Leserbrief zur Rechtschreibreform

Dieser Artikel ist in der Zeitschrift GegenStandpunkt 1-98 erschienen. Sie kann über den Buchhandel oder direkt beim Verlag als Druckausgabe oder E-Book erworben werden.

Leserbrief
Leserbrief zum Artikel „Rechtschreibreform: Neues aus dem nationalen Irrenhaus“ in GegenStandpunkt 3-97, S.62

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Überblick

Einige Argumente gegen die vom Leser angeführten ‚guten Gründe‘ der Rechtschreibreform: der Unsinn einer eindeutigen Laut-Schriftzeichen-Zuordnung / die fatalen Wirkungen des ‚Strebens nach Einfachheit‘ in der Schriftsprache / Funktionen der Sprache, die über die Mühsal ihres Erlernens leicht aus dem Blick geraten / eine kleine Ehrenrettung des Kommas …

Leserbrief zum Artikel „Rechtschreibreform: Neues aus dem nationalen Irrenhaus“ in GegenStandpunkt 3-97, S.62

Was der Schreiber des Artikels sehr überzeugend rüberbringt, ist eine ordentliche Portion Verachtung für den Gegenstand, den er sich zur Befassung ausgesucht hat. Über die Sache selbst liest man, daß sie „ein Krampf“ sei, leider aber nicht, worin der besteht. Stattdessen soll man sich darauf verlassen, daß mit Notwendigkeit „ein Krampf“ rauskommen muß, wenn diverse vorgestellte bürgerliche Agenten des Geisteslebens am Werk sind. Da auch bei deren Besprechung der Standpunkt des Abwinkens vorherrscht, gerät der kritische Ertrag schon ein bißchen sehr kurz bis diffus. Wenn da jeder dieser Figuren gerade ein Satz zu ihrer Bestimmung zugestanden wird, ist das nicht hilfreich zum Verstehen, wie’s gemeint war, manche Behauptungen darin sind wenigstens schief, einige auch falsch.

Auch der über die Rechtschreibreform entstandene Streit, der wohl Hauptgegenstand des Artikels ist, kommt einigermaßen seltsam vor. Zitiert werden die von den Streithähnen in Anschlag gebrachten höheren Titel („Grundrechte der Bürger“ etc.), mit denen sie ihren konträren Standpunkten die nötige moralische und juristische Rechtswürdigkeit verleihen wollen. Die Standpunkte selbst werden nicht einmal benannt, geschweige denn einer Analyse für würdig befunden. Da bleibt dann am Ende nur noch das Urteil „Irrenhaus“ übrig, mit dem man nicht gerade viel erklärt, dafür aber im Resultat das Gleiche gesagt hat wie der Stammtischbruder. Klar faßt man sich an die Stirn angesichts der zu Tausenden vorliegenden Leserbriefe, in denen die verlorengegangene „Heimat Sprache“ beweint oder „Gefängnisse für fatale Germanisten“ gefordert werden. (Auch der Vorwurf „Kommunistensäue“ an die Adresse des Mannheimer Instituts fehlte nicht.) Vielleicht möchte man aber gerade wissen, was solche Leute umtreibt.

Schließlich soll man sich nach dem Artikel darüber wundern, daß die Sache überhaupt justiziabel wurde: „Dürfen die das?“, legt der Artikel nahe, sei ja wohl die behämmertste Frage bei diesem Gegenstand. Und da, wie gesagt, der Gegenstand Rechtschreibreform unbestimmt bleibt, bleibt am Schluß wieder nur der Befund „Irrenhaus“ stehen.

Ich versuche jetzt mal eine positive Bestimmung der Sache, bei der auch einzelne Punkte aus Eurem Artikel näher kritisiert werden. Ihr könnt das dann ja wieder gradestellen, wenn ihr Euch blöd angemacht vorkommt oder eine andere Auffassung zur Sache habt.

1. Was hat der Staat mit der Rechtschreibung zu tun?

Eine Menge, soweit es um Einheitlichkeit geht. Zunächst ist es der Staat, der die Verbindlichkeit einer einheitlichen Rechtschreibung in seinem Staatsgebiet überhaupt schafft. In Deutschland geschah das ziemlich rasch nach Gründung des Nationalstaats Ende des letzten Jahrhunderts und schon im Jahre 1902 lag der erste Duden vor, der keiner anderen Aufgabe nachgekommen war, als dem staatlichen Anliegen, gefälligst für Einheitlichkeit im Schriftgebrauch zu sorgen. Ein großes Wunder ist dieses staatliche Interesse nicht, schließlich ist schriftliche Kommunikation ein nicht unwesentliches Moment seiner Infrastruktur. Da paßt er genauso drauf auf, wie auf seine Handelsgesetze oder die Straßenverkehrsordnung. Daneben ist die Verpflichtung seines Volkes auf eine Sprache und eine Schreibweise ein schönes Mittel der nationalen Identitätsstiftung, das bei den meisten Leuten auch sehr gut verfängt, wenn sie am Ende glauben, sie zahlten gerade diesem Staat seine Steuern, weil sie alle Deutsch sprechen. Daß eine Sache wie Sprache und Schrift justiziable Gegenstände werden können, darüber braucht man sich also nicht groß zu wundern oder es als bürgerlichen Oberwahn darzustellen – sie sind es schon von Haus aus.

2. Warum ist man auf eine Reform gekommen?

Erstens gibt es eine grundsätzliche Schwierigkeit in dem Verhältnis der deutschen Lautung zu den Buchstaben der lateinischen Schrift: Die beiden Seiten passen einfach nicht genau zueinander. (Z.B. verfügt das Hochdeutsche auf der Lautebene über wenigstens 20 Vokale, verschriftlicht stehen dem, unter Zuzählung der Umlaute und Diphtonge gerade 11 Zeichen gegenüber; bei den Konsonanten ist das noch wilder). Dazu kommt, daß sich die Aussprache mancher Worte, die man noch von alters her auf eine gewisse Weise schrieb, im Laufe der Zeit geändert hat. Das macht die deutsche Rechtschreibung insgesamt ziemlich schwierig zu erlernen, wenn man sie beispielsweise mit der italienischen vergleicht. Für diese Feststellung braucht es keinerlei pädagogische Überlegungen, und unnötige, sogar widersinnige Schwierigkeiten aus der Orthographie zu entfernen, hat nichts zu tun mit einem „Ideal der Einfachheit“.

Der Hauptgrund ist aber der, daß es den Erstellern des ersten Duden zugegebenermaßen erst mal nur um eine einheitliche Festlegung ging, also schon damals ein Bewußtsein darüber herrschte, daß sich in diesem Werk auch Ungereimtheiten befanden, die im Laufe der Jahre, als der Duden dicker wurde, immer mehr zugenommen haben. Heute existierende Absurditäten wie „Nummer“ (mit zwei m, weil das u kurz gesprochen wird) und „numerieren“ (mit einem m, weil man auf die Herkunft vom lateinischen „numerus“ hinweisen will) oder „Auto fahren“ neben „radfahren“ sind Setzungen, die die Logik nicht gerade auf ihrer Seite haben. Das Unbehagen der Sprachwissenschaftler daran entspringt also nicht ihrem Willen, „die Regeln nicht mehr erklären zu wollen“, wie es in dem Artikel heißt, sondern richtet sich auf die durchaus erklärten Regeln, von denen man z.B. weiß, daß einige von ihnen aus den Nöten der Buchdrucker vor hundert Jahren herrühren, mit den Gesetzen der Sprache also gar nichts zu tun haben. Schon gleich nicht hat man aus „Ausnahmen auf eine Abwesenheit von Regeln“ geschlossen, sondern versucht, dem Problem zu begegnen, daß eine Vielzahl der bisherigen Regeln sich gegenseitig widersprechen und damit das erschwert wird, was eine Regel auf diesem Gebiet leisten soll: daß man mit ihr generalisieren kann. Die folgende Frage

3. Warum heute eine Rechtschreibreform?

ist schon geklärt. Die Auffassung, daß die 1902 festgelegten Bestimmungen sehr unvollkommen sind und einer Nachbesserung bedürfen, gab es schon zu jener Zeit. In den 50er Jahren wurde die Notwendigkeit einer Reform dann auch amtlicherseits ausgesprochen. Von einer Absicht der Kultusminister zu sprechen, „die auch einmal mit einer großen Reform ihre Tatkraft unter Beweis stellen wollen“, ist abwegig.

4. Warum und worüber wird jetzt noch gestritten?

Wie alle anderen Bildungsinhalte auch wird die Rechtschreibung den Leuten durch die Schule vermittelt und ist darin – wegen der genannten Schwierigkeiten in besonderem Maße – Material zum Selektieren. Von da aus kann sich jeder, der die Schule geschafft hat und in den oberen Rängen angekommen ist, auf seine Zugehörigkeit zur Elite viel einbilden und dies mit einer besonderen Affinität zur Sprache ausmalen. Die ist für die Einbildung, man wäre grade deshalb in einer guten Position gelandet, weil man so einen edlen Kopf hat, auch besonders gut geeignet, weil jeder sie eben spricht und deshalb glaubt, er habe ein überaus spezielles Verhältnis zu ihr, was wiederum von seiner feinen Geisteshaltung Zeugnis ablegen soll. Wenn man dann noch eine heftige Liebe zum Deutschtum entwickelt hat, und entschlossen ist, an dessen Sprache eine besondere liebenswerte „Knorrigkeit“ und „Widerspenstigkeit“ zu entdecken – die im wesentlichen darin besteht, daß man selbst halbwegs richtig schreiben kann, während es der große Rest nicht tut, kann man sich angesichts der angekündigten Vereinfachungen schon eines Privilegs beraubt fühlen.

Man kann aber auch den anderen Standpunkt einnehmen und gerade wegen der an den Schulen stattfindenden Auslese zum Freund einer angemesseneren Selektiererei werden. Hier sind die von Euch kritisierten Pädagogen dran: „An den Diktaten entscheidet sich, wer Arzt und wer Arbeiter wird“, klagt da z. B. ein kritischer Vertreter dieser Zunft. Im Begleitschreiben des Duden zur letzten Fassung des Reformwerks heißt es: „Die Überbewertung der Rechtschreibung belastete mehr und mehr den Deutschunterricht an den Schulen und führte nicht selten dazu, daß Rechtschreibleistung mit Intelligenz gleichgesetzt wurde und die Auswahl für die weiterführenden Schulen entscheidend beeinflußte.“ Die Ignoranz dieses Standpunkts besteht darin, daß gegen die Existenz einer Berufshierarchie gar nichts gesagt sein will, wenn das Auslesemittel beanstandet wird. Solche Leute kennen sogar umgekehrt eine wahre Intelligenz, die über Rechtschreibfehlern steht, dann aber auch mit Recht Aufnahme in den Kreis der Elite beanspruchen darf. Bei aller Volksfreundlichkeit sind sie sich also mit ihren Gegnern darin einig, daß es mit rechten Dingen zugegangen sein muß, wenn dann am Ende die Ärzte und Arbeiter rauskommen. Nur sehen das die Reformgegner eben anders: Intelligent ist, wer wie sie das Wort „Pädagogik“ richtig trennen kann. Wer das in Zweifel zieht, riskiert den Untergang des Abendlands. Selbstredend nicht, weil er ihre elitäre Stellung entwertet, sondern die heilige Sprache zerstört, in und mit der sie angeblich alle leben. Daß die Reformgegner nun auch noch mit einigem sachlichen Recht auf vereinzelte Dummheiten in dem entstandenen Reformwerk hinweisen können („der grüne Abgeordnete“), liegt daran, daß hier im Streit um eine radikalere Reform, die die oben erwähnte Laut-Buchstabenbeziehung mit einbegreifen wollte, ein paar faule Kompromisse gemacht wurden, nach dem Motto: Wenn ihr dem „Aal“ sein doppeltes a laßt, gestatten wir euch die Sache mit der Groß- und Kleinschreibung. So viel zum „Krampf“, der schon auch herausgekommen ist.

Für einen wirklichen Macher wie Herzog ist klar, daß solch volksfreundliche Ideen der Reformer heute abgewirtschaftet haben. Die Jugend soll gefälligst Leistung zeigen, anstatt sich in von linken Pädagogen eingerichteten Kuschelecken herumzufläzen. Und damit ist die Sache bei ihrem Ausgangspunkt und Urheber wieder angekommen. Die beiden vom Staat betreuten Gesichtspunkte – Volksbildung und Leistungsgesellschaft – finden sich von den verschiedenen Gerichten unterschiedlich gewichtet und berücksichtigt, was in der Tat eine Rechtsunsicherheit zur Folge hat, weil nicht mehr feststeht, nach welchem Vorgehen die Kleinen ab jetzt durchgesiebt werden sollen. An dieser Stelle sind die Eltern einzuordnen, die sich von Berufs wegen Sorgen um die Karrierechancen ihres Nachwuchses machen und nun – die einen überzeugt vom Gebrabbel ihrer öffentlichen Vordenker, die anderen mehr interessiert daran, daß endlich Klarheit in der Schule herrsche – vor die Gerichte und in die Elternsprechstunden ziehen.

Daß sich die Schulbuchverlage, denen der Querschuß von Zehetmaier schon einmal den Profit verhagelt hat, weil sie die schon gedruckten Lehrwerke wieder einstampfen mußten, ebenfalls vor den Gerichten einfinden, ist überhaupt keine Position in dem Streit und ihr Standpunkt ebenso klar wie die Tatsache, daß Juristen nun einmal darüber „entscheiden, ob die das dürfen“. Was sonst sollen Juristen denn tun?

Die Dichter & Denker schließlich, die sich auch noch aufmandelten, sind nichts anderes als beleidigt. Niemand hat sie gefragt, keiner wollte sie als Instanz hören, wo doch der Duden vorher in allen Zweifelsfällen so schön darauf verwiesen hatte, daß man bei Thomas Mann immerhin nachlesen könne, daß …

Was zuletzt die Journalisten angeht, die aus dem Thema „einen neuen Fall“ machen, an dem sie ihre unterwürfige Kritik an der Obrigkeit ausbreiten, die an ihr das Obrigkeitliche vermißt – auf diese Mannschaft paßt als einzige eure Eingangsrede vom „politisierten Verstand, der einzig nach der höheren nationalen Bedeutung fahndet“. Aber das ist dann wirklich ein anderes Kapitel als die Rechtschreibreform.

Die Redaktion antwortet

1. betroffen. Weil sie Ungerechtigkeiten nicht ausstehen kann. Während sich die Leser angesichts der Verrücktheiten, die ihnen im Zuge der Rechtschreibreform unterkommen, an die Stirn fassen dürfen, wird den Schreibern wieder einmal jedes Vergnügen verwehrt. Wenn die einen großen Krampf vermelden, an dem sie sich nicht beteiligen möch-ten, dann stehen sie auf dem Standpunkt des Abwinkens – und kümmern sich nicht anständig um die Sache.

2. mißtrauisch. Der kleine Schulterschluß mit dem Artikel, der das Theater um die Rechtschreibreform als irrenhausreife Veranstaltung einstuft, ist zwarhaftig verlogen. Leser faßt sich nämlich überhaupt nicht an die Stirn – er räumt einige Entgleisungen ein, damit die Frage, was solche Leute umtreibt, ernstgenommen und gescheit beantwortet wird. Desgleichen verlangt Leser ausgerechnet bei Streithähnen, die sich mit mehr oder minder zu schützenden Rechtsgütern zu Wort melden, eine Analyse ihrer Standpunkte. Welche sollen denn da noch vorhanden sein? Eine Parteinahme für „Stengel“, versteckt hinter einem Grundrecht?

3. verwundert. Denn wir haben mit keiner Silbe dazu aufgefordert, sich zu wundern, daß die Sache justiziabel wurde. Bloß weil der Staat die Rechtschreibung normiert, ist es aber noch lange nicht alltäglich, gewöhnlich, respektabel und eben üblich, daß Familienväter wegen einer Zeichensetzung die Rechtspflege mobilisieren. Wer bei einem „ck“ die Frage „Dürfen die das?“ aufmacht – und die haben wir als Leitfaden für die diversen Interventionen in den Medien und bei Gericht entdeckt –, hat einen Sprung in der Schüssel. Und dieses Abwinken läßt sich die Redaktion nicht abkaufen durch so sensationelle Belehrungen über die Frage: Was hat der Staat mit der Rechtschreibung zu tun?

4. enttäuscht. Auch wegen der Charakterisierung der Mission, die verschiedene Agenturen des bürgerlichen Geisteslebens unternehmen, wenn sie sich an der Rechtschreibung zu schaffen machen, werden wir getadelt. Zu wenig, weil gerade ein Satz zugestanden – so der erste Vorwurf. Schief, einige auch falsch – so der zweite. Und statt zu sagen, inwiefern wir Kultusministern, Pädagogen und Sprachwirtschaftlern verkehrtes Zeug nachsagen, gibt Leser rundum zu, den Krampf, den die zitierten und glossierten Standpunkte enthalten, nicht verstanden zu haben. Nein, man soll sich überhaupt nicht darauf verlassen, daß mit Notwendigkeit ein Krampf rauskommen muß, wenn diese Leute ans Werk gehen. Als Leser soll man erst einmal lesen – sonst kann sich die Redaktion nicht einmal mehr darauf verlassen, daß der Krampf bekannt ist, der herausgekommen ist. Wir jedenfalls haben gemeint, den kenne jeder aus der Zeitung.

5. empört. Bloß weil wir die läppischen Veränderungen, die da erfunden worden sind, nicht aufgezählt haben, kriegen wir einen Vorwurf per Kausalsatz serviert, der uns die Zornesröte ins Gesicht treibt, obwohl er auf Selbstkritik zielt: Da der Gegenstand Rechtschreibreform unbestimmt bleibt – was, bitte, gibt’s denn da zu bestimmen? In den neuen Wörterbüchern sind die Veränderungen gelb; nachschauen! – bleibt am Schluß wieder nur der Befund ‚Irrenhaus‘ stehen. Immerhin bleibt am Schluß schon wieder der vernichtende Befund stehen, die Schreiber hätten sich mit der Sache nicht befaßt.

6. amüsiert. Weil das Zerwürfnis zwischen Leser und Schreiber ersterem nicht behagt, obwohl er es angezettelt hat. Zur Beschwichtigung der Redaktion kommt er mit einem Angebot, das uns fürbaß erstaunt: Leser will das Versäumnis ausbügeln, das sich Schreiber hat zuschulden kommen lassen. Und die positive Bestimmung der Sache, die uns da ans Herz gelegt wird, fällt so positiv aus, daß wir ab sofort bekennende Gegner jeder Rechtschreibreform zwischen Schottland und Ozeanien sind. Denn der Versuch präsentiert eine Parteinahme für ein neues Buchstabenwesen, die die von uns zitierten Beweggründe der amtlichen Sprachwirtschaftspädagogik nicht nur wiederholt, sondern auch noch sehr einfältig untermauert.

7. angdetaj. Wenn neulich schon auch amtlicherseits die Reform für fällig erklärt wurde, womöglich schon bei der uralten Normierung in Erwägung gezogen wurde, daß manches auch anders ginge, so besagt das erst einmal wenig. Eben nur so viel, daß es staatliche Instanzen gibt, die für die Norm der Schriftsprache zuständig sind und darüber befinden. Daß diese Instanzen ein Jahrhundert lang alles beim alten gelassen haben, war ihr Entschluß. Und wenn sie 1997 meinen, ein paar Korrekturen erlassen zu müssen, dann haben sie eben beschlossen, tätig zu werden. Mehr ist mit der Tatkraft in der Bemerkung von Schreiber nicht behauptet, das aber schon: Weder die werktätigen Zeitungsleser noch die Computerfreaks, auch nicht die Drehbuchautoren des neuen deutschen Films und mit der Gattung des Liebesbriefs befaßte Deutschlehrer haben einen dringlichen Bedarf angemeldet. Verkehrt geschrieben mag manches gewesen sein, der eine odere andere Verstoß gegen den Duden ist auch bemerkt und geahndet worden – von einem nennenswerten Unbehagen an der Orthographie war jedoch nichts zu spüren. Stattdessen ist aus der Legasthenie ein Studiengang und ein respektabler Geschäftszweig geworden, ohne daß auch nur die rhetorische Frage aufgekommen wäre, welches Telos hinter der gar nicht pädophilen Neigung steckt, den griechischen Buchstabenkult zu kopieren. Wenn neuerdings Deutschen gestattet wird, Hämorrhoiden anders zu schreiben, hat sich jedenfalls keine gerechte Forderung derer Bahn gebrochen, die der deutschen Zunge den passenden Satz Schriftzeichen erkämpfen wollten. Das Leiden ist schwerer zu meistern als seine Schreibung, und dasselbe gilt für die christliche Schiffahrt.

8. erleichtert. Und zwar darüber, daß die Reformkräfte, die sich an einer neuen Bewirtschaftung des deutschen Buchstabenwesens zu schaffen gemacht haben, des Lesers Fundamentalismus gar nicht erst in Betracht gezogen haben. Wenn uns da im Namen der Sache ein unabweisbarer Bedarf nach neuen Schreibweisen präsentiert wird, weil hierzulande eigentlich nichts so geschrieben wird, wie man’s spricht – Laut und Schrift passen einfach nicht genau zueinander – dann sind wir sturzzufrieden, daß Leser in keine Kommission gekommen ist. Wer nämlich eine umkehrbar eindeutige Beziehung zwischen Lauten und Schriftzeichen haben will, obwohl er weiß, daß sich die Aussprache im Laufe der Zeit immer ein bißchen ändert, kann die Norm einer Schriftsprache gleich wegwerfen. Die „Lautschrift“ der Association phonétique internationale steht ihm ja dank Langenscheidt zur Verfügung. Bloß muß er dann in Kauf nehmen, daß kein Muttersprachler mehr in der schriftlichen Ausgabe dessen, was er und seinesgleichen so verlauten lassen, je die zusammengehörigen bedeutungstragenden Einheiten erkennt und einander zuordnet. Erstens wegen der lieben Kombinatorik, die das Aussprachewesen heimsucht – die lautliche Umgebung ist mit dem Einfluß der Umwelt auf unser Verhalten durchaus zu vergleichen; zweitens, wenn es denn schon um einheitliche Verbindlichkeit für die Völker gleicher Zunge gehen soll, hätten sich phonologische Abbildfanatiker gleich sehr entschieden gegen die verbindliche Einheit des nationalen Schreibens zu wenden. Immerhin müßten sie darüber richten, ob die deutsche Rechtschreibung denen von Kukshafm oder Rügng entspricht – in Nömberch wäre in beiden Fällen wieder einmal alles nicht passend, wenigstens nicht genau. Bislang können sich, das gibt Schreiber in aller Deutlichkeit zu bedenken, Liebende aus den genannten Siedlungen zumindest Briefe schreiben und Zeitungsausschnitte zusenden.

9. multikulturell. Weil für die sprach- und schreibkonservative Redaktion spätestens beim Vergleichen jeder Spaß aufhört. Ausgerechnet die Italiener, denen die Rechtschreibreform der Deutschen das h aus ihren Nudeln entfernt, nachdem das Plural-s schon jahrzehntelang im Grundgesetz verankert ist, sind Leser eingefallen! Bloß weil diesem jedem Ordnungsdenken abholden Volk bei seiner Vulgarisierung des Vulgärlateinischen das Glück beschieden war, höchstens noch drei Schreibweisen für einen Laut und vier Laute für eine Schreibung zu benutzen, sollen wir uns an denen ein Beispiel nehmen? Da vergleichen wir unseren Buchstabensalat doch lieber einmal mit den Gepflogenheiten von Völkern, die wirklich Weltsprachen ihr eigen nennen. Was der Franz- und Englischmann so an Rechtschreibung zusammenreformiert haben – und Zeit haben sie wahrlich genug gehabt –, spottet jeder Beschreibung. Davon sagt Leser wieder einmal nichts; ganz als ob ihm die doitsche Inehight in den Kram passen würde, solange er mit seinem Döhschwo in Magdeburg vorfahren kann!

10. pädagogisch. Bei solchen Einseitigkeiten verbirgt Leser freilich sein Motiv nicht. Er will uns ja gerade wissen lassen, was solche Leute wie ihn umtreibt: Das macht die deutsche Rechtschreibung insgesamt ziemlich schwierig zu erlernen, wenn man sie beispielsweise mit der italienischen vergleicht. Und mit dieser Verkennung des Problems – es soll ja Deutsch und nicht Italienisch gelernt werden – bereitet er einen Schlag gegen den Irrenhausartikel vor, von dem sich Schreiber so schnell nicht erholen wird: Wenn einer beim Schreiben Schwierigkeiten vermeiden will, so hat das überhaupt nichts zu tun mit einem ‚Ideal der Einfachheit‘? Irgendwie hat sich die Redaktion doch mit „der Sache“ beschäftigt.

11. konsequent. Denn unsere Warnung vor dem Ideal der Einfachheit kann und darf sich nicht darauf beschränken, einen Reformeifer zu bremsen, dessen Vollstreckung die Brauchbarkeit der überkommenen Schriftsprache zerstört. Wie gesagt gehen die Reformer unserer Kultusgemeinde nicht so weit, das Arsenal der Schriftsprache, die es gibt und ihre Dienste tut, buchstäblich zu ruinieren, so daß die vielen deutschen Textbausteine – synchronisch wie diachronisch betrachtet – von niemandem mehr als Äußerung einer Sprache auszumachen wären. Aber vom bornierten Standpunkt aus, Regeln fürs Schreiben aufzusagen – welcher Standpunkt beim Lernen zu seinem relativen Recht kommt –, bleibt ihnen zumindest noch das Derivat des Strebens nach „Einfachheit“ erhalten, das sie Konsequenz nennen. Auch darüber will uns Leser etwas vorsingen – und offenbart schon wieder seine Neigung zu Übertreibungen, die dem lästigen Phänomen des Fundamentalismus so eigen sind.

Auf den Einfall, daß eine Regel dazu da ist, daß man mit ihr generalisieren kann, muß man nämlich erst mal kommen. Was ist das überhaupt für eine Betätigung, das „Generalisieren“? Mehr als eine Antwort des Typs: „immer wenn, dann wird folgendes zu Papier gebracht“ steckt doch wahrlich nicht hinter den paar Vorschriften von Onkel Duden; daß mit den Normen gleich zahlreiche Abweichungen auf die Welt gekommen sind, ist das Ergebnis der „Güterabwägungen“, die jeder Sprachbewirtschafter nun einmal vorzunehmen hat. Im Hin und Her zwischen „etymologischem“ und „phonetischem“ Prinzip kommt es da allemal zu Kompromissen, zu Entscheidungen, die den Eiferern der Analogie – welche sie gleich großspurig für den Inbegriff der Logik halten – dann wie eine Erschwerung ihres Berufs erscheint, der ja im Generalisieren besteht. Ganz obenauf fühlen sie sich dann, wenn sie bei den Gründen für die eine oder andere Entscheidung falsche Etymologien entdecken oder bemerken, daß der Normierer einfach seinen Frieden mit vorgefundenen Schreibweisen gemacht hat, die sich beim schreibenden oder druckenden Volk durchgesetzt hatten…

Dabei könnten sie an ihrer Unzufriedenheit mit jedem Reformvorschlag bemerken, der ihnen mit seinen Bemühungen um Konsequenz gleich schrecklich inkonsequent vorkommt, womit sie es zu tun haben. Mit einigen Veränderungen, die sie begrüßen – und vielen Zugeständnissen an die überkommene Norm, die ein paar Jahrzehnte befolgt wurde und die Schriftsprache ausmacht.

12. noch einmal zur „Sache“. Denn nicht einmal den schlappen Witz aus dem Innenleben des Irrenhauses, fauler Kompromiß zu rufen, läßt Leser aus. Auf diesem Feld entdeckt er dann plötzlich einen Krampf – und soll sich nicht täuschen. Schreiber nicht hereinfallen auf diese Anbiederung! Vielmehr möchten wir zu bedenken geben, daß sich die staatlich initiierte Sprachwirtschaftspädagogik eher dadurch blamiert, daß sie sich an der Schriftsprache zu schaffen macht, ohne sich über deren Aufgaben und Leistungen im klaren zu sein. Der seichte Wunsch nach konsistenten Rechtschreibregeln (vgl. 8) verstellt jedenfalls gründlich den Blick auf die schönen Funktionen, die eine Sprache auch noch hat – außer der, Kindern und Ausländern mühsam beigebracht zu werden.

Sprache ist nebenbei auch noch Werkzeug des Gedankens. Mit ihr werden anderen Leuten Überlegungen, Argumente und so Zeug mitgeteilt. Geschieht das schriftlich, so ist es sehr nützlich, wenn die Schriftsprache über ein Inventar an Ausdrucksmitteln verfügt, mit dem vom einfachen Bedeutungsunterschied über die schlichte Gliederung des Gesagten bis zu logischen Beziehungen einiges zum Ausdruck gebracht werden kann. Es könnte ja sein, daß Rechtschreibregeln unter diesem Gesichtspunkt den Schrecken verlieren, den sie für pädagogische Ökonomisten des Vorschriftenkatalogs so haben – bloß weil auch einmal etwas Willkürliches zur Gewohnheit einer Sprachgemeinschaft gehört. Ein Komma hie und da z. B. wirkt Wunder und ist alles andere als eine lästige Vorschrift, die zu viel ist, weil es auch ohne ginge und man sie befolgen muß. Es hilft, das Gemeinte kenntlich zu machen, also dem Leser bei der Sortierung der Botschaft auf die Sprünge. Da könnte sich der Italiener durchaus ein Beispiel nehmen – stattdessen redet er pausenlos und kompensiert seine Abneigung gegen halbwegs geordnete Mitteilungen durch heftiges Fuchteln. Staat schreibt er groß, obwohl er von dem, worauf die Großschreibung unter zivilisierten Leuten hinweist, nichts wissen will. Aber wir wissen schon: die Zweifelsfälle zwischen Ellipsen, die als solche behandelt werden, und echt substantivierten, zu veritablen Nomina ernannten Adjektiven machen Kindern das Leben zur Hölle und ihren Ausbildern ihre Mission zur Qual…

Zum Erlernen dieses Instrumentariums, das nun einmal ein Produkt von mehr oder weniger gut begründeten Entscheidungen ist sowie das Ergebnis von Konventionen, die amtliche Normierer gelten lassen, gibt es übrigens die Sprachausbildung. Und da dürfen sich die Pauker wie ihre akademischen Assistenten von der Wörterbuchfront durchaus einmal einen anderen Gedanken erlauben als den der Sparsamkeit; zu Anwälten einer verschwenderischen Redundanz brauchen sie deswegen noch lange nicht zu mutieren. Sie sollen bloß sagen, wie die von ihnen betreute Sprache funktioniert, statt sich und ausländische Kinder gegen ein Instrument aufzuhetzen, das diese gerade erlernen wollen, um uns Postkarten zu schreiben und unser Schrifttum zu entziffern.

Deswegen noch einmal ein Beispiel. Der Einfall, das eine oder andere Lehnwort doitsch zu schreiben, zeugt von wenig pädagogischem Eros. Wenn man den Kindern nicht beibringt, wie die Italiener ihre Phonetik zu Papier bringen – wir erinnern an die leidigen Spagettis – und daß sie das nun einmal anders tun als wir, finden sie auf ewig im Autokatalog den Karman Dschia und trinken Dschianti. Zu Russen, die ganz anders heißen, sagen sie Bohris, und Europa wächst nicht zusammen. Was schadet denn ein bißchen Kenntnis an dieser Front? Es hilft sogar beim Lesen italienischer Schilder und dient der Verständigung mit Parkwächtern, ist also noch praktisch dazu. Ganz zu schweigen von der kleinen Erleuchtung, die sich mit der Aufmerksamkeit für die einschlägigen Unterschiede auch noch einstellt: der, daß die eigenen Konventionen nicht die natürlichen sind. Ein bißchen Klarheit über das Funktionieren des eigenen Idioms samt seinen Ungereimtheiten macht doch nichts, oder?

Die Reformer sehen das wieder einmal anders und wollen ihren Zöglingen das h im Essen ersparen; mit ihrem auf Bequemlichkeit scharfen Zelotismus ersparen sie der Jugend nicht nur einen Buchstaben; ihr Regelbedürfnis versagt eben dieser Jugend das höchste Gut, das wir ihr als rohstoffarmes Land zu geben vermögen – Bildung.

Weil es darum aber gar nicht geht, ist es uns auch wieder wurscht. Die Schreiber bereuen alles. Abwink.

P.S. Das von Leser ab Punkt 4. des Briefes zelebrierte Abwinken, das uns wahrscheinlich auch noch Vergnügen bereiten soll, taugt nichts. Die verächtliche Manier, in der da über Auslese und Elite geredet wird, ist kein Beitrag zur Rechtschreibreform, also zu der Sache, um die sich Leser kümmert. Dieser Kummer sitzt so tief, daß die Schuld an Auslese und Elite schon wieder bei schweres deutsches Sprach gefunden wird, jedenfalls in besonderem Maße. Das ist nicht fair gegenüber der Realität.

Erstens läuft in Italien für die rechtschreibverwöhnte Jugend nun schon seit Generationen auch nicht alles nach Wunsch. Zweitens steht an der Spitze unserer Nation ein Mensch, der jedes Wort mit ‚mpf‘ schreibt, welches Graphem er wie ein interlabiales Freiluft-l ausspricht.

Drittens gibt es in Deutschland Millionen halbwüchsiger Analphabeten, die jahrelang in den Hörsälen ehrwürdiger Universitäten sitzen bleiben, weil sie in der Schule trotz aller Defekte nicht sitzenbleiben mußten.


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