Jelzin-Nachrufe

Dieser Artikel ist in der Reihe Chronik – kein Kommentar! der Zeitschrift GegenStandpunkt 2-07 erschienen. Sie kann über den Buchhandel oder direkt beim Verlag als Druckausgabe oder E-Book erworben werden.

Nachrufe auf Boris Jelzin: Die Zwar-Aber-Persönlichkeit

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Die Nachrufe auf Boris Jelzin gelten einem Staatsmann, der das Staatswesen, in dem er an die Macht gekommen war, so gründlich reformiert hat, dass es hinterher nicht mehr vorhanden war. So einer heißt „Radikalreformer“. Die herzlichsten Komplimente für diese außergewöhnliche Leistung stammen begreiflicherweise aus dem freien Westen. Einem Mann, der den Nato-Häuptlingen den Sieg im Kalten Krieg einfach geschenkt, der ihnen jeden Kriegsaufwand erspart hat, indem er die Weltmacht von oben herab zersägt hat, dem muss man ganz einfach Größe hinterhersagen.

Nachrufe auf Boris Jelzin: Die Zwar-aber-Persönlichkeit

Die Nachrufe gelten einem Staatsmann, der das Staatswesen, in dem er an die Macht gekommen war, so gründlich reformiert hat, dass es hinterher nicht mehr vorhanden war. So einer heißt Radikalreformer. Die herzlichsten Komplimente für diese außergewöhnliche Leistung stammen begreiflicherweise aus dem freien Westen. Einem Mann, der den NATO-Häuptlingen den Sieg im Kalten Krieg einfach geschenkt, der ihnen jeden Kriegsaufwand erspart hat, indem er die Weltmacht von oben herab zersägt hat, dem muß man ganz einfach Größe hinterhersagen.

Nachdem aber staatsmännischer Erfolg meistens doch eher am Nutzen des großen Mannes für dessen eigenes Gemeinwesen festgemacht wird und die Jelzin’schen Errungenschaften, was die Sowjetunion betrifft, mehr Ähnlichkeit mit dem Tatbestand des Vaterlandsverrats besitzen, und nachdem man sich andererseits auch hierzulande mit den Trümmern, in die der große Mann die Sowjetunion zerlegt hat, nicht gut bedient fühlte und fühlt, kann es beim einfachen Lob nicht bleiben. So haben die Grabredner alle noch einmal Revue passieren lassen, was er ihnen recht und nicht recht gemacht hat, haben ihre Vor- und Nachteilsrechnungen in seine Leistungen und Fehler umgetauft, und ihre Bilanz als dessen Charakter präsentiert: widersprüchlich und tragisch. Ein tragischer und widersprüchlicher Held (Der Standard) ... hat mit seinem widersprüchlichen, oft unberechenbaren Wesen das Schicksal Russlands im Guten wie im Bösen geprägt. (Die Welt) Dermaßen widersprüchlich, dass ihn ein Organ aus dem Rheinland schon doppelt sieht: ...der beliebteste russische Politiker aller Zeiten, dem 72 Prozent aller Russen vertrauten – ein Mann aus dem Volke. Ein Mann, den sie für das Ende der Sowjetunion und wirtschaftliches Elend verantwortlich machen. Welcher nun war der echte Jelzin? (Kölner Stadtanzeiger)

Also nochmal von vorne. Am Anfang steht natürlich immer sein beispielloses Verdienst.

1. Sowjetunion kaputt, Jelzin brachte Russen Freiheit

Für das Zerschlagen von Herrschaft können sich die Nachruf-Schreiber begeistern – vorausgesetzt, es findet in Feindesland statt. Dort hat Freund Jelzin dazu beigetragen, dem östlichen Imperium die Fesseln abzustreifen und seinem russischen Kernland zu demokratischer und wirtschaftlicher Aufbruchsstimmung zu verhelfen. (FAZ) Sogar die Sowjetunion selbst wird in den Kreis der glücklichen Nutznießer der neuen Freiheit eingeschlossen: Von ihren Fesseln und damit gewissermaßen von sich selbst befreit, schrumpft sie auf ein „Kernland“, dem - man beachte die Feinheit – zwar nicht zu einem Aufbruch, aber zu einer solchen Stimmung verholfen wird.

Auch eine andere Seite dieser Jelzin’schen Leistung wird gerne gerühmt: Er hat Unmögliches gewagt und geschafft: das Ende der Sowjetunion, ohne Blutvergießen. (Stern) Dass er auf keine nennenswerte Gegenwehr getroffen ist, weil die herrschende KPdSU mit dem Bedürfnis, die Erfolgsmethoden des Westens zu kopieren, selber schon in voller ideologischer Auflösung begriffen war; dass selbst den Putschisten, noch während ihres missglückten Anlaufs, die Sowjetunion zu retten, der Mut zum Putsch vergangen ist – das alles soll Jelzins Leistung gewesen sein?! Viel Ehre für eine Charaktermaske, die mit den Mitteln der Staatspartei an die Spitze gekommen war und deren falsche Selbstkritik auch nur vollendet, nämlich gegen sie selbst und ihre Herrschaft gewendet hat.

Um Jelzin eine unblutige Beendigung der Sowjetunion anzurechnen, ist außerdem einiges Abstraktionsvermögen verlangt. Vom Blutvergießen z.B. in Tschetschenien, z.B. in den diversen Separationskriegen muss da abgesehen werden. Das Lob der Freiheit, die Freund Boris gebracht hat, sieht grundsätzlich davon ab, was da durch den Sturz der alten Ordnung befreit worden ist, was sich an deren Stelle gesetzt hat – der Triumph des Nationalismus in seinen zahlreichen Schattierungen, die Entfaltung nationaler Konkurrenzen und Gehässigkeiten quer durch die Union, die Bürgerkriege, Separationskriege, die sogenannten eingefrorenen Konflikte, die bis heute – mittlerweile unter tatkräftiger Mitwirkung der westlichen Mächte – die Tagesordnung der glücklichen freien Völker bestimmen. Das alles klammert die Optik der Nachrufe aus. Im Unterschied zum gemeinten Blutvergießen, einem Ende der Sowjetunion durch den damals gefürchteten Dritten Weltkrieg sind das ja Kleinkonflikte, die uns nichts gekostet haben bzw. inzwischen als unsere Rechtstitel und Hebel gegen Russland fungieren.

2. Sowjetunion zwar kaputt, aber dann? Jelzin brachte Russen Freiheit – und Chaos.

„Zwar konnte sich Russland unter seiner Herrschaft von der Sowjetherrschaft befreien, doch das starke und blühende Russland, das Jelzin sich gewünscht hatte, erlebte er nicht mehr.“ (Deutsche Welle)

Jetzt ist die Fähigkeit zum Unterscheiden gefragt: Damit das hohe Lied der Freiheit keinen Schaden leidet, wird die Demontage der Sowjetherrschaft seziert in ein Geschenk an die Untertanen auf der einen und gewisse unschöne Wirkungen auf der anderen Seite. Die heißen Chaos, eine Namensgebung, die den Vorteil an sich hat, dass weit und breit kein Grund dieser Zustände zu entdecken ist, keine Interessen namhaft zu machen sind, die sich in der markant destruktiven Weise betätigen.

Allerdings enthält die Fassung schon auch eine unfreiwillige Kritik am Radikalreformer: Was für eine schöne Reform, die zielgerade in solche Zustände hineinführt. Was die Bewunderer des großen Mannes mit dem Titel ‚Reform‘ zu bezeichnen belieben, ist die Tatsache, dass die Mannschaft um Jelzin & Co weder mit einem gewissen Verständnis davon ausgerüstet war, wie das eigene System funktionierte, das sie verbessern wollte, noch vom fremden, das sie übernehmen wollte. An der Regierungskunst des Verblichenen, der Abfassung unzähliger Diktate mit dem Inhalt, dass es jetzt gefälligst mit der Nation wieder aufwärts gehen solle und dass seine Diktate gefälligst befolgt werden sollen, war abzulesen, wie unter den Reformen deren Objekt zugrunde ging, wie die Existenzbedingungen der gesamten Nation ruiniert wurden und drüberher auch der Herrschaftsapparat seine Funktionstüchtigkeit verlor. Ein so radikal reformerisches Lebenswerk ist in der Tat nicht alle Tage zu besichtigen!

Über den Verdacht, dass Freiheit und Chaos auf demselben Mist gewachsen sein könnten, dass mit dem Zertrümmern der sowjetischen Apparate und der Planwirtschaft nicht nur diese, sondern auch die Lebensgrundlagen der gesamten Nation zerschlagen wurden, hilft aber die stringente Einteilung von Jelzins Vita in einerseits Leistung, andererseits Versagen ganz gut hinweg.

3. Zwar Marktwirtschaft, aber Katastrophe

„Fest eingebrannt in das kollektive Gedächtnis der Russen bleiben auch die wirtschaftlichen Katastrophen, die mit den Reformversuchen Jelzins verbunden waren. Zweimal – zum Jahreswechsel 1992/1993 durch Inflation und dann noch einmal durch den Rubel-Crash 1998 – verloren sie ihre sämtlichen Ersparnisse und mussten praktisch bei Null anfangen.“ (Die Welt)
„Doch für die Russen ist der Name Jelzin auch mit negativen Ereignissen verbunden: der Freigabe der Preise, der Entwertung der Sparguthaben, mehrere Finanzkrisen.“ (Die Presse)

Ausgerechnet die Sparguthaben haben es den Nachrufverfassern besonders angetan. Sparbücher, mit denen man sich nichts kaufen kann, entsprechen in ihrem Vorstellungsvermögen wohl am ehesten dem Bild einer Katastrophe. Wieviel sachlicher Reichtum unter Jelzins Regentschaft in die Binsen geht, dass eine Deindustrialisierung stattfindet, allenthalben die Produktion notwendiger Lebensmittel zusammenbricht und lauter ehedem gültige realsozialistische Existenzgarantien in Sachen Ernährung, Gesundheit, Wohnen etc. gekündigt werden, so dass mit dem Ruin der Lebensgrundlagen auch das Volk soweit dezimiert wird, dass in nur 10 Jahren Jelzin’scher Reformen die durchschnittliche Lebenserwartung der Russen um 10 Jahre gesunken ist, das alles halten Kreise, die sich Krisen nur als Finanzkrisen denken können, nicht für bemerkenswert.

4. Zwar Marktwirtschaft, aber „Raubkapitalismus“

„Durch die schnelle Privatisierung vieler großer Staatsbetriebe zerschlug er die wirtschaftliche Basis des alten Sowjetsystems, öffnete aber zugleich einer grenzenlosen Selbstbereicherung dubioser Raubkapitalisten Tür und Tor.“ (Wirtschaftswoche)

Auch hier heißt es wieder genau unterscheiden: Das Sowjetsystem zerschlagen, die Betriebe dem Privatinteresse überantworten, das ja bekanntlich Wunderdinge wirkt, bis dahin ist alles in Ordnung, aber zugleich kommen dabei die Falschen, dubiose Raubkapitalisten zum Zug. Eine scharfe Kritik: Boris hätte doch lieber seriöse, statt dubiose Kapitalisten nehmen sollen, solche mit Tradition und ausgewiesenen Bilanzen. Nicht nur die paar Oligarchen, sondern am besten gleich eine ganze Klasse von denen; die hätten dann nicht sich bereichert, sondern – ja wen eigentlich? –, aber wenigstens in gesunden Grenzen. Dass es Jelzin nicht gelungen ist, in Russland einen Kapitalismus ohne dessen typische Pioniere und ohne die Wildwestmanieren der Gründerzeiten einzuführen, wird als großes Minus in den Nekrologen verbucht. Jedenfalls entspricht dieser russische Dreckskapitalismus überhaupt nicht unserem Bild von Privateigentum:

„Seine Privatisierungkampagne wird ein Erfolg – für die „Mafija“ und für parasitäre Bürokraten, die innerhalb kürzester Zeit zu Milliardären werden. Zu Dollar-Milliardären. Das Volk geht leer aus.“ (Stern)

Dass die Privatisierung Schluß macht mit der totalitären Gleichmacherei und eine freiheitliche Differenzierung von reich und arm, ein Grundelement der Marktwirtschaft, an deren Stelle setzt, war notwendig und richtig; aber dass dabei dermaßen schocktherapeutisch schnell, dermaßen viel dermaßen Arme herauskommen, das war echt nicht schön. Denn schließlich könnten dadurch ja die Vorzüge dieses doch an sich eher liebenswerten Systems verdunkelt worden sein. Eine kritische Stimme in der Süddeutschen Zeitung – Wer die Verflechtung von Wirtschaft und Politik im heutigen Russland kritisiert, darf über das Jahr 1996 nicht schweigen. (das Jahr, in dem die Oligarchen Jelzin den Wahlsieg und sich das Recht auf Aneignung der kapitalistisch verwertbaren Trümmer der Sowjetwirtschaft gekauft hatten) – schweigt schon 9 Jahre später nicht: Aus diesem Grund aber auch gehört das tiefe Misstrauen gegen eine freie Wirtschaft zum heikelsten Teil des Jelzinschen Nachlasses. Dieselbe Sorge hegt der Stern: Doch er ließ es zu, dass unter ihm ‚Demokratie‘ zum Schimpfwort wurde, zum Synonym für Armut und Mafia. Seitdem muss man sich hierzulande um die Linientreue der russischen Massen Sorgen machen. Sie könnten ja möglicherweise auf die Idee kommen, dass Demokratie & Marktwirtschaft genauso beschissen sind, wie sie in Russland aussehen.

Aber bei aller Distanzierung vom schäbigen russischen Kapitalismus, der nach Meinung der Autoren mit dem echten Wesen der Marktwirtschaft nichts gemein hat –, umgekehrt muss auch wieder festgehalten werden, wie bitter nötig die Phase des Raubkapitalismus war:

„Jahre des Ausverkaufs und der kriminellen Umverteilung des Eigentums. Nahezu alle Oligarchen, die sich heute im Dunstkreis von Wladimir Putin bewegen, legten den Grundstein zu ihrem Reichtum zweifelhafter Herkunft in diesen Jahren. Allerdings wurden so auch die scheinbar ehernen Strukturen der Sowjetwirtschaft aufgelöst, ohne die Marktwirtschaft undenkbar wäre.“ (Die Welt)

Die Lüge von der Marktwirtschaft als Erfolgsrezept, bei dem auch das Volk letztlich am besten aufgehoben ist, soll aber weiter in Kraft bleiben, auch wenn das Rezept durch seine Praktizierung einigermaßen blamiert wird. Genau dafür, für die Erläuterung der Kalamität, wie es zu der Differenz zwischen dem guten und dem schlechten Kapitalismus gekommen ist, liefert der Jelzin’sche Charakter die nötige Aufklärung:

„Er herrscht im Kreml. Doch er, der geborene Rebell, kann nicht reformieren. Er kann immer nur alles auf eine Karte setzen, aber den mühsamen Weg der Modernisierung, den kann er nicht gehen ... Er bürdet seinem Volk wahnwitzige ökonomische Schocktherapien auf, die Menschen stürzen über Nacht in tiefe Armut. Seine aberwitzige Privatisierungskampagne ...“ (Stern)

Wahnwitzig, aberwitzig, zu schnell, er konnte „es“ eben einfach nicht ... Hätten ihm doch die klugen Köpfe der deutschen Redaktionen ihre blitzgescheiten Ideen lieber damals statt heute mitgeteilt. Bloß kommt bei ihnen außer der auch nicht gerade von ökonomischer Bildung strotzenden Unterscheidung von schnell und langsam gar keine vor. Und zur Frage der Geschwindigkeit – wem ging es denn damals immer nicht schnell genug?! Wg. Unumkehrbarkeit der Reformen usw.?

5. Zwar Demokratie, aber Chaos

Auch bei der Würdigung der Jelzinschen Leistungen auf dem politischen Sektor leistet die Dialektik von ‚gute Reform gemeint, aber schlechte Folgen gemacht‘ gute Dienste. Die Zerstörung der Sowjetherrschaft und der KPdSU durch die Einführung einer Konkurrenz von Parteien und Persönlichkeiten geht in Ordnung, aber dieselbe Sache, hinsichtlich ihrer Verlaufsformen und Folgen besichtigt, gefällt schon gar nicht mehr. Auch die Entfesselung einer Konkurrenz um die Macht, die die Machtapparate selber zersetzt, wird also ordentlich unter Leistung oder Versagen aufgeteilt.

„Er hatte das Land in die Demokratie geführt, aber auch wirtschaftliches und politisches Chaos hinterlassen... Jelzin verschaffte den Russen in seiner ersten Amtszeit mehr Freiheit als jemals zuvor in ihrer Geschichte, aber er stürzte sein Reich auch ins Chaos.“ (Wirtschaftswoche) „Unter Jelzin sollte Rußland dann ein bis dahin nie gekanntes Maß an Meinungs- und Pressefreiheit erhalten, aber eben auch ein Tohuwabohu ...“ (FAZ)

Von ‚Chaos‘ ist in den Nachrufen dann die Rede, wenn die Autoren sich daran erinnern, dass mit einem Land, in dem eine unentschiedene Machtkonkurrenz tobt, auch wenig anzustellen ist. Der auswärtigen Geschäftswelt, die endlich zugreifen darf, wird anstelle von berechenbaren, staatlich garantierten Bedingungen, die sie vorzufinden gewohnt ist, eine unerträgliche ‚Rechtsunsicherheit‘ zugemutet. Und auch unsere Politiker treffen keine ansprechbare, zurechnungsfähige Regierung an, die sie für ihre vielfältigen Kontrollbedürfnisse haftbar machen könnten. Dasselbe Chaos zeigt aber wiederum dann seine nützlichen Seiten, wenn Rußland dadurch von Hegemonie abgehalten wird. Dann heißt es aber auch anders, nämlich ‚hohes Maß an Selbständigkeit‘.

„Die Regionen Rußlands erhielten ein hohes Maß an Selbständigkeit ... Rußland wurde unter Jelzin nicht zum Hegemon im postsowjetischen Raum, der andere Staaten unterdrückte, denn Jelzin hatte lange Zeit genug damit zu tun, Rußland selbst zusammenzuhalten.“ (FAZ)

Man kann den Gesichtspunkt, unter dem so ein Chaos Vorteile besitzt, auch offen heraus sagen:

„Damals schien vieles möglich, und vieles wurde möglich – manche sagen: nicht zuletzt wegen Rußlands machtpolitischer Schwäche.“ (FAZ)

Manche, d.h. die FAZ in der Verkleidung als manche, wagen sogar die Behauptung, dass ein kaputtes Russland immer noch das beste Russland ist. Manche, die von der SZ, neigen wiederum dazu, Jelzin das Verdienst zuzusprechen, das irgendwie hereingebrochene Chaos in die Schranken gewiesen zu haben:

„Dabei hat er das neue Russland in einer Zeit des Chaos zusammengehalten, und er hat den offenen inneren Konflikt verhindert in einem Land, das in seiner Geschichte oft genug zu Ausbrüchen äußerster Gewalt, auch zu Bürgerkrieg, fand.“ (SZ)

Denn wenn man daran denkt, dass es auch hätte anders ausgehen können, dass sich das Volk angesichts des Chaos nicht nur nach seiner guten alten Sowjetherrschaft gesehnt, sondern der auch zur Wiederauferstehung verholfen hätte – dann hat Jelzin das Chaos, das er geschaffen hat, auch wieder ganz ordentlich gebremst.

6. Parlament-Beschießen, Stimmen-Kaufen, damals nötig, aber heute von uns zutiefst missbilligt

Wo der große Mann die Machtfragen, die er aufgeworfen hat, mit seinen Mitteln bewältigt hat, zeigen die Nachrufe viel Verständnis dafür, hätten sich aber aus dem sicheren historischen Abstand heraus, dass die kommunistische Gefahr in Russland nun wirklich gründlich erledigt ist, doch eine weniger anstößige Vorgehensweise gewünscht. Mit einem kommunistisch beherrschten Parlament ist nun mal kein Auskommen zu haben, aber die Parlaments-Beschießung gibt ja so ein schlechtes Vorbild.

„Ständig lag er im Widerstreit mit dem Parlament, das noch immer mehrheitlich kommunistisch beherrscht, dennoch immer wieder zur Erweiterung der präsidialen Vollmachten bereit war. Das reichte dem ersten russischen Präsidenten nicht. Ende September 1993 löste er die oberste Volksvertretung verfassungswidrig auf und beschwor eine Staatskrise herauf. Am 3. Oktober ließ der Präsident auf das Parlament schießen und beging damit den Sündenfall. Von da an wurde die Volksvertretung nur noch als Anhängsel des Präsidenten gesehen. Jelzins Nachfolger Putin, der dieses System fast zur Perfektion gebracht hat, profitiert noch heute davon.“ (Welt)

Im selben Sinne ist es dann auch kein Problem, davon zu berichten, dass Jelzins Wahlsieg 1996 gemeinsam von den Oligarchen und dem freien Westen gekauft worden war – wie hätte der große Mann nach dem Verelendungsprogramm, mit dem er seine Bevölkerung bedacht hatte, denn sonst auch die Wahl gewinnen sollen?!

„In einer konzertierten Aktion der Oligarchen, die alle ihre Möglichkeiten und reichlich Geld aufbrachten, gestützt auch von Geldern aus der EU, gelang die fast schon nicht mehr für möglich gehaltene Wiederwahl.“ (Die Welt) „Kurz vor der Wahl 1996 hatten sich Russlands tief zerstrittene Oligarchen unter Führung der Großunternehmer Boris Beresowskij und Wladimir Gussinskij am Rande des Weltwirtschaftsforums in Davos darauf geeinigt, gegen die drohende Wahl des KP-Chefs Gennadij Sjuganow Jelzin zu unterstützen. Ihre Fernsehsender taten daraufhin alles, um die ‚Kommunistengefahr‘ zu schüren und Jelzin in einem positiven Licht zu zeigen.“ (Wirtschaftswoche)

Es gibt eben Verstöße gegen die Demokratie, die im Namen der Demokratie sein müssen. Die kritisieren freiheitliche Journalisten aber pünktlich nach 9 Jahren aufs schärfste, damit die Glaubwürdigkeit der demokratischen Ideale keinen Schaden nimmt. Die werden ja weiter gebraucht, damit man – total glaubwürdig – Jelzins Nachfolger Verstöße gegen die Demokratie vorrechnen kann.

7. Zwar Demokratie, aber Alkohol

„Jelzin, der sich zuerst am Kampf mit der staatlich organisierten Macht berauschte, später aber mehr am Hochprozentigen...“ (FR) „Nachdem Jelzin die Macht vollständig in seinen Händen konzentriert hatte, schlugen die negativen Seiten seines Charakters schnell durch: seine Sprunghaftigkeit, seine organisatorische Unfähigkeit und nicht zuletzt seine Trunksucht.“ (Wirtschaftswoche)

Nachdem die Leistungen eines nützlichen Idioten gewürdigt worden sind, kommt mit der Schilderung des Säufers dann auch noch die Abteilung Idiot zu ihrem Recht. Mit dieser Facette seines Charaktes hat der Mann aus dem Volke auch das russische Untermenschentum angemessen repräsentiert. Was nebenbei auch noch eine plausible Antwort auf das Rätsel darstellt, wie soviel Machtkonzentration zu soviel Chaos führen konnte...

8. Zwar Demokratie eingeführt, aber dann doch den Staat retten wollen ...

„November 1994 erließ derselbe Jelzin, der zuvor selbst die sechzehn Teilrepubliken innerhalb Rußlands aufgefordert hatte, sich ‚soviel Eigenständigkeit wie möglich‘ zu sichern, den Befehl, das nach voller Unabhängigkeit strebende Tschetschenien ‚mit allen dem Staat zur Verfügung stehenden Mitteln‘ zur Raison zu bringen. Ein verheerender Krieg setzte ein, der bis heute kein Ende gefunden hat.“ (FAZ, 25.4.)

Derselbe Jelzin, der sich mit der Entfesselung einer neuen Art von Konkurrenz um die Macht in den Teilrepubliken Parteigänger gegen die herrschende KP verschafft hatte, musste dann bemerken, dass deren Wille zur Macht auch sein russisches Kernland zu verkleinern drohte, und wollte diese Entwicklung mit einem gewissen Blutvergießen korrigieren – was für ein Widerspruch! Aber die Nachruf-Verfasser haben ihm noch mehrere Widersprüche der Art vorzuwerfen, mit denen er sie schwer enttäuscht hat:

„Jelzin zerschlägt weder die Macht der immer noch viel zu großen Armee, noch räumt er mit dem militärisch organisierten Innenministerium auf.“ (Kölner Stadtanzeiger)

Wie man das ja eigentlich hätte erwarten können, da echte Demokratien bekanntlich Armeen und Sicherheitsdienste gerne zerschlagen. Stattdessen hat er lauter solche undemokratischen Machtmittel eingesetzt:

„Jelzin begann sich auf undurchsichtige Machtapparate wie Militär, Geheimdienst oder mächtige Industrielobbies zu stützen.“ (DW)

während bei uns die Regierenden jeden Kontakt mit Bundeswehr, Verfassungsschützern und Unternehmensverbänden vermeiden.

Schließlich hat sich Jelzin auch in der Außenpolitik noch einen kapitalen Widerspruch geleistet:

„Seine Entscheidungen waren abrupt und unvorhersehbar. In der Außenpolitik gab Jelzin seine zunächst prowestliche Haltung auf und bekräftigte auf internationaler Ebene immer wieder den Weltmachtsanspruch Russlands ...“ (Deutsche Welle)

Dabei hatte er doch dem freien Westen in die Hand versprochen, sein Russland auf ein handliches Kleinformat herunterzubringen.

9. Die Tragik Jelzins heißt Putin.

„Auf das chaotische System Jelzin folgte das autoritäre System Putin. Dass dieser von Jelzin und seiner ‚Kreml-Familie‘ selbst inthronisierte Putin ein starkes Russland nicht mit echten demokratischen Reformen, sondern mit einem bis ins Detail choreografierten pseudodemokratischen System autoritären Zuschnitts bauen will, macht die eigentliche Tragik der Figur Jelzin aus.“ (Der Standard) „Die wirkliche Tragik besteht darin, dass die Ära Jelzin unter Putin vergröbernd und verzerrend als schwarze Folie verwendet wird, die die neue Ära, in der demokratische Rechte abgebaut werden, nur umso heller erstrahlen lassen soll, und viele Russen das unkritisch hinnehmen.“ (FAZ)

Während die Verfasser der Nachrufe dasselbe Verfahren in umgekehrter Farbgebung anwenden möchten, nämlich Jelzin als weiße Folie für den Ausdruck ihres Missfallens am heutigen Russland. Und eben deshalb schwankt das Urteil der Autoren über die demokratischen Qualitäten Jelzins auch stark: Um vorstellig zu machen, in welchem erschreckenden Grad Putin die russische Demokratie abbaut, muss es sie immerhin gegeben haben, und in dieser Beweisabsicht werden die Zustände unter Jelzin mit dem Kompliment Demokratie bedacht:

„Jelzin wollte ein besseres, demokratischeres und, wie er selber sagte, westlicheres Russland. All das, was Russland an Demokratie geblieben ist, stammt aus dieser Ära. Mit Putin ist es genau umgekehrt. Er ist ein autoritärer Führer, ein KGB-Mann, dem Demokratie wenig bedeutet.“ (NZZ)

Wenn man aber nach den Ursachen für das Unglück Putin fragt und dabei auf den Vorgänger stößt, der ihn zu seinem Nachfolger gemacht hat, dann ist das entweder enorm „tragisch“ s.o., oder der Sachverhalt schwärzt den guten Ruf Jelzins selber dramatisch ein:

„Am Ende kürte er auch noch seinen Nachfolger selbst – den blassen KGBler Wladimir Putin. Und der machte dem bisschen russischer Demokratie endgültig den Garaus.“ (Stern)
„Die Volksvertretung als Hauptsäule des demokratischen Staates war für den ideologiefreien Pragmatiker Jelzin ohnehin nie wichtig. Demokratie war für ihn ein Synonym für seine Präsidialherrschaft. Damit hat er dem ‚System Putin‘ den Boden bereitet – einem System, in dem der Präsident Kritik an seiner Person kaum noch erdulden muss.“ (SZ)

So oder so steht jedenfalls fest: Mit Jelzin im Tode vereint, stirbt die russische Demokratie. Und so machen seine Nachredner sinnfällig, wie sie sich Demokratie in Russland wünschen würden, mit einem Vollbluttrottel an der Spitze.


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