Indonesien nach seinem Wirtschaftswunder

Dieser Artikel ist in der Reihe Chronik – kein Kommentar! der Zeitschrift GegenStandpunkt 2-01 erschienen. Sie kann über den Buchhandel oder direkt beim Verlag als Druckausgabe oder E-Book erworben werden.

Kopfjäger auf Borneo: Ein Zeugnis für den Zustand der indonesischen Staatsmacht

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Der indonesische Präsident Suharto entwickelte mittels Kredit von außen und viel Gewalt im Innern, aktuell gegen Ureinwohner auf Borneo, sein Inselreich zu einem „emerging market“. Die Krise lässt eine Staatsgewalt zurück, der mit dem Kredit ihre ökonomische Grundlage und mit dem Wechsel der Herrschaft das Gewaltmonopol über das Territorium entzogen ist. Das imperialistische Lager verlangt die Wiederherstellung einer wieder benützbaren Ordnung ohne die Zusage finanzieller Unterstützung.

Kopfjäger auf Borneo: Ein Zeugnis für den Zustand der indonesischen Staatsmacht

Mitte Februar schaffen Kalimantan und seine Naturvölker den Sprung vom Reiseteil der Zeitungen auf die Politikseite: In diesem indonesischen Teil Borneos findet ein barbarisches Gemetzel statt. Veranstaltet wird es von den Dayak, den Ureinwohnern der Insel. Mit „traditionellen Waffen“ wie Macheten, Speeren und Buschmessern machen sie Jagd auf Maduresen, Zugewanderte von der Halbinsel Madura. An die 500 Tote, Zehntausende von Flüchtlingen – das ist die Bilanz nach knapp zwei Wochen Kopfjagd, einem Brauch, der längst als ausgestorben galt (SZ, 28.2.). Der westliche Zeitungsleser und Fernsehzuschauer erfährt nicht nur das Motiv der Täter – mit der Wiederbelebung ihrer steinzeitlichen Rituale wollen die Dayak die Einwanderer, die sie für die Zerstörung ihrer Lebensgrundlagen verantwortlich machen, aus Kalimantan vertreiben; auch über den historischen Hintergrund des Schlachtens wird er nicht im Unklaren gelassen – Suhartos Kolonisierungspolitik ist die Ursache des Dramas, das sich gegenwärtig in Kalimantan abspielt (SZ, 27.2.); und die Einordnung der Fakten wird ihm auch noch frei Haus geliefert: Die Massaker in Borneo, so zynisch es klingen mag, sind nur eine weitere Facette, ein weiteres Indiz für den Gesamtzustand eines Landes, das alles bietet – nur keine einfachen Antworten. (Tagesthemen, 26.2.01) Entsprechend komplex fällt dann die zusammenfassende Diagnose aus: Niedergang aller Ordnung im Vielvölkerstaat (Die Welt, 28.2.). „Vielvölkerstaat“ – das kann ja nicht gutgehen; schon gar nicht da hinten, wo die vielen Völker sich auch noch auf zahllose Inseln verteilen und überhaupt nichts „einfach“ ist…

Ist aber jahrzehntelang gut gegangen; jedenfalls gut genug für die westliche Welt mit ihren strategischen und kommerziellen Interessen an der Inselwelt zwischen Asien und Australien. Doch vielleicht war ja die Freude an dem entwicklungspolitischen Musterfall Indonesien, das wegen seiner ökonomischen „Dynamik“ zeitweise sogar als ein möglicher Konkurrent für die deutsche Wirtschaft gelobt wurde, schon genau so zynisch wie der jetzige Nachruf auf ein Projekt, dem man im Nachhinein von vornherein sein Scheitern hätte voraussagen können.

Tatsächlich handelt es sich bei den Unruhen in Kalimantan – ebenso wie bei dem militanten Separatismus in anderen Provinzen, den blutigen Gemetzeln zwischen Religionsgruppen, der latenten und bisweilen akuten Bürgerkriegssituation in den entwickelten Zentren des Landes – um das sachgerechte Ende eines nationalen Erschließungsprogramms, das im Falle Borneos mittels Bevölkerungspolitik vorangetrieben worden ist.

1. Das Vorhaben war groß und anspruchsvoll: aus der Erbmasse der niederländischen Kolonialherrschaft eine moderne Nation zu „entwickeln“ – mit einer Staatsgewalt, die ganz souverän die Inselwelt effektiv durchorganisiert, und mit Einwohnern, die ungeachtet ihrer vielvölkischen Herkunft und ihrer einstweilen noch primitiven Lebensverhältnisse als Volk von nützlichen Staatsbürgern funktionieren. Dem Ehrgeiz des eigentlichen Staatsgründers Sukarno, dieses Projekt aus eigener Kraft zu verwirklichen und seine Fortschritte nicht gleich wieder den Interessen der imperialistischen Mächte und ihrer Kalten Krieger auszuliefern, wird zwar mit dem Sieg von General Suharto über Sukarnos „Sozialismus à la Indonesia“, verbunden mit der Abschlachtung der großen Kommunistischen Partei des Landes, das Genick gebrochen. Das Programm, aus den vielen Inseln einen Staat und aus den vielen Volksgruppen ein Staatsvolk zu machen, wird aber neu aufgelegt: Mit Hilfe der Freien Welt, die schon beim Putsch gegen die „kommunistische Gefahr“ so tatkräftig geholfen hat, soll schon so etwas wie ein wohlorganisiertes nationales Umfeld für flächendeckende kapitalistische Wirtschaftstätigkeit und eine respektable Regionalmacht entstehen. Dafür müssen allerdings große Teile des Landes dem Zugriff der zentralen Ordnungsgewalt überhaupt erst einmal unterworfen werden. Speziell der größere indonesische Teil Borneos, mit seinen 539000 Quadratkilometern ein Drittel des Staatsgebiets, ist zunächst noch „unberührte Wildnis“, was nunmehr so viel bedeutet wie: eine einzige brachliegende Ressource, die als Machtbasis territorial gesichert und einer staatsnützlichen Verwendung zugänglich gemacht werden muss. Dessen Bewohner haben von einer nationalen Regierung in Jakarta noch nie gehört, geschweige denn eine Vorstellung davon, dass sie jetzt der gehören und auf sie hören sollen; sie befinden sich in jenem Stand einer bloßen „Urbevölkerung“, der so viel bedeutet wie: ein vom kolonialistischen Zugriffsinteresse für politökonomische Verwendungszwecke für untauglich befundenes Menschenmaterial, das auch nicht unbedingt „zivilisiert“ werden muss – Menschen hat die indonesische Regierung mehr als genug unter ihrer Fuchtel.

2. Das Mittel, um die koloniale Erbmasse seiner politischen und ökonomischen Verfügungsgewalt zu unterstellen, findet Suharto in den überbevölkerten Herrschaftszentren Java und Madura. Mit dem Auftrag, die Außeninsel für die Berechnungen der Zentralmacht urbar zu machen, werden im Rahmen des weltgrößten Umsiedlungsprogramms Transmigrasi Hunderttausende von Maduresen nach Borneo verschifft – insgesamt sind es 650000 Familien, die von den Zentralinseln in Gegenden mit sehr geringer Bevölkerung umgesiedelt werden. Dort sind die Maduresen – ob sie es wollen oder nicht – als Agenten Jakartas unterwegs: Ihrer Mission entsprechend ausgestattet, rücken sie als aggressive Pioniersiedler, Soldaten und Bauern in einer Person an, siedelten entlang der Flüsse in die Regenwälder hinein, schufen Infrastruktur, rodeten große Flächen (FTD, 5.3.) und stellen somit die elementaren Voraussetzungen für eine kapitalistische Verfügung über Land und Leute her.

3. Eine gewalttätige Angelegenheit ist diese Massenansiedlung ausgewählter „Entwicklungs“-Pioniere schon deswegen, weil die Siedler eben nicht auf menschenleere Gebiete stoßen, sondern auf Ureinwohner, die der politischen Vermarktung der Insel im Weg stehen. Die Dayak sind ein einziges Hindernis für die produktive Ausnutzung der Naturbedingungen, weil für ihre primitive landwirtschaftliche Produktionsweise stets neues Land unerlässlich ist – sie leben vom Fischfang und davon, dass sie im Regenwald kleine Flächen roden, ein, zwei Ernten einfahren und weiterziehen, wenn der Boden ausgelaugt ist. Und aus diesen steinzeitlichen Lebensverhältnissen will man sie auch gar nicht herausholen – überflüssige Kosten wären das für das staatliche Aufbauprogramm. Als dessen Erfüllungsgehilfen sind eben die Leute aus Madura vorgesehen. Denen werden Land und Holzkonzessionen zugeteilt; die Dayak werden aus ihren gewohnheitsmäßig genutzten Lebensräumen vertrieben. Und mit der fortschreitenden Verwandlung der „unberührten“ Natur in Rohstoffabbaugebiete und agrarische Anbauflächen durch exportorientierte Holzhändler, Plantagenbesitzer und Minenbetreiber kommt auch die Zerstörung dieser Lebensräume voran, ohne dass für die Ureinwohner irgendwelche Alternativen geschaffen würden. Der Bedarf an Verwaltungspersonal und billigen Wald-, Plantagen- oder Minenarbeitern ist durch die eingewanderten Maduresen abgedeckt; die Dayak bleiben unberührt (!) von modernen Wirtschaftsformen (SZ, 27.2.) und müssen zusehen, wo sie in den verbleibenden Naturreservaten noch was zu fressen finden. Dass eine solche Scheidung der Inselbewohner in unbrauchbare und brauchbare Bevölkerungsteile einen bleibenden Ordnungsauftrag darstellt, also andauernd Gewalt braucht, versteht sich von selbst: Auf Borneo blieben die Dayak auf der Strecke: Ohne Landrechte ihrer Existenzgrundlage beraubt, ohne Bildungsmöglichkeiten an den äußersten Rand der Gesellschaft geschoben und mit brutaler Gewalt vom Militär in Schach gehalten. (FTD, 5.3.)

4. Das Ergebnis des Aufbauprojekts ist die Umformung der Außeninseln in ein kapitalistisches Rohstofflager, aus dem die westlichen Industrienationen pünktlich und zu Preisen beliefert werden, die den Konjunkturen ihres Geschäftsganges entsprechen. Dem indonesischen Staat bringen sie Devisen ein, die er für den Aufbau seiner „Neuen Ordnung“ dringend braucht – ein positiver Posten im Haushalt eines Schuldnerlandes, das für seine „Entwicklung“ auf auswärtige „Hilfe“ in Form von Krediten und den Zustrom internationalen Kapitals setzt. So werden durch eine innere Kolonisierung, die ausschließlich durch einen flächendeckend präsenten Militärapparat zu sichern ist, Devisenquellen erobert. Großräumige Verwüstung von Land und Vertreibung von Leuten auf den äußeren Inseln, Errichtung industrieller Enklaven durch Import auswärtigen Kapitals und Stiftung inländischer Firmen auf der Hauptinsel: Diese Sorte Standortpolitik funktioniert 30 Jahre lang reibungslos – Jede Form von Protest und Konflikt wurde im Keim erstickt –, so dass alle Welt sicher ist, dass Suharto über ein harmonisches Inselreich herrschte (taz, 2.3.). So mancher Großkonzern entdeckt in dieser „Harmonie“ eine passable Anlagebedingung für das eine oder andere Geschäft. Auch das internationale Finanzkapital lässt sich überzeugen und macht in den letzten Jahren der Suharto-Ära aus Indonesien einen „emerging market“, auf dessen Wachstumschancen es kräftig spekuliert. Die Regierung sorgt für das nötige Investitionsklima, indem sie politische Stabilität garantiert. Ein Entwicklungsland, das Hunger und Armut fest im Griff hat, hat und bekommt Kredit.

5. Das sachgerechte Ende des „Wirtschaftswunders“ kommt mit der Asienkrise. Das „Wirtschaftswunder“ wird von denselben beendet, die es zuvor gestiftet haben. Die Finanzwelt hat den schönen Zirkel in Gang gesetzt: Spekulative Finanzinvestitionen steigern die auswärtigen Ansprüche an Indonesien als unendlich viel versprechende Geldquelle, zusätzlich zu den Ansprüchen des Staates, der in seinem Bemühen um die Inszenierung eines umfassenden kapitalistischen Geschäftslebens im Land auf dessen noch gar nicht erwirtschaftete Erträge zugreift; zugleich erhalten dieselben Zuflüsse von Finanzmitteln den Schein nationaler Zahlungsfähigkeit aufrecht, der zu immer neuen „Investments“ ermuntert und dadurch wiederum die Ertragsansprüche an den „emerging market“ über jedes Maß hinaus steigert. Dieselbe Finanzwelt findet nun in eben diesem Zirkel lauter Gründe, ihrer eigenen Spekulationsblase zu misstrauen, macht selbstverständlich nicht sich für ihre spekulative Überakkumulation haltloser Kredittitel, sondern Indonesien für ihre „enttäuschten Erwartungen“ haftbar, stuft das Land als krisenanfälligen Investitionsstandort ein und entzieht ihm den Kredit, auf dem sein ganzer Fortschritt als Rohstoffbasis und Spekulationsobjekt für auswärtige Interessen beruhte. Die Krise, in die das Land so schlagartig wie sachgerecht „stürzt“, vollzieht den nationalen Aufstieg quasi im Schnelldurchlauf rückwärts: Der Schein, die Rupiah besäße einen soliden Wert als kapitalistisches Geschäftsmittel, löst sich in allgemeines Missfallen auf; die Banken, die die nationale Währung als ihr Geschäftsmittel verwenden, gehen kaputt; Tausende Unternehmen sind mit der Annullierung ihres Geschäftsmittels konfrontiert und machen pleite. IWF-Auflagen und Regierungsbeschlüsse zur Überwindung der Krise, also für einen von außen per Kredit neu angestoßenen Wiederaufbau eines nationalen Geldwesens und eines damit reanimierten kapitalistischen Geschäftslebens im Lande, definieren erst einmal ganz praktisch das Ausmaß der Lahmlegung der indonesischen Ökonomie.

Das Volk, flächendeckend verelendet, reagiert – sehr praktisch für die Obrigkeit, die sich um diese Zielrichtung der allgemeinen Unzufriedenheit angeblich auch mit Nachdruck gekümmert hat – zunächst mit internem Zwist und Pogromen gegen Nachbarn, an deren chinesischer oder andersgläubiger Menschennatur es den Ausbeuter und Krisengewinnler entlarvt. Dann lässt es sich aber auch dazu bewegen, verzweifelte Hoffnungen auf eine vom Ausland gewünschte Auswechslung der regierenden Figuren nach dem Vorbild demokratischer Wahlverfahren zu setzen. Es sorgt für Abwechslung in den höchsten Staatsämtern, was zwar seine Lage nicht bessert, seine Unzufriedenheit aber wenigstens teil- und zeitweise auf eben die wunderbare „Lösung“ festnagelt, in der jeweils angesagten Auswechslungsaktion heftig Partei zu ergreifen.

6. Was übrig bleibt, das ist eine Staatsgewalt, der die Grundlage ihrer alten Ordnung entzogen ist: Im Zuge ihrer „Sanierungs“-Anstrengungen bricht ihr ihr ökonomisches Fundament weg, und zugleich entgleitet ihr im Zuge ihrer demokratieförmigen Personalwechsel die flächendeckende, Parteien und Völkerschaften übergreifende Kontrolle über ihr Land. Alle inneren Zwistigkeiten leben heftig auf, nachdem die Suharto-Diktatur weg ist und die Protagonisten kämpferischer Unzufriedenheit sich per Demokratie ins Recht gesetzt finden. Das Militär geht – selektiv – dagegen vor, vor allem gegen hochverräterische Abspaltungsversuche, wird aber im Fall Osttimor durch auswärtige Intervention und einen erpressbaren Präsidenten nachdrücklich ins Unrecht gesetzt[1] und findet seither in der formellen Staatsspitze überhaupt keinen entschiedenen Auftraggeber für staatsdienliche Gewaltaktionen mehr, macht aber auch umgekehrt nicht den Übergang, die Staatsspitze selber zu übernehmen. Die amtierende Führung hat sich voll den Standpunkt zu eigen gemacht, den die Krise des Landes sowie vor allem das von auswärtigen Ratgebern empfohlene „Sanierungs“-Programm ihr ohnehin vorgeben: Indonesiens Zukunft liegt fürs Erste darin, sich politökonomisch auf das – überaus geringe – Maß des weltwirtschaftlich Brauchbaren „gesund-“, also als Nation in Grund und Boden zu schrumpfen. Für irgendeinen politischen Ehrgeiz, aus den vielen Inseln eine durchorganisierte Macht und einen funktionstüchtigen Kapitalstandort zu machen und aus dessen diversen Bewohnern ein nützliches Staatsvolk, bleibt da schlechterdings kein Raum. Die neuen Chefs der Nation personifizieren diesen „gesundgeschrumpften“ politischen Willen, ihr Land im Sinne des brutalen Untauglichkeitsurteils der imperialistischen Welt durchzusortieren. Statt mit (Wieder-)Aufbauplänen schlagen sie sich mit puren Selbstbehauptungs- und elementaren Ordnungsproblemen herum, von denen sie bald so viele wie Inseln haben.

7. Ein staatliches Notstandsprogramm ist daher auch alles, wozu sich die Zentrale im Falle Borneo entschließt: Dem Schlachtfest der Dayak schauten Polizei und Soldaten zehn Tage lang tatenlos zu. (…) Als Indonesiens Militär nach zehn Tagen mit 3000 Mann Verstärkung endlich in den Konflikt eingriff, beendeten die Soldaten nicht etwa das Blutbad; sie halfen bei der ethnischen Säuberung, verluden die Flüchtlinge auf Schiffe und ließen die Dayak ihren Amoklauf fortsetzen. (FTD, 5.3.) Die Reaktion ist kennzeichnend. Sie ist von gleicher Art wie der Umgang mit den Separatisten auf Aceh: Denen bietet Jakarta weitgehende Autonomie und einen höheren Anteil an den Erlösen des Öl- und Gasexports an – die bisher zum größten Teil in die Regierungskasse flossen –, wenn sie im Gegenzug ihre Unabhängigkeitsbestrebungen aufgeben. Im ersten Fall holt die Staatsmacht ihre aggressiven Pioniersiedler aus der Schusslinie – was übrigens mit „ethnischer Säuberung“ nur in dem Sinn etwas zu tun hat, dass hier ein empörter Berichterstatter zum aktuell schlimmsten Schlagwort für politische Gewaltverbrechen gegriffen hat –; im zweiten Fall überlässt sie den Rebellen die lokalen Pfründe. In beiden Fällen ringt die Zentralmacht mit für ein Gewaltmonopol ungewöhnlichen Zugeständnissen um den nurmehr pur formellen Erhalt der nationalen Einheit. So dokumentiert ihre Reaktion das definitive Ende dessen, was mal indonesische Staatsräson war – und den Beginn einer Karriere als Staatsgebilde, das seine in Verfall begriffenen Gewaltmittel statt für das Programm nurmehr für funktionelle Restbestände und einen halbwegs glaubwürdigen Schein einer integren nationalen Macht mobilisiert.

8. Der imperialistische Standpunkt ist eindeutig: Nicht einmal für die Einrichtung einer anständigen nationalen Konkursverwaltung kann Indonesien auf tatkräftigen Beistand von außen setzen. Das Land hat keinen Kredit – weder im prinzipiellen politischen noch im kommerziellen Sinn. Was es geliehen bekommt oder bekommen soll – konkret: die nächste Rate eines IWF-Hilfspakets über 5 Milliarden Dollar –, steht unter der Bedingung, dass die politischen Verhältnisse einen sachgerechten und erfolgreichen Einsatz dieser Summe garantieren müssen. Die andere suprastaatliche Kreditagentur stellt dieses Bedingungsverhältnis auf mehr fürsorgliche Art genauso klar: Die Weltbank warnte vor einem wirtschaftlichen Zusammenbruch Indonesiens, wenn die Regierung die in den verschiedenen Landesteilen herrschende Gewalt nicht in den Griff bekommt und für politische Stabilität sorgt. (FR, 24.2.) – als ließe sich „politische Stabilität“ einfach so beschaffen, wenn sie einer Regierung gerade komplett abhanden kommt; als ließen sich geordnete Gewaltverhältnisse in allen Landesteilen herstellen ohne einen landesweiten Gewalteinsatz, zu dem das demokratisierte Regime schon kaum mehr in der Lage, aber auch gar nicht bereit ist und schon gleich nicht durch die Instanzen, die über legitimen und verbotenen Gewaltgebrauch in der Staatenwelt befinden, ermächtigt würde; und als stünde im Falle des Scheiterns solcher Bemühungen der „wirtschaftliche Zusammenbruch“ erst noch bevor – aber offenbar ist der Ruin des Landes in den Augen der Weltbank noch durchaus steigerungsfähig. Die praktische Botschaft ist jedenfalls klar: Erst muss die indonesische Staatsgewalt intern aufräumen – was freilich, wie gesagt, ganz gewiss keine Rückkehr zu dem diktatorischen Staatswillen bedeuten darf, der so etwas allenfalls bewerkstelligen wollte und könnte; da sind die Freunde von Demokratie und Menschenrecht vor, die gleichzeitig im Interesse einer funktionierenden Marktwirtschaft auf ordentlichen Gewaltverhältnissen bestehen –; dann allenfalls kommen Maßnahmen gegen den „wirtschaftlichen Zusammenbruch“ in Frage. Für die Erledigung dieses Ordnungsauftrags ist mit Krediten als Ausstattungshilfe nicht zu rechnen; die Vorleistung hat Indonesien erst einmal ganz sozialfriedlich selbst zu erbringen.

Was sich an Indonesien weiterhin ausnutzen lässt, ist mit diesem Junktim von eigenverantwortlich hergestellter Ordnung und IWF-Kredit keineswegs abgeschrieben – die Nation als ordentlicher Geschäftspartner aber schon ein gutes Stück weit.

9. Der dazugehörige weltöffentliche Zynismus gibt sich verständnisvoll: Die tiefe politische Zerklüftung der Gesellschaft entlang komplexer religiöser, ethnischer, sozialer und regionaler Bruchlinien erschwert ein verantwortliches Regieren. (Die Welt, 12.3.) Deswegen, so der einhellige Schluss aller demokratischen Experten, hätten verantwortliche Regenten aber auch besser von vornherein die Finger von dem Versuch gelassen, unter Einsatz ihrer Gewalt besagte „Bruchlinien“ aus der Welt schaffen und die „politische Kluft“ zwischen maduresischen Siedlern und steinzeitlichen Kopfjägern zuschütten zu wollen. Was die „verantwortlich Regierenden“ jahrzehntelang betrieben haben: das brutale Unternehmen, ihre diversen Untertanen zu einer wohlsortierten Dienstmannschaft für weltwirtschaftlich ertragreichen Gebrauch durch kapitalistische Geschäftsleute herzurichten – wobei ganz neue „soziale“ Frontlinien aufgetan worden sind, auf die sich die Massen nicht zuletzt nach Maßgabe „ethnischer“ und „regionaler“ Besonderheiten verteilt haben und aus denen dem „religiösen“ Rechtsbewusstsein in seinen verschiedenen Spielarten ganz neue Interpretationsaufgaben zugewachsen sind –, das wird weiter gar keiner näheren, geschweige denn kritischen Befassung gewürdigt. Wozu auch. Für eine Absage an den indonesischen Staatsgründungsversuch reicht völlig die Feststellung, dass die Regierenden es nicht zu einem Produkt nach dem Geschmack weltkundiger Standortgutachter gebracht haben: Dann war es wohl auch verkehrt, einen solchen Versuch überhaupt zu unternehmen! Über die Erkenntnis, dass der Niedergang Indonesiens und die Wiederkehr der Kopfjagd irgendwie gerechte Quittungen für eine vermessene Aufbruchsambition sind, die nicht gut gehen konnte, arbeitet man sich zu dem Urteil vor, dass so etwas wie ein richtiger Staat da hinten einfach nicht geht. Der Imperialismus schreibt die (Un-)Kosten zur Aufrechterhaltung der Herrschaft in solchen Nationen zunehmend ab – und seine freie Öffentlichkeit weiß sofort, dass für die Menschen, die das Pech haben, außerhalb der kapitalistischen Zentren überleben zu müssen, halbwegs zivile Lebensverhältnisse dann wohl auch nicht drin sind.

[1] Wie der Zerfall Indonesiens mit dem Ruf nach „Demokratisierung“ international betreut wird, kann man schon im GegenStandpunkt 4-99, S.144 nachlesen.


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