Marktwirtschaft im Osten

Dieser Artikel ist in der Reihe Chronik – kein Kommentar! der Zeitschrift GegenStandpunkt 3-99 erschienen. Sie kann über den Buchhandel oder direkt beim Verlag als Druckausgabe oder E-Book erworben werden.

Die UNO hat ermittelt:
„Marktwirtschaft hat die Menschen im Osten ins Elend gestürzt“!
Und was folgern wir daraus? Weiter so!

Überblick

Unübersehbar für Sachverständige der UNO, dass die Marktwirtschaft seit 10 Jahren den Ländern hinter dem ehemaligen eisernen Vorhang nur Armut gebracht hat. Als Rezept dagegen: mehr Marktwirtschaft!

Die UNO hat ermittelt:
„Marktwirtschaft hat die Menschen im Osten ins Elend gestürzt“! Und was folgern wir daraus? Weiter so!

Im Rahmen ihres Berichts ‚Die Weltwirtschaft im Jahre 1999‘ blicken die Sachverständigen der UNO auch nach Osten und geben in einer Studie Auskunft über zehn Jahre Marktwirtschaft in den Ländern hinter dem ehemaligen Eisernen Vorhang. Daß es den dort ansässigen Völkerschaften nicht besonders gut geht, durfte man sich bislang mit den Hinterlassenschaften einer ‚maroden kommunistischen Planwirtschaft‘ erklären. Doch die SZ präsentiert die Highlights dieser Studie unter dem erstaunlichen Titel Marktwirtschaft hat Menschen im Osten ins Elend gestürzt:

„Der abrupte Übergang von der sozialistischen Plan- zur kapitalistischen Marktwirtschaft habe zu weit verbreiteter Armut geführt, die Kriminalitäts- und Sterblichkeitsraten hoch schnellen lassen, gleichzeitig seien die Geburtenraten und die Lebenserwartung der Menschen im Osten gesunken. Je weiter nach Osten man schaue, desto desolater werde die Lage. Vor allem in den früheren Sowjet-Republiken bahne sich eine soziale Krise enormen Ausmaßes an. Sinkende Löhne und hohe Inflation hätten die Menschen in die Armut getrieben; (…) Der Anteil der Bevölkerung in der Region, der mit einem Tageseinkommen von vier Dollar leben müsse, sei zwischen 1988 und 1994 von vier auf 32 Prozent gestiegen. Im gleichen Zeitraum seien auch die Selbstmordraten in die Höhe geklettert; … Suizid sei jedoch nur ein Grund, warum für viele Menschen der Reformprozeß ‚buchstäblich tödlich‘ gewesen sei. Hinzu kämen eine schlechte medizinische Versorgung und – vor allem bei jungen Männern – ein ‚zunehmend selbstzerstörerisches Verhalten.‘“ (SZ, 5.8.99)

Selbst das dürfte die soziale Lage im marktwirtschaftlich regierten Osten noch etwas beschönigen. Denn wie Löhne, die gar nicht gezahlt werden, sinken können, und womit sich das Bevölkerungsdrittel auf dem untersten Armutsniveau ein Tageseinkommen von 4 Dollar verschafft, wird wohl ewig Geheimnis der UN-Autoren bleiben. Doch immerhin ist dem akribisch zusammengetragenen Material auch so zu entnehmen, mit was für einem Segen die Völker beschenkt wurden, die so lange die Freiheit des Eigentums zu entbehren hatten: In den nicht einmal 10 Jahren, in denen sie selbige genießen, ist von den Volkswirtschaften, in denen sie vorher recht und schlecht ihre Lebensgrundlage hatten, einfach nichts mehr übrig geblieben, sie sind überflüssiger sozialer Schrott und können sich ihres Elends mit Selbstmord entledigen. Oder sie sterben einfach so schneller weg.

Das möchte man in der SZ-Redaktion so nicht stehen lassen. Den Eindruck, die über alles geschätzte Marktwirtschaft könnte tatsächlich für das Elend verantwortlich sein, das ihr Import in die ehemaligen Staaten des Ostblocks geschaffen hat, will man der Öffentlichkeit nicht zumuten. Und so macht man sich daran, die doch recht eindeutige Botschaft der UN-Studie in Zweifel zu ziehen:

„So ist die Region, die der Bericht abdeckt, riesig. Sie reicht von Polen über Teile des Balkans und Mittelasien bis zur russischen Ostküste. Alle diese Länder, die mit verschiedenen Voraussetzungen in den Reformprozeß gestartet sind, auf den knappen Nenner ‚arm statt rot‘ zu bringen, dürfte kaum möglich sein.“ (ebd.)

Weil die Größe des Desasters noch von der Größe des betroffenen Territoriums übertroffen wird und nach Osten zunimmt, sind für den Schreiber der SZ verbindliche Aussagen über das Desaster von Haus aus zweifelhaft und Statistiken generell heikel. Das Elend schaut doch gleich ganz anders aus, wenn man die EU-Mitglieder in spe (…) Polen, Tschechien und Ungarn mit der Krise in Rußland vergleicht. Im Falle ersterer hat es nämlich Perspektive, in letzterem Fall nicht. Und überhaupt Rußland: Wieder trübt die Krise in Rußland, dem größten Staat des untersuchten Gebiets, das Bild der gesamten Region. So dominant ist die Ex-UdSSR auch als soziales Katastrophengebiet immer noch, daß es die unglaublichen marktwirtschaftlichen Erfolge im Kleinen verdrängt – und niemand es erwähnenswert findet, daß die Lebenserwartung der slowenischen Männer doch tatsächlich um vier Jahre gestiegen ist!

Blamieren sich die statistischen Zahlen des Elends schon an den Landmassen, so fehlt es überhaupt an der rechten Vergleichsbasis zwischen Früher und Jetzt: Die Verbrechensstatistiken aus den alten Polizeistaat-Zeiten in denen die Regierungen der früheren Ostblock-Länder damals vor allem den Statistiken geglaubt haben, die sie selbst gefälscht hatten, sprechen da Bände, so daß Mord, Totschlag und alle anderen kriminellen Karrieren im Neuen Osten nur eines belegen: Neu ist das alles nicht. Auch wenn die Paupers das Recht heute brechen, weil sie in einer Marktwirtschaft, die für sie keine Verwendung hat, für ihr Fortkommen keine Perspektive sehen – Rechtsbrecher waren sie einfach schon immer.

Doch trotz all seiner wohlmeinenden Versuche, die Ehre der Marktwirtschaft gegen die üble Nachrede einer UN-Behörde zu retten: So ganz in Abrede stellen will der Redakteur der SZ nicht, daß der Siegeszug des Kapitalismus auch seine Schattenseiten hat: Trotzdem ist genügend deprimierendes Material zusammengekommen, an dem es nichts zu deuteln gibt. Umso mehr freut es ihn berichten zu dürfen, daß die Studie der UN seine bedingungslose Parteilichkeit für die Marktwirtschaft trotz der Verheerungen teilt, die sie nach sich zieht: Als Konsequenz fordert der Bericht jedoch weder das Ende der Reformen noch eine Rückkehr zur Kommandowirtschaft. Gott sei Dank verweigern sich auch die UN-Sachverständigen für Wirtschaft dem einzig senkrechten Schluß, daß die Völker im Osten wohl besser beraten wären, ihr Schicksal nicht vom Ausgang der Kalkulation abhängig zu machen, ob sie sich marktwirtschaftlich rentabel vernutzen lassen oder nicht. Das überrascht zwar nicht, denn ein Aufruf zum antikapitalistischen Umsturz war von der UNO nun wirklich noch nie zu hören. Doch daß auch die Autoren der Studie, die die Marktwirtschaft für das Elend im Osten verantwortlich machen, zu der einfach keine Alternative kennen wollen, hält der Mann von der SZ schon für besonders hervorhebenswert. Mit dem kapitalistisch erzeugten Elend steht für ihn wie für die UNO die Unvermeidlichkeit des Elends fest, daher das ‚allerdings‘ in seinem letzten Satz: Nötig seien allerdings Programme, um die soziale Verelendung zu stoppen. Wie die dann aussehen sollen, ist, wie wir die Leute von der UNO und der SZ kennen, auch schon klar: Das beste Programm, die marktwirtschaftlich-soziale Verelendung zu bekämpfen, ist und bleibt die Marktwirtschaft!


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