Wirtschaftsnobelpreis

Dieser Artikel ist in der Reihe Chronik – kein Kommentar! der Zeitschrift GegenStandpunkt 4-98 erschienen. Sie kann über den Buchhandel oder direkt beim Verlag als Druckausgabe oder E-Book erworben werden.

Nobelpreis für die „ethische Dimension der Diskussion über Wirtschaft“
Marktwirtschaft und Demokratie – die Hungerhelfer

Systematischer Katalog: 
Überblick

Der indische Professor Amartya Sen erhält den Ökonomie-Nobelpreis für seine Theorie, nach der Hungerkatastrophen aus einem Mangel an Marktwirtschaft und Demokratie herrühren. Aus der von ihm selbst konstatierten Tatsache ausreichender, aber zu teurer Lebensmittel zieht er den „Schluss“, dass dann ja wohl der Markt nicht richtig funktioniert haben kann. Beweis: Sonst hätten die Armen sie ja kaufen können.

Nobelpreis für die „ethische Dimension der Diskussion über Wirtschaft“
Marktwirtschaft und Demokratie – die Hungerhelfer

Den Ökonomie-Nobelpreis 1998 erhält der Inder Amartya Sen. Das Auswahlkomitee der Schwedischen Reichsbank hält ihm zugute, daß er die ethische Dimension in die Diskussion der Wirtschaft gebracht hat. (SZ 15.10.) Der Preisträger erweist sich dieses Ehrung würdig: In seiner theoretischen Auseinandersetzung mit den Hungerkatastrophen will Sen nämlich herausgefunden haben, daß Hungerkatastrophen ihre Ursache in einem Mangel an Marktwirtschaft und Demokratie haben und ihnen deshalb durch funktionierende Marktwirtschaft und Demokratie abgeholfen werden könne.

Hungerhelfer Nr. 1: die Marktwirtschaft

„Der erste Nobelpreisträger aus einem Entwicklungsland“ räumt erst einmal mit der Vorstellung auf, der massenhafte Hungertod sei Folge fehlender Nahrungsmittel. An den Hungerkatastrophen des indischen Subkontinents zeigt er akribisch, daß an sich durchaus genügend Lebensmittel zur Ernährung der Menschen vorhanden gewesen wären. Für die Hungersnöte 1943 in Bengalen und 1974 in Bangladesh belegt er, daß die Nahrungsmittelzufuhr nicht niedriger war als in anderen Jahren und daß diese Regionen nach wie vor Lebensmittel exportierten (NZZ 15.10.). Er verschweigt auch nicht, woran die Millionen seiner Landsleute krepierten: 1943 zum Beispiel, als in Bengalen drei Millionen Menschen verhungerten, war eigentlich genug zu essen da. Der Krieg in Burma hatte jedoch die Nahrungsmittel so verteuert, daß die Landarbeiter ihr täglich Brot nicht mehr bezahlen konnten. (SZ 15.10) Und: Die Hungersnot in Bangladesh von 1974 war danach zum großen Teil auf zu geringe Einkommen zurückzuführen. Die Flut, die damals große Teile des Landes überschwemmte, habe die Nahrungsmittelpreise in die Höhe getrieben und zugleich viele Landarbeiter arbeitslos gemacht. Deshalb sei es zu Hungerkatastrophen gekommen. (HB 15.10.)

Wenn wir den Experten richtig verstehen, bezahlten in beiden Fällen die Menschen mit ihrem Leben, weil sie den Preis für ihre Lebensmittel nicht mehr entrichten konnten. Im ersten Fall haben die Händler die durch den Krieg in Burma gestiegene Nachfrage durch höhere Preise zu ihrer Einnahmensteigerung genutzt; für ihre Kunden wurden dadurch die Lebensmittel unbezahlbar, deswegen hatten sie nichts mehr zu beißen. Dito im zweiten Fall: Die Handelskapitalisten rechneten mit einer Verknappung der Nahrungsmittelproduktion infolge der Flut und verteuerten daraufhin ihr Angebot, um die vorhandene kaufkräftige Nachfrage – ganz gleich, woher sie kam – auf sich zu ziehen. Der bengalischen Bevölkerung wurden so für immer weniger Nahrungsmittel das letzte Geld aus der Tasche gezogen, sofern sie über solches überhaupt noch verfügte. Extrem marktgerechtes Verhalten führt also jeweils zielstrebig zur menschlichen Katastrophe: Die Verkäufer der Lebensmittel achten darauf, daß sie einen Preis erzielen, der ihren Geldreichtum mehrt. Wer nicht über die entsprechende Kaufkraft verfügt, kann sehen, wo er bleibt. Fluten und Kriege stellen insoweit die Eigentümer von Waren, die durch deren Verkauf ihren Geldreichtum mehren wollen, nur jeweils vor neue Bedingungen ihres Geschäfts, die sie in den vorliegenden Fällen zum Schaden der Massen Bengalens und Bangladeshs genutzt haben.

Doch offenbar haben wir den indischen Nobelpreisträger dann doch nicht richtig verstanden. Der will nämlich mit seinen Studien gar nicht die Marktwirtschaft als Ursache für den Hungertod von Millionen dingfest machen, sondern auf das genaue Gegenteil hinaus. Der Markt, wie er geht und steht, interessiert Herrn Sen nämlich nicht besonders: Mit den aus dem Rahmen fallenden Ereignissen ‚Flut‘ und ‚Krieg‘ hakt er die Marktstrategien des Kapitals, die Millionen Menschen auf dem indischen Subkontinent schlagartig dem Verhungern preisgaben, einfach ab, um aus einer Gleichung mit drei bekannten Größen den wissenschaftlichen Hit zu drechseln, der das Nobelkomitee so tief beeindruckt hat. Vor dem großen Sterben haben die Menschen kaufen können, was sie brauchten; der Markt hat also funktioniert. Als sie nicht mehr kaufen konnten, was sie brauchten, hat der Markt nicht funktioniert; sie haben ja nichts gekauft. Also sind sie verhungert, weil der Markt nicht funktioniert hat: Markt ist, wenn alle kaufen; wenn sie nicht kaufen, fehlt der Markt; und wie fatal das ist, sieht man an der Sterberate.

Mit diesem Einfall steht auch das wirtschaftspolitische Rezept für die Beseitigung von Hungersnöten, das Herr Sen anzubieten hat, bereits in Umrissen fest. Auf keinen Fall dürfen Lebensmittel verteilt werden: Nach Sens Erkenntnis darf man in Hungersnöten nicht einfach Lebensmittel verteilen. (SZ 15.10.) Denn, so die wissenschaftliche Begründung: Wer in ähnlichen Situationen mit Nahrungsmittellieferungen zu helfen sucht, zerstört die an sich funktionierenden Agrarmärkte in den betroffenen Ländern und verhindert so, daß das Land von alleine wieder auf die Füße kommt. (HB 15.10.) Das müssen vielleicht sensible Wesen sein, diese Märkte, wenn sie vor ein paar Proteinplätzchen und einer Handvoll Trockenmilch davonlaufen! Der Herr Professor befürchtet doch glatt, Landarbeiter und kleine Landpächter möchte für ein paar geschenkte Lebensmittel gleich den Einkommenserwerb einstellen, der sie so eben noch vor dem Verhungern bewahrt, und damit den Markt als berufenen Hungerretter überflüssig machen: Sinnvoller, so argumentiert Sen, … wäre es in Bangladesh gewesen, das Einkommen der betroffenen Landarbeiter zu heben (HB 15.10.) und die Lebensmittelspenden zu verkaufen. (SZ 15.10.) Fein hat er sich das ausgedacht, das Angebot an Waren durch die Lebensmittelspenden zu vergrößern und damit zu verbilligen, gleichzeitig die Nachfrage z.B. durch ein paar bezahlte Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen (SZ 15.10) zu steigern – und schon ist beisammen, was im Bild eines Marktes immer zusammengehört: Angebot und Nachfrage. Genial einfach: Wer kein Geld hat, kriegt einfach welches und kauft sich damit, was er nur will. Vorher muß er allerdings noch bißchen in ein Arbeitsbeschaffungsprojekt. Solange, bis er das Geld in Händen hat, hält er einfach die Luft an.

Hungerhelfer Nr. 2: Demokratie

Sen wäre nicht der rundum positive Mensch, der er ist, wenn er nicht auch der Demokratie neben dem Markt einiges in Sachen Hungerhilfe zutraute. Dazu gräbt er den Vergleich von Demokratie und Diktatur aus. Steht nicht in den Sozialkundebüchern, daß in der Demokratie Presse und Oppositionsparteien Druck auf die Regierung ausüben, um Gutes für das Volk zu tun? In der Diktatur würde dies immer unterbleiben, weil an die Stelle des Wettbewerbs um Wohltaten für das Volk, etwa um die beste Form der Hungerbekämpfung, immer die Propaganda des Regierungserfolgs tritt und die lokalen Amtsträger ihre desolaten Maßnahmen, etwa zur Hungerbekämpfung, vor der obersten Staatsspitze notorisch in ein rosa Licht tauchen. In einem Artikel in der New York Times vom 16.10. unter dem Titel To End Famines, Try Democracy and Free Press untermauert Sen diese Merkregel zur Unterscheidung zwischen einem guten und einem schlechten Herrschaftswesen unter Hinweis auf die Zahl der Hungertoten im maoistischen China (= Diktatur) der Jahre 1958 bis 1961 und im kolonialen Indien (= Demokratie) von 1943. In China waren es 30 Millionen – 10 mal soviele wie in Indien –, was eindrucksvoll beweist, daß sie wegen der Diktatur sterben mußten, die es dort gab. Die 3 Millionen Hungertoten in Indien belegen hingegen, daß die Demokratie ein einziger Feldzug gegen den Hunger ist – sie hat 27 Millionen Hungertote verhindert.

Eine gute Entscheidung

Die diesjährige Preisvergabe hat gegenüber der des letzten Jahres den Riesenvorteil, daß sich der Preisträger und das Auswahlkomitee nicht blamieren können. Weil gerade die Diskussion um die Unsicherheit der Finanzmärkte kreiste, fiel die Wahl letztes Jahr auf die Herren Black und Scholes. Mit einer ausgetüftelten Formel glaubten diese, einen Weg anbieten zu können, sich gegen die Unwägbarkeiten zu versichern, die das immer weitere Auftürmen von Ansprüchen auf mehr Geld so mit sich bringt. Leider engagierten sich diese Experten ihres Faches in einem Hedge Fonds und verloren mit dessen Beinahe-Pleite mehr als die Hälfte ihres Einsatzes. Dummerweise ging damit auch der von ihnen wohlpräparierte Schein der Berechenbarkeit von Spekulation flöten, für den sie ein Jahr zuvor mit 1 Million Schwedenkronen geehrt worden waren.

Dem Meisterstück des diesjährigen Preisträgers, seinen Rezepten zur Hungerbekämpfung, kann eine Widerlegung durch die Praxis nicht widerfahren. Der Idealismus seiner entwicklungspolitischen Vorschläge ist wasserdicht. Aus dem Schatzkästlein der Bedingungen, die ein funktionierender Markt oder eine funktionierende Demokratie erfüllen müssen, damit sie den Hunger erfolgreich bekämpfen, kann jedesmal eine hervorgeholt werden, wenn Marktwirtschaft und Demokratie mal wieder eine Hungersnot auf die Tagesordnung setzen und die verantwortlichen Institutionen derselben dem Ökonomiepreisträger von 1998 nicht den Gefallen tun, sich an seine Rezepte zu halten.


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