Literaturnobelpreis 2019 für Peter Handke, der Streit darum und was daraus über die Stellung der schönen Literatur im Leben hervorgeht

Im Jahr 2019 verleiht die Schwedische Akademie den Nobelpreis für Literatur für das Jahr 2018 an Olga Tokarczuk aus Polen und den für das Jahr 2019 an Peter Handke aus Österreich. Wäre allein die polnische Schriftstellerin geehrt worden, wäre der seit Jahren währende Sex- und Korruptionsskandal um die preisverleihende Akademie wohl einfach verebbt. Aber so! Die halbe einschlägig interessierte Öffentlichkeit regt sich auf, erstens über den geehrten Handke und über die ihn ehrende Akademie, zweitens über die andere Hälfte derselben Öffentlichkeit, die den Ausgezeichneten nicht ohne mildernde Umstände, ja hin und wieder gar nicht verurteilen will und gegen alle hochmoralischen Rügen auf ihrem Recht dazu besteht.

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Literaturnobelpreis 2019 für Peter Handke, der Streit darum und was daraus über die Stellung der schönen Literatur im Leben hervorgeht

Im Jahr 2019 verleiht die Schwedische Akademie den Nobelpreis für Literatur für das Jahr 2018 an Olga Tokarczuk aus Polen und den für das Jahr 2019 an Peter Handke aus Österreich. Beide werden geehrt für ein einflussreiches Werk, das mit sprachlicher Genialität die Peripherie und die Spezifizität der menschlichen Erfahrung erforscht – so die gleichlautende Begründung beider Preisverleihungen. Wäre allein die polnische Schriftstellerin – nach einhelliger Auffassung der zuständigen Kritiker eine nicht unwürdige Preisträgerin [1] – geehrt worden, wäre der seit Jahren währende Sex- und Korruptionsskandal um die preisverleihende Akademie wohl einfach verebbt. Aber so! Die halbe einschlägig interessierte Öffentlichkeit regt sich auf, erstens über den geehrten Handke und über die ihn ehrende Akademie, zweitens über die andere Hälfte derselben Öffentlichkeit, die den in Schweden Ausgezeichneten nicht ohne mildernde Umstände, ja hin und wieder gar nicht verurteilen will und gegen alle hochmoralischen Rügen auf ihrem Recht dazu besteht.

1. Die Verbrechen, für die Handke angeklagt wird,

liegen über zwanzig Jahre zurück. In seinem poetischen Gemüt hat Handke sich zu seiner dichterischen Frühzeit das Bild einer intakten Heimat zurechtgelegt, in der verschiedene Völkerschaften in einhelliger Gemeinschaft zusammenleben – die simple Umkehrung des nationalistischen Hasses in ein moralisches Ideal, das einem Dichter gut ansteht –, und im Staat Jugoslawien ein Stück Realisierung dieses Ideals ausgemacht – ein subjektiver Einfall, der bis Anfang der 90er Jahre als dichterische Freiheit goutiert wurde. Als 1991 und in den Folgejahren der jugoslawische Staat von den zerstrittenen Nationalitäten gewaltsam zerlegt wird, sieht der enttäuschte Dichter darin eine Tragödie. Folgerichtig fällt ihm die krasse Parteilichkeit auf, mit der die europäische Öffentlichkeit an den Gewaltaktionen der Staatengründer zur Eroberung bzw. Verteidigung von umstrittenen Gebieten sowie zur jeweiligen Vertreibung und/oder Vernichtung der nicht mehr passenden Bevölkerung unterscheidet zwischen gerechtfertigter Verteidigung der EU-freundlichen Separatisten und verbrecherischen Angriffen seitens der ehemaligen jugoslawischen Zentrale, die bald nur noch Serbien regiert. Je mehr Serbien von den westlichen Mächten als Feind bekämpft wird, desto allgemeiner und verbindlicher wird in der Öffentlichkeit die Lesart, dass von 1991 bis zum NATO-Krieg 1999 nichts anderes passiert als die Befreiung mindestens dreier Völker von serbischer Unterdrückung. Diese moralische Deutung kommt Handke mit seinem Ideal jugoslawischer Völkereintracht einfach unanständig vor, vor allem gegenüber den Serben, die er in seinem Weltbild mittlerweile zum Stellvertreter für die Vielvölker-Idealheimat Jugoslawien befördert hat. Er reist nach Serbien, sucht und findet Menschen sowie symbolische Bilder dafür, dass Land und Leute nicht durch und durch schlecht sind, dass vielmehr auch dort unschuldige Opfer angefallen sind und viel Gutes anzutreffen ist. Damit macht er sich in der Öffentlichkeit unmöglich: Wer in die moralische Scheidung in Opfer- und Täternationalitäten und die öffentliche Hetze gegen Serbien nicht einstimmt, sondern an diesem Land noch etwas Akzeptables entdeckt, der rechtfertigt die serbische Kriegführung und jede von Serben ausgehende Gewalt. Wenn so jemand geehrt wird, sehen sich etliche in seiner Zunft auch nach zwanzig Jahren immer noch im Innersten getroffen und klagen – unter dem mehrheitlichen Beifall der Öffentlichkeit – an.

2. Der prominenteste Zeuge der Anklage

ist der bosnischstämmige Schriftsteller Saša Stanišić, der fast parallel zur Nobelpreisverleihung den deutschen Buchpreis erhält. Die Jury für die Preisvergabe ermuntert ihn in ihrer Begründung ausdrücklich dazu, sich als Anti-Handke geehrt zu sehen: Mit viel Witz setzt er den Narrativen der Geschichtsklitterer seine eigenen Geschichten entgegen.[2] Selbstverständlich hat Stanišić eine solche Aufforderung nicht nötig, sondern von sich aus das Interesse, seine Dankesrede in der Paulskirche für eine Polemik gegen Handke zu nutzen. Er selbst sei, so sagt er, einer, der das Glück hatte, dem zu entkommen, was Peter Handke in seinen Texten nicht beschreibt. Dass ich hier heute vor Ihnen stehen darf, habe ich einer Wirklichkeit zu verdanken, die sich dieser Mensch nicht angeeignet hat und die in seine Texte der 90er Jahre hineinreicht. Und das ist komisch, finde ich, dass man sich die Wirklichkeit, indem man behauptet, Gerechtigkeit für jemanden zu suchen, so zurechtlegt, dass dort nur noch Lüge besteht. Das soll Literatur eigentlich nicht.[3] Was er gegen Handke ins Feld führt, ist ein Amalgam aus materieller und moralischer Betroffenheit: Stanišić ist Sohn eines Serben und einer Bosnierin, geboren in Višegrad, von dort geflohen im Jahr 1992, wo im gleichen Jahr serbisch-bosnische Milizen ein Massaker unter muslimischen Bosniern anrichteten. Insofern, darauf besteht er, hat er als glücklich entkommenes Opfer, also authentischer ‚Zeitzeuge‘, das Recht, von Handke, der vier Jahre später diesen Ort besucht und darüber schreibt, nichts anderes zu lesen als eine klare Verurteilung Serbiens als Kriegsverbrecher. Da Handke die schuldig bleibt, ist er als verlogener Apologet serbischer Kriegsverbrechen entlarvt.

Bei der gewöhnlichen Denunziation, bei der ein Moralist die eigene Parteilichkeit als allgemeingültigen Maßstab an die Welt anlegt und jedem Andersdenkenden schuldhafte Abweichung von der eigenen Deutung der Verhältnisse vorwirft, kann es allerdings nicht bleiben, wenn ein Schriftsteller den anderen der geistigen Mithilfe beim Massakrieren bezichtigt. Stanišić fordert die in seinem Sinne korrekte Sicht der Dinge als poetische Pflicht ein. Als Schriftsteller hätte Handke sich die Wirklichkeit aneignen statt zurechtlegen sollen, dann wäre er statt eines Lügners ein gewissenhafter Dichter. Worin der unterschiedliche Wahrheitswert, überhaupt der Unterschied von „Sich-Aneignen“ und „Sich-Zurechtlegen“ besteht? Bei Dichtern eine subtile Frage, die zu beantworten dem spontan applaudierenden Publikum in der Paulskirche indessen leicht fiel: in der Konformität des poetischen Gewissens mit der Moral, die die herrschende Politik und ihre nationale Öffentlichkeit für sich beansprucht, worin denn sonst?

3. Die professionelle Inquisition der Literaturkritik im „Perlentaucher“

macht es sich nicht so einfach wie die Prominenz in der Paulskirche. Da findet mehr als ein bloßer negativer Standpunktabgleich statt, denn man liest Handke schon seit Jahrzehnten und taucht sprachlich wie ideologisch tief in seine Texte ein, um dort Abgründe zu entdecken. Welche das sind, wird von der deutsch-kroatischen Schriftstellerin Alida Bremer resümiert, wobei als wichtiger Gewährsmann der Germanist Jürgen Brokoff fungiert, der bereits 2010 feststellt:

„‚Der eigentliche Sündenfall dieses Autors ereignet sich nicht auf dem Feld des Politischen, sondern auf dem Feld des Literarischen.‘ Textstrategisch sei Handke äußerst geschickt, und das Verunklaren gehört dazu: Wirklich festnageln können wir diese Stimme nie.“ (Hier und im Folgenden zitiert aus: Der Perlentaucher, 25.10.19)

Wir vielleicht nicht, aber Frau Bremer und Herr Brokoff haben dafür den richtigen Hammer:

„Schwadronieren über das Volk, Hass auf die Journalisten, Kritik des Westens, die Überzeugung, dass man im alleinigen Besitz der Wahrheit sei, diese raffinierte Schläue, mit der Handke bestimmte Dinge sagt und nicht sagt, diese rhetorische Fragerei, dieses ständige Vor-und-Zurück der Aussagen, all das gehört zum Instrumentarium des rechten Diskurses, der zwanzig Jahre nach jenem Theaterstück [nämlich Handkes ‚Die Fahrt im Einbaum‘] auch unseren öffentlichen Raum bedroht.“

Richtig festgenagelt, wird der verkappte Reaktionär Handke unmittelbar kenntlich als raffinierter Agent des rechten Diskurses, der alle Welt dazu verführt, dass sie Journalisten nicht leiden kann und sich Kritik am Westen herausnimmt; der dreist genug sein soll, die Wahrheit seiner Aussagen zu behaupten – ganz im Gegensatz zu seinen Kritikern, die jederzeit beteuern würden, dass sie keineswegs im alleinigen Besitz der Wahrheit sind, und schon deshalb uneingeschränkte Anerkennung für ihre unbedingte Parteinahme – z.B. für den NATO-Krieg des Westens in Jugoslawien – verdienen. Die Hetzer gegen Handke empfinden die Tatsache, dass der nicht an ihre Sicht der Dinge als gültige ‚Wahrheit‘ glaubt, als so skandalös, dass sie das nur mit der ultimativen politmoralischen Verwerflichkeit Handkes erklären können:

„Es ist Handkes häufig betonter Hass auf die Nazis von vor siebzig Jahren, sein von Henrik Petersen herausgehobener ‚Antifaschismus‘, der zur Verblendung seiner Befürworter führte, die seinen Hass auf die internationale Berichterstattung oder auf das Haager Tribunal zwar sahen, aber nicht als rechtes Denken erkannten...
Ignazio Silone soll gesagt haben: ‚Wenn der Faschismus wiederkehrt, wird er nicht sagen: „Ich bin der Faschismus.“ Nein, er wird sagen: „Ich bin der Antifaschismus.“‘ Möglicherweise versteckt sich in dieser Warnung die Antwort auf die Frage nach der Verblendung einiger Bewunderer des jüngsten Nobelpreisträgers gegenüber seinen politischen Positionen und diskursiven Praktiken.“

Es ist die Tarnkappe des bekennenden Antifaschisten, die Handke als das Gegenteil, als Wiedergänger des Faschismus unsichtbar macht – bzw. ihn für alle nicht Verblendeten als ebensolchen entlarvt.

4. Die Selbstrechtfertigung der Schwedischen Akademie

erfolgt noch vor der Preisverleihung, und zwar mit dem Hinweis, man müsse zwischen Person und literarischem Werk unterscheiden (Zeit Online, 10.12.19). Die laute Kritik in der europäisch-US-amerikanischen Öffentlichkeit sowie auf den angekündigten Demonstrationen weist die Akademie zurück, indem sie sich auf die bekannte Devise beruft, dass die Wertschätzung literarischer Werke unabhängig bleiben müsse von der Einschätzung der moralischen Glaubwürdigkeit ihrer Autoren. Diese Devise ist umstritten, seit es sie gibt, aber nicht totzukriegen, weil es ein unverwüstliches Interesse daran gibt, der Literatur eine moralische Deutungshoheit ganz eigener, künstlerischer Art zuzuerkennen, die durch irgendwelche dingfest gemachten moralischen oder charakterlichen Verfehlungen ihrer Schreiber nicht anzutasten ist. [4] Andererseits hat sich die Akademie das Urteilen über den politmoralischen Charakter des Werkes von Handke überhaupt nicht verkniffen, genauso wenig wie den Rückschluss auf die Gesinnung des Autors, den sie auszeichnet. Dazu der von Frau Bremer oben schon erwähnte Henrik Petersen, ein Mitglied des Nobelpreiskomitees:

„Im Gegensatz zu vielen, die sich in den letzten Tagen über ihn geäußert haben, wollen wir uns auf der Suche nach Antworten seinen Texten zuwenden – und dort werden wir die antifaschistische Haltung entdecken, die sein gesamtes Oeuvre durchzieht. Dazu gehört die Auseinandersetzung mit dem Erbe des Nationalsozialismus.“ (Zitiert nach: Der Perlentaucher, 22.10.19)

Die Stellung zum Faschismus ist auch für Petersen die Gretchenfrage, das Bekenntnis zum immerwährenden antifaschistischen Wächteramt der Literatur das moralische Mindestmaß, das nicht erfüllt zu haben Handke als preiswürdigen Dichter diskreditieren müsste. Umgekehrt ist für diesen Juror mit der erwiesenen Erfüllung des politischen Anstandskriteriums durch den Schriftsteller das moralisch Unabdingbare also dann auch geleistet, so dass man sich befreit der sprachlichen Genialität von Handkes Dichtung zuwenden kann.

Und das nicht nur in Stockholm.

5. Die Handke-Apologeten

„‚Der große Dichter Handke hat den Nobelpreis zehnmal verdient‘, versicherte die Nobelpreisträgerin Elfriede Jelinek. Für sie gehe es dabei einzig um literarische Qualität.“ (DW, 05.12.19)
„Nur halb korrekt, nur halb mutig: mit Olga Tokarczuk gewinnt einer der großen Favoriten der Buchmacher und eine Autorin, die so etwas wie einen polnischen ‚magischen Realismus‘ mit christlicher Grundierung erfunden hat. Die Entscheidung für Peter Handke ist entschieden mutiger: Er hat sich international viele Feinde zugezogen mit seiner Verteidigung Serbiens in den Jugoslawienkriegen. Aber mehr Dichter als Handke geht nicht. Darum ein Preis für echte Literatur – ohne Hintergedanken.“ (Denis Scheck, Literaturkritiker)

Den Handke-Apologeten wie Jelinek und Scheck, die bei ihrer Wertschätzung Handkes von dessen politischem Engagement in Sachen Gerechtigkeit für Serbien abstrahieren, werfen die Handke-Kritiker „Zynismus“ vor. In einer Hinsicht vertun sie sich da. Der Handke-Fanclub besteht nicht aus Literaturgourmets, denen alles andere egal ist. Mindestens eines ist ihnen nicht egal, nämlich das, was Scheck schlicht echte Literatur – ohne Hintergedanken nennt. Ein Hintergedanke wäre der Gedanke an etwas über die Literatur hinaus, an einen Zweck oder eine Verpflichtung, für die sie jenseits ihrer selbst gut oder gar nützlich sein sollte. Das findet die echte Literatur-Fraktion fast schon ein Verbrechen, nämlich gegen den essenziellen Wert der Literatur, sich selbst zum Zweck zu haben. Diese Freiheit ist das, was die Handke-Schwärmer nach eigener Aussage bei der Handke-Lektüre finden; [5] und diese Freiheit duldet keine von ‚außen‘ an die Literatur ‚herangetragene‘ moralische Verpflichtung, sondern rechtfertigt sich ebenso selbstbewusst wie selbstgenügsam durch die ästhetische Aufbereitung und Deutung des kleinen und großen menschlichen und Weltgeschehens. So avanciert der zum großen Dichter, der eine durch nichts als sich selbst anerkennungswürdige Literatur, mithin eine Literatur als Höchstwert, produziert haben soll. Dass Handke sich international viele Feinde zugezogen hat, ist Scheck nicht deshalb der Erwähnung wert, weil er den gegen den Mainstream gerichteten moralischen Standpunkt Handkes unterstützen will, sondern weil der ihm etwas anderes beweist: Wenn ein Schriftsteller sich demonstrativ den Forderungen der Political Correctness nicht anbequemt, dann ist er über jeden Verdacht des Opportunismus erhaben – es kann ihm nur um Dichtung schlechthin als Ort höherer, durch das wohlgeformte Wort beglaubigter Wahrheiten gehen. Deshalb findet Scheck die Preisverleihung an Handke uneingeschränkt korrekt und mutig, im Gegensatz zur Verleihung desselben Preises an die Polin Tokarczuk, die dem Literaturkritiker zufolge zur Hälfte von den Buchmachern, das soll wohl heißen: von Berechnungen der Akademie auf die politische Wirkung der Auszeichnung bestimmt wurde.

Fazit

Ist es nicht Sache der Literatur, die höchsten menschlichen Werte, aber je konkreter, umso mehr eben auch in ihrer jeweils korrekten, national gültigen Lesart zu vertreten? Oder ist Literatur selbst eine moralische Größe der obersten Kategorie, die vor jedem Dienst, und sei es dem am gerade gebotenen politmoralischen Anstand, bewahrt werden muss, damit sie uns den schönen Schein der Freiheit, die sie verspricht, auch verschaffen kann? Aber heißt das nicht wiederum gerade, dass Literatur als solche in all ihrer Freiheit stets verantwortlich die allgemein anerkannt höchste moralische Warte einnehmen muss, damit sie sich und ihrer Bedeutung gerecht wird? Ein schöner Zirkel der wechselseitigen Entsprechung von allem erdenklich Guten mit der Literatur und umgekehrt, der anlässlich des Nobelpreises mal wieder die Welt des Feuilletons bewegt hat. Diesmal mit besonderem Eifer. Der verdankt sich weniger den konkurrierenden literarischen Vorlieben als solchen; ein Scheck schätzt auch mal ‚engagierte‘ Literatur und die Jelinek versteht sich durchaus auf den Faschismus-Vorwurf als unwidersprechliche Kennzeichnung politischer Verwerflichkeit; es liegt an der zirkulären Sache, dass jeder Kunstliebhaber darin mit gleichem Recht jede Position im Hinblick auf das Verhältnis von ‚Literatur und Leben‘ im Reich des ‚Schönen‘ und ‚Wahren‘ einnehmen kann – auch da herrscht Freiheit. Die besondere öffentliche Aufregung anlässlich der weltweit bedeutendsten Literaturpreisverleihung speist sich aus den unterschiedlichen moralischen Geltungsansprüchen der weltöffentlich geehrten Kultur im Verhältnis zum aktuell gültigen politischen Geisteshaushalt, die da auf- und gegeneinander gestellt werden.

Die Handke-Kritiker bestehen darauf, dass das ‚Narrativ‘, das die imperialistische Neuordnung des Balkan durch NATO und EU als Rettung der Humanität vor der Barbarei legitimiert, die schiere ‚Wirklichkeit‘ abbildet. Sie erheben ihre Stimmen von einer Warte, die so hoch wie sicher ist, dass diese Deutung durch die gewonnenen Kriege und die politische Unterordnung des Balkan unter NATO und EU mächtig Recht bekommen hat. Insofern verstehen sie sich mit ihrer Gesinnung als der gute, nämlich verbindliche Geist der herrschenden Verhältnisse und leiten daraus den Auftrag ab, auch im Geistesleben der Nation Taten und Gesinnungen so gewissenhaft wie streitlustig einer moralischen Prüfung zu unterziehen und dafür zu eifern, dass jemand, der diese Deutung nicht anerkennt, sich moralisch diskreditiert und keinerlei Respekt und Hochachtung als nationaler Kulturvertreter verdient. Anders die Befürworter der echten Literatur, die auf die Selbstständigkeit und Freiheit ästhetischen Schaffens pochen. Sie bestehen auf der moralischen Sonderwirtschaftszone der Literatur als Ausweis unserer liberalen Werte, die menschlich wie politisch höher stehen als jedes moralische Auftragswesen.

*

Passenderweise fand der heftige Disput, wie das Gute der Literatur und die Güte der Macht recht eigentlich zusammengehören, anlässlich des Nobelpreises 2019, also aus Anlass eines Preises statt, dessen weltweiter Status zwischen diesen beiden Sphären schwebt und damit sowohl für die Relevanz der Literatur für die weltweite Machtausübung wie auch für die gebotene Unabhängigkeit von ihr bürgt. Insofern können alle, die in den vergangenen Jahren um die Schwedische Akademie gebangt haben, beruhigt sein: Sex- oder Korruptionsskandale werden ihre moralische Autorität nicht untergraben, solange es ein Interesse an der Autorität dieser Institution gibt.

[1] ‚Olga Tokarczuk hat ein Grundanliegen, die große Geschichte religiös, mythisch, mystisch zu erzählen‘, sagt der Dlf-Literaturredakteur Hubert Winkels über die Preisträgerin für 2018. Die Autorin verarbeitet oft historische Stoffe. ‚Im neuen Buch, das gerade jetzt in Deutschland erschienen ist, Die Jakobsbücher, ist es das 18. Jahrhundert, als Polen und Litauen noch gerade eine Weltmacht waren, aber zugrunde gingen.‘ Dabei gehe es um mehr als die bloße Handlung, alles sei grundiert von ‚so einem düster-mythischen All-Einheits-Denken‘, sagt Winkels. Er sieht darin eine Art ‚kryptoreligiöse Tiefenströmung, die Tokarczuks Prosa schwer, melancholisch, sehr meditativ teilweise macht. Es ist eine melancholische Hingabe an die Welt.‘ (Deutschlandfunk, 10.10.19) Vielleicht nicht ganz der Geschmack des Kritikers, aber ohne Zweifel literarisch wertvoll.

[2] Saša Stanišić erhält den Deutschen Buchpreis 2019 für „Herkunft“, deutscher-buchpreis.de, 14.10.19.

[3] Zitiert nach dem Abdruck der Dankesrede in der Paulskirche bei orf.at, 14.10.19.

[4] Dass dieses Interesse an der Verhimmelung der Literatur zu einer unfehlbaren Erkenntniskraft dessen, was die Peripherie und die Spezifizität der menschlichen Erfahrung zusammenhält, auch diejenigen teilen, denen gerade mal nach Anfechtung dieser Anmaßung ist, führen die Kritiker der Akademie selbst vor. „In die Rede von der Autonomie der Kunst hat sich ein folgenreicher Irrtum eingeschlichen, nämlich die Annahme, ihre heiligen Wahrheiten dürften auf keinen Fall durch öffentliche Deutungen behelligt, kritisiert oder, wie Handke im Zeit-Interview sagt, ‚denunziert‘ werden. Das klingt zwar vornehm, ist aber muffige Kunstreligion. Sie sperrt die Literatur in den Tabernakel einer fingierten Weltlosigkeit, macht ihre Lektüre steril und zieht der Kritik den Zahn. Doch ausgerechnet die beiden Literaturnobelpreisträger, nicht nur Olga Tokarczuk, sondern, verblüffend genug, auch Peter Handke, haben in ihren Stockholmer Reden vorgeführt: Gerade dann, wenn sich Schriftsteller ihrer reinen literarischen Fantasie überlassen, verbinden sie das Ästhetische mit dem Politischen. Das Thema der Kunst ist nicht die Kunst. Es ist die reale Welt. Die Aktualität.“ (Thomas Assheuer, Die Zeit, 12.12.19) Diese Argumentation lässt sich in der gleichen Zeitung auch umdrehen: Nicht nur führt die Kunst den schlechten Charakter des Schreibers, ob der will oder nicht, zum Wesentlichen. Vielmehr führt auch der schlechte Charakter des Schreibers zum Wesentlichen der Kunst: Die Pointe besteht aber nicht darin, dass daraufhin das Werk zu verwerfen ist, weil der Mensch dahinter unseren Sittlichkeitsansprüchen nicht genügt. Die Pointe besteht darin, dass gerade die Abweichung von der Norm die Werke inspiriert und ihnen oft erst den Stachel und das Beunruhigende gibt, das es erlaubt, überhaupt von Kunst zu sprechen (im Unterschied zu einem Leitartikel oder einem Parteiprogramm). So Jens Jessen in Die Zeit 45/2019. Die Affirmation der moralischen Denunziation des Künstlers als Lob der Kunst. Auch nicht schlecht.

[5] Wie wohltuend es doch sein kann, sich ganz allein auf Buchstaben und Wörter zu konzentrieren, erhellenden Sätzen zu folgen und Geschichten zu lesen, die die Welt als ständig neu zu erobernde betrachten. Und wie gut tut es, sich nach dem Getöse, das Peter Handkes Kür zum Nobelpreisträger hervorgerufen hat, auf sein singuläres Werk zu konzentrieren und zu vergessen, was oft literaturferne Moraltrompeter und Tugendprediger in den letzten Wochen mit rätselhaftem Furor zum Besten gegeben haben. (Rainer Moritz, Dlf Kultur, Dezember 2019)