Hurrikan in Amerika

Dieser Artikel ist in der Reihe Chronik – kein Kommentar! der Zeitschrift GegenStandpunkt 4-05 erschienen. Sie kann über den Buchhandel oder direkt beim Verlag als Druckausgabe oder E-Book erworben werden.

Hurrikan Katrina:
Wie Amerika seine Katastrophen bewältigt

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Was diesen Wirbelsturm von anderen unterscheidet, liegt darin, was er aufgewirbelt hat: Das Vorhandensein von jeder Menge Elend und Verwahrlosung in New Orleans und die Art, wie die Zuständigen unter den Augen der eigenen Bürger wie der ganzen Welt damit umgegangen sind. „Man kommt sich vor, als wäre man in Haiti oder Angola und nicht in den Vereinigten Staaten!“

Hurrikan Katrina:
Wie Amerika seine Katastrophen bewältigt

Haiti in New Orleans

Die Gewalt dieses Naturereignisses war gigantisch: Heimatschutzminister Michael Chertoff bezeichnete Katrina als größte Naturkatastrophe in der amerikanischen Geschichte. (Handelsblatt.com, 10.9.05) Aber das, was diesen Wirbelsturm eigentlich von anderen unterscheidet, liegt nach einhelliger Auffassung darin, was er aufgewirbelt hat: Das Vorhandensein von jeder Menge Elend und Verwahrlosung in New Orleans und die Art, wie die Zuständigen unter den Augen der eigenen Bürger wie der ganzen Welt damit umgegangen sind. Man kommt sich vor, als wäre man in Haiti oder Angola und nicht in den Vereinigten Staaten! (Washington Post, 5.9.) Verhältnisse wie in der 3. Welt, wo arme, schwache und korrupte Staaten das menschliche Elend in normalen wie in Katastrophenzeiten verrotten lassen, weil ihnen Mittel und Wille fehlen, sich um ihre Bürger zu kümmern – und das in den USA, der reichsten und mächtigsten Nation der Welt, die in Notfällen – wie gerade aller Welt nach dem Tsunami demonstriert – mit ihren Ressourcen an Menschen und Material vorbildlich für Ordnung sorgen und Hilfe bringen kann. CNN-Moderatoren bereiten den Zuschauer schonend auf den Schock vor, dem er sich aussetzt: Wir müssen sie warnen, das sind keine Bilder, wie wir sie aus einer amerikanischen Großstadt zu sehen gewohnt sind. (Spiegel, 5.9.) Solche Bilder sind auch für Amerikaner schwer zu verkraften, die das Elend in ihren Großstädten kennen und durch die öffentliche Berichterstattung, durch Armuts-, Krankheits- und Sterbestatistiken darüber eigentlich im Bild sein müssten.

Es hat den Anschein, als erschrecke die Nation tatsächlich einen Augenblick lang darüber, wie es in ihr zugeht, und stelle sich ungewohnten Fragen: Die Ereignisse in New Orleans waren nicht unvermeidbar – dies war eine der am wenigsten natürlichen Naturkatastrophen in der Geschichte Amerikas. (Mike Davis, Soziologe und Historiker, SZ 5.9.) Eine soziale Katastrophe womöglich? Eine, die sogar das System von freedom & democracy in Misskredit bringen könnte?

Was über die Lage der Paupers zur Sprache kommt

„Gäbe es noch den Kalten Krieg, würde man die ganze Sache als raffinierte sowjetische Propaganda ansehen. Alle Zutaten waren in den Tagen, nachdem der Hurrikan Katrina New Orleans und die Umgebung getroffen hatte, vorhanden: Die Reichen, hauptsächlich Weiße ergriffen die Flucht, die Armen, überwiegend Schwarze verlassen und ausgesetzt; die Straßen in der Gewalt bewaffneter Banditen; die Regierung übernimmt nicht die Verantwortung und die Gesellschaft bricht auseinander. Das ist die Art von Bildern, die der KGB in Zeiten des Kalten Krieges ausmalte – von einem grausamen Amerika, der Heimat eines hasserzeugenden Kapitalismus, zerrissen durch die Trennung in Arm und Reich, gespalten durch die Rassengrenzen, regiert von einer herzlosen Regierung, im Griff der Gewalt in den Städten. Solch ein klischeehaftes Zerrbild war damals falsch und – als allgemeine Charakterisierung – bleibt es das heute. Aber die schrecklichen Folgen des Hurrikans stellen schmerzhafte Fragen über die amerikanische Gesellschaft und verletzen das Image von George W. Bush.“ (International Herald Tribune, 7.9.)

Nichts wird beschönigt bei dem Bericht darüber, wie die Ereignisse abliefen: Die Katastrophenwarnung ist erfolgt; die, die sich’s leisten können, bringen sich in Sicherheit. Der arme, in New Orleans vorwiegend schwarze Bodensatz der Bevölkerung muss sehen, wie er zurechtkommt, auch wenn ihm dazu alle Mittel fehlen. Von elenden und verwahrlosten Menschen gibt es jede Menge, hier wie in ganz Amerika – Katrina unterstrich das Problem einer wachsenden Anzahl von Amerikanern, die in einem niemals endenden Zyklon der Armut gefangen sind (International Herald Tribune, 7.9.) Die Dämme sind nicht ausgelegt für einen in diesem Ausmaß zwar schon vor Jahren für möglich erachteten, von offizieller Seite so aber nicht erwarteten Sturm – sie brechen und die Fluten schließen die Zurückgebliebenen ein. Das kann vorkommen, wenn haushaltsmäßige Gesichtspunkte in die Katastrophenabwehr einfließen und wenn dank einer Laune der Natur die Gegenden, wo die Reichen wohnen, geschützt sind von natürlichen Dämmen, geschaffen über die Jahrhunderte. Die anderen Bereiche, die tiefer liegen, sind die der Ärmsten, überwiegend Schwarzen. (The Economist, 10.9.) Notfallpläne und Hilfsmaßnahmen unterliegen denselben Interessensabwägungen. So kommt tagelang keiner rein und keiner raus. Die aufgebrachten Massen retten sich in die Sportarena, holen sich fürs Überleben Wasser und Essen aus Supermärkten. Manche ergreifen die Gelegenheit, sich fremdes Eigentum unter den Nagel zu reißen. Manche überleben das alles nicht, die Leichen liegen achtlos auf den Straßen. Es gibt Schießereien – für Amerikaner ist Leben wie Überleben offensichtlich sehr schnell gleichbedeutend mit Waffengebrauch. Nach Tagen wendet sich der Präsident der Sache zu, überfliegt das Katastrophengebiet und sinniert über die schönen Zeiten, die er in The big Easy verlebt hat. Zuständigkeiten werden per Hickhack zwischen den lokalen, föderalen und Bundesbehörden geklärt, so dass die Hilfe schließlich irgendwie anläuft.

So sah es aus. Und wo sie Recht haben, die Berichterstatter, haben sie Recht. Trostloser (Katastrophen-)Alltag der kapitalistisch sortierten Gesellschaft, möchte man meinen.

Bewältigung, Teil 1: Eine furchtbare Ausnahme von der guten Regel

Wenn es das ist, was das amerikanische ökonomische Modell hervorbringt, fragt der Autor des obigen Zitats rhetorisch. Aber das ist es natürlich nicht. Mit Bedacht hat er sein zutreffendes Bild der Situation einem imaginären KGB-Propagandisten in den Mund gelegt: So würden nur Feinde der USA die schlimme Lage am Golf deuten. Auch wenn er gar nicht abstreiten möchte, dass man das, was man sieht, ungefähr so deuten muss, darf doch keine generelle Verurteilung der amerikanischen Gesellschaft daraus werden. Nicht einmal diese Bilder können das grundsätzliche Ja zu Amerika erschüttern. Wo sie das tun, liegt böse Absicht und mutwillige Verzerrung vor. Das grundgute Land hat sich einen Vorwurf allerdings schon verdient: Es hat sich von einer Seite gezeigt, dass es fast aussehen könnte, als wäre an den Zerrbildern, die seine Feinde zeichnen, etwas dran. Das muss korrigiert werden. Schmerzhafte Fragen, ja direkte Kritik tun not, damit Amerika die blamable Ausnahme der Katastrophe von New Orleans überwindet und sich der Welt wieder als das zivilisatorische Vorbild zeigt, das es ist.

Wie also konnte es dazu kommen? Die Frage nach den Ursachen der Abweichung von dem, was Amerika geziemt hätte, macht, konsequent dem Gedanken der Ausnahme folgend, nicht die Prinzipien des amerikanischen Modells für das aufgedeckte Elend verantwortlich, sondern eine Verletzung derselben: die Rassendiskriminierung gegen Schwarze, ein Relikt aus der Vergangenheit, das trotz offizieller Anstrengungen vor allem im Süden der Vereinigten Staaten nicht verschwinden will.

Bewältigung, Teil 2: Rassismus-Schelte statt Sozialkritik

„Amerikas Rassenspaltung wurde wieder bloßgelegt. Fast alle der verzweifelt aussehenden Opfer waren schwarz… Viele Schwarze fühlen, dass – hätte es Weiße getroffen – die Regierung prompt gehandelt hätte, um sie zu retten… George Bush kümmert sich nicht um Schwarze.“ (The Economist, 10.9.)

Eigentlich sollten im Land der Freien nur die Resultate der Konkurrenz als Unterscheidungsmerkmal gelten. Gleiche Teilhabe an der Konkurrenz gewährt der Staat allen seinen Gesellschaftsmitgliedern. Ungleichbehandlung verfälscht den Wettstreit, auf dessen Resultate es ankommt. Das heißt schon auch, dass Leute, die durch die Konkurrenz aussortiert werden, es zu nichts gebracht haben, deshalb auch für den Staat nichts wert sind und entsprechend gleichgültig behandelt werden – aber eben nicht, weil sie aus diesem oder jenem Farbtopf der Natur stammen. Neben diesem amtlichen Maßstab herrscht aber seit jeher eine Unterscheidung nach der Rasse, die offiziell nicht gewollt, aber hartnäckig praktiziert wird. Die Schwarzen gehören dieser Auffassung nach irgendwie nicht dazu und haben eigentlich kein Recht, teilzuhaben an den unbegrenzten Möglichkeiten, die das Land denen bietet, die es auch wert sind. So tun sich Schwarze ungleich schwerer in der Konkurrenz, und der Pauperismus, den der Kapitalismus in Amerika produziert, trifft, gemessen an der Verteilung der Hautfarben in der Bevölkerung, nicht von ungefähr überwiegend Schwarze. Eigentlich ist an der Lage der Sklaven-Nachfahren abzulesen, wie viel Armut die Klassengesellschaft in Amerika schafft. Wenn aber statt schwarzer Armer arme Schwarze als Skandal wahrgenommen werden, ist die Katastrophenbewältigung einen Schritt weiter. Soweit der Umgang mit den Armen in New Orleans noch einen Gedanken an Sozialkritik nahelegt, ist der vom Tisch, wenn Rassismuskritik an ihre Stelle tritt: Statt einer Kritik der Armut bezichtigt Amerika sich einer unfair ungleichen Verteilung der Armut unter den Rassen. Die Verhältnisse am Mississippi zeugen in dieser Optik nicht von den Resultaten der ausgiebigen Benutzung der Möglichkeiten, die Amerika bietet, sondern davon dass Bürger einer bestimmten Hautfarbe von diesen herrlichen Möglichkeiten ausgeschlossen sind. Was Hurrikan Katrina aufdeckt und zur Katastrophe werden lässt, hat nichts zu tun mit dem, was das amerikanische ökonomische Modell hervorbringt, sondern verdankt sich einem Verstoß gegen den guten Geist der USA und gegen die Grundsätze ihres herrschenden Rechts.

Dieser Selbstkritik kann der oberste Sachwalter der gerechten Konkurrenz sich nur anschließen: Präsident Bush gesteht zu, dass Rassismus, wenn auch nurlatent, den Umgang mit den Armen prägt. Es ist kein Ruhmesblatt für god’s own country, dass knapp ein halbes Jahrhundert, nachdem die letzten Reste hoheitlicher Rassentrennung höchstrichterlich abgeschafft wurden, immer noch Schwarze deshalb sterben müssen. Bush verspricht, diese unamerikanische Hinterlassenschaft der amerikanischen Vergangenheit weiterhin zu bekämpfen: Diese Armut hat ihre Wurzel in der Geschichte der Rassendiskriminierung, die viele Generationen von den Möglichkeiten, die Amerika bietet, ausgeschlossen hat. Wir haben die Pflicht, diese Armut mit mutigen Schritten zu bekämpfen. … Lasst uns diese Hinterlassenschaft der Ungleichheit beseitigen. (Bush, zit. nach New York Times, 16.09.). Er selbst hat sich da nichts vorzuwerfen, was nicht nur die Hautfarbe seiner Außenministerin beweist; den sehr amerikanischen, politisch korrekten und wahrhaft absurden Verdacht, die schlechte Organisation und lange Verzögerung der Hilfe für New Orleans habe damit zu tun, dass vor allem Schwarze betroffen waren, kann er nicht auf sich sitzen lassen: Der Sturm hat nicht diskriminiert und das Gleiche gilt für die Rettungsarbeiten (Bush, zit. nach New York Times, 13.9.)

Damit grenzt er das Thema der öffentlichen Debatte wieder ein und lenkt es auf den Kern, den auch seine aufgeregten Kritiker anpeilen: Was Katrina an normalem Elend im Süden der USA aufgedeckt hat, sprechen ja auch Opposition und Medien nur einen Augenblick lang an, um sofort zum schlechten Handling der Katastrophe durch die Behörden überzugehen, das es zu verantworten hat, dass die Spaltung der Nation, das Leiden der Unterklasse und der Grad ihrer Verwahrlosung vor aller Welt so blamabel enthüllt wurde. Das ist der wahre Skandal – und die Verantwortung für ihn wird dem ebenso herzlosen wie inkompetenten Chef im Weißen Haus mit Begeisterung um die Ohren gehauen.

Bewältigung Teil 3: Das Versagen des obersten Führers

„Der Präsident der reichsten und mächtigsten Nation, die es jemals auf der Welt gab, schien nichts von dem, was vorging, zur Kenntnis zu nehmen.“ (New York Times, 5.9.)

Gebrieft wurde der oberste Chef ständig. Die Einschätzung im Weißen Haus war die, dass es sich um eine zwar sehr heftige, ansonsten aber für diese Breiten gängige Katastrophe handelte, für die die üblichen Vorkehrungen ausreichen. Bei den entsprechenden Maßnahmen gab es sonst ja auch keinen Aufstand, wie die SZ im Licht der jetzigen Aufregung kritisch anmerkt: Vor einem Jahr wurde New Orleans vor dem Hurrikan Ivan evakuiert. Damals wurde die ganze arme Bevölkerung der Stadt, die Alten, die ohne Auto und viele Schwarze völlig allein gelassen. (SZ, 5.9.) Unter denen gab es folgerichtig Tote wie immer. Damit wird gerechnet, Opfer sind als unumgängliche Folge einer Naturkatastrophe abgebucht. Nicht anders haben die Verantwortlichen Katrina zur Kenntnis genommen. Genau das wird dem Chef aber jetzt als Versagen angerechnet. Er hat das, was vorging, nicht gerafft. Das Ausmaß der Not, die Vielzahl der Toten und das Fehlen von Ruhe und Ordnung setzen das souveräne ‚business as usual‘ des Präsidenten ins Unrecht. Die Demonstration, dass sich die Weltmacht vom Wetter nicht die Tagesordnung durcheinander bringen lässt, steht als Zynismus und Unfähigkeit da: Jetzt wäre nämlich beherztes Zupacken angesagt gewesen, das rettet, was zu retten ist, sowie eine Demonstration nationaler Solidarität mit den Unglücklichen. In echten Katastrophen steht nämlich die Nation und ihr innerer Zusammenhalt selbst auf dem Prüfstand.

Der tiefere Kern der Katastrophe: Die amerikanische Nation als eigentliches Opfer

„Katrina war der Anti-9/11. Am 11. September übernahm Rudy Giuliani die Kontrolle. Die Antwort der Stadtverwaltung war schnell und entschlossen. Arme und Reiche litten gleichermaßen. Amerikaner sind getroffen worden, aber sie fühlten sich einig und stark. Das Vertrauen der Öffentlichkeit in die Institutionen wuchs. Letzte Woche übernahm im Gegensatz dazu niemand die Kontrolle. Autorität war kaum vorhanden und das Vorgehen war ineffektiv. Die Reichen flohen, während die Armen verlassen waren. Führer zögerten, während die Plünderer zuschlugen. Banditen trieben ihr Unwesen, während die Nation Scham fühlte. Das erste Gesetz des sozialen Zusammenhalts – dass in Zeiten der Krise die Schwachen geschützt werden müssen – wurde mit Füßen getreten. Die Armen in New Orleans zurückzulassen war moralisch gleich bedeutend damit, Verwundete auf dem Schlachtfeld zurückzulassen. Kein Wunder, dass das Vertrauen in die zivilen Institutionen sinkt. … Jeder Fehler der Institutionen und jedes Zeichen der Hilflosigkeit ist ein neuer Schlag gegen die nationale Moral.“ (New York Times, 4.9.)

Die Anschläge des 9/11 hatten nicht nur viele Todesopfer zur Folge, sie beschädigten auch das Vertrauen in Stärke und Unangreifbarkeit der Nation. Dieser Schaden aber wurde mehr als wettgemacht durch das Auftreten der Führer. Sie haben damals nämlich das merkwürdige Sondergesetz beachtet, das gebietet, in existenziellen Krisen – und offensichtlich nur in ihnen – Arme und Reiche nicht als unterschiedlich wertvolles Staatsmaterial, sondern gleichermaßen als Amerikaner zu behandeln. Sonst gilt, dass jeder seines Glückes Schmied und Armut der gerechte Lohn für Erfolglosigkeit ist; im Fall der Naturkatastrophe, wo Armut schnellen Tod bringt, und das massenhaft, wird den Armen zugebilligt, dass diese Konsequenz in ihrer gerechten Armut nicht eingeschlossen sein sollte; für diese Betroffenheit können sie nichts. Daher sind – siehe 9/11 – Katastrophen eigentlich Sternstunden der nationalen Solidarität und großartige Gelegenheiten für den Staat, sich als Existenzgrundlage aller, auch seiner miserabelsten Bürger zu beweisen. Wie eben im Krieg, wo ein Staat, der auf sich hält, sein Kanonenfutter nicht zurücklässt, sondern ohne Ansehen der Person seine Verletzten und Toten einsammelt. In Notzeiten haben die Armen nicht mehr als Versager zu gelten, sondern als ein Stück Amerika, das um jeden Preis zu retten ist – aber eine nicht nur unfähige, sondern unwürdige Führung hat kein Sensorium für dieses Gebot der nationalen Moral und lässt eine Spaltung der Nation ans Licht treten, die man in der Stunde der Not niemals hätte zulassen dürfen. Das schädigt, weit über die armen und schwarzen Flutopfer hinaus, das Ansehen Amerikas in der Welt: „Wir haben Menschen auf der ganzen Welt erzählt, wie man eine Demokratie und eine zivile Gesellschaft führt, und jetzt haben wir das blutige Innenleben unserer Gesellschaft vor der Welt enthüllt, die leidende Unterklasse, kaum des Lesens und Schreibens mächtig – ein weiterer schrecklicher Schlag gegen unsere Reputation.“ (International Herald Tribune, 7.9.) – eine einzige Schande für die Weltmacht, die bloß wegen Katrina natürlich nicht aufhören wird, der Welt zu sagen, wie man eine zivile Gesellschaft führt.

„Blame for the shame“ (The Economist, 10.9.)

Die Amerikaner schämen sich – dies die aktuelle Form ihres ausgeprägten Nationalstolzes. Sie wollen sich nämlich ganz unmittelbar, gefühlsmäßig und schrankenlos mit ihrer Nation identifizieren, die in jeder Hinsicht Spitze zu sein hat. Also leiden sie unter den geradezu unamerikanischen Umtrieben ihres Präsidenten und nehmen ihm das Versagen vor dem Bild ihrer vorbildlichen Nation übel. Amerikas Image zählt zu den Opfern. (International Herald Tribune, 7.9.) Als gute Patrioten haben sie verstanden und demonstrieren ihre unverbrüchliche Einheit mit ihrer Nation nun gegen den Präsidenten: Nicht nur an den öffentlichen Gebäuden wehen die Fahnen dieser Tage auf Halbmast, es scheint, als hätten die ‚Stars and Stripes‘ ganz Boston erobert. … Auf Autoaufklebern ist wieder zu lesen ‚United we stand‘ oder ‚God bless Amerika‘. … Fast an jedem Einfamilienhaus in den Vorstädten der Metropole ist das Sternenbanner geflaggt. (Stern.de, 8.9.) Hartgesotten wie sie sind, bringt die Amerikaner eben kein noch so blutiges Innenleben davon ab, mit der Hand auf dem Herzen auf die Fahne zu schwören.

Das „größte Wiederaufbauprogramm der Geschichte“ (George W. Bush)

Natürlich muss der Präsident reagieren – spätestens darauf: Seine Umfragewerte fallen dramatisch. Im Interesse der Rettung seiner Popularität ist alles doppelt und dreifach nötig, was zur Rettung der Slumbewohner am Golf lange unterblieben war. Bush zeigt den Aktivismus, der vermisst worden ist, und lässt sich davon auch nicht abbringen, dass die Öffentlichkeit seinen Eifer als Show denunziert. Mit einem artigen mea culpa – Katrina deckte ernste Probleme unserer Einsatzkräfte auf allen Verantwortungsebenen auf. Für den Bereich, in dem die Bundesregierung ihren Pflichten nicht gerecht wurde, übernehme ich die Verantwortung. (zit. nach New York Times, 13.9.) – und einer Verbeugung vor dem Volk, das seine Sache besser gemacht hat als er, versucht Bush verlorenes Terrain wieder gut zu machen: Er lobte die Hilfsbereitschaft der Amerikaner als ‚einfach erstaunlich‘ (SZ, 6.9.). Vor Ort bringt er endlich das Mittel zum Einsatz, das fällig ist, wenn die Nation ohne Rücksicht auf Kosten mit überlegenen Kräften Ehre einlegen will, das Militär. Auf einmal sind ausreichend wassergängige Fahrzeuge da. Martialisch dreinblickende Zivilgardisten, Irak-Krieg-erprobt und erkenntlich schießbereit, bekämpfen die Plünderer und halten die krakeelenden Leute im Superdome in Schach. So bringen sie den Hungernden das erste Lebensmittel der Nation – Ruhe und Ordnung. Unter Beteiligung bekannter Stars geht das große Almosensammeln los. Befreundete Staaten dürfen ihr Scherflein beitragen – wobei manche Hungerhilfe wegen BSE-Gefahr zurückgewiesen werden muss; Hilfsangebote missliebiger Staaten werden gar nicht erst zur Kenntnis genommen – soweit käme es noch, denen die Ehre zu erweisen, Amerika helfen zu dürfen.

Die Umfragewerte rühren sich nicht. In Anbetracht dessen und des biblischen Ausmaßes der Schäden verkündet der Präsident das größte Wiederaufbauprogramm der Geschichte in einem Umfang von 200 Mrd. Dollar. New Orleans soll wieder auferstehen, mit ganz neuen Straßen und auch neuen Hütten, weil die Leute da unten ja, wie jeder sehen konnte, so arm sind. Das war’s dann.

Was bleibt,

wenn die nationale Empörung abebbt und der Alltag wieder einkehrt: Einerseits der hohe Benzinpreis, der die freie Fahrt des freien Amerikaners tatsächlich einschränkt. Dieser Schaden am American way of life zählt. Andererseits das Geschäft. Es geht weiter: Versicherungen besichtigen die Schäden, die der Sturm in ihren Bilanzen angerichtet hat – eindeutig nachteilig scheinen die aber gar nicht zu sein:

„Allerdings berichtet das ‚Wall Street Journal‘, dass die Aktienkurse britischer Versicherungskonzerne stiegen, weil sie nun mit höheren Versicherungsprämien und einem Anstieg von Neuversicherungen rechnen.“ (FAZ.net.de, 13.9.) Das angekündigte Aufbauprogramm zeigt auch schon erste Erfolge: „In der Erwartung, dass vor allem Baufirmen profitieren, stiegen die Aktien dieser Firmen bereits am vergangenen Freitag an der Wall Street. ‚Der Wiederaufbau in der Region am Golf von Mexiko könnte Tausende neue Arbeitsplätze bringen, was sich positiv auf Firmengewinne, die Wirtschaft insgesamt und die Märkte auswirken könnte‘, hieß es von der Investmentfirma FTN Financial. Bislang hatten sich bei Naturkatastrophen in den USA Schäden und Wachstumseffekte stets in etwa die Waage gehalten.“ (SZ, 5.9.)

Dank der Regierungsmilliarden und der niedrigen Löhne da unten winken den Baukapitalisten satte Gewinne. Und ein Skandal wird erst dann wieder daraus, wenn die kritische Öffentlichkeit bei der Vergabe an Halliburton et al. politische Vetternwirtschaft entdeckt.


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