Die 68er und die BRD

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Anlässlich eines patriotischen Schauprozesses:
Was die 68er wirklich an der BRD verändert haben

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Opposition und Öffentlichkeit wälzen die Frage, ob die 68er, vor allem in Gestalt grüner Politiker, Regierungsämter ausüben dürfen, wo sie doch früher lautstark und gewaltbereit gegen die BRD protestiert hätten. Deren Antwort: Wir sind ein Segen für Deutschland. Mit ihnen an der Regierung ist das Leben nicht leichter geworden, aber jetzt wird die Politik mit und für Geld und Gewalt im Namen der Opfer abgewickelt. Den Standpunkt „dem Volke dienen“, also den positiven Bezug auf den Untertan, dem die politische Gewalt nicht genug Fürsorge angedeihen lässt, haben sie nicht aufgegeben, vielmehr hat ihre und die Sehnsucht ihrer Adressaten nach Erfolg für die Erarbeitung von Regierungsfähigkeit gesorgt.

Anlässlich eines patriotischen Schauprozesses:
Was die 68er wirklich an der BRD verändert haben

I. Ausgangspunkt des heftigen Erinnerns an „die 68er“ ist eine moralische Zulassungsfrage: Dürfen solche Typen die Geschicke unseres teuren Landes verantworten? „Bewältigt“ wird die Gegenwart einst linksradikaler Kritiker an der Macht, wie es sich gehört, in einem demokratischen Schauprozess, Az.: Vergangenheit der deutschen Protestbewegung. Kein Wunder also bei dem Streitobjekt, dass sich Anklage wie Verteidigung mit Abstraktionen höchster Güteklasse begegnen: Die 68er – Fluch oder Segen für Deutschland?

Die Partei Fluch macht die Vorgabe und nimmt Maß an prominenten Vorläufern: Nach Drittem Reich und Deutschem Sozialismus gelte es, „auch“ den Studentenprotest zu „bewältigen“. So absurd der Vergleich mit anderen Vergangenheiten, so passend ist er für das erkenntnisleitende Bedürfnis der Abrechnung. Protest gegen Polizei, Springer oder Vietnamkrieg und die Staats-Taten zweier deutscher Herrschaften: Für Freunde der beliebten „Gewaltfrage“ irgendwie das selbe. Durch ihre Brille sind linke Kritik, NS-Staat und DDR ex aequo Spielarten von Gewalt – Flugblätter und Steine gegen Institute der Nation, Weltkrieg und Judenvernichtung, Mauerbau und Stasi-Schnüffelei vorsätzlich eins: (verkehrte) Gewalt = böse. Eine saudumme, aber nützliche Abstraktion: Funktionäre des grundverkehrten „Unrechtsregimes“ waren für Herrschaftsaufgaben in der BRD hinlänglich disqualifiziert, hohe Staatsdiener Hitlers bei Enttarnung mehr oder weniger diskreditiert; umgekehrt fällt durch die demokratische Führer-Scheinprüfung, wer erwischt wird, dem einzig gerechten Gewaltmonopol einmal die gebührende Zustimmung verweigert zu haben. Vergangenheitsbewältigung „ad personas“ ist angesagt: „Biographien“ als Indizienkette, die die Eignung zum Leutekommandieren erschüttert – Charaktermasken der Macht im Glaubwürdigkeits-Test. Analog zur Braune Flecken- und Rote Socken-Kampagne stellt die Nation nach alten Nazis und eingemeindeten Zonis heute ihren 68ern im Amt die staatsmoralische Loyalitätsfrage: Verdienen sie es, der Republik in gehobener Position zu dienen?

Die Idee, „68“ zu den unseligen Kapiteln deutscher Geschichte zu zählen, hat eingeschlagen. Die nationale Schuld- trifft die linke Ehrfrage. Immer nur dagegen gewesen, nichts für das Land geleistet: Ein ungerechteres Abschlusszeugnis kann sich der Rebell nicht vorstellen. Die Verteidigung schlägt zurück: Längst „in der Republik angekommen“, seinen Frieden gemacht und damit Verdienste um die Nation erworben. Ausweislich „gebrochener“ Sponti- und K-Gruppen-„Biographien“ erklärt, einer für alle, Daniel Cohn-Bendit die Spuren des Aufstands zum Segen für Deutschland. Auch die 68er beherrschen die Kunst des moralischen Vergleichs: Im Gegensatz zu stadtbekannten „Opportunisten“, die für ein Jurastudium in die HJ eintraten, oder „Wendehälsen“, die Kapitalismus schon immer spitze gefunden hätten, geben sie ihren Fehltritt auf Nachfrage nicht nur zu, sondern mit ihm an wie zehn nackte Farbige – ihre Vita ein quälender Lernprozess, den sie noch mal als Schule der Nation präsentieren. Schlüsselerlebnisse vom ersten Stein bis zur Nacht, als die Erleuchtung kam, die „gewaltfrei“, also „regierungsfähig gewordene“ APO-Landser munter zum Besten geben, verkünden die Message: Nicht auf kleinlichem Kalkül, sondern auf tiefer Einsicht beruht die Läuterung von Gegnern zu Sachwaltern der Macht. Anpassung an die herrschenden Verhältnisse ist Zeugnis geistiger Reife. Was beglaubigt diese Gleichung authentischer als ein „Marsch“, der vom Trip der Systemkritik herunter kommt und die Kurve mitten „in die Institutionen“ kriegt?

II. Wo frühere Kritiker sich und ihre Karriere als Beitrag zur Gestaltung der Nation anpreisen, ohne den die Republik nur halb so wohnlich wäre, da sei eine Gegenfrage erlaubt: Wie wohnlich sind die Verhältnisse eigentlich mit ihrem Beitrag? Was die 68er wirklich an der BRD verändert haben: Das ist ihrem Eigenlob durchaus zu entnehmen.

Den ersten Hinweis gibt ihre Bilanz, die unterm Strich mit einer Wirkung angibt, die todsicher nie im Programm war: Segen für Deutschland; da hätten sie gleich in den RCDS eintreten oder Postbeamter werden können. So absurd die Feier einer Ruhestörung als Beitrag zur Ordnung, so passend ist das Resümee vom erkenntnisleitenden Standpunkt der Versöhnung. Die umstürzlerischen Ziele, die damals im Schwange waren, wurden zwar nicht erreicht, sind aber auch nicht weiter befassungswürdig; sie werden ex post als ‚jugendlicher Übermut‘ bis ‚verirrter Idealismus‘ entsorgt. Bloß gescheitert sein will der Protest auch nicht. Also besteht die Errungenschaft der 68er in einem atemberaubenden Kollateralnutzen: Zwar nichts gegen die herrschenden Verhältnisse ausgerichtet, aber eine nachhaltige Duftnote in ihnen hinterlassen – die politische Kultur bereichert! Etwas Gutes war doch dabei, dass sie der Nation in so scheinbar unversöhnlicher Weise gram waren: Man kann sich jetzt einfach wohler fühlen im Land… Wer unfallfrei den Satz formuliert ‚Ohne uns hätten wir nicht die Republik, die wir heute haben‘: Der schreibt diesen grundguten Zustand, zu dem er der Nation gratuliert, seiner protestlerischen Vergangenheit zu und feiert seine Versöhnung mit dem Laden als Akt der Sanierung Deutschlands. ‚Die 68er! Der frische Wind des Fortschritts, der den Muff von 1000 Jahren vertreibt‘: Die Werbung in eigener Sache verkauft das Urteil ‚Zum Guten gewandelt‘ wie ein Dogma – durch keinen Blick auf die Republik zu erschüttern, wie sie ist.

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In was ist Deutschland eigentlich besser geworden? Im Gewinne machen, Leute entlassen, Dreck schleudern, Demonstranten einkesseln, Waffen schmieden, in BSE? Das wäre ja auch ein Wandel, aber ein ziemlich eindeutiger. DDR-Anschluss, der Euro, NATO-Osterweiterung: Zweifellos veritable Veränderungen und ein „Segen für Deutschland“, aber war der gemeint? Traut sich ein 68er, den beschworenen Wandel an der gesellschaftlichen Basis dingfest zu machen? Das Leben in der BRD: Irgendwie gemütlicher? Die Schicht bei Opel: Weniger Stress? Die Rentner: Sorgenfreier? Das Essen: Bekömmlicher? Springer: Ausgehetzt? Flick, Krupp & Abs: Ohne Nachfolger? Tonio Schiavo in Herne und Kollegen im Container: Alles paletti? Die verkleinerte Bundeswehr: Kein Bock auf Balkan und anderswo? Die Neue Weltordnung: Irgendwie friedlicher?

Die Antwort ist keinem ein Geheimnis: Nichts davon, was „Kapitalismus“ und „Imperialismus“ hieß, ist verschwunden, wenigstens gebremst; und wenn etwas sich verändert hat und fortgeschritten ist, dann diese Prinzipien der Herrschaft von Geschäft und Gewalt. Die Kosten der Freiheit, die Deutschland und Partner der von ihnen beglückten Menschheit bescheren, haben – was denn sonst! – andere Gestalt bekommen, geringer geworden sind sie – wie auch? – eher nicht. Davon jedoch zeigt sich der abstrakte moralische Stempel ‚Zum Besseren gewandelt‘ konsequent unberührt. Denn der Wandel, den die 68er zum nationalen Innen- und Außenleben beisteuern, ist aus ganz anderem Holz und hört auf Namen wie „Kulturrevolution“, „Liberalisierung“ und „Mentalitätswandel“. Darauf sind sie stolz, darauf reklamieren sie ihr Copyright: Neue Titel und neue Sitten in das öffentliche Gemeinwesen eingeführt zu haben. Ihr Verschönerungswerk gilt dem politkulturellen Überbau der Republik: Dieses Reich der Deutungen und Rechtfertigungen des Feststehenden haben sie mächtig modernisiert.

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Nicht umsonst heißt der Titel, unter dem die Erneuerer sich einem breiteren Publikum vorstellten, Betroffenheit. Das Schlagwort einer Anti-Atomkraft-, Anti-Startbahn-, Anti-Raketen- etc.-Bewegung von unten, die mit Demos und Menschenketten ihrer Betroffenheit von oben Ausdruck verlieh, meinte von Beginn an mehr als eine Bilanz – und damit auch etwas ganz anderes als eine Kritik an den wirklichen Gründen der Schädigungen, die Staat und Marktwirtschaft den von ihnen Abhängigen als allgemeine Lebensbedingung zumuten. Selbst die Denunziation des Elends als systembedingt ist über eine radikale Pose nie hinausgekommen. Worin die unter das Kürzel subsumierten Ärgernisse ihre Gemeinsamkeit haben, was an der angeprangerten „Scheiße“ System hat, war keiner weiteren Erforschung wert; es genügte die moralische Versicherung gegenüber seinesgleichen, mit dem System ganz schön „fertig“ zu sein. Der aufrüttelnde Verweis auf Opfer (kranke Bäume, Lärm- und Strahlengeschädigte, „die-ins“, die zeigen, dass Krieg ungesund ist) transportierte immer schon den Verdacht, ob die Verantwortlichen das wirklich wissen und wollen, ob diese schlimmen Dinge unbedingt nötig seien, ob die Herrschenden ihrer Verantwortung gerecht werden, die sie für die Betroffenen gleichzeitig zu übernehmen hätten: An die Stelle eines Reims auf die Zwecke, die für die systematische Produktion dieser Opfer sorgen, tritt die Anklage verletzter Fürsorgepflicht. In ihrer Eigenschaft als Betroffene – im Sinne von Leid-Tragenden, die sich klagend wundern – verdienen sie Gehör, dürfen Einspruch erheben, fordern Anerkennung… Diese Klage kann vertreten werden! Mittels eines kleinen Kunstgriffs haben 68er, die „in die Politik gingen“, das Betroffenheits-Getue auf seinen klaren Nenner gebracht: Erst wurde Rücksicht auf das Volk verlangt, jetzt wird sie ihm gegeben. Seine Anwälte befreien Politik vom Odium des schmutzigen Geschäfts; für das Gegenteil bürgen sie als Paten der Gedeckelten: An den Hebeln der „Gestaltung“ vollenden sie die demokratische Lüge, dass Regieren keinen Gegensatz von Staat und Bürger gestaltet, sondern Dienst an den Leuten ist, die die Rechnungen der Nation und deren Folgen zwar willig, aber nur schlecht aushalten. Mit der Anzahl der zitierfähigen Opfer im Land belegen sie die Güte der Veranstaltung: Ab sofort wird Standort-, Sozial-, Familien- oder Ausländerpolitik nur noch wegen der Menschen gemacht, die durch sie unter die Räder kommen. Alle Benachteiligten und Unterdrückten, Arbeitslosen und Allergiker, Frauen und Flüchtlingskinder genießen das Recht auf Erwähnung, und so manche Sau kriegt ihren eigenen Armutsbericht; umgekehrt adelt die öffentliche Achtung alleinerziehender Rentner und anderer braver Kreaturen, die es echt schwer haben, die Politik, die ihnen dieses Recht einräumt. In so einer Republik lebt es sich schon gleich ein bisschen leichter.

Diesen Kult haben die 68er hoffähig gemacht. Die politische Moral der „verkrusteten“ Adenauer-Republik – der Bürger erfüllt alle Pflichten, freut sich seiner Freiheit und hält die Schnauze – ergänzen sie um die Psychologie des betroffenen Individuums mit Rederecht und Vertretungsanspruch: Von ihm lässt sich die Macht gerne beauftragen. Die gleichmacherische Ignoranz des Betroffenheit-„Arguments“ kommt ihr da gerade recht: „Irgendwie betroffen“ erklären sich moderne Individuen von Entlassungen, teuren Medikamenten, BSE und streikenden Piloten, von Unternehmern und Beamten, die ihre Pflicht vergessen, so gut wie von lästigen Mitmenschen, die ihren Müll nicht trennen, Falschparkern und Rauchern… Die Politik steht der Beschwerdeführung zur Seite, beruft sich bei ihren Werken zwanglos auf gemeinsinnige Bürgerkollektive. ‚Der Verbraucher, der Kassenpatient, etc. erwartet das von uns‘: Bis in die CDU gehört es zum politisch korrekten Ton, alle Maßnahmen, die die Staatsräson der kapitalistischen Demokratie an Basis und Überbau gebietet, im Namen ihrer Opfer zu verkünden.

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Worin und wodurch Binnen- und Außenleben der „Nach-68er-Nation“ bereichert werden, daran lässt das Verzeichnis der gepriesenen Errungenschaften keinen Zweifel:

1. Die Emanzipation hat fraglos große Fortschritte gemacht. Die unerträgliche „Diskriminierung“ der Frau, nicht zu jeder Pflicht und jeder Blödheit lizenziert zu sein, die deutschen Männern vorbehalten war, ist passé. Unter Hinweis auf die Leistungen und Opfer von Hausfrauen & Müttern wurde dafür plädiert, diesem Geschlecht sämtliche „Verantwortung“ zu gleichen Teilen zu übertragen, die das staatliche und geschäftliche Führungswesen so zu bieten hat, aber auch die „Leistungskraft“ der Frau in der Arbeitswelt nicht gering zu achten. Der Lohn: Respekt, Respekt, was Frauen alles können – kein nationales Institut ist für Weiber mehr geschlossen. Doppelbelastete Frauen bevölkern die Betriebe, BWL-Studentinnen lernen Lohnsenkungsrezepte, Uni-Dozentinnen verzapfen den selben Unsinn wie männliche Kammerdiener der Macht, „Tagesthemen“-Moderatorinnen erörtern Erfolge & Drangsale der Nation so einfühlsam wie der Wickert, Rekrutinnen trainieren für Deutschland, Lesben drängt es in die Ehe, Merkel übernimmt den CDU-Vorsitz…

„Die Frauenfrage“ hat ihr gerechtes Ende erreicht: Nie galt die Kritik der staatlichen Benutzung der Liebe zur Verpflichtung auf Treue und endlose Fürsorge; nie der Belastung des Geschlechterverhältnisses mit den Kosten und Opfern der völkischen Reproduktion; niemals den gebotenen Chancen, den abverlangten Leistungen und sozialen Dienstgraden, die mit Lohnabhängigkeit, Elitejobs und vaterländischen Pflichten etabliert sind – sondern stets dem Skandal, daran ungenügend beteiligt zu sein. Zu allem gleich berechtigt, gleichermaßen anerkannt in jeder Lebenslage: Also gibt es gleiche Rechte und Lasten für „wilde Ehen“, für geprügelte Bräute das Frauenhaus, als Ergebnis der „sexuellen Revolution“ eine Unzahl von Doppelnamen, öffentliche Selbstdarstellungsshows für Psychos beiderlei Geschlechts, neben dem Puff den Callboy, neben dem Manager die Unternehmerin des Jahres. Vor allem aber heiligt der Umstand, von Politikerinnen geführt zu werden, per se jede staatliche Tat: Der Maggie-Thatcher-Witz, die beim Verarmen und Schießen lassen gut war ‚wie ein Mann‘, hat sich in originären Emanzen von Höhn und Künast bis zur Verteidigungsexpertin Beer multipliziert.

2. Der Siegeszug des Umweltbewusstseins ist unübersehbar. Die Zeiten, als Natur und Lebensmittel noch heimlich versaut wurden, sind vorbei. Die Versorgung mit der marktwirtschaftlich notwendigen Dosis Gift findet unter Einschluss der Öffentlichkeit statt; ein Bewusstsein von der Verpestung hat jeder. Ein Bewusstsein für die so anonym „Umwelt“ getauften Lebensbedingungen allerdings auch: Unter Absehung von allen kapitalistisch und staatlich produzierten Gründen werden die selben Verhältnisse, die ihren Bewohnern systematisch auf den Magen schlagen, gleich mit zum Sorgeobjekt erklärt, das „der Mensch“ zu „erhalten“ hat. So wenig die meisten Exemplare dieser Gattung zwar in Verlegenheit geraten, durch ihren Konsum der Natur zu schaden (die verdächtig oft zitierte Ausnahme des industriellen Anhängsels „Autofahrer“ bestätigt die Regel), so brauchbar ist die ideelle Kollektivhaftung für die Sorge um unseren Lebensraum = alles, was in ihm veranstaltet wird. „Unsere Verantwortung“ kennt heute jedes Schulkind: Das erfolgreich angestachelte nationale Umwelt-Gewissen ist zu moralischer Kritik an gewissenlosen Vertretern des Profits, Spendenaufrufen für unsere Nordsee und Greenpeace ebenso fähig wie zur höchstpersönlichen Amtsaufsicht über Kollegen und Nachbarn. Als antikritischer Heimat-Gedanke ist der „Umweltgedanke“ für populäre Gehässigkeiten „von unten“ genauso gut wie für Behelligungen von oben: Freunde sauberer Luft können dank ihres erworbenen Abstraktionsvermögens keine Zigarette von einem Fabrikschlot unterscheiden; gesundheitsbewusste Verbraucher dürfen lernen, dass jedes „Bio“-Siegel 2 Märker mehr wert ist; Steuerreformen sind garantiert ökologisch; der grüne Strahlenschutzminister erklärt den Unterschied zwischen schlechtem und gutem Atommüll…

„Die Umweltfrage“ hat in dieser Republik ihren gerechten Platz gefunden: Nie galt die Kritik der flächendeckend gebrauchswertschädigenden Herrschaft des Privateigentums und dessen politischer Garantie; dafür gilt die „Verantwortung“, die der Staat für die ungesunden Folgen des Ladens übernimmt, endgültig als das Größte: Der gute Ruf des Umwelt-Schutzes lebt vom Dreck, den der bundesdeutsche Kapitalismus produziert, also davon, dass mit absehbaren Schadensfällen der Versicherungsbedarf wächst. Diesen Zynismus verkörpern Ex-68er im Amt besonders glaubwürdig: Ausgesprochen tier- und menschenliebe MinisterInnen, die sich um gedopte Hähnchen und kranke Kühe kümmern, vor Gefahren beim Verzehr verdorbener Speisen warnen und den Verbraucher am Arsch der Nahrungskette schützen; dazu wie jede Regierung die Arbeitslosigkeit bekämpfen, aber natürlich mit weltmarktführender Umwelt-Technologie – was will mensch denn mehr?

3. Der Kampf gegen rechts ist zu neuer Blüte gereift. Ein „Kampf“, der schon in seinen Kinderschuhen „links“ mit der Einstellung grundguter Individuen identifizierte, „den Anfängen“ des Bösen zu „wehren“; ein Kampf, der Faschismus nur flüchtig als „Form bürgerlicher Herrschaft“ wahrnahm, im wesentlichen als Charakterdefekt im Alltag „(sexuell unterdrückter) Kleinbürger“ festmachte und sich auf Demokratie als Wertegemeinschaft „aufrecht gehender Menschen“ verständigte; ein Kampf, der an der Nation nichts auszusetzen hatte außer der Existenz „ewig gestriger“ Figuren in so feinen Ämtern wie Bundespräsident, Uni-Professor und Hausmeister; ein „Kampf“ also, der der BRD totale Zufriedenheit bekundet hätte, wenn nicht die „rechte Gefahr“ lauerte: Dieser Kampf ist nun von den dafür berufenen Instanzen beerdigt worden. Oben nämlich hat die Republik ihr Lübke-, Carstens-, Jenninger-, Heitmann-Problem gelöst, ist in Gestalt waschechter Antifas an der Macht fertig und in all ihren Werken über Kritik erhaben. Die alte Weißwäschermanier, die Führungsriege auf demokratische Linientreue zu testen, ist mit rot-grün finito. Umso mehr stört der Blick auf den Rest alter und vor allem neuer Nazis im Volk: Moderner „Kampf gegen rechts“ geht ausschließlich gegen nationalistische Ansprüche von unten. Unter einer 68er-Regierung hat ‚Faschismus‘ als kritische Chiffre für „Untaten“ der BRD ausgedient; umgekehrt: ‚Faschismus‘ ist die antikritische Chiffre für Untaten gegen die BRD. Mit Demokratie, der einzig korrekten Methode des Herrschens, sind alle Ansprüche der Leute bedient; erst recht per antifaschistischer Personalveredelung der Macht. Wer sich anmaßt, in dieser Nation meckern zu müssen, ausgerechnet seinen Patriotismus am Kapitalstandort Deutschland zu wenig bedient sieht und deshalb „Arbeitsplätze nur für Deutsche“ schreit: Der darf für sein ehrliches (linkes?) Anliegen „Arbeitsplätze“ auf Verständnis rechnen, aber keinesfalls für die kriminelle patriotische Konsequenz, gegen Undeutsche tätlich zu werden, die einen Arbeitsplatz „besitzen“. Schröders Front der Anständigen, die die Einheit aller Deutschen mit ihrer Regierung mobilisiert, indem sie die Unanständigen davon ausgrenzt, schlägt zwei Fliegen mit einer Klappe: Wenn nur noch rechte Schläger aus Arbeitslosen einen Einwand gegen den nationalen Standort verfertigen, dann ist die ‚soziale Frage‘ grundsätzlich gelöst, verbleibende Unzufriedenheit entweder bei der regierenden Sozialdemokratie gut aufgehoben oder kriminell. Und die nationale ‚Frage‘ gehört erst recht exklusiv den grundsätzlich zufriedenen Patrioten, die Exzesse überhaupt nicht leiden können: Wie sieht das denn aus, wenn deutsche Schläger Farbige jagen…

„Die Ausländerfrage“ erfährt damit ihre bedarfsgerechte Fassung: Der von oben angezettelte „Aufstand“ definiert die nationale Anspruchshaltung heute und buchstabiert sie den Inländern vor; er betont das exklusive Prinzip, berechtigter Staatsbürger zu sein – das Privileg vor erst mal unbefugten Dienern fremder Herren; er nennt aber auch den Bedarf der Nation an brauchbarem Menschen-Material auswärtiger Herkunft und verlangt die politische Reife, jenen zu „verstehen“ – keiner hebt die Hand gegen Nützlinge fremder Rasse. Der Humanitäts-Zirkus aus Oppositionszeiten ist für diese Botschaft wie geschaffen. Die erstaunliche Erkenntnis, dass Gastarbeiter auch Menschen sind; die Verteidigung des rechtschaffenen Türken, der unseren Müll wegmacht; die Zulassungspose des Kosmopoliten, der zur Toleranz aufruft: All das fördert die Einsicht, dass das Verteilen grüner Karten den Kapital-Standort Deutschland bereichert. Dem früher beleidigt zurückgewiesenen Vorwurf, wer mit dem Diensteifer „ausländischer Mitbürger“ für deren Daseinsrecht wirbt, sei für Selektion nach dem Nützlichkeitsprinzip, geben die regierenden Erben von „68“ umstandslos recht und heben so das Ausländerthema auf sein zeitgemäßes imperialistisches Niveau: Der anständige Deutsche ist kein Rassist völkischer Vor-Rechte, sondern schließt sich geistig mit dem egalitären Rassismus kapitalistischer Benutzung zusammen, die seine Nation weltweit betreibt; er begrüßt die Duldung tauglicher Dienstleister an deutschem Reichtum, die „wir“ aus dem Anspruch ableiten, „uns“ der globalen Reservearmee so freizügig zu bedienen wie den untauglichen Rest fernzuhalten: Rechtverstandener Nationalismus schätzt das Vaterland für dessen multikulturellen Zugriff auf Fachknechte aus aller Welt – „Hoch die internationale Solidarität“ 2001.

4. Zuguterletzt ist auch das Engagement für Frieden in den richtigen Händen gelandet. Eine „Bewegung“, die angesichts des akuten Verteidigungswillens des Freien Westens an der Sorgfaltspflicht ihrer Herrschaft zweifelte, Leben und Zahnbürste des Bürgers zu schützen; eine Bewegung, die im Lichte drohender Versaftung nichts von den Gründen wissen wollte, warum und wogegen die NATO und ihr deutscher Bündnispartner für ein globales Abschreckungsregime rüsteten, und stattdessen deren Strategen erklärte, dass „Raketen“ blöderweise auch „Magneten“ seien; eine Bewegung, die für den Frieden, also die bloße Abwesenheit des Krieges demonstrierte, sang, betete und strickte: Diese Bewegung hat gelernt, dass Frieden kein Zustand ist, von dem man untertänig träumt und um den man bettelt, sondern hergestellt gehört – von dem Adressaten, an den sich ihr Appell immer schon richtete. Die Forderung, Frieden zu schaffen, aber in Menschheits Namen bittschön ohne Waffen, hat die Staatsgewalt, Marke rot-grün, aufgegriffen und per geringfügiger Verschiebung in ihren nationalen Kern überführt: Als wollte sie die gemeine, einst der Sudellogik geziehene These bestätigen, wer gegen den „sinnlosen Atomkrieg“ protestiere, sei für „konventionelle“ Schlächtereien allemal zu haben, stellte sie Jahre später klar, dass der Weltfriede doch am besten im Kriegsministerium aufgehoben und mit so manchem Friedens-Tornado zu schaffen ist. Natürlich wieder nur wegen der Menschen in Srebenica und anderswo… So löst der Menschenrechts-Moralismus nach außen die so zielstrebig als matt und opportunistisch verschrieene „Scheckbuch-Diplomatie“ ab. Ad acta der bewundernd-kritische Verdacht, der Deutsche mische sich überall mit seiner dicken Mark ein, kaufe sich aber auch aus weitergehender „Verantwortung“ heraus: Seit rot-grün erfolgt Außenpolitik nicht aus niederen Motiven, sondern für höhere Werte. Dem tut keinen Abbruch, dass aus guter deutscher Außenpolitik das Geld immer noch nicht wegzudenken ist, von dessen Erpressungsmacht die Reichweite nationaler Interessen doch ein bisschen lebt; und dass die westliche Staatsräson sich je schon auf höchste Werte berief, die „Freiheit Berlins“ in Vietnam verteidigt wurde, die Menschheit „lieber tot statt rot“ sein wollen sollte und Herrn Kohl „ein Friede ohne Freiheit“ geradezu unvorstellbar erschien: Aber kühner als die 68er beharrt keiner auf der Lüge von der Betroffenheit, die sie zum Maßregeln internationaler Staats-„Verbrecher“ nötige…

„Die Menschenrechte“ bringen sie damit sachgerecht auf ihren imperialistischen Punkt. Dieser Standpunkt ist erstens über so etwas wie „Entwicklungs-Hilfe“ weit hinaus: Die alte Tour der Einmischung, die Gefügigkeit ferner Nationen per Ausgabe von Krediten und ein paar Runden Hirsebrei herzustellen, hat ausgedient; die offizielle Selbstkritik, denen da hinten zu viel, nur Unnützes und überhaupt das verkehrte Gut spendiert zu haben, führt zu der Einsicht, dass dort vor allem Demokratie Not tut, also die ständige Bevormundung ortsansässiger Regime durch waschechte Demokraten aus Europa, und fasst „die Menschenrechte“ als Verpflegungsersatz ins Auge. „Betroffenheit“ durch deren Missachtung ist deshalb zweitens ein einziger Aufruf zum Übergriff. Erneut taugen schon zu Bewegungszeiten bewährte Titel zur Legitimation der neuen Sitten, mit denen NATO, Europa und Deutschland die Welt beglücken. Freunde der „Würde“ des Menschen, dem als größter anzunehmender Genuss die Lizenz zu Freiheit, Gleichheit & Leben zukommt, begreifen recht schnell den Auftrag zum Drangsalieren, der im Recht des Menschen steckt – „inhumaner“ Herrschaft grenzüberschreitend auf die Finger zu klopfen. Ein Ethik-TÜV, der Kein Blut für… profane „Interessen“ duldet, verleiht die Plakette ‚Moralisch haltbar‘ an „Missionen“, die der Befreiung verkehrt regierter Völker dienen; da freut sich der Serbe und die Serbin. Und frische Statthalter einer geläuterten Nation wissen, was sie den „Untaten der Wehrmacht“ und dem „Verbrechen der Judenverfolgung“ schuldig sind: Weg mit dem „Serben-Hitler“ als Wiedergutmachung für Auschwitz. Kurz, die denkbar produktivste Anwendung des Zweifels, ob man „nach A…“ noch reimen kann: „Betroffenheit“ als Begründung für die gewissen-haft beschlossene, einwand-freieste Art von Krieg. Seine rot-grüne Version wird von Leuten geführt, die kein Blut sehen können. Wo der Krieg schlechthin dem Menschen dient, ist er pure Auftragsarbeit an den Opfern; und das selbe noch mal rückwärts: Wo sturzgute Machthaber im Namen der Opfer unterwegs sind, dienen auch die dabei anfallenden dem Menschenrecht, wem sonst. Da trifft es sich gut, dass Deutschland inzwischen auch die Mittel hat und die Ordnungsaufgabe übernehmen kann, zu der es sich verpflichtet sieht. Keine Frage also, dass die Schlagkraft dieser Moral auf der überlegenen Wucht des freiheitlichen Gewaltapparates basiert, den die 68er heute mit verwalten und gestalten: Aber von welcher Basis dieser wüste politkulturelle Überbau lebt und welcher Gewalt er dient, das muss nun wirklich keiner wissen.

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Selbstverständlich machen nämlich auch 68er im Amt mit und für Geld & Gewalt Politik: Nur soll es darauf nicht ankommen. Worauf es ankommt: Das sind Typen wie sie, die alles im Namen deren Opfer abwickeln; die nicht nur einen unverwechselbaren Politikstil, sondern auch alternative Lifestyle-Gesten drauf haben; die mit ihren untadeligen Maßstäben für ‚political correctness‘, die vor Toleranz für Schwule, Lesben & AusländerInnen und ‚Null Toleranz‘ für undeutsche Glatzen nur so triefen, als Beweis für eine Republik herumlaufen, gegen die es einfach nichts mehr einzuwenden gibt. Es mag daher Arbeitern und Arbeitslosen, Rentnern und Kranken, allen übrigen Inländern und Ausländern und der lieben Umwelt noch dazu in ihr gehen, wie es will: Sie werden von guten Menschen regiert, die ausweislich ihrer ‚Biographie‘ schon immer nur gute Gesetze haben wollten und die jetzt endlich selber machen dürfen.

III. Was die 68er an sich verändert haben: Dazu meinen die einen, dass sie damals böse waren und heute gut sind; die andern sehen es umgekehrt und rufen „Verrat!“ Den Streit mögen Moralisten unter sich ausmachen. – Die 68er sind ihrer Sache treu geblieben und haben ihren Willen zum menschengerechten Machtgebrauch per „Marsch durch die Institutionen“ sachgerecht fortentwickelt. Man betrachte ihren Standpunkt, der dem Volk hemmungslos dienen wollte und den Staat in den falschen Händen wähnte – und die Typen, wie sie damals waren, können einem genauso wenig recht sein wie das, wozu sie sich gemausert haben.

Die publizierten Fotoromane figur- und trachtenmäßiger Metamorphosen der Joschkas und Trittins mögen deren Wandel zu gestandenen Repräsentanten der Macht illustrieren: Einen „überfälligen Reifungsprozess“ belegen sie so wenig wie einen „Webfehler“, den enttäuschte Fahnenträger der alten Werte nun entdeckt haben wollen. Zwangsläufig in dem Sinn ist er nämlich überhaupt nicht: Aus Ärger über die herrschenden Verhältnisse muss kein Kampf gegen „Unfreiheit“ & anderes himmelschreiendes „Unrecht“ werden und aus dem kein Entschluss zum „Marsch“ auf die Ämter – ein korrekter Vers auf die gültigen Zwecke von Freiheit & Recht wäre ja auch möglich. Nur: Zufällig ist aus denen, die jene heute exekutieren, genau so wie aus den vielen anderen, die nunmehr ihre Sympathisanten sind und früher solche der Bewegung waren, auch nicht das geworden, was sie heute sind.

1. Wie bei jedem Wandel, so ist auch im Fall ehemaliger Straßenkämpfer und Protestierer die Differenz zwischen Früher und Jetzt nicht ohne die Identität zu haben, die sich in ihrem Unterschied gleich bleibt. Diese Konstante bei den 68ern heißt: Volksvertreter.

Als solche haben sie sich von Anfang an aufgestellt. Natürlich nicht als die, die es schon gab – das waren ja gar keine richtigen –, sondern als die wahren und vor allem gerechten. Die Außer-Parlamentarische Opposition, die ihren Namen verdient, wollte den Abgeordneten des Bundestages und Kapitänen der deutschen Wirtschaft den Tadel nicht ersparen, beim Gesetzemachen und Arbeitgeben das Volk zu verraten: ‚Statt die wirklichen Interessen des Volkes zu vertreten, werden sie von Staat und Kapital zertreten‘. Dass der Vorwurf des Verrats eine Gemeinsamkeit unterstellt, von der Staat und Kapital auftragswidrig abwichen, wenn sie das Volk deckeln und ausbeuten – eine recht wohlmeinende These –, fanden die Anhänger der APO ebenso wenig absurd wie ihnen das Subjekt verdächtig vorkam, in dessen ehrlichen Namen sie den Kampf gegen die Verräter aufnahmen. Ohne jede Ahnung davon, was ein Volk ist, haben sie ihm ihre Aufwartung als dessen Auftragsbevollmächtigte gemacht und sich gleich zweifach von diesem Kollektiv – so, wie es geht und steht – berufen lassen:

– Die 68er beriefen sich bedenkenlos auf das Volk. In allen Gegensätzen von Herrschaft und Beherrschten ergriffen sie Partei für „die da unten“. Dass diese Lagebestimmung nur einen Urheber und nur eine Identität hat: die Unterwerfung unter ein und das selbe Oben, irritierte Leute wenig, die für die Rechte dieser furchtbaren Abstraktion rote Fahnen schwangen. Ihre Kritik richtete sich weder gegen die Lebensbedingung ‚Staat‘ noch gegen die Lebenslage ‚Volk‘, die es ohne erstere genauso wenig gibt wie die Gegensätze, in denen sie stets auf der Seite der Armen und Unterdrückten standen. Als regiertes und benutztes Objekt von Herrschaft hatte das Volk ihr Mitgefühl; Opfer von Staat und Kapital zu sein, geriet zum moralischen Plus und verdiente umso mehr Solidarität, je größer die Scheiße ist. Die Linken waren sein bester Freund.

– Von diesem Volk wollten sie sich beauftragen lassen. Völlig abwegig also, dem Teil, der von Lohn leben muss und nie so recht kann, die schädlichen Notwendigkeiten der kapitalistischen Produktionsweise zu erklären; erst recht, dessen Hoffnungen auf die politische Gewalt zu kritisieren, die die ökonomischen Sachzwänge in Kraft setzt und hält. Was kümmerte sie der Fehler der Proleten, in einem Gemeinwesen, das auf ihrer Armut und Loyalität beruht, ihr privates Glück zu suchen und Deutschland die Daumen zu halten? Das Volk, das so brav wie missmutig in die Betriebe marschiert und seine Führer wählen geht, wurde nicht kritisiert, sondern hofiert; nur in Sachen Revolution war es noch nicht so weit und bedurfte umso mehr einer „Vorhut“ aus rührigen Anhängern des „kleinen Mannes“ und Missionaren „wirklicher Volksherrschaft“, die unter seiner Flagge Parteigründungskongresse, Solidaritätsfeten und Straßenschlachten zelebrierten.

Die 68er haben schon zu Gründerzeiten das Kunststück hingekriegt, ‚Volk‘ total davon zu trennen, wovon es Produkt ist, welchen Zwecken es gehorcht, wofür es sich hergibt. Der alltäglichen Floskel ‚Was wir schon alles mitgemacht haben‘ wollten sie nie entnehmen, dass exakt dies der Beruf des Volks ist: alles mit zu machen, was seine Herren ihm anschaffen; noch dass es ziemlich bescheuert ist, mit seinem Status als Manövriermasse jammernd zu prahlen. Als früh reife alternative Politiker zeigten sie lieber dem „Establishment“ wegen Volksfeindlichkeit im Amt teils die Gelbe, teils die Rote Karte (je nach dem, auf welcher Seite sie in der Neuaufnahme der linken Seifenoper „Reform oder Revolution“ gerade standen); forderten „Selbstverwaltung“ aller ehrenwerten Institute des Sozialstaats und Emanzipation für die Entrechteten, sogar seine Offiziere sollte das Volk selbst bestimmen dürfen; und empfahlen den Massen dabei penetrant sich als die guten Menschen, die echt und ehrlich „verwirklichen“ würden, was der Amtseid des Kanzlers immer bloß verspricht: Dem Volke dienen!

2. So „fortschrittlich“ auf der einen Seite das „unterdrückte“ Volk erschien, so „reaktionär“ war auf der anderen Seite die Agentur der Macht und des Rechts: Die Staatskritik der 68er fiel schlicht komplementär zu ihrer Volksverehrung aus.

– Sie zweifelten am Recht der damaligen Führungscrew, die guten Deutschen zu regieren. Anführungszeichen, die „Volksvertreter“ und „Rechtsstaat“ auf Flugblättern notorisch umrahmten, illustrierten den Argwohn, ob die Herrschaft ihrem Beruf nachkam, dem Volk zu seinem Recht zu verhelfen. So wenig sie vom ungemütlichen Inhalt der Abstraktion ‚Volk‘ wissen wollten, so beeindruckt zeigten sie sich von der nicht minder abstrakten Kategorie des ‚Dürfens‘ – und wurden darüber kritisch. Was „man“ zu tun und zu lassen hat, wenn einem das Gesetz Erlaubnisse erteilt; dass die Gewähr von Rechten nicht nur ein Herrschaftsverhältnis bezeugt, sondern auch den Zwang einschließt, seine Interessen an die Notwendigkeiten zu akkomodieren, die einem ein staatliches Gewaltmonopol als Lebensbedingung vorgibt: Diesen gewaltigen Haken an der bürgerlichen Freiheit legten 68er sich als immerwährenden skandalösen Widerspruch zwischen den Verheißungen, die im bürgerlichen Wertekatalog enthalten wären, und ihrer unzureichenden Verwirklichung zurecht. Und unter dem Schlagwort „repressive Toleranz“ führten sie Klage über die Wirkungslosigkeit konzessionierter Kritik, statt richtige zu üben:

– Den Alltag der Republik, in die es sie verschlagen hatte, verglichen die 68er mit ihrer oppositionellen Moral, fanden ihn enttäuschend – und erhoben ihre Täuschungen, die sie in die proklamierte Staatsräson der BRD hineinlegten, prompt zum Leitfaden der Kritik. So leichthin wie rechtsbewusst erklärten sie dem Bürger bei der Verfolgung seiner Interessen auferlegte Schranken für unvereinbar mit grundgesetzlich garantierter Freiheit; die gesellschaftlich recht unterschiedliche Verteilung von Armut und Reichtum zum Verstoß gegen das Gleichheitsgebot; erschossene Demonstranten, Notstandsgesetze oder herzliche Kontakte mit Diktaturen für einen abgrundtiefen Gegensatz zu der Demokratie, die sie in ihrer Heimat endlich ausbrechen sehen wollten. Fertig war das Urteil über das Land, in dem sie lebten: „Un-freiheitlich“, voller „Un-Gleichheit“, null Demokratie, sondern deren moralisches Gegentum – schon wieder prä- statt „nie wieder“ faschistisch… Das konnte niemals der feine „Verfassungsanspruch“ der freiheitlichen Grundordnung sein, die ihnen sehr „wirklich“ zum Schutz des Springer-Konzerns und des Schahs, der US-Botschaft und Frankfurter Immobilien mit Wasserwerfern begegnete. Weil sie den militanten Einsatz der Staatsmacht für Freiheit statt Sozialismus der Demokratie partout nicht zutrauen wollten, entzogen sie der realen Gewalt als verkapptem „Faschismus“ ihr staatsbürgerliches Vertrauen.

Kurzum: Sie fragten sich, ob den Mächtigen, die sie als Quelle der waltenden Unfreiheit ausfindig machten, der Respekt gebührt, den die vor ihrem Recht forderten. Oder ob nicht umgekehrt sie, als freiheitsdurstige Advokaten der „wahren“ Demokratie, zu dessen Verweigerung befugt wären. Ausweislich alter Nazis in Elitepositionen und neuer „repressiver“ Herrschaftsmethoden, die ihr Fahndungsbedürfnis zielsicher aufdeckte, kamen sie zu dem Schluss: Diese Herrschaft entbehrt jeder Legitimität und verkörpert, in Gestalt ihrer verkehrten Inhaber, eine schlimme Entzweiung von Staat und Volk; darum dürfen Bürger sich von den Figuren entzweien, die sie nicht angemessen repräsentieren. „Wo Recht zu Unrecht wird, wird Widerstand zur Pflicht!“ Zur Revolte waren sie nicht nur aufgelegt, sondern moralisch ermächtigt:

3. Theorie & Praxis der 68er, die das gute Volk in den Fängen falscher Führer wähnten, befassten sich also immer schon mit einer alternativen Gewaltfrage.

– Der „Gewaltfrage“, die anfangs ihnen von oben gestellt wurde, haben sie sich gestellt. Sie wollten nicht erkennen, dass die „Frage“ gar keine Frage, sondern eine moralische Falle ist. „Ob man zur Durchsetzung politischer Ziele Gewalt anwenden darf“: Den in Frageform verpackten Imperativ der herrschenden Klasse, beim Demonstrieren ja friedlich zu bleiben, also die Finger von Amerikahäusern, BILD-Druckereien und anderen Instituten der kritisierten Verhältnisse zu lassen, haben die 68er zwar nicht beherzigt, aber auch nicht als bodenlos zurückgewiesen. Nur zur Erinnerung: Ob „man“ in dieser Gesellschaft Gewalt anwenden „darf“, ist schließlich ebenso wenig eine Frage wie die, wer dazu gegen wen befugt ist. Zur Durchsetzung welcher politischer Ziele Gewalt erlaubt, gar geboten ist – knüppelnde Polizisten sind eben keine Körperverletzer und Soldaten keine Mörder –, ist so bekannt wie das Gegenstück zu diesem Monopol, das seine Bürger keineswegs auf Gewaltlosigkeit, sondern auf Fügsamkeit gegenüber der geltenden Gewalt festlegt. Wäre die „Gewalt-Frage“ also eine Frage, die Antwort wäre nicht nur leicht – der Staat hat sie und verpflichtet das Volk zum Respekt vor Eigentum und Nation –, sondern das Ende des „Dialogs“. Zumindest theoretisch: Dann fragen sich die, die jene Wahl zwischen Dafür-Sein und Kriminalität aufgemacht kriegen, ob ihnen die Alternative schmeckt; vielleicht noch nach dem Grund, warum der soziale Alltag, den der Rechtsstaat bewacht, so viel Gewalt enthält; deshalb aber nie nach deren Zulässigkeit… Das jedoch war die Gretchenfrage der 68er: Ihrer Obrigkeit sind sie mit der kongenialen Gegenfrage gekommen, wie es wohl um deren Recht zum Zuschlagen bestellt sei.

– Die Antwort lautete: Schlecht! In den Gründen, die ihre BRD kennt und praktiziert, sich nach innen und außen mit Gewaltinstrumenten aller Art zu bewehren, konnten sie immerzu nur die Abwesenheit von guten Gründen diagnostizieren und „schlossen“ messerscharf auf volksfeindlichen Miss- statt volksfreundlichen Gebrauch der Macht. In dem Sinne haben sie sich bemüht, sich dem Volk als die ganz anderen und hilfsbereiten Volksvertreter anzudienen, die für dessen Recht auf gute Herrschaft streiten:

4. Als Linke wollten sie nichts als Stellvertreter des wahren und eigentlichen Volkswillens sein.

Diese Verhältnisbestimmung bescherte der Vorhut des Volkes das Problem, warum es seinen selbsternannten Delegierten nicht folgen und sie viel lieber „nach drüben“ oder in die Fabrik schicken wollte. Dass die 68er bei ihrer Berufungsinstanz nicht landeten, konnte nur an ihnen selbst liegen. Im Ratschlag des westdeutschen Proletariats, sich nach drüben zu schleichen, entdeckten und kritisierten sie nicht dessen Nationalismus und Freiheitswahn, sondern gingen mit sich zu Rate, gaben Honecker und Breschnew die Schuld an ihrem mangelnden Anklang bei den Massen und wurden teils zu schärfsten Anklägern des falschen Systems, das ihre Politik des kommunistischen Vorbilds durchkreuzte. Andere entwickelten tiefe Zuneigung zu den nationalen „sozialistischen“ Befreiungsbewegungen der „3. Welt“, zu Kämpfern, die es dort ganz wirklich gab und die bettelarme, aber lebendige Völker hinter sich scharten: Allein dafür verdienten sie sich – gleich, wozu und von wem sie „befreit“ werden sollten – den Zuspruch linker Umstürzler. Dort schien ihnen in Gang zu kommen, was zu Hause nur auf Ablehnung stieß. Ihren eigenen Misserfolg erklärten sich Leute, die Nationalismus von unten und Revolution noch nie unterscheiden konnten, demnach verschieden, aber immerzu mit einer falschen Manier, sich dem verehrten Volk genähert zu haben – sie waren zu wenig freundlich zu ihm. Ihre Deutungen, warum das Volk nicht so zog, wie man es sich zurechtgelegt hatte, haben diese Linken selbstbezogen in endlos-methodische Strategiedebatten übersetzt, wie man bei den Massen am besten „ansetzen“ müsste. Die Pose der bürgerlichen Politik, Kritik als Abweichung von höchsten Maßstäben auszudrücken („Vaterlandsverrat“), kam auch in ihren Kreisen zu Ehren: Keine Debatte über Politische Ökonomie, die ohne den Vorwurf „Arbeiterverräter“ auskam; jede andere Meinung stand unter Verdacht, dem Volk die fälligen Dienste nicht leisten zu wollen, die der echte Revolutionär ihm schuldet. Darüber haben sie sich fortentwickelt und gespalten:

– Der eine Teil des moralischen Einschätzungs-Wesens meinte, die Linke hätte zu wenig Verständnis für das harte Dasein des Volks, um als dessen „Avantgarde“ glaubhaft zu sein: Wahre Führer der Arbeiterklasse teilten das Los ihrer Schutzbefohlenen, stiegen ins geregelte Arbeitsleben ein und holten sich beim proletarischen Familienleben inklusive Heirat und Kind die übrigen Maßstäbe einer vorbildlichen Selbstverwirklichung ab. Den Proletkult der K-Gruppen konterkarierten Spontis mit dem Kult abstrakter Freiheit: Sie wollten dem Volk vorleben, wie unnötig es sei, das ganze Leben als „Spießer“ mit Familie und Gartenzwerg zu vertun, statt wie sie sein Recht auf „Emanzipation“ und ein repressionsfreies Leben wahrzunehmen. Eine radikale Minderheit dieser alternativen Moralisten beschloss, die Manipulationstheorie praktisch fortzuspinnen, „Bomben ins Bewusstsein der Massen“ zu schmeißen, um das lang erwartete „Fanal“ für die Möglichkeit von Widerstand zu setzen, und führte an Stelle des (bestochenen, belogenen, betrogenen) Volkes den gerechten Kampf gegen das „Schweinesystem“.

– Die meisten anderen schworen „der Gewalt“ ab, um 180° rückwärts. An ihrem Misserfolg übten sie Selbstkritik der abstraktesten, also übelsten Sorte; das Scheitern der Überzeugungsarbeit bewies: Nicht angekommen = kleine, aber gar nicht mehr so feine, radikale Minderheit = nicht „politikfähig“ = „Sekte“, also weg damit. Nicht weg war nämlich ihre Überzeugung, eine politische Mission auszuführen; ihre Berufung zum Führen war nicht totzukriegen. Ihr missionarischer Opportunismus des Erfolgs, die unbedingte Sehnsucht nach Glaubwürdigkeit beim Adressaten, gebar die Suche nach neuen „bewegenden“ und mehrheitsfähigen „Themen“ und verlangte neue Inhalte: Da – so die methodische Überlegung, die die neue Sache erzeugt – die Erinnerung an ökonomische oder politische Gegensätze brave Patrioten nur erschreckt, also verfehlt ist, geht der Appell an lauwarme Gemeinschaftsideale bei den selben Staatsbürgern vielleicht ganz gut. Dafür ließen sich manche braven Menschen glatt ein bisschen eigen-initiativ in Bewegung versetzen: So kamen „Heimat, Umwelt, Frieden“ in den Forderungskatalog neuer Bewegungen und einer grünen Partei; und lauter sichtbar gute Leute bereichern seither die Republik, die zu Frauen, Kindern & Kröten ungewöhnlich zuvorkommend sind. Die nachgereiften 68er (nach)vollzogen die lebensweise Maxime demokratischer Anpassung, dass, „wer etwas ändern will“, gefälligst „in die Politik gehen soll“: Der Kampf um ein besseres Leben = um eine bessere Nation passiert dort, wo man in der Tat „das Leben“ gestaltet. Auch Ex-Spontis und K-Grüppler kamen auf diesen Trichter: Man muss in die Politik „eingreifen“ und auf der Etage der Herrschaft mitmischen.

Nur das mussten die besten Diener des Volkes im Lauf der Zeit noch herausbekommen: Ihm ist überhaupt nur in der einen Weise zu dienen, dass man es regiert.

5. Das tun sie jetzt. Konsequent ist der Fortschritt insofern zu nennen, als diese deutschen Linken keiner Prämisse ihres Protests untreu geworden sind und sie alle bis zum glücklichen Ende namens Regierungsfähigkeit durchgezogen haben:

Wenn der Lohn legitimer Steine, geworfen von der „Avantgarde“ des Volks, das bessere Herren verdient, ausbleibt: Was liegt von dem Ziel her näher, als nach der Führung zu streben, deren Gewalt legal ist? Wenn der Laden keine „Demokratie“ ist, weil die Verkehrten regieren, dann wird aus ihr die feine Ware, nach der alle begehren, indem sich das ändert. Wenn „Repression“ heißt, engagierte Bürger wie sie von gemeinnützlicher Mitwirkung fernzuhalten, dann lösen „totalitäre Machtstrukturen“ sich in dem Maße auf, wie die richtigen Staatsmänner und -frauen das Sagen kriegen. Wenn sie damit den Erfolg haben, der sie immer schon juckte, dann sind sie regierungsfähig: Fähig zur volksfreundlichen Gestaltung jedes nationalen Sachzwangs, fähig zur moralischen Veredelung des wiedervereinigten Deutschlands, seines Kapitalstandorts, seiner Tarifautonomie, seines Lebensmittelmarkts, seines §218, seiner Inländererziehung und Ausländerzufuhr, seiner Europaarmee und Menschenrechtskriege…

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Ein Moralismus vom Feinsten hat diese Typen von jeher ausgezeichnet. Jetzt haben sie ihn dorthin verfrachtet, wo er hin gehört: An seinen Platz als Zutat zu Recht und Macht.


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