Spiegel special: Feindbild Islam

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Spiegel special: „Allahs blutiges Land. Der Islam und der Nahe Osten“
Das neue Feindbild der Freien Welt im Glaubwürdigkeitstest

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Der Spiegel nimmt die Vorstellung, die USA würden die Werte des Abendlandes im Nahen Osten verteidigen, als den wahren Kriegsgrund gegen den Irak und prüft das von Amerika verordnete Feindbild auf seine Stichhaltigkeit. Er kommt zu dem Urteil, dass der Islam – im Unterschied zum Christentum – ein anachronistischer Glaube mit immanentem Hang zum Terrorismus ist und deshalb die Menschheitskultur bedroht. So verleiht der Spiegel dem imperialistischen Krieg der USA den höheren Sinn eines notwendigen Kulturkampfes gegen den Islam.

Spiegel special: „Allahs blutiges Land. Der Islam und der Nahe Osten“
Das neue Feindbild der Freien Welt im Glaubwürdigkeitstes

Wenn Staaten durch ihresgleichen ihre Interessen in nicht hinnehmbarer Weise verletzt sehen, gehen sie gewaltsam gegen ihre Feinde vor, belassen es allerdings nicht dabei. Stets verlegen sie sich darauf, das Recht, das sie sich praktisch und gewaltsam herausnehmen, auch moralisch in jeder Hinsicht unwidersprechlich zu machen. Dazu lassen sie ihre verletzten Interessen zwar nicht aus den Augen, rücken sie aber ein wenig in den Hintergrund und berufen sich vornehmlich auf Höherwertiges, das sie durch das Betragen der gegnerischen Macht verletzt sehen: Grundsatzfragen aus dem Sittenkodex des staatlichen Machtgebrauchs, den Umgang zwischen den Staaten genauso wie den der Herrschaft mit ihren eigenen Untertanen, wollen sie durch den Staat, an dem sie sich stören, nachhaltig verletzt sehen, so dass ihnen in dessen Gestalt gar keine Macht wie ihresgleichen, sondern eine zur Machtausübung recht eigentlich besehen gar nicht befugte Un-Macht gegenübersteht. So gehört zur praktizierten zwischenstaatlichen Feindschaft ein Feindbild, welches die Berechtigung zur eigenen Gewaltausübung mit der abgrundtiefen Verwerflichkeit dessen bebildert, gegen den sie sich richtet, worüber es regelmäßig dazu kommt, dass in Kriegen nicht nationale Interessen widerstreiten, sondern zwischen den beteiligten Staaten ein Kampf des Guten gegen das Böse ausgetragen wird. Aus dieser gedanklichen Leistung der Feindbildpflege erschließt sich auch deren praktische Bedeutung: Sie gilt der Pflege des Bewusstseins der eigenen Untertanenmannschaft, den auswärtigen Händeln ihres Staates nicht etwa zwangsweise, sondern aus unabweisbar guten Gründen und mit astreinem Gewissen zu dienen; sie zielt darüber hinaus auf all jene Nationen, die für die Bekämpfung sittlich unstatthafter, zur Machtausübung deswegen unbefugter Herrscher und Herrschaftssysteme als Bündnispartner gewonnen werden sollen; und sie ist, nicht erst im Ernstfall, an das Volk des Feindes adressiert, das via Satellit und Luftpost erfährt, dass es leider der falschen Nation angehört und von den falschen Führern regiert wird. Insofern ist der Entwurf wie auch die immer wieder fällige Aktualisierung eines Bildes vom Feind kein ‚bloßer‘ Überbau, sondern notwendiger Bestandteil des Vollzugs von oben angesagter und betriebener Haupt- und Nebenfeindschaften in der Staatenwelt: Erzeugung, Anpassung und Pflege der patriotisch korrekten Gesinnung sind für die nationalen Herren über Krieg und Frieden unverzichtbar.

So auch und erst recht im Fall der USA und bei deren Programm zur Durchsetzung einer Weltordnung nach ihrem Bedarf. Mit ihren Kriegen gegen die Taliban in Afghanistan und gegen den Irak Saddam Husseins verteidigen sie nichts weniger als die gemeinsame westliche Zivilisation gegen deren Feinde, die im islamischen Fundamentalismus den Nährboden für ihre Verbrechen haben – so die weltweit zustimmungsheischende politische Begründung der Weltmacht für ihre imperialistischen Großtaten, die ausnahmslos alle Staaten und ihre Völker betreffen.

Eine Herausforderung ist dies erstens für die regierenden Nationalisten in den Staaten, die Amerikas Kriege auf diese Weise grundsätzlich gutheißen sollen. Ihnen wird mit der Definition des US-Feldzugs gegen antiamerikanische Umtriebe als Kampf gegen das Böse die ‚Frage‘ vorgelegt, wie sie sich in der damit ausgerufenen neuen Weltlage aufstellen, für oder gegen die Weltmacht, und mittels Berufung auf höchste Werte verdolmetscht, dass sie um eine Antwort in dieser Alternative nicht herum kommen; je nach dem, wie sie ausfällt, darf sich eine Nation zur Fraktion der „willigen“ Kämpfer für die Zivilisation oder zu den Verrätern des westlichen Wertehimmels zählen – mit Folgen, die mehr als nur den internationalen Ruf, nämlich die Geltung der nationalen Interessen betreffen. Herausgefordert sehen sich darüber zweitens selbstverständlich auch die in diesen Staaten für die politische Kultur Zuständigen. Die stellen, wie es Auftrag und Gewohnheit berufsmäßiger Gesinnungspfleger ist, die imperialistische Sache allerdings gleich auf den Kopf. Sie nehmen die Vorstellung einer Auseinandersetzung auf allerhöchster Ebene, auf der die ‚zivilisatorischen Errungenschaften‘ und sämtliche Werte des Abendlandes auf dem Spiel stehen sollen, als den wahren und letzten Grund der gewaltsamen Auseinandersetzung bitter ernst – und machen sich dann daran, das Feindbild auf seine Stichhaltigkeit und Überzeugungskraft hin zu überprüfen.

1. Eine Spiegel-‚Hausmitteilung‘ zum Standpunkt der Betrachtung: Imperialismus als kulturelles Phänomen

Amerika führt als ersten Schritt im Befriedungsprogramm, das dem gesamten Nahen Osten gilt, Krieg gegen den Irak, und dieser Krieg schafft nicht nur Opfer vor Ort, sondern auch eine ganz eigene Betroffenheit in Europas Metropolen – Stichwort: weltpolitische Degradierung wegen mangelnder Kriegsführungsfähigkeit. Anlass genug für ein Spiegel special, für ein Magazin zum Thema, das auf nicht weniger als 130 Seiten Aufklärung über den Islam im Nahen Osten verspricht. Warum einem dieses Thema unter den Nägel brennen soll, begründet die Redaktion in ihrer ‚Hausmitteilung‘ nicht weiter: Seit Jahrzehnten schon, und nun wieder durch den Krieg im Irak, ist der Nahe Osten die explosivste Krisenregion der Erde (Hausmitteilung, S.3) – wenn Krieg ist, sind Hamburger Experten für Kultur und Religion zur Stellungnahme gefragt; davon gehen sie als Profis, die jedes auswärtige Blutbad mit dem Zynismus der Souveränität (‚Was heißt das in Bezug auf uns?‘) zu beurteilen pflegen, jedenfalls aus. Dabei weisen sie sich in ihrem Expertentum sogleich durch den speziellen Blickwinkel aus, über den zwar auch ihre Kollegen von der Nachrichtenredaktion verfügen, der aber erst bei ihnen so schön zum Tragen kommt. Bekannt nämlich sind ihnen die weltpolitischen Ordnungsansprüche durchaus, denen sich die Staaten in Nah-Ost durch die des imperialistischen Westens ausgesetzt sehen: Woche für Woche ist ja dem Blatt, für das sie schreiben, schon zu entnehmen, vom Standpunkt welcher westlicher Aufsichts- oder Sicherheitsinteressen aus sich welcher Staat der Region als Krisenfall entpuppt. Entgangen wird dabei wohl auch ihnen nicht sein, welcher eine Staat des Westens es vor allem ist, der da seit Jahrzehnten schon mit seiner raumgreifenden Existenzgründung befasst ist und ein ums andere Mal die Region aufmischt. Doch die Damen und Herren vom Spiegel special verlegen sich so ersichtlich wie konsequent auf eine etwas andere Sicht der Dinge: Die Objekte, an denen sich die diversen imperialistischen Interessen zu schaffen machen, fassen sich für sie in einem Nahen Osten zusammen, der in Form einer Krisenregion als zwar näher gar nicht bestimmtes, in seiner Unbestimmtheit aber als nur umso prinzipieller vorgestelltes bedrohliches Subjekt und damit auch als Ursache der Gewalt firmiert, die sie dort beständig antreffen. Damit steht logischerweise auch fest, dass keinesfalls die Interessen gesamtwestlicher Außenpolitik die ‚Konflikte‘ in dieser Region schaffen oder schüren, jene vielmehr immer nur passiv ‚betroffen‘ und eine einzige Reaktion auf die ‚Probleme‘ ist, die von dort naturgemäß auszugehen pflegen. Gefragt sind ‚unsere‘ globalen Ordnungspolitiker ja ohnehin stets nur als verantwortungsvolle Autoren von Beiträgen zur ‚Konfliktlösung‘. Jedenfalls wollen sie selbst ihr imperialistisches Engagement alle Mal als reagierende und damit gerechte Gewalt gewürdigt wissen – und so werden sie von den Spiegel-Redakteuren auch gewürdigt. Denn damit die außenpolitischen Verantwortungsträger beim Umgang mit den Problemen, die diese Krisenregion aufzuwerfen pflegt, möglichst alles richtig und nichts verkehrt machen, legt der Hamburger Sachverstand sich ins Zeug. Er wartet mit Antworten auf die ordnungspolitisch-parteiliche Schuld-Frage auf: Woher, i.e. von wem kommt die Gewalt im Nahen Osten? – und wer einen weltpolitischen Störfall schon so interessiert daraufhin befragt, was ihn notorisch zu diesem ausarten lässt, wird dann auch fündig. Das geht dann so:

Das Redaktionsteam hat entdeckt, dass ausgerechnet in den Ecken, wo Gott Allah heißt, so viel Ordnungsbedarf herrscht, ist der Vermutung nachgegangen, dass diese bemerkenswerte Koinzidenz doch wohl kein Zufall sein kann, und dabei im Nahen Osten auf folgende Besonderheiten gestoßen:

„Wie nirgendwo sonst stehen sich auf der Arabischen Halbinsel und in den angrenzenden Ländern islamische und nichtislamische Welt, westlicher und orientalischer Lebensstil, demokratische und absolutistische Gesellschaftssysteme gegenüber. Zentrum und wichtigster Grund für den Zusammenprall der Kulturen ist der nicht enden wollende Konflikt zwischen Israel und Palästinensern. Für zusätzlichen Sprengstoff sorgen die ethnische Vielfalt der Region und die Zersplitterung der islamischen Bewegung.“ (ebd.)

So denken sich Intellektuelle ein weltpolitisches Pulverfass zusammen. Kulturen sind es ohne Zweifel, die da ein ums andere Mal zusammenprallen. Näher betrachtet bestehen die jedoch nur aus dem gedanklichen Brei, den diese Experten aus Religion, Lebensstil und Herrschaft problemlos in einem einzigen Satz zusammenrühren können. Unfähig oder unwillig, zwischen der Staatsmacht und dem regierten Volk zu unterscheiden, womöglich einen Gegensatz zwischen Herrschaft und Beherrschten zu vermuten; umso sicherer in der Unterstellung, die Ausübung dieser Macht sei dafür da, ihrem Menschenmaterial irgend eine ‚Lebensart‘ zu ermöglichen und die restliche Welt mit dem ‚Lebensstil‘ nationaler Überlebens-, Ess- oder Betsitten zu beglücken, folgt für Theoretiker des globalen Wettbewerbs von ‚Kulturen‘ daraus der Schluss: Zwischenstaatliche Feindseligkeiten, diesen einfach nicht enden wollenden Konflikt zwischen Israel und seinen Nachbarn zum Beispiel, hat man sich vorzustellen als Ergebnis und Ausdruck einer gewissen Determination, der die im Nahen Osten ansässigen Völkerschaften allesamt unterliegen. Diese wird wahlweise durch religiösen Glauben, durch sonstige Gewohnheiten des Alltagslebens, durch die politische Verfassung ihrer Gesellschaft, irgendwie durch alles zusammen und auch noch zusätzlich dadurch hervorgerufen, dass alles zusammen ethnisch vervielfältigt und religiös zersplittert nebeneinander existiert, und zwar so nebeneinander, dass sich letztlich zwei Lager gegenüberstehen. Denn gut voneinander unterscheiden lassen sich die Völker doch noch, nämlich dadurch, dass die Spiegel-Autoren ihrem wüsten Kombinat aus vulgärstem Idealismus – ‚Lebensstile‘ geben sich auf dem Schlachtfeld ein Stelldichein, ‚ethnische Vielfalt‘ liefert den ‚Sprengstoff‘ – und plattestem Materialismus – ‚Gesellschaftssystem‘ prägt Volksgeist – unterschiedliche Etiketten verpassen: Islamisch-orientalisch-absolutistisch auf der einen, nichtislamisch-westlich-demokratisch auf der anderen Seite. In diese beiden Mischungen auseinander sortiert, wird einem die Sache mit dem ‚Pulverfass‘ dann schon gleich viel klarer. Warum können sich die islamischen Völker dort nicht mit den anderen, westlich-demokratisch-nichtislamischen vertragen?, heißt implizit die Frage, die diese Krisenregion zu eben dieser macht, und einen Gutteil der Antwort bringt sie auch schon mit sich. Es scheint irgendwie so zu sein, dass diese islamischen Völker unverträglich mit der westlichen Zivilisation sind, sich mit der gar nicht vertragen wollen oder können. Warum das so ist, dürfen Spiegel-Leser dann näher erfahren: Der renommierte Islam-Experte und Princeton-Professor Bernard Lewis klärt darüber auf, was den Islam von anderen Religionen unterscheidet, was seine wichtigsten Glaubenssätze sind (ebd.), so dass er mit der Ermittlung der Unterschiede der westlich-demokratische Warentest ‚Wie gefährlich ist der Islam?‘ so richtig beginnen kann. Er hat sich vorgenommen, das Vor-Urteil von der Horde gemeingefährlicher „Gotteskrieger“ als Urteil an denen zu belegen; sehr immanent fällt die Befassung mit der fremden Herrschaft und deren Gläubigen deshalb nicht aus.

2. Die Diagnose: Falscher Glaube dient falschen Herren

Das Titelbild zeigt einen Tempel, in dem schier unzählige Turbanträger auf dem Boden knien; blutverschmierte Pilger mit riesigen Bärten und Macheten; vermummte Frauen, die (sicherlich: antiwestliche) Parolen skandieren; betende Dunkelhäutige, auf deren grünen Stirnbändern unleserliche Schriftzeichen zu erkennen sind (vermutlich: „Allah ist groß“); einen finsteren Herrn mit Sprengstoffgürtel (todsicher: ein Selbstmordattentäter) – und ist ein Argument: Vorsicht vor dem Muslim! Einige dazwischen montierte US-Soldaten mit modernen Schnellfeuergewehren bestärken die Ahnung, dass „unser“ hiesiger Kulturkreis trotz eingeleiteter Gegenmaßnahmen von diesem Menschenschlag offenbar bedroht sein muss.

Der Text bemüht sich sehr, um nicht zu sagen: ausschließlich darum, den Eindruck zu fundieren, der sich im praktischen Gefühl zivilisierter Zeitgenossen beim Betrachten des Bildes schon erfolgreich eingestellt hat. Die Darlegung frommer Sitten und Gebräuche in Morgen- und Abendland, aber auch politischer und ökonomischer Länderdaten, gehorcht der Logik eines interessierten Vergleichs, bei dem man eher nichts darüber erfährt, wo die Gemeinsamkeiten und Unterschiede der ‚Kulturen‘ beim Glauben und Missionieren, Regieren und Wirtschaften bestehen: Bibel und Christentum, Sitten und Gebräuche westlicher Nationen im Umgang mit irdischen und höheren Mächten geben den Maßstab vor, an dem Koran, Islam und östliche Nationen und deren Verhältnis zu Gott und anderem gemessen werden. Die Illustration gewisser Differenzen gegenüber dem aufgeklärt-zivilisierten Standard westlicher Geistes- und Herrschaftskultur ergibt, was das Beten und Staat-Machen im Osten betrifft, ganz von selbst die Diagnose einer gewissen Abweichung. Sie spitzt das hierzulande übliche Urteil über fremdländische Sitten, das vom Standpunkt überlegener Gewalt zu dem ‚Schluss‘ kommt, dass andere Länder und deren Angehörige stets die Behandlung, die wir ihnen erteilen, auf Grund ihrer Eigenschaften auch verdienen, auf den Befund zu, dass die für manches Völkchen reservierte Kategorie ‚Reiz des Fremden‘ hier fehl am Platz ist. Praktikanten dieser Religion, Anhänger islamischer Bewegungen, Insassen islamischer Staaten und diese islamischen Staaten selbst: Sie alle sind gleichermaßen Zeugnisse einer nicht nur befremdlichen, sondern geradezu fremdartigen, weil unaufgeklärten Kultur, die zur unseren nicht passt und deswegen für diese auch eine Gefahr ist.

Diese Diagnose, wonach bei den islamischen Völkerschaften weder die Religion noch die Herren, die sich ihrer bedienen, in diese Zeit, sprich: in diese Welt passen – so, wie sie nun einmal beschaffen ist und daher auch rundum in Ordnung geht –, ist nicht besonders originell: Bush verkündet und BILD bedient sie täglich. Aber sie wird, wie es sich für gebildetere Kreise gehört, mit wissenschaftlich fundierten Argumenten begründet. Das Spiegel special liefert religionswissenschaftlich, geschichtsteleologisch und länderkundlich untermauerte, also über jeden Verdacht eines dumpfen Rassismus erhabene Beweise für die Minderwertigkeit des islamischem Glaubens und der arabischen Staatenwelt gleichermaßen:

Beweis Nr. 1: Der islamische Glaube ist fundamentalistisch.

Dieses Urteil nur einen Moment lang einmal sachlich genommen: Es wäre ein Witz, wäre der Islam dies nicht! Der religiöse Wahn, der apodiktisch von sich behauptet, theoretisch wahr, d.h. einzig gültig und praktisch wirksam zu sein, über der wirklichen Welt und ihren wirklichen Herren einen ausgedachten Allerhöchsten anzubeten und absolut zu setzen, ist schließlich Markenzeichen jeder Religion. Gleiches trifft auf das Bedürfnis zu, Gottes Ge- und Verbote als alle, Gläubige wie Ungläubige, verpflichtenden Sittenkodex im Diesseits zu etablieren: Auch dies vereint alle, die es mit ihrem Glauben ernst meinen, zu ziemlich fundamentalistischen, also kompromisslosen und prinzipienreiterischen Eiferern in eigener Sache und deshalb gegen konkurrierende Glaubensbekenntnisse. Dass dabei der Einsatz für die gerechte Sache Gottes höchst weltliche Formen annimmt und bei Bedarf über Leichen geht, gehört gleichfalls zu den Tugenden des Glaubens. Wie wenig sich auch in dieser Hinsicht die großen Weltreligionen einander schuldig bleiben, ist dem Spiegel bekannt:

„Christenheit und Islam sind in vielerlei Hinsicht eng verwandt“…, „die Geschichte des Islam – wie die des Christentums oder Judentums – (ist) von Gewalt geprägt“ (S.8).

Das Fundamentalistische, das diese Religionsexperten am Islam aufgespürt haben wollen, betrifft also der Sache nach gar nicht ihn selbst als Glaubensbekenntnis. Indem sie den Islam zum Thema machen, wollen die Autoren des Heftes vielmehr an ihm das thematisieren, was sie für die Stör- und Gefahrenquelle halten, die die ‚islamische Welt‘ für „unseren“ Westen darstellt: Sie wollen an dieser Religion als deren Besonderheit ihre im Vergleich zur westlichen Zivilisation abweichende Stellung zur weltlichen Macht ausdrücken. Sie nehmen sich vor, den Umstand, dass der Islam es nicht zu einem dem Christentum vergleichbaren Arrangement mit den wirklichen irdischen Herren gebracht hat, zum fundamentalistischen Charakteristikum dieser Religion erklären; und dass ihr ganzer Vergleich der Religionen nur auf dieses Quidproquo zielt, sagen sie frei heraus: Nirgendwo nämlich sind für sie

„die Unterschiede offenkundiger als in der Einstellung beider Religionen und ihrer offiziellen Vertreter zum Verhältnis von Staat, Religion und Gesellschaft. Der Begründer des Christentums rief seine Glaubensbrüder auf ‚So gebet dem Kaiser, was des Kaisers ist, und Gott, was Gottes ist.‘ … Der Begründer des Islams war dagegen sein eigener Konstantin. Der für die Geschichte der westlichen christlichen Welt so entscheidende Gegensatz von Regnum und Sacerdotium – von weltlicher und geistlicher Herrschaft – hat im Islam keine Entsprechung.“ (S.11)

Nun wird es wohl schon so sein, dass sich gläubige Muslime in staatlich verfassten Gemeinschaften, die sich manchmal auch noch ‚islamische Republik‘ nennen, nicht in der Weise auf die Trennung von und Unterordnung unter die Angelegenheiten der weltlichen Herrschaft verstehen, wie dies bei Laien und Berufschristen hierzulande üblich ist. Aber das wollen die Spiegel-Redakteure gerade nicht als die Eigenheit dieser islamischen Staaten und der Funktion, die sie der Religion beimessen, zur Sprache gebracht haben, sondern als Eigentümlichkeit der islamischen Religion gewürdigt wissen. Von der Norm in Sachen ‚Trennung von weltlicher und geistlicher Herrschaft‘ – sprich: der Leistung, 2 Herren untertan zu sein, und zwar dem einen real und praktisch, dem anderen ideell und ganz privat für sich –, für die das Christentum steht, weicht diese Religion ab. Und auch wenn sie so weder fürs Christentum noch für den Islam ein einziges sachliches Urteil über Staat oder Religion oder das Verhältnis beider zueinander losgeworden sind: Dass jedenfalls ihnen die tugendhafte Kombination aus staatsbürgerlichem Gehorsam, moralischer Selbstbeschränkung und frommer Schicksalsgläubigkeit, also das Zusammenspiel von Macht und Religion so, wie sie es kennen, als überaus aufgeklärt, zivilisiert und in sittlicher Hinsicht maßstabbildend erscheint, geben sie schon zu Protokoll.

Damit teilen sie aber schon auch mit, was für aufgeklärte und modern zivilisierte Intellektuelle sonst noch alles grundsätzlich in Ordnung geht. Der Irrationalismus des Glaubens an ein höheres Wesen, das wir verehren; die dazu gehörigen Rituale gelebter und öffentlicher Selbsterniedrigung und Selbstgerechtigkeit, die gläubige Stäubchen in ihres Gottes Universum frohgemut praktizieren; die Tugenden der Fügsamkeit und der Mäßigung, mit denen fromme Leute erzwungene Dienstbarkeit und Armut als Fügung hinnehmen und das Zurechtkommen noch in dürftigsten Verhältnissen als ihre persönliche Prüfung in ihrem irdischen Jammertal begreifen: All das ist im Grunde genommen für sie eine feine Sache, weil und insofern die Religion ja den Elenden und Beladenen Trost spendet und ihrem täglichen Mitmachen im herrschenden Getriebe einen tieferen Sinn verleiht. Insofern wäre auch gar nichts gegen den Islam einzuwenden, wenn er es denn beim Verherrlichen von Paradiesen und ähnlichen ideellen Löhnen für diesseitige Demut beließe:

„Doch so sehr die Lehre des Propheten auch das Paradies verherrlicht: Im Gegensatz zum Christentum trachtet der Islam durchaus nach irdischer Macht – damit begründen Fundamentalisten ihren Kampf für den Gottesstaat. Dass sie sich höchst anschaulich auf den Propheten berufen können, ist die eigentliche Bürde der Religion. Sie macht den Koran, die heilige Schrift der Muslime mit den Offenbarungen Allahs, zu einer brennenden Lunte. Das Pulverfass, das sie entzünden könnte, heißt Nahost.“ (S.6 f.)

Zur Intellektuelle belastenden ‚Bürde‘ wird die Religion also erst, wenn sie ‚nach irdischer Macht‘ trachtet, womit die Spiegel-Autoren wissen lassen, dass ihre pauschale Wertschätzung des religiösen Irrationalismus auch die funktionellen Dienste mit einbegreift, die der Glauben an den Höchsten im Himmel für demokratische Regenten auf Erden alle Mal abwirft, wenn er reine Privatangelegenheit ist. Denn solange die religiös eingebildeten höheren Maßgeblichkeiten Gegenstand nur privater Verinnerlichung bleiben, ist die Welt im Spiegel ja in Ordnung – dann nämlich pflegen sich die Gläubigen einfach nicht nur nicht an der Macht zu vergreifen, die sie nichts angeht, weil im bürgerlichen Staat nach der allein die weltlichen Herren trachten: Sie setzen diese Herren selbst im selben Zug absolut, in dem sie ihren Glauben an eine allerhöchste Macht im Jenseits zum bloß persönlichen Spleen, Gott als Instanz absoluter Verbindlichkeit zum ganz und gar unverbindlichen Angebot für andere degradieren. Auch diese Schizophrenie kriegen bürgerliche Christen hin. Dank ihr ist der Glauben eben so produktiv bei der Verfestigung der rechten Gehorsamshaltung, die sich auf Erden geziemt, so dass ein Heer selbstbewusster Gottesknechte seiner Herrschaft auch immer als Manövriermasse grundloyaler Untertanen zur Verfügung steht, mobilisierbar und begeisterungsfähig für so gut wie alles, was ihm an ökonomischen Lebensbedingungen und politischen Tagesbefehlen zugemutet wird. Den Religionsexperten vom Spiegel kommt diese funktionelle Arbeitsteilung zwischen dem verinnerlichten, Sinn und geistige Heimat stiftenden Dienst an einem Höchsten und der lebenslang praktizierten Anpassung an alles Restliche auf Erden derart grundvernünftig vor, dass sie auch dieses schöne Abfallprodukt der ‚Trennung von geistlicher und weltlicher Macht‘ gleich wieder zu einer christlich-religiösen Besonderheit verklären, daher vom Islam umgekehrt auch nur wieder mitteilen, dass dessen Gläubige es – eben im Gegensatz zum Christentum – bei der bloßen affirmativen Sinnstiftung bisweilen nicht bewenden lassen – und schon weiß man wieder über nichts irgendetwas Genaues, aber über den Islam vollkommen Bescheid: Diese Religion neigt dazu, nicht den Staat, sondern Gott absolut zu setzen. Mohammed ist Zeuge: Seit der Zeit seiner Entstehung … wird der Islam im Denken und in der Erinnerung der Muslime mit der Ausübung politischer und militärischer Macht in Erinnerung gebracht. (S.13) Sie will nicht nur schmückendes moralisches Beiwerk zum alltäglichen politischen Treiben sein, sondern sieht sich glatt zum Eingreifen ins gesellschaftliche Leben berufen – und das ist es dann, was für den Spiegel aus dem Islam den islamischen Fundamentalismus macht, der den ganzen Nahen Osten in die Luft sprengt, denn: Im Islam hatte der Kampf zwischen Gut und Böse von Anfang an politische und sogar militärische Dimensionen. (S.16)

So findet der versprochene Vergleich der Religionen zwar nicht so recht statt, der Vergleich aber, wie es die Religionen mit ihrem Verhältnis zum Staat halten, fördert am Islam immerhin doch einen bemerkenswerten Mangel zutage: Er hat da nicht die richtige Stellung, die sich der weltlichen Macht gegenüber für einen religiösen Glauben nun einmal einzunehmen gehört. Und zum Beweis, dass dieser Befund weit mehr ist als nur ein parteiliches Urteil der Anhänger unserer Lebensart, dass also dem Islam tatsächlich etwas fehlt, was zivilisierte Nationen in ihren Religionen nun einmal haben, lassen die Vertreter der westlichen Zivilisation einen ideellen Richter der besonderen Art sprechen – die Geschichte, genauer: unsere Geschichte.

Beweis Nr. 2: Die Geschichte strebt nach Aufklärung, Trennung von Kirche und Staat, Demokratie und westlicher Zivilisation.

„Auch im Westen ist die Demokratie nicht vom Himmel gefallen. Nicht zuletzt das traumatische Erlebnis des religiös inspirierten Dreißigjährigen Krieges im 17. Jh., der in manchen Regionen mehr als die Hälfte der Bevölkerung hinwegraffte, trug viel zur Aufklärung bei und damit zur Trennung von Religion und Staat. Bekanntlich brachte diese Abgrenzung nicht unverzüglich die Demokratie. Zuletzt haben Pseudo- und Ersatzreligionen wie Nationalismus und Kommunismus der Entwicklung Europas schwere Rückschläge beigebracht. Dies ändert jedoch nichts daran, dass die Trennung von Religion und Staat eine der wichtigsten Voraussetzungen für Demokratie geblieben ist. Eine ähnliche Entwicklung hat der Nahe Osten im letzten halben Jahrtausend nicht erlebt, weder einen Religions- oder Konfessionskrieg von der selbstzerstörerischen Art des Dreißigjährigen Krieges noch eine intensive Diskussion um die Trennung von Religion und Politik, dem Kernstück eines säkularen Staates.“ (S.24)

Das Geschichtsbild moderner und aufgeklärter demokratischer Denker, von dem die Spiegel-Autoren hier eine Kostprobe geben, ist in mehrfacher Hinsicht bemerkenswert. Es zeichnet sich erst einmal durch seine bodenlose Dummheit aus: Es war einmal ein großer Krieg, der, wie genau wissen wir nicht, jedenfalls ‚nicht zuletzt,‘ zu etwas ‚beitrug‘; dieses etwas heißt ‚Aufklärung‘, von der wir gleichfalls nichts näher zu wissen brauchen, weil auch die nur zu etwas anderem einen Beitrag geliefert hat; was es mit diesem, der ‚Trennung von Kirche und Staat‘, näher auf sich hat, ist uns auch scheißegal, weil auch besagte ‚Trennung‘ nur wieder etwas ‚brachte‘, die ‚Demokratie‘; ‚nicht unverzüglich‘ zwar, letztlich aber doch, was man daran sieht, dass wir sie ja heute haben, die Demokratie. Sonst war da eigentlich nichts; allenfalls noch erwähnenswert sind da zwei ‚Ersatzreligionen‘ (etwas anderes können ‚Kommunismus‘ und ‚Nationalismus‘ gar nicht gewollt haben), die aber nicht mehr im Angebot sind und daher auch nur wieder Europas Teleologie von Gott zur Demokratie beweisen, näher: zum rechten Verhältnis, in welches der Glauben sich zu ihr zu begeben hat. Zugleich aber ist es nicht nur Ignoranz, mit der diese Geister Stichworte zu einer historischen Wirkungskette vernetzen: Zweckmäßig von ‚Geschichte‘ abstrahiert und sie entsprechend verfälscht wird da schon auch. Ein von nach jeweiliger Religionszugehörigkeit separierten Parteien geführter Krieg wird nämlich nur dann zu einem verdienstvollen Beitrag ausgerechnet zur Hervorbringung seines Gegenteils, der Trennung von Herrschaft und Glauben, wenn er ohne Rest in der Betroffenheit der Menschen durch ein moralisches Trauma aufgeht: Dann stehen die Betroffenen 300 Jahre lang unter dem Schock von ‚cuius regio, eius religio‘, bis sie von dem dann durch Frau Geschichte und Vater Staat befreit und mit der Demokratie beschenkt werden, in der sie dann endlich ohne traumatische Nachwehen beten können, bis es kracht. Besagtes ‚Trauma‘ ist auch nur dann als Triebkraft einer Aufklärung aufzufassen, an deren Ende der säkulare Staat herauskommt, wenn man vom ‚Licht der Vernunft‘, für das sich da Denker einmal stark gemacht haben, einfach weglässt, dass diese Vernunft sich als Kritik der Religion Bahn zu schaffen suchte – und keineswegs als deren Fürsprecher, der sich auch noch um den angemessenen Platz des Glaubens im Staat besorgte. Überhaupt miteinander kompatibel schließlich werden 30 Jahre Krieg, die Vernunft von Philosophen und auch noch eine intensive Diskussion über Staat & Kirche nur darüber, dass die Autoren des Spiegel alles gleichermaßen zu bloßen Werkzeugen der Herbeiführung des bürgerlichen status quo in Glaubensdingen degradieren, den sie für furchtbar aufgeklärt und vernünftig halten: Ihre pure Parteilichkeit erklären sie zur Teleologie des Weltenlaufs: Ein zwar dorniger, letztlich aber zwangsläufiger Prozess hin zur Demokratie, der sich der Glauben unter- und darüber in friedlicher Koexistenz zuordnet – das ist für sie ‚Geschichte‘. Faschismus und Sowjetunion sind umgekehrt nur vernunftwidrige Versuche, deren Telos zu hintertreiben, daher vom Historischen Gerichtshof auch zum Scheitern verurteilt.

Ist die aufgeklärte Vernunft namens Demokratie so in jeder erdenklichen Hinsicht unaufhaltbar, weiß man umgekehrt auch schon alles Nötige über den Islam. Dessen Gläubige widersetzen sich der heilsamen Katharsis eines Krieges, eines – im Endeffekt jedenfalls, s. o. – ein für alle Mal die einzig wahre Hierarchie zwischen eingebildeten höheren und realen irdischen Mächten klarstellenden Gewaltschlags. Ihnen fehlt also das nötige Trauma, ohne das aufgeklärte Vernunft nicht zu haben ist, also sind sie auch nicht vernünftig. Wie irrational deswegen die Welt ist, in der sie anders leben als wir, weiß der Spiegel dann endlich einmal ganz genau:

„Das rigide Festhalten am Grundsatz der engen Verbindung von Religion und Staat (…) ist einer der verhängnisvollsten Irrationalismen des modernen Orients, irrational allein schon deshalb, weil die Geschichte (…) in Überfülle Beweise dafür bereithält, dass sich islamisch definierende Herrscher und Regierungen zur Sicherung ihrer Macht ‚unislamischer‘ Mittel bedienten.( …) Die Einheit von Religion und Staat war somit in der islamischen Welt stets Fiktion. Einen demokratischen Staat auf religiöser Grundlage errichten zu wollen ist darüber hinaus ein Widerspruch in sich, da in einem Staate, der sich aus einer bestimmten Religion oder Konfession heraus definiert, alle Menschen, die sich nicht zur Religion der Herrschenden bekennen, …bestenfalls nur Bürger zweiter Klasse sein können. Allein deshalb wird das iranische Experiment, ‚Religion und Freiheit miteinander auszusöhnen‘ (Chatami), scheitern.“ (S.24)

Staaten, in denen die Sache mit dem Glauben anders geregelt ist als bei uns, spotten jeder Vernunft. Erstens deswegen, weil islamische Herrscher doch glatt auch herrschen und dabei über Machtmittel gebieten, von denen nichts im Koran steht – so lehrt uns die Aufklärung und beweist die Geschichte, dass profane Machtmittel vernünftigerweise nur solchen Herrschern zu Gebote stehen, die sich nicht religiös definieren. Zweitens deswegen, weil es das Herrschen auf islamisch, an dem sie in ihrem Irrsinn so rigide festhalten, ohnehin gar nicht gibt, es eine pure Fiktion ist und sie den Glauben bloß vorschieben, um dann doch nur ganz ungläubig zu herrschen. Drittens, weil diese Fiktion auch noch den Widerspruch in sich birgt, dass sich mit ihr einfach nicht bürgerlich-demokratisch-freiheitlich Staat machen lässt. Dies nehmen sich islamisch definierende Herrscher und Regierungen sich zwar gerade nicht als ihren Haupt- und Generalzweck vor, doch hat sich diese Räson des Herrschens eben als bestimmendes Prinzip aus aller Geschichte herausgemendelt. Deswegen ist viertens die allergrößte Irrationalität an diesen abweichenden Staatsprojekten, dass sie betrieben werden, obwohl sie doch nur scheitern können. Aber auf den Spiegel hört wieder keiner, in Persien nicht und auch nicht im Nahen Osten, schlimmer noch:

„Verstärkend kommt noch hinzu, dass Selbstkritik und das Recht auf freie Meinungsäußerung im Nahen Osten immer noch Mangelware sind. Das wird durch einen patriarchalischen Ehrbegriff und starre politische, gesellschaftliche und religiöse Traditionen noch gefördert. Selbstkritik und freie Meinungsäußerung sind aber wichtige Elemente einer demokratischen Kultur.“ (S.23 f.)

Ja, ‚Selbstkritik‘, das adelt die Demokratie – hört man von einem schreibenden Element dieser Kultur, das die eigene affirmative Parteilichkeit für die westliche Herrschaftsform so weit treibt, gleich die ganze Weltgeschichte zu einem einzigen Weg hin zum Objekt seiner Wertschätzung aufzublasen! ‚Toleranz‘ beim Meinen und Dafürhalten – predigt einer, dem das imperialistische Erfolgsrecht von Freiheit und Demokratie dermaßen zu Kopf gestiegen ist, dass für ihn abweichende Staatsgebilde ohnehin nur wert sind, zugrunde zu gehen! Und dessen bescheidene Meinung dann auch noch gleich so frei ist, den prowestlich-christlich-demokratischen Fanatismus, der ihn umtreibt, als innerstes Drangsal all derer aufzuspüren, die 5 x täglich ihre durchaus freie Meinung vertreten, welche sich in ‚Allah u akbar‘ zusammenfasst. Das spendet ihm dann doch noch Trost: Geradezu tröstlich ist es da, dass die überwiegende Masse der Bevölkerung des Nahen Ostens dennoch ein unverkennbares, wenn auch noch recht diffuses Verlangen nach demokratischen Freiheiten besitzt. (S.24) Der Araber und die Araberin mögen sich ja vieles vorstellen, wenn sie mit ihrer sozialen Lage und dem moralischen Terror ihrer Herrschaft unzufrieden sind, die ihnen das Leben schwer macht – ein westliches Nachrichtenmagazin weiß Bescheid, wonach ihnen, eigentlich, der Sinn steht: Insgeheim wollen sie so werden, wie wir schon sind!

Fragt sich nur, warum sie es dann einfach nicht werden: Warum bleiben die Parteigänger des Islam nicht auf dem Betteppich, wo gläubige Schafe hin gehören? Warum zünden sie nicht nur Kerzen in der Kirche, sondern auch manch eigenen Staatstempel, israelischen Tanzpalast oder amerikanischen Wolkenkratzer an? Können sie nicht anders oder wollen sie es so?

Beweis Nr. 3: ‚Allahs Jünger‘ – ein ganz spezieller Menschenschlag

Auch wenn mittlerweile als doch ziemlich gesicherte Erkenntnis feststeht, welche Sorten von ‚Kultur‘ da zwischen Ost und West ‚zusammenprallen‘, nämlich die eine höhere, auf die nun einmal die Weltgeschichte hinausläuft, und die andere, die sich dem unabweisbaren zivilisatorischen Fortschritt widersetzt: Verachtungsvoll auf die Völkerschaften mit den falschen Sitten herabzublicken – das ist keinesfalls Sache des Spiegel. Den Hamburger Statthaltern des demokratischen Weltkulturerbes ist die Kategorie völkischer Minderwertigkeit absolut fremd. Auch wenn sie ihre Kultur selbstverständlich als Ausweis allerhöchsten Menschentums begreifen: ‚Untermenschen‘ sind die unaufgeklärten Anhänger Mohammeds für sie deswegen keineswegs. Freilich: Irgendwie anders als wir müssen sie schon sein. Irgendwo in ihnen muss es etwas geben, was sie immer wieder zu unchristlicher, antiwestlicher Intoleranz inspiriert, denn man sieht es ja überdeutlich: Noch immer kann die ganze islamische Welt Amerika, die Speerspitze aller westlichen Zivilisation, nicht leiden. Speziell die Iraker – zwar keine Fundamentalisten in dem Sinn, aber doch schiitische und sunnitische Moslems – lernen einfach nichts dazu und empfinden das Besatzungsregime der USA glatt wie ein Besatzungsregime. Für diese anti-westliche und anti-demokratische Intransigenz muss es doch wohl in denen, die sie so hartnäckig an den Tag legen, einen Grund geben. Und in der Tat:

„Während in Europa nach dem 2. Weltkrieg die Amerikaner als Befreier allenthalben begrüßt wurden, ist dies – offensichtlich zum Erstaunen der USA – in der islamischen Welt im Allgemeinen und im Nahen Osten im Besonderen allenfalls begrenzt zu beobachten. Eine der häufigsten Slogans bei Demonstrationen im Nachkriegs-Irak lautet: ‚Nein zu Saddam, ja zum Islam!‘. Eine Losung ‚Nein zu Saddam, ja zur Demokratie!‘ ist hingegen nicht zu vernehmen. Den Europäern fiel es auch deswegen leicht, die Amerikaner nach dem 2. Weltkrieg zu begrüßen, weil die USA letztlich ethnisch und kulturell in erster Linie ein Produkt des ‚alten Europa‘ sind; nicht wenige GIs nutzten die Gelegenheit ihrer Stationierung, um nach den Stätten ihrer Vorfahren zu suchen. Dem Orient hingegen fehlt dieses geistige Erbgut, das ihn mit dem Westen verbinden würde.“ (S.23)

Ja, wo bleibt bei diesen Leuten nur das leise gehauchte ‚Danke!‘, dass Amerika den Krieg gegen ihre Unterdrücker und Giftmischer geführt hat? Und warum brüllt keiner ‚Demokratie!‘, wie der Hamburger Parolenausschuss für Demonstrationen in Bagdad empfiehlt? Warum sehnt sich der Iraker in seinem zerbombten Haus nicht nach dem Menschenrecht einer Wahlkabine? Warum kapiert er nicht, dass er nun endlich vom Joch eines rückständigen kulturellen Daseins erlöst und zu einer neuen Herrschaft befreit worden ist? Während die Weltmacht darüber noch sehr ‚erstaunt‘ ist, hat der Spiegel längst herausgefunden, warum das alles so ist. Nicht, weil die Leute vielleicht andere Sorgen haben als die, demokratisch ‚gut regiert‘ zu werden; erst recht nicht, weil Iraker gediegene Patrioten sind wie wohlerzogene Bürger anderswo auch; schon gleich nicht, weil sich islamische Wähler und Politiker mit der proamerikanischen Staatsräson nicht anfreunden wollen, die sie umstandslos absegnen sollen: Dem Morgenländer fehlt das geistige Erbgut, die naturwüchsige innerliche Verbundenheit mit der westlichen Demokratiekultur – und damit die eingeborene Stellschraube im Gehirn, die uns Europäer unsere ‚Befreier‘ aus dem Westen sofort als Überbringer von Zivilisation und Kultur umarmen ließ, während wir zu den slawischen aus dem Osten – instinktiv – auf Distanz gingen! Das ist der demokratische Rassismus und Kulturimperialismus, der ganz ohne jede Verachtung auskommt, daher nie und nimmer rassistisch ist und mit Imperialismus schon gleich nichts zu tun hat. Diese feinen Vertreter der westlichen Zivilisation gehen einfach davon aus, dass das, was ihnen unter allen Auspizien von Kultur und Menschentum besehen als allerhöchste Errungenschaft gilt, selbstverständlich auch für alle anderen Kulturen und Menschen als das Höchste zu gelten hat – und wo dies augenscheinlich nicht der Fall ist, verweisen nicht sie, sondern da verweist für sie eben allein schon dieser Umstand auf den Defekt, den die Betreffenden haben müssen: Ihnen fehlen die pro-westlichen Chromosomenpaare ‚Freiheit‘ und ‚Demokratie‘, die die Hamburger Redakteure in ihrer so überaus toleranten Denkungsart nicht nur dem Weltgeist, sondern auch noch sich selbst und dem ganzen Rest der Menschheit zuschreiben!

Beweis Nr. 4: Fundamentalisten sagen offen heraus, was sie umtreibt!

Islamische Fundamentalisten sind bekanntlich nicht nur nicht pro-westlich, sie sind auch noch anti-westlich und bekennen sich sogar dazu. Hinter der Maske des biederen Gottesdieners lauert das durch und durch unmoralische Streben nach islamischer Unterjochung der Welt, und das sagt nicht der Spiegel, das sagen sie auch noch selbst:

„Ausgerechnet Ajatollah Ruhollah Chomeini, einer der im Westen bekanntesten Bannerträger des Islam seit Mohammed, dem Gesandten Gottes, wird neuerdings eine Äußerung zugeschrieben, das eher von einem Ungläubigen und Apologeten der Skrupellosigkeit wie Nicolo Machiavelli stammen könnte: ‚Unser Streit geht nicht um Gott. Schlagt euch das aus dem Kopf. Es geht auch nicht um den Islam. Das ist Unsinn. Jeder von uns will die Macht, die ganze Macht‘.“

Klar: Wenn einem ‚Bannerträger des Islam‘ eine ‚Äußerung zugeschrieben wird‘, welche uns endlich zeigt, was er eigentlich im Schilde führt, wird er sie schon auch getätigt haben, die Äußerung, die wir ihm ‚neuerdings‘ zuschreiben. Da gebietet es die kritische journalistische Recherchepflicht nachgerade, aus dem, was uns so gut in den Kram passt, den fälligen Schluss zu ziehen: Ein Hoher Geistlicher Würdenträger, der ‚die Macht‘ will – endgültig entlarvt er sich, der Islam! Freilich: Einem Kirchenfürsten, der sich gegen die Entmachtung der Religion durch den Staat auflehnt und seiner Gemeinde Einfluss und Würde zurück geben will, nachzuweisen, dass es ihm um Macht geht, ist einerseits nicht sensationell – worum sonst sollte es ihm denn gehen, wenn er z. B. den Schah stürzen will? Um ‚Toleranz‘? Andererseits aber steht der Staat der Mullahs seit seiner Gründung auf der Liste jener geächteten ‚Problem‘-Staaten, die in Washington geführt wird – und deshalb fällt das Zitieren des bloßen Wortes „Macht“ aus dem Munde des obersten Staatenlenkers unmittelbar mit der Enttarnung seiner feststehenden unlauteren Absichten zusammen. Und nicht etwa nur den Griff nach ein bisschen, nein, den nach der ganzen Macht lässt der Spiegel als Ajatollahs verkleideten Machiavellis ‚zuschreiben‘ – um damit auszudrücken, dass diesen Herren weder die Staatsmacht noch das Mandat des Glaubens zusteht: Dazu taugt das bürgerliche Schreckbild von den Verbrechern, die bloß auf Macht aus sind und in ihrer inhaltsleeren Gier nach der totalen Macht stets die Weltherrschaft anstreben, in diesem Fall. Die Mullahs, die eigentlich bloß die Staatsmacht wollen, missbrauchen hohe religiöse Werte, was dann andersherum gewendet auch schon den Gottesstaat, um den islamische Nationalisten oder arabische Terroristen bisweilen kämpfen, als eine einzige Perversion diskreditiert: So dogmatisch gilt für die Leute vom Spiegel das rechte Verhältnis von Gott und Welt als Argument, dass allein schon der Wortteil Gottes- den Staat denunziert, den diese Frommen unbedingt wollen. Denen jedenfalls steht die Instrumentalisierung von Gott, Kirche und Gemeinde für ihre weltliche Herrschaft und politischen Ambitionen nicht zu.

Beweis Nr. 5: Irak, Iran – man sieht es ja!

Ein Weltbild, das die Demokratie als Haupttendenz der Weltgeschichte erfasst; das die rechte Trennung und Unterordnung des Glaubens in seinem Verhältnis zur Macht als Schlüsselstelle für den Fortschritt aller menschlich-kulturellen wie politisch-herrschaftlichen Zivilisiertheit begreift; das islamischen Abweichlern vom eigenen imaginierten Weltenplan Naturwidrigkeit, ihren Führern bösen Willen und sittliche Verfehlung in jeder erdenklichen Hinsicht attestiert: Dieses Weltbild ist wahrlich komplett. Und obwohl es zur Untermauerung der Stichhaltigkeit seiner Anschauungen gar keines weiteren Beweises mehr bedürfte: Wie jede Weltanschauung, so hat auch diese demokratisch-imperialistische Kulturphilosophie in der Welt, die sie so betrachtet, den stärksten aller Beweise, dass sie mit ihrer Betrachtung genau richtig liegt. Natürlich sind der Redaktion des Spiegel die politischen Ambitionen von Staaten wie Irak oder Iran bekannt, die, unzufrieden mit dem Rang ihrer Kirche im Staat und/oder dem Platz ihres Staates in der Welt, ihre Gemeinden gegen den Schah und/oder die USA mobilisieren. Aber Experten für ‚islamischen Fundamentalismus‘ wissen über die Hintergründe dieser Politik Bescheid – und finden ganz ohne jedes Urteil über die Politik des Iran oder Irak und im Nahen Osten überhaupt an ihr einfach nur immer alles bestätigt, was sie sich zum Islam gedacht haben. Staaten, die die korrekte Rangordnung von Erde und Himmel vertauschen, sich als Exekutoren eines islamischen oder arabischen, jedenfalls abweichenden Wertekatalogs behaupten, überhaupt unaufgeklärte und rückständige Zwangsvereine sind – solche Gebilde können einfach nichts anderes sein als das, was ihnen im Zuge ihrer weltpolitischen Ächtung und Ausgrenzung zur Last gelegt wird: Wer dem Glauben den falschen Platz zuweist, setzt auch die falschen Herren gegen die richtigen, zur Pflege von und Aufsicht über den zivilisatorischen Fortschritt namens Weltordnung allein befugten, absolut. Klar daher, dass er sich auf der Anklagebank des in Washington tagenden Weltgerichts wieder findet und bestraft wird! Und so kann sich der dank Säkularisation und Spiegel bestens aufgeklärte westliche Demokrat an jedem Stück des realen weltpolitischen Fortschritts der immergleichen idealen Teleologie versichern, die er über den Gang der Dinge im Kopf hat; je weniger er von letzterem weiß, desto besser gelingt ihm Ersteres. Von den Ajatollahs – der Gottesstaat hat versagt – bis zu den saudischen Prinzen – der aggressive Export ihres mittelalterlichen Islam-Konzepts hält bis heute an - entdeckt er fast nur Machthaber, die auf Grund veralteter Herrschafts- und Missionierungstechniken ihr Existenzrecht verwirkt haben und trotzdem fanatisch an ihrem Thron kleben, oder Reformer wie Assad jr. in Syrien oder Chatami im Iran, die eine vorsichtige Annäherung an den Westen betreiben, von ihrem verblendeten Volk oder engstirnigen Klerus an diesem mutigen Schritt aber gehindert werden, usw.: Stets findet er die weltpolitischen Urteile der imperialistischen Mächte an den Objekten ihrer Feindschaft in deren Wesenseigenschaften gut begründet wieder. Die müssen ihnen wohl abgewöhnt werden, und die Bedeutung der fast bibelwürdigen Gleichnisse von der brennenden Lunte namens Koran, von diesem Glauben, der die eigentliche Bürde unseres Erdenkreises ist, und von dem Pulverfass Nahost, das er entzünden könnte, erschließt sich ihm dann wieder ganz praktisch-sinnfällig – in Form der laufenden weltordnungspolitischen Aktionen einer Weltmacht nämlich, weil die seinem Weltbild gemäß vor Ort ja nur als Feuerwehr zum Schutz der Menschheit vor diesem ‚Pulverfass‘ zugange ist. Und wenn den Freunden Allahs der Hang zu Übergriffen auf andere, moderne Nationen, die bei sich daheim die hohe Kultur der Trennung von Regnum und Sacerdotium entwickelt haben, schon irgendwie im Blut liegt, ist es letztlich nur logisch, wenn gegen die vielen Rufe der Muezzins von maßgeblicher Seite der nach ‚Regimewechsel‘ laut wird!

Alles in allem: Das Feindbild stimmt!

So beglaubigt ein deutsches Magazin das Feindbild ‚islamischer Fundamentalismus‘, das die USA zwecks solidarischer Übernahme in Umlauf gesetzt haben. Nicht, weil auch ‚wir‘ uns ein plausibles Bild von einem Feind machen wollen, sondern weil der so ist, ‚uns‘ also geradezu nötigt, ihn als die neue Gefahr zu erkennen und als solche auch ernst zu nehmen:

„Keine Weltreligion verbreitet sich so schnell, mit Wachstumsraten, von denen der Papst nur träumen kann. In 46 Ländern von Afrika bis Südostasien, verneigt sich die Mehrheit der Bevölkerung fünfmal am Tag gen Mekka, in gut einem Dutzend ist der Islam Staatsreligion.“ (…) „An einer Konfrontation, gar am Zusammenprall der Kulturen, hat die Mehrheit bei Gott kein Interesse. Wenn der Islam im Westen dennoch als bedrohlich empfunden wird, so nicht allein, weil Europa und Amerika nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion ein neues Feindbild brauchten, wie viele Muslime behaupten. Geprägt haben das Schreckensbild vom aggressiven Islam, das viele gemäßigte Gläubige so empört, Fanatiker aus den eigenen Reihen, die im Namen Allahs mit aller Gewalt für ein Gottesreich auf Erden kämpfen.“ (S.8)

Die Versicherung, nicht alle Mitglieder der – rasend wachsenden – Muslimenschar seien Fanatiker, ist nach der Spiegel-Lektüre zwar kaum noch vorstellbar, aber, siehe da, der Spiegel kennt auch noch andere Falschgläubige, gemäßigte. Die sind sogar die Mehrheit und, ganz wie der Spiegel, über ‚Fanatiker‘ in ihren eigenen Reihen ‚empört‘ – was wohl hinlänglich das Differenzierungsvermögen der Hamburger Schreiber belegt und damit auch, dass hier keine primitive Feindbildpflege, sondern im Gegenteil der Versuch vorliegt, den Islam gegen seinen schlechten Ruf in Schutz zu nehmen. Sogar den ‚Westen‘ selbst entlässt der Spiegel nicht ganz aus einer gewissen Mit-Verantwortung für ein falsches – eben: nicht genug ‚differenziertes‘! – Bild des Islam. Ein neues Feindbild sei kulturimperialistisch gesehen nicht ungelegen gekommen, nachdem man mit dem Kommunismus den alten Beweis der eigenen sittlichen Überlegenheit so unverhofft verloren hatte. Da haben die Muslime schon recht. Bloß nutzt es ja nichts: Es bleibt – Differenzierung hin, Selbstkritik her – unterm Strich doch einfach der gewaltsame Fanatismus, der zum Islam dazugehört, der die zivilisierte Welt bekämpft, der den Nahen Osten zum Konfliktfeld macht… siehe oben.

In diesem Sinne bekämpft das Spiegel-Heft „Allahs Blutiges Land“ die öffentliche Auffassung, bei arabischen Gotteskriegern, die im Namen ihres Allah Amerika überfallen, läge ein Missbrauch eines an sich guten Glaubens vor – damals, im September, hieß die berechnende Auskunft von Bush und Fischer noch: Echte Gläubige und wahre Patrioten tun so etwas nicht… Die ‚political correctness‘ der Spiegel-Autoren plädiert dagegen für ein geradlinigeres Urteil: Diese Religion ist ein anachronistischer Glaube mit immanentem Hang zum Terrorismus, von kranken Hirnen und Schurken-Staaten leicht zu mobilisieren. Deshalb sind der Islam und der Nahe Osten, in dem er sich breit macht, ein einziges giftiges Nest, das die Insignien aller Menschheitskultur, unseren aufgeklärten Kapitalismus und säkularisierten Imperialismus, bedroht. Die Ermittlung dessen, was man von solchen Gläubigen und deren Bet- bzw. Brutstätten zu halten hat und wie der von ihnen ausgehenden Bedrohung zu begegnen ist, ist deshalb geistige Pflicht nicht nur eines jeden verantwortlich mitdenkenden und -fühlenden Weltbürgers, sondern auch ein Fall für die intellektuelle Kompetenz europäischer Patrioten. Und diesen Sorge- und Bedenkenträgern, was die tätige Wahrnehmung unserer Verantwortung für die Völkerverständigung betrifft, sprich: die Frage, ob Europa zur Lösung des Nahost-Konflikts beitragen könne, kann erst einmal unser Vertrauensmann für auswärtige Angelegenheiten, Fischer, beruhigend mitteilen, dass es geradezu eine moralische Pflichtverletzung wäre, den Nahen Osten ausschließlich dem Amerikaner als Missionsfeld zu überlassen – weil nämlich wir Europäer über Fähigkeiten verfügen, die wir zum Tragen bringen können: Von uns kann man lernen, wie man auf einem Kontinent, der sehr klein ist, mit vielen Völkern und Minderheit-Mehrheit-Konflikten leben kann. Aber das intellektuelle Fußvolk im Spiegel hat dazu schon auch so seine Ideen.

3. Die unumgängliche Therapie: „Säkularisierung“ durch das Freiheitslager

Mit der Diagnose eines tödlichen Kombinats aus Glauben an und Gewalt für das Gottesreich ist die Frage der adäquaten Therapie beantwortet. Unaufgeklärte Kultur verlangt und verdient Aufklärung. Damit steht auch das Subjekt fest, das zur tätigen Säkularisierung berufen ist: Der Freie Westen, dem Kulturkampf an sich zutiefst abgeneigt, muss ihn führen, zur puren Selbsterhaltung.

Dieser Kampf läuft nicht auf einen mehr oder weniger engagierten Antrag auf Kulturwandel hinaus, sondern auf einen Wandel der islamischen Herrschafts‚kultur‘. Entsprechend entschieden ist die Missionierung dieser Wilden des 21. Jahrhunderts anzupacken, denn von denen ist Einsicht und Besserung jedenfalls nicht zu erwarten:

„Konsequenterweise blieben die islamischen Fundamentalisten den westlichen demokratischen Vorstellungen gegenüber abweisend. Doch die von ihnen selbst entwickelten Alternativen – etwa die eines Gottesstaates im Iran oder eines terroristischen Steinzeit-Islam in Afghanistan – haben kläglich versagt.“ (S.24)

Im Gegenteil: Rückständig, wie sie sind, werden sie doch glatt gewalttätig, wenn sie bemerken, dass ihr Steinzeit-Islam im Zeitalter westlichen Toleranz-Exports keine Chance hat. Damit ist die Gewaltfrage in der gebotener Einseitigkeit entschieden: Gewalt geht von denen aus. Sie sind es, die mit ihrem Fundamentalismus ständig den Frieden stören – und ohne die Modernisierung der Quelle des Unfriedens, ihres Fundamentalismus, wird sich daran auch nichts ändern. Die abendländische Orientalisten-Zunft erhebt im Verein mit allen guten Gläubigen den Ruf nach Reformen!, um prompt über das ausbleibendes Echo zu seufzen:

„Während sich islamische Extremisten ins Bewusstsein der Weltöffentlichkeit bomben, verhallen die Rufe nach Reformen selbst unter den eher gemäßigten Sunniten, der Hauptkonfession des Islam, weit gehend ungehört. Ohne eine Erneuerung des Glaubens aber, befürchtet der Hamburger Orientalist Gernot Rotter, ‚bleibt der Frieden im Nahen Osten Utopie‘.“ (S.8)

Man mag sie ja gar nicht fragen, was man sich bei ihrem geistigen Schlachtruf: ‚Erneuert euch, sonst hat der Frieden keine Chance!‘ an segensreichen Reformen hin zu einer zivilisierteren Herrschaft nach westlichem Vorbild denn vorstellen soll. Beim Rat, Steinzeit-Mullahs oder arabische Despoten könnten es mal nach unserem säkularisierten Vorbild versuchen, ist wohl weniger an so etwas Ähnliches wie ein im Nationalismus vereintes, kapitalistisch gestärktes und militärisch schlagkräftiges, also imperialistisch ambitioniertes und weltweit für die Durchsetzung von ‚Frieden‘ und ‚Zivilisation‘ engagiertes Herrschaftsgebilde wie etwa unsere Republik zu denken; das wäre sicher nicht die ‚Aufklärung‘, die dem ‚Orient‘ zukommt. Schon eher ist der Gedanke so gemeint: ‚Ändert euch, damit ihr für uns besser zu handhaben seid!‘; denn so viel steht jedenfalls fest: Sie haben sich im ‚Geist‘ fundamental zu wandeln – und dass sie es nicht tun, macht unseren Einsatz für den Frieden unverzichtbar.

So schließt sich für den Spiegel (Un-)Geist und (Un-)Herrschaft am Ende dann wieder ganz zwanglos zusammen. Die existenten Gewalten werden zu den Beauftragten dieses Wandels ernannt und daraufhin überprüft, was sie für dieses kaum zu bewältigende Reformwerk leisten, die da hinten, die Träger der ‚islamischen‘ Kultur, auf der einen, die ‚zivilisierten‘ Nationen des ‚Westens‘ auf der anderen Seite. Und siehe da: In den dortigen Ländern findet sich bei den politischen ‚Kultur‘trägern und praktizierenden Staatsvorständen einfach keine helfende Hand für den unabweisbaren Wandel. Von PLO bis Hamas, von Assad bis Chatami, von Ägypten bis Saudi-Arabien klappert der Spiegel die ganze Gegend nach Auftragnehmern für sein Renovierungs-Begehren ab und stößt, wen wundert’s noch, stets nur auf schwache Hoffnungsträger, fanatische Betonköpfe und verkrustete Herrschaftsstrukturen. Einen Bürgerkrieg im Iran oder bei den Saudis, den gemäßigte Mullahs oder Scheichs dann natürlich schon gewinnen müssen, kann dieses Hetzblatt der Zivilisation sich lebhaft vorstellen. Da prowestliche Marionetten – Päpste und Staatschefs, die ihre Gemeinden über die Vorzüge einer Trennung von Glaube und Herrschaft aufklären –, aber nicht vom Himmel fallen, kann die Befreiung wohl nur von außen kommen.

Und so – als Beitrag zur Befreiung des Fundamentalismus aus dessen selbstverschuldeter bedrohlicher Unmündigkeit interpretiert, als Kampf gegen Tyrannei, Scharia und Schleierzwang, als Einsatz für die weltweite Herrschaft der Toleranz – kommen sie dann in den Blick, die wirklichen und angesagten Kriege der Weltmacht gegen den islamisch-arabischen Sumpf des antiamerikanischen Terrorismus – und so gesehen treffen sie gewiss keinen Falschen, ob Führer oder Verführte, die als Angehörige und Aktivisten eines Menschenschlags folgerichtig erst einmal in den Topf ein und der selben Feindschaftserklärung gehören. So verpasst der Spiegel – als kritische Prüfkommission deutscher Mit-Ordnungsambitionen und in dieser Eigenschaft auch Befürworter der Kanzler-Kritik an Amerikas Irak-Krieg – den realen Feindschaftsansagen und Feindschaften der USA die höhere Sinndeutung eines unabwendbaren Kulturkampfs gegen den aktuellen Hauptfeind der westlichen Zivilisation und bezeugt damit, wie gut der gesamtwestlich-demokratische Rassismus auch ohne kommunistische Menschenfeinde funktioniert.

Bloß ob sie deswegen auch schon in Ordnung gehen, die amerikanischen Kriege: Da hat der Spiegel dann doch so seine Zweifel. Vor den Maßstäben einer westlich-orientierten Weltordnung, wie sie den aufgeklärten Geistern in der Hamburger Redaktion vorschwebt, ist den USA der Vorwurf nicht zu ersparen, mit ihrer Gewalt ein denkbar ungeeigneter Vorreiter des kollektiven Kultur-Kampfes zu sein. Die Weltmacht benimmt sich bei der Wahrnehmung des ideellen Ordnungsauftrages doch arg ungeschickt, plump und ineffizient: Der Amerikaner ist

  • zutiefst unsensibel für die Abgründe der islamischen Seele: Was Washingtons Politiker oft vergessen: Der Islam ist eine Weltreligion, die das Leben jedes Einzelnen prägt und ihn gegen jeden ungläubigen ‚Besatzer‘ einnimmt;
  • kurzsichtig in der Kunst des Landkartenzeichnens, ahnungslos in Barbarenpädagogik: Über Jahrzehnte hat der – vom westlichen Imperialismus und willkürlicher Grenzziehung angefachte – Nationalismus die Menschen zur Gewalt angetrieben;
  • ein notorischer Rambo, der den an sich unverwüstlich guten Ruf des Exportartikels Freiheit ruiniert: Mit jeder weiteren Woche im Irak werden Amerikaner und ihre englischen Verbündeten in den Augen der Bevölkerung mehr und mehr zu verhassten Besatzern. In einer Mischung aus Unwissenheit und Arroganz scheinen die USA nichts unversucht zu lassen, um das (Vor-)Urteil von der Heuchelei des Westens zu bestätigen.

Ein feiner Einwand gegen das kriegerische Zerstörungswerk und die Besatzungsmacht. Da kennt ein deutsches Nachrichtenmagazin gar nichts: Die Gewalt, der es einen globalen Kulturauftrag angedichtet hat, soll allenfalls fragwürdige Wirkungen zeitigen – wegen tölpelhafter Besatzermanieren! Als gesamtwestliche Prüfinstanz für gelungenes und stilvolles Missionieren sorgt sich der Spiegel darum, dass der Ami beim Krieg-Führen, Länder-Besetzen und Kassieren von Öldollars glatt aussieht wie ein Imperialist und damit üble Vor-Urteile bestätigt, die wieder nur Wasser auf die Gebetsmühlen dieser Fanatiker sind…

So diagnostizieren die Spiegel-Autoren im Nahen Osten das Problem religiösen Fiebers, empfehlen sich und ihr Werk als Handbuch der besseren psychologischen Kriegsführung und träumen laut von Fischers alternativen europäischen Fähigkeiten, die wir zwecks ordentlicher Durchsetzung westlicher Zivilisation zum Tragen bringen können. Ein Sonderangebot, das seinen Preis wert ist! Für nur 5 Euro mehr erhält der Leser ein wasserdichtes Feindbild, dem er sich nicht aus geflissentlicher Ergebenheit gegenüber Amerika, sondern als selbst ‚betroffener‘ aufgeklärter Staatsbürger des europäischer Kulturkreises, nicht aus schnöder Xenophobie, sondern sittlich überaus begründet anschließen kann: Der Moslem – ob im Irak oder im Iran, in Afghanistan oder Tunesien – verdient die Feindschaft, die die Herren unserer Zivilisation ihm jeweils zuteil werden lassen; und was die feinsinnigen Instrumente der allfälligen Mission gegen den Islam angeht, wollen wir auch einen gewissen Stolz auf die kulturelle Überlegenheit des ‚alten Europa‘ gegenüber den ‚Cowboys‘ nicht verleugnen.


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