Fachkräftemangel: Das Unwort des Jahres

Dieser Artikel ist in der Reihe Chronik – kein Kommentar! der Zeitschrift GegenStandpunkt 1-18 erschienen. Sie kann über den Buchhandel oder direkt beim Verlag als Druckausgabe oder E-Book erworben werden.

Fachkräftemangel: Das Unwort des Jahres

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Dass Deutschland unter einem ‚Fachkräftemangel‘ leidet, steht einfach fest. Man könnte meinen, das Schlagwort drückt aus, dass nicht genug ausgebildete Leute mit den erforderlichen Kenntnissen und Fertigkeiten für den gesellschaftlichen Bedarf vorhanden sind. Ungefähr so, als vorfindliches und durch die Demographie zukünftig verschärftes Missverhältnis, soll man sich die Sache offenbar auch vorstellen – und dabei auch gerne an eigene Unannehmlichkeiten denken: Den Fachkräftemangel spürt jeder, der Wochen oder gar Monate auf einen Handwerker warten muss. Von wegen.

Fachkräftemangel: Das Unwort des Jahres

Dass Deutschland unter einem ‚Fachkräftemangel‘ leidet, steht einfach fest. Man könnte meinen, das Schlagwort drückt aus, dass nicht genug ausgebildete Leute mit den erforderlichen Kenntnissen und Fertigkeiten für den gesellschaftlichen Bedarf vorhanden sind. Ungefähr so, als vorfindliches und durch die Demographie zukünftig verschärftes Missverhältnis, soll man sich die Sache offenbar auch vorstellen – und dabei auch gerne an eigene Unannehmlichkeiten denken: Den Fachkräftemangel spürt jeder, der Wochen oder gar Monate auf einen Handwerker warten muss (FAZ, 10.11.17). Von wegen.

Fachkräftemangel 1: Arbeitskräfte könnten teurer sein als sonst

Wo von Fachkräftemangel die Rede ist, kommt erst einmal eine Sorge ganz anderer Art zur Sprache; die hört sich z.B. so an:

„In wirtschaftsstarken Ballungsräumen sind die Arbeitsmärkte häufig leergefegt. Qualifizierte Bewerber können nicht nur dort unter zahlreichen Angeboten auswählen und den Arbeitgebern ihre Bedingungen diktieren – von üppigen Einstiegsgehältern bis zu flexiblen Arbeitszeiten. Viele Unternehmen spielen dabei mit, weil es sie wesentlich teurer zu stehen käme, könnten sie Aufträge mangels Personals nicht annehmen. Ein Ende dieser Entwicklung ist nicht in Sicht. Weil immer weniger Junge auf den Arbeitsmarkt nachrücken, sucht der Bäckermeister ebenso händeringend Nachwuchs wie der Seniorpartner der Anwaltskanzlei. Einzig die Einwanderung dämpft noch die Lohnentwicklung. Doch die Gehaltsspirale wird sich weiterdrehen. Rosige Aussichten für Arbeitnehmer.“ („Vollbeschäftigt und begehrt“, FAZ, 1.6.17)

Wenn schon der Umstand, dass Bewerber Arbeitgebern etwas mehr Geld und angenehmere Arbeitsbedingungen als sonst üblich abhandeln können, zur grotesken Ausmalung eines Arbeiterparadieses motiviert, in dem sich das Kräfteverhältnis unter den Akteuren komplett verändert (FAZ, 18.11.17) und die Bewerber um Arbeitsplätze den Arbeitgebern die Bedingungen allen Ernstes diktieren, dann lebt dieses Zerrbild ganz von der Normalität des Gegenteils. Umgekehrt ist man es gewohnt, umgekehrt gehört es sich auch; geradezu widernatürlich ist es, wenn Unternehmer nicht ihrerseits die Bedingungen diktieren – eine erfrischend ehrliche Auskunft darüber, wo das Problem eigentlich beginnt: dort, wo die Rekrutierung von Arbeitskraft für lohnende Aufträge die Unternehmen teurer zu stehen kommt als gewohnt.

Die Wirklichkeit auf dem Arbeitsmarkt, so konstatieren dieselben Beobachter, sieht dabei ganz anders aus: Die vorausgesagten Wirkungen wollen sich einfach nicht einstellen, und die traditionellen Modelle versagen in der Erklärung dieses Mysteriums der lohnarmen Erholung (FAZ, 17.8.17), der fehlenden Lohnanstiege bei sinkender Arbeitslosenquote.

Fachkräftemangel 2: Zu wenig Überzählige für den je aktuellen Bedarf

Einen ersten sachdienlichen Hinweis zur Aufklärung des „Mysteriums“ liefert da gleich das erste Beispiel, das die FAZ unter der paradoxen Überschrift Die Bewerber sind die Chefs (FAZ, 18.11.17) mit dem ebenso paradoxen Untertitel Die Geschäfte laufen glänzend, doch viele Unternehmen ächzen unter Personalnot augenscheinlich für repräsentativ hält:

„Massenarbeitslosigkeit durch selbstfahrende Autos? Frank Appel schüttelt bei diesem Thema nur den Kopf. Ja, vielleicht würden in einigen Jahren tatsächlich viel weniger Fahrer und Chauffeure benötigt, weil in Klein- wie auch Lastwagen intelligente Fahrsysteme ihren Weg ans Ziel allein fänden. Derzeit könne davon aber noch keine Rede sein, sagte der Vorstandsvorsitzende der Deutschen Post. Im Gegenteil! Er würde aus dem Stand etliche Fahrer einstellen – allein er findet sie nicht in ausreichender Zahl. Denn Arbeit ist gerade genug da: Rund 10 000 zusätzliche Mitarbeiter will die Post-Tochtergesellschaft DHL für das Weihnachtsgeschäft haben, damit die vielen Päckchen und Pakete pünktlich unterm Tannenbaum liegen.“

Mangel an Fach-Paketzustellern besteht also dann, wenn DHL nicht Ende November ein Vorrat von 10 000 beschäftigungslosen Fahrern zur Verfügung steht, die anschließend nach Abarbeitung der vielen Retouren im Januar wieder auf dem Arbeitsmarkt landen und die nächste Sonderkonjunktur abwarten können. Diese Leistung gehört zu einem mängelfreien Arbeitsmarkt nach Maßgabe der Post jedenfalls solange dazu, bis, wie angekündigt, mitsamt der Reserve auch die aktuell beschäftigten Fahrer massenhaft durch Automaten überflüssig gemacht werden. Der konstatierte aktuelle Mangel selbst lässt bis auf Weiteres nicht die Post, sondern ihre Angestellten ächzen: Schließlich ist nicht bekannt geworden, dass DHL die Annahme auch nur eines Weihnachtspäckchens abgelehnt oder auf die Zeit nach Weihnachten verschoben hätte; umso mehr war von der Überbelastung der Paketboten im Weihnachtsgeschäft zu lesen. Und höhere Löhne zwecks Akquise zusätzlicher Fahrer kommen erst gar nicht in Betracht, die würden schließlich die glänzenden Geschäfte relativieren, für die die Leute nicht nur zu Weihnachten allein gebraucht werden.

Warum sollten die Unternehmer auch mehr zahlen, haben sie doch längst ein probates Mittel, ihren einschlägigen Bedarf auch ohne mehr Arbeitskräfte erledigen zu lassen.

Fachkräftemangel 3: „Wenn Fachkräfte fehlen“, hilft mehr Mehrarbeit

„Bei der Handelskammer-Umfrage [in Bremen sagten] 67 Prozent der Unternehmen, dass fehlende Fachkräfte Mehrbelastung für die Belegschaft bedeuten. Die Mitarbeiter können sich wohl auf mehr Überstunden einstellen.“ (Weser Kurier, 29.11.17)

Die Erfindung der Überstunde verdankt sich zwar keineswegs der Bewältigung irgendeiner Not und auch nicht der Personalnot des Jahres 2018, sondern ist seit jeher und jährlich milliardenfach bewährtes Instrument der Bewirtschaftung von Belegschaften. Mehr davon macht gleichwohl die vorhandene und glücklicherweise frei verfügbare Belegschaft zum idealen Instrument dafür, jede Geschäftsgelegenheit unabhängig von der Frage auszunutzen, ob das Personal dafür auch verfügbar ist. Und wenn die fehlenden Fachkräfte sogar grammatisch zum Subjekt der Unvermeidlichkeit der Mehrbelastung gemacht werden, die die Arbeitgeber ihren Fachkräften zumuten, dann zeigt das, wie selbstverständlich die Freiheit der Wirtschaft gilt, mit ihren Belegschaften nach ihren Geschäftsbedürfnissen umzuspringen.

Fachkräftemangel 4: Durch Verschleiß erzeugt, durch mehr davon zu beheben

Als gesicherte Tatsache gilt der Fachkräftemangel in der Pflegebranche. Dort eilen zwar die Ausbildungszahlen von einem Rekord zum nächsten, reichen aber nicht aus, um einen Bedarf zu decken, über den unter der Überschrift Immer am Limit (FAZ, 10.2.18) mitgeteilt wird, dass er von der durchschnittlichen Verweildauer des Pflegepersonals bestimmt ist. Die beträgt je nach Studie zwischen fünf bis sieben, höchstens 8,4 Jahre – länger lassen sich die einschlägigen Arbeitsbedingungen einfach nicht aushalten. Während der Kassenverbandsvorstand Kiefer darin eine Verschwendung von Ressourcen (FAZ, 2.1.18) sieht und von den Arbeitgebern bessere Bedingungen fordert, um Fachkräfte länger zu binden, haben die Vertreter der privaten Pflegebranche einen anderen Vorschlag, der Ursache und Lösung im Sinne des entscheidenden Kostenkalküls viel geradliniger verknüpft: Sie fordern, die starren Vorgaben von Fachkräften je Patient zu lockern, und stellen auf diese Weise klar, dass allein bestehende rechtliche Schranken sie daran hindern, mit noch intensiverer Vernutzung der vorhandenen Arbeitskräfte die Lücke auszufüllen, die deren intensive Vernutzung reißt.

Fachkräftemangel 5: Von Tschechen verschuldet, mit Rumänen geheilt

Die FAZ überschreibt eine ganze Seite mit dem Titel Wen das Arbeitsmarktwunder in Tschechien beunruhigt (1.8.17) und hält es offenbar für das Normalste von der Welt, dass die darauffolgende Auskunft lautet: bayerische Hoteliers und nordrhein-westfälische Autozulieferer. Das erste Opfer, die bayerische Hotelbranche:

„Die Betriebe wachsen baulich schneller als im Personal. Das bedeutet: Die Suche nach Mitarbeitern wird immer schwieriger. Und ein wichtiger Grund dafür liegt nur wenige Kilometer im Osten hinter der Grenze: in der Tschechischen Republik... Die Tschechen sind längst zu einem festen Bestandteil der Belegschaften in bayerischen Hotels und Gastrobetrieben geworden. Denn unter jungen Deutschen ist die Branche schon seit langem unbeliebt wegen der vergleichsweise niedrigen Löhne und der Arbeitszeiten. Die Nachbarn aus dem Osten hingegen kamen lange Zeit gern zur Arbeit nach Deutschland, wenn andere Freizeit machten. Doch das hat sich komplett geändert... ‚Bis vor drei Jahren kamen jeden Tag ein oder zwei Tschechen und haben gefragt, ob wir Arbeit für sie haben. Heute kommt nur noch einer alle vier Wochen.‘“

Im Klartext besteht also der Grund zur Beunruhigung darin, dass die Hoteliers für die Ausweitung ihres Geschäfts nicht mehr so bequem wie gewohnt aus Bewerbern auswählen können, die Schlange stehen für miese Jobs. Dem Vizepräsidenten des Branchenverbandes Brunner ist dieser Besitzstand offenbar derart zu Kopf gestiegen, dass er ernsthaft meint, die Tschechen seien früher gern zur Arbeit gekommen und hätten nun ihren Lifestyle geändert:

„‚Die haben doch das Paradies vor der Haustür‘, sagt Brunner fast schon verzweifelt. Aber auch Tschechen strebten heute nach mehr Work-Life-Balance und wollten zu Hause sein, wenn ihre Kinder aus der Schule kommen. Deshalb erschließen die Bayern zunehmend neue Potenziale.“

Dass die Tschechen auch schon früher etwas für ihre Kinder und ein wenig Freizeit übrighatten und nur mangels Alternativen ins Kellnerparadies Deutschland gekommen sind, wird dem Mann andererseits auch klar sein; aber dieses Bedürfnis darf eben kein Grund sein, ihm nachzukommen, wie das bei den unwilligen deutschen Arbeitsanwärtern der Fall ist. Der kurze Schluss von steigenden Ansprüchen der Hotelangestellten zu der Drangsal ihrer Chefs, alternative Quellen von Arbeitskräften anzuzapfen, besagt schließlich nichts anderes, als dass die entscheidenden ‚Fachqualifikationen‘ im Hotelleriegeschäft Billigkeit und Willigkeit sind.

Die Aufzählung von jungen Spaniern über Kroaten, Bulgaren und – der Markt für Arbeitskräfte in Mittelosteuropa scheint zunehmend ausgeschöpft – siebenundachtzig ausgewählten und eigens vom Goethe-Institut geschulten Marokkanern belegt dann nicht etwa die Freiheit der Hoteliers, sich der entsprechend „qualifizierten“ Arbeitskraft zu versichern, sondern ist gemessen am Anspruch einer hindernislosen Verfügung für Brunner ein Vorgeschmack, welche Klimmzüge die Branche künftig machen muss. Aber auch das wird hinzukriegen sein, die Österreicher, ... die machen es in ihren Skigebieten schon vor.

Auch das zweite repräsentative Opfer, der Automobilzulieferer Borgers, beweist seit 22 Jahren mit seiner Fabrik in Tschechien, dass der Vorzug tschechischer Facharbeiter gegenüber deutschen zuallererst ihr Preis ist, und muss nun mit ansehen, dass dieser Vorzug verlorengeht:

„‚Haben früher für den Lohn eines Facharbeiters in Deutschland hier in Tschechien noch fünf Mann gearbeitet, sind es heute noch drei.‘ Und diese Leute sind immer schwieriger zu finden.“

Ganz so schwierig ist das zwar einerseits nicht, Alternativen lassen sich auch hier bequem einkaufen. Für Borgers

„arbeiten heute dauerhaft rund 1000 Leiharbeiter aus Rumänien und Bulgarien... Personalagenturen organisieren den gewaltigen Personaltransfer aus dem Südosten... Zudem rekrutiere man zunehmend Arbeitskräfte aus der Ukraine, sagt der Manager.“

Andererseits heißt das aber auch: Sieben seiner Mitarbeiter seien nur mit der Integration von Mitarbeitern beschäftigt. Was sich für die Firma lohnt, bereitet ihr doch wirklich Kosten! Da trifft es sich gut, dass sie noch über ganz andere Hebel verfügt, ihren Arbeitskräftebedarf zu bewirtschaften:

„Borgers führt in Rokycany derzeit gerade eine neue Produktionslinie ein. Wenn sie fertig ist, wird hier noch ein Mitarbeiter beschäftigt sein und nicht mehr sechs, wie nebenan in der alten Linie. Der Ausstoß je Stunde wird jedoch doppelt so hoch sein.“

Dann braucht die Firma also nur noch zwölfmal weniger Ukrainer, um die teuren Tschechen zu ersetzen.

Fachkräftemangel 6: Erzeugung und Bewältigung – einfach ununterscheidbar

„Die kommenden Entwicklungen und erwarteten Engpässe am Arbeitsmarkt rücken auch die Digitalisierung in ein neues Licht. ‚In der Tat dürfte sie eher wohltuend sein angesichts des kommenden Fachkräftemangels‘, findet Volkswirt Feld. Allerdings seien im technologischen Wandel Qualifikation und Flexibilität erforderlich, um Arbeitslosigkeit zu verhindern.“ (FAZ, 18.11.17)

Wodurch die Digitalisierung ihre wohltuende Wirkung entfaltet, ist dabei unterstellt: Das von Firma Borgers exemplarisch vorgeführte unternehmerische Prinzip des ‚technischen Fortschritts‘, durch die Steigerung der Produktivität nicht den Beschäftigten Arbeit, sondern sich Arbeitskräfte und damit ihre Bezahlung zu ersparen, macht in seiner Gesamtheit, als Digitalisierung, Millionen Lohnabhängige arbeitslos und deren wie auch immer geartete Fachkompetenzen überflüssig. Eben diese überflüssig Gemachten und Dequalifizierten werden vorausschauend unter dem Titel ‚Fachkräftemangel‘ als demnächst vorhandene Arbeitskraftressource in den Blick genommen: Rein rechnerisch könnte der Arbeitskräftemangel dadurch gedämpft werden, dass der Produktivitätsfortschritt in manchen Bereichen der alten Arbeitswelt Personal entbehrlich macht. Wäre da nicht ein Problem: Allerdings ist damit noch nicht sichergestellt, dass ehemalige Verwaltungsfachangestellte den Anforderungen von Startupunternehmen in der digitalen Welt genügen. (FAZ, 31.8.17) Der extreme Kontrast des gewählten Beispiels dient dabei zur Verdeutlichung des Problems der Passgenauigkeit von Kompetenzen. Von einem Passungsproblem zweier gegebener Größen kann allerdings keine Rede sein, wenn die Fachkräfte der Zukunft Qualifikation und Flexibilität gleichzeitig benötigen, um die eigene Arbeitslosigkeit abzuwenden und den durchdigitalisierten Betrieben Kosten und Kopfzerbrechen zu ersparen.

Zum einen sollen sie das Kunststück hinbringen, sich jetzt schon mal darauf einzustellen, dass sie demnächst arbeitslos und gezwungen sein werden, sich für irgendeinen neu definierten Arbeitsplatz zurechtmachen zu müssen. Welchen – wer weiß:

„Natürlich kann heute niemand genau wissen, wie sich die Digitalisierung auf den Arbeitsmarkt auswirkt. Doch in einem Punkt sind die Fachleute einig: Beschäftigte werden andere Qualifikationen benötigen, um Beschäftigte zu bleiben. Mag sein, dass die Optimisten recht behalten. Dann entstehen wie in früheren Technologiewellen neue Berufe, die Absolventen genauso offen stehen wie überflüssig Gewordenen. Doch beide Gruppen können nur einen (Arbeits-)Platz behalten, wenn sie anderes können als heute. Heute müssen Lehrer ihre Schüler auf Technologien vorbereiten, die erst noch erfunden werden müssen.“ (SZ, 27.12.17)

Angesichts der Vorstellung, dass sich das Heer der Arbeitskräfte friktionslos von der bornierten Bindung an einen Arbeitsplatz in die Bornierung irgendeines neuen künftigen ‚Berufsprofils‘ hineinmanövrieren lassen muss, kann die Sorge gar nicht ausbleiben, ob die Anforderungen der Zukunft nicht doch eher einen Mangel an „neuen Arbeitnehmern“ erzeugen, die ihnen genügen:

„Das Zusammenwirken mit künstlicher Intelligenz, Algorithmen und automatisierter Fertigung erfordert neue Fähigkeiten. Schärfer gesagt: neue Arbeitnehmer.“ (Ebd.)

Zum andern weiß der öffentliche Sachverstand, dass angesichts der prognostizierten ständigen unternehmerischen Rationalisierungsoffensiven und deren Folgen von den ‚neuen Arbeitnehmern‘ künftig nicht nur passgenaue Qualifikation, sondern eine zweite Fähigkeit verlangt ist, die allerdings mit Kenntnissen und Fähigkeiten wenig zu tun hat: die Fähigkeit nämlich, sich immer wieder in neue Herausforderungen einzuarbeiten (SZ, 16./17.12.17). Die Perspektive, sich auf ein Arbeitsleben einstellen zu müssen, dem jede Festigkeit eines Arbeitsplatzes fehlt, wird als künftig unerlässliche absolute Basiskompetenz, mit laufend veränderten Anforderungen fertigzuwerden, vorstellig gemacht, die die Betroffenen erwerben müssen, um im Arbeitsleben zu bestehen. Fachkraft ist man heutzutage nicht mehr einfach, als Fachkraft hat man sich durch ein ‚lebenslanges Lernen‘ zu bewähren, also heute der Entwertung der Qualifikation von gestern durch Anpassung an die Anforderungen von übermorgen zuvorzukommen. In der Realität der Betriebe wird diese ‚Kompetenz‘, mit den wechselnden Anforderungen und Unsicherheiten eines ‚modernen Arbeitsplatzes‘ fertigzuwerden, ja auch jetzt schon überreichlich strapaziert.

Fachkräftemangel 7: Ein universeller Berufungstitel

Wenn der BDA in seiner Broschüre über Handlungsempfehlungen zur Fachkräftesicherung fordert: Arbeitszeitvolumen und -verteilung optimieren ... Innerbetrieblichen Spielraum erweitern – Wochenarbeitszeiten Vollzeitbeschäftigter verlängern ... Flexible Arbeitszeitmodelle zur Verlängerung der durchschnittlichen Wochenarbeitszeiten nutzen ... Lebensarbeitszeit verlängern ... Früheren Einstieg ins Erwerbsleben ermöglichen ..., dann fällt schon auf, dass das in Bezug auf die notwendigen Freiheiten im betrieblichen Umgang mit der Arbeitskraft Verlangte ununterscheidbar von dem ist, was die Unternehmen schon immer ausgiebig machen, was Staat und Gewerkschaft ihnen nach ihrem Dafürhalten aber schon immer allzu schwer machen und gefälligst erleichtern sollen: mehr und flexiblere Anwendung ihrer Arbeitskräfte für weniger Geld.

Wenn die aktuelle Forderung der IG Metall nach einem Lohnausgleich für temporär reduzierte Arbeitszeiten als eine Stilllegeprämie für Fachkräfte verworfen und die Forderung der IG Bau nach Berücksichtigung der Anfahrtszeit zur Baustelle als das größte Fachkräfteabbauprogramm seit der Rente mit 63 zurückgewiesen wird, dann drängt sich der Verdacht auf, dass die Beschwörung des ‚Fachkräftemangels‘ ein wohlfeiler Titel für die Zurückweisung – egal welcher – gewerkschaftlicher Forderungen in Sachen Lohn und Arbeitsbedingungen ist.

Wenn unternehmernahe Experten unter dem schönen Titel Beschäftigungsrekord mit Schönheitsfehler die neue Bundesregierung angesichts des drohenden Personalmangels eindringlich daran erinnern: Unternehmen sollten die Möglichkeit haben, die Beschäftigung rasch an die Auftragslage anzupassen. Zeitarbeit und sachgrundlose Befristung sind dabei wichtige Instrumente (FAZ, 3.1.18), dann darf man sich schon wundern, dass die auftragsspitzengemäße Befristung der Beschäftigung von Leuten ein Mittel sein soll, ihre Knappheit zu überwinden.

Aber der Forderungskatalog der Unternehmer reicht ohnehin weiter. Der BDA jedenfalls lässt nichts und niemanden aus, mahnt sogar soziale Leistungen an, wenn es um die Verfügbarkeit von Arbeitskraft als unternehmerische Manövriermasse geht – von der Wiege bis zur Bahre und gefälligst ohne unnötige Zeitverluste und Fehlanreize:

„So kann eine frühzeitige und systematische individuelle Förderung der Kinder und Jugendlichen Klassenwiederholungen vermeiden und ihre Grundbildung und Ausbildungsreife sichern. Zudem trägt eine systematische und fundierte Berufs- und Studienorientierung dazu bei, die Zahl der Ausbildungs- oder Studienabbrüche zu verringern bzw. einen Wechsel des Ausbildungsberufs oder Studienfachs zu vermeiden... Körperlich und geistig ist die überwiegende Mehrheit der Erwerbstätigen zu einer ‚Rente mit 67‘ in der Lage... Die ‚Rente mit 67‘ muss konsequent umgesetzt werden und darf nicht durch letztlich kontraproduktive und sogar ungerechte Ausnahmeregelungen durchlöchert werden... Maßnahmen des strategischen Gesundheitsmanagements können dazu beitragen, die Arbeitsfähigkeit der Beschäftigten über die gesamte Erwerbsbiografie zu erhalten... Damit Beschäftigte Familie und Beruf erfolgreich vereinbaren können, muss die Politik die richtigen Rahmenbedingungen setzen... Das Ehegattensplitting und die beitragsfreie Mitversicherung von Ehepartnern in der Krankenversicherung, aber auch die Hinterbliebenenversorgung und auch das umstrittene Betreuungsgeld setzen Anreize, dass ein Ehepartner nicht oder nur geringfügig berufstätig ist... Die Potenziale von Menschen mit Behinderung müssen noch deutlich besser erschlossen werden.“ (Handlungsempfehlungen, BDA)

‘Fachkräftemangel‘ ist also das neueste Modewort im Arsenal der Klagen und wirtschaftlichen Problemdefinitionen, mit denen die Unternehmer ihre Ansprüche an Gewerkschaft und Staat zustimmungsheischend vortragen – gemäß der immergleichen Logik, dass, weil das nationale Arbeitsvolk vom Erfolg ihrer Privatgeschäfte abhängig ist und der Staat an nationalem Wachstum und lohnender Beschäftigung interessiert ist, deswegen auch Politik und Arbeitervertretung das Arbeitsvolk dem Privatgeschäft bedingungslos verfügbar zu machen und dem Umgang mit den Arbeitskräften gemäß unternehmerischer Rentabilitätsrechnung alle Freiheiten zu garantieren haben. Bei der öffentlichen Präsentation ihres Forderungskatalogs zur Beseitigung des konstatierten ‚Missstands‘ berufen sie sich auf die allgemeine Einsicht, dass es das Problem aller anderen ist, wenn ‚die Wirtschaft‘ eines hat, die also zu Recht alles einfordert, was es zu dessen Überwindung braucht.

Fachkräftemangel 8: Ein nationales Problem und seine nationale Lösung

Die Forderungen der Wirtschaft bleiben nicht ungehört. Bundesregierungen nehmen sich der Sache seit geraumer Zeit mit einem umfassenden Fachkräftekonzept an, dem Leitgedanken folgend, dass zur Fachkräftesicherung alle Erwerbspotenziale bestmöglich auszuschöpfen sind. Und für wen tun sie das alles? Für uns alle: Wenn wir wettbewerbsfähig bleiben wollen, müssen wir gemeinsam dafür sorgen, dass auf dem Arbeitsmarkt der Zukunft die Fachkräfte sind, die wir für einen starken Wirtschaftsstandort Deutschland dringend brauchen. Schon erstaunlich, diese Doppelrolle: „Wir“ sind gleichzeitig die, die diese Erwerbspotenziale dringend brauchen, und die, die als diese Erwerbspotenziale noch besser herzurichten sind. Auch in der Rekordzahl von 45 Millionen Beschäftigten leben die Deutschen noch immer nicht in ausreichendem Umfang von ihrem Dienst am deutschen Wachstum, noch immer laufen ungenutzte Ressourcen zur Bewältigung des Fachkräftemangels frei herum, auch wenn die Bundesregierung sich in ihrem Fortschrittsbericht ganz zufrieden zeigt mit der Erschließung des nationalen Potentials von vor allem 55- bis 64-jährigen und der für die Fachkräftesicherung so wichtigen Entwicklung der Frauenerwerbsquote.

Fachkräftemangel 9: Die internationale Lösung – die ganze Welt als Arbeitskräftereservoir für deutsche Wachstumsbedürfnisse

Die großkoalitionären Sondierer einigen sich mühelos darauf, das voranzutreiben, was die vorherigen Bundesregierungen längst betrieben haben – nämlich dafür zu sorgen, dass deutsche Unternehmen hierzulande auf ein global rekrutiertes Reservoir an Arbeitskräften zugreifen können. Streit gibt es allerdings über den Namen:

„In einem ‚Fachkräftezuwanderungsgesetz‘ (CDU-Vorschlag) oder ‚Einwanderungsgesetz‘ (SPD-Vorschlag) solle die Fachkräftestrategie auf drei Säulen ruhen, ‚einer inländischen, einer innereuropäischen und einer internationalen‘.“ (FAZ, 10.1.18)

Die CDU bedient mit Verweis auf das nationale Fachkräfteproblem die national-heimatlich gesonnenen Gemüter ihrer Anhängerschaft: Mit der CDU findet Zuwanderung wirklich nur dann statt, wenn sie absolut fraglos Deutschland nützt, wenn sie nämlich die Verfügbarkeit kostengünstiger Arbeitskraft von allen Schranken befreit, die die Nation mit ihrer schrumpfenden Bevölkerung diesem Bedarf setzen könnte. Die SPD gibt demselben Programm die Note endlich ordentlich geregelter, weltoffener Zuwanderungspolitik.

Fachkräftemangel 10: Seine Bewältigung – eine ewig unerledigte Aufgabe!

Die Debatte um den Fachkräftemangel gehört so unveränderlich zum erfolgreichen nationalen Geschäftsgang dazu, dass der GegenStandpunkt bereits in Heft 3-2011 alles Nötige dazu hat aufschreiben können. Deutschland mag noch so gut dastehen mit seinem vollbeschäftigten Volk, Zufriedenheit will sich einfach nicht abschließend einstellen. Die FAZ klärt auf, warum hinter jeder Erfolgsbilanz eine unsichtbare Gefahr (FAZ, 31.8.17) lauert:

„In abstrakter arbeitsmarktpolitischer Fachsprache lässt sich das so zusammenfassen: Es wurden viele ‚in- und ausländische Potenziale mobilisiert‘. Wirtschafts- und arbeitsmarktpolitisch entscheidende Fragen sind damit allerdings noch nicht beantwortet: Wie werden aufstrebende Unternehmen, die etwa in Thüringen oder im Emsland innovative Produkte entwickeln wollen, erfolgreich und wie finden sie das genau dafür benötigte Personal? Wenn etwa heute mehr Frauen berufstätig sind und eigenes Einkommen erzielen, gibt es darüber nichts zu klagen. Wenn ihnen der derzeitige Konjunkturaufschwung diese Entscheidung erleichtert hat, gilt das erst recht. Nur ist das eine unzureichende Antwort auf die Frage, ob die genannten Unternehmen zukunftsfähig bleiben oder werden.“

Dafür steht die ständige Beschwörung eines ‚Fachkräftemangels‘ also auch noch: Der Faktor Arbeit wird dafür haftbar gemacht, dass seine Anwender mit „innovativen Produkten“ in der harten Welt ihrer Konkurrenz erfolgreich sind! Für die Bewahrung oder gar Erzeugung der ‚Zukunftsfähigkeit‘ ihrer Arbeitgeber, sind die Arbeitskräfte gefordert:

„Ein wesentliches Element der Fachkräftepolitik ist indes schlicht Flexibilität auf dem Arbeitsmarkt. Die Digitalisierung sorgt für einen breiten Strukturwandel: Hier fallen alte Tätigkeiten weg, dort entstehen neue – die davon negativ Betroffenen müssen möglichst leicht den Weg in neue Tätigkeitsfelder finden können. Eine solche Politik der Flexibilität ist die Regierung in dieser Wahlperiode schuldig geblieben.“

So meldet die FAZ stellvertretend für die nationale Unternehmerschaft unter dem Stichwort ‚Fachkräftemangel‘ beim Staat den Anspruch an, dass die ‚betroffene‘ Unternehmerschaft ein Anrecht auf optimale Ausbeutungsbedingungen hat, auf solche nämlich, die ihr die Durchsetzung in der Konkurrenz, also gelungene Ausbeutung garantieren.


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