Enzensbergers radikale Verlierer

Dieser Artikel ist in der Reihe Chronik – kein Kommentar! der Zeitschrift GegenStandpunkt 4-06 erschienen. Sie kann über den Buchhandel oder direkt beim Verlag als Druckausgabe oder E-Book erworben werden.

Kulturell hochstehende Fußnote zum „Kampf der Kulturen“:
Hans Magnus Enzensberger: Versuch über den radikalen Verlierer

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Er bohrt tiefer, fragt nach den Handlungsgründen der islamistischen Attentäter und eröffnet seine entsprechende Untersuchung mit einer interessanten Frage: „Gibt es Gemeinsamkeiten zwischen dem einsamen Amokläufer, der in einem deutschen Gymnasium um sich schießt, und den organisierten Tätern aus dem islamistischen Untergrund?“

Kulturell hochstehende Fußnote zum „Kampf der Kulturen“:
Hans Magnus Enzensberger: Versuch über den radikalen Verlierer

Der angesagten Angst vor dem islamistischen Terror stellt sich das deutsche Volk mit Umsicht und Wehrhaftigkeit. Jeder hilft mit beim Aufpassen auf unbewachte Gepäckstücke, gelegentlich wird schon mal vorsichtshalber die Notbremse gezogen, und jeder hat für die so verursachte Zugverspätung Verständnis. Ein memmenhaftes Opernhaus setzt eine Inszenierung mit Hinweis auf möglicherweise zu erwartende intolerante Reaktionen ab, und alle nehmen leidenschaftlich an der sogleich eröffneten Debatte über Feigheit vor den Feinden der Meinungsfreiheit teil. Satiriker wiederum dürfen locker mit der Gefahr umgehen („Selbstmordattentäter, komm ein bisschen später!“) – kurz: Die Abwehrbereitschaft steht, und das dazugehörige Feindbild auch: Es gibt welche, die hegen einen grundlosen Hass gegen unsere Zivilisation, also gegen das Gute in der Welt, und berufen sich dafür auf den Koran. Was von ihnen zu halten ist, hat Präsident Bush abschließend formuliert: „Wir kennen sie nicht, aber wir wissen, sie sind böse.“

Dem deutschen Intellektuellen Enzensberger ist das zu primitiv. Er bohrt tiefer, fragt nach den Handlungsgründen der islamistischen Attentäter und eröffnet seine entsprechende Untersuchung mit einer interessanten Frage:

„Gibt es Gemeinsamkeiten zwischen dem einsamen Amokläufer, der in einem deutschen Gymnasium um sich schießt, und den organisierten Tätern aus dem islamistischen Untergrund?“

Interessant ist diese Frage, weil die Fälle unterschiedlicher gar nicht sein könnten, deren Gemeinsames der Mann sucht. Da ist einerseits ein Schüler, der seine Relegation vom Gymnasium als Anschlag auf seine persönliche Ehre nimmt und für diese Demütigung Rache übt, indem er für eine Stunde Herr über Leben und Tod spielt, Lehrer, Mitschüler und dann sich selbst erschießt. Und da ist andererseits ein Kollektiv religiös inspirierter Widerstandskämpfer, die aus Unzufriedenheit über den Status, den die arabischen Staaten in der imperialistischen Weltordnung einnehmen, einen überaus asymmetrischen Krieg gegen die auch den Nahen Osten beherrschende amerikanische Weltmacht und ihre Verbündeten führen – mit den Mitteln, die auch ohnmächtigen Feinden noch zu Gebote stehen: Mit Terroranschlägen und Selbstmordattentaten. Denn wenn sie ihre Anschläge davon abhängig machen wollten, dass sie selbst noch eine Chance haben davonzukommen, würden sie sogar diese nur demonstrativen Kriegsakte nicht zustande bringen. Aber man muss bei der Suche nach Gemeinsamkeiten nur radikal genug von allem abstrahieren, was die Vergleichsobjekte auszeichnet, und schon wird man belohnt. Wenn man einfach nur entschlossen die Zwecke ignoriert, um die es einem durchgeknallten Gymnasiasten auf der einen Seite und denen auf der anderen geht, die sich auf politischen Terror verlegen, lässt sich jedenfalls ein beiden Fällen gemeinsames Resultat festhalten: Opfer und Täter tot. Das legt dann ziemlich eindeutig die Vermutung nahe, dass dann wohl dieses Resultat auch der Zweck der ganzen Übung gewesen sein muss: absolut sinnlose, selbstzerstörerische Gewalt. Also haben der ‚einsame Amokläufer‘ aus Erfurt und die ‚organisierten Täter‘ aus dem Nahen Osten ihre Gemeinsamkeit darin, dass sie ein- und derselbe psychologische Fall sind: Mit, genauer in ihnen stimmt etwas nicht, und was genau ihr Defekt ist, weiß der Tiefblicker selbstverständlich auch schon: Wenn einer vom Gymnasium fliegt, ist er ein ‚Loser‘, wenn er zur Verteidigung seiner Schülerehre zum Revolver greift, ein ‚radikaler Loser‘, und diesen seelischen Schaden breitet der Menschenkenner dann an denen weiter aus, die sich aus dem ‚islamistischen Untergrund‘ aufmachen.

Die Entdeckung eines neuen anthropologischen Typus: Der radikale Verlierer

Kaum entdeckt, fällt Hans Magnus auf, wie oft er diesem unsympathischen Typ begegnet. Hitler, Stalin, Öcalan, ein „Haushaltsvorstand“, der wegen ehrenrühriger Kreditüberziehung sich und die Seinen massakriert, und auch sonst alle Leute, die ein Demokrat 2006 nicht leiden kann: Nichts als ‚Loser‘. Dieser englisch benannte Menschenschlag zeichnet sich dadurch aus, dass er nicht anders kann als jede Chance zu vergeigen, weil er halt so einer ist und deshalb auch so heißt. Egal, in welcher Konkurrenz er sich an wem misst: Für diesen Denker haben Staatsführer, Separatisten und Familienväter das Konkurrieren gemeinsam. Und egal, was da im einzelnen Erfolg oder Misserfolg heißen mag: Für ihn ist notorische Erfolglosigkeit ihr Markenzeichen. Gefährlich wird der ‚Loser‘, wenn er sich in seine selbst verschuldete Niederlage nicht schicken will, sondern ‚radikal‘ wird, d.h. als geborener Verlierer auch noch rebelliert; und was da in seinem Inneren alles an Motiven und Dispositionen zusammenkommen, was an Verarbeitung daneben gegangen sein muss, weiß keiner besser als Hans Magnus:

„Größenfantasie und Rachsucht, Männlichkeitswahn und Todeswunsch gehen auf der verzweifelten Suche nach einem Sündenbock eine brisante Mischung ein, bis der radikale Verlierer explodiert und sich und andere für sein eigenes Versagen bestraft.“

So sieht aus, was der Autor wohl eine Theorie nennen würde: Die einzelnen Teile seines Satzes sagen immer wieder dasselbe und der ganze Satz noch einmal; die vier Motive, die als Antriebe verstanden werden sollen, haben denselben Inhalt wie das, wozu sie antreiben – und alles zusammen pinselt das schon bekannte Bild von einem Aufbegehrenden aus, der mit all seiner Gewalt gegen andere in Wahrheit nur das eigene blamable Ich vernichten will: Obwohl ein kleiner Wicht und, wie der kritische Intellektuelle findet, ziemlich unmännlich, will der radikale Verlierer groß und männlich sein; obwohl er als Loser an seinem Versagen selbst schuld ist, sucht er einen Sündenbock, um sich an ihm zu rächen; zugleich aber weiß er genau, dass niemand außer ihm etwas für sein Elend kann, hat daher den aparten Wunsch, sich zu bestrafen und zu töten, wenn er andere tötet. Fertig ist das Charakterbild eines psychischen Monsters, einer lebendigen Zeitbombe, die – wer weiß wann – uns alle bedroht:

„Er sondert sich ab, wird unsichtbar, hütet sein Phantasma, sammelt seine Energie und wartet auf seine Stunde.“

Auf der Ebene der Metaphorik ist damit die im Denkversuch konstruierte Gemeinsamkeit zwischen dem deutschen Amokläufer und den Dschihadisten von al Kaida präzise herausgearbeitet. Doch nicht nur Dichter, Enzensberger ist auch Denker und stellt sich unerschrocken der Frage, wie das brisante „Phantasma“ wohl über die Araber gekommen ist.

Eine Lektion Kulturgeschichte: Die Araber – radikale Verlierer …

„Wie ist es zum Niedergang jener Zivilisation gekommen, aus der die Weltreligion des Islam hervorgegangen ist?“

Wieder ist diese „quälendste Frage“ die ganze Antwort: Denn dass diese Zivilisation gegen uns keine Chance gehabt hat, und dass es die Zivilisation der Araber war, die ihre heutige weltpolitische Unterlegenheit begründet, steht von Anfang an fest. Dementsprechend sieht es heute in der „Welt des Islam“ so aus, dass jeder Kühlschrank, jedes Telefon, jede Steckdose, jeder Schraubenzieher für jeden Araber, der einen Gedanken fassen kann, eine stumme Demütigung darstellt.

Ausgerechnet den Verkehr der Nationen, in dem die Araber ja wohl durch andere Mittel als durch Kühlschrank und Steckdose von der Überlegenheit des Westens überzeugt wurden, versteht der Denker als einen Wettbewerb der Kulturen, d.h. umgekehrt: ‚Kultur‘ als einen einzigen Kampf, in dem jede Entwicklung von technischem Gerät als Plus in einer Ehrbilanz der Ursprungskultur verbucht wird und als Niederlage für die anderen. So gesehen braucht ein deutscher Kulturschaffender gar nicht zu wissen, warum er einen Kühlschrank und nicht seine Finger in die Steckdose steckt, wenn er ein Glas kaltes Bier möchte. Hauptsache er weiß, dass im Araber allein schon durch den Anblick eines Netzsteckers das in ihm kulturell verankerte Verlierersyndrom aktiviert wird: Das ist der einzige Gedanke, den einer wie Enzensberger im Kopf hat, daher auch alles, was so ein Araber fassen kann, sieht er einen Schraubenzieher! Offenbar hat sich dieser Freidenker von der Sprachregelung der westlichen Politik, wonach der „Antiterrorkrieg“ eine „Verteidigung der Zivilisation“ sei, zu einem derart verwegenen Studium des Zivilisationsdefizits der islamischen Welt inspirieren lassen. In einer kulturhistorischen Pisastudie weist er haarklein nach, dass der Islam Jahrhunderte lang ausschließlich und vergeblich damit beschäftigt war, den Fortschritten der Zivilisation nachzurennen. Der „Kampf der Kulturen“ war so gesehen von Anfang an entschieden, man denke nur an den Buchdruck:

„Seit dem 15. Jahrhundert haben islamische Rechtsgelehrte die Einführung der Druckerpresse sabotiert. Dabei beriefen sie sich auf ein Gründungsdogma, dem zufolge es neben dem Koran kein anderes Buch geben dürfe. Erst mit dreihundertjähriger Verspätung…“

– oder an die Dampfmaschine:

„Hätte ein Araber im 18. Jahrhundert die Dampfmaschine erfunden, sie wäre nie gebaut worden.“ (so ein mit vorbildlichem Unterlegenheitsbewusstsein ausgestatteter Araber in Enzensbergers Studie)

– oder an die waffentechnischen Kulturleistungen der überlegenen Zivilisation:

„Die Ungläubigen haben sich als unentbehrliche Lehrmeister erwiesen. Sie haben von der Maschinenpistole bis zum Giftgas sämtliche Waffen erfunden und exportiert, die in der arabisch-islamischen Welt zur Anwendung kamen.“

Besonders ihre Waffen benutzen die Ungläubigen nie selbst; die schicken sie vielmehr selbstlos – allenfalls im Interesse, ihren technischen Vorsprung zu demonstrieren und einen gewissen ideellen Sieg zu genießen – ins Morgenland, wo die Gläubigen mit ihnen abscheuliche Gewalttaten verüben. Beim Anblick eines Telefons vor Scham in den Boden versinken, aber mit Waffen morden, die sie gleichfalls nicht selbst erfunden haben – das kriegen die Angehörigen dieser minderwertigen Zivilisation jedenfalls noch hin. Und dann richten sie unsere technologischen Wunderwerke in ihrem Minderwertigkeitskomplex auch noch gegen uns! Die westliche Kultur kann mit kriegerischer Gewalt nichts anfangen, jedenfalls merkt Enzensberger davon nichts; bei den Arabern aber ist sie die einzige Kultur, die die haben: Das Abendland weiß den Thanatos bis zu den höchsten Kulturleistungen wie Giftgas und Raketen zu sublimieren; aus denen aber, die keine Kultur haben, bricht er eben so heraus, als pur destruktive Energie, die durch keine Maßnahme stillgelegt werden kann. Und woher kommt’s? Vom Koran, der falschen Bibel dieser Verliererkultur! Der hält sich nicht an unsere Gesetze:

„Die sakrosankten Vorgaben des Koran haben sich als eine theologische Falle erwiesen. Mit den Verfassungsnormen der Moderne sind sie selbstverständlich unvereinbar.“

Dagegen muss sich „die Zivilisation“ selbstverständlich verteidigen. Die Entschlossenheit der Weltaufsichtsmächte, den militanten Islamismus vom Globus zu eliminieren, ist eine schicksalhafte Notwendigkeit – mit einer tragischen Note. Denn die welthistorischen Loser bringen in all ihrer Unfähigkeit immer noch eines zustande: Sie

… „beschädigen noch in ihrer Niederlage unsere Zivilisation“

Die nötige, die Zivilisation rettende Selbstverteidigung gegen diese destruktive Energie droht in Mitleidenschaft zu ziehen, was sie verteidigen soll – nämlich die hohen Werte, die unseren Sieg rechtfertigen:

„Die gefährlichste aller Auswirkungen des Terrors ist die Infektion am Gegner. Auch die amerikanische Demokratie hat sich von ihren islamistischen Feinden anstecken lassen und Mittel wie willkürliche Gefangennahme, Entführung und Folter aus deren Repertoire übernommen.“

So kann man es auch sehen: Dass diese verrückten Verlierer, indem sie das Reich des Guten zu der ihm wesensfremden Gewaltanwendung zwingen, auch noch schuld sind an Guantanamo und Abu Ghraib, Entgleisungen, auf die unsere überlegene Kultur ohne sie nie verfallen wäre! Ein tragisches Dilemma – und gleichzeitig noch ein Beweis für den hohen Rang dieser gefährdeten und verletzlichen Zivilisation.

Nachdem er Berechtigung und Notwendigkeit des – aber bitte sauberen! – Sieges über diesen Feind psychologisch und welthistorisch erschöpfend nachgewiesen hat, bleibt diesem tiefen Denker nur noch, den Ausgang des wirklichen Krieges in vorbildlicher Haltung abzuwarten:

„Ihre Anschläge stellen ein permanentes Hintergrundrisiko dar, wie der tägliche Unfalltod auf den Straßen, an den wir uns gewöhnt haben. Damit wird eine Weltgesellschaft, die von fossilen Brennstoffen abhängig ist und die fortwährend neue Verlierer produziert, leben müssen.“

Die stoische Verachtung der Verlierer als lästige Begleiterscheinung einer ansonsten grundguten Welt – auf solchem Niveau kann Feindbildpflege stehen!


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