Die Ideologie „Globalisierung“

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„Globalisierung“ – Der Weltmarkt als Sachzwang

Systematischer Katalog: 
Überblick

Die Träger politischer und ökonomischer Verfügungsgewalt werden zu ausführenden Organen eines Sachzwangs verklärt, dem sie ausgeliefert seien. So rechtfertigen sie alle Maßnahmen, die ihnen so einfallen, um in der Konkurrenz zu bestehen.

„Globalisierung“ – Der Weltmarkt als Sachzwang

1. Eine Idee macht Karriere…

Wenn ein Wort zum Schlagwort wird, dann nennen es die Leute zwar gerne einen Begriff; aber der ausgiebige Gebrauch verbürgt überhaupt nicht, dass die Benutzer des Wortes, die es für so viel sagend halten, etwas begriffen haben. Wenn sie das gute Stück wieder einmal zum Einsatz bringen, fangen sie nicht an mit einer Erklärung der Sachen, um die sich die Diskussion dreht. Im Gegenteil: Ein rechtes Schlagwort signalisiert Bescheidwissen, erklärt jede „weitere“ Erklärung für überflüssig, ist durch seine Erwähnung der eingelöste Anspruch auf Zustimmung und deshalb sehr begehrt bei Zeitgenossen, die ihren ansonsten sehr eigenen und persönlichen Meinungen ein bisschen Unwidersprechlichkeit verschaffen wollen. Eingedenk der Unsitte, mit Hilfe einiger Kürzel dem Begründen und Erklären aus dem Weg zu gehen und entsprechende Versuche zu erschlagen, haben sich Schlagwörter bei wachen Geistern einen schlechten Ruf erworben. Für Leute, die gelegentlich etwas genauer wissen wollen, ist das Hantieren mit Schlagwörtern eine unredliche Art zu diskutieren; eine Manier, Notwendigkeiten ohne gescheiten Grund in die Welt zu setzen und ihre allgemeine Anerkennung zu fordern, die keineswegs so notwendig sind, wie es das eifrig in die Runde geworfene Schlagwort fingiert. Die vielmehr Absichten und Interessen verbergen sollen, die gar keine Anerkennung verdienen und überprüft gehören.

Dem Schlagwort „Globalisierung“ ist solcher Verdacht erspart geblieben. Die intellektuelle Gemeinde in Redaktionen und Universitäten argumentiert munter mit diesem „Begriff“; und verschont die maßgeblichen Instanzen von „Demokratie & Marktwirtschaft“, die Politik und die Wirtschaft, mit Vorwürfen des Typs, sie würden mit ihrer Litanei von der „Globalisierung“ lediglich rechtfertigen, was sie ohnehin und aus anderen Gründen tun und vorhaben. Seitdem sich Regierungen und Wirtschaftslenker wechselseitig mit Ermahnungen traktieren und voneinander verlangen, sich der Herausforderung namens „Globalisierung“ zu stellen, gibt es auch eine ansehnliche Literatur zum Thema:

  • Die einen, daran gewöhnt, die Erfolge von Staat und Wirtschaft als das Sorgeobjekt ihrer theoretischen Bemühungen zu behandeln, haben umgehend die Botschaft von der neuen „Lage“ übernommen, mit der Politiker und Unternehmer fertig werden müssen; sofort war ihnen das historische Phänomen vertraut, dessen Folgen sich die Geschäftswelt erwehren muss und dem sich keine politische Führung entziehen kann. Fleißig malen sie aus, worin die „Globalisierung“ so besteht – manche entdecken da heute „die Entstehung weltweiter Märkte für Produkte, Kapital und Dienstleistungen“, alle staunen über die „Bruchteile von Sekunden“, in denen weltweit Geld herumgeschoben wird; die Warnung vor der weltweiten Umweltverschmutzung, die auch ziemlich fix geht, darf auf keinen Fall fehlen, weil die Nationen, die zum globalen Dreck erhebliche Beiträge leisten, bei dessen Kontrolle nichts Rechtes hinkriegen; das Spielzeug der Kleinen ist aus chinesischen Plasten und Elasten, weil es nicht aus dem Erzgebirge kommt, und auch Millionen von Menschen bleiben nicht dort, wo es sie per Geburt hinverschlagen hat, sondern machen sich auf die Socken in andere Länder… Zur Abrundung des Bildes, das zahlreiche Autoren mit Hilfe vielen Anschauungsmaterials von der „Globalisierung“ zeichnen, versäumen sie freilich nie, auf die Botschaft zurückzukommen, um die es ihnen zu tun ist. Die aufgezählten Phänomene stellen ebenso viele Probleme dar, denen die Staaten nicht so recht gewachsen sind; sie sehen sich der geballten Macht der „global players“ gegenüber, von der sie abhängig sind und die sie doch nicht unter Kontrolle haben; Staaten laufen mindestens Gefahr, „ihre wirtschafts- und finanzpolitischen Kompetenzen durch die Globalisierung der Privatwirtschaft zu verlieren“, von „global governance“ – einer denkbaren Antwort auf die Umtriebe der „global players“, die „ohnehin nicht mehr rückgängig zu machen“ sind – ist weit und breit nichts zu sehen. Das hindert aber Globalisierungs-Fachleute nicht daran, den Politikern den Rat zu erteilen, entschlossen auf die Globalisierung zu reagieren und sich an ihr zu bewähren. Denn dann ist sie auch eine Chance.
  • Andere fangen gleich dort an, wo die Erzähler von Geschichten, wie sie sich auf dem Weltmarkt unserer Tage zutragen, so zielsicher landen. Sie teilen die Diagnose von der ökonomischen Internationalisierung, die den „Nationalstaaten“ zu schaffen macht. Sie sind aber genauso überzeugt davon, dass Globalisierung nicht etwas ist, „das wieder aufgehalten oder sogar nach Belieben zurückgedreht werden kann“ – schließlich ist nicht zu übersehen, dass die Erfolge von großen Konzernen wie die des verehrten Mittelstands darauf beruhen, dass diese Arbeitgeber Gewinn bringend exportieren und importieren sowie auf der ganzen Welt investieren. Sie gehen auch davon aus, dass den Nationalstaaten an diesen Erfolgen sehr viel liegt, weswegen mit der Befolgung des Rates zu rechnen ist, die Politik solle ihre Macht darauf verwenden, den Erfordernissen der „Globalisierung“ zu genügen. Also steht eine zweite Gattung von Globalisierungsliteratur ins Haus, die alle fälligen Reaktionen auf das sinnfällige Phänomen in Betracht zieht und die unausweichlichen Folgen für die „Gesellschaft“ vorhersagt, problematisiert und für Umstellung, Anpassung, Umdenken und so Zeug plädiert.

Soziologen und Sozialphilosophen erwarten von der Wirtschaft, dass sie ihre Betriebe fit macht für die „globalisierten Märkte“; von der Politik erwarten sie, dass sie ihrem Auftrag und Interesse nachgeht, den Standort so zu regieren, dass er dem Druck der Globalisierung gewachsen ist. Was da alles angestellt wird, steht in der Zeitung, berührt aber den Erklärungbedarf von echten sozialen Denkern wenig. Die interessiert eher die Veränderung, welche da an der „Gesellschaft“ vollzogen wird; wobei für sie „Gesellschaft“ definitionsgemäß ein mehr oder minder stabiles Zusammenleben von Leuten ist, die sich gemäß den Normen und Werten verhalten und aufeinander beziehen, die sie intus haben. Und auf diesem Feld hält die „Globalisierung“ manche Wirkung bereit, die für die „Zukunft“ und die „Stabilität“ der „Gesellschaft“ entscheidend ist. Da heißt es sich umstellen für die Menschen, mancher Wert geht verloren, neues Verhalten ist gefragt, die Beziehungen stehen ganz im Zeichen der modernen Kommunikationsmittel. In diesem Sinne sind tiefe Reflexionen vonnöten: Was machen wir mit den fremden und globalen Werten, die über uns hereinbrechen? Die womöglich in Gegensatz zu unseren lokalen und regionalen Traditionen stehen, in denen wir eingehaust sind und die uns ein Gefühl der Vertrautheit vermitteln? Bietet in der digitalen Arbeitswelt der erlernte Beruf noch eine Heimat oder müssen wir mit unserem Computer den Jobs hinterher eilen, die sich täglich samt ihren Anforderungen ändern? Und was machen wir mit unserer Mobilität und unserem CD-Rom-Wissen, wenn die Globalisierung – was abzusehen ist – uns gar nicht beschäftigen kann? Beschäftigen wir uns dann selbst oder nur noch mit uns selbst? Z.B. indem wir uns bei der Entscheidung zwischen chinesischen Turnschuhen und deutschen Hauslatschen der Ungeheuerlichkeit inne werden, „dass die globalen Kommunikations- und Informationssysteme die unterschiedlichen nationalen wie regionalen Kulturen nicht unbeeinflusst lassen und mitunter bis in alltägliche Gewohnheiten hinein verändern“?

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Wenn sich Veröffentlichungen von Wissenschaftlern nicht mehr von Besinnungsaufsätzen und präsidialen Sonntagsreden unterscheiden, dann hat das Werben um den gehörigen Respekt vor der „Globalisierung“ eingeschlagen. Diese Idee hat sich durchgesetzt; was wie immer, wenn Einfälle gut ankommen, daran liegt, dass sie der Menschheit die Zumutung ersparen, es gäbe etwas Wesentliches zu ändern. Die Veränderungen, von denen die Theoretiker der Globalisierung berichten, sind längst erfolgt bzw. sowieso schon im Gange. Ihnen ist die Diagnose gewidmet, in der auch gelegentlich zur Sprache kommt, wer für die enormen Umwälzungen verantwortlich zeichnet: Der Prozess der Globalisierung ist zu „einem großen Teil das Resultat von Entscheidungen, die Staaten in der Vergangenheit getroffen haben und nach wie vor treffen. Regierungen waren und sind es, die die Schutzwälle um ihre Volkswirtschaften schrittweise abgetragen haben und weiterhin abtragen (außenwirtschaftliche Liberalisierung).“ Dass deswegen viele Unternehmen ihre Geschäfte – Kauf und Verkauf, Investitionen, Fusionen… – inter-national abwickeln, dürfte wohl der Zweck der Veranstaltung (gewesen) sein. Das ist Globalisierungstheoretikern zwar bekannt, aber für die Reflexionen, die sie in Umlauf bringen wollen, ziemlich unwichtig. Sie machen sich auch nicht daran, die Berechnungen zu erklären, die auf dem modernen Weltmarkt zum Zuge kommen, so dass man weiß, wie Staaten und Kapitale zusammenwirken und sich in die Quere kommen. Ihre Aufmerksamkeit gilt nicht den Gesetzen, die auf auswärtigem Handel mit Waren, Geld und Kapital bedachte Staaten und die Kalkulationen tüchtiger Geschäftsleute für die Produktion und Verteilung von Reichtum auf dem ganzen Globus verbindlich machen; sie verlegen sich nämlich ganz auf die umgekehrte Perspektive, versetzen sich in die Lage der maßgeblichen Instanzen der Weltwirtschaft, um ihnen zu bescheinigen, dass sie von der weltweiten „Verflechtung“ betroffen sind. Deshalb mündet die per Schlagwort erstellte Diagnose regelmäßig in die besorgte Empfehlung, Staat und Kapital möchten doch eingedenk ihrer Abhängigkeit vom weltweiten Geschäftsverlauf gut auf sich aufpassen. Mit dem Gestus von neutralen Beobachtern entdecken die Globalisierungstheoretiker am Weltmarkt, dass er ein Markt ist und damit eine Konkurrenzveranstaltung, in der sich die in Betrieben und Nationen erbrachten Leistungen nicht ergänzen – welche „Abhängigkeit“ ja eine schöne Sache wäre –, sondern sich in Gestalt von in Geld beziffertem Wachstum ausschließen. Und diese herausragende Entdeckung wird zum neuesten und letzten Sachzwang des zu Ende gehenden Jahrtausends ernannt, so dass die schiere Erwähnung des Stichworts „Globalisierung“ bereits als Forderung nach einer und nur einer praktischen Konsequenz gemeint ist und verstanden wird: Unternehmer und Staaten, die die ganze Welt ihren Interessen dienstbar machen, sind enorm unter Druck – sie können schließlich zu Verlierern der Konkurrenz werden – und gezwungen, auf ihre Konkurrenzfähigkeit zu achten: „In einer weitgehend liberalisierten Welt konkurrieren neben den Waren- und Arbeitsmärkten aber auch ganze Staaten aufgrund (?) ihrer unterschiedlichen sozialen und gesellschaftlichen Verhältnisse als Produktionsstandorte gegeneinander. Deshalb wird auch in Deutschland darüber diskutiert, ob es als Wirtschaftsstandort noch konkurrenzfähig ist…“

Es ist schon merkwürdig. Da passiert in der Welt des kapitalistischen Schachers mit ihren anmutigen, uns allen vertrauten und lieb gewordenen Kontrasten zwischen Armut und Reichtum, Arbeit und Herrschaft endlich einmal etwas echt Neues; eine veritable Umwälzung hat sich vor unseren Augen abgespielt – die Lücke, die der schon längere Zeit abgetretene „Imperialismus“ hinterlassen hat, ist durch die Globalisierung geschlossen –; und was folgt daraus? Die maßgeblichen Instanzen von „Demokratie & Marktwirtschaft“ erfahren die von ihnen mühsam entwickelte Globalisierung als Regime der Unfreiheit; die schöne neue Welt zwingt sie gebieterisch dazu, sich im internationalen Vergleich zu behaupten. Und um sich durchzusetzen in ihrer Abhängigkeit, müssen sie ungefähr genau dasselbe tun, was sie schon vor der weltwirtschaftlichen und Jahrtausendwende um ihres Erfolges willen getan haben. Das schmerzt, ist aber unvermeidlich – ganz zu schweigen von den vielen Statisten der Weltwirtschaft, die ihrerseits von den Erfolgen ihrer Nationen und der Wirtschaft abhängig sind. Für sie – als Mittel und Opfer, eben als Anhängsel ihrer Konkurrenzbemühungen – tragen die Hüter von Standorten und die Arbeitgeber auch noch die Verantwortung…

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Die Brauchbarkeit der neuen Ideologie war für Politiker und Wirtschaftslenker ziemlich schnell klar. Ihre Beschäftigung beschränkt sich ja nicht darauf, Entscheidungen zu fällen. Stets geht es auch darum, dem Rest der Welt – der von ihren Beschlüssen immer betroffen ist – gute Gründe für den Gebrauch ihrer politischen bzw. Geld-Macht mitzuteilen. Und ein Grund, der von ihrer Zuständigkeit für die Lebensbedingungen der ganzen Gemeinde überhaupt kein Aufheben mehr macht, also höchstens noch die Forderung zulässt, dass sie „ihre Sache“ gut machen; ein Grund, der die Grundrechnungsarten des kapitalistischen Umgangs mit Arbeit und der staatlichen Rechnungen mit Geld und Macht jeglicher Diskussion entzieht, indem er die Träger politischer und ökonomischer Verfügungsgewalt zu ausführenden Organen eines Sachzwangs verklärt, dem sie ausgeliefert sind; ein Grund, der sie zu ehrlichen Erben Luthers (der stand da und konnte nicht anders) befördert, indem er den andere ausschließenden Erwerb von Geld und den Zuwachs von Macht nicht als Zweck behauptet, sondern in der Methode der Konkurrenz ersäuft; ein solcher Grund ist selbst für den dümmsten Kanzler und Industriellen, der sonst nur zwischen roten und schwarzen Zahlen unterscheidet, ein gefundenes Fressen – gewissermaßen der Universalschlüssel zur Rechtfertigung aller Maßnahmen, die den Managern von Staat und Kapital so einfallen. Und seitdem das Schlagwort zur Verfügung steht, geht auch gnadenlos alles – von den Lohnnebenkosten, dem Sozialwesen über die Privatisierung der Telekom bis zum Euro – als Reaktion auf die Globalisierung über die Bühne.

2. …und beschafft sich ihr Material

Vom Standpunkt der Logik ist die Subsumtion jeder kapitalistischen Affäre unter den Zwang zur Konkurrenz ein klarer Fall von abstraktem Denken. Das interessiert aber wirklich niemanden, jedenfalls nicht unter dem Gesichtspunkt, dass besagtes Denken gewisse Defekte aufweist, was seine Beurteilung des Weltmarkts und seiner umtriebigen Akteure angeht. Abstraktes Denken ist unbeliebt, weil es nicht „konkret“ ist, worunter studierte Leute heutzutage die Ergänzung ihrer Schlagwörter um eine Beispielsammlung verstehen, damit sich jeder was darunter vorstellen kann.

In unserem Fall z.B. wäre es womöglich zu Missverständnissen gekommen, wenn die Fachleute der Globalisierung einfach die Idee verkündet hätten: „Auf dem Weltmarkt, wo wir tätig sind, herrscht Konkurrenz!“ Vielleicht wäre dann nicht gleich das Echo gekommen, das erwünscht ist. Statt der unisono geforderten Reaktion des Typs: „Na, wenn die Sache so ist, dann gibt’s ja keine Alternative!“ hätte sich gar die Frage seitens der wissenslustigen Jugend eingestellt: „Und worum geht’s denn bei eurer Konkurrenz?“ und eine Antwort dazu. Die nämlich, dass das Konkurrieren ein bisschen das Gegenteil von internationaler „Zusammenarbeit“ und „Arbeitsteilung“ ist und nur die Verlaufsform der ungemütlichen Bemühung, auf Kosten anderer Leute und Nationen Geld zu machen. In unserem Fall ist es aber nicht dazu gekommen, weil Jung und Alt erfolgreich getäuscht wurden – eben mit der Parole „Globalisierung“ und der dazu gehörigen Beispielsflut. Letztere führt dem Publikum „konkret“ vor Augen, welch aufregenden Umwälzungen es beiwohnt, damit es merkt, worauf wegen Globalisierung kein Verlass mehr ist, mit welchen Schwierigkeiten in den oberen Etagen gekämpft wird, in wie viel Untersachzwängen sich die Globalisierung inzwischen niederschlägt – so dass sich schließlich vom Bankmanager über den Spiegelleser bis zum arbeitslosen Wähler jeder aufrichtig wünscht, die Weltwirtschaft möchte doch in den Griff bekommen werden. Von wem, ist keine Frage. Die Kompetenzen sind verteilt, ihre kompetente Ausübung allerdings gefordert.

a) Jede Studie über die „Globalisierung“ wähnt sich verpflichtet, erst einmal den Schlager aufzulegen, der das Gemüt des Staatsbürgers einigermaßen erschüttert. Der Text handelt vom global tätigen Kapital, das sich der Kontrolle durch die auf den nationalen Hoheitsbereich beschränkte politische Macht entzieht. „Sinkender staatlicher Einfluss“ gehört da zu den eher matten Befunden; die Behauptung, der Staat könne seine Aufgaben nicht mehr lösen, schon gar nicht mehr demokratisch, mit Volksbeteiligung ginge es zu, wenn die Wirtschaft von Multis gemacht wird, stimmt da schon nachdenklicher – obwohl sie gar nicht wie in früheren Zeiten systemkritisch gemeint ist, sondern die Sorge um den Gesundheitszustand der Nation anstachelt. Manche beleuchten das mit der Globalisierung entstandene Problem gleich ganz eindringlich und malen die Gefahr an die Wand, dass der Staat seine Souveränität aufs Spiel setzt. Das sitzt und ist der gerechte Lohn für die zielstrebige Nicht-Befassung mit der marktwirtschaftlichen Symbiose von Geschäft und Staatsgewalt. Wenn Globalisierungstheoretiker zu ihrer Sache kommen, werden sie sehr gleichgültig gegenüber allem, was ihnen sehr wohl bekannt ist. Dass die Staaten ihre hoheitlichen Befugnisse wahrgenommen haben, um dem globalen Treiben von einheimischen wie ehemals ausländischen Unternehmen „den Weg zu bahnen“, braucht man ihnen sicher nicht zu erzählen. Sie dürften es auch nicht für eine die Augen öffnende Mitteilung halten, wenn man ihnen den Zweck des marktwirtschaftlichen Internationalismus aufsagt – da soll eben Wachstum stattfinden, indem im und am Ausland verdient wird. Und schon gar nicht übersehen haben sie, dass die Regierungen der marktwirtschaftlichen Demokratien, deren Status als „führende Industrienationen“ feststeht, auch im letzten Jahrzehnt sehr souverän ihre Haushalts-, Finanz- und Wirtschaftspolitik betreiben, der es an „Einfluss“ auf das Geschehen jenseits der Grenzen keineswegs mangelt. Mit der Erinnerung an die Leistungen des „Nationalstaats“ für die Schaffung und bei der Benutzung des Weltmarkts ist deswegen auch Leuten nicht beizukommen, die die Legende von der staatlichen Ohnmacht verbreiten.

Denn trotz mancher Übertreibung, die die Schilderung vom Weltmarkt aufweist, auf dem die Wirtschaft eigenmächtig ihren freihändlerischen Unternehmungen nachgeht und den Staat zum Respekt vor ihren Belangen verurteilt – so weit gehen die Ideologen der „Globalisierung“ doch nicht: Dass sie eine kritische Theorie der Weltwirtschaft aufstellen, die behauptet, dass die Staaten in der Bewegung der inter-national engagierten Kapitale keine Rolle mehr spielen, sich gar herauskürzen! Umgekehrt reden sie gerade in der Darstellung der Nöte, die dem Staat von der globalen Wirtschaft beschert werden, von nichts anderem als den Notwendigkeiten staatlichen Handelns, wie es die weltweite „Verflechtung“ erfordert. Und sie landen stets bei Vorschlägen an die Staatsgewalten ihrer Wahl, die denen empfehlen, welchen Gebrauch sie von ihrer Macht zu machen hätten. Die Zurichtung des Standorts in Sachen „Konkurrenzfähigkeit“ ist da ebenso selbstverständlich wie die kräftige Einmischung in die Regierungsgeschäfte anderer Nationen – für welches Interesse die „Globalisierung“ einen unwidersprechlichen Rechtstitel abgibt.

Der Vorteil einer beschränkten Wahrnehmung für die Theoriebildung ist nicht zu unterschätzen. Wer sich damit bescheidet, bei der Besichtigung der Weltwirtschaft unserer Tage festzustellen, dass da Konkurrenz herrscht, der hat sich offenbar entschieden. Erstens dafür, dass sich Kapitalisten aller Herren Länder daheim und auswärts um Geschäftserfolge bemühen; das geht in Ordnung, weil sich aus diesen Erfolgen das Wachstum ergibt, von dem Arbeitsplätze und Wohlstand auf der ganzen Welt abhängen. Insofern ist es auch nicht mehr schlimm, von Kapitalismus zu reden – wozu etwas leugnen, zu dem es keine Alternative gibt. Zweitens dafür, dass auch und gerade die Staaten dieser Welt vom Gelingen dieser Geschäfte „leben“ und im Interesse ihrer Macht gut daran tun, Geschäftshindernisse auszuräumen – wozu sich mit der Phrase bekannt gehört, dass von der Internationalisierung der Wirtschaft kein Weg mehr zurückführt. Drittens dafür, dass die Staaten darauf achten, dass aus der grenzüberschreitenden Vermehrung von Kapital genug für ihre Bilanzen und Haushalte herausspringt – womit sie als Kapitalstandorte in Gegensatz zu ihresgleichen stehen. Viertens dafür, dass die Nation, der man besonders zugetan ist, dem Risiko, zu kurz zu kommen, entschlossen begegnet. Das Risiko, in der Konkurrenz der Nationen zu verlieren, wenn die Erträge der globalisierten Wirtschaft bei anderen Adressaten landen, malen Globalisierungsfreunde kräftig aus – um ganz ohne Imperialismustheorie einen noch kräftigeren Aufruf zum politökonomischen Nationalismus loszuwerden. Ohne falsche Scham – die Konkurrenz, von der sie angetan sind, haben sie schließlich als Sachzwang vorgefunden – raten sie zu imperialistischer Praxis.

b) Leute, die sich auf die Dialektik von Risiko & Chancen der „Globalisierung“ verstehen, sind von einem Ideal beseelt, dessen Verwirklichung durch die Nation sie einklagen: Die Politik hat dafür zu sorgen, dass das inter-nationale Herumfuhrwerken von Kapital reibungslos stattfindet und der dabei erzielte Geschäftserfolg mit dem Machtzuwachs der von ihnen favorisierten Nation(en) zusammenfällt. Wer sich so verständnisinnig dem Gelingen der Benutzung des Weltmarkts widmet, dem fallen nicht nur die Konkurrenten mit ihren gleichgerichteten Anstrengungen unangenehm auf. Der nationalen Sache droht noch von einer anderen Seite Gefahr, nämlich von einem sehr mächtigen Geschöpf der Internationale des Kapitals. Die Rede ist nicht von ein paar Milliarden Menschen, die zur abhängigen Variablen des globalen Wachstums hergerichtet worden sind und jede Menge gute Gründe haben, sich das Regime der Marktwirtschaft vom Halse zu schaffen. Vielmehr vom Finanzkapital, das zwischen sämtlichen Nationen Gewinn bringend hin und hergeschoben wird. Diese Abteilung von Märkten ist den Anhängern des Globalisierungsgedankens gleich mehrfach suspekt vorgekommen – nämlich immer in den Fällen, wo ihr Geschäft eingebrochen ist. Insofern freilich ist die Befassung mit den Märkten, auf denen außer mit Geld und Schulden mit gar nichts gehandelt wird, genauso dürftig ausgefallen wie die mit dem übrigen Kapitalismus.

Den Leitfaden für die Warnungen vor dieser Sphäre liefert ebenfalls die Erfahrung der Ohnmacht, welche die Regisseure der Marktwirtschaft über sich ergehen lassen müssen. Allerdings stellt sich dieses Leiden nicht wie bei der Auseinandersetzung mit Konkurrenten aufgrund deren Leistungen ein; National-Ökonomen und ihre Interessen sind hier verletzt, wenn die „Anleger“ von Geldkapital bei ihrem Handel mit Devisen, Aktien und Derivaten einmal scheitern. Im Falle des Finanzkapitals sind sich Globalisierungstheoretiker mit Wirtschaftspolitikern und Konzernen der Industrie von vorneherein einig, dass sie es mit einer für sie unverzichtbaren Dienstleistung zu tun haben, die nur dadurch zustande kommt, dass die Rechnungen mit Gewinn bringenden Zetteln und computerbeschleunigten orders & demands aufgehen. Wenn dann ein paar Bankpleiten stattfinden, eine Börse abstürzt und eine Währung ihren kaufkräftigen Geist aufgibt, wissen sie umgekehrt Bescheid – davon sind sie enorm betroffen und schreiten wegen der Wirkungen auf ihr eigenes Geschäft zur Kritik. Die hat ihre komischen Seiten, weil sich da Instanzen, die das internationale Kreditgewerbe mit Geschäftsartikeln versorgen und lebhaft an ihm teilnehmen, darüber beschweren, was ihnen diese „Märkte“ antun:

  • Schon etwas heftigere Bewegungen bei Währungskursen, die den Außenhandel einer Nation durcheinander bringen, veranlassen bisweilen Finanzpolitiker zur Schelte, da würden bloß spekulative Bewegungen dazu führen, dass die Geldmacht falsch bewertet und/oder die Konkurrenzfähigkeit ihrer Nation untergraben wird. Dass es sich dabei um die Kritik von Leuten handelt, die als Amtsträger ihrer Nation immerzu „Geld schöpfen“ und den Kredit der Nation dem Test der ominösen „Märkte“ anheim stellen, damit auf die Spekulation spekulieren, und im Falle der Bestätigung damit angeben, wie vertrauenswürdig stark die Nation und ihre Wirtschaft sind, darf da niemand einwenden. Auch auf diesem Feld gibt der Erfolg Recht, und der Misserfolg ist das Werk fremder Agenturen und eigentlich unzulässiger Interessen.
  • Gerät die Erschütterung etwas wüster, wie im Falle der Geldkrisen der 90er Jahre, wird der Ton dem Ausmaß des Schadens angepasst. Staatsmänner und Bankiers, Jounalisten und Industrielle, die nie ein schlechtes Wort gegen den Kapitalismus durchgehen lassen, wettern gegen den „Casino-Kapitalismus“. Dass sich der Staat, Banken und Konzerne an dieser Entartung gleich mehrfach beteiligen – als Lieferanten des Stoffs, auf den das Casino spekulieren kann und soll; dazu als potente, „institutionelle“ Anleger mit ihren „puts and calls“ dem Casino möglichst viele Millionen zu entlocken bemüht sind – ist da ziemlich nebensächlich. Hauptsache, es kommt nicht zur Sprache, wer diesen unberechenbaren Märkten die Macht verleiht, die sie dazu befähigt, durch einige Entscheidungen ganze volkswirtschaftliche Gesamtrechnungen durcheinander zu bringen. Es reicht völlig aus, auf die verheerenden Wirkungen zu verweisen, die eine entfesselte Spekulation auf künftige Geschäfte verursachen kann, sobald sie Projekten staatlicher, industrieller oder geldanlegerischer Natur die Gunst entzieht, die sie ihnen bis dato gewährt hat.
  • Globalisierungsdenker nehmen sich die Probleme, die Kapital und Staat mit der gefährlichen Unberechenbarkeit der internationalen Finanzmärkte kriegen, genauso zu Herzen wie die Konkurrenz. Und wie bei der Befassung mit dem „Sachzwang“ kein Antrag auf Abschaffung des weltweiten Nationalkapitalismus ergeht, folgt aus der Besichtigung des Kreditgewerbes auch nicht der Verbotsantrag gegen diese Branche. Die Natur ihrer Geschäfte, gegründet auf einer jenseits allen Produzierens erteilten Lizenz zum Geldverdienen, wird nämlich keines Blickes gewürdigt – dafür ihre Funktion als unentbehrlich anerkannt. Die Leistungen einer Sphäre, in der Kredit angehäuft wird, für das Funktionieren der Konkurrenz kann man offenbar auch bestätigen, ohne auch nur eine Aufzählung hinzukriegen. Und die „Fehlleistungen“, dies sich in Krisen niederschlagen, in allgemeinen Störungen des weltweiten Geschäftsgangs, beschreiben die Globalisierungsfreunde recht kindisch: erstens ist zu viel an auf Verzinsung abonniertem Kredit unterwegs, weil es dank der modernen Kommunikationsmittel zweitens zu schnell geht.

3. Die Wirkungen der Globalisierungsdebatte

Überlegungen, die sich der praktischen Schwierigkeiten annehmen, an denen die Wirtschaft und die Nation laborieren, wenn sie auf dem Weltmarkt groß und stark werden wollen, haben einen Vorzug: Unabhängig von der Qualität der Urteile sind sie kenntlich als Bemühen, zum Gelingen der Projekte beizutragen, die unterwegs sind. Solche Überlegungen werden auf jeden Fall verstanden.

Einen Nachteil haben sie aber auch. Als Bestätigung der Berechnungen, die von den umsorgten Instanzen selbst schon angestellt werden, als Entwurf von Strategien, die längst verfolgt werden, sind sie überflüssig.

Gut gemeinte Angebote weisen Wirtschaft und Politik aber nicht zurück, nur weil gar keine Nachfrage bestand. Sicher – um den Kapitalstandort auf Vordermann zu bringen, um so gebieterisch, wie man es sich leisten kann, gegen Konkurrenznationen vorzugehen, um im IWF und sonst wo auf die Irrläufer der Märkte mit der Konkurrenz gemeinsam aufzupassen, um ein bisschen Weltordnung zu stiften – für diese Initiativen hätten die maßgeblichen Herrschaften nicht Hunderte von Veröffentlichungen über die „Globalisierung“ gebraucht. Wenn nun aber schon die politisierende Intelligenz so viel Papier auf den Erfolg von Kapital & Staat verschwendet, den sie mit den passenden Antworten auf die „Globalisierung“ stehen und fallen sieht, dann lässt sich die Sache auch umdrehen. Dann ist eben ab sofort jede Rationalisierung und Fusion, jeder internationale Auftritt vom Euro bis zum Krieg eine Antwort auf die „Globalisierung“.


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