Nationaler Protesttag in Russland

Dieser Artikel ist in der Reihe Chronik – kein Kommentar! der Zeitschrift GegenStandpunkt 4-98 erschienen. Sie kann über den Buchhandel oder direkt beim Verlag als Druckausgabe oder E-Book erworben werden.

Nationaler Protesttag in Russland
Ein einziger Ruf nach Staat

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Die Massen protestieren – gegen die Schuldigen des Elends, von dessen Gründen sie nichts wissen wollen. Die Veranstalter des Protests – Gewerkschaften und Kommunisten – sorgen sich um den sozialen Frieden. So dokumentieren sie einerseits ihre völlige Ignoranz gegenüber den russischen Verhältnissen und andererseits ihren verlogenen Nationalismus.

Nationaler Protesttag in Rußland
Ein einziger Ruf nach Staat

Am 7. Oktober stellen sich in Rußland Hunderttausende zum landesweiten Protest auf. Im Vorfeld werden besorgte Vergleiche mit der Lage im Rußland von 1918 bemüht, an die die Veranstalter mit dem geschichtsschwangeren Datum erinnern, am Tag danach erfolgt Entwarnung. Bei der Veranstaltung – nach einhelliger Meinung viel schlechter besucht als erwartet/befürchtet – bringen die Demonstranten im wesentlichen zu Gehör, daß sie in Zukunft auf die Mitwirkung von Boris Jelzin an der nationalen Politik lieber verzichten und darüber hinaus Wert auf eine regelmäßige Auszahlung von Löhnen und Renten legen würden. Danach gehen sie wieder nach Hause, so sie ein solches haben, und lassen die Gelegenheit ungenutzt, die Moskauer Luxustempel auszuräumen. Beteiligt an diesem Spektakel sind

1. Die Massen

„Fort mit dem Dieb Jelzin, Löhne und Renten für das Volk!“

Das ist es, das öffentliche Bekenntnis des russischen Volkes, daß es keinerlei Gründe für seine desolate Lage wissen will, und sich statt dessen auf die Schuldfrage verlegt. Wer alles zu verantworten hat, diese Frage will es entschieden und borniert auf den halbtoten Jelzin und seine Hofkamarilla beschränken – so einsilbig lautet die Antwort der gebildeten Russen auf die Erfahrungen mit einem ganzen System.

Nach Auskunft sachkundiger Kreise ist die Teilnahme an den Protesten allein deshalb schon bescheidener ausgefallen als erwartet, weil eine neue Regierung im Amt ist, die den durch den russischen Staatsbankrott endgültig ramponierten Jelzin, unter Beachtung gewisser Regeln der Machttaktik, aus dem Verkehr zieht. Nun wird zwar weder das von Jelzin veranstaltete Programm „Reformen“ von Primakow aus dem Verkehr gezogen, noch das Lager der Reformer aus den Regierungsgeschäften ausgegrenzt, sondern in die nationale Verantwortung einbezogen – aber die erneuerte Regierung wird vom landesweiten Protest ausgenommen, und der Zorn der Demonstranten bleibt für den kaum mehr zurechnungsfähigen Jelzin reserviert. Mit der Beschimpfung der Diebe und Verräter im Kreml führen die Demonstranten auch nur vor, wie schwer sie die abgehalfterte Führung enttäuscht hat, und geben kund, daß sie in ihrer Rolle als Objekte der Staatsgewalt schon wieder zur nächsten Täuschung unterwegs sind; egal, ob sie ihr Vertrauen Primakow oder anderen Führern zuteil werden lassen oder ob sie – die „radikale“ Variante – niemandem mehr vertrauen und sich ohne ausdrückliche Zustimmung zu einer Herrschaft in ihre Opferrolle schicken.

Mit ihrer massenhaft vorgetragenen Forderung, Jelzin abzusägen, treffen die Protestierenden auf viel Verständnis und insofern ins Leere, als die Machthaber schon damit befaßt sind, dessen Abtreten zu organisieren. Mit ihrer anderen Forderung ergeht es ihnen nicht viel besser. Auch die hiesige Öffentlichkeit gibt sich teilnahmsvoll und verhandelt den Ruf nach Lohn- und Rentenzahlungen, nachdem hierzulande ausgehandelte Löhne in der Regel auch gezahlt werden, als normal und begreiflich. Nachdem aber in Rußland Lohnzahlungen regelmäßig nicht stattfinden, ist auch die Forderung nicht „normal“. Und es stellt sich angesichts dieses Protests auch nicht das Problem, das unsere mitleidsvollen Journalisten gleich anschließend wälzen, wo das Geld denn herkommen soll, sondern die nach dem Urteilsvermögen der Demonstranten.

Immerhin bildet der Protesttag den vorläufigen Höhepunkt unzähliger Streiks, Protestmärsche und Besetzungen – die buchstäblich nichts bewirkt haben; Lohn- und Rentenzahlungen bleiben in der Russischen Föderation nun schon über Jahre hinweg aus, bestenfalls sind zwischendurch ein paar Almosen verteilt worden. Die russischen Arbeiter sind Objekt eines ziemlich einzigartigen Experiments und haben folgende Lehren am eigenen Leib zu spüren bekommen: Erstens dreht sich in Rußland nun alles ums Geld; so gründlich ist das Versprechen, ein neues System einzuführen, eingelöst worden, daß russische Arbeiter ohne Lohn aufgeschmissen sind. Zweitens wird unter der Prämisse, daß es nurmehr um Geschäfte geht, die Geld abwerfen, das russische Volk in seiner überwältigenden Mehrheit als kapitalistisch nicht verwendungsfähig abgeschrieben. Drittens entfallen Renten und andere soziale Zuwendungen, weil auch der Staat seine neue Geldrechnung damit nicht belasten kann und will, so daß die Masse der Bevölkerung auf keine Weise an das Geld herankommen kann, von dem jetzt der Lebensunterhalt abhängig gemacht ist. Die elenden Versuche, sich mit selbst angebauten Kartoffeln und Gurken über den Winter zu retten, werden von hiesigen Zeitungen gerade wieder einmal als beachtliche Überlebenskünste besichtigt. Viertens zeigt das in den russischen Medien gewälzte „Problem des Zahlungsausfalls“ – beim Staat und den Unternehmen kommt kein Geld herein, folglich werden auch die Arbeiter nicht entlohnt –, daß auch die Masse der russischen Produktion als kapitalistisch nicht verwendungsfähig abgeschrieben wird. Und schließlich ist dieses Urteil, daß nach der Grundrechnungsart der Marktwirtschaft der russische Staat und seine Wirtschaft geschäftsunfähig sind, seit August dieses Jahres auch noch in der offiziellen Fassung auf dem Tisch, daß die Banken pleite sind, der Staat zahlungsunfähig und das russische Geld kaputt ist. Die russischen Werktätigen haben gründlich Bekanntschaft mit dem Kapitalismus gemacht, von der Einführung bis zum Staatsbankrott in nur 7 Jahren.

Das ist der Bescheid, den das System dem russischen Volk erteilt: Für es in seiner neuen Rolle als Lohnarbeiter ist kein geschäftlicher Bedarf, daher auch kein Unterhalt vorhanden, in der neuen Marktwirtschaft ist es als nutzlose Überbevölkerung verplant – die Betroffenen reagieren mit Ungläubigkeit, das kann und darf doch nicht wahr sein. Sie rufen nach der politischen Verantwortung, verlangen Abhilfe von genau dem Staat, der diese Verhältnisse eingerichtet hat: Rußland muß doch wohl dazu in der Lage sein, wenn nur die richtigen Führer in den Ämtern sitzen, nicht saufen, sondern ihre Pflicht tun und dafür sorgen, daß seine Arbeiterklasse benützt und entlohnt wird. Dank der ausgiebigen Politisierung, die die Realsozialisten ihrem Volk haben angedeihen lassen, kennen sie nur Kategorien guter und schlechter Staatsverwaltung, Pflichtvergessenheit und Verbrechen: Daß eine Handvoll Diebe es geschafft haben soll, eine ganze Volkswirtschaft zu klauen, oder Jelzin alles alleine versoffen hat, derlei Erklärungen für das nationale Desaster gelten als höchst glaubwürdig. Daß die Jelzin-Regierungen die Marktwirtschaft verkehrt eingerichtet haben – als wären ihnen nicht Heerscharen fachkundiger Berater aus dem marktwirtschaftlichen Ausland zur Seite gestanden –, oder daß das Ausland Rußland absichtlich die Rezepte einer gelungenen Marktwirtschaft vorenthält, um es zu demütigen und zu erniedrigen, daß letztlich die Juden in den russischen Banken und im IWF dahinterstecken – russische Staatsbürger sind für alle noch so abstrusen Verschwörungstheorien zu haben. Aber gegen die elementare polit-ökonomische Wahrheit, daß sie am neuen System zugrundegehen, sind sie immun.

Das ist, wie gesagt, kein Fall von Dummheit, sondern ein Beleg enormer politischer Bildung: Gerade die, die eine alternative Wirtschaft erlebt haben, die wissen, daß es durchaus anders geht, stellen sich zum neuen System und den Verheerungen, die es an ihren Lebensumständen anrichtet, als könnten sie sich einfach keine Alternative denken. An der Lehre vom besseren Wirtschaftsmodell, die ihnen die Partei unter Gorbatschow und die neuen demokratischen Führer eingepaukt haben, halten sie so sehr fest, daß sie so etwas wie ein „System“ gar nicht mehr kennen wollen – geschweige denn daran denken, dagegen vorzugehen. In grenzenloser Staatsgläubigkeit lassen sie sich in den nächsten Hungerwinter führen, als stünde ihre Nation nicht noch voll mit Überresten von Produktionsmitteln, mit denen sich das Überleben zweckmäßig organisieren ließe…

Die erbärmliche Vorstellung, die die Demonstranten am 7.Oktober abliefern, beruht nicht zuletzt auf der Leistung der 2 Vereine, die die Volksmassen zum Protestieren bestellt haben.

2. Die Veranstalter

„Schluß mit der unbezahlten Arbeit!“ (Parole der Gewerkschaften)

Hauptveranstalter sind die russischen Gewerkschaften, die im Unklaren lassen, ob sie einen Protesttag oder einen Generalstreik ansetzen. Umso hämischer rechnet der Spiegel ihre Erfolgsmeldungen nach:

„In 39000 Betrieben hätten 12 Millionen Proletarier keinen Finger gerührt. Nur, das tun sie auch sonst nicht eben emsig, denn die meisten dieser Staatsunternehmen sind längst pleite.“ (42/98)

So wenig wie in Rußland von der geschäftlichen Anwendung der Arbeiterklasse die Rede sein kann, so wenig steht eben auch Streik als Druckmittel zur Durchsetzung von Arbeiterforderungen zur Verfügung. Davon, daß überhaupt kaum ein Stoff für gewerkschaftliche Aktivitäten vorhanden ist, lassen sich die traditionsreichen Sowjet-Gewerkschaften, die als Transmissionsriemen verabschiedet worden sind, aber nicht beirren und gehen weiterhin ihrer gesellschaftlichen Aufgabe nach. Vor Ort widmen sie sich als Selbsthilfekomitees den jämmerlichen Überlebensversuchen, auf nationaler Ebene fingieren sie die Vertretung einer Arbeiterklasse, die gar nicht als solche benützt wird – indem sie diesen Umstand anklagen. So versammeln sie ihre Mitglieder zum ohnmächtigen Appell an die Obrigkeit, nennen das allrussische Gejammer nach Belieben „Generalstreik“ und bekennen sich auch noch dazu, daß sie etwas ganz anderes meinen:

„Der stellvertretende Gewerkschaftschef Issajew warnt, daß in einigen Regionen die Situation so aufgeheizt sei, daß gewaltsame Ausschreitungen nicht auszuschließen seien. Die Gewerkschaften sehen sich als Kanäle für die Unzufriedenheit der Menschen, ihr Ziel ist es, ‚zivilisierten Protest‘ zu organisieren und damit Gewalt zu verhindern.“ (FAZ 7.10.)

Einen neuen Daseinszweck haben die Gewerkschaften also schon gefunden: Als soziales Ventil wollen sie den Unmut kanalisieren, als ehrenamtliche Aufpasser dafür sorgen, daß sich die Arbeiter nicht etwa zu Hungeraufständen verleiten lassen, sondern den sozialen Frieden einhalten – damit sie berechtigt fordern und anklagen dürfen. Auf diese Weise bekennen sich die Gewerkschaften dazu, der Obrigkeit behilflich sein zu wollen, damit sich die russischen Arbeiter bei ihrer Verelendung nicht störend bemerkbar machen.

Der zweite an dieser Form der staatsbürgerlichen Bildung beteiligte Verein sind die Kommunisten, die in ihrem Aufruf zum nationalen Protest nach Kräften die üble Nachrede dementieren, sie wollten zurück zum alten System. Wir verlangen radikalen Kurswechsel! Präsident Jelzin in den Ruhestand! (Die Parole der KP) Sie wollen nichts als Verantwortung tragen – für den und im Jelzin-Staat. Sie wollen genau dasselbe wie die Reformregierungen – bloß mit Erfolg!

„Kapital nach Rußland zurückbringen und in die Entwicklung des produktiven Sektors investieren… Stärkung des Rubel…“ (Aufruf der KP zum Protesttag), „…müssen Steuern sofort gesenkt werden, wobei gleichzeitig durchzusetzen ist, daß sie gezahlt werden… bräuchte es ein Gesetz, das jene 260 Mrd US-Dollar ins Land zurückholt, die in den vergangenen sieben Jahren verschwunden sind.“ (Suganow, Neues Deutschland, 24.9.)

Auch diese Mannschaft läßt sich nicht davon beeindrucken, daß das Objekt ihrer Fürsorge, der russische Kapitalismus, offenkundig anders funktioniert als ihr Ideal eines ordentlich geführten Gemeinwesens. Sie definieren die Zustände, gegen die sie die Massen zum Protest aufrufen, einfach als Fall von Mißwirtschaft, von schlechtem Regieren, verwenden sich für die Propaganda, nach der am ganzen neuen Rußland eigentlich nichts auszusetzen sein soll außer gerade einmal die Untaten der Spekulanten und die Unfähigkeit der Führungsclique. Die zu beseitigen, bieten sie sich an; in den Austausch der Regierung sollen die Massen ihre Hoffnungen setzen, und insofern organisieren sie den von ihnen veranstalteten Protest auch schon gleich als Unterstützung der Regierung, in der sie nun vertreten sind:

„Bei den Massenkundgebungen wollen wir die Regierung auffordern, das Vertrauen des Volkes zu rechtfertigen, statt es noch einmal zu verspielen. Das ist, wenn Sie so wollen, eine Unterstützung der Regierung gegen die Willkür von Jelzin und dessen korrupter Umgebung.“ (Spiegel 41/98)

Selbstredend scheuen diese Kommunisten nicht davor zurück, sich als Garanten „harter ökonomischer Maßnahmen“ im besten bürgerlichen Sinne anzupreisen: Deren Notwendigkeit steht für sie unumstößlich fest. Daß Kommunismus einmal in der Erklärung dieser schädlichen „Notwendigkeiten“ und der Anstrengung, sie abzuschaffen, bestanden hat, dürfte ihnen zwar bekannt sein, gilt aber nicht mehr als zeitgemäß und vor allem als politisch verantwortungslos. Daß mit Sparhaushalten und Steuereintreiben – also der Fortsetzung der Arbeit der Vorgängerregierungen – der Rubel gestärkt, einer produktiven Wirtschaft und damit dem Volke gedient wird, das halten die Suganow-Leute für die einzig realistische Antwort auf das Massenelend, mit dem sie politisch hausieren gehen. Daß gerade sie bei dieser Aufgabe unverzichtbar sind und die Arbeit keinesfalls den gleichgesonnenen anderen Parteien überlassen dürfen, liegt nach eigenem Bekunden nicht an volksfreundlichen Taten, die sie im Unterschied zu den anderen im Programm haben, sondern umgekehrt in der Glaubwürdigkeit, mit der gerade sie „den Menschen“ die „harten ökonomischen Maßnahmen“ verdolmetschen können:

„Wenn die Menschen sehen, daß harte ökonomische Maßnahmen nicht vor dem Hintergrund einer saufenden und sich selbst bereichernden ökonomischen Clique durchgesetzt werden, sondern im Dienste einer produktiven Wirtschaft stehen, werden sie die Maßnahmen unterstützen.“ (Neues Deutschland, 24.9.)

Und schließlich werben sie auch noch im Ausland um Anerkennung für ihre konstruktive Rolle:

„Suganow: Ja, ein Generalstreik ist eine gefährliche Sache. Aber viel gefährlicher wäre es, wenn die Frustrationen elementar ausbrechen würden. Wir wollen keinen Aufstand mit Lynchjustiz, sondern einen geordneten Protest.“ (Neues Deutschland, 24.9.)

Auch dieser Verein hat kein Problem, die Opfer des neuen Rußland, als deren Anwalt er sich geriert, zu einer Gefahr zu erklären, die er unschädlich macht! Ein gelungener Beitrag der Kommunisten zum neuen Rußland: Sie machen sich zum Kronzeugen gegenüber dem Volk, daß außer seiner organisierten Verelendung nichts drin ist; und für den Beweis ihrer Regierungsfähigkeit läßt die Partei ihre Anhänger auf öffentlichen Plätzen antreten.

Das war laut ehrlichem Bekenntnis seiner Veranstalter Sinn und Zweck des nationalen Protesttags: die Volksmassen auf ihre Ohnmacht einzuschwören. Während in Rußland die Alternative Sozialismus oder kapitalistische Barbarei auf der Tagesordnung steht, sorgen sich die „linken Kräfte“ um einen möglichen Volksaufstand, den sie als schlimmste Alternative verhüten wollen…

3. Der von allen Beteiligten verhinderte Volksaufstand

Unter dem irreführenden Etikett Protest melden drei staatstragende Kräfte ihre Sorge um die Lage der Nation, ihr Recht auf eine ordentliche Staatsführung an, unterstreichen das eigens damit, daß sie jedenfalls ihre staatsbürgerlichen Pflichten kennen und achten. Ein Volk, aus seiner Funktion als Volk, als Produzent staatlichen Reichtums, entlassen schmettert der Staatsmacht den Antrag auf Benützung entgegen. Eine Gewerkschaft, die keinen Gegensatz zwischen Anwendern von Arbeit und Arbeitern zu betreuen hat, macht sich für die Organisation eines sozialen Friedens stark, für den in der Arbeitswelt gar kein Bedarf besteht. Eine Kommunistische Partei läßt das Volk antreten, damit es ihre nationale Verantwortlichkeit und ihr Anrecht auf eine Regierungsmacht unterstreicht, die längst nur noch aus formellen Insignien besteht. Alle wollen ganz unbedingt weiter diese ihre Rolle im Staat spielen und nicht wahrhaben, daß das Gemeinwesen für ihre staatstragenden Beiträge außer der Beibehaltung des Anscheins einer öffentlichen Ordnung gar keine Verwendung hat. Umgekehrt sind sich alle ausgerechnet darin einig, daß die größte Gefahr für Rußland darin bestehen soll, daß womöglich das Volk außer Kontrolle geraten könnte – ein grotesker Auftritt: Das Staatswesen, dem sie ihre Treue andienen, geht nämlich aus ganz anderen Gründen vor die Hunde.

Von der einzigen unwidersprechlich gültigen Gewalt, der unpersönlichen abstrakten Gewalt des Geldes, die das russische Volk zu spüren bekommt, ist nicht die Rede, die Leistungen der kapitalistischen Revolution von oben sind kein Thema. Geredet und gewarnt wird vielmehr vor der drohenden Gewalt eines Volksaufstands – schon einmal hat es einen russischen Oktober gegeben… –, und diese Warnungen sind einerseits albern, andererseits verlogen. Albern, weil das heutige Volk, außer gerade einmal dem vor sich hinsterbenden Jelzin, keinen Verursacher seiner Not, also keinen Gegner kennt. Die als Vorboten eines sozialen Aufruhrs zitierten Protestaktionen dokumentieren nichts als Ohnmacht: Eisenbahnlinien werden okkupiert, auf denen ohnehin nur noch ein Minimum von Transporten vorbeikommt, Betriebe werden besetzt, um auf dem Fabriksgelände den gewöhnlichen Hunger als Hungerstreik abzuwickeln, Betriebsleiter werden festgesetzt, was nichts durcheinanderbringt und niemanden aufregt – mehr als Demonstrationen ihrer Verzweiflung, hilflose Appelle an die Verantwortlichen, als hätten diese die Zustände nicht eingerichtet, sondern vielmehr ihre Fürsorgepflichten vergessen, will den Beteiligten nicht einfallen.

Verlogen sind die Warnungen, weil die Warner damit nur sich selbst, ihre Ermächtigung empfehlen, allerdings mit einer ungewöhnlichen politischen Werbung: Indem sie den Mißstand, zu dessen Behebung sie sich empfehlen, ausgerechnet damit ausmalen, daß sie sich sehr gut vorstellen könnten, daß auch noch das Volk außer Kontrolle gerät, drücken sie aus, daß der Grund und Gegenstand ihrer Sorge ein ganz anderer ist, nämlich der beispiellose Zerfall der Staatsmacht, der in Rußland stattgefunden hat. Nach ihrem Bekunden geht es um nicht mehr und nicht weniger als darum, den Staat zu retten; vor wem oder was eigentlich, bleibt im Unklaren. Ihr Programm erschöpft sich im Ruf nach Ordnung; und dieser ebenso elementare wie abstrakte Bedarf, dem die Gründe für den Niedergang der Staatsmacht unfaßlich sind, macht sich vorstellig mit der Fiktion eines drohenden Loyalitätsverlusts auf seiten der Volksmassen.

Die Gewalt, die sich wirklich ankündigt, ist also eine ganz andere als der von allen beschworene Volksaufstand: die der konkurrierenden Ordnungsstifter.

4. Die Nutznießer

Die alternativen Präsidentschaftskandidaten eröffnen eine neue Runde der Konkurrenz um die Macht; in der Erwartung, daß Jelzin demnächst verschwindet, benützen sie das Protestspektakel, um sich in Stellung zu bringen. Schon im Streit darum, wer als Hauptveranstalter auftritt und hinter welchen Parolen die Demonstranten hermarschieren, kommt es den Gewerkschaften hauptsächlich darauf an, ihre Distanz zur KP zu dokumentieren, bei der Veranstaltung schwenken sie ihre blauen statt der roten Fahnen. Sie wollen die gegen die KP gewandten Verdächtigungen nicht auf sich ziehen und sich nicht als Potential der KP monopolisieren lassen. Der Ertrag des ganzen Aufzugs besteht dann darin, daß auf dem einen Platz in Moskau Luschkow, auf dem anderen Suganow den Applaus der Massen einsammelt; in Krasnojarsk setzt sich Lebed an die Spitze, und andere Gouverneure melden in ihren Regionen ihr Recht auf autonomen Machtgebrauch, also auf die Zerschlagung der Moskauer Macht an.

5. Das Ausland

Das interessierte Ausland zieht am Tag danach den Popanz der Oktoberrevolution wieder aus dem Verkehr, nicht ohne die entsprechende Häme.

„Die Oktoberrevolution findet noch nicht statt.“ (SZ 8.10.) „Was als zweite Oktoberrevolution angekündigt war, endete in ohnmächtigem Zorn.“ (Spiegel 42)

Die sorgenvolle Bezugnahme war ja auch schon im Vorfeld als Heuchelei kenntlich. Ziel- und folgenlose Proteste verdienen nämlich unser ganzes Verständnis, daher auch die großmütigen Zugeständnisse seitens der deutschen Meinungsmacher an das russische Volk, daß man das Bedürfnis nach einem Aufstand, der nicht stattfindet, gut nachempfinden kann:

„Wird das für seine Leidensfähigkeit bekannte Volk diesmal in Massen auf die Straßen ziehen? Gründe hätten die Menschen genug… Eine Umfrage weist auch diesmal auf Apathie hin…“ (SZ 7.10.) „Den Protesten fehlt ein Führer, vor allem aber ein Ziel.“ (FAZ 7.10.)

Nachher kehrt Zufriedenheit ein, daß das Volk weiter seiner traditionellen Hauptbeschäftigung Leidensfähigkeit nachgeht, so mögen wir die Russen. Die wirkliche Sorge der westlichen Beobachter gilt der Frage, was sich auf der Seite der Führung in Rußland tut, der mäßige Erfolg der KP bei den Massen entspannt da die Lage, und die Präsidentschaftskandidaten wird man unter Beobachtung halten. Ab da gilt die vordringliche Anteilnahme wieder den Bilanzen unserer Banken, der Frage, ob Rußland seine Devisenerträge in einem angemessenen Verhältnis zwischen seiner Pflicht zur Schuldenbedienung und den Lebensmittelimporten für den angekündigten Hungerwinter aufteilt und die Auflage der Gläubiger einhält, keinesfalls zur Bezahlung der Löhne „die Notenpresse anzuwerfen.“

P.S.: Die Rolle des drohenden Volksaufstands in der russischen Staatsbürgerbildung

„Nach Angaben des RNISiNP (Russisches Forschungsinstitut für Soziologie und nationale Politik) solidarisieren sich fast achtzig Prozent der Bürger mit den Losungen und Forderungen, die im Verlauf der Protestaktionen erhoben wurden. Mehr als 62% der Bürger glauben nicht, daß es überhaupt irgendwelche effizienten Verfahren gibt, um die Macht im heutigen Rußland zu beeinflussen. Zu berücksichtigen ist im übrigen, daß die Proteststimmungen und -aktionen durch Befürchtungen gedämpft werden, daß ein sozialer Aufruhr über das Land hereinschlagen werde und jeden Einwohner persönlich betreffen könne. Derartige Befürchtungen äußerten zwei Drittel der Befragten.“ (Ein Repräsentant des Forschungsinstituts: „Droht in Rußland ein sozialer Aufruhr?“ in Wostok 6/98)

Für Russen stellt es offenkundig kein Problem dar, sich selbdritt vorstellig zu machen: erstens als Inhaber berechtigter Forderungen, zweitens als mögliches Opfer von Unruhen, die sie drittens in Gang setzen könnten, falls sie ihrem Unmut Lauf lassen. Sie fürchten sich glatt noch vor sich selber, daß sie aus dem Ruder laufen könnten.

P.P.S.: Endlich ist einmal der blöden Lenin’schen Definition der „revolutionären Situation“ – die oben können nicht mehr, die unten wollen nicht mehr – eine gründliche Absage erteilt worden. Dies ist der Beweis: Es stimmt nicht, das Sprichwort.


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