Literaturnobelpreis an Dario Fo

Dieser Artikel ist in der Reihe Chronik – kein Kommentar! der Zeitschrift GegenStandpunkt 4-97 erschienen. Sie kann über den Buchhandel oder direkt beim Verlag als Druckausgabe oder E-Book erworben werden.

Grand prix de Nobel: Twelve points for Italy

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Kriterien für die Vergabe des Literaturnobelpreises und der Streit über die Preisverleihung an Dario Fo.

Grand prix de Nobel: Twelve points for Italy

Die Nobelpreisarithmetik hat unter Anwendung ihrer strengen ästhetischen Kriterien – 1. „Nation“, die nach ihrem Rang in der Hierarchie der Mächte zur Ehrung ansteht, 2. „Kunstgattung“, die mal wieder dran ist (Lyrik, Drama etc.), und 3. „Botschaft“, die in die Welt paßt – dieses Jahr den Italiener Dario Fo als Träger des Literatur-Nobelpreises errechnet.

Im Unterschied zu den vergangenen Jahren hat das Komitee der Kulturwelt die Mühe erspart, die Nation des Geehrten und seine Werke erst ausfindig machen zu müssen. Während damals gemäß Kriterium 1 etlichen Drittweltländern bescheinigt werden sollte, daß auch sie in ihrer ganzen Schäbigkeit und Bedeutungslosigkeit Mitglieder der Völkerfamilie sind, daß auch ihre Insassen zur Gattung der Menschen gehören – Beweis: auch Neger und Schlitzaugen können dichten –, sind Nation und Werk des diesjährigen Nobelpreisträgers zwar bekannt. Aber seine Eignung ist umstritten.

Für ihn soll sprechen, daß er lustig ist, nicht nur Schriftsteller, sondern auch Schauspieler, und der Linken bzw. dem, was heute als links gilt, zuzurechnen: weil er in der Nachfolge der mittelalterlichen Gaukler (der Commedia dell’ arte) die Macht geißelt und die Würde der Schwachen und Gedemütigten wieder aufrichtet – heißt die Begründung des Komitees. Gegen ihn soll genau dasselbe sprechen: Es handelt sich nämlich um einen italienischen Politclown, unseriös, weil er unterhaltsam, weil er kein Schriftsteller, sondern ein Schauspieler, und weil er links ist bzw. das, was heute für links erklärt wird.

Die Vertreter des Pro und Contra äußern sich streng als Anwalt eines der drei Kriterien unter gekonnter Vermischung mit den anderen. Vertreter von Kriterium 2, Künstler und Feuilletonchefs, fühlen sich, ganz nach ihrem feinen Geschmack, entweder durch den Hinweis auf die soziale Bedeutsamkeit ihres Treibens (Kunst als Dienst am Volk!) geehrt oder mutmaßen umgekehrt, ob mit diesem windigen Kaliber nicht eigentlich die Würde der Kunst beeinträchtigt, in politische Niederungen gezogen wird, so daß sie sich als deren Bannerträger beleidigt fühlen müssen. Zu dem Zweck verbreiten sie Hintergrundwissen, nach dem es sich um eine Verlegenheitslösung handelt, weil ein Dramatiker an der Reihe gewesen wäre, und zwar kein englischsprachiger… Oder sie nehmen die Gelegenheit wahr, mit der unterstellten Mißachtung des Preisträgers Kollegen zu beleidigen, die sie immer schon mal beleidigen wollten. (Achternbusch: …immer noch besser als Günter Grass; Zeffirelli: …immer noch besser als Umberto Eco)

Die notwendigerweise pluralistisch auftretenden Vertreter von Kriterium 1 sind empört, weil Portugal drangewesen wäre, oder jedenfalls nicht Italien, sondern Günter Grass. Befriedigt, weil mit Italien eine 1a-Euro-Kulturnation drangekommen ist, empört, weil „Kultur“ aber doch nicht so aussieht. Insbesondere die Fachleute der geehrten Nation geraten in Streit, ob die Nation sich mit der Gestalt von Fo nun eher geehrt oder trotz ihrer Maastricht-Solidität wieder einmal als Haufen liebenswürdiger Lebenskünstler mißverstanden fühlen soll.

Die berufsmäßigen Vertreter von Kriterium 3 äußern sich ebenfalls auf sehr übersichtliche Art und Weise. Der Osservatore Romano, immer schon ein Verteidiger der Qualitätsmaßstäbe von Kunst, zeigt sich entsetzt über die Wahl eines Hofnarren. Andere, zufrieden mit der volksnahen Entscheidung, dichten dem Lebenswerk des Geehrten allen Ernstes die Leistung an, verständlich zu machen, wie die Politik, die Wirtschaft, die Gesellschaft laufen, damit man sie in andere Richtungen lenken kann und der ‚kleine Mann‘ nicht mehr umgangen wird. Woraus man lernen kann, wie schwer die Aufgabe der Preisverleiher ist, vermittelt über die schwierige Ehre von Künstlern (lauter Giftnudeln im Namen höherer Werte), die Ehre von Nationen (ebenfalls Giftnudeln) zu pflegen.

Aber das Komitee wird sich schon seines gedacht haben. Mal abgesehen von den Gründen, nach denen die dramatische Kunst und Italien irgendwie an der Reihe waren, hat der Beschluß auch hinsichtlich des 3. Gesichtspunkts viel für sich: Je mehr die Produktion von Schwachen voranschreitet, umso dringlicher ist es, daß sich auch einer um deren Würde kümmert. Witze über die Mächtigen – das haben sich die Schwachen verdient, das hält sie bei Laune. Und daß so etwas in Zeiten massenhafter Ausdehnung der Kunstgattung „comedy“ gefährlich wäre, denkt auch nur der Vatikan. Auch die Botschaft, daß und wie Linkssein völlig in Ordnung geht, paßt in eine Welt, in der der Kommunismus so gründlich tot ist, daß nach 50 Jahren Ausschluß die „Linke“ in einer italienischen Regierung sitzen darf, in einer Regierung, die nachweislich keine linke, sondern beste nationale Politik macht.

Schließlich verbucht auch der Geehrte die Preisverleihung ungerührt als persönlichen Triumph. Daß die Sache, für die er sich aus dem Fenster gehängt hat, die ihm seinerzeit etliche Verhaftungen wegen polizeiwidrigen Denkens eingebracht hat, komplett unter die Räder gekommen ist, stört ihn wenig; die Verwechslung von Person und Sache gehört bei Künstlers zum Beruf. Ebenso wie die Verbeugung vor dem Zeitgeist: Wenn das Vaterland in Not ist, dann kennen auch berufsmäßige Nestbeschmutzer ihre Pflicht. Dann halten sie es für angebracht, auf öffentlichen Plätzen gegen den Separatisten Bossi die Nationalhymne zu singen und damit klarzustellen, daß sie mit ihren lebenslänglichen Beleidigungen von Italien, seinen Politikern und seiner Kirche immer nur das Beste fürs Vaterland gewollt haben. Offensichtlich kennen auch „Flegel“ –

„Wir sind Flegel. Wir sind überzeugt, daß im Gelächter, im Grotesken, in der Satire, der höchste Ausdruck des Zweifels liegt, die wichtigste Hilfe der Vernunft.“ (SZ 10.10.)

ihre nationale Verantwortung.

Da schon alle die Entscheidung kritisieren, auch hier noch eine kritische Anmerkung: Das Nobelpreiskomitee hat etwas verwechselt. Wenn es wirklich Komik prämieren wollte, hätten die Jungs von der Wirtschaftswissenschaft den Preis viel eher verdient: Erst eine todsichere Formel für Spekulanten aufstellen, die laut Nobelpreiskomitee „zu einem beispiellosen Wachstum der Märkte für Derivate beigetragen“ haben soll, um sie dann in den Crash zu hetzen. Das hat buffoneskes Format.


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