutzen des neuen Mediums zu realisieren verspricht, jeden benötigten Kredit – und nicht nur das. Unternehmen, die in der Sphäre bereits aktiv sind, scheuen keine Umschichtung und keine Schulden, um sich aufzublasen; andere lassen Röhren Röhren sein und stellen sich mit der Wucht ihres akkumulierten Vermögens und einer entsprechenden Kreditwürdigkeit um. Und Firmengründer, die sich auf dem so viel versprechenden Feld zu betätigen gedenken, bekommen nicht etwa bloß herkömmlichen, nach reiflicher Prüfung gewährten und sorgfältig abgesicherten Bankkredit, sondern Kredit in Aktienform, also ohne Rückzahlungs- und ohne Verzinsungspflicht: einen richtig firmeneigenen Kapitalvorschuss aus fremden Mitteln. Dafür setzt das Kreditgewerbe sogar die sonst und für andere Unternehmen nach wie vor geltenden restriktiven Regeln außer Kraft, die den Status einer Aktiengesellschaft, nämlich die Zulassung ihrer Anteilsscheine zum Börsenhandel, an den Nachweis schon erzielter überdurchschnittlicher Markterfolge binden. Fürs elektronisch und telekommunikativ verfahrende Handelskapital werden derartige Sicherheiten aus der Welt der – nunmehr so genannten – „Old Economy“ durch den festen Glauben ersetzt, über den computerisierten Datenaustausch müsste unweigerlich eine ganz neue, unbegrenzt profitträchtige Bewirtschaftung des gesamten marktwirtschaftlichen Geschäftslebens in Gang kommen, und deren Erträge würden alles in den Schatten stellen, worauf Aktienspekulanten bisher je spekuliert haben.

So kommt ein börsentechnisch abgegrenzter neuer Markt für ganz ohne Ironie so genannte „Technologiewerte“ in die Welt – als Angebot der finanzkapitalistischen Spekulantenwelt an sich selbst, sich endlich einmal ohne Rücksicht auf traditionelle Bonitätsanforderungen, frei vom herkömmlichen Börsenregime, an dem als ebenso gigantisch wie unausbleiblich unterstellten Wachstum einer funkelnagelneuen Branche zu bereichern. Und:

3. Die Spekulation läuft. Das ist der Beweis: Es stimmt!

Das Angebot wird wahrgenommen. Und zwar so, wie es gemeint ist: Von nachgewiesenen Umsätzen und einkassierten Gewinnen macht sich die Spekulation tatsächlich nicht abhängig. An Geldkapital, das lohnende Anlage sucht, herrscht offenkundig auch kein Mangel – die weltweite Überakkumulation von Finanzmitteln hat im Gegenteil aussichtsreiche Anlagemöglichkeiten zur Mangelware gemacht; da kommen Handy und Internet samt Start-ups für Software und Website-Styling wie gerufen. Also kommt es, wie es kommen muss: Ganz viele Firmen entstehen neu, werden von hilfreichen Beratern an die Börse gebracht und belohnen Anleger mit einer blitzartigen Steigerung der Einführungskurse ihrer Aktien. Gestandene Telefon-Unternehmen investieren in „innovative“ Abteilungen, verschaffen sich umgekehrt neues Geld, indem sie selber an die Börse gehen oder ihre neuen „Töchter“ dorthin bringen, und vervielfachen darüber ihre „Marktkapitalisierung“ – ebenso wie Großunternehmen, die mit Neuerwerbungen oder gleich ganz die Branche wechseln und sich dem Kommerz mit dem „e“ widmen. Je mehr Geld in den „neuen Markt“ hineinfließt, um so mehr steigt der Wert der nachgefragten Titel, und umgekehrt. Die Spekulation auf steigende Aktienkurse findet sich bestätigt und steigert die Kurse weiter; weit über jede herkömmlicherweise beachtete Kurs-Gewinn-Relation hinaus, weil kein Geldbesitzer und kein Anlagemanager den Boom verpassen will. Natürlich hegen alle Geldanleger zugleich das Bedenken, ob so viel und so schnelles Wachstum noch „gesund“ sein kann und die Firmen die Milliardenbeträge, auf die der Aktienhandel ihren Börsenwert mittlerweile hochgepuscht hat, jemals rechtfertigen können. Die praktische Rechtfertigung wird aber durch den Fortgang der Spekulation geliefert und damit der überzeugende Beweis, dass am „neuen Markt“ tatsächlich neue Maßstäbe gelten. Man sieht ja, dass sich auf neue Ideen zur Computer- und Internet-gestützten totalen Vermarktung der Welt wirklich kapitalkräftige Firmen begründen lassen – was muss dann erst gehen, wenn erst einmal alles vernetzt, computerisiert und das gesamte Inventar des Globus per „e-commerce“ verfügbar gemacht ist!

Damit ist sie in der Welt: die „New Economy“. Und das ist sie: eine durch gigantische Spekulation auf ihren unausbleiblichen zukünftigen Erfolg zu Stande und geschäftlich in Schwung gebrachte neue Abteilung des Handelskapitals.

4. Der Bedarf ist erzeugt und enorm – aber nicht groß genug

Spekulativer Kapitalvorschuss erzeugt eine neue Branche: lässt vorhandene Firmen wachsen, andere in die neue Sphäre hinüberwechseln, ganz viele neu entstehen. Und alle legen los, wie die Geldanleger es sich erwarten und verlangen: produzieren Hard- und Software, wecken den Bedarf, den sie bedienen, nutzen die Zahlungsbereitschaft kommerzieller wie privater Kunden aus, setzen ganz real beträchtliche Summen um – angeblich pro Jahr in Deutschland allein 10 Milliarden DM mit Online-Gebühren für die Zeit, die das Öffnen unverlangt zugesandter Werbe-E-Mails kostet –, okkupieren so einen guten Teil der gesellschaftlichen Zahlungsfähigkeit. Dass die nicht wirklich unendlich ist und sogar das geweckte Bedürfnis selber Schranken hat – nicht einmal das Quatschen und „Surfen“ macht unbegrenzt Spaß –, ist eigentlich klar; ebenso, dass die engagierten Unternehmen mit ihrem neuen Güterangebot dem Rest der Geschäftswelt sowie auf ihrem speziellen Gütermarkt einander Umsatz und Gewinn streitig machen. Es ist daher auch ganz normal – einerseits –, dass die Firmen der „New Economy“ mit ihrer wirklichen Geschäftstätigkeit allenthalben an Schranken stoßen; es handelt sich eben doch bloß um eine neue Abteilung im Vermarktungsgeschäft. Es ist nur – andererseits – so, dass der spekulative Gründungseifer in der Erwartung zukünftiger um so größerer Umsätze und Gewinne erst einmal jedem neuen Geschäft und jeder neuen Firma über die Schranken hinweg hilft, auf die diese bei der Vermarktung ihrer eigenen Vermarktungsangebote stoßen. Damit steht von Beginn an fest, dass der neue Geschäftszweig mit einem Kapitalvorschuss in die Welt gesetzt wird, der dessen Betrieb zwar flott in Gang setzt, durch die erwirtschafteten Erträge aber bis auf weiteres gar nicht zu bedienen ist. Die Freisetzung der Geschäftstätigkeit von den Schranken des tatsächlich geschäftlich auszunutzenden Bedarfs erzeugt den Bedarf, aber innerhalb der Schranken, die die Spekulation ignoriert und zu überschreiten nicht bloß erlaubt, sondern gebietet – zu wenig für die Summen, die da als Kapital wirken sollen, also vermehrt werden wollen. Die Schaffung der neuen Branche beruht auf und geht einher mit einer gigantischen Überakkumulation von Ertragsansprüchen – was übrigens auch wieder völlig normal ist für einen kapitalistischen Gründungsboom.

Die Folgen sind klar und unvermeidlich: Wechselseitige Enttäuschungen bleiben nicht aus. Finanzmanager, die ganz bewusst „Risikokapital“ hergegeben haben, haben selbstverständlich nicht im Sinn gehabt, mit dem finanzierten Risiko Schiffbruch zu erleiden, sondern verfolgen das Ziel, ein Geschäft in Gang zu setzen, das mit seinen Risiken und Schranken alsbald selber fertig wird, ohne auf immer neuen Vorschuss angewiesen zu sein; nun sind sie mit Bilanzen konfrontiert, aus denen hervorgeht, dass mit dem Gründungsgewinn noch nicht einmal die Mittel zu einer mittelfristigen Fortführung des Unternehmens, geschweige denn bis in eine spätere gewinnbringende Zukunft erwirtschaftet worden sind. Umgekehrt haben Firmengründer fest darauf gebaut, dass die Spekulantengemeinde, wenn sie schon eigens für sie eine Sonderabteilung der Aktienbörse mit fernen Zukunftsverheißungen als Bonitätsnachweis einrichtet, auch Kredit nachschießt, wenn der erste Vorschuss verwirtschaftet ist; nun finden sie sich mit ihrem „Start up“ im Stich gelassen. Beide Seiten sind mit der Tatsache konfrontiert, dass entgegen allen ihren – einander freilich entgegengesetzten – Erwartungen doch auch in ihrer „New Economy“ der Vorschuss keine Erfolgsgarantie ist. Das stürzt sie in tiefe Depression. Jedoch:

5. Der Kampf geht weiter: um und gegen den ‚moralischen Verschleiß‘. Es kommt zur Auslese in der Konkurrenz der Wunderknaben

Die Firmen der „New Economy“ kämpfen um das Vertrauen der spekulativen Geldgeber, von dem sie abhängen: um Kredit, gegebenenfalls um eine zweite Chance. Mit großem Einsatz, insbesondere von unbezahlter Arbeitszeit ihrer lohnabhängigen, ansonsten aber völlig gleichberechtigten Mitarbeiter, bemühen sie sich um den Nachweis, dass – wenn überhaupt jemand, dann – sie beste Chancen haben, sich alsbald, demnächst, auf jeden Fall irgendwann am Markt für Geräte und Konzepte zur Benutzung der neuen Medien als Marktmedium durchzusetzen. Als Beweismittel dienen Marktanteile und Umsätze, die sie sich mit geschickten Firmenaufkäufen und Billigpreisen für einschlägige Dienste und Gerätschaften errungen haben. Noch wichtiger sind jedoch Innovationen, die die Finanzwelt davon überzeugen, dass da eine Firma gar nicht bloß um Anteile am mittlerweile geschaffenen begrenzten Markt für Digitales und Telekommunikatives konkurriert, sondern nach wie vor heftig dabei ist, ganz neue Bedürfnisse samt Zahlungsbereitschaft und -fähigkeit zu wecken; dass in ihrem Fall also die Expansion der Geschäftssphäre noch gar nicht zu Ende ist, sondern „die Zukunft“ erst beginnt. Die Spitzenleistung in diesem „Wettbewerb der innovativen Ideen“ haben ohne jeden Zweifel die großen Telekommunikations-Unternehmen zuwege gebracht, indem sie sich für -zig-Milliarden die staatliche Lizenz zum Betrieb eines neuartigen Datenübertragungsnetzes ersteigert haben, das es fürs Erste noch gar nicht gibt: Den beteiligten Firmen war offensichtlich klar, und jedenfalls haben sie mit ihrer Aktion alles getan, um klarzustellen, dass in ihrem Metier die vorläufige Nutzlosigkeit eines rein vorsorglich für irrsinnig viel Geld ersteigerten Rechts auf Radiowellen von bestimmter Frequenz kein Nachteil, sondern als schlagender Beweis zu werten ist, dass das wahre und wahrhaft große Geschäft mit dem wirklichen technologischen Durchbruch erst noch kommt, dass, wenn es dann kommt, schlagartig alles veraltet ist, womit derzeit herumgespielt wird, und dass deswegen schon heute nur derjenige Kredit verdient, der sich die Teilhabe an dem zukünftigen Medium bereits gesichert hat. Um mehrere Nummern kleiner dimensioniert, läuft der Überlebenskampf der zuerst so freudig begrüßten neuen Unternehmergeneration am „neuen Markt“ aber nach dem gleichen Muster ab: Wer sich behaupten will, muss die Kunst beherrschen, vorhandene Ware, harte wie softe, neben dem eigenen Angebot alt aussehen zu lassen: „technologisch“ überwunden, „moralisch verschlissen“ durch einen Fortschritt, der dann am überzeugendsten wirkt, wenn er erst in Arbeit und der dafür angeforderte indische Experte noch unterwegs ist.

Auf diese Weise kommt dann doch auch in der „New Economy“, in der eigentlich lauter Pioniere eines unendliche Gewinne versprechenden Geschäftsfeldes reüssieren sollten, eine ziemlich normale Konkurrenz und Auslese in Gang, die nicht bloß Massen von soeben erst „geschaffenen Arbeitsplätzen“ hinwegrafft, sondern auch unter den Wunderkindern des „e-Commerce“ ordentlich aufräumt. Der Gründungsboom endet mit einem recht hohen Verschleiß an Existenzgründern – und folgt damit nur einem kapitalistischen Sachgesetz, das so ewig neu ist wie die kapitalistische Sehnsucht nach einer „New Economy“:

6. Der „natürliche“ Lauf der Dinge: Vernichtung und Zentralisation des fiktiven Kapitals

Wenn ein Konzernchef eine Unternehmensabteilung wachsen oder sterben lässt, ein Fondsmanager für oder gegen eine Aktie entscheidet, dann gibt es dafür selbstverständlich immer ganz spezielle gute Gründe. Spekulanten haben allemal ihre auf den Einzelfall bezogenen überzeugenden Anhaltspunkte dafür, das eine Anlageobjekt für sträflich unter-, die andere Aktie für hoffnungslos überbewertet zu halten – und wenn es nichts anderes als die entsprechende oder vielleicht auch die genau entgegengesetzte Einschätzung vieler ihresgleichen ist. Wie vielfältig, wie schlau und wie speziell die spekulativen Beweggründe für die eine oder andere Konkurrenzentscheidung aber auch immer ausfallen mögen: Der ökonomische Inhalt des Entschlusses, die Firmen der „New Economy“ kritischer zu prüfen, zu sortieren und ihren Papierwert herunterzuspekulieren, ist bloß einer und derselbe. Praktisch liefert die Spekulantengemeinde das Eingeständnis ab, – wieder einmal, wie schon so oft – eine Überakkumulation von Ertragsansprüchen an die von ihr kreditierte Firmenwelt, hier eben die der „New Economy“, zu Stande gebracht zu haben. Wenn sie ganz selektiv bestimmte Vorschüsse streicht, die in der Erwartung künftiger Rendite gegeben worden sind, dann exekutiert sie die reichlich allgemeine Tatsache, dass sie mit fiktivem Kapital herumgewirtschaftet und längst eine Unmenge Geld und Kredit vernichtet hat.

Was von der Firmenszene übrigbleibt, ist Resultat des Konkurrenzkampfes, den Firmenchefs und Geldanleger führen; ein jeder mit seiner ganz besonderen Strategie und mit dem Ziel, von Wertverlust und Kreditstreichung verschont zu bleiben. Dabei bewähren die Finanzkünstler sich auch nach dieser Seite hin als Charaktermasken einer allgemeinen kapitalistischen Notwendigkeit. Mit allen ihren Manövern und Winkelzügen – die ihnen im Fall des Scheiterns als Betrügerei, bei Erfolg als Geniestreich angerechnet werden – bringen sie gar nicht mehr zuwege als die Banalität, dass die fällige Enteignung sich tendenziell nach der Größe des Eigentums richtet: Die Größten überleben; in ihren Bilanzen sammelt sich, was an fiktivem Kapital mit der Macht zur Fortführung oder Neuauflage des Geschäfts fortbesteht; die schlauen Köpfe des „e-commerce“ bekommen ihre „zweite Chance“, wenn überhaupt, im Dienst der durch ihre Kapitalmacht als seriös ausgewiesenen Unternehmen: als Zuträger oder Angestellte bei Siemens & Co. So folgt dem Gründungsboom, ebenso sicher wie die Annullierung von Vermögen, die Zentralisation des vorgeschossenen, längst aufgebrauchten oder vergeigten, mit neuem Kredit jedoch als vermögenswerter Ertragsanspruch und Geschäftsmittel aufrecht erhaltenen Kapitals.

7. Solche und andere Opfer

Auch in ihrer ersten Krise also: nichts Neues in der „New Economy“. Die einen trauern ihrem dot.com nach und fristen ihr Dasein als arbeitslose Hacker im günstigen Fall mit rechtzeitig abgezweigten Anteilen vom Gründungsgewinn ihrer ehemaligen AG, im ungünstigen mit wertlos gewordenen Aktien, in denen ihnen ihre 16-stündigen Arbeitstage entgolten worden sind. Die andern verbuchen mit Bedauern das Verschwinden größerer Geldsummen, die ihnen zwecks Vermehrung anvertraut worden sind, sich aber nach kurzfristiger Wertsteigerung der damit getätigten Investition halbiert oder in Nichts aufgelöst haben. Und die Gewinner machen weiter.

Bei der Verteilung der anfallenden Verluste, wenigstens da, ist immerhin eine Neuerung zu registrieren. Den Einrichtern und Managern des „neuen Marktes“ – die im Übrigen an der Abwicklung des Aktienhandels in jeder Phase prächtig verdient haben und verdienen – ist es gelungen, ganz viele „Kleinsparer“ mit ihrem Notgroschen als Geldquelle für spekulative Engagements heranzuziehen und diese neue Kundschaft gleich als Erstes an der großen Vermögensvernichtung teilhaben zu lassen. Den Betroffenen, die es tatsächlich immer nur zu ein bisschen aufgeschobenem Konsum, also nie zu Kapital bringen, wird ihr Verlust kaltblütig als Lehrgeld erklärt, das sie für die praktische Aneignung der alten Börsenweisheit zu zahlen haben, wonach „man“ in dieser Sphäre einen langen Atem haben und viel Geduld aufbringen muss, wenn „man“ irgendwann zählbare Gewinne realisieren will. Diese Auskunft ist zwar ein schlechter Witz über eine Geschäftssphäre, in der Profis mit ganz viel fremdem Geld auf blitzartige Wertveränderungen und maximale Gewinne aus minimalen Margen spekulieren. Sie ist andererseits der passende zynische Zuspruch für Leute, die mit der Hoffnung, ihr Verdientes in überschaubarer Frist für späteren Konsum ein wenig aufzubessern, in eine Sphäre eingestiegen sind, die dafür ein für allemal weder gemacht noch geeignet ist: Sie brauchen nur noch ein paar Lebensabschnitte zuzuwarten, dann gleichen die Verluste sich aus… Der Trost passt besonders gut, nämlich wie die Faust aufs Auge zu der neuen Altersvorsorge, die der Staat mit seiner Rentenreform den „kleinen Leuten“ aufnötigt: Zwar haben Fonds von genau der Art, wie sie in Zukunft den Lebensstandard im Alter konsolidieren sollen, soeben ziemlich viel Gespartes kaputtspekuliert; aber weil auf lange Sicht alles gut geht und das Rentenalter für die zu privater Vorsorge genötigte Generation ja wirklich noch kaum in Sicht ist, besteht keinerlei Grund zur Beunruhigung. Dies um so weniger, als der soziale Rechtsstaat sogar noch ein Übriges tut und aus seinen Erfahrungen mit dem Auf- und Abschwung des „neuen Marktes“ eine gesetzgeberische Notwendigkeit ableitet, der er schleunigst entsprechen will: Die privaten Anlageberater brauchen einen verbindlichen Ehrenkodex. Mit dem kann dann ja nichts mehr schief gehen… Es ist, als wollte der reformierte Sozialstaat den Leuten, denen er die gesetzliche Altersrente kürzt und das private Geldanlagegeschäft als Kompensationsmittel empfiehlt, vorsorglich beweisen, dass er sie um einen halbwegs auskömmlichen Lebensabend jedenfalls nicht betrügt!


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