200. Todestag Kants

Dieser Artikel ist in der Reihe Chronik – kein Kommentar! der Zeitschrift GegenStandpunkt 1-04 erschienen. Sie kann über den Buchhandel oder direkt beim Verlag als Druckausgabe oder E-Book erworben werden.

Zum 200. Todestag Immanuel Kants:
Repräsentanten von Macht und Geist in Deutschland sind sich einig: Der Königsberger Philosoph – das ist „einer von uns“!

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Kant will sich an der leeren Idee von moralischer Gesetzmäßigkeit erbauen, ein Sittengesetz auszuspinnen, aus dem sich die Antworten auf alle „Kernfragen“ von Schröders Verantwortlichkeit für die Zukunft der Weltbürgerschaft bis hinunter zur Gentechnik ableiten lassen: Das soll das Interesse sein, dem wir uns in der Nachfolge Kants unvermeidlich hingeben sollen.

Zum 200. Todestag Immanuel Kants:
Repräsentanten von Macht und Geist in Deutschland sind sich einig: Der Königsberger Philosoph – das ist „einer von uns“!

Da scheint etwas dran zu sein, jedenfalls hat der Alte sehr vielen Wichtigen im Land sehr viel Wichtiges zu sagen. Man muss nur die richtigen Fragen stellen, etwa: Wie philosophiert man im Zeitalter der Globalisierung?, und schon wird einem klar, was man da in Kant für einen Schatz von Antworten hat. Dem deutschen Außenminister zum Beispiel. Der ist zwar sehr auf Globalisierung spezialisiert, hat wegen der vielen vitalen deutschen Interessen, um die er sich kümmern muss, naturgemäß keine Zeit, Kant zu lesen. Den kategorischen Imperativ aber kann er im Schlaf und handelt auch noch beim Nichtlesen von Kant stets so, dass er wollen kann, dass die Maxime seiner Handlung allgemeines Gesetz werde: Pflichtlektüre ist der für ihn. Für Philosophen gilt das von Haus aus, nur haben die eben umgekehrt von Berufs wegen keine Zeit, sich mit deutscher Außenpolitik zu befassen. Dafür weiß einer von ihnen dank seiner ausgiebigen Studien über Meta-Physisches, dass in der Politik, besonders der internationalen, kantische Prinzipien aus der Sackgasse führen könnten, in die uns eine auf das Wirtschaftliche beschränkte Globalisierung und das rücksichtslose Machtstreben einer befreundeten Supermacht gebracht haben. In Sackgassen verfranst haben sich die Mächte! Weil sie in ihrer Fixiertheit auf wirtschaftlichen Nutzen das höhere Potential ignorieren, das in Globalisierung steckt. Weil eine von ihnen, die Supermacht auch noch, nach dem 11. September von allen guten machtpolitischen Sitten verlassen wurde. Und aus diesen und allen anderen Drangsalen, die Nationen auf den höchsten Ebenen ihrer Konkurrenz um Geld und Macht so haben, hilft Kant uns heraus! Mit einem Büchlein! Weil er nämlich schon ganz früh gewusst hat, dass ohne eine gescheite Metaphysik der Sitten Weltpolitik im Jahre 2004 im Grunde genommen gar nicht so recht funktionieren kann! Und er hat auch schon, wie ein anderer tiefer Denker von heute herausgefunden hat, den nötigen klaren Appell an die praktische Vernunft der Staatenlenker verfasst: Eine Konzeption der Gerechtigkeit, die Staatsgrenzen transzendierte und Individuen als moralische und rechtliche Personen einer übernationalen Zivilgesellschaft betrachtete, floss ihm aus der Feder, und das ist schon erstaunlich. Denn seine Konzeption ist ja exakt die Globalisierung, deren Herausforderungen heute alles politische Können in Anspruch nehmen! – oder doch nehmen müssten, wäre da nicht die erwähnte Sackgasse. Die vielen Mühen jedenfalls, die Staaten bei ihren Kämpfen um den ewigen Frieden auf sich nehmen: Nichts anderem als jenem zivilgesellschaftlichen Menschenrecht gelten sie letztlich und eigentlich, das – so oder ähnlich – schon Kant vorschwebte! Von NATO und den anderen Verantwortlichen, die sich um den moralischen Universalismus kümmern, der heute Demokratie heißt, konnte er freilich in seinem Entwurf einer globalen Rechts- und Friedensordnung noch nichts wissen, den wiederum ein anderer Philosoph beim ihm aufgeschrieben gefunden hat. Umso erstaunlicher, wie perfekt diese ungewöhnlich breite Weltkenntnis, zu der ein Kant mit seinem sittlich-moralisch geschärften Verstand gelangt ist, auf die Welt von heute mit ihren Saddams und Bin-Ladens passt! Und vor allem natürlich auf die Kategorien, mit denen wir diese Welt zu erkennen pflegen. Denn auch auf eine zweite, gestern wie heute brandaktuelle Frage: Wie philosophiert man im Zeitalter der Naturwissenschaften?, hat Kant goldwerte Antworten hinterlassen. Indem man philosophiert, heißt deren allererste, also weder über die Natur noch sonst etwas Reales Wissenschaft treibt. Man kläre stattdessen vielmehr, was wissenschaftliche Erkenntnis sei, und überlege, wodurch sie möglich werde, aber auch, wo die nicht bloß vorübergehenden, sondern grundsätzlichen Grenzen liegen, empfiehlt da einer, der es schon deswegen wissen muss, weil er sich ausschließlich an seine Empfehlung hält und der wirklichen Wissenschaft die Existenz bestreitet, indem er über die Bedingungen ihrer Möglichkeit sinniert. Dann erkennt man nämlich früher oder später eindeutig, dass Erkennen durchaus möglich ist. Aber eben doch nur unter Bedingungen, die in letzter Instanz Erkenntnis unmöglich machen, denn die menschliche Vernunft ist ein vertracktes Ding. An sich denkt sie ja über die Dinge, wie sie sind, und das geht ganz in Ordnung, solange man keine positivistischen Frageverbote aufstellt. Weil nämlich die philosophisch eigentlich spannende Frage die ist, wie der Mensch die Dinge-an-sich als ganz und gar wirkliche, also so denken können soll, wie sie sind, ohne dass er sie denkt – und das kriegt er einfach ums Verrecken nicht hin! Macht aber letztlich nichts. Wenn er sich nur immer dessen eingedenk ist, beim Streben nach Erkenntnis ihrer auf wissenschaftlichem Weg nie mächtig zu sein: Dann liegt er mit der Deutungsmacht seiner Vernunft goldrichtig und hat Gott und die Welt im Griff. Erstens Gott: An den können wir unbesorgt glauben, denn Kant verdanken wir nicht nur die gesicherte Erkenntnis, dass das Höchste Wesen mit unserem Verstand gar nicht zu fassen, aus demselben Grund aber auch nicht als bloßes Hirngespinst abzutun sei. Mit dieser Idee können wir Kant auch für die Sicherheit in all unserem sittlichen Streben und Trachten Danke sagen und uns mit Gott zu dem letztinstanzlichen Kriterium beglückwünschen, das die vorgeblichen Tugenden von den tatsächlichen zu unterscheiden vermag – und seien wir ehrlich: Exakt darüber zu richten – das liegt uns doch bei der Frage: ‚Was sollen wir tun?‘ als Antwort schon immer auf der Zunge! Damit sind wir zweitens schon aufgeklärt genug, auch unsere weltlichen Dinge erfolgreich zu bemeistern. Denn eine wissenschaftliche Vernunft, die in weiser Einsicht in ihre grundsätzlichen Grenzen sich gar nicht erst vornimmt, den Gegebenheiten dieser Welt auf den Grund zu gehen, kann sich um so besser auf das konzentrieren, was ihr eigentliches inneres Drangsal ist: Schlechterdings unvermeidbar ist ihr Interesse an Gesetzen (…) für das, was getan werden soll. Diese, die moralischen Gesetze, richten sich nicht bloß an natürliche Personen, sondern auch an deren geordnetes Zusammenleben, ihre Gemeinwesen. Sich an der leeren Idee von moralischer Gesetzmäßigkeit zu erbauen, ein Sittengesetz auszuspinnen, aus dem sich die Antworten auf alle Kernfragen von Schröders Verantwortlichkeit für die Zukunft der Weltbürgergesellschaft bis hinunter zur Gentechnik ableiten lassen: Das ist das Interesse, dem wir uns in der Nachfolge Kants unvermeidlich hingeben müssen!

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So geht es dahin im 200sten Todesjahr des Königsbergers. Außenminister und Staatssekretäre, Philosophen Gottes wie der Zivilgesellschaft, empirische Sozial-, analytische Sprachwissenschaftler und dazu noch die Tiefsinns-Dilettanten aller Feuilletons: Als ob da anlässlich des runden Jubiläums an einen Haufen von Schläfern des Deutschen Idealismus ein Weckruf ergangen wäre, nehmen sie als bekennende Kantianer zu Gott und der Welt Stellung, und das ist nicht nur theoretisch betrachtet ein Skandal, sondern ersichtlich auch noch eine ziemlich leichte Übung. Irgendeinen dummen Spruch zu Politik und Frieden, Glauben, Moral und Wissenschaft, der sich erfolgreich auf Kant beruft und als so taufrische wie ungemein nützliche Erkenntnis für die Welt von heute durchgeht, hat da noch jeder auf Lager, und so viel geistige Wahlverwandtschaft zwischen dem alten Philosophen und den modernen Dummbeuteln kann dann doch kein Zufall sein: Unser philosophischer Zeitgenosse wird da schon einiges von dem verbrochen haben, was in den Köpfen seiner demokratischen Verehrer zu Fixpunkten ihres Urteilens geworden ist. Unsere Auffassung läuft jedenfalls darauf hinaus, dass der große philosophische Begründer bürgerlichen wissenschaftlichen Denkens selbigem schon das Nötige mit auf den Weg gegeben haben wird, wenn es sich 200 Jahre nach seinem Tod derart auf den Hund gekommen präsentiert und sich auf ihn bloß noch als Autorität moralischer Sinnsprüche zum rechten Geist und Willen und Frieden auf Erden zu berufen braucht.


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