MIR

Dieser Artikel ist in der Reihe Chronik – kein Kommentar! der Zeitschrift GegenStandpunkt 3-97 erschienen. Sie kann über den Buchhandel oder direkt beim Verlag als Druckausgabe oder E-Book erworben werden.

MIR: Das letzte russische Aufgebot im All

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Abgesang auf die russische Weltraummacht, deren MIR-Reparaturen als letzter und vergeblicher (Selbst)-Rettungsversuch gedeutet werden. Die Russen selbst geben sich praktisch schon mit einer anderen künftigen Rolle zufrieden.

MIR: Das letzte russische Aufgebot im All

Während das motorisierte amerikanische Sternenbanner mit seinem deutschen Wunderspion noch die letzten Steine auf dem roten Planeten aushorcht, darf eine weitere außergewöhnliche Weltraummission unsere national gestimmten Raumfahrtgemüter erhitzen und bewegen. Eine russische Sojusrakete macht sich auf den Weg zur havarierten Raumstation MIR. An Bord: Jede Menge Ersatzteile samt russischen Schlossern in Kosmonautenanzügen. Was es auf der MIR in den nächsten Monaten mit neuen Solarzellen und Dichtungen zu reparieren gilt, darüber läßt eine bundesdeutsche Öffentlichkeit mit ihrem feinen Gespür für den Rang und Stand der Nationen in der (außer)irdischen Machtkonkurrenz niemanden im unklaren: Den schwer beschädigten Status Rußlands als einer ehemals führenden Raumfahrtnation gilt es zu flicken. Das Schicksal der russischen Raumfahrt steht auf dem Spiel. Aber eigentlich ist es längst schon besiegelt. Genußvoll ergehen sich die auf westliche Spitzenleistungen erpichten Nationalisten hierzulande im Ausmalen des gerechten Untergangs der Raumfahrtnation, die uns früher einmal mit ihrem Sputnik geschockt hat: Zustände sind das vielleicht da oben in der MIR – typisch russisch eben! Ein havariertes und trudelndes Auslaufmodell von einer Raumstation, mit einem erschöpften und herzkranken Kapitän, der in schumm-riger Notbeleuchtung wegen Sauerstoffmangel möglichst flach atmen soll, bis das letzte Reparaturaufgebot an russischen Helden der Raumfahrt ihn einholt und ablöst, ja das ist der Stoff, aus dem der Abgesang auf die russische Weltraummacht für das erfolgsverwöhnte deutsche Raumfahrtpublikum unterhalt- und einfühlsam gestrickt und aufbereitet wird.

Der Kontrast zur amerikanischen Marseroberung ist freilich auch ohne nationalistische Schadenfreude kaum zu übersehen. Auf der „Neuen Welt“ beweist Amerika gerade seine technologische Überlegenheit. Und etwas weiter unten im Raum macht eine russische Nation die Reparatur der MIR zu einer einzigen Überlebensfrage, was ihre Macht im All angeht. Sie knüpft ihren Status als Raumfahrtnation an den Bestand der MIR und mobilisiert sämtliche noch verfügbaren Mittel an Kosmonauten, Raketen und Technologie für den Beweis, daß die Station doch zu halten geht. Nur und das ist das Eigentümliche an der ganzen Sache: Wenn der „drohende“ Machtverlust an der Reparatur eines ramponierten Sonnensegels und der Anlieferung von ein paar Kanistern Sauerstoff für die Pannenbesatzung hängen soll sowie an der Glaubwürdigkeit des jetzt in Schauprozessen angestrengten Beweises, daß vor allem der menschliche Faktor versagt habe, dann hängt davon garantiert nichts mehr ab; dann ist die Entmachtung Rußlands als Weltraummacht längst passiert und vollzogen. Diese Nation hat einen ganzen Zweig, der früher als fester Bestandteil des „militärisch industriellen Komplexes“ gegolten hat und damit als Beitrag zur ehemals sowjetrussischen Macht, in ein einziges Charter- und Dienstleistungsunternehmen für fremde raumfahrende Nationen verwandelt; gegen harte Dollars verscherbelt Rußland sein Weltraumwissen und seine Erfahrung, vermietet seine außerirdische Experimentierstube MIR an den Meistbietenden und verschafft fremden Raumfahrthelden, auch den deutschen, den freien Zutritt in das Allerheiligste der Nation, samt umfassender Ausbildung auf seinen Raketen und Kapseln, Führerschein eingeschlossen. Diese Preisgabe nationaler Machtmittel untergräbt ganz prinzipiell und nachhaltig den Status und Rang Rußlands als einer irdischen wie außerirdischen Macht. Insofern stellt selbst ein erfolgreiches Reparaturprogramm nicht die verlorengegangene Macht wieder her, allenfalls ein Stück weit das Vertrauen der maßgeblichen Raumfahrtmächte, die russische Abteilung noch eine Zeitlang als Mittel und Instrument der eigenen Weltraumprogramme nutzen zu können.


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