„Der Gegenstandpunkt: Eine Sektenkunde“. Woran ein Freigeist eine Sekte erkennt

Dieser Artikel ist in der Zeitschrift GegenStandpunkt 1-12 erschienen. Sie kann über den Buchhandel oder direkt beim Verlag als Druckausgabe oder E-Book erworben werden.

„Der Gegenstandpunkt: Eine Sektenkunde“. Woran ein Freigeist eine Sekte erkennt

Systematischer Katalog: 
Überblick

Ein Artikel von Emanuel Kapfinger über „den GegenStandpunkt“ ist im AStA-Info Nr. 2/2011 der Uni Frankfurt erschienen (erscheint einmal im Semester und wird an alle Studierenden verschickt).

Vorweg eine Klarstellung. Der Gegenstandpunkt ist eine Zeitschrift. Personen und lokale Gruppen, die die in ihr erarbeiteten Ansichten teilen, veranstalten Vorträge und Schulungen zu keinem anderen Zweck als dem, die Gedanken, die sie bei Marx oder in dieser Zeitschrift finden, näher zu erläutern, und die Urteile, die sie sich daran bilden, zu begründen. Wie bei jeder anderen Veranstaltung kann sich der Besucher auch da nur abholen, was angeboten wird. Interessierte gehen in diese Termine mit unterschiedlichen Erwartungen. Sie finden dann schon heraus, ob die Diskussionen ihnen die Klärungen bringen, die sie suchen. Oder ob sie sich anderes erwartet haben bzw. die erforderliche Vorbereitung, Geduld und Zeit für das theoretische Angebot nicht aufwenden wollen; dann bleiben sie wieder weg.

Nicht so E. Kapfinger.

„Der Gegenstandpunkt: Eine Sektenkunde“

Der folgende Artikel von Emanuel Kapfinger ist im AStA-Info Nr. 2/2011 der Uni Frankfurt erschienen (erscheint einmal im Semester und wird an alle Studierenden verschickt). Wir zitieren ihn ungekürzt, um darauf zu erwidern.

„Im Winter 2006/2007 habe ich in München an zwei Schulungen des GegenStandpunkts (GSP) teilgenommen: Die eine hatte das „Kapital“ von Marx, die andere das Buch „Der bürgerliche Staat“, eine Eigenproduktion des GSP, zum Gegenstand. Mein Verhältnis zu der streng hierarchischen Schulungsstruktur war ein kritisches, gegen die innerhalb der Schulung beanspruchte Zweifelsfreiheit der Positionen der Schulungsleitung habe ich meine eigenen argumentativ festgehalten. Dies war zwar ohnehin nicht ganz leicht, da GSPler ihre Argumente absolut überzeugt und aggressiv vorbringen; aber es lief zunächst und ich konnte von den Diskussionen profitieren. Nach einigen Monaten wurde ich in beiden Schulungen gezielt attackiert: Nun wurde ich nicht mehr bloß,autoritär kritisiert, vielmehr wurde mir offen Verblödung und der fehlende Wille vorgeworfen, den Buchtext adäquat – „so wie es dasteht“ – zu begreifen. Dabei fiel der Satz, ich sei durch den Besuch von bürgerlichen Seminaren verdummt. Nach diesem Vorfall habe ich die beiden Schulungen verlassen.
Diese Erfahrung ist typisch. Mir geht es im Folgenden darum, den Organisationscharakter des GSP zu analysieren, der zu solchen Situationen wie der geschilderten führt. Das Resultat wird sein, dass es mit ihm weder eine politische noch eine wissenschaftliche Zusammenarbeit geben kann; dass er den Charakter einer Sekte hat; und dass er nach innen wie nach außen psychische Gewalt ausübt. Auf die Theorie des GSP gehe ich dabei nicht explizit ein (...). Es sei jedoch darauf hingewiesen, dass die hier beschriebenen moralischen und autoritären Verhaltensweisen ihre Rechtfertigung innerhalb des geschlossenen Systems des GSP haben. Mir kann es also nicht darum gehen, eingefleischte GSPler zu überzeugen – wie ich zeigen werde, hat das auch gar keinen Sinn –, sondern lediglich darum, von außen ein kritisches Licht auf den GSP zu werfen, mit dem Ziel, vor seiner Attraktivität zu warnen und ihm seine kritische Maske vom Gesicht zu reißen.

Organisation

Die Mitgliedschaft im GSP kann durchaus als reizvoll und attraktiv erscheinen, denn sie verbindet eine totale Negation gegenwärtiger Praxis mit der Möglichkeit das bürgerlich-berufliche Leben wie alle zu führen. Dieser Widerspruch wird durch eine abstrakte und bloß willentliche Negation der wirklichen Praxis möglich, die lediglich zu einer strikten Trennung von politischer und bürgerlicher Praxis führt. Von daher müssen die GSP-Mitglieder weder von einem gut situierten bürgerlichen Leben absehen noch befürchten, dass dieses durch ihre politische Praxis gefährdet wird. Gleichzeitig winkt ihnen im GSP eine langjährig arbeitende, vergleichsweise große Organisation. Mit einer fertig ausgearbeiteten Theorie bietet diese eine klare Orientierung an, die durch Schulungsprogramme angeeignet werden kann. Diese Theorie ist offensichtlich gesellschaftlich geächtet, aber der GSP kann sich durch seine fixe Wahrheit (Dogma), die durch ihre Einheitlichkeit von den anderen Mitgliedern bestätigt wird, dieser permanenten Bezweiflung entziehen. Schließlich bietet der GSP klare Aufstiegsmöglichkeiten, d.h. durch kontinuierliche Arbeit kann man sich eine anerkannte und respektable Stellung erarbeiten; oder sogar erreichen, durch die Tätigkeit in der Organisation seinen Lebensunterhalt zu verdienen.
Im Zentrum der wohl an die 10 000 Mitglieder umfassenden Organisation steht die Zeitschrift GegenStandpunkt, die aktuelle politische Auseinandersetzungen kommentiert und in Sonderpublikationen wichtige Themen wie den Faschismus oder das Proletariat behandelt. Die Gliederungen auf lokaler Ebene tragen meist eigene Namen – in Frankfurt etwa die farbeROT – und halten öffentliche Vortrags-, Diskussions- und Lektüreveranstaltungen ab, sowie in größeren Städten monatliche Jours Fixes, eine Art lokaler Hauptversammlung. Neben diesen öffentlichen Veranstaltungen finden interne Schulungen in den theoretischen Grundlagen statt. Über kleinere kostenlos – oft zum Beispiel vor Hochschul-Mensen – verteilte Zeitungen und Flugblätter und Radiobeiträge werden die im GegenStandpunkt erarbeiteten Analysen lokal verbreitet. Schließlich besuchen GSP-Kader kritische Seminare oder Vortragsveranstaltungen, um die dort vertretenen Positionen anzugreifen.

Die antiemanzipatorische Praxis des GegenStandpunkt

Obwohl der GSP eine mehrere Jahrzehnte existierende und zahlenmäßig starke kommunistische Organisation ist, übt er keine politische Praxis im engeren Sinne aus. Seine politische Praxis beschränkt sich auf die Agitation. Er beteiligt sich weder an den Prozessen der bürgerlichen Politik (z.B. Parlamente, Gremienarbeit, Gewerkschaftsarbeit, Proteste), noch hat er eine radikale Praxis (z.B. praktische Organisierung, Besetzungen, Blockaden). Vielmehr denunziert er jede aufkommende Bewegung in Flugblättern und Veranstaltungen als affirmativ. Bei Protesten sind GSPler oft auch vor Ort, erklären den Menschen, dass sie das Falsche tun, und stellen sich damit praktisch subjektiven Entwicklungsprozessen in den Weg.
Der GSP begründet diese Politik daraus, dass für die kommunistische Gesinnung von jedem Privatinteresse abstrahiert werden muss, da dieses in die bürgerliche Gesellschaft eingebunden sei. Wenn Protest oder Widerstand daher von Privatinteressen ausgeht, wie dies etwa in Bildungsprotesten, Streiks oder im Protest gegen das Finanzkapital der Fall ist, dann handelt es sich um eine Selbsttäuschung: Man ist gar nicht dagegen, sondern tut nur so.
Wie die Argumentation dabei konkret aussieht, soll an der Kritik der Occupy-Bewegung im GegenStandpunkt 3-11 vorgeführt werden. Zum einen wird die Dummheit der Protestierenden klargestellt – eigentlich, so legt der Text nahe, ist es gar nicht möglich, auf ihre Positionen zu kommen, u.a. der folgenden: „Ihr wollt echte demokratische Wahlen ... Und dann fällt euch ein, dass man die Bande der Mächtigen aber ganz genau kontrollieren muss! Eine Schnapsidee ...“ Zum andern wird der Occupy-Bewegung nachgewiesen, dass sie in Wahrheit gerade das wollen, wogegen sie protestieren. Ihr Manifest eröffnet „mit demonstrativ zur Schau getragenen Bereitschaft, in diesem System als nützliches Rädchen mitzuarbeiten.“ Der Text schließt mit der Enthüllung, dass die Bewegung nicht politisch, sondern lediglich narzisstisch motiviert sei: „Mit dieser Empörung und Enttäuschung ... verschafft ihr euch allenfalls das schöne Gefühl, als gute Menschen moralisch Recht zu behalten ...“ Diese Kritik verschwendet keinen Gedanken daran, dass unser Leben ganz praktisch von vielen ideologischen Vorstellungen durchdrungen ist, die sich auch nur durch praktische Prozesse, wie bei solchen Protesten, mit ihren Organisierungs- und Diskussionsmöglichkeiten, überwinden lassen. Rabiat fordert der GSP das augenblickliche Umschalten auf „kommunistisch“.
Der GSP arbeitet folglich der Emanzipation der Menschen entgegen. Mit ihm kann es keine Zusammenarbeit geben, da er nicht an einer solidarischen Organisierung interessiert ist. Vielmehr stellt er sich argumentativ allen anderen Linken entgegen und interessiert sich nur für den Raum, seine Wahrheit anderen darzustellen und für Veranstaltungen zu werben.

Die Sinnlosigkeit der Diskussion mit GSPlern

Auch eine kritische Diskussion oder Verständigung mit Mitgliedern des Gegenstandpunktes über ihre Grundlagen ist zwecklos. Einige Berichte über ihr Diskussionsverhalten werden dies deutlich machen.
In einem Vortrag des GSP zum Lokführerstreik 2007 bestand das Publikum, wie es wahrscheinlich immer der Fall ist, überwiegend aus GSPlern. Von verschiedenen Leuten wurden in Redebeiträgen Kritiken am Vortrag geäußert, diese wurden dabei aber immer wieder durch Stöhnen und beschimpfende Zwischenrufe seitens des Publikums, aber auch seitens der Referentin übertönt. Diese Atmosphäre machte es äußerst schwierig, die Kritiken ausführlich und konzentriert vorzutragen.
Mehrmals habe ich an Diskussionsveranstaltungen des „Forum Gegenargumente“ in München teilgenommen. Dort wie überall hat man es übrigens fast ausschließlich mit Männern zu tun, die einen ausgesprochen harten Habitus, zwar nicht körperlich, aber verbal, pflegen. Die Veranstalter verhielten sich gegenüber mir und anderen Teilnehmenden, die kritisch diskutieren wollten, richtiggehend unzivilisiert: Sie fielen uns rabiat ins Wort, verdrehten den Sinn unserer Reden, ließen uns – wie hier schon öfter bemerkt – spüren, für wie blöd und lächerlich sie uns hielten, definierten Argumente als nicht zur Sache gehörend. Wie ersichtlich, sind die Mitglieder des GSP nicht an einer Diskussion mit dem Ziel einer Klärung von Fragen und der gemeinsamen, auch kontroversen Weiterentwicklung interessiert.

Die Struktur der Schulungen: Dogmatismus und Wissenshierarchie

Die Schulungen stellen ein Ausbildungsprogramm für angehende GSP-Kader dar, für Menschen also, die bereits durch den Besuch anderer GSP-Veranstaltungen mit den Positionen und Argumentationsformen des GSP vertraut sind und in die Organisationsstruktur eingegliedert sind. Sie werden von mehreren erfahrenen Kadern geleitet. Der Ablauf der Sitzungen ist grundsätzlich wie folgt: Die Teilnehmenden versuchen sich zunächst selbst über die behandelte Buchpassage klar zu werden; nach einiger Zeit des Rumstocherns wird dann von den Schulungsleiter erklärt, was gemeint ist. Dies wird von wechselnden Teilnehmenden protokolliert, deren Protokoll zu Beginn der nächsten Sitzung gemeinsam durchgegangen wird. Die Schulungsleitung weist dann meist wohlwollend, aber zuweilen auch harsch und verspottend, auf Fehler hin. Auf diese Weise muss jeder seine Fähigkeit, die GSP-Position zu formulieren, einüben, sowie sein Verständnis derselben zur öffentlichen Korrektur vorlegen. Dies baut einen Druck auf, sich die erwarteten Argumentationsweisen und Ansichten anzueignen, wie es ja auch durch ähnliche Methoden in Schule und Uni-Seminaren geschieht, obgleich diese staatlichen Institutionen gegenüber dem GSP als Horte der Liberalität erscheinen.
Die geschilderte psychotechnische Doppelstrategie gegenüber den Teilnehmenden der Schulung ist ein allgemeines Verhalten, das ich bei den eigenen Diskussionsveranstaltungen des GSP, bei Kneipendiskussionen wie bei Besuchen von Uni-Seminaren durch GSPler beobachten konnte. Es ist dies eine Psychotechnik, die gewissermaßen durch „Zuckerbrot und Peitsche“ ihr Ziel erreichen will: Bei den einen wird wohlwollend korrigiert, die nur geringe Entfernung von der Wahrheit als Leistung gelobt, die anderen werden als denkunfähig diffamiert und lächerlich gemacht. Diese Psychotechnik hat beim ersteren Personenkreis die Absicht, ihn mittels Abschrecken und Schmeicheln zu interessieren und zu gewinnen; der letztere Personenkreis soll psychisch gebrochen und durch die Aussicht auf Anerkennung, die den „Anständigen“ zuteil wird, angelockt werden.

Die Revolutionstheorie des GegenStandpunkt

Diese und andere Psychotechniken des GSP begründet sich aus seiner eigentümlichen Revolutionstheorie. Darin ist das Mittel der Revolution das Erreichen eines allgemeinen richtigen Bewusstseins, da das Verhältnis der Menschen zum Mitmachen eins ihrer freien Entscheidung ist. „Kommunistische Politik ist Resultat wissenschaftlicher Einsicht in das Kapitalverhältnis.“ Die richtige politische Gesinnung, d.h. die Abstraktion von allen Interessen innerhalb des Kapitalismus und die Einnahme des allgemeinen Standpunktes des kommunistischen Willens („Gegenstandpunkt“), entsteht von selbst „aus der Erkenntnis der kapitalistischen Verhältnisse“. Der GSP nimmt es als kommunistische Organisation auf sich, diese Erkenntnis unter die Menschen zu bringen und betrachtet diese als ganz einfache und jedem unmittelbar einsichtige. Da sie in der Wirklichkeit offenbar nicht so schnell einsichtig ist, geht der GSP zugleich davon aus, dass die Menschen mitmachen wollen und das Falsche denken wollen, um sich selbst über ihre Entscheidung zu betrügen. Hieraus lässt sich auch das autoritäre Vorgehen des GSP in seiner Agitation verstehen, da ihre Gegner ja nicht bloß gedanklich überzeugt, sondern in ihrem Willen zum Mitmachen gebrochen werden müssen.

Der GegenStandpunkt: Eine Sekte

Zum Ende sollen die genannten Kritiken am GSP zusammengefasst und auf den Sektenvorwurf bezogen werden. Der GSP kann sicherlich nicht in einfacher Weise als Sekte identifiziert werden. Es geht ihm weder simpel um die Anbetung einer Transzendenz oder die Aussicht auf erhabene Bewusstseinszustände. Auch dient die Organisation nicht dazu, die Anhänger zugunsten des Führungspersonals finanziell auszupressen. Vielmehr hat der GSP durchaus einen politischen Ausgangspunkt, und er ist durch die ernsthafte Auseinandersetzung mit politischen Themen bestimmt. Allerdings verfährt er hier in einer Weise, die ihn dennoch zur Sekte machen.
In ihrem Alltag sind sie brave Bürger: Sie sind anständig gekleidet, gehen zur Arbeit, zahlen Steuern, und verdienen meist gutes Geld als Rechtsanwälte, Ärzte, Journalisten oder Lehrer – oder sind als Studierende auf dem Weg dazu. Hier, in ihrem bürgerlichen Leben zeigen sie ihre Gesinnung nicht und wären, so würden sie selbst formulieren, auch blöd, wenn sie ihre Existenz gefährdeten, wenn zig andere mitmachen, ohne dagegen zu sein.
Diese Bürger haben im GSP eine zweite Existenz, die ihnen eine enorme innere Aufwertung verschafft. Die hauptsächliche Praxis, das Abarbeiten am politischen Geschehen, ist beim GSP immer eine moralische Kritik und bietet so die Möglichkeit eines Selbstwertgewinns. Durch die Institutionalisierung kann so eine dauerhafte, innerhalb der Organisation erhaltene Selbstveredlung entstehen. Weiterhin wird die Wahrheit des eigenen Gegenstandpunkts, der eigentlich eine esoterische Einsicht ist, durch den besonderen Willen der Mitglieder erklärt, der von allen rein kapitalistischen Privatinteressen absehen kann. Hieraus ergibt sich außerdem eine Mission des GSP in der Welt, da die Verblendung der anderen in ihrem falschen Willen begründet ist, den es zu verändern gilt. Wirklich dazu gehört man aber nicht, wenn man grundsätzlich schon die Doktrin und den richtigen Willen übernommen hat; erst nach einer Art Initiation – den Schulungen –, ist man als Vollmitglied anerkannt. So wird ein geschlossener Kreis von überzeugten Mitgliedern (Kadern) geschaffen. Das geschlossene Weltbild hat den Charakter absoluter Gewissheit, wird jedoch bei strittigen Punkten von der Organisationsspitze bestimmt. Schließlich wird auch das soziale Leben durch die Kontakte im GSP bestimmt.
Dabei sind die Mitglieder beständiger Gewalt ausgesetzt. Die Unterordnung unter die Organisation und die Höherstehenden wird in Form der inneren Zustimmung zu den Interessen der Organisation gefordert. Der psychische Haushalt eines GSPlers ist durch Aushalten von autoritärer Zurechtweisung, der Angst vor Ausgrenzung aufgrund abweichender Meinungen, durch die Demütigung der erzwungenen Selbstkritik bestimmt. Die Akzeptanz innerhalb des GSP kann nur erworben werden durch einen irrationalen Sprung ins Dogma des GSP, was durch die Gehirnwäsche in den Schulungen und Sympathisanten-Veranstaltungen unterstützt wird.

Praktische Ratschläge

Alles in allem sind dies Verhaltensmuster, die man im Allgemeinen einer Sekte zuschreibt. Wenn man den GSP also in struktureller Hinsicht begreift, muss man sich zu ihm ebenso verhalten. Dies betrifft zum einen die „Aufklärungsarbeit“: Der GSP genießt allgemein zu sehr den Schein von tiefgründiger theoretischer Arbeit, die nur einige kleine Probleme hätte. Hiergegen muss seine tatsächliche Organisationspraxis ins Bewusstsein gebracht werden, und der Zusammenhang seiner theoretischen Grundlagen hiermit, wie hier dargelegt, hergestellt werden.
Das andere ist die Frage nach dem praktischen Umgang mit seinen Mitgliedern. Inwieweit man gemeinsam mit diesen Diskussionen oder Veranstaltungen verbringen möchte, muss man abhängig von den Umständen entscheiden. Immerhin verhalten sie sich nicht immer unmöglich. Meist werden die Interventionen der GSPler zunächst vor allem als ein rein aufklärerisches und diskursives Interesse wahrgenommen. Hier kann es in Veranstaltungen sinnvoll sein, kurz im Allgemeinen über die Verhaltensweisen des GSP zu informieren (zum Beispiel auf Grundlage meiner Ausführungen). Sollten GSPler Veranstaltungen in geschilderter Weise zur Selbstdarstellung nutzen, ist eine in jedem Fall gute Strategie, ganz formal auf die Interessen anderer an Fragen und Diskussion hinzuweisen.
Für die Strategie in Diskussionen kann ich nur einige Hinweise geben. Aus meiner Erfahrung ist es aufgrund des geschlossenen Systems nicht zielführend, sich auf eine Verteidigung der von GSPlern angegriffenen Argumente einzulassen. Man kann hier lediglich die eigene Position abstrakt dagegenhalten, während die von ihnen mit autoritärer Wucht geäußerten Argumente mit höherer Dignität im Raum stehen. Sinnvoller ist es, sie nach den Voraussetzungen ihrer eigenen Kritiken zu fragen und daraufhin zu versuchen, in diesen einen Widerspruch nachzuweisen. Zudem kann es hilfreich sein, die Form ihres Diskussionsverhalten zu thematisieren. Im Grunde steht dieses im Widerspruch zu ihren eigenen Ansprüchen – die Menschen als freie und vernünftige Subjekte anzuerkennen und so fort. Aber wie ihre Theorie hierzu widersprüchlich ist, so sind sie auch im Stande, zu widerlegen, dass sie sich autoritär usw. verhalten. Nun – die Auseinandersetzung mit einer Sekte ist nicht leicht.“

Woran ein Freigeist eine Sekte erkennt

Vorweg eine Klarstellung. Der Gegenstandpunkt ist eine Zeitschrift. Personen und lokale Gruppen, die die in ihr erarbeiteten Ansichten teilen, veranstalten Vorträge und Schulungen zu keinem anderen Zweck als dem, die Gedanken, die sie bei Marx oder in dieser Zeitschrift finden, näher zu erläutern, und die Urteile, die sie sich daran bilden, zu begründen. Wie bei jeder anderen Veranstaltung kann sich der Besucher auch da nur abholen, was angeboten wird. Interessierte gehen in diese Termine mit unterschiedlichen Erwartungen. Sie finden dann schon heraus, ob die Diskussionen ihnen die Klärungen bringen, die sie suchen. Oder ob sie sich anderes erwartet haben bzw. die erforderliche Vorbereitung, Geduld und Zeit für das theoretische Angebot nicht aufwenden wollen; dann bleiben sie wieder weg.

Nicht so E. Kapfinger. Er verlässt die Diskussionsrunden tief verletzt und beginnt einen privaten Feldzug gegen die Politsekte, die er bezichtigt, ihm und anderen psychische Gewalt anzutun. Die negative Erfahrung verschafft er sich dadurch, dass er Debatten über Politik und Ökonomie und das Hin und Her der Meinungen nicht ihrem Inhalt nach verfolgt, sondern von vornherein als eine Konfrontation von Willen auffasst:

„Mein Verhältnis zu der streng hierarchischen Schulungsstruktur war ein kritisches, gegen die innerhalb der Schulung beanspruchte Zweifelsfreiheit der Positionen der Schulungsleitung habe ich meine eigenen argumentativ festgehalten.“

Man wüsste gerne, welche Positionen die Schulungsleitung vertreten, welche eigenen er dagegen gesetzt hat; dann ließe sich vielleicht entscheiden, ob die eine oder die andere Seite Irriges oder Unausgegorenes gedacht hat, oder ob sich beide nur nicht verstanden haben. Aber das interessiert den Ankläger ja nicht. Auf die Theorie des Gegenstandpunkt gehe ich dabei nicht explizit ein; mir geht es darum, den Organisationscharakter des GSP zu analysieren. Dogmatismus, Glaubensgewissheit, geschlossenes Wahnsystem – alles das kann er beim Gegenstandpunkt entdecken ohne eine Befassung mit der Frage, ob das Vertretene zutreffend und richtig ist. Offenbar interessiert ihn nicht, was gegen seine Auffassungen eingewendet wurde, ihn empört, dass man sie nicht gelten ließ, dass man ihnen widersprochen und nach monatelangem Bemühen auf Abbruch der Debatte gedrungen hat. Wer in diesen Terminen vorbeischaut, steht den vertretenen Auffassungen und ihren politischen Konsequenzen zunächst kritisch gegenüber; das ist der normale Ausgangspunkt der Befassung. Genau deshalb wird argumentiert und gestritten. Dazu passt es aber gar nicht, dass einer mitten in der Debatte einen formellen, nämlich gegen den Inhalt seiner Meinung gleichgültigen Respekt davor einklagt, dass auch er eine freie Meinung hat und niemand diese schlechter finden darf als seine eigene. Kapfinger hat nicht und will auch nachträglich nicht für die Richtigkeit seiner Auffassungen Gründe anführen und Gegenargumente aufnehmen und beurteilen. Vielmehr hat er offenbar mutwillig einen recht unehrlichen Test auf die Bereitschaft der Veranstalter angezettelt, Auffassungen, die den ihren entgegengesetzt sind, geradeso gelten zu lassen wie die eigenen: Sofern sie dazu nicht bereit sind und, wie er, an ihren Positionen festhalten, solange sie sie nicht widerlegt finden, sind sie autoritär, ja psychisch gewalttätig; bei ihm ist dasselbe ein antiautoritäres Standhalten und ein Akt der Befreiung.

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Von seiner eigenen Meinung hat der Ritter der Meinungsfreiheit keine sehr hohe: Wenn er schon wie jeder Mensch eine eigene Meinung hat und eine andere auch gar nicht haben kann, sollte es dann nicht wenigstens eine gute sein, eine die stimmt und überzeugt? Ihm sind diese Qualitäten nicht annähernd so wichtig wie, dass seine Meinung die seine und eigene ist. Er behandelt sie wie ein Stück Eigentum, das ihm niemand wegnehmen darf. Vielleicht weiß er ja nicht, dass das auch gar niemand kann; er muss nicht fürchten, dass ihm seine Meinung abhanden kommt, solange er neue Gedanken, die ihm nahe gebracht werden, nicht selbst überzeugend findet. Die Gehirnwäsche, die er dem Gegenstandpunkt nachsagt, gibt es nicht – bei ihm hat sie ja offenbar versagt. Man fragt sich, warum dieser stolze Inhaber seiner eigenen Meinung überhaupt Bücher liest, wenn er es für geistige Vergewaltigung hält, darauf verpflichtet zu werden, einen Buchtext adäquat – so wie es da steht – zu begreifen – und ihn vielleicht danach, aber nicht vorher abzulehnen. Was denn sonst? Ist er denn damit zufrieden, einer verkehrten Theorie auf Basis eines oberflächlichen Verständnisses zuzustimmen, bloß weil er ihren Gehalt noch nicht voll erfasst und sowieso nur hineingelesen hat, was er immer schon dachte und wusste? Oder findet er es richtig, einen Text zu verwerfen, weil ihm irgendetwas daran gegen den Strich geht, jenseits des eigentlichen Gedankens, um den es dort geht? Warum diskutiert einer noch mit anderen, wenn er es als demütigend ablehnt, sein Verständnis der öffentlichen Korrektur vorzulegen? Nichts anderes tun Leute, die debattieren und streiten und dabei überprüfen und von anderen überprüfen lassen, wie schlüssig ihre Argumente sind.

Den Respekt vor den Gedanken anderer, der darin liegt, dass man ihren Inhalt ernst nimmt, ihnen nachgeht, um zu verstehen, wie der andere denkt, und mit ihm kompetent streitet, – diesen Respekt hat er nicht schätzen gelernt. Er besteht auf dem formellen: In die theoretische Auseinandersetzung mischt er den völlig deplatzierten Rechtsanspruch auf Respektierung seiner freien Subjektivität hinein, auf der in der kapitalistischen Demokratie jenseits vom ökonomischen Benutzen und Benutzt-Werden, jenseits von Erfolg und Misserfolg jeder bestehen darf. Wenn sonst schon nichts, so kann doch die freie Meinung des einen so viel und so wenig Geltung verlangen wie die anderer Meinungsinhaber auch – gleichgültig, welchen Mist einer sich zusammendenkt. Wer mit einem derartigen Rechtsanspruch in Schulungen oder Vorträge geht, hat sich verirrt. Dieses Bedürfnis wird da nicht bedient. Mit ihm hat Kapfinger sich einen Filter der Wahrnehmung zugelegt, durch den er überhaupt keine Argumente mehr hört – weder richtige noch falsche –, dafür Sensibilität beim Erspüren „autoritärer Strukturen“ entwickelt: Ihm zerfällt eine Diskussionsmannschaft in Gurus, die vor-, und Knechtsnaturen, die nachbeten; theoretische Kontroversen erlebt er als Gruppendruck, Psychoterror auf der einen Seite und – ja ernsthaft – Widerstand auf der anderen.

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Aus seinem Ethos des freien Selber-Denkens – einer Selbstverständlichkeit, der sowieso niemand entkommt – macht Kapfinger eine ganze politische Theorie von der Emanzipation des Menschen und ihrer Sabotage. Was ihm als Individuum angetan wurde, das verbricht unsere Zeitschrift gegenüber kritischen und Protest-Bewegungen überhaupt. Die Sünde besteht darin, gewerkschaftlich organisierten Lohnabhängigen, Studenten, die gegen Studiengebühren, und Aktivisten, die gegen Finanzkapital und Krise auf die Straße gehen, Einwände mitzuteilen gegen die kapitalistische oder demokratische Befangenheit ihrer Forderungen und Ideale. Für Kapfinger heißt das: Die Bewegungen beschimpfen. Wenn er allen Inhalt der Kritiken weglässt, sieht er klar, worum es unseren Interventionen geht: Wir opfern eine Unmenge Zeit und Geld und Druckerschwärze um Leuten, die endlich einmal den Arsch hochkriegen und sich befreien, mitzuteilen, wie dumm sie sind – und wie gescheit wir. Wir verfolgen das Ziel, Protest zu entmutigen und die Emanzipation zu verhindern, die gerade im Aufbruch ist.

Wieder widerspricht Kapfinger unserer Kritik an diversen Bewegungen gar nicht in der Sache; ihm ist schon klar, dass die, wie überhaupt unser Leben ganz praktisch von vielen ideologischen Vorstellungen durchdrungen ist, die sich auch nur durch praktische Prozesse, wie bei solchen Protesten mit ihren Organisierungs- und Diskussionsmöglichkeiten überwinden lassen. Rabiat fordert der GSP das augenblickliche Umschalten auf ‚kommunistisch‘. Wissen, dass diese Bewegungen irren und falsche Hoffnungen auf die Besserung dieser Ordnung hegen, das darf man wohl; aber sagen darf man es ihnen nicht: Das wäre anti-emanzipatorisch und würde das Gesetz verletzen, dass unter den Wohlmeinenden niemand den Eindruck erwecken darf, er wisse etwas, was nicht auch alle anderen längst wissen. Das einzige, was studierte Kapitalismuskritiker überhaupt zur Gegenwehr und den Kämpfen der Unzufriedenen beitragen können, nämlich – wie Marx sagt – den Prozess ihrer Emanzipation abkürzen, indem sie ihnen durch Aufklärung und Kritik von Illusionen Umwege und vermeidbare Niederlagen ersparen – das dürfen sie nicht. Nicht überheblich, sondern egalitär und – ausgerechnet – solidarisch wäre es dagegen, den Bewegungen ein aufmunterndes „Weiter so!“ zuzurufen, sie ihre Fehler machen und sie in ihre Niederlagen laufen zu lassen. Das ist die Art praktischer Lernprozess, die der Freigeist nicht für intellektuelle Vergewaltigung hält.

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Mit seinem Schlüssel zur Welt – dem ebenso selbstgefälligen wie bescheidenen Bedürfnis des Subjekts nach abstrakter Anerkennung – erschließt Kapfinger sich auch das absonderliche Verhalten von Leuten, die sich die GSP-Schulungen antun. Er kennt sich aus in der menschlichen Seele: Denen geht um dasselbe wie ihm: Um Anerkennung! Sie hängen einer gesellschaftlich geächteten Theorie an, aber das macht ihnen nichts, denn sie organisieren sich den Selbstwertgewinn, auf den es ankommt, in den eigenen Reihen. Der ganze organisatorische Aufwand gilt einem selbst fabrizierten psychologischen Nutzen: Es gibt Aufstiegschancen in dem Haufen, respektierte Positionen, die dem Ego ihrer Inhaber gut tun, – und für alle das Angebot, sich für etwas Besseres zu halten. Keinen Augenblick lang kommt dem psychiatrischen Blick auf diese politische Szene in den Sinn, dass es für sein Bedürfnis in der bürgerlichen Welt endlos viele, weit weniger aufwändige und weniger geächtete Wege der Befriedigung gibt. Man müsste schon sehr bescheuert sein, diese Allerwelts-Selbstsucht auf eine so umständliche Weise zu betätigen.

Kapfinger findet das einerseits gar nicht bescheuert, sondern logisch; andererseits muss er seine Leser darüber aufklären, dass die Anhänger des GSP das einleuchtende menschliche Bedürfnis auf eine perverse, an beiden Enden seines Organigramms anti-emanzipatorische Weise befriedigen. Am ehesten versteht er noch die Typen, die er die „Höherstehenden“ nennt: Sie stiften eine Gemeinde von Gefolgsleuten, die sie kujonieren und demütigen und verschaffen sich sich dadurch eine enorme innere Aufwertung . Gar nicht verstehen kann der Inhaber eines stolzen Egos aber die subjektlosen Wesen, die sich, ohne Chance selbst Chef zu werden, durch Unterordnung und Anpassung die Anerkennung der Höherstehenden zu verdienen versuchen.

„Der psychische Haushalt eines GSPlers ist durch Aushalten von autoritärer Zurechtweisung, der Angst vor Ausgrenzung aufgrund abweichender Meinungen, durch die Demütigung erzwungener Selbstkritik bestimmt. Diese Psychotechnik (der Höherstehenden) hat beim ersten Personenkreis (den Gelehrigen) die Absicht, ihn mittels Abschrecken und Schmeicheln zu interessieren und zu gewinnen; der letztere Personenkreis (Widerständler wie er selbst) soll psychisch gebrochen und durch die Aussicht auf Anerkennung, die den ‚Anständigen‘ zu teil wird, angelockt werden. „

Und diese Masochisten gehen auch noch freiwillig hin! Diese Denunziation der ganzen Mannschaft als Perverslinge folgt einem gar nicht neuen Muster; der private Verfassungsschutz eines beleidigten Intellektuellen kopiert bis ins Detail das Verfahren des offiziellen: Man betreibt die konsequente Psychologisierung politischer Aktivitäten, also ihre Entpolitisierung mit keinem anderen Interesse als dem an politischer Ausgrenzung.

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Schließlich bietet der Autor des Pamphlets noch ein paar Ratschläge zur Bekämpfung der seiner Auffassung nach viel zu attraktiven Sekte.

„Aus meiner Erfahrung ist es nicht zielführend, sich auf eine Verteidigung der von GSPlern angegriffenen Argumente einzulassen. Man kann hier lediglich die eigene Position abstrakt dagegenhalten, während die von ihnen mit autoritärer Wucht geäußerten Argumente mit höherer Dignität im Raum stehen. Sinnvoller ist es, sie nach den Voraussetzungen ihrer eigenen Kritiken zu fragen.“

Das ist mal ein überzeugendes Plädoyer für die Gedankenfreiheit: Man bewahrt sie sich am besten dadurch, dass man gar nicht erst hinhört, sich auf jeden Fall nicht auf Debatten einlässt: Wer mit denen diskutiert, hat schon verloren! Dem unfairen Vorteil dieser verrückten Sekte, Argumente mit höherer Dignität in den Raum zu stellen, also, wie auch immer verklausuliert ausgedrückt, überzeugend zu wirken, entzieht man sich am besten durch Ignorieren. Zielführend wäre es allenfalls, ihre Begründungen übergehend, Auskunft über die Voraussetzungen ihrer Anschauungen einzufordern. Das Ziel, zu dem das führt, ist klar: GSPler sollen ihre Urteile selbst als Ausfluss von sozialen, weltanschaulichen oder methodischen Vorurteilen rechtfertigen. Als Meinung, die nur für Leute mit denselben Vorurteilen Geltung beansprucht, würde Kapfinger sie glatt gelten lassen.


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