Seebacher-Brandt-Buch

Dieser Artikel ist in der Zeitschrift GegenStandpunkt 1-94 erschienen. Sie kann über den Buchhandel oder direkt beim Verlag als Druckausgabe oder E-Book erworben werden.

Wehner-Haß, verbitterte Witwe, späte Rache, Wahlkampfmunition, historische Wahrheit…
Wozu braucht das neue Deutschland eine Brigitte Seebacher-Brandt?

Überblick

Seebacher-Brandt bringt dabei die historische Methode auf ihren denunziatorischen Kern, vom jeweiligen Stand der Nation Belobigungen oder Verdammungen gegen Persönlichkeiten der Geschichte aus zu sprechen. Der Sieg der deutschen Nation über das Böse im Osten ist nämlich erst dann vollständig, wenn auch die, die vom Westen her seinerzeit den Sozialisten zugearbeitet haben, entlarvt sind – ein zeitgerechter Beitrag zum Klima der neuen deutschen Nation und ihrer polit-moralischen Maßstäbe: Links-Sein grenzt an Vaterlandsverrat.

Wehner-Haß, verbitterte Witwe, späte Rache, Wahlkampfmunition, historische Wahrheit…
Wozu braucht das neue Deutschland eine Brigitte Seebacher-Brandt?

Ausgestattet mit den Titeln „Historikerin“ und „Witwe“ und mit den handschriftlichen „Notizen“ ihres Verstorbenen, also mit einer eindrucksvollen Kombination von „Fachwissen“ und „Intimkenntnissen“, setzt Brigitte Seebacher-Brandt einen Verdacht in die Welt, der für helle Aufregung sorgt, wobei es gar nichts ausmacht, daß er aus zweiter Hand stammt, im Gegenteil: Brandt sel. hat ihn seiner Gattin vererbt, zu seinen Lebzeiten hat er ihn nie veröffentlicht, er richtet sich gegen einen innigen Intimfeind, er ist ihm selbst auch wieder nur ins Ohr geflüstert worden – aber all das macht die Sache ja erst so pikant. Erregend ist gerade der interessante Kontrast zwischen Gerüchteküche und persönlichen Niederungen einerseits und einem der höchsten Verbrechen andererseits: Im alten Deutschland hätten ein Herbert Wehner, aber auch andere hochgestellte Persönlichkeiten über längere Zeit Hochverrat begangen;[1] im Zentrum der Macht hätten sich Leute befunden, die sich mit so simplen Dingen wie Stasi-Kontakten, Kanzlerspionage, Übermittlung von Lagebeurteilungen usw. gar nicht erst abgaben, sondern gleich mit der DDR, also dem Feind paktierten, mit ihm auf höchster Ebene über die Beschaffenheit, ja, den Bestand der (geteilten) Nation verhandelten; ihr Ziel sei nicht mehr die Aufhebung der Teilung der Nation gewesen, sondern nur noch der bloße Umgang damit – und Schlimmeres.

Niemand behauptet allen Ernstes, dieser Verdacht sei irgendwie erwiesen. Das ist aber auch gar nicht nötig, denn sein gutes Werk tut er nur als – eben – Verdacht. Eine tatsächliche Aufklärung über Wehners Treiben zu jener Zeit wäre nicht nur viel zu langwierig und trocken, sondern geradezu sachfremd. Wer will schon mit Zwecken, Mitteln und Erfolgen des Frontstaates Deutschland zu Anfang der 70-er Jahre behelligt werden und wer will schon untersuchen, warum ausgerechnet die SPD einen nicht gerade alternativen, aber doch deutlich reformierten Erfolgsweg für den imperialistischen Aufschwung des sich herauskristallisierenden „ökonomischen Riesen“ vorzuschlagen hatte und damit tatsächlich die Konservativen aus dem fast schon angestammten Amt drängte?

Erwähnungen dieser Art kommen in den Zeitungen zwar vor, aber nur als mattes Rahmenwerk zu einer viel spannenderen Frage: Haben sich unsere Führer zu sehr auf den Feind eingelassen, haben sie sich im Kontakt mit dem Bösen so sehr infiziert, daß sie dessen Züge annahmen? Dabei war die anfängliche Konzentration auf Wehner leicht durchschaubar nur der Aufhänger, denn was hätte man schon von dem Nachweis, daß Wehner wirklich Hochverrat begangen hat? Das (mal unterstellt) von ihm Intendierte ist bekanntlich nicht eingetreten – und bloße Schadenfreude einem Toten nachschicken? Selbst eine nachträgliche Verurteilung – ein schales Vergnügen, das letztlich in dem resignierten „Wie man sich täuschen kann…“ hängenbleibt. Die Frage ist vielmehr, ob sich nicht ein „historischer Zusammenhang“ herstellen läßt, ob sich hier nicht dem kundigen Auge „Gesetzmäßigkeiten“ enthüllen, die „bis heute“ von größter nationaler Bedeutung sind. Es geht um die wunderbar zielgerichteten und zugleich vielfältiger Interpretationskunst offenstehenden Verlängerungen, die sich aus einem womöglich vaterlandsverräterischen Treiben „für heute“ „ableiten“ lassen; der Verdacht „begründet“ die so ungewisse und darin zugleich so faszinierende Vermutung einer anti-nationalen Gesinnung, und zwar nicht bei diesem und jenem, sondern flächendeckend in den obersten Führungsetagen der Politik, eine Gesinnung, die sich verdeckt zwar, aber geradlinig von damals bis heute in Amt und Würden behaupten konnte.

Spekulation ist erlaubt – wenn wissenschaftlich abgesichert

Und da wird Brigitte Seebacher-Brandt von ihren Kollegen nicht alleine gelassen.

Selbstverständlich schreiten sie nicht umstandslos zur Verifizierung des Verdachts gegenüber Wehner und sie würden auch nie behaupten, seine politischen Ziehkinder wären genauso welche, wie der Verdacht andeutet. Dafür ist die „Quellenlage“ viel zu „schwierig“, die „historischen Umstände“ sind viel zu „komplex“, für den Laien nämlich[2] – aber für die Berechtigung des Verdachts, daß man ihn anstellen darf, haben sie auf Basis ihrer fachlichen Ausbildung einiges beizutragen. Gerhard Besier sieht sich aufgrund der von Seebacher-Brandt veröffentlichten „Notizen“ und ihrer damit einhergehenden Spekulationen nun immerhin imstande, seinerseits eine „begründete Spekulation“ anzustellen – er sagt uns nicht genau, worin sie besteht, hält aber auf jeden Fall dafür, daß ein „Denken in eine bestimmte Richtung“ – hier also in die Seebacher-Brandt’sche – erlaubt ist. Recht dreist schlägt er dafür ein Verfahren vor, das in seinen Kreisen offensichtlich gang und gäbe ist: Historische Erkenntnis beginnt damit, daß man Vermutungen anstellt; werden die zur „Wahrheit“ – nähere Auskunft darüber unterblieb –, so ist ein günstiges Durchgangsstadium gewonnen, nämlich um neue Vermutungen anstellen zu können.[3] Dabei muß man nicht abwarten, bis etwas „zur Wahrheit geworden“ ist; seine Professionalität besteht in dem Nachweis, daß Vermutungen „davor“ und „danach“ auf jeden Fall schon mal gehen – indem er sie anstellt, oder besser: andeutet.

Dieses windige Geschäft baut auf einem einzigen Faktum auf, besser: bedient sich dessen: Die „Kontakte zwischen beiden Seiten“ haben stattgefunden. Und, was jetzt? Jetzt kommt die Wiederholung des Verdachts, nun aber im Gestus einer wissenschaftlich gewonnenen „Folgerung“ – wohl das, was man sich unter einer „Wahrheit“ vorzustellen hat: „Langanhaltende Kontakte bewirken Aufweichungstendenzen“.[4] Wie das mit der „Aufweichung“ gemeint ist, braucht nicht mehr dazugesagt zu werden; der abgebrochene Satz, bedeutungsschwer in der Luft hängend, mal so in den Raum gestellt – das Wort des Historikers gilt. So weit darf sich die Spekulation also vorwagen, daß etwas ganz grundsätzlich im Argen liegen könnte, was schon darum Hand und Fuß haben muß, weil man sonst ja nicht auf solche Spekulationen käme…

Arnulf Baring („Zeitzeuge“) entledigt sich der Pflicht, die man ja irgendwie mit einem Historiker assoziiert, sich auf die historischen Umstände zu beziehen, d.h. sie zu erwähnen, indem er einige Anekdoten erzählt.[5] Sein Quellenstudium besteht im wesentlichen darin, daß er dabei war, andere hingegen nicht; insofern war er näher dran an den Quellen, kann sie also besser bewerten als andere. So weiß er von Wehners Werben um den Kanzler Kurt Georg Kiesinger, rotweingeschwängert, „obwohl er (Wehner) zuckerkrank war und keinen Rotwein vertrug“, „um Kiesinger das Gefühl zu geben, er, Wehner, sei ein verläßlicher Partner“; dem Bundespräsidenten Heinrich Lübke schrieb er – „Wehner konnte, wenn er wollte, sehr charmant sein“ – charmante Briefe, weil er ihn als Unterstützer für die Große Koalition brauchte – entsteht da nicht das facettenreiche Bild eines Menschen, der sich, vom Adabei-Historiker durchschaut, verstellen konnte und uns bis heute so manches Rätsel aufgibt? Was weiß man nun von den „wirklichen“ Beweggründen dieses Menschen, wie ist es um den Verdacht gegen ihn bestellt?

„Spiegel: Was bleibt von der Verschwörungstheorie der Witwe Brandt?
Baring: Die Verdachtsmomente gegen Wehner scheinen sich bei Willy Brandt im Laufe seines Lebens verstärkt zu haben…
Spiegel: Was halten Sie von der These, daß Herbert Wehner am Ende seiner politischen Tage näher an Erich Honecker als an seiner Partei gewesen sei?
Baring: Eine der großen Begabungen von Wehner war, Leuten, die er für wichtig hielt, seine Sympathie zu bekunden.“

Hat er nun irgendetwas definitiv behauptet, der Historiker? Einerseits schon, nämlich daß er sich auskennt und den Verdacht nicht von der Hand weisen kann; andererseits „muß es natürlich weiterer Forschung überlassen bleiben“, was aus all den Vermutungen, Spekulationen, Verlängerungen einmal werden soll – beachtenswert sind sie aber allemal jetzt schon.

Denunziationen im Auftrag der Geschichte

Wie kann so etwas gehen? Eine einzige Ballung von Gehässigkeit – die der Witwe Brandt sogar explizit zugeschrieben wird, wenn das Rätselraten über ihre „persönlichen Motive“ losgeht –, Spekulation und wissenschaftlicher Unredlichkeit bewegt alle Welt zu der Auffassung, daß an den „Notizen“ plus Seebacher-Brandt’schen (An-)Deutungen schwer was dran ist.

Die Witwe Brandt hat auf ihre Weise und mit ihren „persönlichen Motiven“ einen Nerv getroffen: Eine siegreiche Nation strebt nach neuen Ufern und hat das dringende Bedürfnis nach Abrechnung mit dem Alten und Sich-ins-Recht-setzen für künftige Aufgaben; im Rahmen dessen benutzt Seebacher-Brandt ihre exklusive Verfügung über intimes Belegmaterial bezüglich Wehner und Konsorten; ihre Attacke kann gar nicht fehlgehen, da sie, ohne es überhaupt erwähnen zu müssen, ein von Stammtischbruder, Kanzler und wissenschaftlichem Gelehrten gleichermaßen geteiltes „Argument“ auf ihrer Seite hat: Die Geschichte gibt ihr recht – und zwar so sehr, daß sie ausgehend von den vorliegenden Resultaten zu jeder noch so haltlosen rückwärtigen Verdächtigung berechtigt ist.

Dabei erspart sie sich die Umständlichkeiten der historischen Methode; sie redet nicht über den unlösbaren schicksalhaften Zusammenhang von Nation und Geschichte und sie lauscht nicht der Vergangenheit ihr inneres Drängen ab, die Nation zu dem zu machen, was sie ist; sie bemüht sich nicht um den Nachweis, daß die Geschichte ein eigenes leibhaftiges Subjekt sei, versehen mit dem Recht, „uns allen“ „Lehren“ zu erteilen, an die „wir uns“ dann auch halten müssen; und die Metaphorik eines Helmut Kohl mit „Zug“, „Mantel“, „Atem“ braucht sie auch nicht. Stattdessen bringt sie die historische Methode auf ihren einfachen denunziatorischen Kern: Die ganze geschichtliche Methode ist dafür da, Recht und Unrecht zu verteilen, Bösewichter und Helden auszumachen, die zu loben, die der Nation gutes getan haben, und die zu tadeln, die ihrem Erfolg im Wege standen. Dabei ist es der jeweilige Stand der Nation, dem sich entnehmen läßt, wer in der Vergangenheit der Geschichte zugearbeitet und wer gegen sie gefehlt hat.

Der Stand der Nation faßt sich einfach zusammen: Sieg über das Böse. Die „Folgerungen“ daraus nach vorn sind jedermann bekannt und klar: Die Nation trägt „mehr Verantwortung“ und sie läßt sich weniger bis gar nichts mehr gefallen; das ist ihr gutes Recht, das sie von der Geschichte übertragen bekommen hat. Brigitte Seebacher-Brandt teilt diesen Standpunkt – aber sie sieht seine Durchsetzung gefährdet und hält darum eine „Folgerung“ nach rückwärts für unabdingbar: Die Nation hat noch nicht endgültig mit denen abgerechnet, die in der Vergangenheit an diesen Sieg nicht glauben wollten, ja, ihn hintertrieben. Es sind diejenigen, die es für nötig erachteten, sich mit dem Feind zu verständigen, diejenigen, die nicht auf die unwiderstehliche Wucht der Geschichte setzen wollten – und jetzt blamiert dastehen, aber schmarotzen wollen –, sondern Maßnahmen für notwendig hielten, den Feind zu entschärfen, bei Laune zu halten, scheibchenweise zu ruinieren, die also – so Seebacher-Brandt – über dem Umgang mit dem Feind die Feindschaft aufweichten. Wer sich auf den Sieg der Nation als Willen der Geschichte beruft, der kann und darf alles und jeden in der Vergangenheit, dem man die Zielgerichtetheit auf diesen letztendlichen Sieg so unmittelbar nicht ansieht, schlechtmachen – und muß das nicht beweisen.

Wie die Parteigänger Brigitte Seebacher-Brandts in der FAZ herausfanden, muß deshalb auch die „Entspannungspolitik“, die der SPD ja immer noch als gute nationale Tat angerechnet wird, neu bewertet werden:

„Aber es geht nicht allein um Wehner, sondern auch um das Heiligtum Entspannung. Auf außenpolitischem Gebiet ist sie die letzte Bastion linker Etablierter. Auch nur an sie zu rühren, soll als ‚ruchlos‘ gelten, wie einer ihrer Präzeptoren schreibt. Noch vor einigen Jahren hatte er sich von Stasi-Leuten die DDR als Paradies vorführen lassen und das Märchen in den Westen weitergetragen. Es ist nicht unbillig, daran zu erinnern. Die von der SED geforderte ‚Anerkennung der Realitäten‘ verlangte die Abkehr von der Wirklichkeit“.[6]

Damit ist alles gesagt: Diejenigen, die sich mit dem Feind zusammensetzten, „langanhaltende Kontakte hatten“, litten – das hat die Geschichte bewiesen – unter „Wirklichkeitsverlust“. Und das ist noch höflich ausgedrückt; denn: Indem sie den Feind kontaktierten, statt ihn immer nur unversöhnlich zu bekämpfen – was natürlich kein Gegensatz ist, nun aber mal gerade so gesehen werden soll –, haben sie sich mit ihm gemein gemacht, sozusagen einen Teil von ihm in Denkweise und Verhalten aufgenommen – sie sind national unzuverlässig. Ihnen ist vorzuwerfen, daß sie schon einmal – wenn nicht die guten Kräfte der Geschichte kräftiger gewesen wären – den Sieg der Nation fast vereitelt hätten –

„Bahr und Wehner spielten in der Auseinandersetzung, die das Land tief spaltete, eine entscheidende Rolle. Ohne Wehners wütende Auftritte zu Beginn des Jahres 1979 – die Sowjetmacht sei ‚defensiv‘ – hätte es die Nachrüstungsdebatte, den Doppelbeschluß, die Angstkampagne der Sowjets und deutscher Medien vermutlich nicht gegeben. Am Ende stand es Spitz auf Knopf.“[7] –,

also gefährden sie auch jetzt das Aufbauwerk der neuen großen Nation.

Die SPD, die sich immer in faszinierter Abhängigkeit, ja, Hörigkeit zu Herbert Wehner befand,[8] hat sich bis heute nicht von ihm losgesagt, also muß Brigitte Seebacher-Brandt im Auftrag der Nation und Willy Brandts für die Reinigung der Partei sorgen, indem sie einen ihrer Großen und eine mit ihm verknüpfte „Tradition“ ein für allemal denunziert – wofür ihr die Rolle der legitimen Sachwalterin des Wehner-Antipoden Brandt, dem auch ein für allemal die historische Gerechtigkeit, d.h. Verherrlichung, zusteht, gerade recht und ausbeutbar vorkommt.

Aber wofür ist es gut?

Von sogenannten besonnenen Blättern aber auch Politikern hat sich Seebacher-Brandt einen Ordnungsruf eingehandelt; freilich nicht für ihr Anliegen, sondern für eine vermeintlich disfunktionale Übertreibung. Daß die Nation auf unzuverlässige Gestalten, die dem Bösen womöglich noch nicht ganz abgeschworen haben, achten muß und in der Enttarnung solcher Typen nur ihr unwiderstehliches historisches (Sieger-)Recht exekutiert, ist schließlich mit dem Institut der „Stasi-Säuberung“ unbestrittenes Allgemeingut geworden.[9] Daß die gewonnene Systemgegnerschaft nichts anderes als ein zwingendes Resultat der Geschichte darstellt, das im Nachhinein jeden, der daran einmal zweifelte oder am anderen Systems sogar Vorteile entdecken wollte, ins Unrecht setzt, halten auch sie für einen extrem vernünftigen und gar nicht weiter zu belegenden Gedanken.

Aber der gesamtdeutsche Super-Stasi-Verdacht, den Brigitte Seebacher-Brandt aufmacht, geht ihnen denn doch zu weit. Sie mag vielleicht ausschließlich die SPD im Visier gehabt haben; aber man kann nicht eine ganze staatstragende Volkspartei der nationalen Unzuverlässigkeit bezichtigen, ohne ans Licht zu bringen, daß die andere Hälfte der politischen Elite die damalige Deutschlandpolitik mitgetragen (und auch fortgeführt) hat, auch wenn sie die für eine Opposition üblichen Einwände vorzubringen hatte. Also kann der Verdacht notwendigerweise nicht auf eine Partei beschränkt bleiben – die entsprechenden Namen aus dem christpolitischen Lager sind ja schon veröffentlicht:

„Die gesamte politische Elite der Bundesrepublik hat sich mit den Ostberliner Machthabern eingelassen – von Geheimtreffs bis zum Empfang auf dem roten Teppich, und zwar, weil es politisch vernünftig war. Das zu wissen, braucht es keine SED-Akten.“ [10]

Folgt daraus, daß nun alles Quatsch ist, was Brigitte Seebacher-Brandt erzählt, von einer verrotteten Logik aufgrund eines nationalen Wahns zeugt? Keineswegs – auch sogenannte besonnene Blätter und Politiker wollen der Brandt-Witwe nicht die Berechtigung ihres Anliegens und das Bedenkliche der von ihr aufgeworfenen „Problematik“ bestreiten. Was aber Sorge macht: Wie soll der Aufbau des großen neuen Deutschlands – d.h. Säuberung nach hinten und Verabreichung der „notwendigen Härten“ nach vorn – gelingen, wenn die dafür zuständige Aufbaumannschaft selber angezweifelt, ja, zur Disposition gestellt wird?

Der Kanzler hat sich über solche Bedenklichkeiten wieder mal souverän hinweggesetzt. Zurecht. Wenn er nun die SPD scharf als Nutznießer des SED-Regimes und Vaterlandshintergeher angreift, hat er nicht die geringste Sorge, daß damit auch er und seine Partei, letztlich alle Politiker, ins Zwielicht geraten – vielmehr geht er einfach davon aus, daß bei der SPD mehr Dreck hängenbleibt. Erstens weil er zuerst dieses schöne Thema „besetzt“ hat, zweitens seine Partei mit der „Entspannungspolitik“ ja tatsächlich weniger am Hut hatte,[11] drittens also schlichtweg mehr Sozi- als christliche Namen aufgetischt werden. Damit ist die Sache dort angelangt, wo sie zwar nicht hin sollte, aber gut aufgehoben ist: im Wahlkampf. So ernst ist das nämlich auch nicht mit dem Vaterlandsverrat:

Der Vorwurf ist eine feine, weil vorwärtstreibende Sache, was das Klima der Nation und ihre polit-moralischen Maßstäbe angeht; alles, was auch nur im Entferntesten mit „links“ in Verbindung gebracht werden kann, grenzt an Vaterlandsverrat und erschüttert die Grundlagen der Nation:

„‚Die Frage ist, ob es ein Zusammenspiel zwischen Herbert Wehner, anderen Sozialdemokraten und der Führung der SED in der Zeit der deutschen Teilung gegeben hat, ein Zusammenspiel von Linken in der ehemaligen DDR mit Linken in der damaligen Bundesrepublik.‘ Schäuble sagte, diese Fragen hätten etwas mit ‚der inneren Sauberkeit und Stabilität unserer Demokratie‘ zu tun.“ [12]

Daß sich Brigitte Seebacher-Brandt da verdient macht, hat noch jeder verstanden. Aber einen wirklichen Einspruchstitel, etwas, was zum praktischen Vorgehen gegen Politiker ermächtigt, hat sie damit gewiß nicht kreiert. Ihre Entdeckung taugt nur zu einem praktischen Gebrauch, nämlich dem der Politiker untereinander – als passendes Material für die in demokratischen Wahlkämpfen gepflegte Kunst der Denunziation. Sie hat ein streng national orientiertes geschichtswissenschaftliches Gedankenexperiment der vulgären Art angestellt, es zog Kreise, jeder hat an dieser Denunziation seinen Spaß gehabt und weiß die ernste Lehre daraus zu ziehen – dann ist es auch wieder vorbei. Abzusehen ist jedoch, daß auf diese Bereicherung der politischen Kultur nicht verzichtet werden kann: Schließlich gibt es reichlich „noch zu öffnende Akten“.

[1] In ihrer Manie, ihrem von üblen Kreaturen verfolgten Gatten – von seiner Partei verkannt, drangsaliert und in seine (ihre?) Verbitterung getrieben – seinen rechtmäßigen und unwidersprechlichen Platz in der Geschichte als weitblickendem „deutschen Patrioten“ abzusichern, kann der Witwe jede üble Nachrede nur gelegen kommen. Hat Wehner nicht schon während seiner Moskauer Zeit Kampfgenossen beim KGB angeschwärzt und war nicht letztlich er Pankows heimlicher Vollstrecker der Guillaume-Affäre, die zum Sturz Willy Brandts führte? Zwar ist nicht so recht ersichtlich, warum sich deutsche Antikommunisten gerade über einen (angeblichen) Verrat im Lager ihrer Feinde ereifern sollen, und eingewendet wurde auch, daß die SED mit Brandt als Kanzler doch ganz zufrieden war – aber wenn man schon mal beim Niedermachen ist… Hängen bleibt allemal, daß man diesem „Altkommunisten“ jeden Verrat zutrauen kann und daß eine solche Type auf sein „politisches Umfeld“ ein schlechtes Licht wirft.

[2] Ein schönes Beispiel für die ganz andere Sichtweise des Historikers, der geschichtliche Ereignisse nie so nimmt, wie sie sind, sondern sie erst nach Einordnung in seinen methodischen Rahmen gelten lassen kann, gibt Arnulf Baring in seinem Gespräch mit dem „Spiegel“ (5/1994): „Spiegel: Auch Brandts Witwe steht im Verdacht, den linken Internationalisten hinter dem nationalen Patrioten verschwinden zu lassen. Baring: Da wird es eben sehr entscheidend darauf ankommen, wie man die Klausel aus dem Brandtschen Testament deutet, die alles ihm Zugängliche seiner Witwe überläßt. Und es kommt darauf an, was die SPD, die ja auch manche Unterlagen und manche Rechte hat, in die Bundesstiftung einbringt. Und dann vor allem: wer in den Gremien sitzt.“ (Herv.d.V.) Aus dem, was Willy Brandt getan und gesagt hat, kann man also überhaupt nicht erschließen, ob er nun „linker Internationalist“ oder „nationaler Patriot“ oder beides war. Aufschluß kann vom Historiker erst dann erwartet werden, wenn er die Quellen hinsichtlich Zusammensetzung und Herkunft bewertet hat (wieviele sind es, von wem stammen sie, wer hat ein Interesse an ihrer Herausgabe?). Also nicht, was in ihnen drinsteht, nicht einmal so recht, was man aus ihnen herauslesen könnte, ist der springende Punkt, sondern das fachmännische Urteil des Historikers über die Qualität dieser Quellen. Deswegen macht es Baring gar nichts aus, wie selbstverständlich offene Manipulation – „… wer in den Gremien sitzt“ – als beachtliches und zu beachtendes Datum zu würdigen: Es kommt nämlich wesentlich darauf an, daß er das durchschaut hat; so hat also kein einziges historisches Faktum für sich Bestand, sondern gilt nur soviel, wie es der Historiker in seiner quelleninterpretatorischen Absicht gelten lassen will. Also kann er auch jedes Ergebnis in der von ihm gewünschten Absicht herauskriegen – mit einer kleinen Einschränkung: Es muß (dazu weiter unten) dem Stand der Nation, ihren Erfolgen, Problemen und Zielsetzungen entsprechen.

[3] Gerhard Besier in „Talk im Turm“ (Sat1)

[4] Ebd.

[5] Gespräch mit dem „Spiegel“

[6] Volker Zastrow, FAZ 21.1.1994 (Herv.d.V.)

[7] Ebd. (Herv.d.V.)

[8] „Die Bonner SPD-Fraktion hat das Regiment dieses Mannes – im Zeitalter umfassender Autoritätskritik (die die FAZ bekanntlich immer begrüßte, d.V.) – willig erduldet. Abgeordnete, die Wehners ‚stalinistischen‘ Führungsstil verurteilten, blieben die Ausnahme. Die SPD hat Wehner zugejubelt als sakrosanktem Schmerzensmann.(Ebd.)

[9] Siehe GegenStandpunkt 1-92, S.117: Die Stasi-Säuberung – Vom Nutzen des moralischen Fanatismus im Rechtsstaat Deutschland

[10] SZ, 12.2.1994

[11] Wir haben das Ideal der deutschen Einheit bei allen Fehlern, die wir gemacht haben, niemals verraten. (H.Kohl, SZ, 17.2.1994) Ganz geschickt bezeichnet Kohl als „Fehler“, bei der von der SPD ins Werk gesetzten Ostpolitik mitgemacht zu haben. Da die Sozialdemokraten aber das Patent darauf haben, tragen sie auch die letzte Konsequenz – und die heißt neuerdings „Verrat der deutschen Einheit“. Die FAZ ist übrigens auch so konsequent, der Brigitte ihren Willy nicht ganz durchgehen zu lassen: Die deutsche Entspannungspolitik trug von Anfang Züge wohlerwogener Doppeldeutigkeit. Schon in der ersten Regierungserklärung Willy Brandts gibt es das Schwanken zwischen dem realpolitischen und einem illusionären, angeblich systemüberwindenden Ansatz. (Ebd.)

[12] FAZ, 24.2.1994. Der Historiker Wolfssohn schürt nach: So ist es also schlecht bestellt um die moralischen Grundlagen der Nation.


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