16 Jahre Merkel: Eine alternative Bilanz (3)
Noch ein Erfolg der Krisenmanagerin: Flüchtlingskrise – „geschafft!“

Die einzige Großtat ihrer Amtszeit, die nicht nüchternen Sachnotwendigkeiten folgen, sondern als „Akt der Humanität“ verstanden werden sollte, hat Merkel heftige Feindschaft besonders in der eigenen Partei eingetragen. Sie hat dagegen klargestellt, dass die kurzzeitig offene Grenze eine Ausnahme sein und bleiben sollte; ansonsten hat sie Kritik zurückgewiesen und standhaft behauptet: „Wir schaffen das!“ Und sie hat es geschafft: Eine knappe Million armer Schlucker ist in irgendwelchen Behausungen, im Sozialsystem und im untersten Segment des Arbeitsmarktes verstaut, teils auch in die Herkunftsländer zurückgeschickt worden. Die Grenzen sind wieder dicht und das „Migrationsproblem“ so perfekt im Griff, dass die Frage, die vor fünf Jahren die Nation spaltete, im Wahlkampf 2021 überhaupt keine Rolle mehr spielt.

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16 Jahre Merkel: Eine alternative Bilanz (3)
Noch ein Erfolg der Krisenmanagerin: Flüchtlingskrise – „geschafft!“

Die einzige Großtat ihrer Amtszeit, die nicht nüchternen Sachnotwendigkeiten folgen, sondern als Akt der Humanität verstanden werden sollte, hat ebendeswegen Merkel heftige Feindschaft besonders in der eigenen Partei eingetragen. Sie hat dagegen klargestellt, dass die kurzzeitig offene Grenze eine Ausnahme, Abhilfe in einer Notlage sein und bleiben sollte: 2015 wird sich nicht wiederholen. Ansonsten hat sie Kritik zurückgewiesen und standhaft behauptet: Wir schaffen das! Und sie hat es geschafft: Eine knappe Million armer Schlucker ist in irgendwelchen Behausungen, im Sozialsystem und im untersten Segment des Arbeitsmarktes verstaut, teils auch in die Herkunftsländer zurückgeschickt worden. Die Grenzen sind wieder dicht und das „Migrationsproblem“ so perfekt im Griff, dass die Frage, die vor fünf Jahren die Nation spaltete, im Wahlkampf 2021 überhaupt keine Rolle mehr spielt.

Geschafft sind damit zudem ein paar Fortschritte in der fälligen Anerkennung der Deutschen, dass ‚wir‘ Einwanderungsland sind. Erstens in dem Sinn, dass wir uns zunehmend an vor Armut und Gewalt fliehende Menschenmassen als Normal- und Dauerphänomen der schönen Weltordnung gewöhnen, in der die BRD ein großer Player ist. Mit der Bereitschaft, einmalig einen Schwung des wandernden Elends aufzunehmen, reklamiert dieses Deutschland zweitens globale Verantwortung – natürlich nicht für die Entstehung der Fluchtursachen, sondern für den menschenwürdigen, anderen ein Beispiel gebenden Umgang mit deren Folgen. Merkels Land duckt sich nicht weg, wenn die Globalisierung zu uns kommt. Es weiß aber auch, dass Gastfreundschaft gefährlich ist, nämlich – der gezeigte gute Wille von damals beweist es ja – Pull-Effekte erzeugt und noch mehr Einwanderung provoziert. Und dass „es“ deshalb nicht anders geht, als die Flut der Migranten mit allen dazu nötigen Mitteln zu „begrenzen“. Deutschland muss sich drittens also kein Gewissen daraus machen, dass es längst wieder auf die tödliche Unüberwindlichkeit des Mittelmeers, auf Orbán, die Polen, die Griechen und andere Menschenrechtsverletzer an den Außengrenzen der Union setzt, um von unerwünschten Immigranten verschont zu bleiben. Einwanderungsland heißt viertens eben nicht, dass Leute einwandern können, die das aus ihren Gründen wollen oder nötig haben, sondern dass das aufnehmende Land sich die Leute aussucht, die es hereinholt: Zur Behebung des Fachkräftemangels auf diversen Stufen des deutschen Arbeitsmarktes wirbt das weltoffene Deutschland die ausgebildete Elite anderer Länder an- und ab, entzieht z.B. ihren Krankenhäusern das Fachpersonal und klaut ihnen die Früchte ihrer Bildungsinvestitionen. Zu diesem Fortschritt in der Globalisierung bekennt sich die Republik offen und ehrlich. So weit, dass die Einheimischen die angeworbenen Fachleute nicht mehr rassistisch und xenophob anfeinden würden, hat Merkels kurz gezeigtes „freundliches Gesicht“ dann aber doch nicht gereicht.