Deutsche Beiträge zum Sportfest in Sotschi

Dieser Artikel ist in der Reihe Chronik – kein Kommentar! der Zeitschrift GegenStandpunkt 1-14 erschienen. Sie kann über den Buchhandel oder direkt beim Verlag als Druckausgabe oder E-Book erworben werden.

Deutsche Beiträge zum Sportfest in Sotschi
„Die Welt zu Gast bei Feinden“

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So betitelt das Handelsblatt einen seiner Berichte über die Olympia-Vorbereitung. (HB, 3.2.14) Denn diesem Blatt ist wie der gesamten deutschen Öffentlichkeit, gewohnt objektiv, ohne jedes Vorurteil und nach gründlichen Recherchen an Sotschi so einiges aufgefallen.

Deutsche Beiträge zum Sportfest in Sotschi
„Die Welt zu Gast bei Feinden“

So betitelt das Handelsblatt einen seiner Berichte über die Olympia-Vorbereitung. (HB, 3.2.14) Denn diesem Blatt ist wie der gesamten deutschen Öffentlichkeit, gewohnt objektiv, ohne jedes Vorurteil und nach gründlichen Recherchen an Sotschi so einiges aufgefallen.

Ein surrealer Standort ...

SZ, Bild und FAZ zeigen sich einhellig befremdet über die Auswahl der Location für das Naturschnee-ferne russische Wintersportzentrum, dem das IOC aus dem Boden half. (SZ, 3.2.14) Winter-Olympia in einem Sommerkurort – das klingt nach Absurdistan. (Bild, 8.2.14) Vor allem, wenn man kurz mal ausblendet, dass sich neben einem Meer mit Mittelmeerklima ein Hochgebirge mit echtem Schnee befindet. Aber auch wenn man dort zufälligerweise auf Schnee trifft, ist die Sache immer noch absurd genug: Der Schnee macht den Gedanken etwas weniger surreal, Winterspiele auf dem Breitengrad von St-Tropez auszurichten. (FAZ, 2.1.14) Einfach surreal, diese Russen, die das Gelände auch noch mit Verkehrsmitteln zugänglich machen und ein Sommer- und Winter-, Sport- und Ferienparadies mit den allgemein üblichen Errungenschaften der Tourismusindustrie bauen. Das geht doch in den Kopf nicht rein, wozu das gut sein soll. Unsere Reporter verstehen es einfach nicht, warum Russland seine Winterspiele in einer atemberaubend schönen Landschaft ausrichten und damit die Welt beeindrucken will. Rätsel über Rätsel, warum ausgerechnet hier, an Russlands wärmsten Flecken, das neue Wintersportzentrum des ja auch über reichlich Dauerfrost verfügenden Riesenlandes installiert werden musste. (SZ 4.2.14) Sie hätten ihre Winterspiele doch auch bei 40 Grad Minus abhalten und die Abfahrtspisten in der platten sibirischen Taiga aufstellen können. Aber wenn dann doch trotz Mittelmeer 450 000 Kubikmeter Schnee vorhanden, nämlich unter Sägespänen gebunkert worden sind, spricht auch das Bände, im Alpenraum haben wir dafür schließlich Schneekanonen.

Wie kann man aber auch ein ganzes Olympiagelände aus dem Boden stampfen, bloß weil man keines hat!

... ganz neu und ziemlich häßlich ...

„Die allermeisten Anlagen mussten neu errichtet werden.“ (FAZ, 24.12.13) „‘Dass keine Sportstätte vorhanden war, war ein Vorteil. So konnte alles so geplant werden, dass es IOC-Standards erfüllt‘, behauptet das Organisationskomitee.“ (SZ, 6.2.14)

Aber das ist natürlich viel zu kurzsichtig gedacht. Kritiker beklagen dagegen Gigantismus. (Ebd.) Wo andere Veranstalter olympische Spiele ganz unauffällig und in bescheidenem Maßstab abwickeln, ihre alten Stadien benützen und dafür sicher nichts groß umbauen, weil das ja die Natur schädigen könnte, klotzen die Russen wie die Blöden und stellen glatt eine niegelnagelneue Sportlandschaft in die Natur. Und verbrauchen dafür tatsächlich Stahl:

„Allein für die Eisberg-Halle wurden 15 000 Tonnen Stahl verbaut – zweimal so viel wie am Eiffelturm.“ (SZ, 6.2.14)

Im Eiffelturm kann man allerdings auch nur sehr schlecht Eishockey spielen, da ist dem Autor der SZ vielleicht nicht der geglückteste Vergleich eingefallen. Aber die Formel für Gigantismus sollte man sich für die Zukunft merken: Menge Stahl dividiert durch Eiffelturm.

Putin dagegen lässt nagelneue Hotels mit kitschiger Architektur (FAZ, 2.1.) aus dem Boden stampfen, die den Ansprüchen von Leuten, die an die ästhetischen Maßstäbe von Davos und Lech gewöhnt sind, einfach nicht genügen können.

„Schlimmer geht’s nimmer. Mit diesen grauenvollen Stilmixen zwischen byzantinischen Säulen, Jugendstil-Anleihen und Klassizismus.Wie sonst kann es sein, dass ich mich wie in Disneyland fühle, oder aber in einem dieser Marken-Outlets, die sich bei uns an den Bundesstraßen und Autobahn-Auffahrten breit machen?“ (Bild 9.2.14)

Im Eifer des Gefechts macht die Stilkritikerin von der Bildzeitung gleich auch noch unsere Autobahnauffahrten schlecht, die nun wirklich nichts mit byzantinischen Säulen zu tun haben, wie auch immer die aussehen sollen. Und das bloß um anzumerken, dass irgendwelche Sportanlagen den Maßstäben ihres höchstpersönlichen Geschmacks nicht entsprechen. Sie verrät leider nicht, was der angemessene Stil gewesen wäre für ein russisches Olympia – Bauhaus oder vielleicht graue Plattenbauten? –, ist aber auch schon beim nächsten Punkt angekommen:

Alles glitzert, aber nichts funktioniert. (Bild 9.2.14)

Die Spiele haben noch nicht angefangen, da halten unsere Reporter fest: Nichts funktioniert. Und damit unterhalten sie das Publikum mindestens ein Jahr bis zur Eröffnung. Solange noch gebaut wird, ist vieles noch nicht fertig und das spricht natürlich dafür, dass es nicht fertig wird.

„Als David Möller (32) am 1. Februar im Olympischen Dorf von Sotschi ankam, staunte der vierfache Rodel-Weltmeister nicht schlecht. Keine Vorhänge an den Fenstern und ein Scheinwerfer davor“. (Bild, 5.2.14) „Und ob das mit meinem WLAN noch was wird? Keine Ahnung! Fakt ist: Obwohl ich mit Hunderten Kollegen in einem ‚Media-Hotel‘ untergebracht bin, funktioniert hier in Sachen Medien nichts. Die Rezeption vertröstet, dass vielleicht morgen in meinem Stockwerk das Internet funktioniert. Oder übermorgen. Oder am Sankt-Nimmerleinstag.“ (Bild 9.2.14)

Oder es geht gleich wieder kaputt:

„Die Russen bauen bei Olympia nicht nur alles in Rekordzeit auf – einiges fällt auch in Rekordzeit wieder auseinander! Gestern, 11 Uhr, in Sotschi. Russlands Vize-Premierminister Dimitri Kosak (55) schreitet ans Rednerpult. Er legt seine Zettel ab, die Hände daneben – rumms! Die Plexiglas-Konstruktion kracht vor ihm zusammen. Hallo, Herr Putin! Geht hier in Russland alles so schnell kaputt?“ (Bild, 4.2.14)

Man denke nur, ein Plexiglas-Pult fällt um. Wenn das nicht typisch ist für dieses Land, das sich mit seiner Gigantomanie überfordert.

Manchmal dauert es aber auch noch, bis das Zeug kaputt geht. In ein, zwei Jahren wird man sehen können, was aus diesen überhastet fertiggestellten Häusern wird. (FAZ, 12.2.14) Aber solange können wir natürlich nicht warten mit unserem vernichtenden Urteil. Denn wir wissen ja, wie der Russe so baut. Bild liefert entsprechende Erkenntnisse:

„In 24-Stunden-Schichten versuchen Bauarbeiter, das größte Olympia-Chaos bis zur Eröffnung am Freitag zu beseitigen. Allerdings bauen die Russen so, wie Kinder am liebsten ihre Zimmer aufräumen – Gerümpel schnell zur Seite schieben, fertig.“ (Bild, 4.2.14)

Die seriöse FAZ kennt den tieferen Grund, da geht es immer noch nur um die Erfüllung von Plänen und Qualität lässt sich im Unterschied zum Material nun einmal nicht planen:

„Die Bauqualität oder auch die Wertigkeit von Reparaturen lassen in Russland oft zu wünschen übrig, und das ist keineswegs nur dem harschen Klima geschuldet.“ Dem Mittelmeerklima? „Vielmehr scheint es, als zählten häufig immer noch nur die Quantität, die Erfüllung von Vorgaben, von Plänen. Das Material genießt hohen Stellenwert, möglichst edel muss es sein. Aber Qualität der Arbeit wird selten eingefordert oder kontrolliert.“ (FAZ, 10.2.14)

Wenn bei öffentlichen Bauwerken Termine eingehalten und Vorgaben erfüllt werden sollen, kann man daran schon ablesen, dass in Russland noch die alte Mentalität vorherrscht. Wo der Markt regiert, sind Termine kein Problem. Manchmal fällt den Autoren dann aber wieder ein, dass auch in Russland inzwischen der Markt regiert, wenn sie nämlich freudig darauf spekulieren, was aus diesen überhastet fertiggestellten Häusern wird: Für den Fall, dass sie nicht in sich zusammenbrechen, wissen wir jetzt schon, dass der Markt sein Urteil über diese grandiose Fehlinvestition sprechen wird.

„Das ist nicht nur eine Frage der Bauqualität, sondern auch des Marktes. So viele Gäste wie zu den Olympischen Spielen werden kaum noch auf einmal nach Sotschi kommen. Überleben dann die neuen Hotels finanzkräftiger Investoren oder die kleinen, die Einheimische in den vergangenen zwanzig Jahren aufgebaut haben?“ (FAZ, 12.2.14)

Die Arbeit wird in Russland zwar nicht kontrolliert, sonst aber alles, was nur geht und steht. Und das gibt Anlass für eine weitere Beschwerde:

Keine Atmosphäre

Wir wollen Spaß und Party, was müssen uns die Russen da mit ihrem Terrorismusproblem kommen:

„Die Russen fürchten Terror-Anschläge aus den Bergen. Rund um die Sportstätten hat das Militär Zelte in Tarnfarben aufgeschlagen, überwacht so jede Bewegung. Österreichs Ski-Legende Hermann Maier (41) macht das so alles keinen Spaß: ‚Mir tun die Sportler leid. Metalldetektoren bei den Zugängen, Soldaten mit Gewehren an den Pisten – das ist keine Atmosphäre, in der man Skifahren möchte.‘ Tja, die Putin-Spiele werden sehr anders...“ (Bild, 4.2.14)

Gemütlich ist das wirklich nicht, wenn Putin seine Security-Maßnahmen so penetrant durchzieht. Wie sollen unsere Sportler da in Stimmung kommen, unkt einer, der sich eigentlich besser auskennen müsste, wie Sportler ticken, die für ihre Nation an die Medaillenfront gehen. Es wurde ja auch nichts bekannt davon, dass sich die nationalen Heroen in London von den Patriot-Stellungen auf den Hochhäusern und AWACS in der Luft den Kampfgeist hätten verderben lassen.

Und dann kann man es den Russen trotz des ganzen Aufwands noch nicht einmal zutrauen, wirklich für Sicherheit zu sorgen, so dass die US-Boys eine eigene Truppe von outgesourcten Sicherheits-Fachleuten auf eigene Rechnung miteinfliegen lassen müssen:

„Gastgeber Russland ruft in Sotschi die große Überwachungs-Offensive aus – doch das reicht Teilen der amerikanischen Olympia-Mannschaft nicht. Das Ski- und Snowboardteam der USA baut wegen erhöhter Sicherheitsbedenken auf ein privates Unternehmen. Nach Informationen der Zeitung USA Today wird das Aufgebot um Snowboardheld Shaun White eine private Firma engagieren, die im Ernstfall unter anderem eine sofortige Evakuierung durchführen kann. Dafür stehen dem Unternehmen ‚Global Rescue‘ aus Boston in Russland fünf Flugzeuge zur Verfügung, die jeweils 200 Personen transportieren können.“ (SZ, 8.1.14)

Ami-Stiernacken in ihrer bekannt fröhlich-zupackenden Art verderben Hermann Maier bestimmt nicht die Laune.

Beim russischen Einsatz von Sicherheitskräften kommt erschwerend hinzu, dass der erstens nur eine Demonstration ist. Und die ist zweitens leicht zu durchschauen, weil man Putin schließlich alles zutrauen muss:

„Will Putin demonstrieren, dass er den Terrorismus im Griff hat? Ist es eine Sieges-Geste, die Spiele nach Sotschi zu holen? So war es wohl gemeint. Es war eine Geste, die sagen sollte: Wir haben alles im Griff. Wenn man allerdings bedenkt, dass die Olympischen Spiele in einem Belagerungszustand durchgeführt werden müssen, ist diese Geste nicht gelungen.“(Uwe Halbach von der Stiftung Wissenschaft und Politik, NTV, 3.2.14)

Der Umgang mit Gefährdungen, die von Terroristen ausgehen, spricht in dem Fall nicht gegen die terroristische Gewalt, sondern gegen die Obrigkeit und das in mehrfacher Hinsicht: Zuerst hat Putin die Spiele extra in eine von Terrorismus bedrohte Gegend geholt, um der Welt zu demonstrieren, was er alles im Kreuz hat. Dann artet das in einen Belagerungszustand aus, der sich wiederum nur als klägliches Versagen seiner Staatsmacht interpretieren lässt. Und schließlich gibt es noch weitere üble Absichten, für die der Terrorismus nur als Vorwand dient. Es muss schließlich einfach mal gefragt werden, ob es den Russen da wirklich nur um die Security der Sportler geht.

„Insgesamt sind nun 37 000 Polizei- und Sicherheitskräfte im Einsatz, auch Kriegsschiffe und Kampfjets überwachen die Stadt und das Umfeld. Ob die ganze Überwachung überhaupt im Dienste der Sicherheit steht, wird derweil von einigen Beobachtern bezweifelt.“ (SZ, 8.1.14)

Man wird ja mal fragen bzw. fragen lassen dürfen – man hat da so seine Beobachter, die sich mit entsprechenden Zweifeln zitieren lassen; z.B. einen Andrej Soldatow, Chefredakteur des Internetportals agentura.ru und einer der besten Kenner der russischen Sicherheitsdienste, zweifellos eine Autorität, ausgewiesen allein schon dadurch, dass die SZ ihn als solche einführt.

„Es sei dies die ‚traditionelle russische Art zu Fragen der Sicherheit: Alles ist immer mit Geheimnissen verbunden‘, sagte er in einem Interview von Radio Swoboda.“ (HB, 8.1.14)

Deshalb darf man vermuten, dass hinter dem bekannten Geheimnis, dass diverse nordkaukasische Freiheitskämpfer Attentate angekündigt haben, noch ganz andere stecken:

„Soldatow, der kürzlich von einer Sotschi-Reise zurückgekehrt ist, hält es etwa ‚für interessant‘, dass an den Hotels im Olympiapark Kosaken postiert seien. ‚Viele der Sicherheitsmaßnahmen haben meiner Ansicht nach gar nicht das Ziel, Anschläge zu verhindern‘, sagt er.“ (Ebd.)

Wenn er das sagt, ist das unbedingt glaubwürdig, auch wenn er leider nicht sagt, welches Ziel die Maßnahmen stattdessen haben. Wie wir den Laden so kennen, geht es da wieder mal um Unterdrückung, egal wozu und gegen wen, einer der notorischen Programmpunkte des russischen Unrechtsstaats. Wo man der freien Welt zu Gute halten muss, dass sie auf denkbar skrupulöse Weise ihr Dilemma zwischen Sicherheitsvorkehrungen und Freiheitsrechten der Bürger bewirtschaftet, bei dem sich die USA mit Drohnenkriegen und weltweitem Abhören für die Sicherheit der ganzen Welt aufopfern, ist den Russen jede Hinterhältigkeit zuzutrauen.

So verwundert es nicht, dass man bei der Besichtigung von Sotschi auch auf all die ebenso altbekannten und total landestypischen Mängel trifft:

Geld, Preissteigerungen und Korruption

Wo Russland alle Welt mit futuristischen Olympiabauten beeindrucken möchte, erstehen vor dem unvoreingenommenen Auge des Betrachters nur Finanzierungslücken und Investitionsruinen. Schlimmstenfalls, und das darf man als mit Russland mitfühlender Journalist doch mal in aller Objektivität vorwegnehmen,

„hat sich Russland zu einem astronomischen Preis leerstehende Betonlandschaften geleistet. Das wäre sehr bitter in einem Land mit großem Entwicklungsrückstand, wo jeder Rubel vor dem Ausgeben dreimal auf seinen Nutzen geprüft werden müsste.“ (FAZ, 24.12.13)

Verbaut worden ist in Sotschi ein Geld, das Russland eigentlich gar nicht hat, für einen Nutzen, der weit und breit nicht zu sehen ist. Wir wären an Russlands Stelle mit dessen Finanzen jedenfalls ganz anders umgegangen. Wenn wir mal den russischen Staatshaushalt durchsortieren dürften, würde kein Geld zum Fenster rausgeschmissen für Prestigeobjekte, die zur Statur der Nation gar nicht passen. Aber wir dürfen ja leider nicht und müssen hilflos zuschauen, wie fürchterlich es um das Geldverdienen in Russland bestellt ist:

„Sotschi ist ein Bereicherungsprogramm für die russische Elite. Neben dem Staat sind es vor allem Staatskonzerne und wenige auf politisches Wohlwollen hoffende Magnaten, welche die Investitionen tätigen – häufig mit von einer staatlichen Entwicklungsbank geliehenem Geld. Nutznießer sind mit dem Kreml eng verbundene Firmen... Sotschi hätte ein visionäres Projekt mit vielen Pluspunkten werden können... Doch Russland hat großes Talent, einfache Dinge zu verkomplizieren.“ (Ebd.)

Während bei uns eine Olympiade in Garmisch ein Segen für die einfachen Menschen gewesen wäre, nämlich Jobs geschaffen hätte, die dann entstehen, wenn sich Privatfirmen lukrative Bauaufträge an Land ziehen, die die öffentliche Hand mit Krediten finanziert, geht es in Russland komplizierter zu: Da zieht erstens eine Elite Bauaufträge an Land, mit denen sie sich bereichert. Da machen zweitens nicht ehrbare Unternehmer Visionen wahr, sondern undurchsichtige Magnaten, so dass schon mal feststeht, dass es statt vieler Pluspunkte lauter Minuspunkte gibt. Die kaufen sich vor allem politisches Wohlwollen und das drittens nicht einmal mit eigenem Geld, sondern mit Kredit. Wo gibt’s denn sowas! Bauaufträge werden dann noch an Staatskonzerne und wenige Magnaten vergeben, die nun einmal die russische Wirtschaft ausmachen. Aber wenn die schon so heißen, spricht das nur für Freunderl-Wirtschaft und Kreml-Amigos, während bei uns Sponsoren ehrenamtlich, ohne jede Berechnung und ohne jeden Kontakt zur politischen Führung bei so einer guten Sache automatisch dabei sind.

In Russland aber betreibt die Elite nur die eigene Bereicherung, rücksichtlos auf Kosten der einfachen Menschen:

„Liegenschaftsbesitzer wurden enteignet, Einwohner für neue Gas- oder Stromanschlüsse mit astronomischen Preisen zur Kasse gebeten. Ausländischen Arbeitern, in Heerscharen auf die Baustellen geholt, werden Löhne vorenthalten. Sie haben keine Rechte; wer sich bei der Polizei beschwert, darf froh sein, wenn er nur ignoriert und nicht bestraft wird. Man darf auch vermuten“ - in Russland darf man mit Bestimmtheit alles vermuten, was einem einfällt- „dass auf den Baustellen, wo unter Hochdruck die Fertigstellung erzwungen wird, viele Menschen verunglückten.“ (FAZ, 24.12.13)

Enteignungen zugunsten öffentlicher Bauvorhaben gibt es bei uns einfach nicht; Preissteigerungen bei Gas und Strom nur mit Augenmaß und für den guten Zweck der Energiewende; ausländische Arbeiter genießen die größte öffentliche Aufmerksamkeit, ob sie auch wirklich Arbeiter sind und nicht nur Armutstouristen und Einwanderer in unsere Sozialsysteme. Und die Arbeitsbedingungen auf den Baustellen fallen schließlich in die Zuständigkeit von Subunternehmern, so dass keine Unfallstatistik vorliegt.

Über das Wie der Bereicherung lässt sich nur spekulieren. Das Handelsblatt weiß zu berichten:

„Superreiche lassen sich die Kreml-Gunst etwas kosten.“ (8.02) Die SZ weiß hingegen: „Die Oligarchen haben fast gar nichts bezahlt. Das Gros haben Staat und Staatsfirmen gestemmt, mithin also der russische Bürger“ (7.02.), während die FAZ herausgefunden hat: „Verloren haben dabei sogar einige Oligarchen, von denen Putin – gewissermaßen als Lizenzgebühr für die Weiterführung ihrer Geschäfte – Investitionen in Sotschi verlangte, bei denen kaum jemand glaubt, dass sie je rentabel sein werden.“ (28.1.14)

Ob das Geld nun von den Oligarchen, von der staatlichen Entwicklungsbank oder dem russischen Bürger kommt, weil das rückständige Land die Kunst der Kreditschöpfung nicht beherrscht und in der Staatskasse nur so viel drin ist, wie es seinen armen Leuten wegnimmt, jedenfalls spricht das alles dafür, dass Russland ein einziger Sumpf ist und statt einer Olympiade Putins Spiele der Oligarchen ins Haus stehen. (Handelsblatt, 8.2.14)

Nebenbei erfährt man auch, dass neben den Staatskonzernen und Magnaten, an die in Putins Russland grundsätzlich alle Bauaufträge gehen, auch noch ganz andere Nutznießer in Sotschi ordentlich abkassiert haben. Aber das reißen wir jetzt einmal aus dem ganz anderen Zusammenhang, in den das eigentlich gehört, nämlich:

„‚Deutsche Unternehmen leisten einen gewichtigen Beitrag zum Gelingen von Olympia‘, sagt der Geschäftsführer des Ost-Ausschusses der Deutschen Wirtschaft, Rainer Lindner. Mehr als 70 deutsche Unternehmen seien in Sotschi vertreten. Von der Hotelwaschanlage bis zur Freiluftrolltreppe: Deutsche Unternehmen nutzen Sotschi als Russland-Visitenkarte und punkten bei Infrastrukturprojekten. Mit der Fußball-WM 2018 in Russland ist zudem bereits ein neues Großprojekt in Sicht. Viele Ausschreibungen laufen, deutsche Unternehmen machen sich startklar.“ (FAZ, 27.1.14)
„Die Strabag ist ebenfalls schon vor der Vergabe der Spiele in Sotschi aktiv gewesen. Später baute sie noch das olympische Dorf. Macht unter dem Strich 412 Mio. Euro an Aufträgen. Und insgesamt hat Österreichs Wirtschaft mit etwa 1,3 Mrd. Euro in Sotschi mitgenascht.“ (Die Presse,17.1.14)

Wie wir die deutsch-österreichischen Wirtschaftsgrößen so kennen, waren die an den exorbitanten Preissteigerungen in Sotschi garantiert nicht beteiligt. Qualität hat einfach ihren Preis. Da stellt sich vielmehr eine andere Frage:

„Der Frage, wie sich Österreichs Unternehmen vor Ort bewegt haben, ohne im Korruptionssumpf zu versinken, geht die Doku nicht nach. ‚Die Presse‘ hat acht namhafte Unternehmen befragt. Alle verweisen auf die hauseigenen hohen Compliance-Vorschriften. Mit Korruption sei keiner in Berührung gekommen. Eine Nachfrage bei deutschen Firmen zeigte, dass manche darauf stießen. Im Vertrauen erklärte ein Vertreter eines österreichischen Unternehmens schon im Vorjahr, dass die Situation in Sotschi „eine einzige Katastrophe“ sei: ‚Jeder hält die Hand auf und kassiert mit.‘ Auch deshalb haben sich die Kosten der Spiele auf 50 Mrd. Dollar verfünffacht... Warum viele Österreicher mitschwimmen konnten, ohne nass zu werden? Man sei nur für private Auftraggeber tätig gewesen, bei Bauvergaben der öffentlichen Hand sei es heikler, heißt es bei der Strabag... Man habe den Auftrag über einen russischen Partner erhalten und abgewickelt! Dadurch sehen sich manche aus der Verantwortung genommen. ‚Die Generalaufträge gingen an staatsnahe Firmen‘, erklärt Leitner: ‚Der Kuchen wurde bereits auf den Ebenen über uns verteilt.‘ (Die Presse,18.1.14)

Wenn gegen jeden gesunden Menschenverstand in einem Land wie Russland Winterspiele abgehalten werden, wenn sich auch anständige westliche Firmen nur mit größter Mühe von der Versuchung fernhalten können, sich dank guter Beziehungen dumm und dämlich zu verdienen, ist es eben kein Wunder, dass so eine Olympia-Anlage dann noch viel teurer wird als die drei einschlägig bekannten, deutsch-nationalen Prestigeprojekte, Elbphilharmonie, Stuttgarter Bahnhof und Berliner Flughafen zusammen. Und das beweist: Fehlplanungen und Kostenexplosionen, wie sie bei jedem öffentlichen Großprojekt zustande kommen, wo sich der marktwirtschaftliche Geschäftssinn am staatlichen Repräsentationsbedarf bedienen kann, sind eine typisch russische Fehlleistung – siehe die Größenordnung. Und wenn auch in Sotschi viel mehr als 1 Konzertpalast, 1 Bahnhof und 1 Flughafen gebaut worden ist – hinter dieser Größenordnung steckt System. Und das hat einen Namen:

Das System namens Putin

Objektive Berichterstatter großer deutscher Zeitungen wissen Bescheid: Bei den Russen passieren nicht nur viele Fehler, sondern die ganze Nation ist selber einer:

„Sotschi ist das Projekt Putins, aber Putin ist gleichzeitig Herr wie auch Gefangener von Russlands System der Selbstbereicherung, das diese Spiele so klar offenbart haben wie selten zuvor: Je größer und prestigeträchtiger ein staatliches Vorhaben, umso größer ist sein Budget und umso wichtiger sein Gelingen dem Kreml. Umso größer ist damit die Chance, dass die Finanzmittel so lange erhöht werden, bis der Erfolg garantiert ist. Auf jeder Ebene bis zum untersten Subunternehmer können die Involvierten nun ihr großes oder kleines Maß an Entscheidungsgewalt über Budget, Material und Menschen zum eigenen Vorteil ausnutzen. Dort, wo der Staat im eigenen Land am prägnantesten auftritt, ist er am machtlosesten. Die Intransparenz ist schier grenzenlos.“ (FAZ, 24.12.13)

Die FAZ durchschaut dennoch alles souverän. Putin verfügt über genügend Macht, seine persönliche Imagepflege zum Staatszweck aufzublasen und mit den entsprechenden Mitteln auszustatten, das ist schon ziemlich unsympathisch. Dann aber ist er trotz seiner Machtfülle nicht in der Lage, den Missbrauch seiner Vorhaben durch seine eigenen Unterchargen zu verhindern. Grenzenlose Machtfülle und dann auch noch Ohnmacht, typisch Autokrat!

Wenn Putin seine Macht, die er nicht hat, gebraucht, trifft ihn der Vorwurf der Willkür:

„Gelegentlich inszeniert Putin sein Missfallen über die Zustände. Prominentestes Opfer seiner Vergeltung, wenn auch für viele Beobachter nur ein Bauernopfer, ist Achmed Bilalow: Im Februar kanzelte Putin den Vizepräsidenten des Nationalen Olympischen Komitees vor laufenden Fernsehkameras ab, kurz darauf entließ er ihn. Bilalows Unternehmen war für den Bau der Skisprungschanzen zuständig. Er habe sich dafür ‚freiwillig gemeldet‘, hieß es von der Regierung. Die Schanzen wurden zwei Jahre später fertig als geplant und kamen mit 245 Millionen Dollar etwa siebenmal teurer zu stehen als anvisiert.“ (FAZ, 2.1.14)

Die Ehre, dass Putin in seinem Laden nach dem Rechten sieht und sich um die ordentliche Abwicklung nationaler Belange kümmert, will man ihm auf keinen Fall zugestehen. Deswegen ist es nur eine Inszenierung von Mißfallen, wofür auch die FAZ so ihre Beobachter hat, die das verbürgen. In seinem Fall spricht der grobe Ton gegenüber dem säumigen Unternehmer nicht für Konsequenz in Sachen Bekämpfung der Zustände, sondern für pure Willkür, er schnappt sich den Nächstbesten, macht ihn zum Watschenmann, und warum? Damit sein Anhang genauso weitermachen kann wie bisher:

„Er höchstpersönlich habe den Badeort als Austragungsstätte ausgewählt, verriet Wladimir Putin im russischen TV... Eine nette Ecke ist das: Putins Sommersitz, zwischen Palmen, Stränden und einem Fluss, der ebenfalls bald einen Spiele-gerechten Zuschnitt erfuhr... Was den Verdacht nährt, dass das Projekt so gewaltig ausfallen musste, damit es genügend abwirft für die beteiligten Kräfte.“ (SZ 4.2.14)

Viel mehr ist von den Autoren über das System auch nicht zu erfahren: Es besteht aus Selbstbereicherung – nicht zu verwechseln mit dem gesunden Erwerbstrieb, der marktwirtschaftliche Charaktere auszeichnet und wahrscheinlich mehr in die Abteilung Fremdbereicherung fällt –, und Putin steht in seinem Zentrum.

„Wie von einem Brennglas gebündelt, findet man in diesem Projekt alles, was typisch ist für das von ihm geschaffene politische System. In Sotschi kann man besichtigen, wie Putins Macht zugleich Russlands Schwäche ist. Wenn er will, dass ein subtropischer Badeort in nicht ganz sieben Jahren zum Wintersportgebiet entwickelt wird, kann er das durchsetzen. Über Sinn und Kosten des Vorhabens wurde nicht gestritten, weil Putin es für bedeutend erklärt hatte.
Die Folgen sind Korruption, Umweltzerstörung und Willkür gegen alle, die sich doch zu widersetzen versuchten. Gesetze galten in Sotschi in den vergangenen Jahren nur noch, wenn sie Olympia nicht im Wege standen... Sotschi steht für das Modell, nach dem Putin Russland zu entwickeln versucht: auf Anweisung von oben. Durchsetzen kann er sich damit immer nur oberflächlich, so wie manches auch in Sotschi während der Spiele mehr potemkinsches Dorf als Wirklichkeit sein wird. Echte Entwicklung von unten wird dadurch gebremst.“ (FAZ, 28.1.14)

Und das erfüllt dann den Kommentator mit großer Zufriedenheit, weil er wieder das Gesetz aufsagen kann, dass einer Macht, die uns nicht gefällt, kein Erfolg beschieden sein kann.

*

Egal, an welcher Stelle die Berichterstattung loslegt: Sie landet immer bei der Denunziation des Veranstalters. Was dem westlichen Medienapparat an Sotschi auffällt, könnte ihm zwar ebensogut bei sämtlichen internationalen Monster-Sport-Events und sonstigen staatlichen Repräsentationsorgien auffallen, und das geben die schreibenden Vertreter kritischer Aufmerksamkeit auch durchaus zu Protokoll:

„Gigantismus, Umweltfrevel, Korruption, Ausbeutung, politische Inszenierung und Instrumentalisierung – Sotschi steht nicht nur für alles, was den Spielen lange schon vorgeworfen wird. In jedem einzelnen Anklagepunkt wurde ein Superlativ aufgestellt.“ (SZ, 8. 2.14)

Es sind eben gar nicht Pomp und Protz, mit dem solche Veranstaltungen abgewickelt werden, die Umweltschäden und die miesen Arbeitsbedingungen auf den Baustellen, die sie am Sinn und Zweck der Veranstaltung zweifeln lassen, sondern genau umgekehrt: Dieser Veranstalter ist es, der ihnen nicht passt. Und deshalb strengen sie ihren gesamten schematischen Einfallsreichtum an, was Missstände aller Art betrifft, richten die geballte Aufmerksamkeit auf Hotelausstattung und Schneemangel, zählen alle Schandtaten zusammen, die man Russland von der Kiewer Rus bis zur heutigen Ukraine nachsagen kann und nennen das alles einen Superlativ, um der russischen Führung die Veranstaltung zu versauen. Wo die vor aller Welt Ehre einlegen will, mit allen Mitteln von der Weltraumstation bis zum Kinderkarneval demonstrieren möchte, was für eine potente, liebenswürdige und quietschbunte Nation sie regiert, muss einfach mal gesagt werden, wie ekelhaft so eine Inszenierung nationaler Größe ist.

„‘Um Gottes Willen, warum muss eine olympische Flamme durchs Weltall fliegen?‘, wundert sich die deutsche Fechterin Imke Duplitzer über den pompösen Fackellauf. Die zweifache Europameisterin kritisiert gegenüber der DW vor allem den Gigantismus der Spiele. ‚Leute, das ist eine Sportveranstaltung‘, mahnt Duplitzer. Dem russischen Präsidenten Putin unterstellt sie, Olympia sei für ihn vor allem eine Machtdemonstration. ‚Mir ist so etwas zuwider‘, sagt Duplitzer.“ (Deutsche Welle, 29.12.13)

Wie konnte das nur passieren, dass die liebe Sportveranstaltung mit so etwas Häßlichem wie einer Machtdemonstration vermengt wird?! Sollte dieses Fest der Freude, dessen Teilnehmer zufälligerweise immerzu reichlich Fahnen bei der Hand haben, wo die Nationen, die sie losschicken, schon vorher ihren Bedarf an Medaillen festlegen, allen Ernstes politisch missbraucht werden können?

Aber es gibt doch noch Hoffnung, hat die Süddeutsche ermittelt:

„Das Geschäft mit den Ringen ist keineswegs tot. Die Idee, alle vier Jahre die besten Athleten der Welt zu versammeln, entfaltet immer noch ihren Reiz. 2010 in Vancouver und 2012 in London waren die Spiele große Erfolge. Sie zeigten nicht nur, dass sich die Party auch weiter in freiheitlichen, demokratischen Gesellschaften veranstalten lässt. Sondern, dass sie dort tatsächlich zu einem Fest werden kann, das nicht nur das Selbstbewusstsein im Veranstalterland stärkt.“ (SZ, 8.2.14)

Da gehört Olympia eben auch hin. Nur freiheitlich-demokratischen Gesellschaften steht das Recht auf Anerkennung für die Organisation dieses Sport-Zirkus zu; nur denen wollen ihre linientreuen Propaganda-Agenturen die Fähigkeit attestieren, die Machtdemonstration dem Rest der Welt als ein Fest zu offerieren. Dafür sorgt schon ihr empfindliches Sensorium für die enormen geschmacklichen Unterschiede.

Im Fall von Sotschi ist daher das Umgekehrte fällig: Nix Party, sondern ein großer Haufen von Organisationsschwächen und widerlichen Exzessen von Macht und Protz. Auf dem zur Zeit wohl bestbesichtigten Gelände der Welt lassen sich die um Information bemühten Medien nichts entgehen, um das Treffen zu einer gründlichen Demontage des Gastgebers auszugestalten. Kein verstopfter Abflusskanal, unterdrückter Umweltschützer, unbekannter Bergrutsch, keine fröhliche Schwulen-Bar in Sotschi und kein vor 150 Jahren niedergemetzelter tscherkessischer Ureinwohner, der noch nicht vor der Kamera erschienen wäre.

Und weil das alles noch nicht reicht, widmet sich die Öffentlichkeit der Pflicht, Sinn und Zweck von Olympiaden umzudefinieren: Von einem Fest, bei dem die Nationen in Gestalt ihrer Athleten ihren Platz in der Rangordnung der Mächte unter Beweis stellen und ihre Leistungsfähigkeit bestaunen lassen, zu einem zwingenden Anlass, den Veranstalter in allen anderen Disziplinen zu disqualifizieren, die eine Herrschaft sonst noch so betreibt. Seitdem aufgrund eines Komplotts zwischen dem IOC und China die freiheitlich-demokratischen Gesellschaften schon einmal zuschauen mussten, wie ihre Olympiade zum Ruhm einer falschen Herrschaft zweckentfremdet wurde, hält es die geifernde Medienwelt zunehmend für eine unerträgliche Zumutung, Staaten, die uns in die Quere kommen, auch nur den formellen Respekt als Ausrichter eines Sport-Spektakels erweisen zu müssen. Seitdem übt man sich in der Verquickung von Olympia mit der Menschenrechtswaffe. Als ob es noch nicht genügend andere Foren und Instrumente gäbe, um missliebigen Regierungen auf die Füße zu treten und deren Völker gegen sie aufzubringen, wird das IOC unablässig mit dem Imperativ traktiert, nicht länger wegzuschauen. Stattdessen soll es die russische Führung mit dem Forderungskatalog nerven, den die Sprachrohre der freiheitlich-demokratischen Gesellschaften in Sachen Demonstrations-, Schwulen- und sonstigen Rechten für angebracht halten.

In Putins Russland wird nämlich all das Wahre, Gute und Schöne, dem die guten Staaten auf der Welt angeblich ihre Herrschaft geweiht haben, mit Füßen getreten. Zu beklagen ist eine schreckliche

Abwesenheit von Menschenrechten

Zur Zeit geht es dabei insbesondere um die von Pussy Riot und der Schwulen. Beziehungsweise – historische Exkurse sind nie verkehrt – um die der Tscherkessen. Wer denen bisher noch nicht begegnet sein sollte, muss wissen, dass es sich um einen völlig zu Unrecht vergessenen Volksstamm handelt, um dessen Wiedererweckung sich der deutsche Think-Tank Stiftung Wissenschaft und Politik rechtzeitig zur Olympiade mit großem Eifer bemüht:

„Sotschi gehört zum historischen Siedlungsgebiet der Tscherkessen … Russland hätte die Olympischen Spiele dazu nutzen können, die tscherkessische Frage aufzugreifen und sich mit der eigenen Kolonialgeschichte auseinanderzusetzen, wie es Kanada gemacht hat bei den Olympischen Winterspielen 2010 in Vancouver. Damals wurde die indianische Urbevölkerung ganz bewusst mit einbezogen. Russland dagegen legt Wert darauf, dass tscherkessische Aktivisten in Sotschi möglichst gar nicht in Erscheinung treten. Die Tscherkessen hatten während des Kaukasuskriegs, mehr als 100 Jahre lang, Widerstand gegen die Armee des Zaren geleistet...Die Tscherkessen sind mit Booten über das Schwarze Meer ins Osmanische Reich geflohen, sie waren gewissermaßen die ersten Boat People der neueren Geschichte.“ (Uwe Halbach, NTV, 3.2.14)

Egal ob sich die letzten Mohikaner unter den Tscherkessen überhaupt wie eine tscherkessische Frage vorkommen, egal auch, wie viel das heutige Russland mit den Zarenkriegen zu tun hat – mit Hilfe einer Kolonialgeschichte lässt sich die überhauptige Rechtmäßigkeit der russischen Präsenz in Sotschi sowie die seiner Terrorbekämpfung im Nordkaukasus in Zweifel ziehen. Viel größerer Beliebtheit als die Tscherkessen freilich erfreuen sich die Schwulen in Russland, die sich vor internationaler Anteilnahme und Fürsorge kaum mehr retten können.

Die erstaunliche Karriere sexueller Neigungen zu einem erstklassigen Anliegen internationaler Politik verdankt sich nämlich nicht zuletzt einem russischen Gesetz, das die Propaganda nicht-traditioneller sexueller Beziehungen unter Minderjährigen unter Strafe stellt, ein Gesetz, in dessen Intention die russische Führung interessanterweise nicht nur mit einem größeren französischen Volksaufruhr zur Rettung der Familie, sondern auch mit dem ehemaligen deutschen Arbeitsminister Blüm einig ist. Der wendet sich in einem offenen Brief an das deutsche Verfassungsgericht gegen das Urteil zur Gleichstellung der Homo-Ehe aufgrund seiner lebhaften Sorge, dass die Deutschen aussterben könnten:

„‚Die Familie ist die Elementareinheit der Gesellschaft, die auf ihr Weiterleben angelegt ist. Diese Funktion vermögen gleichgeschlechtliche Partnerschaften nicht einzulösen. Kinder, ihr Kommen und Gedeihen, spielen offenbar beim Hohen Verfassungsgericht eine niedere Rolle.‘ Ehe und Familie, die das Grundgesetz schützen solle, ‚sind jedenfalls einmalig und ein kostbares Kulturprodukt, das unserer Natur entspricht‘. Selbst das Bundesverfassungsgericht könne nicht verändern, ‚dass Kinder nicht gleichgeschlechtlichen Partnerschaften entspringen.‘“ (FAS, 4.1.14)

Das sieht Putin genauso, bloß anders, weil er sich sorgt, dass es nicht mehr genug Russen geben könnte. Er hat daher eine moralische Krise ausgerufen –

„Was könnte die moralische Krise, die eine menschliche Gesellschaft bedroht, besser bezeugen als der Verlust der Fähigkeit sich fortzupflanzen? Heutzutage sind fast alle entwickelten Nationen nicht mehr dazu fähig, sich fortzupflanzen, nicht einmal mit Hilfe der Einwanderung.“ (Meeting of the Valdai International Discussion Club, 19.9.13, president.kremlin.ru)

setzt sich an die Spitze einer wertkonservativen Bewegung, die sich überall in der westlichen Welt zur Rettung der family values aufgerufen sieht.

Das darf man ihm aber keinesfalls durchgehen lassen, denn die freie Welt leidet keineswegs an einem Mangel an Russen. Deshalb fragt kein deutscher Reporter den US-Skistar Bode Miller, der es absolut beschämend und peinlich findet, dass es Länder und Völker gibt, die so intolerant und ignorant sind (Bild, 2.10.13), ob ihm nicht auch an seinem Heimatland manches peinlich vorkommt. Dass da z.B. nicht ganz kleine nationale Minderheiten wie die Teaparty und evangelikale Kreise meinen, einen Kampf gegen eine gay agenda führen zu müssen und Homosexualität noch bis 2003 in den verschiedensten Bundesstaaten als Sodomie verfolgt worden ist. Die Russlandreporterin des Deutschen Fernsehens Ina Ruck unterhält bei Beckmann die Runde mit amüsanten Erkenntnissen, wie unglaublich hinterwäldlerisch und unaufgeklärt das Gastgebervolk ist, und kann über die Russen, die allen Ernstes glauben, dass Homosexualität ansteckend sei, nur den Kopf schütteln. Vielleicht sollte sie mal die Verfasser der Petition gegen das baden-württembergische Lehrprogramm darüber „aufklären“, dass Schulunterricht nicht ansteckend wirkt. Und auch die gesamte wohlmeinende Menschheit, die die Schwulen zur Zeit in der Hitparade der beliebtesten Menschenrechtsopfer auf den ersten Platz gewählt hat, ist noch nicht darauf verfallen, dass evtl. im Vatikan Aufklärungsbedarf besteht, weil man dort allen Ernstes glaubt, dass Homosexualität eine Sünde ist... Es geht schließlich um das typisch russische Phänomen „Homophobie“.

Dann gehen die Spiele los

Und die Autoren, die sich so wacker an der Menschenrechts- und Sotschi-Front geschlagen haben, berichten von einem eigentümlichen Leiden – sie lassen sich blenden:

„Mit dem Beginn der Wettkämpfe treten all diese Dinge wieder in den Hintergrund. Was jetzt zählt, sind Medaillen, Hundertstelsekunden, Jurypunkte und Schießfehler. Es geht um Freudentränen der Sieger, Enttäuschung der Verlierer. Die Athleten werden sie schon liefern, die Bilder der großen Emotionen. Wie gerne lassen wir uns doch davon blenden. Der schöne Schein Sotschis, er wird funktionieren.“ (DW, 8.2.14)

Die FAZ leidet mal wieder ganz erlesen:

„Jetzt aber, wo es bald losgeht, werden wir, wiederum von den Öffentlich-Rechtlichen, mit Sendehinweisen eingedeckt, die in ihrer grotesk reißerischen Countdown-Spannung, in ihrem hektischen Dabeisein-Gestus etwas geradezu Obszönes haben, zumal, wenn eben noch die Rede von Menschenrechtsfragen war. Krasser war die Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen lange nicht zu erleben.“ (FAZ, 31.1.14)

Die Bildzeitung leidet mehr in Form der Parataxe, und weiß, wer an diesem Leiden schuld ist, natürlich – wie könnte es anders sein – Putin:

„Lieber Mr. Olympia Wladimir Putin, Was für ein schlauer, gerissener Menschenversteher Sie sind. Wenn der Medaillenregen nächste Woche Freitag beginnt, sitzen wir alle fiebernd vor dem TV. Wer wird Erster? Wer stürzt, wer ist eine Hundertstelsekunde schneller? Gold für Deutschland, Österreich, Russland? Ja, Putin, das wussten Sie. Im Fieber unserer Sportbegeisterung werden wir alles vergessen.. Ausbeutung... Zerstörung der Natur... Schwule und Lesben... 51 Milliarden Dollar kostet Sotschi... Aber all dies interessiert niemanden, wenn die Spiele nächste Woche beginnen. Wenn es das erste Gold für Deutschland gibt. Ich liebe diese Spiele nicht, aber ich liebe unsere Sportler.“ (Bild, Franz Josef Wagner, 30.1.)

Zwei Seelen wohnen, ach, in der Brust von Wagner und sind aber doch nur eine: Er ist gegen Russland und für Deutschland. Aber dann meint er, dass Putin ihn zum Opfer seines Deutschnationalismus macht, ihn quasi mit deutschen Goldmedaillen besticht, damit er vor lauter Jubel für eine Weile das Hetzen vergisst.

Nicht mit uns, Herr Putin! Die unsäglich schwierige Gratwanderung, den Spagat zwischen Russenhetze und Deutschnationalismus kriegen die Beteiligten dann nämlich doch ganz gut hin. Da heißt es eben sich einteilen. Erst wird gerodelt, dass es kracht, und dann kommen wieder die Menschenrechte.

Schließlich ist es dann ja auch gar nicht so, dass die Vertreter der Öffentlichkeit, mit ihrem feinnervigen Gespür für Geschmacklosigkeiten unempfänglich wären für Feuerwerk, Wasserspiele, Spektakel, Walzer, Kinder und Schneeflöckchen und den ganzen Gigantismus drumherum. Die große Feier mit deutschem Medaillensegen und Siegerehrungen, zu der das einfach dazugehört, kann also losgehen.

Das Dumme ist nur, dass die russischen Volksgenossen das umgefähr genauso sehen und sich ihr nationalistisches Fest nicht durch westliches Kritikastertum versauen lassen wollen. Und darin steckt ein Problem, das die deutsche Öffentlichkeit bedenklich findet:

„Kritik des Westens an Olympia – Russen reagieren mit Patriotismus – aus Trotz. Die Gastgeber verfolgen die Kritik des Westens an den Spielen mit Argwohn. Viele Russen empfinden sie als unfair – manche glauben, dass sie die Nation und Kremlchef Putin eint.“ (Tagesspiegel, 13.2.14)

Es wird berichtet, dass sogar russische Dissidenten über die Aufklärungsarbeit der westlichen Medien verärgert sein sollen, daher übt sich die FAZ in einer originellen Variante von Selbstkritik:

„In der Tat ist es nicht das eigentliche Problem dieser Spiele, dass an vielen Stellen noch am Tag der Eröffnung gearbeitet wurde und manches in den vielen neuen Bauwerken, nun ja, alles andere als perfekt ist. Die Konzentration darauf ist unfair, weil dadurch der Eindruck erweckt wird, Russland sei ein Land, in dem nicht einmal richtige Hotels gebaut werden können – und das ist definitiv falsch. Wenn einige hundert Journalisten für zwei oder drei Wochen suboptimal untergebracht sind, ist das unangenehm, aber nicht schlimm. Die Kreml-Medien haben schon erkannt, dass Berichte über die Mäkeleien an zwei Toilettensitzen in einer Kabine ein wunderbares Mittel sind, um die Kritik an diesen Olympischen Spielen zu diskreditieren.“ (FAZ, 12.2.)

Da muss die Öffentlichkeit zur Kenntnis nehmen, dass die Russen – entgegen allem, was sie ihnen nachsagt – in der Hauptsache weniger Putin-Kritiker als Nationalisten sind und dass Nationalisten schnell beleidigt sind, wenn das Ausland ihre nationalen Großtaten schlechtredet. Das gerät dann laut FAZ aber auch nur deshalb zum Problem, weil die Kreml-Medien die gut gemeinte westliche Hetze schamlos ausnützen! Also Vorsicht, ermahnt sich die deutsche Öffentlichkeit, mehr Sachlichkeit bei der Feindbildpflege, nicht übertreiben, weil sich sonst das russische Volk glatt hinter seine Herrschaft stellen könnte: Der Geist von Sotschi/Die Kritik gilt nicht Russland, sondern Putin und dem IOC. (Ebd.)

Mit ihrer Sorge, dass sich die Sotschi-Hetze in Russland kontraproduktiv auswirken könnte, nämlich als Anlass, um Volk und Führung zusammen zu schweißen, stellen die Autoren dankenswert deutlich klar, dass es ihnen aufs Gegenteil ankommt: darauf, Volk und Führung in Russland auseinanderzubringen und die unangenehme Stabilität dieser Herrschaft nach Möglichkeit zu untergraben. Eine Aufgabe, bei der sich die Öffentlichkeit schließlich auch nur als freiberufliches Sprachrohr der Politik betätigt.

Von der hat sie ja genügend Signale erhalten, wie diese Olympiade einzuordnen ist. Mit diplomatischen Kundgaben, wer warum nicht hingeht, mit der demonstrativen Entsendung homosexueller Sportler und ähnlichen Provokationen haben die Führungsspitzen der westlichen Welt frühzeitig die nötigen Klarstellungen geliefert. Und warum sie Putins Russland so wenig leiden können, dass sie ihm am liebsten jede Anerkennung versagen möchten, daran haben sie ja auch keine Zweifel gelassen: Dass es im letzten Jahr internationale Erfolge erzielt haben soll, sich in Affären wie Syrien, Snowdon, Ukraine eine eigene weltpolitische Rolle anmaßt, ist einfach unerträglich. Da ist so ein Sportspektakel der passende Stoff, die Klimaverschlechterung zu produzieren, die sie in ihren Beziehungen zu Russland für angebracht halten, um das Land auf seine inferiore Stellung hinzuweisen. Das reicht dann schon, um unsere freie Presse im Fach Feindbildpflege zur Hochform auflaufen zu lassen.

PS.

Von wegen Machtdemonstration, mit der Putin die Spiele verdirbt: Die USA lassen sich anlässlich der Olympiade eine weitere Klarstellung nicht nehmen, was die erlaubte Reichweite russischer Machtbefugnisse betrifft. Sie exekutieren den Zweifel an der Zuständigkeit und Fähigkeit der Russen, für Sicherheit zu sorgen, mit der Wucht ihres Militärapparats vor Ort. Wenn nämlich amerikanische Athleten und Touristen woanders auf der Welt rumlaufen, dann ist der amerikanische Heimatschutz auch in Sotschi unverzichtbar und das Expeditionskorps wird in Gang gesetzt. Mit sogenannten Hilfsangeboten, bei denen es nur vernünftig wäre, wenn der russische Gegenpart seine Geheimnistuerei endlich einmal aufgeben würde, denn schließlich muss sich Amerika in Russlands Sicherheitsinterna ordentlich auskennen, wenn die Spiele klappen sollen.

„‚Die wollen nicht zugeben, dass sie nicht die komplette Kontrolle haben und etwas Hilfe gebrauchen könnten‘, sagte der frühere CIA-Vizedirektor Michael Morell im Network CBS über die russische Politik. Vor allem die offene Präsenz von CIA-Agenten soll sich Moskau verbeten haben.“ (Spiegel-online, 21.1.14)

Russland hat sogar einen Operativstab gebildet, in dem auch Vertreter von Geheimdiensten anderer Länder rund um die Uhr für die Sicherheit sorgen (RIA, 5.2.14), weitere solche Hilfsangebote, auch von seiten der Nato, werden dann aber doch dankend abgewiesen. Amerikanische Sachverständige kommen daher nicht umhin zu bemängeln, dass die mangelnde Kooperation Russlands … die Sicherheitsvorkehrungen der US-Amerikaner gefährdet. (Ingenieur.de, 27.1.14) Amerikanische Interessen und amerikanische Zuständigkeit für Sicherheit weltweit haben eben prinzipiell und haushoch über jedem Gesichtspunkt und Vorbehalt eines anderen Souveräns, auch auf dessen eigenem Territorium und auch in dessen Angelegenheiten von erstklassigem nationalen Rang, zu gelten und respektiert zu werden. Und um ihre Auffassung davon, wie Kooperation zu gehen hat, besser verständlich zu machen, stationieren die USA ein paar Kriegsschiffe vor Sotschis Küste.

Vielleicht bessern die ja die Laune vom Herminator wieder auf.


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