Der Kommunismus ist tot

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Der Kommunismus ist tot
Der Kapitalismus funktioniert, wie er im Buche steht

Systematischer Katalog: 
Überblick

Warum die Abdankung der realen Sozialisten kein Argument gegen den Kapitalismus widerlegt. Kommunistische Urteile bestehen nicht in der Benennung des Faktums „Elend“ in seinen unterschiedlichen Formen, sondern in der Erklärung seiner Gründe. Und die haben sich trotz aller „Modernisierung der Marktwirtschaft“ seit Manchester nicht geändert.

Der Kommunismus ist tot
Der Kapitalismus funktioniert, wie er im Buche steht

Seitdem der Ostblock von nationalistischen Führern aufgemischt wird, hat es mit dem Kommunismus ein Ende. Als alternatives Staatsprogramm ist er einige Jahrzehnte zum Zug gekommen; seine Betreiber haben ihn auch immer schön verehrt, wie sich das für nationale Gesamtkunstwerke so gehört; in den Nationen, die sich und ihre Völker auf den Kapitalismus festgelegt haben, erfreuten sich die Kommunisten der herzlichsten Feindschaft. Das hat zu einigen Kriegen geführt und der Menschheit den Beweis gebracht, daß sie als die große Gemeinschaft „nur in der Einbildung existiert“. Als Anwälte genau dieser Einbildung haben sich aber immer mehr Menschen zu Wort gemeldet, weil sie nur allzu berechtigte Angst vor einem totalen Weltkrieg bekamen. Mit der ist es jetzt auch vorbei, weil die „Kriegsgefahr“ nicht mehr „vom Kommunismus ausgeht“. Seitdem hauptberufliche Politiker im Osten beschlossen haben, den Kommunismus für ein extrem untaugliches Staatsprogramm zu halten und ebenfalls die Marktwirtschaft einzuführen, gilt der Kapitalismus als das einzig senkrechte System. Und zwar nicht nur unter Staatsmännern, sondern auch in der Meinung unzähliger Fach- und Landsleute. Selbst die Linken in der westlichen Welt, die bislang – ohne Sympathien für das Sowjetsystem oder die SED zu hegen – den Kapitalismus grundsätzlich ablehnten und für seine Überwindung argumentierten, denken jetzt „neu“. Mehr als soziale und ökologische Verbesserungsvorschläge halten sie nicht für geboten. In seltsamer Eintracht besinnen sich alte Fanatiker des rentablen Privateigentums und dessen Gegner auf die ursprüngliche Leistung des Kommunismus – aber nur, um sie für genauso abwegig und überflüssig zu erklären wie den Staatssozialismus, der gerade seinen Offenbarungseid geleistet hat. Die Kritik des Kapitalismus, die, als theoretische, objektiv zu Werke geht und darlegt, wie Lohn, Preis und Profit funktionieren, warum es Mietzins und Börsianer, aber auch reichlich nützliche und unnütze Armut gibt, halten sie für überholt. Desgleichen kommt ihnen die praktische Konsequenz einer solchen Befassung mit den in der freien Marktwirtschaft gültigen Gründen und Interessen absurd vor: „Welche ‚Probleme‘ sollte denn der Klassenkampf lösen?“ – fragen sie in überzeugtem Realismus. Der besteht schlicht darin, daß sie sich – theoretisch – zum Mitglied der amtierenden inter-nationalen Prüfungskommission ernannt haben, die gerade wieder einmal und sogar unter Mitwirkung von KP-Mitgliedern des geständigen Ostblocks definitiv entschieden hat: Hier und heute ist das Kapital die einzig brauchbare Lebensgrundlage einer jeden Nation! Daß die Arbeiter nichts dagegen haben, ist außerdem der letzte unumstößliche Beweis…

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So politisch hat Marx tatsächlich nicht gedacht! Die schlichte Tatsache, daß für eine Unzahl anderer – zwar minder bemittelter – Figuren als den jeweiligen Vaterländern die Marktwirtschaft samt ihrer Demokratie keineswegs eine brauchbare Lebensgrundlage darstellt, würde ihn heute genauso irritieren wie zu seiner Zeit. Und davon abhalten, den Schiedsspruch diverser Staatsgewalten, das Wirtschaftssystem ihrer Wahl betreffend, zum Leitfaden seines Urteils zu machen. Umgekehrt: Seine Einwände gegen des Kapitalismus hatten deswegen auch nicht im geringsten etwas mit dem Bedenken zu tun, die Nationen und ihre Volkswirtschaften könnten zu kurz kommen und ihre „Probleme“ nicht lösen. Die „Effizienz“ des Kapitalismus war ihm vertraut, aber gepaßt hat sie ihm nicht.

Natürlich ist es abwegig, Einwände gegen den Kapitalismus fallenzulassen, bloß weil ein paar durchgedrehte Führernaturen im Osten ihn jetzt auch haben wollen. Wenn der Kommunismus, der jahrzehntelang die Staatsmacht mit der Mission betraute, keinen Kommunismus, sondern einen Systemvergleich aufzuziehen, diesen jetzt verlorengibt, wird ja kein einziges Argument gegen das kapitalistische System hinfällig – vorausgesetzt, es hat gestimmt. Insofern ist es auch abwegig, der Begründung Glauben zu schenken, mit der sich mehr oder minder gelehrte Systemkritiker vergangener Tage von ihren „Illusionen“ verabschieden. Nicht wegen Gorbatschow und seiner Erben sind sie mit „Bild“ und „Spiegel“ zu der Auffassung gelangt, daß „die Geschichte“ auf die „Marktwirtschaft“ hinausläuft; man muß nämlich schon entschieden sein und gründlich davon absehen, was diese Figuren vor und nach ihrer Wende zum „neuen Denken“ gesagt und getan haben, um ihnen den Status von Kronzeugen zuzuerkennen – für den Prozeß, der allen gemacht gehört, die es – trotz des unübersehbaren Erfolgs – immer noch mit der Ablehnung des Kapitalismus haben. Der Starrsinn solcher Leute läßt sich aber ebensogut dadurch bestrafen, daß man ihn konsequent nicht zur Kenntnis nimmt, auch wenn er seine Gründe gar nicht der vergangenen Realität des Sozialismus, sondern der gut funktionierenden Gegenwart des Kapitalismus entnimmt. Beide Leistungen, der moralische Prozeß gegen Abweichler und die Bestrafung per Nicht-Befassung mit ihren Argumenten – Grundlage der frechen Behauptung, der Erfolg gebe dem Kapitalismus nun auch noch recht – werden von den Opportunisten unserer Tage in einem Aufwasch erledigt. Sie schimpfen einfach auf eine neue Spezies, auf „unverbesserliche, ewig-gestrige Betonköpfe“. Dazu gehören dann – wiederum unterschiedslos – Honecker, KP-Oppositionelle in den neuen Demokratien des Ostens, die PDS und all die wenigen, die beim Siegeszug des demokratischen Kapitalismus schon wieder ihre alten Einwände und ein paar neue dazu entdecken.

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Diese Einwände, die so leicht als kommunistisch zu identifizieren sind, betreffen nicht nur die Tatsache, daß dieses famose System daheim und auswärts Land und Leute ruiniert. Sie erstrecken sich auf das wie und warum, wenn es um die reichlich vorhandenen Formen der Armut geht, die so merkwürdig mit dem enormen Reichtum der Marktwirtschaft kontrastieren. Wenn sich Kommunisten mit den „sozialen Fragen“ befassen, dann eben nicht nach dem abgeschmackten demokratischen Muster unserer Tage. Sie bescheiden sich nicht mit der Feststellung, daß einer Unzahl von Zeitgenossen übel mitgespielt wird, was zur Klage über soziale Ungerechtigkeiten berechtigt. Sie stellen deshalb auch nicht den Antrag an die „Verantwortlichen“ in Staat und Gesellschaft, für mehr Gerechtigkeit zu sorgen. Daran interessiert, wie die eigentümlichen Unterschiede beim Ein- und Auskommen zustandekommen, halten sie die verantwortlichen Instanzen nämlich eher für diesbezüglich verantwortlich, als daß sie ihnen die Pflicht in Erinnerung bringen, die sie angeblich versäumt haben. Der Dogmatismus von Kapitalismus-Kritikern verrät sich durch das Fehlen des Glaubens, es ginge – womöglich gar der Regierung – um die Regelung einer gerechten Verteilung. Offensichtlich ist auch ihre abweichende Auffassung von den vielzitierten „Sachzwängen“, an denen die Erfüllung dieser Pflicht trotz allen guten Wollens regelmäßig scheitern soll. Statt sie als vorgefundene und unverletzliche Grenzen allen Wirtschaftens anzuerkennen, entdecken Marxisten in ihnen schlicht die Notwendigkeiten, die mit dem Kapitalismus in Kraft gesetzt werden. Notwendigkeiten, mit denen darüber entschieden ist, wie der Reichtum der Gesellschaft produziert und verteilt wird; durch die festgelegt ist, welche Interessen bedient sein müssen, bevor andere zum Zuge kommen und nach Maßgabe der ersteren stets den Charakter eines Dienstes behalten, der in jeder Hinsicht fragwürdig ist. Weder lohnt er sich, noch können die, die ihn notgedrungen anbieten, mit einer sicheren Nachfrage rechnen…

So tritt die Unbrauchbarkeit der „kommunistischen Ideologie“ ein ums andere Mal schlagend hervor. Ihre Anhänger kommen bei der Betrachtung der gesellschaftlichen Entwicklung, ihrer Schwierigkeiten, Mißstände und Fortschritte von einem Befund nicht los: Wie weiland Marx sehen sie einen Gegensatz von Klassen am Werk, der unausweichlich auf Kosten der Lohnabhängigen geht, die – so zynisch sind Marxisten – aus ihrer Rolle als Mittel des Kapitals nicht herauskommen. So verweigern sie jeglichen Beitrag zur Lösung der drängenden Probleme; es ist ihnen gleich, ob die Wirtschaft den Aufschwung und genügend Arbeitsplätze schafft, ob genügend Anreize zur Bereitstellung von Wohnraum aus der Regierung kommen, wieviel Ausländer die Nation verträgt, ob der Staatshaushalt die Lawine der sozialen Unkosten aushält usw. Als ob die Marktwirtschaft noch der Kapitalismus des 19. Jahrhunderts wäre und als soziale Marktwirtschaft nicht längst die „Verelendungstheorie“ und die These von der „Ausbeutung“ Lügen gestraft hätte, werten sie noch die kompliziertesten konjunktur- und steuerpolitischen Entscheidungen als Beleg für ihre Systemkritik: Die lohnabhängige Klasse muß für den Reichtum der Nation geradestehen. Als ob diese sogenannte „Klasse“ nicht mittlerweile umgekehrt von der Wirtschaft und ihren Erfolgen leben würde; und zwar so gut, daß die wirklich Armen dieser Welt – im kommunismus-geschädigten Osten wie im unentwickelten Süden – es gar nicht als Pech, sondern als Glück empfinden, das Leben eines lohnabhängigen Bürgers in Deutschland zu führen…

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So steht im schwarz-rot-goldenen Paradies des Pluralismus Meinung contra Meinung. Hie – die differenzierte, mit analytischer Gründlichkeit vorgetragene, wohlabgewogene Stellungnahme, die die Stärken aber auch die Vorzüge von Kapitalismus & Demokratie würdigt. Da – der rohe Dogmatismus, der realitätsblind die Suppe vor lauter Haaren nicht sieht.

So trifft es sich gut, daß gemäß demokratischem Brauch Wahrheitsfragen nach dem Mehrheitsprinzip entschieden werden. Und abweichende Unwahrheiten aus dem Angebot genommen werden. Im folgenden dokumentiert der GegenStandpunkt der Aktualität wegen ein paar solche obsolete Mißgriffe, die im Papierkorb der Weltpresse gelandet sind.


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