Fachkräftemangel: Radikaler Anspruch auf Qualifikation zu niedrigem Preis

Dieser Artikel ist in der Reihe Chronik – kein Kommentar! der Zeitschrift GegenStandpunkt 3-11 erschienen. Sie kann über den Buchhandel oder direkt beim Verlag als Druckausgabe oder E-Book erworben werden.

Die Wirtschaft klagt über Fachkräftemangel:
Radikaler Anspruch auf Qualifikation zu niedrigem Preis

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Seit die deutsche Wirtschaft nach zwei Krisenjahren wieder im Aufschwung ist, klagen ihre Vertreter über „Fachkräftemangel“, suchen „händeringend und verzweifelt“ nach diesen seltenen Exemplaren und verlangen „umgehend eine Gesamtstrategie zur Fachkräftesicherung“ (BDA).

Die Wirtschaft klagt über Fachkräftemangel:
Radikaler Anspruch auf Qualifikation zu niedrigem Preis

1. Seit die deutsche Wirtschaft nach zwei Krisenjahren wieder im Aufschwung ist, klagen ihre Vertreter über Fachkräftemangel, suchen händeringend und verzweifelt nach diesen seltenen Exemplaren und verlangen umgehend eine Gesamtstrategie zur Fachkräftesicherung (BDA).

Woran Unternehmer leiden, wenn sie milliardenschwere Verluste der deutschen Wirtschaft anführen – Deutschland verzichtet dadurch jährlich auf rund 25 Mrd. Wertschöpfung, was rund 1 % Wachstum ausmache (DIHT) –, die angeblich auf einen erheblichen ‚Mismatch‘ zwischen angebotenen und nachgefragten Qualifikationen am Arbeitsmarkt (BDA-Fachkräftesicherung) zurückzuführen seien, wird an den Äußerungen der Bundesagentur für Arbeit deutlich, mit denen diese die Beschwerde der Unternehmer über zu wenig Fachkräfte dämpft: Im Juli kamen auf eine offene Stelle rechnerisch 7,5 Arbeitslose. Von einem Engpass spricht man, wenn diese Relation unter 3 sinkt. (Der Spiegel, 46/2010) Die Behörde gibt damit den Unternehmen soweit Recht, dass gesunde Verhältnisse am Arbeitsmarkt nur dann herrschen, wenn zwar nicht sieben, aber mindestens zwei von drei Bewerbern arbeitslos bleiben, also ein Überangebot von Arbeitsplatzsuchenden dafür sorgt, dass die Unternehmer in aller Freiheit auswählen und bestimmen können, wen sie anheuern. Denn wenn die Unternehmen in Wachstum investieren, dann wollen sie nicht nur mehr Arbeitskräfte, deren Kenntnisse und Fähigkeiten ihrem Bedarf entsprechen; sie erwarten mehr und noch ganz andere ‚Qualifikationen‘. Der Preis muss stimmen, damit die Früchte des Aufschwungs in ihrer Bilanz und nicht als Lohn bei der gefragten Fachkraft ankommen. Die Arbeitsmarktexperten kennen das hohe Anspruchsniveau der Unternehmer und wissen, dass es keineswegs damit getan ist, was einer gelernt hat und kann oder auch dazulernt: Mismatch nennen es die Arbeitsmarktforscher, wenn ein Arbeitsloser keine der angebotenen Stellen bekommt. Entweder er hat die falsche Qualifikation oder gar keine, ist zu alt oder zu wenig mobil oder ist aus anderen Gründen nicht geeignet. Weiterbildung und teure Qualifizierungsmaßnahmen helfen da allenfalls mittelfristig weiter (ebd.). Die ‚Qualifikation‘ jung, mobil und leistungsfähig wird verlangt, und die so ‚qualifizierten‘ Arbeitssuchenden sollen zu jedem Zeitpunkt auf dem Arbeitsmarkt mit den gerade verlangten Fertigkeiten den Unternehmen überreichlich zur freien Verfügung stehen, damit sie entsprechend billig einzukaufen und ohne lästige Einarbeitungszeiten flexibel einsetzbar sind.

2. Den Arbeitsmarkt, der jetzt an ihren gehobenen Ansprüchen so versagt, haben die Unternehmen allerdings selbst hergestellt: Da stehen sich nicht zwei voneinander unabhängige Größen gegenüber, sondern auf diesem Markt bestimmen die Unternehmer Angebot und Nachfrage. Wenn sie, um ihre Marktchancen optimal nutzen zu können, immerzu mit neuen Dienstleistungen und Produkten sowie neuen Arbeitsprozessen und Fertigungsverfahren (BDA) ihren Konkurrenzkampf bestreiten, dann entwerten sie selbst bisher nachgefragte Qualifikationen, entlassen „Fachkräfte“, die für die gewinnträchtigeren Fertigungsverfahren nicht über das entsprechende Know-how verfügen bzw. sorgen durch die Einführung solcher Neuerungen dafür, dass weniger Arbeitskräfte als vorher gebraucht werden, und verschlanken im Übrigen laufend ihre Belegschaften: Im ersten Halbjahr 2011 verloren 908 000 betrieblich Ausgebildete und rund 110 000 Akademiker ihre Arbeit. (Spiegel-online 1.8.2011) Die von ihnen unbrauchbar gemachten und eingesparten Fachkräfte verkörpern dann die „angebotenen Qualifikationen“, die ihrer Nachfrage auf dem ‚Arbeitsmarkt‘ in so unpassender Weise gegenüber stehen. Und mit ihren Rationalisierungen und ihrer Lohndrückerei auch in den höheren Abteilungen der Berufshierarchie während der Krise haben die Unternehmen auch das Niedriglohnniveau geschaffen, das sie jetzt als selbstverständlichen Maßstab bei ihrer Suche nach qualifizierten Arbeitskräften anlegen.

3. Dass sie jetzt für ihren Geschäftsaufschwung dank ihrer gestrigen Rentabilitätsfortschritte nicht frei genug auf das ihren Ansprüchen genügende Menschenmaterial zugreifen können, lasten sie natürlich nicht sich, sondern dem Staat an. Der hat – davon gehen sie selbstverständlich aus – für das Angebot zu sorgen, das ihren Bedürfnissen entspricht, versagt also dann, wenn das Angebot nicht stimmt, in seinem Dienst und hat gefälligst für Abhilfe zu sorgen. Da ist, dem unternehmerischen Bedarf entsprechend, einiges an ‚Qualifikationsmaßnahmen‘ verlangt:

Erstens, was das profitabel verwertbare Wissen und Können betrifft, auf das Unternehmen ein Anrecht haben. Schwere Versäumnisse bei der Ausbildung (BDA) stellen sie fest, die schnellstens nach Maßgabe der unternehmerischen Bedürfnisse ausgebügelt werden müssen. Schon im zarten Kindesalter sollen die Kleinen mit frühkindlicher Erziehung auf die richtigen Berufe orientiert werden, mehr Studenten muss es geben, vor allem in den MINT-Fächern, was aber nur Sinn macht, wenn sie schneller fertig sind als bisher – auch der von den Unternehmern jüngst beantragte und eingerichtete Bachelor hat da noch gravierende Mängel. So richtig betriebsorientiert ist das vermittelte Wissen nämlich immer noch nicht.

Zweitens, was den Umfang des menschlichen Reservoirs betrifft, auf das Unternehmen ein Anrecht haben. Da kommt die sozialstaatliche Betreuung der arbeitslos Gemachten kritisch in den Blick. Da die Herstellung eines frei auszuschöpfenden Arbeitskräftereservoirs eine gewisse Zeit in Anspruch nimmt, ist die Nutzung des vorhandenen um so wichtiger. Hier besteht die Aufgabe des Staats vor allem darin, Fehlanreize für das Fernbleiben vom Arbeitsmarkt (BDA) aus dem Weg zu räumen. So erscheint den Unternehmensrepräsentanten, die die ganze Republik mit ihren sozialstaatlichen Einrichtungen als „Potenzial“ für das Bereicherungsinteresse ihrer Mitglieder ins Visier nehmen, Deutschland als ein einziges Dorado für Müßiggänger. Da sind Frauen besonders privilegiert, weil sie mit Elterngeld sage und schreibe zwei Jahre zu Hause bleiben können – die Zeit gehört sich halbiert und außerdem jegliche Unterstützung für den Anachronismus von Alleinverdiener-Ehen (Ehegattensplitting, beitragsfreie Versicherung, Witwenrente …) aus der Welt geschafft. Frauen dürfen nicht umhin kommen, sich um Arbeit zu bewerben, und Alte müssen daran gehindert werden, sie zu früh zu quittieren: Konsequente Durchsetzung der Rente mit 67. Außerdem sollen ältere Arbeitslose schon nach einem Jahr von Alg II bedroht, also zur Annahme jeglicher Arbeit zu jeglichem Lohn gezwungen werden – falls man sie braucht; Teilzeitarbeit muss unattraktiver gemacht werden. Nicht zu vergessen auch die Alg-II-Empfänger, die man von den 1-Euro-Jobs als ‚bequemem‘ Zuverdienst zum Existenzminimum befreien muss, damit sie sich notgedrungen dem ‚ordentlichen Arbeitsmarkt‘ zur Verfügung stellen; usw. usf. Kurz: Alle Regelungen, die der Staat für die Erwerbstätigen erlassen hat, gehören auf den Prüfstand gestellt und abgeschafft, so sie den Durchgriff der Unternehmer auf das ihnen zustehende Reservoir an potentiellen „Fachkräften“ erschweren, bei Arbeitslosen ist staatlich organisierte Not das Mittel, Unternehmen die ihnen zustehende freie Verfügung über das passende Menschenmaterial zu sichern.

Drittens gehört dazu dann auch die Erleichterung des Zugriffs auf ausländische Fachkräfte, von denen es bekanntlich viele gibt, auf deren gute Ausbildung man nicht erst noch warten muss und bei denen auch der Preis stimmt. Seit Neuestem sorgen die mit deutscher „Wettbewerbsfähigkeit“ erledigten Konkurrenten in Griechenland, Portugal und Spanien dafür, dass viele junge Leute in ihrem Heimatland ohne berufliche Perspektive sind; diese Not lässt sich für hiesige Unternehmen produktiv machen – wenn nur der Staat für die entsprechende Willkommenskultur sorgt. Das Gleiche gilt für Ausländer aus Nicht-EU-Ländern; hier kommt es vor allem darauf an, dass der Staat das von ihm festgelegte Mindesteinkommen von 64 000 Euro absenkt. Schließlich wollen die Unternehmen bestimmen, wem sie wie viel Geld für welche Leistung zahlen, und wissen selbst am besten, für wie wenig eine taugliche Fachkraft von auswärts zu haben ist; also darf die Belebung des Arbeitsmarktes durch ausländische Arbeitskräfte nicht durch eine unerträglich hohe Lohnuntergrenze behindert werden.

So ist viel zu tun in Deutschland, damit die Unternehmen in aller gebotenen Freiheit ihren „Fachkräftebedarf“ befriedigen können.


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