Neues von der ersten Front im „Krieg gegen den Terror“
Das Ende der Erfolgsgeschichte beim afghanischen ‚nation building‘ fordert und strapaziert die Solidarität der Nato-Befreiungskrieger

Nachdem die Befriedung, der Aufbau und die Demokratisierung fünf Jahre unaufhaltsam ihren fortschrittlichen Lauf genommen haben, herrscht laut gut unterrichteten Kreisen in Politik und Öffentlichkeit inzwischen hauptsächlich wieder Krieg in Afghanistan. Das Bild, das sie selber gezeichnet haben und das durch laufende Meldungen von Anschlägen, toten Talibankriegern und bombardierten Hochzeitsgesellschaften nicht zu erschüttern war, wird als Schönfärberei entlarvt. Es wird ersetzt durch die Warnung vor einem drohenden Scheitern des Gesamtprojekts und die Beschwörung, dass „wir das afghanische Volk“ jetzt erst recht „nicht (schon wieder) im Stich lassen dürfen“.

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Neues von der ersten Front im „Krieg gegen den Terror“
Das Ende der Erfolgsgeschichte beim afghanischen ‚Nation Building‘ fordert und strapaziert die Solidarität der NATO-Befreiungskrieger

Nachdem die Befriedung, der Aufbau und die Demokratisierung fünf Jahre unaufhaltsam ihren fortschrittlichen Lauf genommen haben, herrscht laut gut unterrichteten Kreisen in Politik und Öffentlichkeit inzwischen hauptsächlich wieder Krieg in Afghanistan. Das Bild, das sie selber gezeichnet haben und das durch laufende Meldungen von Anschlägen, toten Talibankriegern und bombardierten Hochzeitsgesellschaften nicht zu erschüttern war, wird als Schönfärberei entlarvt. Es wird ersetzt durch die Warnung vor einem drohenden Scheitern des Gesamtprojekts und die Beschwörung, dass „wir das afghanische Volk“ jetzt erst recht „nicht (schon wieder) im Stich lassen dürfen“. Ein Abzug der Soldaten, weder der amerikanischen noch unserer friedliebenden deutschen, darf und wird nicht sein. Vielmehr ist die Zahl der hochgerüsteten westlichen Kampf- und Besatzungstruppen auf 40.000 angewachsen und weitere dringliche Appelle des NATO-Generalsekretärs zielen auf mehr. Dies die vorläufige amtliche Bilanz eines ‚Nation-Building‘-Programms, für das sich nach dem Blitzkrieg der USA gegen die Heimstatt der 9/11-Terroristen immerhin die UNO, die NATO und 37 Staaten vor Ort stark gemacht haben.

I. In Afghanistan steht eine komplette Umwälzung der Herrschaftsverhältnisse auf dem Programm. Der einzige Zweck der importierten Demokratie, welche als Ersatz für die Taliban-Diktatur verordnet wird: Sie soll den USA und ihren Verbündeten die totale strategische Kontrolle über Land und Leute verschaffen. Ein bisschen Fortsetzung des Krieges und ein paralleles internationales Betreuungswesen zum Billigtarif sollten dafür reichen. Tatsächlich entfalten die unvermeidlichen Widersprüche der praktizierten Befriedungsstrategie ihre destruktiven Wirkungen und sorgen so für eine neue imperialistische Auftragslage.

Wenn die westlichen Kriegsherren auf die „schwierige Lage“ am Hindukusch blicken, sind sie meist nicht verlegen, „Ursachen“ dingfest zu machen. Die fassen sich recht griffig darin zusammen, dass die bösen Widersacher des guten Aufbauwerks schuld daran sind, dass es in Krieg und Chaos zu versinken droht. Dass es „immer noch“ oder „wieder vermehrt“ Kämpfer und Anhänger der beseitigten Taliban-Herrschaft gibt, immer noch bzw. gar wachsenden Widerstand von Stammesführern und immer noch oder mehr denn je Opiumfelder als einzige echte Geldquelle, an der sich vor allem die Feinde der oktroyierten Demokratie bereichern – diese tiefschürfende Analyse bekräftigt auf jeden Fall den politischen Willen, alle Widerstände zu brechen, die sich dem beabsichtigten Aufbau in den Weg stellen. Sie gibt darüber hinaus Auskunft über die Kontinuität des zynischen Idealismus von Weltordnungsmächten, die aus der zweifelsfreien Überlegenheit ihrer Gewalt die universelle Güte ihrer Herrschaftsform und den Auftrag ableiten, der afghanischen Bevölkerung genau die neue Obrigkeit zu spendieren, die sie ihr gerade aufzwingen. Natürlich haben die Amerikaner – ganz im Sinne der demonstrativen Vollstreckung und Wiederherstellung ihres weltmächtigen Abschreckungsregimes nach den Terror-Attacken – nie einen Zweifel daran aufkommen lassen, dass es ihnen um die Liquidierung eines Staatswesens geht, das antiamerikanischen Attentätern eine Heimstatt bot, sowie um die Einrichtung einer lokalen Vasallenherrschaft, mit deren Hilfe die strategische Kontrolle und Nutzbarmachung dieses zentralasiatischen Landes sichergestellt werden soll. Die Art und Weise der Durchsetzung dieses Zwecks, welcher die NATO ihren eigentümlichen zivil-militärischen Einsatzauftrag (und ihr UNO-ISAF-Mandat) verdankt, folgt dabei von Anfang an einer ziemlich abenteuerlichen Fall-Diagnose. Derzufolge ist mit dem erfolgreichen Bombenkrieg und der Vertreibung der Taliban die alte Ordnung, da sie ja auf purer Unterdrückung beruhte, so gut wie beseitigt, so dass sich die amerikanischen Elitetruppen um die Reste der Gotteskrieger kümmern können, während daneben und hauptseitig der Aufbau einer demokratisch-stabilen Ordnung mit eingebauter Loyalität gegenüber den Befreiern vonstatten gehen kann. Diese zuversichtliche Diagnose wird zum Leitfaden für eine komplette Staatsneugründung, sie wird praktisch umgesetzt in der bekannten Mixtur aus kriegerischer und zivil-entwicklungshelferischer Abteilung. Und zwar nicht nur von den bewaffneten Mannschaften des Präsidenten Bush, dem in europäischen Kulturkreisen des öfteren „missionarische Verblendung“ attestiert wird, sondern ebenso von den Aufbauhelfern in Uniform, die Deutschland und andere europäische Regierungen nach Afghanistan entsandt haben. Das Zwischenergebnis liegt jetzt vor und ist täglich den Zeitungen zu entnehmen. Zu konstatieren ist die Eskalation des Widerstands, der Gesetzlosigkeit, der Ruinierung der Lebensgrundlagen und der Verelendung der Bevölkerung. Was nicht vermeldet, aber auch kein Geheimnis ist: Diese Bilanz ist das Produkt der militanten Befreiungsstrategie, welche die USA und ihre NATO-Partner schön arbeitsteilig vorangebracht haben, und nicht von „Versäumnissen“ oder „Problemen“ bei ihrer Umsetzung.

  • Das Leitmotiv der Aufbaustrategie, die Jagd nach den „Restposten“ des alten Talibanregimes beseitige vollends die Quellen der antiwestlichen Gewalt, behandelt den Rückhalt, den dieses Regime in der Bevölkerung großer Landesteile hatte, militärisch gesehen als irrelevant. Das rächt sich zwangsläufig, da die Gotteskrieger den Rückhalt zu nutzen wissen, um sich zu reorganisieren. Und wenn der Tatsache der „paschtunischen Basis“ der Taliban dann politisch Rechnung getragen wird, indem ein passender Paschtunenhäuptling als neuer Präsident ausgesucht wird, so gilt der schnell als Marionette der Eroberer – in deren Interesse er schließlich agiert!
  • Von Kabul aus soll ein neues staatliches Gewaltmonopol etabliert werden. Es soll die gewünschten Ordnungsdienste leisten, um keinen Raum mehr zu lassen für fundamentalistische Krieger. Eine regelrechte Besatzung zur Ausübung flächendeckender militärischer Kontrolle ist nicht vorgesehen. Solch einen Aufwand halten die Staatsmänner in Washington und Europa weder für nötig noch für lohnend. Die Stammesführer, welche die Macht über die verschiedenen Landstriche haben und behalten wollen, deswegen jetzt Warlords heißen, sollen nicht gewaltsam entmachtet, sondern eingebunden werden. Per demokratischer List sollen sie sich in Geburtshelfer einer zentralisierten Herrschaft verwandeln und sich dergestalt selbst entmachten. Die Rechnung geht nicht auf. Wie auch, wenn sich ihre Interessen und die der Kabuler Zentrale ausschließen. Zwar lassen sich die rivalisierenden Stammesführer durchaus zur Teilhabe bestechen – sie nehmen das Angebot wahr, im Parlament oder sogar in der Regierung ihre „Volksgruppen“ zu vertreten. Den geforderten Dienst aber, die eigenen Machtambitionen zugunsten der Anerkennung des von Karsais Auftraggebern definierten Staatswillens aufzugeben, bleiben sie schuldig. Stattdessen nutzen sie alle politischen Gelegenheiten, Einfluss und Mittel zu gewinnen, um ihre lokale Herrschaft zu stärken. Und wenn ihnen deswegen ökono