Seuchen im Kapitalismus

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Europa bekämpft seinen Rinderwahn
Krankheitsursache: Kapitalismus

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Die Rinderseuche BSE ist eine Folge kapitalistischer Agrarökonomie. Reale wie befürchtete Gesundheitsgefahr vernichtet produktives Kapital. Die Gefahrenabwehr wird wegen der gemeinsamen Betroffenheit zum Material der Konkurrenz zwischen den EU-Nationen.

Europa bekämpft seinen Rinderwahn
Krankheitsursache: Kapitalismus

Seit die britische Regierung mit dem begründeten Verdacht einer möglichen Übertragung des BSE-Erregers auf Menschen vor ihr Unterhaus getreten ist, darf in der europäischen Öffentlichkeit mächtig geschimpft werden: Über „unmenschliche Massentierhaltung“, über die „Gewinnsucht“ der Bauern, über die Engländer sowieso. Und überhaupt: Was kann man heutzutage noch bedenkenlos essen? Drehen die Menschen jetzt durch? (Spiegel) Ist das ganze nicht ein einziger Wahnsinn!? Mit solchen Fragen, die von Gründen für den neuesten Skandal an der Lebensmittelfront nichts wissen wollen, durfte dessen eigentlich gar nicht so rätselhafte Ursache mal wieder gründlich verpaßt bzw. patriotisch bewältigt werden. Eine Überlegung der Art, dann gälte es vielleicht wenigstens die Methode des sog. „Wahnsinns“ zu ermitteln, war die Aufregung nämlich nie wert; stattdessen wurde sich mit der nationalistischen Hetze gegen englisches Rindfleisch ebenso schnell wieder abgeregt.

1. Der Befall von Rindern mit BSE und die dadurch erzeugte Gesundheitsgefährdung der Konsumenten ist notwendiges Produkt kapitalistischer Agrarökonomie.

Was die Herkunft des Befalls von Rindern mit dem BSE-Syndrom angeht, so teilen diese Tiere das normale Schicksal eines Bedarfsgutes im Kapitalismus. Die Produktion von Lebensmitteln ist in der modernen Marktwirtschaft eine respektable Geschäftssphäre, in der der Gebrauchswert der hergestellten Güter eine eigentümlich doppelte Rolle spielt: Damit Brot und Fleisch, Bier und Wein verkauft werden können, müssen sie genießbar sein, zweifellos; zugleich ist damit aber ausgesprochen, daß Genuß der Zweck dieser Produktion gar nicht ist: Die Versorgung der Massen mit Eß- und Trinkbarem ist umgekehrt Mittel für den Verkauf. Der Gebrauchswert ist der Realisierung des Werts, der in den Waren steckt und sich durch ihren Händewechsel versilbert, subsumiert. Deshalb, weil die privaten Produzenten der Nahrungsmittel mit deren Erzeugung eine ganz andere Absicht verfolgen als die des unfallfreien Verzehrs, ist Lebensmittelherstellung, die den Gesetzen der Marktwirtschaft gehorcht, eine gegen die Verträglichkeit der Konsumgüter einigermaßen rücksichtslose Angelegenheit. Daß Viehzucht und Fischfang, Getreide-, Obst-, Gemüse- oder Weinanbau nichts anderes sind als Branchen zur Erzeugung von Profit, stellt diese Produktionsweise an immer neuen Waren gebrauchswertverderbend unter Beweis.

An Mitteln der Ernährung herrscht in dieser Welt nämlich kein Mangel. Weder fehlt es an gescheiten Instrumenten für deren Erzeugung, noch läßt die Masse der produzierten Nahrungsmittel zu wünschen übrig. Daß sie „dennoch“ vielen Menschen fehlen, Millionen gar nichts zu beißen haben und die Qualität von Speis und Trank so manche Unbekömmlichkeit aufweist, liegt daran, daß Versorgung das Anliegen derer, die qua privatem Eigentum über die Mittel der Produktion verfügen, nicht ist. Nicht nach den Bedürfnissen der Leute und für diese, sondern für den Markt wird produziert; diese Trennung der Reichtumsschaffenden von den Produktionsmitteln reproduziert und vollendet sich in der traurigen Gestalt des Verbrauchers, der dem Lebensmittelkapitalisten erstens jeden Plunder abnehmen muß, der dessen Hof oder Fabrik verläßt und auf seinem Teller landet, und zweitens nur abnehmen kann, was seine Einkommensquelle hergibt. Was für den einen Nahrungs- oder Genußmittel, das Hunger stillen und womöglich noch lecker schmecken soll, ist für den anderen Kapitalanlage, die sich zu rentieren hat oder aber nichts wert ist – dies die ökonomische Bestimmung und Existenzweise von Rindfleisch in der freien Marktwirtschaft.

Der in Rindern angelegte Kapitalvorschuß soll sich lohnen. Dessen Größe ist durch den Stand der (Welt-)Marktkonkurrenz vorgegeben. Massentierhaltung ist eine Notwendigkeit, weil dadurch eine größere Masse an Kapital in Bewegung gesetzt wird. Der Zwang, über die Größe der Herden und Legebatterien zu konkurrieren, drückt dem Gebrauchswert der Viecher und ihrer Produkte seinen unverwechselbar kapitalistischen Stempel auf. Da die stetige Ausweitung der erforderlichen Rinderschar nicht mit einer proportionalen Ausdehnung des Weidelandes einhergehen soll oder kann, verlangt Massentierhaltung automatisch eine Neuregelung der Futterfrage, die sich von der Verfügung über Boden unabhängig macht, die alten Grasfresser auch nicht mehr nur mit Heu ernährt, sondern im Regelfall gänzlich auf Kraftfutter aus der Dose umstellt, das auf Tier- und Knochenmehl basiert („Zero-Grazing“). Daß diese Ernährungsweise erst dem Vieh und dann seinem Verbraucher nicht gut bekommt, liegt weder an „Massentierhaltung“ per se noch an einem „nicht artgerechten“ Speiseplan, der harmlose Wiederkäuer zu „fleischfressenden Kannibalen“ mutieren ließe, wie so mancher Tierfreund behauptet – was die Tiere zu futtern kriegen, gehorcht vielmehr und ausschließlich den eisernen Gesetzen marktwirtschaftlichen Kalkulierens:

Jede Umstellung der Produktion soll den Kostpreis senken und dadurch das Verhältnis Vorschuß/Ertrag verbessern. Dies geschieht im Futterbereich in zweierlei Hinsicht.

Zum einen ermöglicht die Erfindung von Junkfood für Kühe und Ochsen die billigere Ernährung einer größeren Anzahl von Tieren. Mit der Verarbeitung von Schlachtabfällen, hier: der Umwandlung nichteßbarer Überreste von Schafen zu verkäuflicher, aber nicht unbedingt verträglicher Rinder- und Schweinenahrung, wird dem Grundsatz Genüge getan, daß alles, was an einem Vieh dran ist, zur Ware zu taugen hat – gleichgültig, wie bekömmlich die für den Tierbrei verwendeten Basisstoffe auch sein mögen (zu vermeintlich selbstverständlichen Dingen wie einem Test auf Bakterienbefall muß das Agrarkapital darum schon von seiner Staatsgewalt gezwungen werden.[1] Zum anderen soll der Einsatz des Dosenfutters die Umschlagsgeschwindigkeit des Kapitals erhöhen, also die Zeit verkürzen, in der die vorgeschossene Summe zurückfließt. Marktwirtschaftlich bestechend an der Beimischung von tierischem Futter ist die Beschleunigung des Mastvorgangs – rücksichtslos wiederum gegen die Folgen für Gesundheit und Geschmackssinn. Damit die Kälber schneller auf den Viehmarkt wandern, die Milchquote der Kühe steigt und manchem „Turbo“-Schwein eine achte Rippe wächst, wird beim Mästen kräftig nachgeholfen. Die einschlägigen Mittelchen sind für den Endverbraucher zwar nicht ganz ungefährlich und verwässern das Fleisch, erfüllen aber haargenau den ökonomischen Zweck, für den sie eingesetzt werden; aus eben diesem Grund haben Münsterländer Bauern ihren Tierchen gerade dieser Tage mal wieder eine Extraportion des beliebten Dopingpräparats Clenbuterol gegönnt.

Beides zusammengenommen – Kostensenkung, damit die in produktivem Kapital angelegte Geldsumme auf dem Warenmarkt möglichst viel Überschuß erlöst und als vermehrte Geldsumme zurückkehrt – ist ein Sachgesetz kapitalistischer Nahrungsmittelproduktion, ob in Großbritannien oder in Deutschland. An ihm und seinen Methoden kommt kein noch so gutherziger Landwirt vorbei.[2]

Es ist bekannt, daß die Marktwirtschaft bei dieser eigenwilligen Art der Versorgung der Menschheit überaus gründlich und kreativ zu Werke geht: Vom Kalb bis zum Fisch, vom Gemüse bis zu den Eiern hat sie keine Abteilung ausgelassen, vom Cäsium bis zum Valium, vom Frostschutzmittel im Wein bis zur Hühnerscheiße in den Nudeln an keiner Zutat gespart, die man im Essen normalerweise gar nicht erwartet. Es ist ebenfalls bekannt, daß Agrarunternehmer an der durch ihre eigene Kostenrechnung erzeugten, systematischen Belastung der Lebensmittel der Leute nur eines stört: Wenn die Sache auffliegt, vergeht den Konsumenten eine Zeitlang der Appetit, und zusammen mit dem ungenießbaren Gebrauchswert ist der Wert der Ware verdorben.[3] In dieser Hinsicht weist die BSE-Geschichte, was die Dimension und die Qualität des Falles angeht, allerdings eine Besonderheit auf, die das Problem doch etwas kniffliger gestaltet und die billige Tour der üblichen Bewältigungsstrategie gar nicht zuläßt: Im Unterschied zu Fällen, wo die toxischen Ingredientien nur zugesetzt sind und die östrogen- oder methanolverschnittene Ware bei Enttarnung einfach weggekippt wird, sind mit der Freisetzung des BSE-Erregers die geschäftsschädigenden Folgen der kapitalistischen Rücksichtslosigkeit nicht mehr rückgängig zu machen. Die Herden sind verseucht, befallene Tiere vor erkennbarem Ausbruch der Krankheit nicht auszusortieren: Der ganze in Rindviechern materialisierte Kapitalvorschuß ist von Unverkäuflichkeit, Fütterungs- und Melkanlagen sind von Entwertung bedroht. Die Besonderheit dieser Kapitalanlage – Viehzucht – bringt es mit sich, daß beim Eintritt des Schadensfalles nicht nur Entwertung von Warenkapital, sondern auch eine langwierige Unterbrechung des gesamten Produktionsprozesses, damit eine Vernichtung von produktivem Kapital stattfindet.[4]

Doch Not macht erfinderisch: Um Schaden von seinem Geschäft abzuwenden, schickt der Züchter Kälber und Rinder bei den ersten Krankheitszeichen (und zwar vor dem Besuch des staatlichen Gesundheitsprüfers) zum Schlachthof, von wo aus sie in alle Einzelteile zerlegt und in den verschiedensten Variationen – von der Bratwurst bis zum Gummibärchen – auf den Markt gehen.

Also von wegen Rinderwahnsinn: Erst werden die Viecher nach allen Regeln marktwirtschaftlicher Logik infiziert, dann werden die verseuchten Produkte in die Zirkulation geworfen. So kommt die Krankheit unter die Leute.

2. Jahrelang hat der englische Staat das Treiben seiner Farmer genehmigt, jetzt ruft er BSE als Seuche aus: Wegen möglicher Gefahr für den Volkskörper, der seine Grundlage ist, begreift er diesen Anschlag auf Leib und Leben seiner Bürger als Gefahr für sich.

Mit ihrem nun bald 10 Jahre währenden Hin und Her von Runterspielen, Dramatisieren und wieder Abwiegeln der Gefahr, die aus BSE hervorgehe, hat sich die britische Regierung den Vorwurf gesundheitspolitischer „Verantwortungslosigkeit“ eingefangen. Leider stellt die Kritik die Sache auf den Kopf. Weil die englische Staatsgewalt die volle Verantwortung für den körperlichen Zustand ihrer Untertanen übernommen hat, entspricht das scheinbar unentschlossene Lavieren einem höchst sachgerechten Gebrauch der Volksgesundheit – und der hat es in sich:

Die Tatsache, daß das Atmen, das Arbeiten, das Essen innerhalb ihres Machtbereichs eine ziemlich lebensgefährliche Angelegenheit darstellt, ist britischen Verantwortungsträgern (wie den Kollegen auf dem Kontinent auch) sowieso geläufig. Mehr noch: Sie ist ihr Werk. Ohne die Garantie der freien Nutzung privaten Eigentums verpestet kein Fabrikbesitzer Boden, Luft und Wasser, verschweinigelt kein Farmer Brot, Fleisch und Milch; umgekehrt sind all die guten (Kosten-)Gründe, die Unternehmer dafür kennen, mit ihr geschützt, durch sie frei- und ins Recht gesetzt. In die kapitalistischen Kalkulationen greift der bürgerliche Staat ausdrücklich nicht ein, ihre Wirkungen aber will er kontrollieren. Zu den ruinösen Spuren, die die marktwirtschaftliche Rechnungsweise an den Luxuskörpern seiner Einwohner hinterläßt, setzt er sich in ein eigentümliches Verhältnis:

Wegen der Ökonomie, für die er mit seiner Gewalt einsteht, sind alle Angriffe auf die körperliche Befindlichkeit im Prinzip lizenziert; in der Produktion, aber auch in der Sphäre ihrer Re-Produktion werden Organe und Immunsysteme seiner Einwohner einem Dauertest auf ihre Beanspruchungsfähigkeit ausgesetzt; die ganze Palette an Zumutungen in Form von Krebs und Allergien hervorrufenden Stoffen, von arterienverstopfenden und hirnzersetzenden Eßwaren, ist der unerläßliche Preis eines Lebens unter den Bedingungen kapitalistischer Reichtumsproduktion, die das Lebens-Mittel der Nation sein soll: Deswegen und auf dieser überaus verläßlichen Grundlage kümmert der Staat sich um die Volksgesundheit. Nachdem er seine Bürger in die freie Welt des Privateigentums entlassen und dadurch in eine Lage versetzt hat, in der ihnen gar nichts anderes übrig bleibt, als sich nach deren Kriterien nützlich zu machen, geht er – leider zu Recht – davon aus, daß ihnen dann auch nichts anderes übrig bleibt, als mit den gesundheitsschädigenden Folgen dieser Freiheit zurechtzukommen. Für die Betreuung und Verwaltung der dabei anfallenden Kranken richtet er ein Ministerium ein; organisiert die Verabreichung von Medikamenten in Arztpraxen und Krankenhäusern; bilanziert seinen Krankenstand und mißt das Gift; legt Grenzwerte für Ozon, Dioxin und verstrahltes Wild fest und zieht zuweilen ein Formaldehyd oder Asbest aus dem Verkehr, wenn sich ein weniger gefährdendes Ersatzmaterial findet…

Von diesem Standpunkt wird auch BSE betrachtet: In diesem besonderen Fall, im Befall der nationalen Rinderherde mit einem labormäßig noch nicht bestimmbaren Erreger, entdeckt der Staat anhand warnender Hinweise seiner Experten den Keim einer Bedrohung seines Volkskörpers, eine drohende Seuche. Die Meldung einer möglichen Übertragbarkeit der Krankheit auf den Menschen, wo sie dann Creutzfeld-Jakob heißt, schreckt den Gesundheitsminister im Sinne eines Ordnungs-Problems: Der Krankenstand der Nation droht ihm zu entgleiten. Weil der Staat die in Aussicht gestellten „unübersehbaren Folgen“ (für sein Medizinwesen, für seine Krankenkassen) nicht mag, verlangt die Krankheit, die von seinen Kühen auf sein Volk überspringen kann, eine staatliche Antwort, die das Risiko entschlossen unter ihre Fittiche nimmt und dabei einige interessante Güterabwägungen durchläuft:

  • Wegen der negativen Konsequenzen, die die Feststellung einer massiven Durchseuchung der nationalen Herde sowie die Entdeckung einer Übertragbarkeit auf den Menschen hätte, wurde das Auftreten von BSE zunächst verharmlost. Begrenzt und begrenzbar, lautete die Diagnose – im Wissen um die geschäftsschädigenden Wirkungen eines anderslautenden Befundes. Verwaltern der Volksgesundheit, die damals wegen möglicher Katastrophenqualität der Infektion auf Konsequenzen (sofortige Tötung aller Rinder in infizierten Herden) drangen,[5] wurde von oben bedeutet, daß pure Eventualität nicht langt, um den Katastrophenfall auszulösen. Dafür braucht es hinreichendere „Beweise“ als ein die „übliche“ Rate nur „leicht übersteigendes“ Quantum an Creutzfeld-Jakob-Toten.

    So hat der englische Staat den Seuchenbefund verschleppt, die Ausbreitung der Krankheit gefördert und möglicherweise CJK-verursachendes BSE in die Nahrungskette seines Volkskörpers geschleust.

  • Aus dem gleichen Grund hat die britische Regierung 1996 die Ausrufung einer Epidemie beschworen. Nachdem das 1989 erlassene Fütterungsverbot von Rindern mit potentiell kontaminiertem Tierabfall[6], wie in solchen Fällen üblich, zur Umgehung der Vorschriften anstachelte; nachdem eine steigende Zahl nun doch „verdächtiger“, bezüglich des Patientengutes „atypischer“ CJK-Erkrankungen zu verzeichnen war, die nach staatlicher Seuchenlogik in die Rubrik „bedenklich“ fallen; nachdem die lange Inkubationszeit (8 bis 15 Jahre) sowie gerade die Ungesichertheit des Wissens über Infektiosität, Übertragungswege und Verbreitungsgrad die nicht unwahrscheinliche Vermutung zuließen, der englische Volkskörper könne sich beim Verspachteln seiner Lieblingsspeise, beim bloßen Verbrauch einer durch kapitalistische Geschäftspraxis infizierten und mit staatlicher Unbedenklichkeitsbescheinigung ausgestatteten Ware selber unheilbar verseuchen; da schwenkte die englische Obrigkeit um.

    So wurde regierungsamtlich die Schlachtung der gesamten Herde erwogen, weil Ausmaß und Qualität einer eventuellen CJK-Epidemie unkalkulierbar geworden sind und die Gefahr besteht, es könne mehr vernichtet werden als „nur“ ein Batzen produktives Kapital. Die Gefahr einer möglicherweise bereits stattgefundenen Infizierung eines veritablen Teils seiner Nationalmannschaft war es, die den Staat zu der Offenbarung veranlaßte, das Risiko sei doch größer als ursprünglich angenommen.

  • Daß die Engländer, mitten im Ausrufen der Seuche, die Sache jetzt „doch“ herunterspielen und den Radikalschnitt nicht vollziehen, verdankt sich einer Güterabwägung, die die Kategorie des „Risikos“ doch wieder zu einer quantifizierbaren Größe macht. Weil die Grenze zwischen zumutbaren und unzumutbaren Gesundheitsgefahren gerade nicht objektiv ist – zumutbar ist eben immer das, was das staatliche Gewaltmonopol den ihm Unterworfenen zumutet –, entscheidet die jeweilige hoheitliche Optik, in diesem Falle so: Angesichts einer Summe von 45 Milliarden DM für die Liquidation und Entsorgung von 11 Millionen Tieren; angesichts statistischer Kunststücke, nach denen die umfangreiche Tötung von Rindern sich gar nicht rechnet, weil die Zahl ausgebrochener BSE-Infektionen seit 1994 wieder rückläufig ist, die menschlichen Opfer vielleicht doch nur an normalem Creutzfeld-Jakob krepiert sind und es für eine Ausrottung der Tierseuche womöglich sowieso zu spät ist – mit diesen Zynismen bezieht sich der britische Staat auf seine Taten von gestern! –, erscheint der Preis für die Eliminierung eines nun doch wieder „bloß möglichen“ Risikos zu hoch.

So beruhigen die dortigen Machthaber sich und ihre aufgeschreckten Bürger mit dem Argument, der Staat habe das Problem, das er selber losgetreten hat, voll im Griff, und werben um Vertrauen in ihre Frikadellen. Was britisch ist, muß gut sein: Nationalismus ist eben immer noch die beste Seuchenbekämpfung.

3. Die Abwicklung dieses Normalfalles kapitalistischer Produktion, dessen Ausmaß einen ganzen Geschäftszweig bedroht, ist unweigerlich ein Fall von und für Europa: Weil auch der Rindermarkt längst ein Binnenmarkt ist, ist Gefahrenabwehr fällig. Wegen gemeinsamer Betroffenheit wird diese zum Material der Konkurrenz zwischen den EU-Staaten.

Auch wenn die außerbritische Öffentlichkeit, die das heimische Gemüt mit nationalen Schuldzuweisungen identischen Strickmusters zu befriedigen weiß, anders tut:[7] Der Rinderwahn mag von der Insel stammen, das alleinige Problem der Engländer ist er schon lange nicht mehr. Die Affäre hat einen ebenso sachlichen wie internationalen Gehalt: Von der künstlichen Befruchtung über Aufzucht, Schlachtung, Verarbeitung und Transport bis zur Versilberung ist der Markt für Rinder und Rinderverwertung ein europäischer. Wird dessen Grundlage verseucht – Gefahrenherd hin oder her –, sind die Geschäfte aller in Gefahr. Die in Brüssel eingeleiteten Schritte belegen das:

Die Aufforderung an Großbritannien, einen „seuchenpolitisch ausreichenden Schlachtplan“ vorzulegen, sowie das umfassende Exportverbot bezeugen den europäischen Willen, der Epidemie trotz bzw. wegen ihres unkalkulierbaren Charakters Herr zu werden, auf jeden Fall den Übergriff auf den gesamteuropäischen Rinderbestand zu unterbinden – obwohl der längst schon stattgefunden hat. Sachlich ist der Versuch einer Trennung nach gelaufenem BSE-Import zwar ein Witz – infizierte deutsche Rinder gibt es nicht, weil alle in deutschen Höfen aufgetretenen Fälle Tiere britischer Herkunft betreffen! –, das politische Bedürfnis, das zu solchen Logeleien inspiriert, ist dennoch deutlich: Angestrebt wird die Zurückhegung des Schadens auf sein Ursprungsland, um ihn dort einzudämmen.[8]

Also wird eine gemeinsame Krisenkonferenz einberufen, die weiteren Schaden vom europäischen Agrarmarkt fernhalten soll und Maßnahmen beschließt, die Großbritanniens Abhängigkeit von diesem Markt gegen die Nation verwenden. Daß die Engländer dort antanzten, ist einerseits kein Wunder: Sie haben den Fall ja selber ausgerufen und damit zu einem Fall für Europa gemacht. Daß ihnen das „Tribunal von Brüssel“ und das dort verhängte Exportverbot, nicht gefiel, ist andererseits auch nicht erstaunlich: Sie hatten sich von den Partnern eben mehr tätige Solidarität bei der Abwicklung des Schadens erhofft.[9] Das Ergebnis der Brüsseler Nachtsitzungen trägt beiden Seiten der Affäre Rechnung: Die Entscheidung für ein globales Exportverbot muß sein, um weiteres Übel von der Gemeinschaft und ihrem Binnenmarkt abzuwenden, und bildet zugleich die passende praktische Nachhilfe für England, den Schaden mit seinem nationalen Haushalt auszubaden. Daneben wird die Erpressung – jährlich ca. 1,1 Mrd. DM Exporterlöse sind in Großbritannien abzuschreiben – durch das Angebot der teilweisen Entschädigung aus EU-Töpfen einsichtig gemacht, was England wegen der Haushaltsnöte, die ihm durch BSE-Folgekosten bereitet werden, überhaupt wegen seiner ökonomischen Abhängigkeit in dieser Sphäre, kaum zurückweisen kann, da alternative Märkte nicht existieren (der Hauptabsatzmarkt Europa ist abgeriegelt, Fluchtmöglichkeiten über Polen werden verschlossen, die weltweite Ruinierung des Rufs britischer Fleischprodukte erledigt den Rest).

So wird der Rinderwahn für die beteiligten Staaten zur Gelegenheit, die Affäre, unter heftiger Beteiligung des nationalen Publikums, auf das Feld der grundsätzlichen europäischen Konkurrenz zu überführen:[10]

– Zuerst und vor allem für die britischen Europa-Gegner. Sie übersetzen die EU-Sanktionen in ein untrügliches Zeichen der für sie sowieso feststehenden Diskriminierung Englands und werten das Exportverbot wie einen weiteren Beweis, daß sie mit Europa nicht gut fahren, weil Europa nicht gut mit ihnen verfährt. So nehmen die Euro„skeptiker“ ihre erfahrene Abhängigkeit von Brüsseler Agrarmarktordnungsbeschlüssen zum Anlaß, auf eine andere Alternative als die europäische „Option“ zu pochen, ohne zu wissen, worin eine solche bestünde.

– Umgekehrt für alle anderen Mitgliedsländer, die sich an Großbritanniens europapolitischen Extravaganzen stören. Sie nehmen ihre existierende Macht, England den Zugang zu ihrem Rindermarkt mit einem von 14 Ländern getragenen Federstrich abzuschneiden, zum Anlaß, Londons Abhängigkeit vom europäischen Binnenmarkt plakativ und wirkungsvoll zu demonstrieren. So wird die Nation daran „erinnert“, daß sie zu Europa keine Alternative besitzt, also besitzen soll.

Wofür Rindviecher alles gut sind.

[1] Deshalb ist es aber auch, wie ein TV-Magazin ehrlich formulierte, nur dem „Zufall zu verdanken“, daß BSE hierzulande bisher nur durch importiertes Rind bekannt ist. Faktum ist zwar, daß deutsche Tierfutterproduzenten bei der Verarbeitung der potentiell infizierten Schafskadaver ihre Öfen auf EU-Norm (130°) laufen lassen, während ihre britischen Kollegen nur 110° einstellen, lächerlich jedoch das verbreitete Gerücht, diese 20 Grad markierten die Differenz zwischen Vernunft und Zynismus. Weder basiert der EU-Richtwert auf der wissenschaftlichen Erkenntnis, daß bei 130° jeder BSE-Keim abgetötet würde, noch kann die Unterschreitung durch „verantwortungslose“ Knochenmehlproduzenten damit der Grund für „den Ausbruch einer neuen Zivilisationskrankheit“ sein (arznei-telegramm 4/96).

[2] Die Ausnahme Öko-Bauer ist erstens keine: Schließlich kalkuliert auch er mit Preisen und produziert nach marktwirtschaftlichen Prinzipien. Zweitens lebt die Besonderheit seines Marktes von der allseitigen und allseits bekannten Versauung der Nahrungskette durch die gleichnamige Wirtschaft. Nur darum ist drittens manchem Konsumenten, dem seine Gesundheit lieb und teuer ist, das Versprechen pestizidfreier und schadstoffarmer Landprodukte einen Aufpreis wert. Weshalb der Öko-Bauer viertens gar kein allgemeines „Vorbild“ sein kann: Die Nische, die er beackert, ist auf die Extra-Zahlungsfähigkeit betuchter Konsumenten nicht nur berechnet, sondern auch angewiesen.

[3] Dabei ist es gar nicht „die Sache“, die auffliegt. Schließlich hat es noch jeder Lebensmittel„skandal“ verstanden, die Aufregung an einer Ware durchzuexerzieren. Zwar ergäben die aneinandergereihten Kalb-, Wild-, Schwein-, Fisch-, Nudel-, Eier-, Obst-, Gemüse-, Bier-, Wein- und Milch-Affären in ihrer Addition auch einen ganzen Einkaufswagen voller Unappetitlichkeiten, stets aber lautete die Lektion für den mündigen Verbraucher: Hüte Dich vor Rindfleisch und Salmonellen – und nie: Hüte Dich vor dem System der Marktwirtschaft!

[4] Im speziellen Aufteilungsverhältnis liegt die Besonderheit, wie Marx in „Kapital, Band 2“ erklärt: „In der Holz- und Viehzucht bleibt ein großer Teil von zirkulationsfähigem Produkt stets dem aktiven Produktionsprozeß einverleibt, während nur ein viel geringerer Teil in die jährliche Zirkulation eingeht“ (S. 249).

[5] Prof. Richard Lacey, britischer Seuchenexperte, 1990: „Wir können nicht 20 Jahre warten, um zu sehen, ob BSE vom Vieh auf den Menschen übertragen wird. Wir können keine katastrophenartige Ausbreitung der Krankheit unter Menschen in Kauf nehmen.“

[6] Daß Schweine und Hühner das Tiermehl übrigens weiterhin fressen, geht auf keine wissenschaftliche Erkenntnis zurück – im Gegenteil: Das sog. „Überspringen der Artenbarrieren“ ist längst nachgewiesen –, sondern auf eine staatliche Verfügung. Als ob BSE nur Rinder und Schafe befallen könne, weil die Gehirnentzündung zuerst an ihnen entdeckt wurde.

[7] Um dem naheliegenden Schluß auf gefährliches Rindfleisch zu begegnen, wird der Verbraucher in allen europäischen Ländern am patriotischen Gaumen gekitzelt. Plakate in Metzgereien fordern ihn auf, englisches Rindfleisch aus vollem Herzen eklig zu finden, woraus eindeutig folgt: Boeuf bon, manzo bene, Ochs gutt.

[8] Die Ideologie zu diesem Streit lautet: Dort die unhygienischen Briten, hier die gesundheitsbewußte EU, die alles tut, die Risiken auszuschalten. Dabei spricht nicht nur das Junktim (für den Fall, daß England einen Teil seiner Herde vernichtet, stellt Europa Lockerung des Exportverbots in Aussicht) ein wenig gegen diesen Schein; dummerweise sind den Deutschen jetzt selber gleich drei Rinderskandale mitten in die schöne BSE-Hetze geplatzt: Im Hunsrück wird wg. BSE-Verdacht die erste schwarz-rot-goldene Rinderherde geschlachtet – natürlich nur „prophylaktisch“; in Bayern sind 80% des Rinderbestandes vom hochinfektiösen EHEC-Bakterium befallen, das sich gerne in Rohmilch und nicht durchgebratenen Buletten einnistet (mindestens 7 Kinder sind bereits an der Krankheit gestorben); und in NRW haben sich Kälbermäster schon wieder beim Clenbuterol-Mixen erwischen lassen – ein Fall, der die grüne Umweltministerin Bärbel Höhn zu einer aufschlußreichen Klarstellung veranlaßte: 1 Krimineller und wenige schwarze Schafe beschädigen den guten Ruf einer ganzen Branche, und das gerade jetzt. ‚Gerade jetzt‘ ist süß: „Gerade jetzt“, wo wir so erfolgreich an der Legende vom astreinen deutschen Rindfleisch basteln, machen einige „schwarze Schafe“ mit ihren stinknormalen Geschäftsmethoden uns das Verarschen der Konsumenten schwer.

[9] Wegen alleuropäischer Betroffenheit wird die Affäre also zum Fall innereuropäischer Konkurrenz und eignet sich, wie weiland die „Brent Spar“-Kampagne des Sommers ’95, zur sanften diplomatischen „Erinnerung“ Großbritanniens an seine Abhängigkeit von europäischen Kräfteverhältnissen, denen es sich gefälligst zu stellen hat. Der Rinderwahn ist demnach weder ein „Vorwand“, um der Konkurrenz in London einen reinzuwürgen – im Unterschied zu „Brent Spar“ ist die Betroffenheit über britische Umweltschweinereien diesmal sogar viel weniger geheuchelt, weil die Gefahr wesentlich schwerer wiegt –, noch verbirgt sich dahinter ein niederträchtiges Manöver, den Briten Marktanteile abzujagen: Schließlich leiden alle Züchter, Schlachthöfe und Rinderverwerter unter dem ruinierten Ruf europäischer Fleisch-, Pharma- und Kosmetikwaren.

[10] Bis in die scheinbar absurdesten diplomatischen Verrenkungen hinein: Die EU serviert Major in Turin – gegen erbitterten Widerstand der britischen Delegation – Rindfleisch mit dem Extra-Vermerk „italienisch“; dafür muß Kohl beim Staatsbesuch in London englisches roastbeef reinschieben. Ihre jeweiligen Öffentlichkeiten haben gut verstanden: Bei „WIMPY’S“ gibt’s – nach einer Anstandsfrist von 4 Wochen – „auf ausdrücklichen Wunsch der Gäste“ nur noch „Eat-british“-Wochen; in Deutschland titelt die Bildzeitung: „IRRE! Wir sollen für Engländer zahlen“ und der Spiegel fragt: „Stellt sich da ein Land allen Ernstes gegen den Rest der Welt?“


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