Bürgerkrieg in Zaire (heute Kongo)

Dieser Artikel ist in der Zeitschrift GegenStandpunkt 4-96 erschienen. Sie kann über den Buchhandel oder direkt beim Verlag als Druckausgabe oder E-Book erworben werden.

Demokratie für Afrika
Hunger und Ordnung

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Imperialistische Mächte entscheiden sich für oder gegen ein Eingreifen in Bürgerkriege in Afrika nach Maßgabe ihrer Interessen. Die Aufforderung, sie sollten sich angesichts des durch den Krieg herbeigeführten Massenelends im Kongo (zum damaligen Zeitpunkt: Zaire) engagieren, verklärt die von diesen Mächten beanspruchte Zuständigkeit für Afrika zu einem Dienst an hungernden Menschen.

Demokratie für Afrika
Hunger und Ordnung

1. Das humanitäre Muster

Wenn jemandem vor Augen geführt wird, wie Leute verhungern, dann ist die Reaktion klar: Die brauchen was zu essen, zu trinken. Alles andere ist unwichtig, so auch die Frage nach den Gründen.[1] Denn die ändern ja an der Tatsache nichts, daß die Betreffenden Nahrung brauchen. Das Aufwerfen der Warum-Frage erscheint gar als Zynismus, nach dem Motto: „Während ihr hier herumräsoniert, sterben dort die Menschen.“

Daß alljährlich zig Millionen Leute auf dem Globus hungern und verhungern, ist jedem aus periodischen Zeitungsmeldungen bekannt; daß die Gewissenspflege der Spenden nichts daran ändert, ebenfalls. Die Gewöhnung an das Faktische belegt, daß es sich um eine Naturtatsache handelt, die nicht vermeidbar ist.

Manchmal, wenn an einem Ort in kurzer Zeit massenhaft Erdenbewohner vor Hunger sterben, sprechen die Medienleute von einer Katastrophe. Das TV zeigt die Bilder und fordert stellvertretend für uns alle: Hier muß geholfen werden, und zwar sofort!

2. Die gelöste Frage nach den Ursachen

Wie jetzt in Zaire/Ost. Nicht, daß über „Hintergründe“ und „Auslöser“ nichts verlautbart würde. Die Diagnose „Stammeskrieg“ erhärtet den Verdacht der zivilisierten Völker, daß es die Natur der Menschenverfassung da unten ist, die das Elend heraufbeschwört. Und für welch kritischen Staatsbürger damit die „Schuldfrage“ noch nicht komplett gelöst ist, wer also weiterbohrt, wieso die denn jetzt in Stammeskriege zurückfallen oder so, der landet heutzutage trotz fehlender Gleichschaltung von oben garantiert bei der gleichen Antwort: Weil wir zivilisierten Demokratien es nicht geschafft haben, denen zu einer ebensolchen soliden Herrschaftsform zu verhelfen, wie wir sie haben. Daß die Herren Politiker es geschafft haben, sich der Dienste aller möglichen regierenden warlords in Afrika zu versichern, und deren blutige Feldzüge nicht selten mit Geld und Munition unterstützten, firmiert als versäumte Aufsichtspflicht. Egal ob aus bösem, eigennützigen Willen oder nach der Version ‚gut gemeint, aber Entwicklungshilfe gescheitert‘ – wir können uns in jedem Fall beglückwünschen zu unserer funktionierenden Markt- und Demokratiewirtschaft mit ihrer immer noch nicht gestrichenen Sozialhilfe. Und nach dem Muster beurteilen wir auch den Rest der Welt.

3. Der Appell an die Herren der Welt, die inzwischen ihres Amtes walten

Damit steht auch die Adresse des Hilfsappells fest: Die obersten Vorbilder in Sachen Demokratie, und zwar in ihrer Eigenschaft als mächtige Weltordner. Sie, die wer weiß wofür jedenfalls über eine jederzeit in jedem Erdenwinkel einsetzbare Kriegsmaschinerie verfügen, möchten doch schnellstens ein paar Eingreifmannschaften zur Absicherung des fälligen Speisungsplanes nach Zaire entsenden. Wenn die „Rebellen“ und „marodierenden Soldaten“ nicht freiwillig Platz machen, dann muß man sie notfalls dazu zwingen – zumal der Staat Zaire ohnehin nur noch auf den Landkarten existiert.

Die Reaktion der angesprochenen Staatsoberhäupter auf dieses Ansinnen ist aufschlußreich: Wiewohl sie durchaus zu würdigen wissen, daß ihr Militär von aller Welt in eine Gleichung mit rein „humanistischen Missionen“ gebracht wird, geben sie bekannt, daß diese Zweckbestimmung von Soldaten ziemlich danebenliegt.

  • Die USA haben Bedenken, da das Exempel, das sie in Somalia statuieren wollten, schief gegangen ist, mit einer beschränkten Militäraktion die „verlorengegangene staatliche Ordnung“ wieder aufzurichten. Ihre Militärdoktrin sieht für solche Affären von non-vitalem Interesse als Einsatz-Kriterium die Garantie eines schnellen und sicheren Erfolgs vor; das bedeutet, daß sie „humanitäre Aktionen“, die mit dem Risiko der „Blamage“ behaftet sind, nicht wiederholen wollen. Gleichwohl ist von Anfang klar, daß die USA, die als oberste Weltordnungsmacht über jede Kräfteverschiebung wachen, das letzte Wort über alle von der UNO oder anderen Staaten ins Spiel gebrachten Optionen für sich reklamieren.
  • Die französische Regierung hat die Entsendung einer internationalen Truppe vorgeschlagen, weil sie damit die strategische Zuständigkeit Frankreichs für die politische Ordnung in Zentralafrika behaupten und dafür auch die von ihnen gesponsorten Herrschercliquen à la Mobutu retten will. Von den USA, die aus gegebenem Anlaß ihre Mißbilligung über die „parteiliche“ französische Ruanda-Intervention von 1994 zu Protokoll geben, fordert Chirac die Beteiligung und Billigung des Einmischungsbedarfs, den er anmeldet.
  • Die deutschen Machthaber, die ihre gewachsene internationale Verantwortung in Bosnien künftig mit einem gleichberechtigten Kampftruppeneinsatz herausstreichen wollen, weil sie die politische Oberaufsicht in und über Europa nicht den Konkurrenten überlassen wollen, „sehen in Zaire keine Beteiligung deutscher Soldaten“. Als Hilfstruppen für eine französische Einflußsphäre in Afrika wollen sie diese erklärtermaßen nicht verstanden wissen, die strategische Konkurrenz um politische Vorherrschaft aber auch nicht auf die Tagesordnung setzen. Also übt man vornehme Zurückhaltung und macht damit Diplomatie.
  • Die Engländer sind bereit zum Mitmachen, da sie nicht fehlen wollen, wenn es denn mal wieder zu einer Parade der Spitzenclubs kommt, die über die eigene Maßgeblichkeit bei internationalen Gewaltaffären keinen Zweifel aufkommen lassen wollen.
  • Ein Interesse der Europäischen Union an der Sicherstellung funktionierender Herrschaftsverhältnisse in Zentralafrika gibt es durchaus, so manchen Handlungsbedarf deshalb ebenfalls, wie er sich beispielsweise in diversen Lomé-Abkommen manifestiert hat. Mit der Gewährleistung von Überlebensbedingungen für die dort vegetierenden Schwarzen ist dieser Bedarf allerdings nicht zu verwechseln. Was die Mitgliedstaaten der Europäischen Gemeinschaft als ihre politischen Rechte und ökonomischen Besitzstände in dieser Gegend kennen, ließ und läßt sich nämlich ganz gut unter Verhältnissen wahren, in denen von einem geregelten Benutzungsverhältnis von Staat und Bürgern keine Rede sein kann.
  • So hält sich also der politische Wille zum Eingreifen in Grenzen, zumal auch „der Westen“ kein einigendes Interesse an der Pflege und Ausstattung geostrategisch verläßlicher Statthalter besitzt, da es „den Osten“ mit seinem antiimperialistischen Konkurrenzmodell für die Dritte Welt nicht mehr gibt.

Folglich bekennen sich die politischen Vormächte der Welt zu ihrer Uneinigkeit und lassen erst mal dem Milizen- und Bandenkrieg, der die Menschenmassen mal zwischen die Fronten, mal von ihnen weg schiebt, seinen freien Lauf. Das Massensterben unter denen, die allenfalls als lebendiger Schutzschild taugen, weil keiner der herrschenden Clans sie auf seinem Boden brauchen kann und ernähren will, spielt dabei, wie sie in den Chefetagen der Weltpolitik mit ihren Kalkulationen und Entscheidungsgründen freimütig bekennen, keine Rolle. Es ist nur ein willkommener Berufungstitel, wenn man einen höheren Grund weiß zum Einschreiten. Das heißt einen, der mit der Sicherung von Reichtum und Macht zu tun hat. Ansonsten kann man den Elenden leider nicht helfen.[2]

4. Die Liebhaber der ordnungsstiftenden Gewalt sind wieder mal enttäuscht

Solange die berufenen Ordnungsstifter der Welt nicht mit ihren zweifellos vorhandenen militärischen Mitteln dazwischenfahren, den lokalen Stammeskriegern das Handwerk legen und ihre Güte mit einer demonstrativen Suppenküche für die heimat- und brotlos gemachten Kreaturen vorzeigen, ruft das den Zorn ihrer berufsmäßigen Schönredner in Presse, Funk und Fernsehen hervor. Sie bringen die humanitäre Moral abermals und erst recht in Anschlag, nachdem politische Kalkulationen und Streit sich angeblich in einer Lage verbieten, in der massenhaft „Unschuldige“, Kinder vor allem, in der Zwischenzeit krepieren. Harte Vorwürfe derer, die sich über ihre Enttäuschung den Willen zur Täuschung über die zivilisatorischen Wirkungen imperialistisch-demokratischer Gewalt erhalten wollen, machen die Runde: „Totengräber über alle Grenzen“ – ein wahres Wort, das die Totengräber aber nur dazu ermuntern will, ihre Verantwortung für weltweite Ruhe, Ordnung und Ernährung tatkräftig wahrzunehmen. Selbst das Argument, daß die angerufenen Herrschaften durch ihre an ökonomischem Gewinn und strategischer Weltkontrolle orientierten Politik für das heutige Elend und „Chaos“ (mit)verantwortlich zeichnen, taucht plötzlich auf. Es soll nämlich ausgerechnet dazu taugen, die Unwidersprechlichkeit des eigenen Ansinnens deutlich zu machen: daß die Herrschenden sich gefälligst um ihre Opfer zu kümmern haben.

***

Für den Fall, daß die Politiker dem Ruf der Öffentlichkeit schließlich folgen und die Entsendung einer UNO-Militärtruppe an einen Hunger-Schauplatz in Afrika in Betracht ziehen sollten, dann geht es ihnen weniger um die Bereitstellung der Nahrungsmittel, mit denen sie das Existieren der dortigen „Überbevölkerung“ bis zur nächsten „Tragödie“ verlängern; es geht vielmehr um die Demonstration der Reichweite der Macht ihrer Nation, die universelle Zuständigkeit beansprucht. Dieses ihr Recht will anerkannt sein, und zwar vor allem seitens der Interventions-Partner, die aus demselben Grund Soldaten plus Kalorien schicken. Interessant und umstritten ist deshalb erstens, wer das Kommando hat und wer welche Rolle spielt, die Arithmetik des jeweiligen nationalen Beitrags an Soldaten hat hier ihren Bezugspunkt. Und zweitens die Frage, für wen die militärische Aktion sich politisch auszahlt oder auch nicht – sei es für die künftige Kontrolle über die Region, das Gewicht in der UNO, die Kräfteverhältnisse in Europa oder dergleichen.

Aber egal, was dabei letztendlich für die Ernährung von Afrikanern abfällt oder auch nicht – eines steht in jedem Fall fest: Diejenigen, die den Kapitalismus erfolgreich in alle Welt exportiert haben, sind und bleiben jetzt um so mehr als Helfer gefragt. Wie schön!

[1] Zu den Gründen derartiger „Katastrophen“ siehe GegenStandpunkt 3-94, S.179: Neue Trends in der imperialistischen Betreuung der Welt, Ruanda – Haiti – Kuba

[2] Außer mit UNO-Welternährungskonferenzen wie in Rom. Dort gilt ein Fidel Castro inzwischen als exotischer Anachronismus, da er noch an so was wie kapitalistische Ursachen der Armut erinnert und das von der Staatengemeinschaft verabschiedete „Ziel der Halbierung der Hungertoten“ anprangert. Eben „ein Treppenwitz der Weltgeschichte“ (Süddeutsche Zeitung). Der in der Nachbarschaft aufpassende Papst hatte mit besagtem Halbierungsprogramm auch ein Problem, aber ein anderes. Er denkt immer nur an das Eine und schickte deshalb wieder mal die Grußbotschaft, derzufolge es eine schwere Sünde ist, die Produktion überzähligen Nachwuchses durch künstliche Mittel zu verhüten.


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